Cappuccinos für Senioren oder: Eines ist unsicher – die Rente!

Cappuccinos für Senioren oder:

Eines ist unsicher – die Rente!

Text: Bernd Vill­hau­er

Pho­to by Dani­el Robert on Uns­plash

 

Finan­zen – genau wie Sod­bren­nen ein lebens­lan­ges The­ma! Aber wel­che Rol­le spielt es genau in den  ver­schie­de­nen Lebens­ab­schnit­ten? Eine zu gerin­ge sagt uns die Intui­ti­on. Wahr­schein­lich soll­ten wir kurz nach dem Schul­ab­schluss unse­re Stra­te­gie fest­le­gen (für die Ren­te, nicht für das Sod­bren­nen) – ab er wer tut das außer ein  paar Lang­wei­lern?

Nor­ma­ler­wei­se geht der Bun­des­bür­ger das Pro­blem der finan­zi­el­len Vor­sor­ge für das Alter nicht an, bevor er schon die ers­ten grau­en Haa­re bekommt. Dabei gibt es doch die Gefahr der Alters­ar­mut. Aber gibt es die wirk­lich? In Deutsch­land? In Euro­pa? Und wel­che Schich­ten betrifft sie genau? Das Unwis­sen ist groß, die Angst noch grö­ßer – und dar­aus lässt sich groß­ar­tig Kapi­tal schla­gen, auch poli­ti­sches…

Sehen wir uns also die Finan­zen der Alters­vor­sor­ge ein­mal an. Moti­viert dazu hat mich Frau Mau, die mich zu nach­hal­ti­gen Pro­duk­ten für die Ren­ten­pla­nung befragt hat. Ihre Beob­ach­tun­gen hat sie im emp­feh­lens­wer­ten Online-Maga­zin „Kraut­re­por­ter“ gesam­melt.

Bernd Vill­hau­er ist Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts und Autor der Kolum­ne “Finanz und Ele­ganz”.

Für die­sen Blog hier wer­den natür­lich der Akti­en­an­teil und der Finanz­markt eine Rol­le spie­len, aber vor­her wol­len wir ein paar Wor­te über das grund­sätz­li­che Modell ver­lie­ren. Die „Sen­dung mit der Maus“ behan­delt das ja eher sel­ten. Das fällt mir jetzt erst auf: Wann wer­den jemals Finanz­fra­gen von der Maus in den Blick genom­men? Wie zah­len Ele­fant und Ente ihre Rol­ler? Ich jeden­falls habe noch nie einen der wun­der­ba­ren Erklär­fil­me zum The­ma Bau­spar­ver­trä­ge oder Geld­au­to­ma­ten gese­hen, von Wert­pa­pie­ren oder dem Gold­stan­dard ganz schwei­gen. Laser-Holo­gram­me, Skate­boards, Kon­ser­ven­fisch und Satel­li­ten ja – aber Geld? Dazu schweigt das Flagg­schiff des Info­tain­ments im deut­schen Kin­der­fern­se­hen. Was sagt uns das über „finan­ci­al liter­acy“?

 

