Best-of der Ausgabe ORDNUNG

Best-of der Ausgabe ORDNUNG

 

Heu­te geht die nächs­te Aus­ga­be der agora42 in den Druck. Zeit für ein Best-of des aktu­el­len Hef­tes zum The­ma ORDNUNG, dass noch bis zum 27.09.2018 ver­sand­kos­ten­frei erhält­lich ist:

Das Schach­brett­mus­ter belegt Platz 2 beim “Cover des Monats”. Dazu heißt es:

Den zwei­ten Platz – mit nur gerin­gem Punk­te­ab­stand – sichert sich das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin agora42 mit einem Cover im Schach­brett­mus­ter-Look (The­ma ‘Ord­nung’). Hier fällt die Jury-Bewer­tung ins­ge­samt sogar noch etwas bes­ser aus als beim Gewin­ner-Cover. CdM-Juror Bernd Heu­sin­ger, Foun­der & CEO, Hir­schen Group, schreibt etwa: “Visu­ell stark, auf­fäl­lig, das The­ma gut dra­ma­ti­sie­rend – ein Cover mit Cou­ra­ge.” Und Uwe Mar­quardt, Exe­cu­ti­ve Crea­ti­ve Direc­tor bei Y&R Ger­ma­ny lobt: “Ord­nung. Schach­brett. Schwarz. Weiß. Kei­ner­lei Fir­le­fanz. Fer­tig. Radi­ka­ler kann man das The­ma wahr­schein­lich nicht umset­zen. Bes­ser ver­mut­lich auch nicht.”

Das Edi­to­ri­al von Chef­re­dak­teur Frank Augus­tin lei­tet die Aus­ga­be ein mit den Wor­ten:

Was ord­net uns über­haupt? Der Staat? Die Wirt­schaft? Oder sind wir längst in der Unord­nung zuhau­se, fah­ren “alle nur auf Sicht”? Wel­che Gren­zen sind unver­rück­bar? Wie ent­steht Sinn und wie ver­lie­ren wir ihn? Wel­che Ord­nung bringt die digi­ta­le Zukunft? Und war­um ver­bin­det uns die Frei­heit?

Zehn Auto­rIn­nen geben in ihren Essays Ant­wor­ten auf die Fra­ge, was unse­re Gesell­schaft ord­net und wel­che Ord­nungs­for­men in Zukunft auf uns zukom­men könn­ten. Wir haben eini­ge Zita­te zusam­men­ge­stellt:

Micha­el Ner­ur­kar betrach­tet den Staat mit der Fra­ge: Macht Zwang Ord­nung? “Es scheint uns selbst­ver­ständ­lich, dass wir in Staa­ten leben. Doch was ist über­haupt ein Staat?” Andrea Vet­ter hin­ter­fragt die “Wachs­tums­ord­nung” und wirft einen uto­pi­schen Blick in die Zukunft einer Post­wachs­tums­ge­sell­schaft: “Die fol­gen­den Impres­sio­nen kön­nen eine Inspi­ra­ti­on sein, die eige­ne Vor­stel­lungs­kraft zu befrei­en und zu sehen, was mög­lich ist.” Auch Gesi­ne Weber wirft den Blick vor­aus in ein neu geord­ne­tes Euro­pa – ein “Euro­pa der Regio­nen ist ein Euro­pa der Bür­ger”. Rafa­el Capur­ro hin­ter­fragt wäh­rend­des­sen digi­ta­le Zukunfts­ent­wür­fe: Wie kann eine Res Publi­ca Digi­ta­lis defi­niert wer­den, die unser zukünf­ti­ges Leben in einer digi­ta­len Gesell­schaft ord­net? Die Tha­les-Aka­de­mie spricht schließ­lich mit Uwe Lueb­ber­mann, Grün­der von Pre­mi­um Cola über weg­wei­sen­de Geschäfts­mo­del­le: Bei Pre­mi­um gibt’s kein Logo, kei­ne Wer­bung, kein Spon­so­ring, kei­ne Frei­wa­re, kei­ne schrift­li­chen Ver­trä­ge, kei­ne Wachs­tums­ori­en­tie­rung und kei­ne Gewinn­ma­xi­mie­rung – wie machen die das?

Ord­nung ist ein Gefühl“, sagt der Trä­ger des deut­schen Buch­prei­ses Robert Men­as­se im gleich­na­mi­gen Inter­view der neu­en agora42:

Herr Men­as­se, die Gesell­schaft scheint zuneh­mend in Unord­nung zu gera­ten. Gren­zen und Regeln ver­lie­ren ihre Bedeu­tung, Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit und Sinn­lo­sig­keit brei­ten sich aus. Gibt es dafür einen bestimm­ten Grund? Oder kommt da ein­fach nur vie­les zusam­men?

Ich habe den Ver­dacht, dass es nie­mals Ord­nung gibt, son­dern nur Zei­ten, in denen der Anschein von Ord­nung herrscht. In die­sen soge­nann­ten ruhi­gen Zei­ten kann man das Leben an Gewohn­hei­ten aus­rich­ten, was als Ord­nung emp­fun­den wird. Wenn die Gewohn­hei­ten kei­ne kla­re Ori­en­tie­rung mehr bie­ten, wird das als Kri­se oder Umbruch erlebt.

