“Gestatten, Müll!” – Der lange Schatten des Menschen

 
 
 
 
 

“Gestatten, Müll”

Der lange Schatten des Menschen

von Christian Unverzagt

 

 

 

 

Nachdem der Mensch sich aufgerichtet und somit beide Hände frei hatte, begann er Dinge wegzuwerfen: Bananenschalen, abgenagte Knochen, abgenutzte Faustkeile, zerbrochene Pfeilspitzen. Der Müll folgte dem Menschen wie ein treuer Gefährte. Wo immer er kampierte und Feuer machte, ließ der Mensch ihn wieder zurück. Aber nie wurde er ihn auf Dauer los. Manches verrottete, anderes blieb Jahre und Jahrtausende erhalten, sodass die Archäologie, die durch die Erde hindurch zurück in die Vergangenheit blickt, die ersten Spuren des Menschen in seinem Müll entdeckte. Noch bevor er Felswände bemalte, Gräber aushob oder sich gar zum Bau von aufwendigen Palästen anhalten ließ, machte der Mensch Müll.

 

Schon früh war Müll zweierlei: das Unbrauchbare und das Unreine. Letzteres bedeutet, dass der Mensch sich nicht nur aus Platzgründen von seinem Müll trennen musste. Lange Zeit waren es vor allem Religionen, die Gebote zur Reinhaltung und Reinigung erließen. Sie konnten nicht ein für alle Male erfüllt werden, denn Abfall ist das, was permanent anfällt. So auch die Reinigung von ihm. Rhythmisch wie das Ein- und Ausatmen muss sie sich wiederholen. Der Mensch lebt im Rhythmus von Müll machen und Müll entsorgen. Während sich Hygienemaßnahmen gegen das Unreine allmählich von der Religion lösten, wurde die Entsorgungstechnik immer wichtiger. Als Menschen sich in Siedlungen und schließlich Städten ansammelten, zeigte auch der Müll – wie ein Double des Menschen – seinen Hang zur Ansammlung, der sich noch heute an jeder wilden Müllkippe beobachten lässt. Der Müll forderte seine Infrastruktur, die mit den Städten wuchs: Müllhaufen wurden ausgelagert, sortiert, kompostiert, deponiert, verbrannt, dann wurden Straßen gepflastert und regelmäßig gereinigt, Kloaken wurden angelegt etc. Wie ein länger und länger werdender Schatten begleitete der Müll den Menschen.

 

Das katastrophische Auftauchen des Mülls

Christian Unverzagt ist Philosoph und lebt als freier Autor wissenschaftlicher, essayistischer und belletristischer Schriften in Heidelberg. 1991 veröffentlichte er zusammen mit Volker Grassmuck Das Müll-System. Eine metarealistische Bestandsaufnahme. Seither hat er sich dem Thema in verschiedenen Aufsätzen und Vorträgen gewidmet. Weitere Schriften von ihm finden Sie auf seiner Homepage.

Die Geschichte des Mülls verläuft jedoch nicht linear. Müll will vergessen werden. Er ist das Nicht-Thema schlechthin. Das erfordert immer wieder Bewusstseinssprünge, die durch Skandale erzwungen werden. Eine Konstante in der Geschichte des Mülls ist sein katastrophisches Auftauchen. Im Jahre 1185 ließ der französische König Philipp II. die wichtigsten Straßen von Paris pflastern, nachdem er durch aufsteigendes Faulgas einen Ohnmachtsanfall erlitten hatte. An anderen Orten und zu anderen Zeiten waren es Pest und Cholera, die den Stadtbewohnern die Notwendigkeit einer organisierten Müllentsorgung erneut vor Augen führten. Im 20. Jahrhundert wurde der Fortschrittsoptimismus der Industriegesellschaft zum ersten Mal in den 60er-Jahren mit dem Hinweis auf die Begrenztheit ihrer Ressourcen gedemütigt. Noch bevor man daran dachte, dass eines Tages das Erdöl ausgehen könnte, war der Raum für den Abfall knapp geworden. Deponien waren überfüllt, überall entstanden wilde Müllkippen – und mit ihnen Gefahr für Leib und Leben der Bevölkerung.

Massenproduktion und Massenkonsum unter dem Vorzeichen unbedingten Wachstums hinterließen ihre Spuren. Mit dem rein quantitativen Anwachsen des Müllbergs ging aber noch eine andere Gefahr einher: Die Industriegesellschaft hatte die Stoffzusammensetzung der Dinge verändert. Noch vor den großen Unfällen von Seveso (1976) und Tschernobyl (1986) drangen durch lokale Skandale Botschaften einer neuen Gefahr ins gesellschaftliche Bewusstsein. Konnte in vorindustrieller Zeit der ausgelagerte Müll als verschwindendes Phänomen behandelt werden, so war er nun zur problematischen Materie geworden. Der Müll erschien plötzlich als unbezähmbares Ungeheuer, das den Lebensraum des Menschen bedrohte, als giftige Hydra, der zwei Häupter nachwachsen, wenn man ihr eines abschlägt.

 

Vermeiden – Verwerten – Verschwindenlassen

Der Mensch nahm den Kampf auf. Gegen den Müll, den er zunächst als Feind behandelte, besann er sich auf Strategien – die zwar nicht wirklich neu waren, aber neu entdeckt, erneuert und neu angewendet wurden.

Das Nächstliegende schien zu sein, Müll einfach zu vermeiden. Allerdings enthüllte die Idee der Müllvermeidung auf den zweiten Blick, dass sie genauso groß wie unrealistisch ist. Diese Idee, heute als Textbaustein unverzichtbar, liefe bei ihrer Realisierung auf ein Vermeiden der Industriegesellschaft selbst hinaus. Diese Einsicht führte zu der Erkenntnis, dass der Müll, der eben noch als Feind des Menschen identifiziert worden war, plötzlich als sein Alter Ego erschien. Bei der Vorstellung eines Lebens ohne Müll entdeckte der Mensch, dass jener zu seiner Würde gehört. Bedeutet nicht: mehr Müll = mehr Mensch? Die australischen Ureinwohner hatten außer einfachen Grabstöcken und Bumerangs kaum Dinge, entsprechend kaum Müll. Sie waren der Meinung, dass die Dinge irgendwann Besitz von den Menschen ergreifen würden; die Industriegesellschaft ist es nicht. Es kann also nur um eine Vermeidung des Mülls „im Rahmen des Möglichen und Machbaren“ gehen. Dieser Rahmen lässt zurzeit am Industriestandort Deutschland jährlich rund 385 Millionen Tonnen Müll zu.

Die Einsicht, dass man den Müll nicht vermeiden kann, weil er zur Conditio humana gehört, kann als der große Augenöffner einer Epoche betrachtet werden, die durch ökologische Erkenntnisse in tiefe Selbstzweifel gestürzt worden war. Auf einmal taten sich versöhnliche Perspektiven auf. War der Kampf mit dem Müll nicht ein Bruderkampf mit Hoffnung auf Befriedung? Es ist doch eine Welt, in der wir leben eine Erde, der wir alle – Mensch und Dinge – entstammen. Dieser Gedanke stand Pate bei der Lieblingsidee der Epoche, dem Recycling. Der Traum: dass sich alles wiederverwerten lässt; dass mithilfe der Technik es an uns ist, die Materie als Müll oder als Rohstoff zu definieren; dass sich ein Kreislauf von Ver- und Entsorgung schließen lässt.

 

 

Aber: Zum einen blieben zu viele Produkte durch ihre Stoffzusammensetzung von der Möglichkeit des Recyclings ausgeschlossen. Zum andern sind mit dem Recycling Kosten und ein erneutes Müllaufkommen verbunden, bei unter Umständen leicht degenerierten Produkten.

