Das Irrenhaus voller Chefärzte – Ein sehr kurzes Kurzinterview mit Theaterwissenschaftler Ulf Schmidt

Das Irrenhaus voller Chefärzte

Ein sehr kurzes Kurzinterview mit Theaterwissenschaftler Ulf Schmidt anlässlich der aktuellen Ausgabe zum Thema Ordnung.

 

 

Herr Schmidt, was ist Ord­nung?

Ein Irren­haus vol­ler Chef­ärz­te.

 

Und wann ent­steht das Gefühl der sozia­len Unord­nung, die Sehn­sucht nach “mehr Ord­nung”, auch wenn dazu hart durch­ge­grif­fen wer­den muss?

Wenn die Chef­ärz­te mit­ein­an­der ins Gespräch kom­men.

 

Gab es schon ein­mal eine gesell­schaft­li­che Ord­nung, die den Men­schen so wenig Sinn (in per­sön­li­cher, exis­ten­zi­el­ler Hin­sicht) für ihr Leben gab, wie die heu­ti­ge?

Ja.

 

Heu­te wächst bei eini­gen Bevöl­ke­rungs­tei­len die Sehn­sucht nach einer auto­ri­tä­ren Ord­nung; nach einer Ord­nung, die man spürt. War­um fällt es die­sen Men­schen so schwer das Pro­blem „ver­nünf­ti­ger“ anzu­ge­hen und basie­rend ihrer berech­tig­ten Kri­tik am Sta­tus Quo neue rechts­staat­li­che Uto­pi­en auf­zu­zei­gen, für die es sich zu kämp­fen lohnt?

Weil die gan­zen Chef­ärz­te den Chef­arzt-Ses­sel für sich bean­spru­chen.

 

Was glau­ben Sie könn­te heu­te eher ein Aus­lö­ser für einen gesell­schaft­li­chen Wan­del sein: Poli­ti­sche, ver­nünf­ti­ge Beschlüs­se, oder über uns her­ein­bre­chen­de Kata­stro­phen? Oder gar etwas drit­tes?

Wenn die Irren ver­ste­hen, dass sie nur ein gemein­sa­mes Haus haben, in dem sie zusam­men­le­ben müs­sen.

 

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Ulf Schmidt ist Thea­ter­au­tor und bloggt seit 2009 auf postdramatiker.de über „Arbeit und Medi­en, Gesell­schaft­li­ches, Poli­ti­sches, Post­dra­ma­ti­sches“.

Gesellschaftliche Probleme finden direkten Niederschlag in der Psyche – Interview mit Ralf M. Damitz

Gesellschaftliche Probleme finden direkten Niederschlag in der Psyche

Inter­view mit Ralf M. Damitz – Teil 2

 

 

Anläss­lich der neu­en agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Ralf M. Damitz zum The­ma eini­ge Fra­gen gestellt. Er spricht über die Ver­hei­ßung von Finanz­pro­duk­ten, Wider­stands­fä­hig­keit als Res­sour­ce sowie die Ursa­che psy­chi­scher Kon­flik­te …

 

Die Real­wirt­schaft steht einem ent­fes­sel­ten und ihren Wert um ein Viel­fa­ches über­stei­gen­den Finanz­ka­pi­tal gegen­über. Hat die Wirt­schaft im mate­ri­el­len Sinn (Pro­duk­ti­on) nur noch Ali­bi­funk­ti­on?

Ich den­ke nicht. Wahr­schein­lich ist es die Wunsch­vor­stel­lung von Ver­mö­gens­be­sit­zern und (Finanz-)Investoren, dass man ein­fach – wie es ein gro­ßes deut­sches Bank­in­sti­tut bewirbt – sein Geld für sich arbei­ten las­sen kann. Aber wir erle­ben ja gera­de, dass die­se Auf­fas­sung so ein­fach nicht auf­geht.

Natür­lich geht es nicht ohne die soge­nann­te Real­wirt­schaft. Dass Real­wirt­schaft und Finanz­wirt­schaft sich gegen­sei­tig bedin­gen, dass sie untrenn­bar mit­ein­an­der Ver­floch­ten und auf­ein­an­der ange­wie­sen sind, dass sie sich posi­tiv wie nega­tiv gegen­sei­tig beein­flus­sen und ver­stär­ken ver­weist einer­seits auf die unge­heu­re Kom­ple­xi­tät, die in sol­chen Pro­zes­sen steckt (gera­de dann, wenn man öko­no­mi­sche Wert­schöp­fungs­ket­ten glo­bal denkt) und ande­rer­seits auf ein ideo­lo­gie­kri­ti­sches Moment, das bei Mar­xis­tIn­nen unter der Bezeich­nung Fetisch oder Feti­schi­sie­rung ver­han­delt wird.

Für Marx war das zins­tra­gen­de Kapi­tal die fetisch­ar­tigs­te Form des Kapi­tals. Feti­schis­mus bedeu­tet hier eine eigen­tüm­li­che Mys­ti­fi­ka­ti­on der bür­ger­lich-kapi­ta­lis­ti­schen Welt. Mys­ti­fi­ka­ti­on bedeu­tet, dass die­se Welt einem Schein, einer Selbst­täu­schung auf­sitzt. Wie kann es sein, so die Fra­ge, die Marx zu lösen bestrebt war, dass Geld, ein pro­fa­nes Ding, in unse­rer Welt die Fähig­keit besitzt, einen Wert­zu­wachs zu gene­rie­ren?

Wie kann es sein, so die Fra­ge, die Marx zu lösen bestrebt war, dass Geld, ein pro­fa­nes Ding, in unse­rer Welt die Fähig­keit besitzt, einen Wert­zu­wachs zu gene­rie­ren?

Das ist immer­hin die Ver­hei­ßung aller Finanz­pro­duk­te. Wie kann eine Geld­men­ge X als Kapi­tal den Anspruch begrün­den und rea­li­sie­ren, aus sich selbst her­aus mehr Geld zu erzeu­gen, sich also selbst zu ver­wer­ten? Die detail­lier­te Ant­wort auf sol­che Fra­gen umfasst über 2000 Sei­ten schwer ver­dau­li­che Theo­rie. Was Marx dabei aber auf­zeigt ist, dass Real­wirt­schaft und Finanz­wirt­schaft (oder in sei­nem Jar­gon: dass der Pro­duk­ti­ons­pro­zess des Kapi­tals und der Zir­ku­la­ti­ons­pro­zess des Kapi­tals) glei­cher­ma­ßen not­wen­dig sind und nur zusam­men das Gan­ze aus­ma­chen. Und das Gan­ze ist ein gigan­ti­scher Aus­beu­tungs­me­cha­nis­mus. Im Pro­duk­ti­ons­pro­zess wird das Sur­plus­pro­dukt pro­du­ziert, durch des­sen Rea­li­sie­rung über­haupt die Grund­la­ge geschaf­fen wird, auch die Ansprü­che der Zir­ku­la­ti­ons­sphä­re, Kre­di­te, Divi­den­den, etc., bedie­nen zu kön­nen. Die Arbeit, von Mil­lio­nen von Men­schen tag­täg­lich ver­rich­tet, ist (gemein­sam mit den Roh­stof­fen der Natur) die Quel­le die­ses gesell­schaft­li­chen Reich­tums; die ver­schie­de­nen Kapi­tal­for­men stel­len dem­ge­gen­über die Mit­tel dar, sich die Früch­te der Arbeit anzu­eig­nen. Die­sen Pro­zess aus­zu­blen­den und allein auf die qua­si-magi­sche Fähig­keit des Gel­des zu fokus­sie­ren ist Modus Ope­ran­di der bür­ger­lich-kapi­ta­lis­ti­schen Selbst­mys­ti­fi­ka­ti­on.