Im Moment erle­ben wir eine Wie­der­ho­lung der Ver­gan­gen­heit. Die Welt­ge­schich­te holt uns dort ein, wo sie mit dem Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs unter­bro­chen wur­de. Man übersieht ger­ne, dass im Jahr 1913 die Glo­ba­li­sie­rung fast so weit fort­ge­schrit­ten war wie heu­te. Schon damals ist man viel gereist und das inter­na­tio­na­le Den­ken war sehr ver­brei­tet. Marx bemerk­te tref­fend, dass die bürgerliche Gesell­schaft um den Glo­bus rasen würde. Glo­ba­li­sie­rung heißt ja nichts ande­res als das Nie­der­rei­ßen aller natio­na­len Gren­zen. Übrigens ist auch erst gegen Ende des 20. Jahr­hun­derts das Volu­men des glo­ba­len Waren­aus­tauschs von 1913 wie­der erreicht wor­den.

Und wie damals sehen wir uns auch heu­te mit einer Ord­nungs­sehn­sucht kon­fron­tiert, die in Wirk­lich­keit nichts ande­res ist als das Ver­lan­gen nach Überschaubarkeit, danach, dass Gewohn­hei­ten im Leben Ori­en­tie­rung bie­ten. Die­se Sehn­sucht drückt sich auch im Wunsch nach Rena­tio­na­li­sie­rung aus. Mit der Realität hat sie meist nichts zu tun. Das Verhältnis zwi­schen dem, was sich Men­schen unter Natio­nen vor­stel­len und der Wirk­lich­keit ent­spricht dem Verhältnis zwi­schen einem Fami­li­en­idyll und einem Rosen­krieg …

Nico­laus Cusa­nus im Por­trät

Nor­bert Wink­ler por­trä­tiert den ein­fluss­rei­chen Den­ker und sei­ne For­mel vom “Zusam­men­fall der Gegen­sät­ze”. Er schreibt:

Cusa­nus fass­te sei­ne Got­tes­leh­re in die tief­sin­ni­ge For­mel vom „Zusam­men­fall der Gegensätze“ (coin­ci­den­tia oppo­si­tio­rum). Sie besag­te: In Gott, dem abso­lut Größten, fällt das extrem Größte mit dem extrem Kleins­ten zusam­men. In ihm wer­den die­se abso­lu­ten Gegensätze unun­ter­scheid­bar, sodass die Ein­heit über allen Gegensätzen steht, die­se umfasst und in jedem ein­zel­nen Geschöpf als wesensprägende Ein­heit anwe­send ist …

Die Ausgabe zum Thema Ordnung finden Sie hier

Ordnung im Jahr 2051 – ein Gedankenspiel von Kai Jannek

31.03.2051

Liebes Tagebuch,

 

ein auf­re­gen­der Tag geht zu Ende. Ich habe heu­te viel über die all­täg­li­che Poli­zei­ar­beit erfah­ren. Es ist jetzt schon eine gan­ze Wei­le her, dass Yong sus­pen­diert wor­den ist und ich hat­te sei­ne Ter­mi­ne wahr­neh­men müs­sen. Dazu gehör­te das heu­ti­ge Tref­fen mit dem Chef der loka­len Poli­zei­agen­tur, um zu erfah­ren, wie sich die Robo­ter aus unse­rer Manu­fak­tur bis­lang im Ein­satz bewäh­ren. Aus­ge­rech­net auf dem Weg zur Poli­zei ging ich über eine rote Ampel. Ich war zu Fuß unter­wegs – die Behör­de ist ja nur zwei Blocks von mei­nem Apart­ment ent­fernt. Ich war so in Gedan­ken, dass ich weder die rote Ampel wahr­nahm noch die Warn­si­gna­le, die mei­ne Kon­takt­lin­sen mir in mein Sicht­feld ein­spiel­ten. Die Über­wa­chungs­ka­me­ras hiel­ten den Vor­gang natür­lich sofort fest. Als ich die ande­re Stra­ßen­sei­te erreich­te, sah ich mein Bild auf dem Dis­play am Ampel­mast. Dar­un­ter ver­riet ein kur­zer Schrift­zug mein aktu­el­les Ver­ge­hen; eben­so wie eini­ge wei­te­re klei­ne Ord­nungs­wid­rig­kei­ten, die ich mir in den letz­ten fünf Jah­ren hat­te zu Schul­den kom­men las­sen. Oh, wie pein­lich! Hin­zu kam der auto­ma­ti­sier­te Straf­zet­tel, der zeit­gleich ver­sen­det wor­den war, sowie die Tat­sa­che, dass sich mein Soci­al Score im sel­ben Augen­blick ver­mut­lich um zwei Punk­te ver­schlech­tert hat­te – mit ent­spre­chen­den Fol­gen für mein Kre­dit-Rating, mein Mie­ter-Rating und mein Employee-Rating.

Zum Glück sprach mich Mr. Kim, der Chef der Poli­zei­agen­tur, nicht auf den Vor­fall an. Er begrüß­te mich herz­lich und erkun­dig­te sich statt­des­sen nach dem Dota12-E-Sports-Event, das ich mir am Vor­tag ange­schaut hat­te. Sei­ne Soci­al-App hat­te ihm sicher meh­re­re per­sön­li­che Small-Talk-Gesprächs­ein­stie­ge vor­ge­schla­gen. Es ist immer inter­es­sant zu sehen, für wel­ches The­ma sich jemand ent­schei­det. „Wir haben immer mehr Gewalt im Spiel und immer weni­ger Gewalt auf der Stra­ße“, lei­te­te Mr. Kim zum eigent­li­chen Anlass des Tref­fens über. Wir schau­ten uns eini­ge Bal­ken­dia­gram­me auf einem holo­gra­fi­schen Dis­play an. Sie zeig­ten die jüngs­ten Erfol­ge in der Ver­bre­chens­prä­ven­ti­on und der Auf­klä­rungs­ar­beit sowie den Score, der das all­ge­mei­ne Sicher­heits­emp­fin­den und das Ver­trau­en in die Poli­zei­ar­beit ver­an­schau­licht. „Wir sind sehr zufrie­den mit den Ein­satz­kräf­ten aus ihrer Manu­fak­tur“, erklär­te Mr. Kim.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

