Unruhe – Ralf Konersmann über ein Leitbild der Moderne

Unruhe

von Ralf Kon­ers­mann

 

Ralf Konersmann

Ralf Kon­ers­mann ist Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Kiel und Direk­tor des dor­ti­gen Phi­lo­so­phi­schen Semi­nars. Er ist Her­aus­ge­ber des Wör­ter­buchs der phi­lo­so­phi­schen Meta­phern, Mit­her­aus­ge­ber der Zeit­schrift für Kul­tur­phi­lo­so­phie sowie des His­to­ri­schen Wör­ter­buchs der Phi­lo­so­phie. Foto: Bodo Krem­min

Lan­ge Zeit war der Begriff des Leit­bil­des ver­pönt. Der 1967 von Theo­dor W. Ador­no für eine Samm­lung phi­lo­so­phi­scher Essays gewähl­te Titel Ohne Leit­bild war Pro­gramm. Kei­nes­falls durf­te der Lauf der Din­ge durch die Befan­gen­hei­ten des Augen­blicks behin­dert wer­den, die Zukunft soll­te offen sein.

Geschichts­phi­lo­so­phisch war der Ver­zicht kon­se­quent, aber er war auch unpo­li­tisch. Die Absa­ge igno­rier­te die Tat­sa­che, dass die Gegen­wart ihre Leit­bil­der längst schon besitzt und dass die­se von den Leit­me­di­en und der Poli­tik, von Wis­sen­schaft und Wer­bung stän­dig in Anspruch genom­men wer­den – Leit­bil­der im Übri­gen, die kaum jemals als sol­che aus­ge­wie­sen sind und, weil sie sich gleich­sam von selbst ver­ste­hen, umso über­zeu­gen­der wir­ken.

Zu die­ser Art Leit­bil­der, die in aus­ge­such­ten Momen­ten macht­voll auf­schei­nen, ansons­ten aber im Bereich des kul­tu­rell Unbe­wuss­ten zu Hau­se sind, gehört die Unru­he. Die Unru­he ist da, sie ist über­all, tritt aber kaum jemals rein als sol­che her­vor. Und doch wis­sen wir alle nur zu gut, was es heißt, dass wir vor­wärts­kom­men müs­sen, dass wer nicht kämpft, schon ver­lo­ren hat, dass wir die Hän­de nicht in den Schoß legen dür­fen und öfter mal was Neu­es anfan­gen müs­sen. Die all­tags­sprach­li­chen Echos der Unru­he sind uns allen ver­traut, und es wäre falsch zu mei­nen, hier geschä­he etwas heim­lich oder im Ver­bor­ge­nen. Der Kon­sens der Unru­he ist mit Hän­den zu grei­fen und braucht, eben weil das Ein­ver­neh­men total ist, weder über­prüft noch gerecht­fer­tigt zu wer­den. In die­sem Kli­ma frag­lo­ser Akzep­tanz dient uns das Abc der Unru­he als eine Art Kom­pass, der uns durch den Tag führt und der uns die Stich­wor­te lie­fert, wenn es gilt, das Leben so zu leben, wie es heu­te gelebt sein will.

 

Unru­he als Lei­den­schaft

Seit rund sech­zig Jah­ren kla­gen die Men­schen über Stress, seit der Jahr­tau­send­wen­de über Burn-out. Umso drin­gen­der stellt sich die Fra­ge: Wie hat die­ses Leit­bild der Unru­he ent­ste­hen, wie hat es sich in den Köp­fen und Her­zen fest­set­zen kön­nen? Wie ist es zuge­gan­gen, dass wir, obgleich wir offen­sicht­lich an ihr lei­den, zu Enthu­si­as­ten der Unru­he gewor­den sind?

Mei­ne The­se ist, dass Leit­bil­der Ori­en­tie­run­gen sind – Ori­en­tie­run­gen, die nicht des­halb ange­nom­men wer­den, weil sie im anspruchs­vol­len Sinn des Wor­tes wahr sind, son­dern weil sie all­ge­mei­nen Über­zeu­gun­gen ent­spre­chen und jeder­mann unmit­tel­bar ein­leuch­ten. Die enor­me Kul­tur­be­deu­tung der Unru­he ent­springt aus ihrer Aktua­li­tät: aus dem, was der Unru­he zuge­traut wird.

Die Unru­he hat eine lan­ge und höchst wider­spruchs­vol­le Bedeu­tungs­ge­schich­te durch­lau­fen – vom Ver­häng­nis und dem Zei­chen der Sün­de, von dem die Theo­lo­gen jahr­hun­der­te­lang gespro­chen haben, bis hin zum Ver­spre­chen, das der frü­he Auf­klä­rungs­phi­lo­soph Fran­cis Bacon aus der Unru­he her­aus­le­sen woll­te. Die Geschich­te der Neu­zeit ist ganz wesent­lich die Aner­ken­nungs­ge­schich­te der Unru­he. Selbst die Freu­de sei Unru­he, ver­si­chert Lud­wig Feu­er­bach in sei­nen Leib­niz-Stu­di­en: „Ja, die Unru­he ist selbst wesent­lich zur Glück­se­lig­keit der Geschöp­fe, denn sie besteht nicht in einem voll­komm­nen Besit­ze, der sie nur fühl­los und stumpf machen wür­de, son­dern in einem fort­wäh­ren­den und unun­ter­broch­nen Fort­schritt zu immer grö­ßern Gütern, ein Fort­schritt, wel­cher nicht ohne ein Ver­lan­gen oder eine bestän­di­ge Unru­he denk­bar ist.“

Leit­bil­der, auch dar­an ent­zün­de­te sich die Kri­tik Ador­nos, müs­sen sich nicht erklä­ren – sie müs­sen ein­leuch­tend sein. Die Zei­len Feu­er­bachs heben die­se Qua­li­tät leit­bild­haf­ter Ori­en­tie­run­gen her­vor, indem sie ein­mal unum­wun­den aus­spre­chen, was auf dem Boden der west­li­chen Kul­tur jedes Kind ver­stan­den und sich, wenn es klug ist, zuei­gen gemacht hat: die Lei­den­schaft für Bewe­gung, Wan­del und Ver­än­de­rung; das Fie­ber des Auf­bruchs und des Vor­wärts­kom­men­wol­lens; die Begeis­te­rung für Ande­res, Frem­des und Neu­es.