Man kann mit Marx die Erin­ne­rung dar­an wach­hal­ten, dass es nicht die gigan­ti­schen Geld­sum­men sind, die das dyna­mi­sche Moment der ent­fes­sel­ten Welt­wirt­schaft dar­stel­len, son­dern, etwas empha­tisch aus­ge­drückt, das bele­ben­de Feu­er der Arbeit. Wer meint, das sei doch alles ein alter Hut, der hat frei­lich recht. Aber viel­leicht ist die­ses ideo­lo­gi­sche Moment, das Marx schon vor lan­ger Zeit auf­lö­sen woll­te, heu­te noch wirk­sa­mer denn je? Wer bei­spiels­wei­se die viel­ge­lob­te ZDF-Serie »Bad Banks« anschaut, in der es um eben­die­se gigan­ti­schen Geld­sum­men geht, wird fest­stel­len, dass die ein­zi­gen, die dort ernst­haft arbei­ten, die flei­ßi­gen Fond-Mana­ge­rIn­nen sind. Das ist genau die ver­zau­ber­te, ver­kehr­te und auf den Kopf gestell­te Welt, von der Marx sprach.

 

Gibt es Mög­lich­kei­ten, sein Leben wider­spruchs­frei aus­zu­rich­ten? Oder ist die unbe­ding­te Wider­spruchs­frei­heit auch eine Ideo­lo­gie?

Mit wider­sprüch­li­chen Hand­lungs­an­for­de­run­gen umzu­ge­hen, ist vor allem schwie­rig und anstren­gend – es zehrt an uns. Es dürf­te kein Zufall sein, dass Arbeits­psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie in den letz­ten Jah­ren glei­cher­ma­ßen das The­ma Resi­li­enz ent­deckt haben und mei­nen, damit eine kost­ba­re Res­sour­ce unse­rer Zeit gefun­den zu haben. Man redet dann über Res­sour­cen, Fähig­kei­ten oder Stra­te­gi­en, die wir moder­nen Sub­jek­te haben, ent­wi­ckeln oder erwer­ben kön­nen, um mit Kri­sen, Schocks oder eben Wider­sprü­chen umge­hen zu kön­nen und sta­bil zu blei­ben. Woher kommt die in die­ser Auf­fas­sung durch­schim­mern­de Anfäl­lig­keit von uns moder­nen Sub­jek­ten?

Es dürf­te kein Zufall sein, dass Arbeits­psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie in den letz­ten Jah­ren glei­cher­ma­ßen das The­ma Resi­li­enz ent­deckt haben und mei­nen, damit eine kost­ba­re Res­sour­ce unse­rer Zeit gefun­den zu haben.

Schon früh hat Ulrich Beck dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Stär­kung der Auf­fas­sung, wir sei­en freie, auto­nom ent­schei­den­de, selbst­ver­ant­wort­lich han­deln­de Indi­vi­du­en, Gefahr mit sich brin­ge. Dem Trend zur indi­vi­dua­li­sier­ten Lebens­füh­rung, der Aus­brei­tung eines ich­zen­trier­ten Welt­bil­des kor­re­spon­diert der Ver­lust von einst als kol­lek­tiv erleb­ten Schick­sa­len nebst geteil­ten Hand­lungs- und Deu­tungs­mus­tern; sie hal­fen, den eige­nen Platz in der Gesell­schaft und das, was einem in der und durch die Gesell­schaft wider­fährt, ein­zu­ord­nen. Becks The­se ist nun, dass die Indi­vi­dua­li­sie­rungs­an­for­de­run­gen, die die Gesell­schaft an uns stellt, gewis­ser­ma­ßen Indi­vi­du­um und Gesell­schaft kurz­schlie­ßen. Soll hei­ßen: Gesell­schaft­li­che Pro­blem­la­gen fin­den direk­ten Nie­der­schlag in psy­chi­schen Dis­po­si­tio­nen; geför­dert wer­den also per­sön­li­ches Unge­nü­gen, Schuld­ge­füh­le, Ängs­te, psy­chi­sche Kon­flik­te und Neu­ro­sen.

Ich kann mir zwar eini­ger­ma­ßen her­lei­ten, war­um es zuneh­mend schwie­ri­ger erscheint, in unse­rer Gegen­warts­ge­sell­schaft eine kla­re Vor­stel­lung zu haben, wie man leben oder wor­an man sein Leben aus­rich­ten soll, aber ich muss zuge­ben: Ich habe schlicht kei­ne Ant­wort auf die gestell­te Fra­ge. Sor­ry.

 

Das Kapi­tal schafft sich eine Welt nach sei­nem Bil­de” – Inter­view mit Ralf M. Damitz (Teil 1)

Gesell­schaft­li­che Pro­ble­me fin­den direk­ten Nie­der­schlag in der Psy­che – Inter­view mit Ralf M. Damitz (Teil 2)

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In Zeiten des Widerspruchs:

Die Wirt­schaft macht Poli­tik, Geld macht nicht mehr glück­lich, die Gesell­schaft ver­lässt den Men­schen und der Mensch ver­liert sich selbst. War­um die Welt ver­rückt gewor­den ist. Die neue agora42.

Mit u.a.:

Ernst Ulrich von Weiz­sä­cker im Inter­view “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech: “Wohl­stand im Wider­spruch”

Ant­je von Dewitz: “Wir alle müs­sen Kon­trol­le abge­ben”

Tan­ja Will: “Die Ver­nunft in der Sack­gas­se”

Sven Bött­cher: “Anders!” ist das neue “Bas­ta!”

Das Kapital schafft sich eine Welt nach seinem Bilde” – Interview mit Ralf M. Damitz

Das Kapital schafft sich eine Welt nach seinem Bilde”

Inter­view mit Ralf M. Damitz – Teil 1

 

Anlässlich der neuen agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Ralf M. Damitz zum Thema einige Fragen gestellt. Er spricht über Arbeit und Kapital, Unfreiheit am Arbeitsplatz, Armut als notwendiges gesellschaftliches Produkt sowie die Verstrickung von Demokratie und Kapitalismus …

 

Die neue agora42 hat den Titel „Wirt­schaft im Wider­spruch“. Wel­cher Wider­spruch ist für Sie der bedeut­sams­te?

Für mich hat in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit tat­säch­lich der klas­si­sche Wider­spruch von Arbeit und Kapi­tal zuneh­mend an Bedeu­tung gewon­nen. Aller­dings weni­ger aus theo­re­ti­schen oder irgend­wie gear­te­ten ideo­lo­gi­schen Grün­den, son­dern auf­grund für mich sehr inter­es­san­ter per­sön­li­cher Erfah­run­gen:

Ich bin seit ca. 5 Jah­ren qua­si neben­be­ruf­lich Betriebs­rat in einem Leih­ar­beits­un­ter­neh­men. Die­ses Unter­neh­men bie­tet sozia­le Dienst­leis­tun­gen an, Betreu­ung und Assis­tenz von behin­der­ten Men­schen. Im Grun­de genom­men ist das nicht das klas­si­sche Ein­satz­ge­biet von Leih­ar­beit. Es ist aber auch kein klas­si­sches Arbeits- bzw. Tätig­keits­feld. Denn Assis­tenz­dienst­leis­tun­gen sind noch nicht all­zu lan­ge als Lohn­ar­beits­ver­hält­nis erschlos­sen (frü­her wur­de das vor allem von Zivil­dienst­leis­ten­den abge­deckt). Das Tätig­keits­feld ist in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten prak­tisch im Schat­ten der gro­ßen The­men und jen­seits der poli­ti­schen Auf­merk­sam­keit ent­stan­den und ist des­halb bis­wei­len weder für Gewerk­schaf­ten, noch für poli­ti­sche Par­tei­en oder Insti­tu­tio­nen irgend­wie inter­es­sant gewe­sen. Man hat es daher mit wenig regu­lier­ten Arbeits­be­din­gun­gen zu tun, die meist allein arbeit­ge­ber­sei­tig aus­ge­stal­tet wor­den sind. Das hat gra­vie­ren­den Fol­gen für die Arbeit­neh­me­rIn­nen.