In die­sem Moment leuch­te­ten eini­ge Signal­lam­pen auf. „Wol­len Sie einen Ein­satz live ver­fol­gen?“, frag­te mich Mr. Kim. Ohne mei­ne Ant­wort abzu­war­ten, schob er das vir­tu­el­le Fens­ter mit den Bal­ken­dia­gram­men zur Sei­te und öff­ne­te zwei neue Fens­ter mit Video­streams. Das eine Fens­ter zeig­te den Innen­raum eines Poli­zei­fahr­zeugs, in dem ein mensch­li­cher Poli­zist und ein Poli­zei­ro­bo­ter aus unse­rer Manu­fak­tur saßen. Der ande­re Stream zeig­te das Sicht­feld der bei­den Akteu­re, in die­sem Fall die vor­bei­rau­schen­de Stra­ße und die sich auf grün schal­ten­den Ampeln. „Der smar­te Boden­be­lag in einem der High-Rise Resi­den­ti­al Buil­dings an der 16. Stra­ße hat ein ver­däch­ti­ges Schritt­pro­fil detek­tiert“, erklär­te Mr. Kim. „Glück­li­cher­wei­se haben wir Ein­satz­kräf­te in der Nähe. Unser Pre­dic­tive-Poli­cing-Sys­tem hat­te uns eine erhöh­te Ein­bruchs­wahr­schein­lich­keit im ent­spre­chen­den Stadt­teil pro­gnos­ti­ziert.“ Das Fahr­zeug kam vor einem Hoch­haus zum Ste­hen und auf dem Dis­play öff­ne­te sich ein drit­tes Fens­ter. Es zeig­te den Video­stream einer Poli­zei­droh­ne, die sich offen­sicht­lich vom Fahr­zeug­dach gelöst hat­te und nun rasch an Höhe gewann, um das Umfeld des Hoch­hau­ses zu über­wa­chen. Die bei­den Poli­zei­kräf­te stürm­ten ins Gebäu­de. Auf unse­rem Dis­play öff­ne­ten sich wei­te­re Fens­ter, die die Streams ver­schie­de­ner Über­wa­chungs­ka­me­ras im Inne­ren des Hoch­hau­ses zeig­ten. Man erkann­te den Ver­däch­ti­gen zunächst nur im Pro­fil. Er trug eine Schirm­müt­ze und eine Jacke mit hohem Kra­gen. Wei­te­re Fens­ter popp­ten auf unse­rem Dis­play auf. Eines zeig­te den auto­ma­ti­schen Abgleich des eini­ger­ma­ßen erkenn­ba­ren Gesichts­aus­schnitts mit einer Per­so­nen­da­ten­bank. In ande­ren Fens­tern sahen wir, wie das Sys­tem anhand von Kame­ra­auf­zeich­nun­gen den Weg des Unbe­kann­ten zurück­ver­folg­te. In dem Augen­blick, als die Ein­satz­kräf­te mit gezück­ten Tasern vor dem Ver­däch­ti­gen stan­den, ver­mel­de­te das Sys­tem, das den Abgleich mit der Per­so­nen­da­ten­bank durch­führ­te, einen Tref­fer. Bei dem Ver­däch­ti­gen han­del­te es sich um Yong. Kaum zu glau­ben! Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

 

Vor­he­ri­ge Gedan­ken­spie­le ver­passt? Hier geht es zu allen bis­her erschie­ne­nen Tage­buch­ein­trä­gen.

 


 

Die­ser Bei­trag ent­stammt der Aus­ga­be 2/2018 der agora42 ORDNUNG, die Sie noch bis zum 28.06.18 ver­sand­kos­ten­frei bestel­len kön­nen.

Rationalität: Europäische Herkunft, globale Geltung – von Johannes Weiß

Max Weber wäre am 21. April die­sen Jah­res 154 Jah­re alt gewor­den. Wer war die­ser ein­fluss­rei­che Den­ker, der uns als Jurist, Natio­nal­öko­nom und Sozio­lo­ge beschäf­tigt? Sei­ne For­schun­gen zur Eigen­art und Ent­wick­lung unse­res euro­päi­schen Kul­tur­krei­ses, erstaun­ten mit der bana­len und doch tief­grei­fen­den Erkennt­nis, dass wir die Idee einer spe­zi­fi­schen Ratio­na­li­tät in die Welt gebracht haben: Eines Ratio­na­lis­mus, der mitt­ler­wei­le welt­weit in allen büro­kra­ti­schen Ver­fas­sungs­staa­ten, der Wis­sen­schaft, der Musik und auch im kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaf­ten zu fin­den ist.

 

Rationalität

Europäische Herkunft, globale Geltung

Von Johan­nes Weiß

 

Wor­in liegt die welt­ge­schicht­li­che Bedeu­tung Euro­pas? Wenn man auf die­se Fra­ge eine Ant­wort sucht, kommt man um den His­to­ri­ker, Öko­no­men und Sozio­lo­gen Max Weber (1864–1920) nicht her­um. Eine sei­ner zen­tra­len Fra­gen lau­tet: Wie erklärt es sich, dass bestimm­te Kul­tur­er­schei­nun­gen, die unter sehr beson­de­ren Bedin­gun­gen in Euro­pa auf­ge­kom­men waren, es nicht nur zu welt­wei­ter Ver­brei­tung, son­dern auch zu (fast) all­ge­mei­ner Gel­tung gebracht haben? Flug­hä­fen, Ein­kaufs­zen­tren oder Uni­ver­si­tä­ten, aber auch Ver­wal­tungs­ap­pa­ra­te, demo­kra­ti­sches Gedan­ken­gut, media­le Auf­klä­rung und effi­zi­en­te Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on sind längst zu glo­ba­len Gege­ben­hei­ten gewor­den. Dies bloß mit der Durch­set­zung öko­no­mi­scher und poli­tisch-mili­tä­ri­scher Inter­es­sen zu erklä­ren, reicht nicht aus.