 

Kri­tik der Unru­he

Schon zur Zeit ihrer Ent­fes­se­lung, also im Ver­lauf des 17. Jahr­hun­derts, ist die pro­ble­ma­ti­sche Sei­te der Unru­he gese­hen wor­den, am deut­lichs­ten viel­leicht von Blai­se Pas­cal. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph und Mathe­ma­ti­ker spricht von Zer­streu­ung, vom diver­tis­se­ment, und meint damit die Kor­rum­pie­rung der über­lie­fer­ten Vor­stel­lungs- und Emp­fin­dungs­welt durch die Unru­he. Unmit­tel­bar an der his­to­ri­schen Schwel­le zählt Pas­cal auf, was sich eben gera­de jetzt zu ver­än­dern beginnt: dass wir nun offen­bar zu allem bereit sind, wenn uns nur das Elend der Lan­ge­wei­le erspart bleibt; dass wir uns von den Gegen­stän­den ablen­ken und weg­zie­hen las­sen, denen unse­re Sor­ge gel­ten müss­te; dass wir uns mit unse­rem vol­len Ein­ver­ständ­nis aus unse­rer Mit­te rei­ßen und in eine Wirk­lich­keit trei­ben las­sen, in der wir uns nur ver­lie­ren kön­nen.

Pas­cal bestimmt die mensch­li­che Situa­ti­on, wie sie mit Beginn der Neu­zeit ent­stan­den ist, als Situa­ti­on der Unru­he. Unter dem maß­geb­li­chen Ein­fluss der Psy­cho­lo­gie ist die­se Situa­ti­on seit­her auf das For­mat der „inne­ren Unru­he“ geschrumpft. Erkennt­nis­för­dernd ist die­se Dia­gno­se nicht. Sie trübt den Blick für die Zwei­deu­tig­keit des The­mas: dafür, dass die Unru­he Ver­häng­nis und Ver­spre­chen zugleich ist – eine Pas­si­on. Noch weni­ger ist sich die­se dia­gnos­ti­sche Rou­ti­ne ihrer eige­nen Ver­stri­ckung bewusst: der Tat­sa­che, dass der sche­ma­ti­sche Kreis­lauf von Pro­blem und Lösung selbst ein Echo der Unru­he ist. Tat­säch­lich ist die Unru­he Lebens­form und Denk­form zugleich: die west­li­che Art, das Leben anzu­neh­men.

Da dies aber so ist und die Unru­he mit der Kul­tur­wirk­lich­keit des Wes­tens ver­schmol­zen ist, gibt es kein Rezept. Wir kön­nen die Unru­he nicht abschaf­fen und über­win­den. Wohl aber kön­nen wir beson­nen mit ihr umge­hen und die Viel­falt ihrer Erschei­nungs­for­men zur Kennt­nis neh­men. Das führt zu der alten Ein­sicht, dass auch die Leit­bil­der (exem­p­la nobi­lia) Ver­füh­rer zur Unru­he sind. Der Ideo­lo­gie­kri­ti­ker Ador­no hät­te dem wohl zustim­men kön­nen: Indem sie uns dazu auf­for­dern, dem ver­meint­lich Bes­se­ren und Voll­kom­me­ne­ren nach­zu­ei­fern, über­win­den die Leit­bil­der nicht die Schwä­che unse­res Bewusst­seins, son­dern nut­zen sie aus. Die Kri­tik der Unru­he ist auch eine Kri­tik der Leit­bil­der, genau­er: eine Kri­tik ihrer Kom­pli­zen­schaft.

 

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Die­ser Arti­kel ist erst­mals in der agora42-Aus­ga­be 03/2016 LEITBILDER erschie­nen.agora42 LEITBILDER

Interview mit Nora Sophie Griefahn & Tim Janßen

Am 20. und 21. Okto­ber fin­det an der Leu­pha­na Uni­ver­si­ty of Lüne­burg der all­jähr­li­che Crad­le­To­Crad­le (C2C) Kon­gress statt. Was sich hin­ter dem Bergriff C2C ver­birgt, dürf­te den meis­ten von euch ein Begriff sein. Hier die Defi­ni­ti­on vom der Home­page des C2C-Ver­eins:

Umwelt­schutz kann nur funk­tio­nie­ren, wenn Pro­duk­te und Pro­zes­se vom Anfang her gedacht und im Hin­blick auf ihre gesam­te Nut­zungs­dau­er ent­wi­ckelt wer­den. Vor­bild für Crad­le to Crad­le ist die Natur, von der sich die drei Crad­le to Crad­le-Prin­zi­pi­en ablei­ten:

  • Abfall ist Nah­rung oder Nah­rung ist Nah­rung: Alles wird zu Nah­rung oder Nähr­stof­fen für etwas ande­res.
  • Nut­zung erneu­er­ba­rer Ener­gi­en: Die Ener­gie ent­springt Son­ne, Wind, Was­ser und Erde.
  • Unter­stüt­zung von Diver­si­tät: Es gibt eine schier unend­li­che Viel­falt.

 

Wie auch im letz­ten Jahr unter­stützt die agora42 den Kon­gress wie­der als Medi­en­part­ner. Im Rah­men die­ser Koope­ra­ti­on spra­chen wir im letz­ten Jahr mit den Orga­ni­sa­to­ren über den Ansatz des C2C und die prak­ti­sche Umset­zung des C2C-Prin­zips. In die­sem Jahr befrag­ten wir die Orga­ni­sa­to­ren zu der prak­ti­schen Umset­zung und  was es für die Wirt­schaft und Gesell­schaft bedeu­ten wür­de, wenn eine Umstel­lung auf C2C gelin­gen wür­de.

 

Bis­lang kön­nen Fir­men sich frei­wil­lig C2C zer­ti­fi­zie­ren las­sen. Haben aber nicht gera­de die jüngs­ten Vor­komm­nis­se in der Auto­mo­bil­in­dus­trie gezeigt, dass frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tun­gen zu nichts Guten füh­ren? Müss­te es nicht das Ziel sein, dass die kom­plet­te Wirt­schaft (Pro­duk­ti­on, Dienst­leis­tung etc.) nach dem C2C-Prin­zi­pi­en ver­fährt?