Das Umlagesystem

Aber zurück zur Ren­te. In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land haben wir das Umla­ge­sys­tem. Das bedeu­tet, dass die jetzt berufs­tä­ti­gen Per­so­nen einen Teil ihres Ein­kom­mens abge­ben und dar­aus die Ren­ten bezahlt wer­den. Na ja, theo­re­tisch jeden­falls. De fac­to wur­den immer wie­der in schwie­ri­gen Zei­ten Gel­der aus dem all­ge­mei­nen Topf Bun­des­haus­halt zuge­schos­sen, aber in Zei­ten der Pro­spe­ri­tät hat man sich dann auch groß­zü­gig aus dem Ren­ten­topf bedient. Eine Rück­la­ge jeden­falls, ein Fonds für die Bezah­lung von Ren­ten in Zei­ten ohne ent­spre­chen­de Ein­künf­te, wur­de nicht geschaf­fen. Die steu­er­pflich­ti­gen Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer erwirt­schaf­ten die Ren­ten­zah­lun­gen – wes­we­gen es auch nicht ganz unwich­tig ist, wie das zah­len­mä­ßi­ge Ver­hält­nis zwi­schen der steu­er­zah­len­den und der ren­ten­emp­fan­gen­den Grup­pe ist… Der demo­gra­phi­sche Wan­del, der dafür sorgt, dass all­zu­bald vie­le Alte weni­gen Jun­gen gegen­über­ste­hen, hat mas­si­ve Aus­wir­kun­gen auf die Zah­lungs­fä­hig­keit des Ren­ten­sys­tems. Des­we­gen wird der rüh­ren­de Auf­tritt eines pro­pe­ren Arbeits­mi­nis­ters Blüm 1986 („Denn eins ist sicher: die Ren­te“) so ger­ne hämisch kom­men­tiert.

 

Betriebliche Rente und private Vorsorge

Da eben das nur auf Umla­gen basie­ren­de Ren­ten­mo­dell ver­mut­lich gar nicht so sicher ist, wer­den zwei wei­te­re Säu­len für das Ren­ten­mo­dell vor­ge­schla­gen: betrieb­li­che Ren­te und pri­va­te Vor­sor­ge. Wer nun einen zar­ten Geruch nach Käse-Fon­due wahr­zu­neh­men glaubt, der liegt nicht ganz falsch: die Schweiz ist auch hier (wie so oft) das Sehn­suchts­land. In der Eid­ge­nos­sen­schaft gibt es zur staat­li­chen Grund­ren­te, die vor allem vor ech­ter Armut schüt­zen soll, Maß­nah­men zur betrieb­li­chen Vor­sor­ge sowie eine Unter­stüt­zung für pri­va­te Spar- und Anla­ge-Akti­vi­tä­ten. „Drei-Säu­len-Modell“ wird das genannt und manch­mal mit einem Heiß­ge­tränk in Ver­bin­dung gebracht: „Cap­puc­ci­no-Modell“ (wobei der Espres­so für die Sockel­ren­te, die auf­ge­schäum­te Milch für die betrieb­li­che Ver­si­che­rung und das Sah­ne­häub­chen für die pri­va­te Vor­sor­ge steht). Beson­ders christ­li­che Sozi­al­ver­bän­de machen sich für die­se Lösung stark und for­dern den Cap­puc­ci­no für Senio­ren.

Wenn wir das Ele­ment der pri­va­ten Vor­sor­ge genau­er anschau­en, dann bekom­men wir hier den ele­gan­ten Über­gang von der staat­li­chen zur indi­vi­du­el­len Per­spek­ti­ve hin. Aller­dings soll­ten wir uns davor hüten, die eine gegen die ande­re aus­zu­spie­len. Ein soli­da­ri­sches Ren­ten­sys­tem, bei dem mit gemein­schaft­li­chen Ein­zah­lun­gen letz­ten Endes für alle gesorgt wird, lässt sich durch­aus mit akti­ver Indi­vi­du­al­vor­sor­ge und Eigen­in­itia­ti­ve ver­bin­den. Bis­lang haben alle Län­der, die ein­sei­tig nur den einen Weg gehen woll­ten, dafür einen Preis zah­len müs­sen: ent­we­der mit einer Gesell­schaft, in der die sozia­len Kon­flik­te zuneh­men und die Bin­dungs­kräf­te zer­stört wer­den – oder mit einem sich als all­mäch­tig gebähr­den­den Staat, der für alles zustän­dig sein will, die Eigen­in­itia­ti­ve lähmt und am Ende für nichts mehr Geld hat.