 

1. Das Pro­blem

Uni­ver­sal­ge­schicht­li­che Pro­ble­me wird der Sohn der moder­nen euro­päi­schen Kul­tur­welt unver­meid­li­cher- und berech­tig­ter­wei­se unter der Fra­ge­stel­lung behan­deln: wel­che Ver­ket­tung von Umstän­den hat dazu geführt, daß gera­de auf dem Boden des Okzi­dents, und nur hier, Kul­tur­er­schei­nun­gen auf­tra­ten, wel­che doch – wie wenigs­tens wir uns gern vor­stel­len – in einer Ent­wick­lungs­rich­tung von uni­ver­sel­ler Bedeu­tung und Gül­tig­keit lagen“ (Max Weber 1947, 1)?

Johan­nes Weiß ist Pro­fes­sor für Sozio­lo­gi­sche Theo­rie und Phi­lo­so­phie der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und der­zeit asso­zi­ier­ter Gast­for­scher des Max-Weber-Kol­legs für sozi­al- und kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en der Uni­ver­si­tät Erfurt.

Der Satz ist bekannt und viel zitiert. Aber ist auch hin­rei­chend geklärt, was er besagt und was wir heu­te davon zu hal­ten haben? Der Phi­lo­soph Jür­gen Haber­mas spricht in sei­nem Buch Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns von der „vor­sich­tig uni­ver­sa­lis­ti­schen Posi­ti­on“ Max Webers, die in die­sem Satz und den nach­fol­gen­den Erläu­te­run­gen zum Aus­druck kom­me. „Vor­sich­tig“ ist Webers Posi­ti­on tat­säch­lich, weil er die „uni­ver­sel­le Bedeu­tung und Gül­tig­keit“ der gemein­ten „Ent­wick­lungs­rich­tung“ nicht gera­de­hin behaup­tet und auch nicht, nicht ein­mal ansatz­wei­se, begrün­det, son­dern einem Vor­stel­lungs­kom­plex zurech­net, der „uns“, das heißt wohl: uns Euro­pä­ern, ange­nehm ist.

Aber unbe­zwei­fel­bar ist doch, dass die Fra­ge nach der beson­de­ren, ja sin­gu­lä­ren „Ver­ket­tung von Umstän­den“, die bestimm­te „Kul­tur­er­schei­nun­gen“ her­vor­ge­bracht hat, für jeden (wie für jeden „Sohn der moder­nen euro­päi­schen Kul­tur­welt“) nur des­halb so außer­or­dent­lich dring­lich ist, weil sich mit die­sen Kul­tur­er­schei­nun­gen nicht nur ein uni­ver­sel­ler Anspruch, son­dern auch eine nach­weis­ba­re uni­ver­sel­le, das heißt glo­ba­le Wirk­sam­keit ver­bin­det.

Im Übri­gen sagt Weber sehr deut­lich, was die von ihm im Ein­zel­nen genann­ten Kul­tur­er­schei­nun­gen, von der Wis­sen­schaft bis zum moder­nen Kapi­ta­lis­mus und Sozia­lis­mus, gemein­sam haben, was es also nahe­legt, sie in eine bestimm­te „Ent­wick­lungs­rich­tung“ ein­zu­ord­nen: ein „spe­zi­fisch gear­te­ter ‚Ratio­na­lis­mus’ der okzi­den­ta­len Kul­tur“ (Max Weber 1947, 11).

Aller­dings hebt Weber hier wie auch sonst her­vor, wie viel­deu­tig der Begriff der Ratio­na­li­tät ist: Was von einem der „höchst ver­schie­de­nen Gesichts­punk­te und Ziel­rich­tun­gen“ ratio­nal sei, kön­ne, aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve betrach­tet, durch­aus irra­tio­nal sein. Des­halb sei es von höchs­ter Wich­tig­keit „die beson­de­re Eigen­art des okzi­den­ta­len und, inner­halb die­ses, des moder­nen okzi­den­ta­len, Ratio­na­lis­mus zu erken­nen und in ihrer Ent­ste­hung zu erklä­ren“ (Max Weber 1947, 12).

Mit der Eigen­art der beson­de­ren Bedin­gun­gen, unter denen die­ser spe­zi­el­le Ratio­na­lis­mus in eini­gen sei­ner Aus­prä­gun­gen ent­ste­hen und sich ent­fal­ten konn­te, hat Weber sich ein­ge­hend beschäf­tigt. Nir­gend­wo aber hat er sich der – davon streng zu tren­nen­den – Auf­ga­be unter­zo­gen, die­sen Ratio­na­lis­mus selbst in sei­ner Eigen­art zu bestim­men und zu erläu­tern. Weil er aber eine zwar vor­sich­ti­ge, aber doch vor­sich­tig uni­ver­sa­lis­ti­sche Posi­ti­on ein­nahm, wird man das Spe­zi­fi­sche des „spe­zi­fisch gear­te­ten Ratio­na­lis­mus der okzi­den­ta­len Kul­tur“ para­do­xer­wei­se gera­de in sei­nem uni­ver­sel­len oder, wie­der vor­sich­ti­ger, uni­ver­sa­li­sier­ba­ren Cha­rak­ter zu suchen haben.