Natür­lich wün­schen wir uns, dass die kom­plet­te Wirt­schaft nach C2C Prin­zi­pi­en ver­fährt. Wir brau­chen eine Wirt­schaft und Gesell­schaft, die nach C2C Denk­schu­le und Design­kon­zept han­delt und nicht nur ein­zel­ne zer­ti­fi­zier­te Pro­duk­te. Her­stel­len­de und Kund*innen for­dern heut­zu­ta­ge Zer­ti­fi­zie­run­gen. Das reicht aller­dings noch nicht aus – die Zukunft stel­len wir uns anders vor. Wir müs­sen die Men­schen als Nütz­lin­ge auf der Welt ver­ste­hen, unse­ren der­zei­ti­gen Qua­li­täts­be­griff sowie die Auf­ga­be der Wirt­schaft über­den­ken. Wirt­schaft und Umwelt­schutz dür­fen nicht als Geg­ner han­deln, son­dern gemein­sa­me Zie­le ver­fol­gen. Das funk­tio­niert jedoch nicht, wenn wir den Fuß­ab­druck nur mini­mie­ren. Wir brau­chen eine Welt in der es selbst­ver­ständ­lich ist nach C2C zu pro­du­zie­ren – Zu wis­sen, was in unse­ren Pro­duk­ten steckt und dass nach der Nut­zung kein Müll übrig bleibt muss von allen Men­schen als Qua­li­täts­merk­mal ver­stan­den wer­den, für das es kei­ne wirk­li­chen Alter­na­ti­ven gibt. Uns muss klar­wer­den, dass wir gesun­de Pro­duk­te brau­chen, dass kei­ne Schad­stof­fe in die Umwelt gelan­gen dür­fen, dass wir kei­ne Roh­stof­fe ver­brau­chen dür­fen, son­dern das wir Pro­duk­te für Kreis­läu­fe desi­gnen müs­sen. Den­noch ist eine frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tung bei­spiels­wei­se durch Zer­ti­fi­zie­rung ein ers­ter guter Schritt hin zu einer C2C Öko­no­mie.

Wäre so etwas über­haupt rea­lis­tisch, da in einem sol­chen Fall viel zu vie­le Infor­ma­tio­nen berück­sich­tigt und bewer­tet wer­den müss­ten? Sprich, wäre eine Wirt­schaft, die kon­se­quent nach dem C2C-Prin­zip ver­fährt nur in einer Plan­wirt­schaft mög­lich? Oder müss­te man die Viel­falt der Pro­duk­te dra­ma­tisch ein­schrän­ken?

Weder das eine noch das ande­re. Das hat nichts mit Plan­wirt­schaft zu tun oder mit Ein­schrän­kun­gen hin­sicht­lich von Pro­dukt­viel­falt. Es müs­sen kla­re Nut­zungs­sze­na­ri­en defi­niert wer­den: Neh­men wir ein Auto oder ein Fahr­rad. Die Rei­fen nut­zen sich ab und müs­sen als Ver­brauchs­gü­ter gese­hen wer­den. Momen­tan lan­den gif­ti­ge Par­ti­kel der Rei­fen in der Umwelt. Statt­des­sen soll­ten sie für den bio­lo­gi­schen Kreis­lauf designt sein, so dass sie kei­nen Scha­den anrich­ten – sie bes­ten­falls sogar posi­tiv auf die Umwelt ein­wir­ken. Der Rah­men des Fahr­rads soll­te als Gebrauchs­gut kom­plett demon­tier­bar sein, so dass kei­ne Mate­ria­li­en ver­lo­ren gehen, sie statt­des­sen im tech­ni­schen Kreis­lauf zir­ku­lie­ren. Man darf nicht von einer Lebens­dau­er eines Pro­duk­tes reden, son­dern defi­nie­ren, was nach der Nut­zung eines Pro­duk­tes damit geschieht. Sol­che Sze­na­ri­en müs­sen in der Gesell­schaft gemein­sam gere­gelt wer­den, das kann der Markt machen, das kann auch poli­tisch bzw. staat­lich gere­gelt wer­den. Grund­sätz­lich ist es wich­tig, dass trans­pa­rent damit umge­gan­gen wird, was in Pro­duk­ten ent­hal­ten ist. Die bis­he­ri­ge frei-von-Men­ta­li­tät hilft uns nicht wei­ter, da ggf. ande­re schäd­li­che Stof­fe als Alter­na­ti­ve ver­wen­det wer­den. Her­stel­len­de müs­sen wis­sen, was in ihren Pro­duk­ten ent­hal­ten ist. C2C ist dabei nur ein ver­gleichs­wei­se klei­ner Schritt, wenn man weiß, was im Pro­dukt drin ist. Hier besteht momen­tan aber noch ein Pro­blem. Durch Fremd­fer­ti­gung etc. gibt es zum Teil nur unge­nü­gen­des Wis­sen über das eige­ne Pro­dukt. So kann es defi­ni­tiv nicht wei­ter­ge­hen.

Kann man mit dem C2C-Prin­zip auch sozia­le Miss­stän­de in den Blick neh­men? Taugt es, um ein gerech­te­res Wirt­schafts­sys­tem zu ent­wer­fen?