So sammelt sich der Müll weiter an. Ließen sich die in Deutschland produzierten 385 Millionen Müll-Tonnen in große Fässer verpacken, reichten sie mehrfach um den Äquator. Dafür aber ist der Äquator nicht gedacht. Die Menge muss reduziert werden, und für den Rest müssen andere Orte gefunden werden. Müllverbrennungsanlagen (MVAs) und Deponien sollen in der strategischen Aufstellung gegen den Müll wie zwei Backen einer Zange zusammenwirken.

Müll-Verbrennung gab es schon in der Steinzeit. Bereits damals setzte man periodisch Müllhalden in Brand, wahrscheinlich weniger, um ihr Volumen zu reduzieren, als mehr, um der Geruchsbelästigung und der Ungezieferplage Herr zu werden. Die erste moderne MVA wurde 1870 in England (Paddington) in Betrieb genommen. Richtig in Gang kam die Müllverbrennung aber erst mit der Konsumgesellschaft. 1971 waren es in Westdeutschland schon 30 MVAs, im Jahr 1981 dann 42. Im Jahr 2008 hatte man auf 71 erhöht. Wie kam es zu diesem Boom? Durch heutige MVAs lässt sich 1. die beim Verbrennungsvorgang freigesetzte Energie in Strom oder Heizwärme umsetzen; 2. wird durch die Verbrennung eine Volumenreduktion des Mülls auf 30 Prozent, manchmal sogar auf bis zu 10 Prozent erreicht.

Jedoch: Die Schadstoffbilanz des Mülls enthüllt bei näherer Betrachtung ein ihm eigenes Verlagerungsgesetz. Während das Fortschrittsdenken eine unaufhaltsame Perfektionierung nicht nur der industriellen Produktions-, sondern auch der Müllentsorgungstechniken sieht, verlagert der Müll hartnäckig die eben noch technisch scheinbar gelösten Probleme. Eine MVA ist ein chemischer Reaktor, in dem Stoffe nicht einfach vernichtet, sondern umgesetzt werden. Das Transformationselement Feuer setzt den Müll in das Transportelement Luft um. Bei der Verbrennung werden Substanzen freigesetzt und es entstehen neue Verbindungen – bisher in ihrer Gefährlichkeit noch nicht gekannte Stoffe. Die vermeintliche Beseitigung des Mülls verunreinigt die Elemente. Elementar geworden, wird er zum Allesdurchdringer. Was sich nicht „in Luft auflöst“ – von Rauchgasreinigungsanlagen abgefangen und zu Rest- und Festmüll kondensiert –, wird wieder zu Erde, nun aber zu hochgiftiger.

Auch die Deponierung von Müll gab es bereits in der Steinzeit. Das waren mehr oder weniger wilde Müllkippen, wie wir heute sagen würden, noch keine geordneten Deponien. Das änderte sich in Deutschland erst in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts (!). Davor kippte man den Müll einfach außerhalb der Städte in Ton- oder Kiesgruben, alte Steinbrüche, Sümpfe, Moore oder was einem sonst als passender Ort erschien. Inzwischen ist man nicht nur von diesen Orten abgekommen, die Grundidee der Deponie scheint der Realität des Mülls nicht mehr stand zu halten. Eigentlich war die Deponie als Ort für dessen Wegsein gedacht. Doch genauso wie die MVA ist die Deponie immer auch Ausgangspunkt für die Elementarwerdung des Mülls. Nichts verschwindet durch die Lagerung, nichts bleibt für immer ausgeschieden. Die im Müll gebundenen Stoffe lassen sich weder in Lagern vernichten noch dauerhaft speichern. Sie entweichen aus der Erde als Gase in die Luft, sie sickern in Richtung Grundwasser ab. Am Ende steht ein Traum: der vom Endlager. Der Rest der Reste landet in der unterirdischen Hochsicherheitsdeponie, wo er definitiv aus der Welt des Menschen verbannt und von allem Einfluss auf das irdische Leben abgeschottet werden soll. De facto handelt es sich, da die Erde keine abgeschotteten Räume kennt, immer nur um ein durch Sprachmüll aufgerüstetes Zwischenlager.

 

 

Der Zwischenlager gibt es viele. Noch im Giftmüllzeitalter baut man auf die Zauberkraft des Meeres, um Dinge verschwinden zu lassen – obwohl wir wissen, dass alles auch wieder auftaucht: in Form von Algenblüten, Robbensterben und über die Nahrungsmittelkette als Erkrankungen und schleichende Erbgutveränderungen an Land. Hundert- und Aberhunderttausende Tonnen von Giftmüllfässern, rostende Schiffswracks mit gefährlichen Materialien, darunter atomar betriebene oder atomar bewaffnete U-Boote etc. pp. warten auf dem Meeresgrund geduldig auf die Freisetzung ihrer Stoffe. Verschwinden lässt das Meer all das nur aus unserem Bewusstsein – bis zu seinem katastrophischen Wiederauftauchen.

Aufgetaucht ist unterdessen im Pazifik ein neuer Kontinent. Durch Hochdruck und Strömungen bedingt, gibt es auf den Meeren riesige Strudel, von denen einer im Pazifik eine Plastikinsel aus Müll in der Größe von Mitteleuropa hat entstehen lassen. Im Jahr 2008 soll diese Insel aus ca. 100 Millionen Tonnen Kunststoffmüll bestanden haben. Mittlerweile schwimmt im Meer sechsmal mehr Plastik als Plankton, was nicht nur Walen, Schildkröten und Seevögeln zum Verhängnis wird. Hinzu kommt, dass in Wasser nicht lösliches DDT und PCB sich gerne an Plastik setzt, was dort zu einer millionenfach höheren Konzentration der Dauergifte im Vergleich zum restlichen Wasser führt. Nun, irgendwo müssen die 125 Millionen Tonnen Kunststoff hin, die jedes Jahr weltweit produziert werden. Nicht alle landen beim Recycling oder in der MVA. Der Rest verschwindet irgendwo, im Nirgendwo, das überall ist.

 

Wollen wir den totalen Müll?

Dieser Artikel ist erstmals in der Ausgabe DAS UNSICHTBARE erschienen. Weitere Themen finden Sie in unserem Shop.

Auch das wäre eine Beseitigung des Mülls: dass sich sein Begriff in einer vollständig vermüllten Welt auflöste. Der Ausblick darauf wird eher woanders als daheim deutlich, zum Beispiel in China, wo der Hausmüll von fast einer Milliarde Menschen kaum getrennt oder behandelt wird; wo ca. 500 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben; wo auf einem Drittel des Territoriums die Wüsten wachsen; wo 90 Prozent der Flüsse, die Städte durchqueren, verdreckt sind; und wo in fast jeder zehnten Familie Missbildungen bei Neugeborenen vorkommen. Wenn man das, was sich mit Geld wieder gut machen lässt, berechnet, kommt man auf Zahlen, die das ganze Wirtschaftswachstum rückwirkend wieder schlucken.

Der Müll enthüllt den Reichtum der Industriegesellschaften rückwirkend als von der Zukunft „geliehen“. Eigentlich ist es, da die Zukunft nicht gefragt wurde, ein Raub – der paradoxerweise in einer „Gabe“ besteht: dem der Zukunft überlassenen Müll. Der die Welt-Substanz durchdringende Müll ist mehr als nur Materie. Er offenbart sich als Welt-Verhältnis, in dem sich ein erschreckendes Selbstverhältnis verbirgt; genauer: ein Generationenverhältnis. Die Entsorgungsgesellschaft eignet sich ihren Reichtum von ihrer Nachwelt an. Alle Umwelt-Probleme sind Probleme, die auch der Mitwelt bereitet werden, vor allem aber: der Nachwelt.

