Rationalität: Europäische Herkunft, globale Geltung – von Johannes Weiß

Max Weber wäre am 21. April die­sen Jah­res 154 Jah­re alt gewor­den. Wer war die­ser ein­fluss­rei­che Den­ker, der uns als Jurist, Natio­nal­öko­nom und Sozio­lo­ge beschäf­tigt? Sei­ne For­schun­gen zur Eigen­art und Ent­wick­lung unse­res euro­päi­schen Kul­tur­krei­ses, erstaun­ten mit der bana­len und doch tief­grei­fen­den Erkennt­nis, dass wir die Idee einer spe­zi­fi­schen Ratio­na­li­tät in die Welt gebracht haben: Eines Ratio­na­lis­mus, der mitt­ler­wei­le welt­weit in allen büro­kra­ti­schen Ver­fas­sungs­staa­ten, der Wis­sen­schaft, der Musik und auch im kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaf­ten zu fin­den ist.

 

Rationalität

Europäische Herkunft, globale Geltung

Von Johan­nes Weiß

 

Wor­in liegt die welt­ge­schicht­li­che Bedeu­tung Euro­pas? Wenn man auf die­se Fra­ge eine Ant­wort sucht, kommt man um den His­to­ri­ker, Öko­no­men und Sozio­lo­gen Max Weber (1864–1920) nicht her­um. Eine sei­ner zen­tra­len Fra­gen lau­tet: Wie erklärt es sich, dass bestimm­te Kul­tur­er­schei­nun­gen, die unter sehr beson­de­ren Bedin­gun­gen in Euro­pa auf­ge­kom­men waren, es nicht nur zu welt­wei­ter Ver­brei­tung, son­dern auch zu (fast) all­ge­mei­ner Gel­tung gebracht haben? Flug­hä­fen, Ein­kaufs­zen­tren oder Uni­ver­si­tä­ten, aber auch Ver­wal­tungs­ap­pa­ra­te, demo­kra­ti­sches Gedan­ken­gut, media­le Auf­klä­rung und effi­zi­en­te Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on sind längst zu glo­ba­len Gege­ben­hei­ten gewor­den. Dies bloß mit der Durch­set­zung öko­no­mi­scher und poli­tisch-mili­tä­ri­scher Inter­es­sen zu erklä­ren, reicht nicht aus.

 

1. Das Pro­blem

Uni­ver­sal­ge­schicht­li­che Pro­ble­me wird der Sohn der moder­nen euro­päi­schen Kul­tur­welt unver­meid­li­cher- und berech­tig­ter­wei­se unter der Fra­ge­stel­lung behan­deln: wel­che Ver­ket­tung von Umstän­den hat dazu geführt, daß gera­de auf dem Boden des Okzi­dents, und nur hier, Kul­tur­er­schei­nun­gen auf­tra­ten, wel­che doch – wie wenigs­tens wir uns gern vor­stel­len – in einer Ent­wick­lungs­rich­tung von uni­ver­sel­ler Bedeu­tung und Gül­tig­keit lagen“ (Max Weber 1947, 1)?

Johan­nes Weiß ist Pro­fes­sor für Sozio­lo­gi­sche Theo­rie und Phi­lo­so­phie der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und der­zeit asso­zi­ier­ter Gast­for­scher des Max-Weber-Kol­legs für sozi­al- und kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en der Uni­ver­si­tät Erfurt.