Auf jeden Fall! Nach C2C soll alles gesund für Mensch und Umwelt pro­du­ziert wer­den. Das schließt nicht nur die Men­schen ein, die das Pro­dukt nut­zen, son­dern auch die­je­ni­gen, die es her­stel­len. Es darf nicht sein, dass Men­schen, die T-Shirts ein­fär­ben an Haut­krank­hei­ten lei­den oder Atem­wegs­er­kran­kun­gen bekom­men. Fai­re und gesun­de Arbeits­be­din­gun­gen sind ein wich­ti­ges Qua­li­täts­merk­mal für C2C.
Ein gerech­tes Wirt­schafts­sys­tem bedeu­tet kei­ne Men­schen aus­zu­beu­ten und macht weder die Her­stel­len­den noch die Nutzer*innen krank. Roh­stof­fe müs­sen in Kreis­läu­fen zir­ku­lie­ren, damit sie für zukünf­ti­ge Gene­ra­tio­nen erhal­ten blei­ben. Wir müs­sen sau­be­ren Ener­gie nut­zen und nicht auf fos­si­le Brenn­stof­fe set­zen, da durch den Kli­ma­wan­del im Zwei­fel vor allem die Ärms­ten auf der Welt betrof­fen sind. Für ein gerech­tes Wirt­schafts­sys­tem müs­sen wir gesamt­ge­sell­schaft­li­che Pro­ble­me berück­sich­ti­gen und nicht nur den Pro­fit betrach­ten. Und genau das tun wir mit C2C, wir stel­len Umwelt, Wirt­schaft Kul­tur und Sozia­les auf eine Ebe­ne.

Nora Sophie Grie­f­ahn & Tim Jan­ßen

 

Kunstausstellung WA(H)RE ANGST in Pforzheim öffnet

Kunstausstellung WA(H)RE ANGST eröffnet in Pforzheim

Kunstausstellung

Die Neon­schrift der Künst­le­rin Kath­rin Borer wird in Pforz­heim aus­ge­stellt. © Kath­rin Borer “Don’t sell me fear”, 2016. Foto: Andre­as Hagen­bach

Wa(h)re Angst“ – das ist der Name einer Kunst­aus­stel­lung, die vom 6. bis zum 29. Okto­ber 2017 im EMMA – Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim statt­fin­det. Wir freu­en uns auf die Wer­ke von:

 

Angst kennt jeder. Sie beein­flusst wesent­lich unse­re Hand­lun­gen und ist ein grund­le­gen­der Fak­tor ratio­na­ler und emo­tio­na­ler Ent­schei­dun­gen. Doch wel­che Ereig­nis­se lösen Ängs­te in uns aus und wovor haben wir eigent­lich Angst? Vor Sta­tus­ver­lust? Vor frem­den Kul­tu­ren? Vor dem Rechts­ruck? Vor ande­ren Reli­gio­nen? Vor der Zukunft? Vor Ver­ant­wor­tung, Ver­än­de­rung oder Kom­ple­xi­tät? Oder gar vor dem Tod? Unse­re ein­sei­ti­ge Aus­rich­tung auf Mate­ri­el­les (Haus, Auto, Geld) ruft außer­dem eine wei­te­re Angst her­vor: die Angst vor einer Wirt­schafts­kri­se und den damit ver­bun­de­nen Gefähr­dun­gen und Wohl­stands­ein­bu­ßen.

Jetzt ver­sand­kos­ten­frei erhält­lich: Die Aus­ga­be zum The­ma mit Heinz Bude (“Die Gesell­schaft der Angst”), Tho­mas Gut­knecht (“Mut und Hal­tung statt Wut und Spal­tung”), Peter-André Alt (“Franz Kaf­ka – Exper­te für die dunk­len Gefüh­le”), Otto Tei­schel (“Angst und Ideo­lo­gie”) uvm.

Die Aus­stel­lung „Wa(h)re Angst“ hin­ter­fragt die durch Ängs­te her­vor­ge­ru­fe­nen und gepräg­ten aktu­el­len poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen und ermög­licht so einen kri­ti­schen Blick auf deren Ursprün­ge und mög­li­che Fol­gen. Der Aus­stel­lungs­ti­tel „Wa(h)re Angst“ bezieht sich dabei zum einen auf Angst als Ware, mit der in Poli­tik und Wirt­schaft gehan­delt wird, und zum ande­ren auf die Fra­ge, ob es eine „wah­re“ Angst gibt und wie die­se aus­se­hen könn­te. Inter­na­tio­na­le Künst­ler eröff­nen unge­wohn­te Per­spek­ti­ven auf mensch­li­che Ängs­te und bezie­hen mit ihren Wer­ken Stel­lung zu poli­ti­schen The­men.

Die Kunst­aus­stel­lung wird vom EMMA — Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim ver­an­stal­tet und von dem Künst­ler Janusz Czech kura­tiert. Czech ist Redak­teur der agora42 und schon lan­ge mit dem Maga­zin ver­bun­den – es lag also auf der Hand, das The­ma gemein­sam anzu­pa­cken. So wer­den in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 die Künst­ler der Aus­stel­lung vor­ge­stellt und ihre Wer­ke auf den grü­nen Heft­sei­ten prä­sen­tiert.
Die Aus­stel­lung wird am 5. Okto­ber eröff­net und fin­det im EMMA — Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim (Emma-Jae­ger Stra­ße 20, 75175 Pforz­heim) sowie im gegen­über­lie­gen­den Alfons-Kern-Turm statt, einem denk­mal­ge­schütz­ten Trep­pen­turm der im Jahr 2010 abge­ris­se­nen Alfons-Kern-Schu­le.

 

 

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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WA(H)RE ANGST – Die neue agora42

*NEU* Die agora42-Herbstausgabe

Neue agora42: Wahre Angst

 

Don’t sell me fear leuch­tet es den Lesern auf dem Cover die­ser Aus­ga­be ent­ge­gen. Sei es die Angst vor frem­den Kul­tu­ren, vor dem Rechts­ruck, vor Sta­tus­ver­lust, vor einer Wirt­schafts­kri­se, vor der Zukunft oder vor dem Tod – jede Angst ruft fin­di­ge Men­schen auf den Plan, die Beru­hi­gung, Bes­se­rung und Bewäl­ti­gung ver­spre­chen. Bran­chen, die sich die Angst der Men­schen zunut­ze machen, wach­sen in den letz­ten Jah­ren über­pro­por­tio­nal. Aber: Muss man wirk­lich fürch­ten, was so vie­le fürch­ten? Oder liegt der Weg in die Zukunft nicht gera­de dar­in, sich der Angst zu stel­len, statt sie zu ver­drän­gen?

 

Wol­len wir etwas ver­än­dern, müs­sen wir uns der Angst stel­len.