 

Die Nachwelt

Müssten wir die Nachwelt warnen? Könnten wir es? Wer wäre der Ansprechpartner in Tausenden von Jahren, wenn Atommüllbehälter oder gut versiegelte, hochgiftige Verbrennungsrückstände von Hausmüll immer noch nicht geöffnet werden dürfen? Es gab noch keine menschliche Kultur, kein Zeichensystem, das Informationen über Zigtausende von Jahren – Zeiträume, die industriell gefertigter Müll dauert – hätte überliefern können. Nicht nur dem Blick zurück in die Vergangenheit, sondern auch dem voraus in die Zukunft zeigt sich: Der Müll überdauert uns. Es hätte uns schon die erste archäologische Erkenntnis lehren können, dass der Müll einst an die Stelle des Menschen treten könnte.

Denkbar ist allerdings auch umgekehrt, dass der Mensch nur der evolutionäre Platzhalter des Mülls war, der uns vorübergehend für sein Eindringen in die Elemente brauchte. Wer hat am Ende wen gemacht? Das Nachsinnen über die Nachwelt macht den Müll als unseren Avatar in einer vom Geist oder auch nur unserer menschlichen Hülle verlassenen Welt denkbar. Genauso gut aber könnten wir der seine in „unserer“ geschäftigen Welt gewesen sein.

Oder aber sollte – als hätte sich mit der Gefahr auch ein Rettendes bereit gemacht – eine Nachwelt von genialen Müllverwertern den Müll nicht länger als unliebsamen Gefährten behandeln, sondern ihn als Schatz willkommen heißen? Eine Nachwelt, für die der heute noch stinkende Untergrund unserer Welt zum wertvollen Rohstoff geworden wäre.

 

Die triumphale Rückkehr des Mülls

Lebt diese geniale Nachwelt gar schon mitten unter uns? Der Fackelträger der Hoffnung, dass das Schreckgespenst Müll zum Verschwinden gebracht werden kann, ist – die Wirtschaft, der große Um- und Aufwerter. Müll ist ein Wirtschaftsgut, wie andere Dinge auch. Er erschien nur als unpassendes Material, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Die Wirtschaft, der alles, was sie anfasst, zu Gold wird, verwandelt ihn in ein passendes, mehr noch: in ein einträgliches Gut. Endlich „rechnet“ sich die Müllentsorgung wieder. Sie ist nicht der lange Schatten des Wachstums, sondern selbst ein Wachstumsfaktor. Nun ist es keine schmerzhafte Selbsterkenntnis mehr, sondern frohe Botschaft, dass die Industriegesellschaft ohne Müll gar nicht denkbar ist. Die Welt der Wirtschaft darf wieder an sich selbst als ein abgrundloses Kontinuum glauben, in dem es immer weitergeht.

Der Lauf der Dinge findet als triumphale Rückkehr des Mülls statt. Der Müll kehrt zurück und wird empfangen wie der verlorene Sohn. Als „Zeichen zunehmender europäischer Integration“ (Umweltbundesamt) wurden 2008 insgesamt mehr als 20 Millionen Tonnen Müll nach Deutschland importiert, sei es zur Deponierung, Verbrennung oder Verwertung. Auch wenn Müll heute längst nicht mehr nur das Vernutzte ist, sondern wesentlich auch das aus Prestige- oder Steuergründen zu Verschrottende (fast neue Autos, Computer, Geräte aller Art), so wird Deutschland alleine die Müllnachfrage seiner MVAs auch in Zukunft nicht bedienen können. Heute schon brauchen die deutschen MVAs zwei Millionen Tonnen mehr Müll, als in Deutschland anfallen. Für das Jahr 2020 rechnet man mit einer Überkapazität von acht Millionen Tonnen. Augenzwinkernd lässt sich daher schon wieder von einer neuen Sorge sprechen: „In Deutschland wird der Müll knapp!“ Nach dem Öko-Pessimismus der 80er-Jahre klingt das wie ein großes Aufatmen. Bald schon wird Deutschland als Müllmagnet nicht mehr nur auf Italien und die Niederlande wirken, sondern auch auf China und Indien; wegen der weltweit höchsten Entsorgungsstandards. Mit den Überkapazitäten der MVAs aber wird ein neues Modell Deutschland („Der Müllmeister“) exportfähig und es wird in naher Zukunft Konkurrenz geben. Während die einen noch als billige Methode, Sondermüll zu entsorgen, alte Computer als „Entwicklungshilfe“ in die Dritte Welt schicken, setzt parallel eine gegenläufige Bewegung ein, in der die Industrieländer um den Müll der Bevölkerungs- und daher Marktgiganten buhlen.

 

Die fatale Liaison

Der Mensch ist nicht ohne Müll und der Müll nicht ohne Mensch denkbar. Dass der Mensch mal versucht, den Müll mit allen Mitteln loszuwerden, und ihn dann wieder bei seiner Heimkehr innig umarmt, lässt an eine fatale Liaison denken. In solch schicksalhaften Beziehungen finden immer auch Selbstbegegnungen statt, aber ohne Selbsterkenntnis.

Zwei Aspekte weisen in die Richtung der nötigen Korrektur dieses Verhältnisses:

  1. Müll überdauert – auch den Menschen in seiner physischen Existenz. Als das, was seine physische Existenz überdauern sollte, hatte der Mensch schon früh seine Seele gedacht. Diese verlangt von ihm, mit sich ins Reine zu kommen. Das wiederum, so lehrt der Müll, lässt sich nicht durch den Versuch der Ausmerzung des Unreinen bewerkstelligen; nicht dadurch, dass der Mensch sich reinigt, indem er die Erde verunreinigt und sein Geschäft auf Kosten der Zukunft macht – die seine Nachwelt ist. Der Mensch muss lernen, mit seinem Müll zu leben.
  2. Müll wandelt sich – nicht nur in seiner materiellen Zusammensetzung. Zugleich wandelt sich beständig das Verhältnis des Menschen zum Müll. Während der Mensch dieses Verhältnis zu korrigieren versucht, macht ihn die materielle Verwandlung des Mülls, zum Beispiel durch MVAs, zum Gefangenen der Vergangenheit. Um die Macht der Müll-Materie zu brechen, mobilisiert der Mensch die Technik; sie aber unterliegt dem Verlagerungsgesetz und lässt die Macht des Mülls sich in stets neuem Gewand entfalten. Lernen, dem Müll keine Macht zu geben, hieße, an den Dingen vor ihrer Müllwerdung anzusetzen, das heißt, bevor sie dem Verlagerungsgesetz unterstehen.

 

Was nötig wäre, ist eine mentale Wende. Befreite sich der Mensch von seiner Besessenheit von den Dingen, so ließe auch der Müll von ihm ab und wüchse nicht mehr über ihn hinaus. Im 21. Jahrhundert steht der Mensch vor einer über-menschlichen Herausforderung: die Dinge sein zu lassen.