Der Satz ist bekannt und viel zitiert. Aber ist auch hin­rei­chend geklärt, was er besagt und was wir heu­te davon zu hal­ten haben? Der Phi­lo­soph Jür­gen Haber­mas spricht in sei­nem Buch Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns von der „vor­sich­tig uni­ver­sa­lis­ti­schen Posi­ti­on“ Max Webers, die in die­sem Satz und den nach­fol­gen­den Erläu­te­run­gen zum Aus­druck kom­me. „Vor­sich­tig“ ist Webers Posi­ti­on tat­säch­lich, weil er die „uni­ver­sel­le Bedeu­tung und Gül­tig­keit“ der gemein­ten „Ent­wick­lungs­rich­tung“ nicht gera­de­hin behaup­tet und auch nicht, nicht ein­mal ansatz­wei­se, begrün­det, son­dern einem Vor­stel­lungs­kom­plex zurech­net, der „uns“, das heißt wohl: uns Euro­pä­ern, ange­nehm ist.

Aber unbe­zwei­fel­bar ist doch, dass die Fra­ge nach der beson­de­ren, ja sin­gu­lä­ren „Ver­ket­tung von Umstän­den“, die bestimm­te „Kul­tur­er­schei­nun­gen“ her­vor­ge­bracht hat, für jeden (wie für jeden „Sohn der moder­nen euro­päi­schen Kul­tur­welt“) nur des­halb so außer­or­dent­lich dring­lich ist, weil sich mit die­sen Kul­tur­er­schei­nun­gen nicht nur ein uni­ver­sel­ler Anspruch, son­dern auch eine nach­weis­ba­re uni­ver­sel­le, das heißt glo­ba­le Wirk­sam­keit ver­bin­det.

Im Übri­gen sagt Weber sehr deut­lich, was die von ihm im Ein­zel­nen genann­ten Kul­tur­er­schei­nun­gen, von der Wis­sen­schaft bis zum moder­nen Kapi­ta­lis­mus und Sozia­lis­mus, gemein­sam haben, was es also nahe­legt, sie in eine bestimm­te „Ent­wick­lungs­rich­tung“ ein­zu­ord­nen: ein „spe­zi­fisch gear­te­ter ‚Ratio­na­lis­mus’ der okzi­den­ta­len Kul­tur“ (Max Weber 1947, 11).

Aller­dings hebt Weber hier wie auch sonst her­vor, wie viel­deu­tig der Begriff der Ratio­na­li­tät ist: Was von einem der „höchst ver­schie­de­nen Gesichts­punk­te und Ziel­rich­tun­gen“ ratio­nal sei, kön­ne, aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve betrach­tet, durch­aus irra­tio­nal sein. Des­halb sei es von höchs­ter Wich­tig­keit „die beson­de­re Eigen­art des okzi­den­ta­len und, inner­halb die­ses, des moder­nen okzi­den­ta­len, Ratio­na­lis­mus zu erken­nen und in ihrer Ent­ste­hung zu erklä­ren“ (Max Weber 1947, 12).

Mit der Eigen­art der beson­de­ren Bedin­gun­gen, unter denen die­ser spe­zi­el­le Ratio­na­lis­mus in eini­gen sei­ner Aus­prä­gun­gen ent­ste­hen und sich ent­fal­ten konn­te, hat Weber sich ein­ge­hend beschäf­tigt. Nir­gend­wo aber hat er sich der – davon streng zu tren­nen­den – Auf­ga­be unter­zo­gen, die­sen Ratio­na­lis­mus selbst in sei­ner Eigen­art zu bestim­men und zu erläu­tern. Weil er aber eine zwar vor­sich­ti­ge, aber doch vor­sich­tig uni­ver­sa­lis­ti­sche Posi­ti­on ein­nahm, wird man das Spe­zi­fi­sche des „spe­zi­fisch gear­te­ten Ratio­na­lis­mus der okzi­den­ta­len Kul­tur“ para­do­xer­wei­se gera­de in sei­nem uni­ver­sel­len oder, wie­der vor­sich­ti­ger, uni­ver­sa­li­sier­ba­ren Cha­rak­ter zu suchen haben.