Wer jetzt denkt, im sozia­len Bereich kann das doch nicht so schlimm sein, der irrt. Gera­de dort, wo cari­ta­ti­ve oder dia­ko­ni­sche Ein­rich­tun­gen, zivil­ge­sell­schaft­li­che Akteu­re, Ver­ei­ne und Sozi­al­un­ter­neh­men aktiv sind, ist ein rie­sen­gro­ßes Expe­ri­men­tier­feld in Sachen mie­ser Arbeits­be­din­gun­gen ent­stan­den. Der Geschäfts­füh­rer eines loka­len Assis­tenz­dienst­leis­ters gab auf einer Podi­ums­dis­kus­si­on mal das Bon­mot zum Bes­ten, dass, wer sozi­al wert­vol­le Arbeit leis­te, sich doch bit­te­schön nicht auch noch um ver­nünf­ti­ge Arbeits­be­din­gun­gen, geschwei­ge denn um ange­mes­se­ne Bezah­lung küm­mern müs­se. Kein Ein­zel­fall. Das Leih­ar­beits­un­ter­neh­men, für das ich arbei­te, war bis zu dem Zeit­punkt, als sich der Betriebs­rat gegrün­det hat, im Grun­de genom­men nicht viel mehr als eine Brief­kas­ten­fir­ma mit einem klar auf der Hand lie­gen­den Geschäfts­mo­dell: Ein­stel­lun­gen kön­nen im Ver­gleich zum Haus­ta­rif mit einem um cir­ca 30% redu­zier­ten Stun­den­ent­gelt, gerin­ge­ren Zeit­zu­schlä­gen, viel gerin­ge­ren Jah­res­son­der­zah­lun­gen und natür­lich ohne irgend­ei­ne Art betrieb­li­cher Alters­si­che­rung vor­ge­nom­men wer­den. Auch der Arbeits- und Gesund­heits­schutz oder die dort prak­ti­zier­ten Arbeits­zeit­mo­del­le fal­len mei­len­weit hin­ter gän­gi­ge Stan­dards zurück. Man kann anhand der Assis­tenz­dienst­leis­tun­gen sehr gut erken­nen: Wenn Unter­neh­men machen kön­nen was sie wol­len, wird die Arbeit und der Arbeits­platz schnell zum pri­vi­le­gier­ten Ort gesell­schaft­lich gestütz­ter Unfrei­heit.

Wenn Unter­neh­men machen kön­nen was sie wol­len, wird die Arbeit und der Arbeits­platz schnell zum pri­vi­le­gier­ten Ort gesell­schaft­lich gestütz­ter Unfrei­heit.

Für mich war es enorm span­nend dort Betriebs­rat zu wer­den. Im betriebs­rät­li­chen All­tags­ge­schäft befasst man sich viel mit der Mikro­ebe­ne von Kapi­tal vs. Arbeit. Selbst wenn im sozia­len Bereich nicht all­zu viel Geld im Spiel ist, schützt das nicht vor den herr­schen­den wirt­schaft­li­chen Dog­men. Bei uns war es so, dass der CEO des Mut­ter­kon­zerns bei einer renom­mier­ten Unter­neh­mens­be­ra­tung sein Hand­werk gelernt hat und anschlie­ßend natür­lich Erfol­ge ein­strei­chen woll­te. Und was pas­siert, wenn es gilt, ein durch­schnitt­li­ches Unter­neh­men betriebs­wirt­schaft­lich gut daste­hen zu las­sen? Natür­lich wird das gro­ße Spa­ren ver­ord­net, denn zuerst müs­sen die Zah­len stim­men! Man bekommt dann auf der einen Sei­te von der Geschäfts­füh­rung unaus­halt­ba­re unter­neh­me­ri­sche Flos­keln, aller­lei wirt­schafts­ideo­lo­gi­schen Legi­ti­ma­ti­ons­quatsch und manch­mal auch saf­ti­ge Lügen ser­viert. Auf der ande­ren Sei­te sieht man, wie auf Sei­te der Kol­le­gIn­nen regi­de Wirt­schafts­pla­nung, schlecht orga­ni­sier­te Arbeits­ab­läu­fe und man­geln­de unter­neh­me­ri­sche Für­sor­ge die indi­vi­du­el­le Belas­tung in die Höhe trei­ben und gleich­zei­tig dafür sor­gen, dass die Stim­mung ins Boden­lo­se sinkt. Dann hilft natür­lich nur eins: Don´t mourn – orga­ni­ze!

Don´t mourn – orga­ni­ze!

Ins­ge­samt zeigt sich dabei die nach wie vor recht grund­sätz­li­che Wider­sprüch­lich­keit der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­ge­sell­schaf­tung durch Lohn­ar­beit: Der Lohn, der für die­je­ni­gen, die von ihrer Arbeit leben müs­sen, die Lebens­grund­la­ge dar­stellt, wird, selbst in sei­ner pre­kä­ren Form, für ihre Gegen­über, die Unter­neh­mer, in roten Zahl dar­ge­stellt; Lohn ist Kos­ten­fak­tor und damit ein Pos­ten, der prin­zi­pi­ell zu hoch ist, da er immer dem Gewinn ent­ge­gen­steht. Dar­un­ter lei­den natür­lich eben­so die Arbeits­be­din­gun­gen, auch sie wer­den durch Kos­ten­druck grund­le­gend umge­krem­pelt. Im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest steht sinn­ge­mäß der Satz: Das Kapi­tal schafft sich eine Welt nach sei­nem Bil­de. Ich den­ke, die­se Aus­sa­ge ist für unse­re Gegen­wart wört­li­cher zu neh­men denn je.
Eines hat sich für mich bei mei­ner Arbeit als Betriebs­rat deut­lich gezeigt: Ange­wand­te Betriebs­wirt­schaft ist noch immer eines der effek­tivs­ten Mit­tel im Klas­sen­kampf von oben.

Ange­sichts der enor­men Bedeu­tung und der immer stär­ke­ren Kon­zen­tra­ti­on des Kapi­tals: Sehen Sie die Demo­kra­tie und mit ihr den Wohl­fahrts­staat durch die­se Ent­wick­lung gefähr­det?

Was den Wohl­fahrts­staat betrifft, so ist es kei­ne all­zu stei­le The­se, wenn man behaup­tet, dass er mit­hil­fe der neo­li­be­ra­len Agen­da längst gründ­lich umge­baut wur­de; die­ser Wan­del wird seit Bill Clin­ton mit der Flos­kel From Wel­fa­re to Work­fa­re umris­sen. Man kann sicher­lich Grund­si­che­rung, Trans­fer­zah­lun­gen gemein­sam mit ande­ren wohl­fahrts­staat­li­chen Ange­bo­ten zum zivi­li­sa­to­ri­schen Stan­dard zäh­len; aller­dings ist der Wohl­fahrts­staat gegen­wär­tig eben­so Dis­zi­pli­nar­re­gime, das Armut ver­wal­tet, ten­den­zi­ell auch selbst pro­du­ziert, und das vor allem aller­lei Zumu­tun­gen für sei­ne Kli­en­tel bereit­hält – Chan­cen dafür wesent­lich sel­te­ner. Es ist letzt­lich immer eine Sache der Maß­stä­be, die man zur Beur­tei­lung anlegt. Mein Maß­stab ist unge­fähr fol­gern­der: Die Bun­des­re­pu­blik gehört zu den reichs­ten Indus­trie­na­tio­nen der Erde und gera­de des­halb ist der neo­li­be­ral getrimm­te Wohl­fahrts­staat und die dazu­ge­hö­ri­gen Dis­kus­sio­nen, bei­spiels­wei­se über die Höhe von Hartz IV oder über die so genann­ten Sozi­al­schma­rot­zer, eine ein­zi­ge Far­ce. Als Far­ce aber eben auch kein Zufall. Schließ­lich leben wir in einer Klas­sen­ge­sell­schaft, in der die Ver­tei­lung des pro­du­zier­ten Reich­tums rela­tiv bekann­ten Geset­zen gehorcht und Armut dabei als not­wen­di­ges gesell­schaft­li­ches Pro­dukt her­aus­kommt. Das aller­dings gehört nicht zum Sag­ba­ren des aktu­el­len bür­ger­li­chen Poli­tik­be­trie­bes.