 

 

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Gedankenspiele: Tagebucheintrag vom 06.03.2051

GEDANKENSPIELE aus der Ausgabe 2/2017 DIGITALISIERUNG

 

06.03.2051

Liebes Tagebuch,

es ist passiert, was irgendwann passieren musste. Meine Bauchspeicheldrüse ist gehackt worden. Ich habe das künstliche Organ seit fast vier Jahren und es produziert eigentlich sehr zuverlässig Insulin. Jetzt haben sich Hacker Zugang verschafft. Wahrscheinlich haben sie eine Schwachstelle in dem Update ausgenutzt, das ich mir am Wochenende über die Kontaktlinsen eingespielt hatte. Sie drohten mit einem Unterzuckerungsschock, sollte ich nicht 100 Bitcoins auf ein britisches Konto überweisen. Und um ihre Drohung zu unterstreichen, ließen sie mich kurz bewusstlos werden. Als ich wieder zu mir kam, überwies ich umgehend die geforderte Summe. Beruhigt war ich anschließend allerdings nicht. Vielleicht würden die Hacker es in ein paar Tagen noch einmal versuchen. Rosa, mein digitaler Butler, suchte sofort nach Erfahrungsberichten in der Cloud, fand dort aber nur einige Berichte über manipulierte Herzschrittmacher. Ich zögerte trotzdem nicht und bestellte ein Robo-Taxi, um sofort ins Huashan Hospital im Stadtzentrum zu fahren. Es gilt mit seinen 50 Betten als eines der gößten und renommiertesten Krankenäuser der Stadt.

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jannek, Director Foresight Consulting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wundern, Staunen und Lachen.

Bei der Empfangsdame handelte es sich um einen sehr zuvorkommenden Service-Roboter aus unserer Manufaktur. Sie zeigte sich äußerst verständnisvoll angesichts meiner Situation und brachte mich umgehend in ein Behandlungszimmer. Der Arzt, Prof. Dr. Wat-Son, sei eine absolute Koryphäe, erklärte sie mir auf dem Weg. Er kenne alle medizinischen Publikationen und alle dokumentierten Krankenakten weltweit. Die Erfolgsquoten seiner Therapien lägen im Spitzenfeld und er veröffentlichte selbst nur in den renommiertesten Fachzeitschriften. Bei dem Arzt handelte es sich ebenfalls um einen Service-Roboter, allerdings aus einer anderen Manufaktur. Er trug einen weißen Kittel und würdigte die Empfangsdame keines Blickes. Dass Roboter Roboter diskriminierten, war mir neu. Ich hatte jedoch keine Zeit darüber nachzudenken. Stattdessen schilderte ich Dr. Wat-Son mein Anliegen. Ich wollte eine neue Bauchspeicheldrüse. Ein biologisches, kein digitales Organ. Während die Empfangsdame eine Blut- und Speichelprobe von mir nahm und ein molekulares Abbild von mir erstellte, ging ich mit Dr. Wat-Son einen Katalog mit verschiedenen Bauchspeicheldrüsen durch. Es handelte sich um kleine Gen-Anpassungen, die an meinen Stammzellen durchgeführt werden würden, bevor daraus die neuen Alpha- und Betazellen wachsen würden. Ich entschied mich für eine Variante mit verkürzten Reaktionszeiten in der Hormonausschüttung, eine Standardanpassung, nichts Besonderes. Anschließend erklärte mir Dr. Wat-Son den Eingriff. Via Endoskop würde er mir mit einem assistierenden Operationsroboter ein Formgedächtnispolymer punktgenau applizieren. Es würde sich über die nächsten Tage entfalten und ein Organgerüst bilden. Durch die Körperwärme würden zudem die auf dem Polymer sitzenden Stammzellen aktiviert, die sich teilten und das Gerüst bevölkerten. Eine Woche später ließe sich dann in einem zweiten ambulanten Eingriff das digitale Organ entfernen.

Doch aus der Operation wurde nichts. Die Empfangsdame hatte Dr. Wat-Son auf eine Unregelmäßigkeit in meinen Blutbild aufmerksam gemacht, die sich als ein Grippevirus bislang unbekannten Typs entpuppte. Irgendein Designer-Virus. Kein Hinterhof-Do-it-Yourself-Biohack mit bekannten Bausteinen. Das Virus hatte bei mir offensichtlich keinerlei Symptome ausgelöst. Aber es war nun mal da. Und für Dr. Wat-Son was es ein Grund, mich nicht zu operieren. Er wollte seine Quote nicht gefährden. Er beriet sich mit mehreren klugen Algorithmen. Sie recherchierten. Sie suchten nach Ähnlichkeiten und Analogien. Sie abstrahierten und schätzten ab. Und sie kamen zu komplett unterschiedlichen Empfehlungen. Dr. Wat-Son beriet sich mit einer Meta-KI und entwickelte schließlich eine Strategie auf Basis der verschiedenen Ratschläge. Er würde zunächst einige weiße Blutkörperchen entnehmen und manipulieren, sodass sie das Virus angriffen. Gleichzeitig würde er mir einige aktivierbare Nanobots spritzen, die Insulinüberschüsse in meinem Blut binden sollten. Die neue Bauchspeicheldrüse sollte ich dann erst in einer Woche bekommen. Ich stimmte der Therapie zu und Dr. Wat-Son nahm den Eingriff sofort vor. Zur Verabschiedung riet er mir noch, für die nächste Woche meine digitalen Kontaktlinsen und mein Hörgerät auszuschalten, um mich vor weiteren Hacks zu schützen. Durchgehalten habe ich das keine zehn Minuten. Die ungefilterte Geräuschkulisse und die schrillen Licht- und Farbeindrücke waren nicht auszuhalten. Ich versuche später noch einmal, mich der Realität zu stellen. Dann melde ich mich wieder. Versprochen!

Man kann alles irgendwie auf Digitalisierung zurückführen. Muss man aber nicht. – Interview mit Mads Pankow

agora42_DigitalisierungAnlässlich der neuen agora42 DIGITALISIERUNG haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten vom Technikphilosophen Mads Pankow:

 

Man kann alles irgendwie auf Digitalisierung zurückführen. Muss man aber nicht.

Mads Pankow im Interview

Mads Pankow

Mads Pankow über gesellschaftlichen Wandel, den Einfluss der Digitalisierung und menschliche Arbeit in einer vollautomatisierten Gesellschaft. Foto: Steven Haberland.

 

Mit Aufkommen des Internets wurde das Ende des Printjournalismus prophezeit. Warum haben Sie sich allen Unkenrufen zum Trotz auf das Wagnis eingelassen ein Printmagazin zu machen?
Ein Blick in die Geschichte der Medien verrät, dass neue Medien die alten nie ganz abgelöst haben. Im Gegenteil, häufig hat es die alten Medien von Aufgaben befreit, für die diese völlig ungeeignet waren. Die Fotografie erlöste die Malerei beispielsweise von der Last realistische Abbilder schaffen zu müssen und ermöglichte ihr somit den Weg in die abstrakte, moderne Kunst. Printmedien werden durch das Internet noch nicht zur Kunst, aber sie können sich endlich auf ihre eigentlichen Qualitäten zu besinnen. Für aktuelle Information war das träge Papier schon immer schlecht geeignet. Für gute Kuration und Redaktion, also Auswahl und Schliff von Texten sind Hefte mit einer ersten und einer letzten Seite, mit wertvollem Papier und aufwändiger Produktion bisher unersetzbar.

 

Die Epilog bezeichnet sich als Zeitschrift zur Gegenwartskultur. Gibt es noch eine relevante Entwicklung der Gegenwartskultur jenseits der digitalen Transformation?
Als Medienwissenschaftler neige ich dazu alle gesellschaftlichen Entwicklungen mittelfristig auf die jeweils kommende oder dominierende Medientechnologie zurückzuführen. Man kann also alles irgendwie auch an Digitalisierung knüpfen. Muss man aber nicht. Spannend finde ich die Veränderung von gesellschaftlichen Haltungen. Gerade glaube ich, an vielen Stellen eine Entwicklung weg zum Zynismus und Nihilismus der Jahrtausendwende hin zu einer neuen, ironisch-affirmativen Abgeklärtheit zu erkennen. Vielleicht kommt nun das, was Richard Rorty schon Ende der 80er die liberale Ironikerin nannte.