Frank Ruda, Phi­lo­soph

Der Titel die­ser Aus­ga­be zielt in zwei Rich­tun­gen. Zum einen stel­len sich die Auto­ren der Fra­ge, ob mit der Angst ein Geschäft betrie­ben wird und ob sie als Ware gehan­delt wird. Also: Wer pro­fi­tiert von der Angst? Zum ande­ren wird die Fra­ge beant­wor­tet, ob es eine “wah­re Angst” gibt, die hin­ter allen Ängs­ten steckt. Was macht den Men­schen wirk­lich Angst?

 

Frank Augustin, agora42Ob die wil­de Ent­wick­lung neu­er Tech­no­lo­gi­en, die see­len­zer­fres­sen­de Selb­st­op­ti­mie­rung in Beruf, Fami­lie und Frei­zeit, die Hoff­nung auf grü­nes Wachs­tum und ande­re Wun­der oder die Suche nach Sün­den­bö­cken für was auch immer – all das wird nicht von ech­ter Über­zeu­gung getra­gen, son­dern dient der Ver­drän­gung der Wahr­heit: dass das neue Leit­bild, die neue Gesell­schafts­form nur ent­ste­hen wird, wenn wir der Wachs­tums­re­li­gi­on abschwö­ren.”

Frank Augus­tin, Chef­re­dak­teur agora42

 

Der Sozio­lo­gie­pro­fes­sor Heinz Bude gibt im Inter­view die­ser Aus­ga­be einen Aus­blick: “Immer mehr Leu­te in der Wirt­schaft sind wie­der zu der Ansicht gelangt, dass die Wirt­schaft ein Teil der Gesell­schaft und nicht die Gesell­schaft ein Teil der Wirt­schaft ist. Auf die­se „Milieus der Ver­nunft“ kann man bau­en.”

 

 

Neue Ausgabe

Die neue agora42 ist da!

u.a. mit
* Otto Tei­schel: Angst und Ideo­lo­gie
* Tho­mas Gut­knecht: Mut und Hal­tung statt Wut und Spal­tung
* Jona­than Barth / Chris­toph Gran: Zukunfts­fä­hig­keit statt Wachs­tum
* einem Por­trät über Franz Kaf­ka von Peter-André Alt
* Heinz Bude im Inter­view: Wer kei­ne Angst hat, hat auch kei­ne Zukunft

*EXTRA: künst­le­ri­sche Per­spek­ti­ven von u.a. Jonas Bur­gert, Mari­na Grži­nić, Gus­tav Klu­ge oder Roger Bal­len

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Was macht das Leben einfacher ? Antworten 34–42

42 Dinge, die das Leben einfacher machen

Die Fort­set­zung unse­rer Lis­te der 42 Ant­wor­ten auf die Fra­ge, was das Leben ein­fa­cher macht (Teil 1, Teil 2 und Teil 3 fin­den Sie hier). Die kom­plet­te Lis­te fin­den Sie in der aktu­el­len Aus­ga­be EINFACH LEBEN auf den Sei­ten 40–49.

In die­sem letz­ten Teil der Lis­te wird es prak­tisch. So prä­sen­tie­ren wir ein Kon­zept, das – ein­mal reak­ti­viert – sämt­li­che Com­pli­an­ce-Kata­lo­ge über­flüs­sig machen wür­de. Und auch wenn wir nicht viel von Com­pli­an­ce hal­ten, so wider­spre­chen wir doch ent­schie­den den “any­thing-goes” der Post­mo­der­ne. Was wir brau­chen sind kla­re und ver­bind­li­che Gren­zen bzw. Ver­bo­te (ein paar Vor­schlä­ge haben wir parat) von Din­gen und Ver­hal­tens­wei­sen, die offen­sicht­lich schlecht für das All­ge­mein­wohl sind. Fer­ner bie­ten wir all jenen, die in Zei­ten des Nied­rig­zin­ses nicht wis­sen wohin mit ihrem Geld, die ulti­ma­ti­ve Lösung, befas­sen uns mit Woll­klei­dung, dem Öffent­lich­keits­prin­zip der Schwe­den und über­las­sen das letz­te Wort einem Zen-Meis­ter.

Viel Freu­de bei der Lek­tü­re!

34. Anstand.

Ganz ein­fach: Nicht alles, was expli­zit ver­bo­ten ist, ist des­halb erlaubt. Man­che Sachen tut man ein­fach nicht. Und wenn eine Gesell­schaft so weit ist, dass die­se eigent­lich selbst­ver­ständ­li­chen Regeln des Zusam­men­le­bens nicht mehr selbst­ver­ständ­lich sind, dann hel­fen auch noch so vie­le Geset­ze, Ver­ord­nun­gen oder Com­pli­an­ce-Maß­nah­men nicht wei­ter, die alles nur kom­pli­zier­ter, aber nicht bes­ser machen.

35. Mich mit anderen verbinden.

Das schafft Wohl­fühl-Momen­te für mich und macht mein Leben ein­fa­cher: stim­mi­ger, weil es zu gemein­sam getra­ge­nen Lösun­gen kommt, leich­ter, weil ich kei­nen Wider­stand leis­te, erfüll­ter, weil ich mich nicht allei­ne füh­le. Lei­der geht es in unse­rer Leis­tungs­ge­sell­schaft eher um Unter­schie­de als um Gemein­sam­kei­ten und eher um Abgren­zung als um Ver­bin­dung. Es lohnt sich, unse­ren Hand­lungs­spiel­raum zu erwei­tern und zu schau­en, was einem mit ‚sich mal ganz aktiv ver­bin­den’ begeg­nen kann. Mich hat es sehr ver­wun­dert, wie sehr ich mich mit den ande­ren Per­so­nen nach nur einem Tag des gemein­sa­men Medi­tie­rens – also nur sit­zen, nichts reden, kei­ne Bli­cke tau­schen – ver­bun­den gefühlt habe.“ Clau­dia Trä­ger, Bera­te­rin und Yoga­leh­re­rin

 