Nur wenn man nicht zwi­schen dem his­to­risch spe­zi­fi­schen Kon­text der Ent­ste­hung und dem glo­ba­len Kon­text der Gel­tung und Wir­kung einer „Kul­tur­er­schei­nung“ unter­schei­det, kann man den Erfolg des moder­nen („okzi­den­ta­len“) Kapi­ta­lis­mus in asia­ti­schen Gesell­schaf­ten gegen die soge­nann­te „Weber-The­se“ ins Feld füh­ren.

 

2. Ratio­na­li­tät als Kom­mu­ni­ka­bi­li­tät

Nicht irgend­ein Inter­pret, schon gar nicht Jür­gen Haber­mas, son­dern Max Weber selbst hat gele­gent­lich die Bedeu­tung von „Ratio­na­li­tät“ in einem sehr ele­men­ta­ren Sin­ne mit „Kom­mu­ni­ka­bi­li­tät“ zusam­men­ge­bracht. „Ratio­nal“ wird dem­nach etwas (eine Behaup­tung oder Erklä­rung, eine nor­ma­ti­ve Erwar­tung, aber auch eine Insti­tu­ti­on) in dem Maße genannt, in dem es fak­tisch inter­sub­jek­tiv ver­ständ­lich und in sei­ner Begrün­dung nach­voll­zieh­bar ist. Ein Höchst­maß an Ratio­na­li­tät ist, so gese­hen, dann gege­ben, wenn etwas in sei­nem Sinn und in sei­ner Begrün­dung als all­ge­mein ver­ständ­lich gilt und des­halb auch mit all­ge­mei­ner Zustim­mung rech­nen kann.

Ein Höchst­maß an Ratio­na­li­tät ist dann gege­ben, wenn etwas in sei­nem Sinn und in sei­ner Begrün­dung als all­ge­mein ver­ständ­lich gilt und des­halb auch mit all­ge­mei­ner Zustim­mung rech­nen kann.

Der spe­zi­fi­sche Ratio­na­lis­mus der von Weber genann­ten Schöp­fun­gen der okzi­den­ta­len, ins­be­son­de­re moder­nen Kul­tur scheint mir nun genau dar­in zu lie­gen, dass ihnen nicht nur ein beson­ders hohes Maß an „Kom­mu­ni­ka­bi­li­tät“ eig­net, son­dern dass sie sich mit gro­ßem Erfolg als Medi­en einer glo­ba­len Kom­mu­ni­ka­ti­on eta­bliert haben. Wenn, wie der Sozio­lo­ge Niklas Luh­mann (1927–1998) sagt, die Gren­zen einer Gesell­schaft durch die Gren­zen der „kom­mu­ni­ka­ti­ven Erreich­bar­keit“ defi­niert wer­den, dann haben sich die­se Gren­zen in der „Welt­ge­sell­schaft“ so aus­ge­wei­tet, dass, jeden­falls im Prin­zip, alle Men­schen, und zwar als Men­schen, in einen ein­zi­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hang ein­be­zo­gen, „inklu­diert“ sind – jeden­falls als Sub­jek­te und Objek­te der Wis­sen­schaft und der Tech­nik, der (kapi­ta­lis­ti­schen) Öko­no­mie und einer auf uni­ver­sa­lis­ti­schen Prin­zi­pi­en grün­den­den Ord­nung der Moral und des Rechts (respek­ti­ve der Poli­tik). Und die­ser Pro­zess einer glo­ba­len Inklu­si­on ist, so scheint es, dadurch cha­rak­te­ri­siert, dass er sich nicht nur fak­tisch – etwa als Fol­ge öko­no­mi­scher oder poli­tisch-mili­tä­ri­scher Macht­kon­stel­la­tio­nen – voll­zieht, son­dern von star­ken, womög­lich kon­kur­renz­lo­sen Begrün­dun­gen unter­stützt und vor­an­ge­trie­ben wird, sodass ihm nicht nur de fac­to, son­dern auch de jure (von Rechts wegen) eine „uni­ver­sa­le Bedeu­tung und Gül­tig­keit“ zuge­schrie­ben wird bezie­hungs­wei­se zuge­schrie­ben wer­den kann.

 

3. Glo­ba­le Ver­brei­tung ver­sus uni­ver­sel­le Gel­tung

Eine an Weber anschlie­ßen­de, „vor­sich­tig uni­ver­sa­lis­ti­sche Posi­ti­on“ steht und fällt mit der Mög­lich­keit, begriff­lich und in der Sache zwi­schen der Glo­ba­li­sie­rung als fac­tum bru­tum (blo­ßer Tat­sa­che) und einer Uni­ver­sa­li­sie­rung zu unter­schei­den, die „gute Grün­de“ auf ihrer Sei­te hat. Und „gut“ wären genau sol­che Grün­de, die nichts vor­aus­set­zen als das, was bei allen Men­schen (als Men­schen) vor­zu­fin­den oder allen Men­schen zuzu­schrei­ben ist. Genau die­se Über­le­gung hat­te den eng­li­schen Phi­lo­so­phen Tho­mas Hob­bes (1588–1679) bei sei­ner Kon­struk­ti­on des Levia­than gelei­tet, und das erklärt, war­um sei­ne Kon­struk­ti­on bis auf den heu­ti­gen Tag den Mini­mal­kon­sens im moder­nen Staats­den­ken sichert.