 

Big Data, Blockchain, KI und Co. geben keine Antwort darauf, wie wir in Zukunft leben wollen. Gesellschaftliche Utopien sind im Vergleich zu Technikutopien gerade Mangelware. Wie möchten Sie im technikgeprägten Zeitalter leben?
Ich denke, der Mangel an Utopien ist auch ein Produkt der Abklärung. Die Leidenschaft mit der man noch vor wenigen Jahren für naivste Ideen auf die Straßen gerannt ist, scheint angesichts der aktuellen Weltlage unangemessen. Wir haben, gerade in Deutschland, eine Entwicklung zur Realpolitik erlebt, die auf Utopien vollständig verzichten wollte. Leider hat sie übersehen, das Politik nicht nur die Verwaltung eines Staatsgebiets führen muss, sondern auch eine Bevölkerung inspirieren und zur Gemeinschaft motivieren sollte. Ich würde mir für die Zukunft so eine inspirierte Gemeinschaft wünschen, eine europäische zum Beispiel (oder Wenigstens). Die Netzwerktechnik ist da nur Steigbügelhalter.

 

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Mads Pankow ist Herausgeber der Zeitschrift für Gegenwartskultur DIE EPILOG. Er hat in Marburg, Malmö und Weimar Medien- und Organisationswissenschaft studiert und sich auf technikphilosophische und -soziologische Fragen spezialisiert.

Wir verbringen mehr Zeit vor dem Computer, als in der Natur, mehr Zeit mit virtuellem Schriftverkehr, als mit echten Gesprächen – Wie verändert uns dieses digitale Lebensumfeld?
Wenig. Der Mensch ist schon immer ein Medientier. Er lebt spätestens seit er sprechen kann in virtuellen Welten. Natürlich ertragen wir gerade eine Zeit der Überforderung: wir haben uns die neue Technologie noch nicht recht erschlossen und sind erschlagen von ihren Möglichkeiten. Aber das war stets das Schicksal der Avantgarden neuer Medien, seit Anbeginn der Menschheit. Und bisher haben wir immer einen guten und produktiven — oder wenigstens unterhaltsamen — Umgang mit jedem neuen Medium gefunden.

 

Welche Frage wird Ihrer Meinung nach viel zu selten im Rahmen der Debatte um die digitale Transformation gestellt?
„Was ist eigentlich Arbeit?“, höre ich viel zu selten. Die Technik-Dystopien zeichnen eine Zukunft, in der alle Produktivarbeit durch Maschinen erledigt wird und Menschen zu ambitionslosen Konsumenten verkommen. Diese Vorstellung vernachlässigen zum Einen das anthropologische Grundbedürfnis nach Tätigkeit und Weltveränderung und zum zweiten klammert sie den Großteil menschlicher Arbeit aus: Carework. Denn auch in einer vollautomatisierten Gesellschaft müssen Kinder erzogen, Menschen gebildet und alte gepflegt werden. Die Arbeit geht nie aus, solange es Probleme auf der Welt gibt. Und da bin ich optimistisch, davon wird es immer genug geben.

 
 
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Über blöden Komfort und falsche Helden – Wolfgang Schmidbauer

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Über blöden Komfort und falsche Helden

von Wolfgang Schmidbauer

 

Warum erkennen Menschen das Richtige, billigen es – und tun dann doch das Falsche? Diese Frage wurde viele hundert Jahre lang von Moralisten gestellt (Der römische Dichter Ovid schrieb: „Das Bessere seh ich und lob ich, Schlechterem folget das Herz.“) und bezog sich auf das Handeln von Individuen, die beispielsweise wissen, dass Ehebruch verboten ist, diese moralische Haltung auch gegenüber ihrem Partner vertreten – und dann fremd gehen. Heute beschäftigt uns angesichts des Widerspruchs zwischen gutem Wissen und schlechtem Tun weniger die Moral von Individuen als die Stabilität von Staaten, der Erhalt der Biosphäre, globale Energie- oder Schuldenkrisen.

 

Fast alle Konsumgesellschaften treiben Raubbau an der Gegenwart, verbrauchen mehr Rohstoffe und Energieträger, als nachwachsen, und zahlen die Zinsen für ihre Kredite durch neue Schulden. Wer einen kleinen Kredit haben will und keine Sicherheit bietet, geht leer aus; wer einen Staat führt und nicht die geringste Wahrscheinlichkeit geltend machen kann, dass er dessen Schuldenlast mindern wird, kann sich geraume Zeit hohe Summen leihen.

Wenn uns gegenwärtig unsere Intelligenz nicht daran hindert, Atomkraftwerke zu bauen, Tropenwälder zu roden und die Ozonhülle zu schädigen, dann zeigt das, dass die materiellen Strukturen, die solche Entwicklungen bedingen, stärker geworden sind als die menschliche Einsicht. Zu den dümmsten Aussagen über Technik gehört die, sie sei neutral, es komme darauf an, was der verantwortliche Mensch mit ihr mache. Neutral ist Technik nur, solange sie nicht vorgaukelt, es gäbe einen Gewinn an Macht ohne Kosten. In der Konsumgesellschaft wird Technik systematisch benützt, um süchtig zu machen; kommerziell erfolgreiche Waren beruhen weitgehend auf solchen Mechanismen.

 

“In der Konsumgesellschaft wird Technik systematisch benützt, um süchtig zu machen.”

 

In der Fabel Der Ziehbrunnen aus China lehnt ein weiser alter Mann den Hebelbrunnen ab, weil er fürchtet, durch seine Benutzung selbst wie eine Maschine zu funktionieren. Günter Anders hat in seinem Buch Die Antiquiertheit des Menschen (1956) diesen Gesichtspunkt der Ansteckung durch die Maschine um den Aspekt der Beschämung durch sie ergänzt. Seine Formulierungen über die „prometheische Scham“ beschreiben die Reaktion auf Produkte angehäufter, überindividueller menschlicher Erfindungskraft, vor der die eigenen Fähigkeiten kümmerlich erscheinen. Diese Einwände gehören in eine Zeit, in der sich das selbstkritische Individuum noch von den regressiven Reizen der Konsumgesellschaft abgrenzen konnte (Regression – hier: unbewusster Rückgriff auf kindliche Verhaltensmuster).

Heute überwiegen Verschmelzungen mit den Maschinen, deren übermenschliche Qualitäten schamlos zur Steigerung des eigenen Machtempfindens und der Verwöhnungsbedürfnisse dienen. Solange Automobile, Handys und Laptops komfortabler werden, sind wir abgelenkt nachzudenken, ob sie nicht prinzipiell unbekömmlich für den Menschen sind. In der Verschmelzung und Identifizierung mit scheinbar immer fortschrittlicheren Produkten ist das erschlichene Machtgefühl nicht mehr erkennbar. Der Konsument ist Sieger, wenn nicht über die düstere Zukunft, dann doch über die hoffnungslos rückständige Vergangenheit, in der beispielsweise ein Auto noch eine Handkurbel hatte, um es anzuwerfen, ein Motorrad mit einem Fußtritt gestartet wurde, ein Fotoapparat mithilfe eines Daumendrucks den Film transportierte oder eine Uhr aufgezogen wurde und nicht alle zwei Jahre eine Portion Batteriegift in die Umwelt entließ.

“In der Welt der stummen Diener ist es selbstverständlich, dass die kleinste Unbequemlichkeit von einem geräuschlosen Servomotor beseitigt wird.”