Zum Stich­wort Demo­kra­tie den­ke ich, wir haben es bei die­sem gro­ßen Wort mit einer sehr viel­schich­ti­gen und ernst­zu­neh­men­den Pro­ble­ma­tik zu tun. Vie­les spricht zunächst für die The­se, dass Macht und Ein­fluss des Kapi­tals nach­hal­tig die Sphä­re des Poli­ti­schen (natio­nal wie inter­na­tio­nal) durch­drun­gen haben und dadurch demo­kra­ti­sche Pro­zes­se und Ent­schei­dungs­fin­dun­gen ver­än­dern, stö­ren oder sogar gefähr­den. Ich fin­de hier bei­spiels­wei­se die Zeit­dia­gno­se von Wolf­gang Stre­eck, der aktu­el­le Ent­wick­lun­gen als Ende des her­kömm­li­chen Kapi­ta­lis­mus inter­pre­tiert und ein neu­es Aneig­nungs- und Aus­beu­tungs­re­gime ent­ste­hen sieht, recht inter­es­sant. Aller­dings möch­te ich den Akzent mal ein wenig ver­schie­ben.
Wenn man den Spieß mal umdreht und fragt, wo und wann sich denn die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie – und das heißt natür­lich: die legi­ti­mier­ten Man­dats­trä­ge­rIn­nen – in den letz­ten Deka­den als Boll­werk gegen For­de­run­gen des Kapi­tals ver­stan­den haben, dann sieht es irgend­wie recht mau aus. Mehr noch: Das poli­ti­sche Geschäft der demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Akteu­re im pro­fes­sio­nel­len Poli­tik­be­trieb besteht zu einem nicht gerin­gen Teil dar­in, aktiv dafür zu sor­gen, dass die Anpas­sung der gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren an die als Sach­zwän­ge inter­pre­tier­ten öko­no­mi­schen Not­wen­dig­kei­ten so aus­fällt, dass auch in der Zukunft eine pro­spe­rie­ren­de (hei­mi­sche) Wirt­schaft mög­lichst saf­ti­ge Pro­fi­te gene­rie­ren kann. Und wir wis­sen aus der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit, dass dabei nahe­zu alle Berei­che der Gesell­schaft zur Dis­po­si­ti­on ste­hen. Das zeigt aber, dass die Demo­kra­tie und demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen tief in die Bestands- und Zukunfts­si­che­rung der kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung ver­strickt sind.

Die Demo­kra­tie und demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen sind tief in die Bestands- und Zukunfts­si­che­rung der kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung ver­strickt.

Im Klar­text: Die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie bür­ger­li­cher Prä­gung ist die dem moder­nen Kapi­ta­lis­mus adäqua­te Herr­schafts­form.
Wenn man also von einer Kri­se der Demo­kra­tie spre­chen möch­te, wür­de ich nicht die Kon­zen­tra­ti­on des Kapi­tals als ent­schei­den­des Pro­blem sehen, son­dern: Dass es an einem kol­lek­ti­ven poli­ti­schen Akteur man­gelt, der – popu­lis­tisch aus­ge­drückt – den Mäch­ti­gen und Ein­fluss­rei­chen in Poli­tik und Wirt­schaft eine ernst­haf­te Lek­ti­on in Sachen Demo­kra­tie bzw. Demo­kra­ti­sie­rung ertei­len könn­te.

Das Kapi­tal schafft sich eine Welt nach sei­nem Bil­de” – Inter­view mit Ralf M. Damitz (Teil 1)

Gesell­schaft­li­che Pro­ble­me fin­den direk­ten Nie­der­schlag in der Psy­che – Inter­view mit Ralf M. Damitz (Teil 2)

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Ralf M. Damitz stu­dier­te Sozio­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie. Er lebt und arbei­tet in Kas­sel.

Fremdbestimmt: Wenn Erwachsene zu Kindern werden – Michael Winterhoff im Interview

Anlässlich der neuen agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut zum Thema einige Fragen gestellt. Er spricht über Erwachsene, die zu Kindern werden, top-ausgebildete aber nicht lebensfähige Jugendliche, die Folgen der Digitalisierung sowie die Heilsamkeit des Alleinseins …

Fremdbestimmt: Wenn Erwachsene zu Kindern werden

Inter­view mit Micha­el Win­ter­hoff

Michael Winterhoff ist Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut. Große Bekanntheit erlangte sein Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit (Gütersloher Verlagshaus, 2008). Seit 1988 ist Winterhoff als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bonn niedergelassen. Als Sozialpsychiater ist er auch im Bereich der Jugendhilfe tätig. Er befasst sich vorrangig mit psychischen Entwicklungsstörungen im Kindes- und Jugendalter aus tiefenpsychologischer Sicht. Zuletzt von ihm erschienen: Die Wiederentdeckung der Kindheit. Wie wir unsere Kinder glücklich und lebenstüchtig machen (Gütersloher Verlagshaus, 2017).

 
Herr Win­ter­hoff, mit der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 wagen wir die The­se, dass der Wider­spruch ein Zei­chen der Zeit ist, dass schein­bar Selbst­ver­ständ­li­ches zuneh­mend zur Dis­kus­si­on steht, gleich ob in Wirt­schaft, Poli­tik oder im pri­va­ten Bereich. Wie erle­ben Sie die Zeit? Gibt es noch kla­re Ori­en­tie­rung?

Es erscheint mir, dass Wider­sprü­che heu­te oft nicht durch­dacht und fun­diert sind, sich also nicht aus einer Grund­ein­stel­lung her­aus ent­wi­ckeln, son­dern eher mit der Trotz­re­ak­ti­on eines Kin­des ver­gleich­bar sind, dass ein­fach „nein“ sagt. Die­ser Trotz rührt den­ke ich daher, dass sich immer mehr Men­schen fremd­ge­steu­ert füh­len. Alle wol­len stän­dig etwas von einem. Die Fir­ma, die Fami­lie etc. sind stän­dig prä­sent, was dazu führt, dass man auf die vie­len Anfor­de­run­gen nur noch reagiert nach dem Mot­to „Mist, noch ein Ter­min oben drauf“. Es ist wis­sen­schaft­lich bewie­sen, dass wir nur eine begrenz­te Anzahl an Mel­dun­gen auf­neh­men kön­nen. Dank Smart­pho­nes wer­den wir jedoch mit Mel­dun­gen bom­bar­diert. Jetzt pas­siert fol­gen­des: Der Mensch gerät in den Zustand der Reiz­über­flu­tung und regre­diert, das heißt er fällt psy­chisch zurück in den Zustand eines Kin­des – in die ein­zi­ge Pha­se sei­nes Lebens in der er fremd­be­stimmt war. Wenn die­ser Zustand nun als Dau­er­zu­stand vor­liegt, dann wird erklär­bar, war­um der Erwach­se­ne gar nicht mehr über sei­ne Psy­che ver­fügt, war­um er nicht mehr abge­grenzt ist und nicht mehr in sich ruhen kann. Wenn Sie ein­mal in die Stadt gehen und in die Gesich­ter der Leu­te schau­en, dann sehen Sie: gehetzt, genervt, gereizt, depres­siv. Kommt Ihnen aber jemand ent­ge­gen, der strahlt und ent­spannt ist, dann den­ken Sie fast, der hat Dro­gen genom­men.

Dabei ist eine dra­ma­ti­sche Ver­än­de­rung bei den Erwach­se­nen zu beob­ach­ten, die stän­dig unter Strom ste­hen und nur noch reagie­ren: die Bereit­schaft zur kon­struk­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zung kommt abhan­den. Das erklärt auch, war­um wir so gro­ße Schwie­rig­kei­ten haben eine Regie­rung zu bil­den, einen Flug­ha­fen zu bau­en, oder Brü­cken und Stra­ßen zu sanie­ren. Die Leu­te, die die Ver­ant­wor­tung dafür tra­gen bzw. tra­gen müss­ten, über­neh­men sie gar nicht mehr, son­dern dele­gie­ren sie an ande­re. Ich sehe rings­um nur noch Abbau und Kapi­tu­la­ti­on. Einer­seits lässt sich dies auf die bereits genann­te Unzu­frie­den­heit zurück­füh­ren, ande­rer­seits dreht sich der Erwach­se­ne zuneh­mend um sich selbst inmit­ten einer furcht­bar nar­ziss­ti­schen Gesell­schaft, wo der Blick für den ande­ren fehlt.