36. Grenzen ziehen (1)

Viel­leicht wäre es anstatt eines gene­rel­len Bau­ver­bots sinn­vol­ler, das Ver­bot zu ertei­len, über einen gewis­sen (Stadt-)Radius hin­aus zu bau­en. So wür­de man ver­hin­dern, dass die Land­schaft immer mehr zer­sie­delt wird. Gleich­zei­tig wür­de es wie­der attrak­ti­ver wer­den, bestehen­de Gebäu­de umzu­bau­en bezie­hungs­wei­se neu zu nut­zen. Als bei­spiels­wei­se Bar­ce­lo­na noch von einer Stadt­mau­er umge­ben war, wur­de das vor­han­de­ne Are­al extrem effek­tiv genutzt. Dies wie­der­um hat den Vor­teil, dass Men­schen ins Gespräch kom­men und mehr Syn­er­gi­en ent­ste­hen.“ Chris­toph Muth, Stadt­pla­ner, in agora42, 02/2013

 

37. Grenzen ziehen (2).

War­um nicht ein paar Ver­bo­te, wenn’s all­zu wild wird? Macht man doch sonst auch: Din­ge, die offen­sicht­lich schlecht sind, wer­den ein­fach ver­bo­ten. Das hat nichts mit der Beschnei­dung von bür­ger­li­chen Frei­hei­ten zu tun, son­dern die­se „Frei­hei­ten“ füh­ren dazu, dass für kom­men­de Gene­ra­tio­nen alles am Arsch ist. Bei­spiels­wei­se soll­te end­lich kon­se­quent gegen die CO2-Schleu­dern schlecht­hin vor­ge­gan­gen wer­den. Sprich: Nicht mehr als einen Pri­vat­flug pro Jahr soll­te erlaubt sein. Und bei die­ser Gele­gen­heit: Waf­fen­ex­por­te und Kreuz­fahr­ten gehen prin­zi­pi­ell auch nicht.

 

38. Opulente Verschwendung.

Macht Geld das Leben ein­fach? Nicht unbe­dingt. Bir­ger Prid­dat for­mu­liert die Fra­ge anders: Wozu reich sein? Dabei unter­schei­det er zwi­schen armem und rei­chem Reich­tum. Armer Reich­tum, gleich­sam die klein­bür­ger­li­che Vari­an­te des Reich­tums, macht das Leben nicht ein­fa­cher. Die­ser „Reich­tum“ besteht dar­in, bloß in Luxus zu schwel­gen. Rei­cher Reich­tum hin­ge­gen bedeu­tet bei­spiels­wei­se, gro­ße Ereig­nis­se, Bau­wer­ke, Muse­en, Kunst, avant­gar­dis­ti­sche Tech­no­lo­gi­en etc. üppig zu finan­zie­ren. Dadurch wird nicht nur die Gesell­schaft reich am kul­tu­rel­len Luxus, son­dern der Reich­tum macht auch das Leben des Rei­chen sinn­vol­ler, weil er über sein eige­nes Leben hin­aus­weist. Bir­ger Prid­dat, Öko­nom und Phi­lo­soph, in agora42, 02/2013

 

39. Wollkleidung.

Weni­ger waschen, weni­ger hei­zen, tem­pe­ra­tur­aus­glei­chend, wärmt auch in nas­sem Zustand.

 

40. Einheitliche Steuern in der EU.

Zumin­dest Deutsch­land und Frank­reich haben inzwi­schen erkannt, dass ein­heit­li­che Steu­ern in einem ein­heit­li­chen Wäh­rungs- und Wirt­schafts­raum sinn­voll sind. Und wenn man schon dabei ist, die Unter­neh­mens­steu­ern zu ver­ein­heit­li­chen, dann könn­te man auch die Sozi­al­ab­ga­ben und Arbeit­neh­mer­rech­te har­mo­ni­sie­ren, sodass die Unter­neh­men die ein­zel­nen Staa­ten und die Arbeit­neh­mer der ein­zel­nen Län­der nicht mehr gegen­ein­an­der aus­spie­len kön­nen.

 

41. Öffentlichkeitsprinzip.

Ein ein­fa­ches Prin­zip, das „Offent­li­ghe­ts­princi­pen“ (Öffent­lich­keits­prin­zip), gibt den Schwe­den das Recht, in alle Akten und Doku­men­te, die in Behör­den und Ämtern lagern, Ein­sicht zu neh­men. Dabei ist es den Behör­den unter­sagt, Nach­for­schun­gen über den anfra­gen­den Bür­ger anzu­stel­len oder nach Grün­den für die Ein­sicht­nah­me zu fra­gen. Die­ses Recht wird von vie­len Schwe­den als unab­ding­bar für eine Demo­kra­tie ange­se­hen.

 

42. Die Wirklichkeit als Vorstellung begreifen.

Am ein­fachs­ten wird das Leben, wenn man auf­hört dar­an zu glau­ben, dass es kom­pli­ziert ist. Ist das zu ein­fach gedacht? Nein, es bedarf einer lan­gen Übung bis man bemerkt, dass das Den­ken an der Ent­ste­hung von dem, was wir Wirk­lich­keit nen­nen, ent­schei­dend betei­ligt ist. Und was ist der Mit­tel­punkt der Wirk­lich­keit? Ant­wort: unser Ich. Unser Ich ist näm­lich das unmit­tel­bars­te Ergeb­nis des Den­kens, wenn die­ses schein­bar nur damit beschäf­tigt ist, die ver­meint­lich objek­ti­ve Wirk­lich­keit wie­der­zu­ge­ben. Also noch­mals: Was macht das Leben ein­fach? Ein trai­nier­tes Bewusst­sein, das in der Lage ist zu erken­nen, dass die Wirk­lich­keit und wir mit ihr, eine wun­der­bar kom­pli­zier­te Schöp­fung des men­ta­len Bewusst­seins ist. Und wenn die­ses Bewusst­sein mal zur Ruhe kommt, was dann? Dann erscheint die Wirk­lich­keit als das, was sie auch immer schon ist: Das eine, unmit­tel­ba­re, ein­fa­che und stil­le Sosein, von dem das Den­ken mit den Fuß­no­ten eige­ner Krea­tio­nen unent­wegt ablenkt. Alex­an­der Por­aj, Zen-Meis­ter

 

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Was macht das Leben einfacher ? Antworten 14–24

42 Dinge, die das Leben einfacher machen

Die Fort­set­zung unse­rer Lis­te der 42 Ant­wor­ten auf die Fra­ge, was das Leben ein­fa­cher macht. Die kom­plet­te Lis­te fin­den Sie in der aktu­el­len Aus­ga­be EINFACH LEBEN auf den Sei­ten 40–49.