 

Wären sie nicht selbst Teilhaber an diesem selbstverständlichen Machtgewinn, dann würden die Intellektuellen und die Angehörigen helfender Berufe (Ärzte, Sozialarbeiter, Therapeuten etc.) öfter darauf hinweisen, wie wenig die Warenverwöhnungen auf die unausweichlichen Enttäuschungen des Lebens vorbereiten. Die Gefahr wächst, dass erträgliche, unter Umständen sogar entwicklungsfördernde Einschränkungen in der Konsumgesellschaft wie unerträgliche Frustrationen erscheinen, die nach sofortiger Rache schreien. Neue Kategorien wie Mobbing und Stalking signalisieren, dass es den Menschen schwerer geworden ist, Kränkungen zu verarbeiten. Schließlich ist es in der Welt der stummen Diener um uns herum selbstverständlich, dass die kleinste Unbequemlichkeit von einem geräuschlosen Servomotor beseitigt wird. In einem gesellschaftlichen Klima, das die eigene Bequemlichkeit zum sittlichen Gut erklärt, ist Vertrauen schwerer zu haben als alles andere. Dabei wirkt die Warenbotschaft nachhaltiger als die ethische Erziehung, die nach wie vor Gemeinwohl, Altruismus und Vertrauensbeziehungen betont.

Wer die regressiven Neigungen der Konsumenten fördert und ausbeutet, macht mehr Umsatz und kann mehr Geld in Reklame investieren, die den Absatz seines Schundes weiter steigert. Die Ware programmiert den Konsumenten. Angesichts einer Störung fällt ihm nichts ein, weil er weder weiß, wie sein Gerät funktioniert, noch dieses ihm irgendetwas beigebracht hat. Dumme Dinge sagen uns nichts über ihr Innenleben und helfen uns nicht, aus ihren Störungen zu lernen. Der Konsument soll sie wegwerfen und das nächste Produkt kaufen, ohne nachzudenken.

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Dieser Artikel ist erstmals in agora42 WOHLSTAND erschienen.

Wer heute mit Ärzten spricht, kommt bald auf ein Thema, das vielen engagierten, nicht primär am Gelderwerb interessierten Medizinern die Freude am Beruf vergällt. Patienten wollen zwar ihre Gesundheit wiederhaben, aber auf nichts verzichten. Der Doktor soll doch, wozu verfügt er über diese wunderbaren Apparate und Medikamente, die Depression wegzaubern, das Herz in Ordnung bringen, die chronische Bronchitis wegschaffen, aber bitte ohne eigenes Bemühen, ohne den Verzicht auf Zigaretten und Alkohol. Hat er nichts Angenehmes zu sagen? Dann kaufe ich mir einen anderen Experten! Der Medizin sind Leistungen möglich, die der menschlichen Mobilität in einem Zweisitzer mit Zwölfzylindermotor entsprechen – die dritte Herztransplantation, Operationen im Greisenalter, die Rettung von Unfallopfern, die dann ein halbes Menschenleben im Koma liegen. Dabei gerät aus dem Blick, dass der Verzicht auf Junkfood, Zuckergetränke und Genussgifte sowie mehr Bewegung nachweislich mehr für die Lebensqualität der Bevölkerung leisten als alle chirurgischen und medikamentösen Neuerungen. Wir haben längst angefangen, eine durch Alkoholismus bedingte Leberzirrhose durch die Transplantation eines neuen Organs zu „heilen“ und Fettsüchtige dadurch zu behandeln, dass ihnen ein Stück Dünndarm herausgeschnitten wird. Die Solidargemeinschaft der Versicherten inszeniert so ihre eigene Auflösung.

Weil das neue Auto über 230 Stundenkilometer schnell ist und einen Motor von jener Stärke hat, die sonst einen Omnibus bewegt, braucht es Antiblockiersysteme, Gurtstraffer, Airbags rundum, einen Seitenaufprallschutz und ein denkendes Fahrwerk. Um zu verhindern, dass die machtvoll getriebenen Reifen beim Anfahren verheizt werden, ist eine Antriebsschlupfregelung eingebaut. Wer sich auf diese faszinierende Absurdität einlässt, ist von vertrauten Problemen und vertrauten Lösungen umgeben; er fühlt sich in der Beschäftigung mit einer lebensgefährlichen Maschine, die seinen Kindern Erde und Luft wegnimmt, geborgen.

Solche Exempel dokumentieren die Verwundbarkeit der Industriegesellschaft. Ein gut konstruiertes Auto oder Motorrad fasziniert uns wie ein Kunstwerk, das wir andächtig streicheln, begehren und nutzen. Diese emotionalen Reaktionen sind in einer handwerklich strukturierten Welt angemessen, in der es wenige solcher Dinge gibt und ihr ökonomisches Umfeld ihre herausgehobene Stellung rechtfertigt. In der Konsumgesellschaft ist es möglich geworden, diese Dinge massenhaft zu erzeugen. Da dies nur auf Kosten des ökologischen Gleichgewichts möglich ist, werden die geweckten Ansprüche zu einer schweren Hypothek.

 

Digitale Angebote verdummen mehr, als dass sie stimulieren.

 

Der Ulmer Nervenarzt Manfred Spitzer beschreibt die destruktiven Wirkungen eines übermäßigen Bildschirmkonsums auf die geistige Entwicklung von Kindern und Erwachsenen. Eines seiner Beispiele sind vergleichende Untersuchungen an Taxifahrern in London. Seit diese sich mithilfe elektronischer Hilfsmittel orientieren, müssen sie nicht mehr rund 20.000 Straßennamen lernen und räumlich zuordnen. Parallel dazu haben sich die für solche Funktionen zuständigen Gehirnareale messbar verkleinert.

Kinder, denen amerikanische Forscher 2010 eine Spielkonsole schenkten, verschlechterten sich bereits nach vier Monaten in ihren Schulleistungen, wenn sie mit Kindern verglichen wurden, die ohne solche Ablenkung in die Schule gingen. Ähnliche Studien gibt es über die Folgen von Gewaltspielen auf die Empathiefähigkeit.

Es ist Spitzer vorgeworfen worden, dass er mögliche positive Wirkungen von Computern auf die geistige Leistungsfähigkeit ignoriert. Aber solche Hinweise sollten nicht dazu führen, seine gut begründeten Einwände gegen die Verwöhnungen einer durch Mausklick und Joystick beherrschten Bildschirmwelt zu ignorieren.

Ähnlich wie Politiker vor Einführung des Privatfernsehens geistige Anregung und vielfältige Informationen versprachen, während die Realität der vielen Kanäle doch ein Überwiegen primitivster Unterhaltung zeigt, scheinen die verdummenden Folgen der digitalen Angebote mehr Wucht zu entfalten als die stimulierenden.

Überall, wo uns der Wohlstand geistige oder körperliche Übung abnimmt, wird er auch gefährlich. Er unterstützt Entwicklungen, die zur Sucht führen. Das beschränkt sich nicht auf Details wie das Übergewicht und den Diabetes, die nach einer von Spitzer zitierten Studie zu einem Sechstel auf die digitalen Medien zurückzuführen sind.

 

Das eigene, „veraltete“ Produkt wird zum Feind, die Dinge ziehen in den Krieg.

 

Die Logik der Dinge in der Konsumgesellschaft hängt mit der globalisierten Nachfrage zusammen; diese wiederum wird durch die Fortsetzung nationalistischer Eroberungspläne mit anderen Mitteln geprägt. Besonders deutlich ist diese Situation in der japanischen Industrie.