Das heu­te übli­che Ver­ständ­nis von „Glo­ba­li­sie­rung“ über­spielt die­se not­wen­di­ge Dif­fe­ren­zie­rung eben­so wie die vor­her­ge­hen­de Rede von „Euro­päi­sie­rung“ oder „Ver­west­li­chung“ und die neue­re Kri­tik der
„Ame­ri­ka­ni­sie­rung“. Durch­ge­hend bleibt genau die Fra­ge aus­ge­blen­det, die Weber beun­ru­hig­te und beweg­te: Wie kann eine kul­tu­rel­le Schöp­fung, die, wie alle übri­gen, nur unter beson­de­ren, ja sin­gu­lä­ren Bedin­gun­gen in die Welt zu kom­men ver­moch­te, eine „Bedeu­tung und Gül­tig­keit“ gewin­nen, wel­che von allen beson­de­ren Bedin­gun­gen unab­hän­gig ist? Für die Geschicht­s­te­leo­lo­gi­en (gr. telos = Ziel, Zweck, Sinn) des 18. und 19. Jahr­hun­derts war, wie für ihre theo­lo­gi­schen Vor­gän­ger und Mus­ter, die­se Fra­ge sinn­los, weil sie allem Gesche­hen einen Ort und eine Funk­ti­on in der einen uni­ver­sa­len Geschich­te zuwie­sen. Die­se Mög­lich­keit hat­te sich für Weber erle­digt – wegen der Unab­weis­bar­keit des His­to­ris­mus und wegen der dar­über hin­aus­ge­hen­den, von Weber aus­drück­lich ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, dass es in der Geschich­te über­haupt kei­nen objek­ti­ven, also all­ge­mein ver­bind­li­chen Sinn gebe. Trotz­dem konn­te Weber sich nicht mit einer his­to­ris­ti­schen, also strikt rela­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on abfin­den, und gewiss wäre er auch mit deren neu­en post­mo­der­nen respek­ti­ve kon­struk­ti­vis­ti­schen Vari­an­ten unzu­frie­den gewe­sen.

 

Zitier­te Lite­ra­tur:

Max Weber: Gesam­mel­te Auf­sät­ze zur Reli­gi­ons­so­zio­lo­gie. Band 1, Tübin­gen: Ver­lag von J.C.B. Mohr (Sie­beck): 1947

Jür­gen Haber­mas: Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns. Band 1, Frank­furt a.M.: Suhr­kamp Ver­lag 1981

 

 

 

 

 

Die­ser Text ist erst­mals in agora42 EUROPA erschie­nen.

 

 

Das Irrenhaus voller Chefärzte – Ein sehr kurzes Kurzinterview mit Theaterwissenschaftler Ulf Schmidt

Das Irrenhaus voller Chefärzte

Ein sehr kurzes Kurzinterview mit Theaterwissenschaftler Ulf Schmidt anlässlich der aktuellen Ausgabe zum Thema Ordnung.

 

 

Herr Schmidt, was ist Ord­nung?

Ein Irren­haus vol­ler Chef­ärz­te.

 

Und wann ent­steht das Gefühl der sozia­len Unord­nung, die Sehn­sucht nach “mehr Ord­nung”, auch wenn dazu hart durch­ge­grif­fen wer­den muss?

Wenn die Chef­ärz­te mit­ein­an­der ins Gespräch kom­men.

 

Gab es schon ein­mal eine gesell­schaft­li­che Ord­nung, die den Men­schen so wenig Sinn (in per­sön­li­cher, exis­ten­zi­el­ler Hin­sicht) für ihr Leben gab, wie die heu­ti­ge?

Ja.

 

Heu­te wächst bei eini­gen Bevöl­ke­rungs­tei­len die Sehn­sucht nach einer auto­ri­tä­ren Ord­nung; nach einer Ord­nung, die man spürt. War­um fällt es die­sen Men­schen so schwer das Pro­blem „ver­nünf­ti­ger“ anzu­ge­hen und basie­rend ihrer berech­tig­ten Kri­tik am Sta­tus Quo neue rechts­staat­li­che Uto­pi­en auf­zu­zei­gen, für die es sich zu kämp­fen lohnt?

Weil die gan­zen Chef­ärz­te den Chef­arzt-Ses­sel für sich bean­spru­chen.

 

Was glau­ben Sie könn­te heu­te eher ein Aus­lö­ser für einen gesell­schaft­li­chen Wan­del sein: Poli­ti­sche, ver­nünf­ti­ge Beschlüs­se, oder über uns her­ein­bre­chen­de Kata­stro­phen? Oder gar etwas drit­tes?

Wenn die Irren ver­ste­hen, dass sie nur ein gemein­sa­mes Haus haben, in dem sie zusam­men­le­ben müs­sen.

 

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Ulf Schmidt ist Thea­ter­au­tor und bloggt seit 2009 auf postdramatiker.de über „Arbeit und Medi­en, Gesell­schaft­li­ches, Poli­ti­sches, Post­dra­ma­ti­sches“.

Gesellschaftliche Probleme finden direkten Niederschlag in der Psyche – Interview mit Ralf M. Damitz

Gesellschaftliche Probleme finden direkten Niederschlag in der Psyche

Inter­view mit Ralf M. Damitz – Teil 2

 

 

Anläss­lich der neu­en agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Ralf M. Damitz zum The­ma eini­ge Fra­gen gestellt. Er spricht über die Ver­hei­ßung von Finanz­pro­duk­ten, Wider­stands­fä­hig­keit als Res­sour­ce sowie die Ursa­che psy­chi­scher Kon­flik­te …

 

Die Real­wirt­schaft steht einem ent­fes­sel­ten und ihren Wert um ein Viel­fa­ches über­stei­gen­den Finanz­ka­pi­tal gegen­über. Hat die Wirt­schaft im mate­ri­el­len Sinn (Pro­duk­ti­on) nur noch Ali­bi­funk­ti­on?