Hier die Ant­wor­ten 14 — 24 in denen es unter ande­ren um unser Ver­hält­nis zum Müll, ein sozia­les Pflicht­jahr, eine sinn­vol­le Regu­lie­rung der Finanz­märk­te, das rich­ti­ge Gehalt und das Musi­zie­ren geht.

So viel­fäl­tig die The­men sind, so unter­schied­lich sind auch die zitier­ten Per­so­nen. Neben einem Brett­spiel­ent­wick­ler kom­men Richard David Precht, der ehe­ma­li­ge Haupt­ge­schäfts­füh­rer des BDI Mar­kus Ker­ber, ein Vor­stand der Bank of Eng­land, Mar­tin Hei­deg­ger und die Nobel­preis­trä­ger Dani­el Kah­ne­man und Angus Dea­ton zu Wort.

14 — Neues Verhältnis zum Müll

1. Müll über­dau­ert – auch den Men­schen in sei­ner phy­si­schen Exis­tenz. Als das, was sei­ne phy­si­sche Exis­tenz über­dau­ern soll­te, hat­te der Mensch schon früh sei­ne See­le gedacht. Die­se ver­langt von ihm, mit sich ins Rei­ne zu kom­men. Das wie­der­um, so lehrt der Müll, lässt sich nicht durch den Ver­such der Aus­mer­zung des Unrei­nen bewerk­stel­li­gen; nicht dadurch, dass der Mensch sich rei­nigt, indem er die Erde ver­un­rei­nigt und sein Geschäft auf Kos­ten der Zukunft macht – die sei­ne Nach­welt ist. Der Mensch muss ler­nen, mit sei­nem Müll zu leben.
2. Um die Macht der Müll-Mate­rie zu bre­chen, mobi­li­siert der Mensch die Tech­nik; sie aber unter­liegt dem Ver­la­ge­rungs­ge­setz und lässt die Macht des Mülls sich in stets neu­em Gewand ent­fal­ten. Ler­nen, dem Müll kei­ne Macht zu geben, hie­ße, an den Din­gen vor ihrer Müll­wer­dung anzu­set­zen, das heißt, bevor sie dem Ver­la­ge­rungs­ge­setz unter­ste­hen. Was nötig wäre, ist eine men­ta­le Wen­de. Befrei­te sich der Mensch von sei­ner Beses­sen­heit von den Din­gen, so lie­ße auch der Müll von ihm ab und wüch­se nicht mehr über ihn hin­aus. Im 21. Jahr­hun­dert steht der Mensch vor einer über­mensch­li­chen Her­aus­for­de­rung: die Din­ge sein zu las­sen.“
Chris­ti­an Unver­zagt, Phi­lo­soph, in agora42, 03/2014

15 — Zufall anerkennen

Wir den­ken ger­ne in den Kate­go­ri­en von Ursa­che und Wir­kung. Wer es zu nichts gebracht hat, gilt als faul oder unfä­hig. Doch soll­ten wir uns ein­ge­ste­hen, dass die Wir­ren des Lebens oft mehr den Wer­de­gang bestim­men als Vor­aus­sicht und Pla­nung. Wer den Zufall aner­kennt, stärkt damit auch die Bereit­schaft, den vom Glück weni­ger Begüns­tig­ten unter die Arme zu grei­fen, anstatt sie sozi­al aus­zu­gren­zen.“
Marr­cel-And­ré Casa­so­la Merk­le, Brett­spiel­ent­wick­ler, in agora42, 04/2012

16 — Soziales Pflichtjahr

Richard David Precht spricht sich für ein sozia­les Pflicht­jahr für jun­ge Men­schen im Alter von 19/20 Jah­ren sowie eines für Men­schen im Ren­ten­ein­tritts­al­ter aus: „Der Sinn bei­der Pflicht­jah­re besteht in der Erfah­rung von ‚Selbst­wirk­sam­keit’. Wer in eine ande­re Lebens­welt hin­ein­riecht und einen sozia­len Bei­trag über den eige­nen Tel­ler­rand hin­aus leis­tet, erlebt das bestä­ti­gen­de Gefühl der Nütz­lich­keit. Er lernt Neu­es ken­nen und bringt sich selbst in die­sen neu­en Kon­text ein. Auf die­se Wei­se kann es, im kan­ti­schen Sin­ne, zu sinn­stif­ten­den Erfah­run­gen kom­men. Wie vie­le Zivil­dienst­leis­ten­de, die ihren Bei­trag nie frei­wil­lig geleis­tet hät­ten und wahr­schein­lich noch nicht ein­mal auf die Idee gekom­men wären, ihn zu leis­ten, waren im Nach­hin­ein dann der Ansicht, dass sie eine sinn­vol­le Zeit ver­bracht und wert­vol­le Erfah­run­gen gemacht haben? Das Glei­che dürf­te für Rent­ner und Pen­sio­nä­re gel­ten, die die wert­vol­le Erfah­rung machen kön­nen, ihr Wis­sen wei­ter­zu­ge­ben und gebraucht zu wer­den – obwohl sie dies frei­wil­lig oft nicht tun wür­den, sei es aus Bequem­lich­keit, Ver­drän­gung oder einer Unsi­cher­heit, für was sie sich ent­schei­den sol­len und wie so etwas anzu­stel­len sei.“
Richard David Precht, Phi­lo­soph, in agora42, 02/2012