 

Wel­cher Wider­spruch ist für Sie der bedeut­sams­te?

Für mich ist der größ­te und nie­der­schmet­ternds­te Wider­spruch der, dass wir heu­te zwar wahn­sin­nig viel für unse­re Kin­der tun, aber trotz­dem fast 60 Pro­zent der Her­an­wach­sen­den nach Schul­ab­schluss nicht arbeits­fä­hig sind. Vie­len Prak­ti­kan­ten und Aus­zu­bil­den­den man­gelt es an Arbeits­hal­tung, Sinn für Pünkt­lich­keit oder der Fähig­keit Struk­tu­ren und Abläu­fe zu erken­nen und zu prio­ri­sie­ren. Die meis­ten waren zwar min­des­tens 10 Jah­re in der Schu­le und sind bes­tens erzo­gen, kön­nen aber über all das, was sie mal gelernt haben, nicht ver­fü­gen. Sie sind ein­fach nicht lebens­fä­hig.

Ein wei­te­rer Wider­spruch hat sich durch die Digi­ta­li­sie­rung erge­ben. Wir könn­ten uns die moder­ne Digi­tal­tech­no­lo­gie zunut­ze machen, indem sie uns ent­las­tet und mehr Zeit für uns selbst ver­schafft. Statt­des­sen sind wir einem Digi­ta­li­sie­rungs­wahn anheim gefal­len: Alles muss wahn­sin­nig schnell pas­sie­ren, der Schul­un­ter­richt wird digi­ta­li­siert und Kin­der müs­sen ler­nen zu pro­gram­mie­ren. Wir leben in einer Zeit, in der wir die Pro­ble­me in Ruhe ange­hen könn­ten, schließ­lich haben wir bei uns kei­ne ernst­haf­ten Kata­stro­phen, kei­ne ech­te Not, kei­nen Krieg oder Hun­ger. Aber vie­le Men­schen sind wie im Wahn: angst­ge­steu­ert, über­dreht und kopf­los.

 

Häu­fig beob­ach­tet man, dass Men­schen mit ihrer Lebens­si­tua­ti­on unzu­frie­den sind – der Job macht einen kaputt, der Part­ner nervt –, sie aber den­noch die­se Situa­ti­on nicht ändern. Wor­an liegt das?

Das liegt dar­an, dass wir unse­re eige­ne Psy­che gar nicht beur­tei­len kön­nen. Im Erwach­se­nen­al­ter wird bei­spiels­wei­se nur ein gerin­ger Pro­zent­satz von Depres­sio­nen über­haupt erkannt. Eine Depres­si­on ist häu­fig eine Stoff­wech­sel­stö­rung und führt bei den meis­ten Men­schen dazu, dass sie sich selbst viel abver­lan­gen („Stell dich nicht so an, reiß dich mal zusam­men“). Die­se Men­schen kämp­fen qua­si gegen eine Depres­si­on an, wür­den aber nie auf die Idee kom­men, dass sie selbst eine Depres­si­on haben.

Die schwie­rigs­te Leis­tung, die wir im All­tag erbrin­gen müs­sen ist die zwi­schen­mensch­li­che Leis­tung. Wenn ich mich bei­spiels­wei­se mit jeman­dem bespre­che, dann ist egal, ob ich Hun­ger habe, ob ich müde bin, oder ob ich Lust habe. Alle Impul­se die im Augen­blick des Gesprächs in mir sind, müs­sen von mei­ner Psy­che zur Sei­te gedrängt wer­den, damit ich mich auf den Gesprächs­part­ner ein­stel­len kann. Das ist eine wahn­sin­ni­ge Leis­tung unse­rer Psy­che und strengt das Gehirn enorm an. Das Gan­ze gilt jedoch nicht nur für ein Gespräch, son­dern auf für Tele­fo­na­te, E-Mail­ver­kehr oder in Sozia­le Netz­wer­ke.

Wir müss­ten in einem digi­ta­len Zeit­al­ter ganz anders leben, um unse­re Lebens­qua­li­tät zurück­zu­ge­win­nen. Mit ande­ren Wor­ten: Heu­te hat man kei­ne Lebens­qua­li­tät mehr, heu­te rast man auf den Tod zu. Die meis­ten Men­schen wer­den mor­gens wach und ihr Gehirn rat­tert bereits. In der einen Situa­ti­on sind sie gedank­lich schon in der nächs­ten oder über­nächs­ten. Sie sind immer „online“ und welt­weit live dabei – das gilt für posi­ti­ve wie nega­ti­ve Mel­dun­gen. Dadurch gera­ten sie bald in den Zustand der dif­fu­sen Angst. In die­sem Zustand sind heu­te vie­le Erwach­se­ne – angst­ge­steu­ert.

 

Ohne Han­dy, Com­pu­ter und Inter­net wäre man heu­te aller­dings weder arbeits­fä­hig, noch fähig sozia­le Kon­tak­te zu hal­ten. Wie kann man ange­sichts der digi­ta­len Über­for­de­rung also ver­hin­dern ver­rückt zu wer­den?

Um solch einen Zustand zu ver­hin­dern, muss unse­re Psy­che rege­ne­rie­ren. Rege­ne­ra­ti­on durch Schlaf allein reicht jedoch nicht. Wir müs­sen mit uns allei­ne sein und nichts tun. Das wird aller­dings immer schwie­ri­ger, wie ich in mei­nem aktu­el­len Buch Die Wie­der­ent­de­ckung der Kind­heit gezeigt habe. Dar­in habe ich die ana­lo­gen 1990er und die digi­ta­len 2015er gegen­über­stellt: In der ana­lo­gen Zeit war es üblich, dass man zu gewis­sen Zei­ten nicht ange­ru­fen wur­de: mit­tags nicht, nach 20 Uhr nicht und am Sonn­tag nicht. Nach der Arbeit hat­te man frei und Zeit für sich und war man im Urlaub, so war man ein­fach drei Wochen nicht erreich­bar. Damals hat­ten wir also sehr vie­le Aus­zei­ten, Muße und auch Lan­ge­wei­le. Das rege­ne­riert die Psy­che und des­halb waren wir damals sehr klar, abge­grenzt und ruh­ten in uns. Letzt­lich waren wir dadurch auch sehr zufrie­den.

Heu­te muss man sich also wie­der erden, aber wie soll das gehen? Es gibt die Mög­lich­keit, zu medi­tie­ren, Yoga zu machen oder sich in die Kir­che zu set­zen. Ich selbst gehe alle zwei Wochen 1–2 Stun­den allein durch den Wald, um zu rege­ne­rie­ren. In die­sen zwei Stun­den schwei­ge ich, nie­mand will etwas von mir und nie­mand kann mich errei­chen. Ich gehe immer den­sel­ben Weg und muss mich auf nichts ein­stel­len. So dau­ert es nicht lan­ge und ich bin wie­der in einer Situa­ti­on in der ich selbst Ent­schei­dun­gen tref­fen kann.

Schafft man es wie­der zur Ruhe zu kom­men, ist man auch wie­der zufrie­den und hat den Blick für das Wesent­li­che, kann die Pro­ble­me geord­net ange­hen und Ver­ant­wor­tung für sich und ande­re über­neh­men. Erst dann ist man auch wie­der in der Lage Wider­sprü­che kon­struk­tiv anzu­ge­hen.

 

Gibt es Mög­lich­kei­ten, sein Leben wider­spruchs­frei aus­zu­rich­ten (etwa pri­vat gesetz­te Prin­zi­pi­en nicht über Bord zu wer­fen, sobald man am Arbeits­platz sitzt)? Oder ist die unbe­ding­te Wider­spruchs­frei­heit auch eine Ideo­lo­gie?