Die Japaner übertrugen nach ihrer dramatischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg und ihrem Verzicht auf eigene Waffenproduktion die Prinzipien der Rüstungsindustrie auf die Konsumgüterproduktion. So überwältigten sie die Wirtschaft ihrer Wettbewerber. Einige Jahre lang blickten die Festredner der deutschen optischen Industrie vom hohen Ross ihrer traditionsreichen Marken auf die japanischen „Billigkopien“. Ehe sie sich besonnen hatten, waren sie erledigt. Eine Entwicklung, die damals begann, prägt heute fast alle Konsumgüter. Selbst wo der Markt nicht von Japan bestimmt ist, wirkt er doch japanisiert. Das eigene, „veraltete“ Produkt wird zum Feind, die Dinge ziehen in den Krieg.

Wenn die gesamte Produktion sich gewissermaßen auf Kriegszustand einstellt, gewinnt sie gegenüber anderen Produzenten einen kurzfristigen Vorteil, dessen langfristige Nachteile erst später bemerkbar werden. Im Krieg sind viele – manche denken alle – Mittel erlaubt, den Feind zu schädigen. Er erzieht zur Rücksichtslosigkeit gegenüber den Ressourcen und zur Schamlosigkeit, mit der Zwecke die Mittel heiligen.

Die Militarisierung in der Konsumgüterproduktion führt zu sehr widersprüchlichen, gelegentlich absurd anmutenden Konsequenzen. Beispielsweise werden für Fahrräder Schnellspannnaben angeboten. Sie sind für Rennsportler sinnvoll, die ein defektes Rad rasch auswechseln müssen. In Rädern, die an einer Straßenlaterne geparkt werden, erfreuen Schnellspanner Diebe, welche mit einem Griff ein teures Laufrad mitnehmen können. So wurde eine Schnellspannnabe entwickelt, die zugesperrt werden kann.

 

Wir bräuchten Dinge, die unseren kritischen Bezug zur Wirklichkeit verbessern.

 

Wir bräuchten Dinge, die unseren kritischen Bezug zur Wirklichkeit verbessern, die vernünftige Verhältnisse zwischen Aufwand und Ertrag sinnfällig machen. Wir kaufen Dinge, die uns Verschwendung, Sucht nach maximaler Bequemlichkeit, Angst vor Anstrengung und Größenfantasien jeder Art beibringen.

Wer Konsumgüter von 1956 mit denen der Gegenwart vergleicht, findet eben so viele Rückschritte wie Fortschritte. Die verwirrende Vielfalt, die technische Extravaganz sind Belege für den Vorstoß der Ware in eine Zone, in der sie der Konsument nicht mehr erfassen, durchschauen, reparieren und zu hundert Prozent nutzen kann. Die typische Ware des Grenznutzens wird der Käufer in seinem Leben so wenig brauchen können wie einen Ferrari im Stadtverkehr.

Die modernen Konsumgüter entwickeln sich in zwei Richtungen. In beiden streben sie in die Todeszone des Grenznutzens, wo die Luft dünn wird. Einmal werden sie immer komfortabler, idiotensicher, nehmen uns alles ab. Die Funkuhr muss nicht einmal mehr auf die Sommerzeit gestellt werden. In Autos sind Apparate eingebaut, die einen Stadtplan ersetzen. Die Benutzeroberfläche erlaubt es bereits Kindern, einen Computer zu bedienen. Andererseits werden aber die Geräte immer komplizierter. Bei einer britischen Firma ergab eine Untersuchung, dass die Hälfte der als defekt eingeschickten Videokameras völlig in Ordnung war. Die Kunden hatten die Anleitung nicht verstanden. Obwohl die vorhandene, noch tadellos funktionierende Produktgeneration ihren Zweck perfekt erfüllt, werden neue Modelle angeboten, mit Millionenaufwand vermarktet und gekauft.

Während die Produzenten von lebensnotwendigen Gütern Bedürfnisse befriedigen, die immer wieder spontan entstehen (wie Hunger, Durst, Schutz vor Witterung), achten die Hersteller von Konsumgütern darauf, Abhängigkeiten zu schaffen. Eine davon ist die Undurchschaubarkeit: Nur der vom Hersteller ausgebildete Spezialist, der in aller Regel auch am Verkauf des Produkts und der Ersatzteile verdient, verfügt über genügend Kenntnisse, um Störungen zu beheben. In diese Richtung sind wir in zentralen Gebieten der Technisierung mit Riesenschritten marschiert.

James Bond ist ein Held der Konsumgesellschaft. Er bildet sich auch noch etwas darauf ein, dass er keines der Wunderdinge versteht, mit denen er seine Feinde narrt. Er kann keines reparieren; daher wechseln die Gadgets so schnell wie die Szenen und lösen sich in Explosionen auf.

 

Konsumismus schädigt nicht nur die Umwelt, sondern macht Menschen auch süchtig, primitiv und dumm.

 

1972 führte ich in meinen Buch Homo consumens aus, dass der Konsumismus nicht nur die Umwelt schädigt, sondern Menschen auch süchtig, primitiv und dumm macht – ein Plädoyer gegen die Konsum-Demenz. Seither verfolge ich die Differenzierungen der Kritik am blinden Wachstum, die unterschiedlichen akademischen Beiträge zur Ökologie, das Entstehen und Vergehen von Lösungsvorschlägen. Am meisten beeindruckt hat mich die Geduld und Gründlichkeit von Elinor Ostrom, die erforscht hat, unter welchen Bedingungen Menschen die Welt um sich herum stabilisieren können, indem sie sich untereinander einigen. Ostrom weist auch immer wieder darauf hin, wie gefährlich Patentrezepte und Ehrgeiz werden, auch wenn die Ideale untadelig sind, an denen sie sich orientieren.

Ich vermute, dass die Zeit vorbei ist, in der Menschen, von großen Idealen begeistert, den Planeten eroberten, Eingeborene missionierten und Kolonien gründeten. Die Menschheit hat ihre Grenzen gefunden, auch wenn sie das noch nicht wahrhaben mag. Sie wird auf dieser Erde bleiben, Eroberung ist Zerstörung geworden, die Pflege der Räume um uns herum die einzige Chance, einen sicheren Ort zu finden und zu behalten.

 

Wolfgang Schmidbauer ist Psychonanalytiker und Schriftsteller. Er gilt als einer der ersten Kritiker der Konsumgesellschaft aus ökologisch-psychologischer Sicht (Homo consumens, 1972; Jetzt haben, später zahlen, 1995).

 

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– Mit Statements von Reinhold Messner, Michael Winterhoff (“Warum unsere Kinder Tyrannen werden”), Marc Elsberg (“Blackout”), Armin Nassehi uvm.

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Low-tech Magazine – Zweifel an Fortschritt und Technik

LOW-TECH MAGAZINE

Zweifel an Fortschritt und Technik

 

Die zunehmenden digitalen Hightech-Lösungen für alltägliche routinierte Abläufe machen uns vor allem eins: verletzlich. Spätestens seit dem Horrorszenario gehackter Stromnetze, das Marc Elsberg in seinem Thriller Blackout entwirft, ist klar, dass unsere vernetzte Gesellschaft längst von digitalen Steuerungen abhängig ist. Der uneingeschränkte Glaube an die Segnungen der digitalen maschinellen Vernetzung beginnt zu bröckeln und die Absicherung der mächtigen Kris De Deckerdigitalen Netze verschlingt immer größere Mengen an Geld, Strom und Zeit. Manche munkeln schon, dass es vollkommen unökonomisch ist, in künstliche Intelligenzen zu investieren, die menschliche Arbeit überflüssig machen.