Nur wenn man nicht zwi­schen dem his­to­risch spe­zi­fi­schen Kon­text der Ent­ste­hung und dem glo­ba­len Kon­text der Gel­tung und Wir­kung einer „Kul­tur­er­schei­nung“ unter­schei­det, kann man den Erfolg des moder­nen („okzi­den­ta­len“) Kapi­ta­lis­mus in asia­ti­schen Gesell­schaf­ten gegen die soge­nann­te „Weber-The­se“ ins Feld füh­ren.

 

2. Ratio­na­li­tät als Kom­mu­ni­ka­bi­li­tät

Nicht irgend­ein Inter­pret, schon gar nicht Jür­gen Haber­mas, son­dern Max Weber selbst hat gele­gent­lich die Bedeu­tung von „Ratio­na­li­tät“ in einem sehr ele­men­ta­ren Sin­ne mit „Kom­mu­ni­ka­bi­li­tät“ zusam­men­ge­bracht. „Ratio­nal“ wird dem­nach etwas (eine Behaup­tung oder Erklä­rung, eine nor­ma­ti­ve Erwar­tung, aber auch eine Insti­tu­ti­on) in dem Maße genannt, in dem es fak­tisch inter­sub­jek­tiv ver­ständ­lich und in sei­ner Begrün­dung nach­voll­zieh­bar ist. Ein Höchst­maß an Ratio­na­li­tät ist, so gese­hen, dann gege­ben, wenn etwas in sei­nem Sinn und in sei­ner Begrün­dung als all­ge­mein ver­ständ­lich gilt und des­halb auch mit all­ge­mei­ner Zustim­mung rech­nen kann.

Ein Höchst­maß an Ratio­na­li­tät ist dann gege­ben, wenn etwas in sei­nem Sinn und in sei­ner Begrün­dung als all­ge­mein ver­ständ­lich gilt und des­halb auch mit all­ge­mei­ner Zustim­mung rech­nen kann.

Der spe­zi­fi­sche Ratio­na­lis­mus der von Weber genann­ten Schöp­fun­gen der okzi­den­ta­len, ins­be­son­de­re moder­nen Kul­tur scheint mir nun genau dar­in zu lie­gen, dass ihnen nicht nur ein beson­ders hohes Maß an „Kom­mu­ni­ka­bi­li­tät“ eig­net, son­dern dass sie sich mit gro­ßem Erfolg als Medi­en einer glo­ba­len Kom­mu­ni­ka­ti­on eta­bliert haben. Wenn, wie der Sozio­lo­ge Niklas Luh­mann (1927–1998) sagt, die Gren­zen einer Gesell­schaft durch die Gren­zen der „kom­mu­ni­ka­ti­ven Erreich­bar­keit“ defi­niert wer­den, dann haben sich die­se Gren­zen in der „Welt­ge­sell­schaft“ so aus­ge­wei­tet, dass, jeden­falls im Prin­zip, alle Men­schen, und zwar als Men­schen, in einen ein­zi­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hang ein­be­zo­gen, „inklu­diert“ sind – jeden­falls als Sub­jek­te und Objek­te der Wis­sen­schaft und der Tech­nik, der (kapi­ta­lis­ti­schen) Öko­no­mie und einer auf uni­ver­sa­lis­ti­schen Prin­zi­pi­en grün­den­den Ord­nung der Moral und des Rechts (respek­ti­ve der Poli­tik). Und die­ser Pro­zess einer glo­ba­len Inklu­si­on ist, so scheint es, dadurch cha­rak­te­ri­siert, dass er sich nicht nur fak­tisch – etwa als Fol­ge öko­no­mi­scher oder poli­tisch-mili­tä­ri­scher Macht­kon­stel­la­tio­nen – voll­zieht, son­dern von star­ken, womög­lich kon­kur­renz­lo­sen Begrün­dun­gen unter­stützt und vor­an­ge­trie­ben wird, sodass ihm nicht nur de fac­to, son­dern auch de jure (von Rechts wegen) eine „uni­ver­sa­le Bedeu­tung und Gül­tig­keit“ zuge­schrie­ben wird bezie­hungs­wei­se zuge­schrie­ben wer­den kann.