Wir sind Men­schen und wer­den des­halb auch immer wie­der an den Punkt kom­men, wo wir wider­sprüch­lich leben und nicht nach einer Ideo­lo­gie. Ich den­ke es ist ange­legt, dass der Mensch wider­sprüch­lich ist und auch sein kann. Das fin­de ich per­sön­lich auch nicht schlimm. Es geht letzt­lich dar­um in wel­chen Berei­chen er wider­sprüch­lich ist. Wenn ich eine mora­li­sche Wert­vor­stel­lung habe, dann muss ich die­ser nicht immer 100-pro­zen­tig ent­spre­chen, son­dern kann auch mal einen Wider­spruch zulas­sen. Ohne kon­kret zu wer­den: Wenn man nach der Ideo­lo­gie der Wider­spruchs­lo­sig­keit lebt, dann hat man sich als Mensch her­aus­ge­nom­men. Wenn man mensch­lich mit sei­nen Wert­vor­stel­lun­gen lebt, dann darf man eben auch wider­sprüch­lich sein.

Das Inter­view führ­te Peter Lang­kau.

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Gerd B. Achenbach: Zeit der Krisen. Krisenzeit

Zeit der Krisen. Krisenzeit

Von Gerd B. Achenbach

 

 

Das Ende der Krise wäre das Ende der Neuzeit. Denn die Neuzeit geriet nicht in die Krise, sie ist die Krise: Krise in Permanenz.

 

Spricht man von „der“ Kri­se als der Kri­se, wel­che die Neu­zeit ist – von die­ser Dau­er­tur­bu­lenz, die alles erfass­te, was einst auf gesi­cher­tem Grund und Boden stand, ver­wur­zelt in lan­ger Tra­di­ti­on – heißt dies zugleich, von einer fort­wäh­ren­den Fol­ge von Kri­sen im Plu­ral zu spre­chen: So vom raschen Erlö­schen alles des­sen, was sich eben noch im Glan­ze sonn­te; vom Ver­al­ten alles Neu­en, kaum dass es sei­nen Auf­tritt hat­te; vom sang- und klang­lo­sen Ver­schwin­den eben noch mit gro­ßer Trom­mel­wir­be­lat­ti­tü­de annon­cier­ter Theo­ri­en; vom Schei­tern aller Hoff­nun­gen, kaum dass sie aus­ge­ru­fen wur­den; vom Ver­eb­ben aller Wel­len, die man gera­de noch als Flut erwar­tet hat­te; vom Ver­san­den und Ver­si­ckern der Paro­len, die rei­che Frucht und fet­te Ern­ten ange­kün­digt hat­ten; ja selbst die klein­lau­ten Beteue­run­gen, der schlimms­te Fall sei abwend­bar, und dort, wo etwas aus dem Ruder lau­fe, sei nur beherz­tes Gegen­steu­ern nötig, um das Schiff auf Kurs zu hal­ten – selbst sol­che For­meln, die längst nicht mehr ver­hei­ßungs­voll befeu­ern und beschwö­ren, son­dern nur noch dämp­fen und beschwich­ti­gen und bes­ten­falls die Wogen glät­ten sol­len, ver­schlei­ßen sich, wäh­rend längst an andern Stel­len ande­res in Brand geriet.

 

Alles steht auf der Kip­pe

Dr. Gerd B. Achen­bach, Vor­stand der Gesell­schaft für Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis, grün­de­te im Jahr 1981 die welt­weit ers­te Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis. Zuletzt von ihm erschie­nen: Das klei­ne Buch der inne­ren Ruhe (Ver­lag Her­der, 2010). Mehr unter achenbach-pp.de
Foto: Uwe Voel­k­ner / FOX

Und doch ist auch noch die­ses Bild zu harm­los, jeden­falls zu ordent­lich. Die Tur­bu­len­zen der Moder­ne sind kei­ne blo­ße Fol­ge kri­sen­haf­ter Vor­gän­ge, so als lös­te eine ledig­lich die ande­re ab und ver­dräng­te sie damit von den öffent­li­chen Foren, auf denen jetzt die neue oder neu­es­te der Kri­sen hin und her bere­det wür­de, bis sich auch die­se Dis­kus­si­on erschöpft hat und man ihrer über­drüs­sig ist und wie­der ande­res und neu­es den Alarm der Medi­en aus­löst.

Nein, die Kri­se, die unse­re Moder­ne ist, nag­te immer schon an allen einst soli­den Ansich­ten und wet­ter­fes­ten Über­zeu­gun­gen. Alle alt­ehr­wür­dig über­lie­fer­ten Gewiss­hei­ten und „Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten“ hat sie im Säu­rebad der ätzen­den Kri­tik zer­setzt und danach als unbrauch­bar ver­wor­fen, die Herr­schaft des moder­nen Geis­tes hat „alles Stän­di­sche und Ste­hen­de ver­dampft, alles Hei­li­ge ent­weiht“ (Marx/Engels) – und dies auf brei­ter Front, sodass nie­mand mehr zu sagen wüss­te, wo noch irgend­et­was stim­mig, zwei­fels­frei und unver­rückt, in Takt und ein für alle Mal an Ort und Stel­le wäre. Nichts steht unstrei­tig in Gel­tung, nichts genießt das Anse­hen und die Ach­tung aller. Nir­gends ist Mit­te, um die sich alles ande­re grup­pier­te, nir­gends ein Oben, unter dem sich alles Unten sam­mel­te; nicht ein­mal, wo rechts und links ist, lässt sich noch soli­de aus­ein­an­der­hal­ten – geschwei­ge denn, ob, was kommt, als Fort­schritt zu begrü­ßen oder als Ver­häng­nis zu befürch­ten ist. Zugleich wirft der Ver­such, die erkann­ten, aber unge­lös­ten Schwie­rig­kei­ten aus­zu­räu­men, in immer neu­en Schü­ben ande­re, nun voll­ends unvor­her­ge­se­he­ne Pro­ble­me auf, für die uns, ihrer Neu­heit wegen, kei­ne fer­ti­ge, erprob­te, schon bewähr­te Lösung zur Ver­fü­gung stün­de.

Wäre aus den über­lie­fer­ten Gestal­ten alter Mythen eine aus­zu­wäh­len, die uns unse­re ver­track­te Lage anschau­lich vor Augen stell­te, lau­te­te mein Vor­schlag: Nehmt die Schlan­ge Hydra, der die fürch­ter­li­chen Köp­fe, sooft sie Her­ku­les ihr abschlug, dop­pelt und drei­fach nach­wuch­sen. Also: Nicht da oder dort bricht eine Kri­se aus, und eine schön nach der andern – das mag im Spie­gel der Medi­en so schei­nen, die stets nur weni­ge The­men ans Licht der Öffent­lich­keit beför­dern, um sie dann, solan­ge das Inter­es­se anhält, auf den Podi­en vor lau­fen­den Kame­ras hin und her zu wäl­zen und durch­zu­de­kli­nie­ren –, son­dern im Grun­de steht mitt­ler­wei­le alles auf der Kip­pe. Oder: Sicher ist nichts mehr, Ver­lass ist auf nichts, und was „die Zukunft bringt“, wie die Redens­art heißt, „steht in den Ster­nen“, die sich in Schwei­gen hül­len.

 

War­um ist dies so?

Die Fra­ge ver­langt mehr als eine Ant­wort. Aller­dings ist es nicht mög­lich, im Rah­men eines knapp bemes­se­nen Essays all das auf­zu­kno­ten und gründ­lich zu ent­wir­ren, was sich da zu einem höchst ver­wor­re­nen Gebin­de viel­fäl­ti­ger Ursa­chen ver­ket­tet hat. Doch eine The­se, eine jeden­falls, ist denk­bar. Eine The­se und ein paar Gedan­ken, die uns die Neu­zeit als Zeit der Kri­sen, als Kri­sen­zeit, begreif­lich machen.

Die Neu­zeit – Zeit der Auf­klä­rung, der Eman­zi­pa­tio­nen und Revo­lu­tio­nen, einer dich­ten Fol­ge geis­ti­ger Erneue­run­gen und Inno­va­tio­nen, nicht enden­der Auf- und Umbrü­che, die stets zugleich Abbrü­che sind – ist die Zeit der Ver­än­de­run­gen, die seit­her alles erfasst und nichts beim Alten belässt, alles Fes­te ver­flüs­sigt und alles Ruhen­de auf­stört. Marx rech­ne­te bekannt­lich die­se alles umwäl­zen­de, alles in einem Wir­bel der Ver­än­de­run­gen mit sich rei­ßen­de Bewe­gung der Bour­geoi­sie zu, die nicht „exis­tie­ren“ kön­ne, „ohne … sämt­li­che gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se fort­wäh­rend zu revo­lu­tio­nie­ren“.