 

Das Mischsystem

Wenn wir das Lob des Misch­sys­tem sin­gen (und dafür gibt es vie­le Grün­de), dann dür­fen wir auch den Appell wie­der­ho­len, der aus der Finanz­bran­che schon lan­ge erschallt: „Deut­sche, kauft Akti­en!“ Es dür­fen auch Fonds, beson­ders ETFs im Rah­men von Spar­plä­nen sein – aber kop­pelt Euch nicht ab von den Akti­en­märk­ten, die einen wich­ti­gen Bei­trag zu Eurer Alters­vor­sor­ge leis­ten kön­nen. Und je lang­fris­ti­ger Ihr denkt, des­to unbe­denk­li­cher wird das Gan­ze. Bei einem 30-jährigen Anla­ge­zeit­raum zum Bei­spiel beträgt auch die gerings­te Ren­di­te von Fondssparplänen über vier Pro­zent jähr­lich (und dabei sind alle Kos­ten und Auf­schlä­ge berück­sich­tigt!). Wer nicht kurz­fris­tig spe­ku­liert, son­dern lang­fris­tig spart, anlegt und inves­tiert – der kann kaum ver­lie­ren. Das gilt natür­lich nur, wenn uns nicht das gan­ze Sys­tem um die Ohren fliegt. Aber dazu an ande­rer Stel­le mehr…

Wer nicht kurz­fris­tig spe­ku­liert, son­dern lang­fris­tig spart, anlegt und inves­tiert – der kann kaum ver­lie­ren. Das gilt natür­lich nur, wenn uns nicht das gan­ze Sys­tem um die Ohren fliegt.

Alters­vor­sor­ge muss auf meh­re­ren Ebe­nen gedacht wer­den — auch auf der, wie wir in einer vom Kli­ma­wan­del und fort­schrei­ten­der Umwelt­zer­stö­rung gebeu­tel­ten Welt noch unse­re Ren­te ver­zeh­ren wol­len. Auch die­se Dimen­si­on soll­te sich im Vor­sor­ge­ver­hal­ten wie­der­fin­den.

Ver­trau­en wir einen Augen­blick der Weis­heit der Ober­flä­chen und wer­fen wir einen Blick auf die Wer­bung für Anla­gen und Wert­erhal­te: da sehen wir alte Bäu­me, unbe­rühr­te Natur­land­schaf­ten, aber auch gepfleg­te Park­flä­chen, vie­le Berg­se­en, gele­gent­lich mal älte­re Herr­schaf­ten, die ihren Nach­kom­men teu­re Uhren zei­gen oder mit ihnen vor einem Pre­mi­um-Old­ti­mer ste­hen. In der Welt der Wer­bung hin­ter­las­sen wir neben einem prall gefüll­ten Bank­kon­to, dem Feri­en­haus an der meck­len­bur­gi­schen Seen­plat­te und diver­sen Vin­ta­ge-Kost­bar­kei­ten eine gepfleg­te und gesun­de Welt, Natur und Kul­tur in vor­zeig­ba­rem Zustand. Dass das nicht den Rea­li­tä­ten ent­spricht, das muss ich kei­nem sagen, der nicht den Nach­na­men Trump trägt.

Es ist nicht gut bestellt um das Fort­le­ben von Pflan­zen-, Tier-, und Men­schen­welt. Daher ist eine ech­te Vor­sor­ge eine, die nach­hal­ti­ge Finanz­pro­duk­te ernst nimmt. Es wäre doch ver­rückt, wenn wir die eige­ne Zukunft sichern mit Anla­gen, die die Zukunft aller bedro­hen. Dann lie­ber den Markt für die nach­hal­ti­gen Geld­an­la­gen gut scan­nen. Dass es um deren Ren­di­te oft sehr gut bestellt ist, zei­gen die ver­schie­de­nen Nach­hal­tig­keits­fonds.

Dar­über könn­te die „Sen­dung mit der Maus“ auch ein­mal etwas brin­gen.

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 15.10.2018

 

 

 

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

wbernhardt