Ich den­ke nicht. Wahr­schein­lich ist es die Wunsch­vor­stel­lung von Ver­mö­gens­be­sit­zern und (Finanz-)Investoren, dass man ein­fach – wie es ein gro­ßes deut­sches Bank­in­sti­tut bewirbt – sein Geld für sich arbei­ten las­sen kann. Aber wir erle­ben ja gera­de, dass die­se Auf­fas­sung so ein­fach nicht auf­geht.

Natür­lich geht es nicht ohne die soge­nann­te Real­wirt­schaft. Dass Real­wirt­schaft und Finanz­wirt­schaft sich gegen­sei­tig bedin­gen, dass sie untrenn­bar mit­ein­an­der Ver­floch­ten und auf­ein­an­der ange­wie­sen sind, dass sie sich posi­tiv wie nega­tiv gegen­sei­tig beein­flus­sen und ver­stär­ken ver­weist einer­seits auf die unge­heu­re Kom­ple­xi­tät, die in sol­chen Pro­zes­sen steckt (gera­de dann, wenn man öko­no­mi­sche Wert­schöp­fungs­ket­ten glo­bal denkt) und ande­rer­seits auf ein ideo­lo­gie­kri­ti­sches Moment, das bei Mar­xis­tIn­nen unter der Bezeich­nung Fetisch oder Feti­schi­sie­rung ver­han­delt wird.

Für Marx war das zins­tra­gen­de Kapi­tal die fetisch­ar­tigs­te Form des Kapi­tals. Feti­schis­mus bedeu­tet hier eine eigen­tüm­li­che Mys­ti­fi­ka­ti­on der bür­ger­lich-kapi­ta­lis­ti­schen Welt. Mys­ti­fi­ka­ti­on bedeu­tet, dass die­se Welt einem Schein, einer Selbst­täu­schung auf­sitzt. Wie kann es sein, so die Fra­ge, die Marx zu lösen bestrebt war, dass Geld, ein pro­fa­nes Ding, in unse­rer Welt die Fähig­keit besitzt, einen Wert­zu­wachs zu gene­rie­ren?

Wie kann es sein, so die Fra­ge, die Marx zu lösen bestrebt war, dass Geld, ein pro­fa­nes Ding, in unse­rer Welt die Fähig­keit besitzt, einen Wert­zu­wachs zu gene­rie­ren?

Das ist immer­hin die Ver­hei­ßung aller Finanz­pro­duk­te. Wie kann eine Geld­men­ge X als Kapi­tal den Anspruch begrün­den und rea­li­sie­ren, aus sich selbst her­aus mehr Geld zu erzeu­gen, sich also selbst zu ver­wer­ten? Die detail­lier­te Ant­wort auf sol­che Fra­gen umfasst über 2000 Sei­ten schwer ver­dau­li­che Theo­rie. Was Marx dabei aber auf­zeigt ist, dass Real­wirt­schaft und Finanz­wirt­schaft (oder in sei­nem Jar­gon: dass der Pro­duk­ti­ons­pro­zess des Kapi­tals und der Zir­ku­la­ti­ons­pro­zess des Kapi­tals) glei­cher­ma­ßen not­wen­dig sind und nur zusam­men das Gan­ze aus­ma­chen. Und das Gan­ze ist ein gigan­ti­scher Aus­beu­tungs­me­cha­nis­mus. Im Pro­duk­ti­ons­pro­zess wird das Sur­plus­pro­dukt pro­du­ziert, durch des­sen Rea­li­sie­rung über­haupt die Grund­la­ge geschaf­fen wird, auch die Ansprü­che der Zir­ku­la­ti­ons­sphä­re, Kre­di­te, Divi­den­den, etc., bedie­nen zu kön­nen. Die Arbeit, von Mil­lio­nen von Men­schen tag­täg­lich ver­rich­tet, ist (gemein­sam mit den Roh­stof­fen der Natur) die Quel­le die­ses gesell­schaft­li­chen Reich­tums; die ver­schie­de­nen Kapi­tal­for­men stel­len dem­ge­gen­über die Mit­tel dar, sich die Früch­te der Arbeit anzu­eig­nen. Die­sen Pro­zess aus­zu­blen­den und allein auf die qua­si-magi­sche Fähig­keit des Gel­des zu fokus­sie­ren ist Modus Ope­ran­di der bür­ger­lich-kapi­ta­lis­ti­schen Selbst­mys­ti­fi­ka­ti­on.

Man kann mit Marx die Erin­ne­rung dar­an wach­hal­ten, dass es nicht die gigan­ti­schen Geld­sum­men sind, die das dyna­mi­sche Moment der ent­fes­sel­ten Welt­wirt­schaft dar­stel­len, son­dern, etwas empha­tisch aus­ge­drückt, das bele­ben­de Feu­er der Arbeit. Wer meint, das sei doch alles ein alter Hut, der hat frei­lich recht. Aber viel­leicht ist die­ses ideo­lo­gi­sche Moment, das Marx schon vor lan­ger Zeit auf­lö­sen woll­te, heu­te noch wirk­sa­mer denn je? Wer bei­spiels­wei­se die viel­ge­lob­te ZDF-Serie »Bad Banks« anschaut, in der es um eben­die­se gigan­ti­schen Geld­sum­men geht, wird fest­stel­len, dass die ein­zi­gen, die dort ernst­haft arbei­ten, die flei­ßi­gen Fond-Mana­ge­rIn­nen sind. Das ist genau die ver­zau­ber­te, ver­kehr­te und auf den Kopf gestell­te Welt, von der Marx sprach.