Doch wie wäre es, wenn ihm eine Ver­wechs­lung unter­lau­fen wäre, nicht irgend­ei­ne, son­dern die von Ursa­che und Wir­kung? Wie, mit andern Wor­ten, stell­te sich der Zusam­men­hang dar, wenn wir ein­mal umge­kehrt mit der Annah­me zu Wer­ke gin­gen, ein­zig eine Zeit und Epo­che, die nichts Bestän­di­ges, nichts Unum­stöß­li­ches, nichts Hei­li­ges mehr kann­te, die alles Über­kom­me­ne unter Vor­be­halt und alle Gel­tun­gen infra­ge stell­te, die jedes unbe­ding­te Sol­len in Zwei­fel zog und allen Tra­di­tio­nen die Ver­bind­lich­keit bestritt, die im größ­ten Stil die Welt „ent­zau­ber­te“ (Max Weber), habe den Boden berei­ten kön­nen, auf dem dann die Wirt­schaft und die von ihr mit­ge­ris­se­ne Gesell­schaft alles über den Hau­fen zu wer­fen ver­moch­te, was ihrer Dyna­mik im Wege lag?

Doch dann dräng­te sich sogleich die nächs­te Fra­ge auf, und die ist es, die mit der annon­cier­ten The­se beant­wor­tet wer­den soll. Die Fra­ge lau­tet: Auf wel­chem Wege wur­de die Moder­ne, was sie in der beschrie­be­nen Wei­se heu­te ist? Was macht sie im Grun­de aus? Hier der Ver­such einer Ant­wort: Die Moder­ne ist die Zeit der Zeit. Oder auch: Sie ist der Zeit ver­fal­len. Oder: In der Moder­ne herrscht die Zeit. So wur­de ihr alles zum Pro­zess, wie allem der Pro­zess gemacht wird, wenn sei­ne Zeit gekom­men ist.

In der Vor­mo­der­ne galt als rich­tig oder ange­mes­sen, was ent­we­der als zeit­los-ewig für rich­tig aner­kannt war oder aber was zumin­dest „schon lan­ge“ in Gel­tung stand, sodass es auf­grund sei­ner Dau­er und Bestän­dig­keit Respekt genoss – eine klu­ge, wenn nicht wei­se Lösung des Ver­bind­lich­keits­pro­blems, denn was gilt, weil es alt ist, kann nicht ver­al­ten. Die Moder­ne hin­ge­gen leg­te die Axt an das Anci­en­ni­täts­prin­zip selbst, also an den Grund­satz, der dem Ewi­gen bezie­hungs­wei­se Alten ein Beach­tungs- und ein Gel­tungs­vor­recht vor dem Neu­en ein­ge­räumt hat­te. An des­sen Stel­le trat: die Zeit selbst und ihr Regime, die allem Neu­en, eben Auf­ge­tauch­ten, ja sogar Uner­prob­ten das Gel­tungs­vor­recht ein­räumt. So tri­um­phiert im Namen der Zeit die Gegen­wart über das Ver­gan­ge­ne. Frei­lich nur um das, was eben „auf der Höhe der Zeit“ im Zenit steht, im nächs­ten Augen­blick hin­ab­zu­stür­zen.

Seit­her gilt: Was über­haupt „ist“, ist im Gang, und was im Gang ist, wird beschleu­nigt. Die Welt beginnt zu rasen, Schnel­lig­keit wird zum Gebot, Geschwin­dig­keit zum Schick­sal, Still­stand zum Unter­gang. Wer lang­sam ist, gerät unter die Räder. Doch eben­so gilt: Wer rast, besinnt sich nicht, denkt allen­falls „vor­aus“ (sofern das über­haupt mög­lich ist), aber nicht nach.

 

Die miss­ver­stan­de­ne Zeit

Doch nun noch­mals: Wie war das mög­lich? Wie avan­cier­te die­se Hal­tung zur beherr­schen­den Idee? Zwei Auf­lö­sun­gen die­ses Rät­sels sind mir plau­si­bel. Bei­den gemein­sam ist eine Unter­stel­lung: Die Zeit kam an die Macht, indem man sie ver­kann­te. Das heißt zugleich: Ihr Regi­ment wird nur so lan­ge dau­ern, solan­ge sie ver­kannt wird. Soviel als Hoff­nungs­for­mel …

Zwei Ver­ken­nun­gen der Zeit mit­hin. Hier die ers­te: Die Zeit wird ver­stan­den als „Vor­rat“. Was heißt das? Man denkt die Zeit als etwas, das man habe und das ein­zu­tei­len sei; sie wird auf­ge­fasst als etwas, das der Mensch „ver­braucht“. Von der Zeit meint man, zwar „habe“ man sie irgend­wie, wie man ein Gut hat, doch sie wer­de immer weni­ger, unauf­halt­sam gehe sie „ver­lo­ren“ – was den Schluss plau­si­bel macht: Wenn wir sie sowie­so ver­lie­ren, müs­sen wir sie nut­zen, damit sie uns zumin­dest etwas „ein­bringt“. Also denkt man sich die Zeit wie einen Strom, der eine Zeit lang fließt und dann ver­siegt.

Die­ses Ver­ständ­nis – ein gran­dio­ses Miss­ver­ständ­nis – dürf­te heu­te gang und gäbe sein. Doch das Gegen­teil ist wahr. Denn umge­kehrt gilt: Zeit ist nichts, das wir hät­ten wie einen Vor­rat, son­dern sie ist für uns da, sofern wir sie uns neh­men, sofern wir sie uns las­sen, viel­leicht noch bes­ser: sie uns gön­nen. Ergo: Wer sich nie­mals Zeit lässt, hat nie Zeit. Und wer ver­säum­te, sich Zeit zu neh­men, geht schließ­lich leer aus – am Ende hat er kei­ne Zeit „gehabt“. Soweit die Kor­rek­tur der ers­ten Zeit­ver­ken­nung.

Und nun die zwei­te, die ich die „Zeit­ver­dre­hung“ nen­nen möch­te. Was ist gemeint? Zunächst ein­mal, wie im Fal­le zuvor, ein moder­ni­täts­spe­zi­fi­sches Sym­ptom, eine Bewusst­seins­ver­fas­sung, die sich erst beim neu­zeit­li­chen Men­schen aus­ge­bil­det hat. Neh­men wir ihn selbst beim Wort: Was glaubt der moder­ne Mensch – zeit­be­züg­lich –, wor­in er sich von allen vor­mo­der­nen Men­schen unter­schei­de? Sei­ne Ant­wort: Er gehe „mit der Zeit“.

Aha? – fra­gen wir … Und wohin geht er, wenn er also meint, er gehe „mit der Zeit“? Wohin ist unser „Zeit­ge­nos­se“, der moder­ne Mensch, der Zeit­ge­mä­ße unter­wegs? Was hat er im Auge, was liegt vor ihm? Wir ken­nen sei­ne Ant­wort: „Die Zukunft“, sagt er uns. Mit der Zeit zu gehen – meint er – hei­ße, sich der Zukunft zuzu­wen­den, unter­wegs zu sein in Rich­tung Zukunft. Was er vor sich habe, meint er, sei die Zukunft, denn die lie­ge vor ihm, wäh­rend die Ver­gan­gen­heit, so glaubt er, hin­ter ihm – gleich­sam in sei­nem Rücken – lie­ge.

Nun? Ist an die­ser Schil­de­rung des Zeit­ver­hält­nis­ses, das dem moder­nen Men­schen selbst­ver­ständ­lich wur­de, irgend­et­was Son­der­ba­res, irgend­wie Ver­kehr­tes auf­ge­fal­len? Nein? Nun, wer nichts bemerk­te, darf sich selbst zu den moder­nen Men­schen rech­nen.