17 — Von anderen Kulturen lernen

Auch wenn wir Deut­schen bei­spiels­wei­se wei­ter­hin in höhe­rem Maße unse­re Steu­ern zah­len, könn­te uns die All­tags­ge­las­sen­heit von Ita­lie­nern, Spa­ni­ern oder Grie­chen in unse­rer zuwei­len über­stei­ger­ten Pro­zess­ge­sell­schaft doch etwas Ent­span­nung ver­mit­teln, oder? Und ande­rer­seits haben wir es kom­plett ver­säumt zu fra­gen, ob nicht deut­sche Poli­ti­ker mit ihrer Recht­streue und Inte­gri­tät ein wich­ti­ges Vor­bild für die Men­schen im Süden wären, die sich so etwas schon lan­ge wün­schen, es aber in ihrer poli­ti­schen Klas­se zu wenig fin­den. Von­ein­an­der zu ler­nen, das muss das Leit­mo­tiv sein.“
Mar­kus Ker­ber, ehe­ma­li­ger Haupt­ge­schäfts­füh­rer des BDI, in agora42, 03/2016

18 — Regulierung der Finanzmärkte | a

Modern finan­ce is com­plex, perhaps too com­plex. Regu­la­ti­on of modern finan­ce is com­plex, almost cer­tain­ly too com­plex. That con­fi­gu­ra­ti­on spells trou­ble. As you do not fight fire with fire, you do not fight com­ple­xi­ty with com­ple­xi­ty. Becau­se com­ple­xi­ty gene­ra­tes uncer­tain­ty, not risk, it requi­res a regu­la­to­ry respon­se groun­ded in sim­pli­ci­ty, not com­ple­xi­ty.“
Andrew G. Hal­dane, Vor­stand der Bank of Eng­land in The dog and the fris­bee

19 — Regulierung der Finanzmärkte | b

Die Bank- und Finanz­an­ge­bo­te, die unmit­tel­bar der Real­wirt­schaft die­nen, sind, wo mög­lich, zu dere­gu­lie­ren, die­je­ni­gen, die mit­tel­bar der Real­wirt­schaft die­nen, zu regu­lie­ren und zu kon­trol­lie­ren sowie die­je­ni­gen, die nicht der Real­wirt­schaft die­nen, zu ver­bie­ten.“
Tho­mas Jor­berg, Vor­stands­spre­cher der GLS Bank, in agora42, 02/2011

20 — Regulierung der Finanzmärkte | c

Wenn die Finanz­bla­se nicht plat­zen soll, muss ver­hin­dert wer­den, dass sie sich wei­ter auf­pumpt. Eine Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­er könn­te dabei hel­fen (…). Aller­dings könn­te eine Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­er allein noch nicht ver­hin­dern, dass sich Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen bil­den (…). Daher sind zwei wei­te­re Maß­nah­men nötig: Das Eigen­ka­pi­tal der Ban­ken und Schat­ten­ban­ken muss deut­lich stei­gen, so dass sie Ver­lus­te selbst tra­gen kön­nen. Zudem müs­sen alle Deri­va­te über Bör­sen lau­fen – und kom­ple­xe Finanz­pro­duk­te ver­bo­ten wer­den, wenn ihr volks­wirt­schaft­li­cher Sinn nicht erkenn­bar ist.“
Ulri­ke Herr­mann, Wirt­schafts­jour­na­lis­tin und Publi­zis­tin, Der Sieg des Kapi­tals (Piper Ver­lag, 2015)

21 — Das richtige Gehalt | a

In einer Stu­die fan­den die Öko­no­men Dani­el Kah­ne­man und Angus Dea­ton her­aus, dass das Wohl­be­fin­den (emo­tio­nal well- being) bis zu einem jähr­li­chen Gehalt von cir­ca $75.000 steigt. Dar­über hin­aus hat ein stei­gen­des Gehalt kei­nen Ein­fluss auf das Wohl­be­fin­den.
High inco­me impro­ves eva­lua­ti­on of life but not emo­tio­nal well-being in PNAS vol. 107 no. 38 (2010)

22 — Das richtige Gehalt | b

Im April 2015 gab der Geschäfts­füh­rer von Gra­vi­ty Payments, Dan Pri­ce, bekannt, dass er, inspi­riert durch die Stu­die von Kah­ne­man und Dea­ton, all sei­nen Ange­stell­ten einen Min­dest­lohn von $70.000 (der Durch­schnitts­lohn lag vor­her bei $48.000) bezah­len wird – ein Betrag, den man braucht, um ein „nor­mal life“ füh­ren zu kön­nen. Er selbst redu­zier­te sein Gehalt von über $1 Mil­li­on auf den­sel­ben Betrag.
https://gravitypayments.com/ thegravityof70k/

23 — Gelassenheit und Offenheit

Wir kön­nen zwar die tech­ni­schen Gerä­te benut­zen und doch zugleich bei aller sach­ge­rech­ten Benüt­zung uns von ihnen so frei­hal­ten, daß wir sie jeder­zeit los­las­sen. (…) Wir kön­nen ‚ja’ sagen zur unum­gäng­li­chen Benüt­zung der tech­ni­schen Gegen­stän­de, und wir kön­nen zugleich ‚nein’ sagen, inso­fern wir ihnen ver­weh­ren, daß sie uns aus­schließ­lich bean­spru­chen und so unser Wesen ver­bie­gen, ver­wir­ren und zuletzt ver­öden. (…) Unser Ver­hält­nis zur tech­ni­schen Welt wird auf eine wun­der­sa­me Wei­se ein­fach und ruhig. (…) Ich möch­te die­se Hal­tung des gleich­zei­ti­gen Ja und Nein zur tech­ni­schen Welt mit einem alten Wort nen­nen: die Gelas­sen­heit zu den Din­gen. Die Gelas­sen­heit zu den Din­gen und die Offen­heit für das Geheim­nis gehö­ren zusam­men. (…) Die Gelas­sen­heit zu den Din­gen und die Offen­heit für das Geheim­nis geben uns den Aus­blick auf eine neue Boden­stän­dig­keit.“
Mar­tin Hei­deg­ger, Gelas­sen­heit (Klett- Cot­ta Ver­lag)

24 — Musik machen

Musik macht die Welt ein­fa­cher: Ein schlech­ter Mor­gen, gereiz­te Stim­mung, Ber­ge voll Arbeit und kran­ke Kin­der im Haus – wer da ein Lied anstimmt, kann sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät zurückgewinnen. Rhyth­mus gibt Struk­tur und Melo­di­en lei­ten die Gefüh­le. Wer Musik macht, ist ein­fach selbst­be­stimmt.

 

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