 

3. Glo­ba­le Ver­brei­tung ver­sus uni­ver­sel­le Gel­tung

Eine an Weber anschlie­ßen­de, „vor­sich­tig uni­ver­sa­lis­ti­sche Posi­ti­on“ steht und fällt mit der Mög­lich­keit, begriff­lich und in der Sache zwi­schen der Glo­ba­li­sie­rung als fac­tum bru­tum (blo­ßer Tat­sa­che) und einer Uni­ver­sa­li­sie­rung zu unter­schei­den, die „gute Grün­de“ auf ihrer Sei­te hat. Und „gut“ wären genau sol­che Grün­de, die nichts vor­aus­set­zen als das, was bei allen Men­schen (als Men­schen) vor­zu­fin­den oder allen Men­schen zuzu­schrei­ben ist. Genau die­se Über­le­gung hat­te den eng­li­schen Phi­lo­so­phen Tho­mas Hob­bes (1588–1679) bei sei­ner Kon­struk­ti­on des Levia­than gelei­tet, und das erklärt, war­um sei­ne Kon­struk­ti­on bis auf den heu­ti­gen Tag den Mini­mal­kon­sens im moder­nen Staats­den­ken sichert.

Das heu­te übli­che Ver­ständ­nis von „Glo­ba­li­sie­rung“ über­spielt die­se not­wen­di­ge Dif­fe­ren­zie­rung eben­so wie die vor­her­ge­hen­de Rede von „Euro­päi­sie­rung“ oder „Ver­west­li­chung“ und die neue­re Kri­tik der
„Ame­ri­ka­ni­sie­rung“. Durch­ge­hend bleibt genau die Fra­ge aus­ge­blen­det, die Weber beun­ru­hig­te und beweg­te: Wie kann eine kul­tu­rel­le Schöp­fung, die, wie alle übri­gen, nur unter beson­de­ren, ja sin­gu­lä­ren Bedin­gun­gen in die Welt zu kom­men ver­moch­te, eine „Bedeu­tung und Gül­tig­keit“ gewin­nen, wel­che von allen beson­de­ren Bedin­gun­gen unab­hän­gig ist? Für die Geschicht­s­te­leo­lo­gi­en (gr. telos = Ziel, Zweck, Sinn) des 18. und 19. Jahr­hun­derts war, wie für ihre theo­lo­gi­schen Vor­gän­ger und Mus­ter, die­se Fra­ge sinn­los, weil sie allem Gesche­hen einen Ort und eine Funk­ti­on in der einen uni­ver­sa­len Geschich­te zuwie­sen. Die­se Mög­lich­keit hat­te sich für Weber erle­digt – wegen der Unab­weis­bar­keit des His­to­ris­mus und wegen der dar­über hin­aus­ge­hen­den, von Weber aus­drück­lich ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, dass es in der Geschich­te über­haupt kei­nen objek­ti­ven, also all­ge­mein ver­bind­li­chen Sinn gebe. Trotz­dem konn­te Weber sich nicht mit einer his­to­ris­ti­schen, also strikt rela­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on abfin­den, und gewiss wäre er auch mit deren neu­en post­mo­der­nen respek­ti­ve kon­struk­ti­vis­ti­schen Vari­an­ten unzu­frie­den gewe­sen.

 

Zitier­te Lite­ra­tur:

Max Weber: Gesam­mel­te Auf­sät­ze zur Reli­gi­ons­so­zio­lo­gie. Band 1, Tübin­gen: Ver­lag von J.C.B. Mohr (Sie­beck): 1947

Jür­gen Haber­mas: Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns. Band 1, Frank­furt a.M.: Suhr­kamp Ver­lag 1981

 

 

 

 

 

Die­ser Text ist erst­mals in agora42 EUROPA erschie­nen.