Und den­noch ist, was ihm so selbst­ver­ständ­lich scheint, im tiefs­ten Sin­ne unheim­lich, wenn nicht beklem­mend. In Wahr­heit näm­lich hat sich der moder­ne Mensch mit die­sem Selbst­ver­ständ­nis gera­de gegen die Zeit gekehrt. Er hat sich gewis­ser­ma­ßen umge­dreht und steht ihr nun ent­ge­gen, sieht sie – ohne zu erken­nen, was sie „bringt“ –, wie sie auf ihn zukommt wie der Strom des Was­sers, in dem er sich nicht etwa trei­ben las­sen könn­te, son­dern dem er sich ent­ge­gen­stemmt. Wäh­rend­des­sen ahnt er schon, was die ein­zi­ge und grau­si­ge Gewiss­heit ist: Frü­her oder spä­ter wer­den sei­ne Kräf­te ihm ver­sa­gen, dann ist es aus, er fällt, und die Flut, der er zu trot­zen such­te, wird ihn emp­fan­gen und ihn mit sich neh­men …

 

Kri­sen­fest

Also: Was ist die Zeit? – Was ist sie jeden­falls für uns, für unser Dasein, unser Leben? Wie wird sie von uns erlebt? Ist sie nicht die Bewe­gung, die, aus der Zukunft kom­mend, an uns vor­über­eilt in die Ver­gan­gen­heit? Ich zitie­re Schil­lers berühm­ten „Spruch des Kon­fu­zi­us“:

Drei­fach ist der Schritt der Zeit:

Zögernd kommt die Zukunft her­ge­zo­gen,

Pfeil­schnell ist das Jetzt ent­flo­gen,

Ewig still steht die Ver­gan­gen­heit.

Die­ses klu­ge Wort drückt eine alte Selbst­ver­ständ­lich­keit aus, die sich auch in über­lie­fer­ten Sprich­wör­tern wie­der­fin­det: „Die Zeit fleusst weg wie Was­ser“, heißt es bei­spiels­wei­se, und noch heu­te sagt man rich­tig, dass die „Zeit ver­rinnt“.

Doch nun: Wohin ver­rinnt sie denn? Doch nicht etwa in die Zukunft? Liegt im Rich­tungs­sinn der Zeit nicht viel­mehr alles, was uns vor­aus­ge­gan­gen ist? Und was ist uns vor­aus­ge­gan­gen und wohin? Ist es nicht die Fül­le des­sen, was sich im Rei­che der Ver­gan­gen­heit ver­sam­melt hat? So aber, für den durch­mo­der­ni­sier­ten Men­schen schwer zu fas­sen, ist es wirk­lich: Wer mit der Zeit schaut, hat sei­ne Vor­fah­ren vor Augen, denn wo sie schon sind, dort­hin wer­den wir den uns Vor­an­ge­stor­be­nen zu fol­gen haben, wes­halb wir zu recht die Nach­fah­ren hei­ßen. Im Ver­hält­nis zu den Toten sind wir die Hin­ter­blie­be­nen, Zurück­ge­blie­be­nen – jene hin­ge­gen sind es, die uns vor­ausgegan­ge­nen sind.

Was aber glaubt der moder­ne Mensch? Er meint, die Toten sei­en es, die er als Über­le­ben­der „zurück­ge­las­sen“ habe. Die Fol­gen die­ser Ver­ken­nung sind gra­vie­rend: Wer im Blick auf sei­ne (ver­meint­li­che) Zukunft lebt, lebt ange­sichts des­sen, was schwin­det. Mit jedem Tag, den er ver­lebt, wird er um einen Tag des Lebens ärmer. So ist er sich das schwin­den­de Wesen, das sei­nem Leich­tuch ent­ge­gen­schrumpft.

Gelän­ge es uns frei­lich, uns aus die­ser Zeit­ver­ken­nung zu befrei­en, wür­den wir mit jedem Tag um einen Tag berei­chert – Tag für Tag, Jahr für Jahr. Unser Leben hät­te an Mas­se, an Ertrag, an Fül­le gewon­nen und es erschie­ne uns absurd, wenn jeder Wind, der auf­kommt, uns aus der Bahn wer­fen könn­te oder wenn wir sprin­gen soll­ten, wie uns die neu­es­te Paro­le vor­ge­pfif­fen wird. Mit der Will­fäh­rig­keit, die wir dann an unse­ren Zeit­ge­nos­sen amü­siert stu­die­ren dürf­ten, mit der Bereit­schaft, sich jeder Tages-Tyran­nei zu unter­wer­fen, wäre es für uns vor­bei – denn: Wir hät­ten Zeit. Wer es dahin bräch­te, wäre „kri­sen­fest“. Der ruh­te in sich. Denn wer Zeit „hat“, ist ihrem Dik­tat ent­kom­men. Der betreibt auch nicht die Kri­sen, er sieht ihrem Trei­ben zu. Ein sol­cher Bewusst­seins­wan­del aber wür­de den Aus­klang der Moder­ne bedeu­ten. Er kün­dig­te eine Epo­che an, deren Namen und Begriff noch nie­mand kennt. Nur eines ist gewiss: Sie wird kom­men.

 

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Die­ser Arti­kel von Gerd B. Achen­bach ist erst­mals in agora42 1/2013 KEIN ENTKOMMEN AUS DER KRISE? erschie­nen.

Alle bis­her erschie­nen Aus­ga­ben des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins fin­den Sie HIER im Archiv.

TICKETVERLOSUNG für die SensAbility Conference 2018

TICKETVERLOSUNG für die SensAbility Conference 2018

 

Wir freu­en uns, ein Ticket für die dies­jäh­ri­ge Sen­sA­bi­li­ty Con­fe­rence in Val­len­dar nahe Koblenz ver­lo­sen zu kön­nen. Die Kon­fe­renz wird seit 2009 jähr­lich von enga­gier­ten Stu­den­ten der WHU – Otto Beis­heim School of Manage­ment geplant und aus­ge­rich­tet.

 

Sen­sA­bi­li­ty ist eine zwei­tä­gi­ge Soci­al Enter­pri­se Kon­fe­renz für 200 Inter­es­sier­te aus allen Fach­be­rei­chen. Die Initia­to­ren wol­len Men­schen aller Fach­rich­tun­gen für gesell­schaft­li­che Fra­ge­stel­lun­gen sen­si­bi­li­sie­ren und so zu nach­hal­ti­gem sozia­len Han­deln zu inspi­rie­ren und moti­vie­ren. Den Teil­neh­mern sol­len dabei kon­kre­te Mög­lich­kei­ten auf­ge­zeigt wer­den, sozia­le Miss­stän­de wirk­sam und unter­neh­me­risch anzu­ge­hen und auch das Berufs­le­ben im Zei­chen gesell­schaft­li­cher Ver­ant­wor­tung zu gestal­ten. Damit ist die Sen­sA­bi­li­ty mitt­ler­wei­le zu einem wich­ti­gen Treff­punkt für Soci­al Entre­pre­neurs, Stif­tun­gen und moti­vier­te Stu­den­ten gewor­den.

 

Sen­sA­bi­li­ty ent­stand, um “sen­se” (War­neh­mung) und “abi­li­ty” (Fähig­keit, spe­zi­ell etwas errei­chen zu kön­nen) zu ver­bin­den.

 

Freut euch auf zahl­rei­che Red­ner aus ver­schie­dens­ten Berei­chen und dar­an anschlie­ßen­de inter­ak­ti­ve, pro­fes­sio­nell ange­lei­te­te Work­shops. Mehr zum dies­jäh­ri­gen Pro­gramm fin­det ihr auch auf der Home­page: sensability.de

 

VERLOSUNG

Beant­wor­tet uns die Fra­ge: “Wel­cher Wider­spruch ist der bedeut­sams­te unse­rer heu­ti­gen Zeit?” und schickt uns eure Ant­wort mit kur­zer Begrün­dung bis zum 12. März an die Email-Adres­se mitdenken(at)agora42.de.

Unter allen Teil­neh­mern ver­lo­sen wir nach Ein­sen­de­schluss das Ticket und benach­rich­ti­gen den Gewin­ner per Mail.