Der gebürtige Belgier Kris De Decker wehrt sich entschieden gegen die Annahme, dass jedes Problem eine Hightech-Lösung habe. 2007 begann er mit der Gründung des Online-Magazins lowtechmagazine.com den Technikglauben infrage zu stellen. Einmal pro Monat veröffentlicht er einen Artikel, in dem er überraschend unkonventionelle, analoge Lösungen für unsere Alltagsprobleme vorstellt, oder über die fatalen Folgen, welche durch „Hightech-Lösungen“ hervorgerufen werden, aufklärt. Das Low-tech Magazine wirft einen neuen Blick auf unsere „fortschrittlich“ ausgestatteten Büroräume und zeigt deren Kehrseite: die rasante Zunahme des Energieverbrauchs. Es untersucht, wie man auch in der Stadt energieautark leben kann oder stellt eine Bauanleitung für ein unabhängiges Lowtech-Internet zur Verfügung. Solche selbstgebauten dezentralen Netze sind bereits weltweit zu finden – das größte zählt derzeit 35.000 Nutzer.

 

Ich finde Hightech ziemlich langweilig.

Kris De Decker, Gründer des Low-tech Magazines

Herr Decker, lehnen Sie technologischen Fortschritt per se ab?

Ich lehne technologischen Fortschritt nicht prinzipiell ab, wohl aber die Richtung, die er eingeschlagen hat. Schließlich werden bei der Entwicklung neuer Technologien die wahren Kosten, der Energieverbrauch und die Auswirkungen auf unsere öko-soziale Umwelt noch lange nicht berücksichtigt. Sämtliche „Innovationen“ führen nur dazu, dass immer mehr der endlichen Ressourcen verbraucht werden. Wir müssten technische Innovationen völlig neu denken, damit sie uns in ganz anderen Kontexten wirklich hilfreich sind.

 

Was erachten Sie als die größte Bedrohung durch die Digitalisierung?

Da ist zum einen der steigende Energieverbrauch, der mit der Digitalisierung verbunden ist. Außerdem erhöht die Digitalisierung die Gefahr eines Komplettausfalls unserer Technik: Das Erste, was Afrikaner machen, wenn sie ein importiertes Auto aus dem Westen recyceln ist, dass sie sämtliche Elektronik entfernen. Zuletzt darf man nicht vergessen, dass die Digitalisierung einen immensen Einfluss auf die zwischenmenschliche Interaktion hat – wer weiß, vielleicht vergessen wir irgendwann, dass wir auch ohne technische Geräte miteinander kommunizieren können? Wir nähern uns jeden Tag der dystopischen Kurzgeschichte „When the Machine Stops“, die E. M. Forster bereits 1905 geschrieben hat. Darin kommunizieren die Menschen nur noch über Bildschirme miteinander.Kris De Decker Low-tech
 
 
 

“Low-tech Magazine refuses to assume that every problem has a high-tech solution.”

 
 
 
In der Moderne ist Technik weit mehr, als die Fähigkeit mittels einer Maschine eine Arbeit zu erledigen. Gerade wenn man sich den Kult um ein glänzendes neues iPhone ansieht. Glauben Sie, dass Lowtech jemals so sexy sein kann wie ein iPhone?

Also ich finde Lowtech sogar viel sexyer! Während mir ein iPhone reichlich egal ist, kann ich geradezu in Verzückung geraten, wenn ich ein strapazierfähiges Werkzeug entdecke, dass ganz ohne Strom funktioniert, oder ein Schubkarren, der vom Wind angetrieben wird, oder einen Zug mit Pedalantrieb. Ehrlich gesagt, finde ich Hightech ziemlich langweilig.

 

Wie würde sich unsere Wirtschaft ändern, wenn Lowtech an Stelle der Hightech-Lösungen treten würden?

Die Idee des unendlichen Wachstums geht einher mit der Vorstellung eines unendlichen technologischen Fortschritts. Unternehmen versuchen ständig, ihre Profite zu steigern, indem sie „Innovationen“ vorantreiben. Wenn wir diese Dynamik einfach durch Lowtech-Lösungen ersetzen würden, wäre unser heutiges Wirtschaftssystem am Ende. Letztlich geht es mir also auch um alternative Wirtschaftssysteme. Aber ich glaube, dass es einfacher ist, sich eine alternative Wirtschaft vorzustellen, wenn man sie anhand von alternativer Technik und nicht-digitalen Werkzeugen, die uns jeden Tag helfen, veranschaulicht – anstatt nur im theoretischen Diskurs zu bleiben.

 

Sie schreiben neben dem Low-tech Magazine auch noch für das No Tech Magazine. Was ist Ihnen lieber: Lowtech oder Notech?

Auch wenn der Titel es suggeriert, plädiere ich mit dem No Tech Magazine nicht für eine radikale Abkehr von der Technik. Der Mensch braucht Technik, um zu überleben – sei es ein Speer oder ein Feuerstein. Oft wird jedoch angenommen, dass die einzige Lösung für ein Problem eine technische Lösung sei, anstatt sich zu überlegen, wie man anders mit dem Problem umgehen könnte. Beispielsweise sehen wir immer energieeffizientere Kühlschränke, stellen uns aber nie die Frage, wie sinnvoll es ist, dass unser Lebensmittelsystem auf konstante Kühlung angewiesen ist. Wir befinden uns als Gesellschaft an einem Punkt, an dem wir über extrem fortschrittliche Technologien verfügen. Warum sollten wir nicht kurz innehalten und uns fragen, ob wir diesen Weg weitergehen wollen – vor allem da die Probleme ja nicht weniger, sondern mehr werden?

 

Das Low-tech Magazine von Kris De Decker finden Sie hier.

Die neue Ausgabe: DIGITALISIERUNG

Neue Ausgabe: DIGITALISIERUNG

 

agora42_Digitalisierung

Die neue agora42 ist nun im Shop erhältlich. Das Cover gestaltete die Malerin Eloïse Cotty. Eine Vorschau finden Sie hier.

Die neue Ausgabe der agora42 zum Thema DIGITALISIERUNG ist ab sofort im Shop erhältlich! Mit Beiträgen von u.a. Felix Stalder, Professor für digitale Kultur in Zürich, Karin Frick, Leiterin Research und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Instituts, Joachim Paul, Biophysiker und für die Piraten-Partei im Landtag Nordrhein-Westfalens oder Eike Wenzel, Gründer und Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung. Im Interview vergleicht Rafael Capurro, Informationsethiker und Philosoph, die virtuelle mit der realen Welt:

 

“Der Cyberspace erschien vielen als ein virtueller Raum, der nichts mit der materiellen Welt zu tun hat. Dabei war die virtuelle Welt natürlich gar nicht so unabhängig von der materiellen Welt, wie es den Anschein machte…”

 
 
Im Editorial dieser Ausgabe schreibt Chefredakteur Frank Augustin:

“Man kommt um Themen wie Big Data, Internet der Dinge, Blockchain oder künstliche Intelligenz kaum herum. Inzwischen können Dinge faktisch Editorial Frank Augustinmiteinander verkoppelt werden, die man früher nicht einmal gedanklich in Verbindung gebracht hat – mit überwältigenden Möglichkeiten für Kommunikation, Forschung, Mobilität, Logistik und Produktion. Auch in philosophischer Hinsicht ist das Thema überaus reizvoll, stellen sich doch sogleich Fragen nach neuen Formen des Wirtschaftens, des gesellschaftlichen Zusammenlebens oder danach, welche Auswirkungen die technischen Entwicklungen auf die Freiheit des Menschen und dessen Selbstverständnis haben.”

 

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