 

Gibt es Mög­lich­kei­ten, sein Leben wider­spruchs­frei aus­zu­rich­ten? Oder ist die unbe­ding­te Wider­spruchs­frei­heit auch eine Ideo­lo­gie?

Mit wider­sprüch­li­chen Hand­lungs­an­for­de­run­gen umzu­ge­hen, ist vor allem schwie­rig und anstren­gend – es zehrt an uns. Es dürf­te kein Zufall sein, dass Arbeits­psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie in den letz­ten Jah­ren glei­cher­ma­ßen das The­ma Resi­li­enz ent­deckt haben und mei­nen, damit eine kost­ba­re Res­sour­ce unse­rer Zeit gefun­den zu haben. Man redet dann über Res­sour­cen, Fähig­kei­ten oder Stra­te­gi­en, die wir moder­nen Sub­jek­te haben, ent­wi­ckeln oder erwer­ben kön­nen, um mit Kri­sen, Schocks oder eben Wider­sprü­chen umge­hen zu kön­nen und sta­bil zu blei­ben. Woher kommt die in die­ser Auf­fas­sung durch­schim­mern­de Anfäl­lig­keit von uns moder­nen Sub­jek­ten?

Es dürf­te kein Zufall sein, dass Arbeits­psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie in den letz­ten Jah­ren glei­cher­ma­ßen das The­ma Resi­li­enz ent­deckt haben und mei­nen, damit eine kost­ba­re Res­sour­ce unse­rer Zeit gefun­den zu haben.

Schon früh hat Ulrich Beck dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Stär­kung der Auf­fas­sung, wir sei­en freie, auto­nom ent­schei­den­de, selbst­ver­ant­wort­lich han­deln­de Indi­vi­du­en, Gefahr mit sich brin­ge. Dem Trend zur indi­vi­dua­li­sier­ten Lebens­füh­rung, der Aus­brei­tung eines ich­zen­trier­ten Welt­bil­des kor­re­spon­diert der Ver­lust von einst als kol­lek­tiv erleb­ten Schick­sa­len nebst geteil­ten Hand­lungs- und Deu­tungs­mus­tern; sie hal­fen, den eige­nen Platz in der Gesell­schaft und das, was einem in der und durch die Gesell­schaft wider­fährt, ein­zu­ord­nen. Becks The­se ist nun, dass die Indi­vi­dua­li­sie­rungs­an­for­de­run­gen, die die Gesell­schaft an uns stellt, gewis­ser­ma­ßen Indi­vi­du­um und Gesell­schaft kurz­schlie­ßen. Soll hei­ßen: Gesell­schaft­li­che Pro­blem­la­gen fin­den direk­ten Nie­der­schlag in psy­chi­schen Dis­po­si­tio­nen; geför­dert wer­den also per­sön­li­ches Unge­nü­gen, Schuld­ge­füh­le, Ängs­te, psy­chi­sche Kon­flik­te und Neu­ro­sen.

Ich kann mir zwar eini­ger­ma­ßen her­lei­ten, war­um es zuneh­mend schwie­ri­ger erscheint, in unse­rer Gegen­warts­ge­sell­schaft eine kla­re Vor­stel­lung zu haben, wie man leben oder wor­an man sein Leben aus­rich­ten soll, aber ich muss zuge­ben: Ich habe schlicht kei­ne Ant­wort auf die gestell­te Fra­ge. Sor­ry.

 

Das Kapi­tal schafft sich eine Welt nach sei­nem Bil­de” – Inter­view mit Ralf M. Damitz (Teil 1)

Gesell­schaft­li­che Pro­ble­me fin­den direk­ten Nie­der­schlag in der Psy­che – Inter­view mit Ralf M. Damitz (Teil 2)

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In Zeiten des Widerspruchs:

Die Wirt­schaft macht Poli­tik, Geld macht nicht mehr glück­lich, die Gesell­schaft ver­lässt den Men­schen und der Mensch ver­liert sich selbst. War­um die Welt ver­rückt gewor­den ist. Die neue agora42.

Mit u.a.:

Ernst Ulrich von Weiz­sä­cker im Inter­view “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech: “Wohl­stand im Wider­spruch”

Ant­je von Dewitz: “Wir alle müs­sen Kon­trol­le abge­ben”

Tan­ja Will: “Die Ver­nunft in der Sack­gas­se”

Sven Bött­cher: “Anders!” ist das neue “Bas­ta!”

Das Kapital schafft sich eine Welt nach seinem Bilde” – Interview mit Ralf M. Damitz

Das Kapital schafft sich eine Welt nach seinem Bilde”

Inter­view mit Ralf M. Damitz – Teil 1

 

Anlässlich der neuen agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Ralf M. Damitz zum Thema einige Fragen gestellt. Er spricht über Arbeit und Kapital, Unfreiheit am Arbeitsplatz, Armut als notwendiges gesellschaftliches Produkt sowie die Verstrickung von Demokratie und Kapitalismus …

 

Die neue agora42 hat den Titel „Wirt­schaft im Wider­spruch“. Wel­cher Wider­spruch ist für Sie der bedeut­sams­te?

Für mich hat in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit tat­säch­lich der klas­si­sche Wider­spruch von Arbeit und Kapi­tal zuneh­mend an Bedeu­tung gewon­nen. Aller­dings weni­ger aus theo­re­ti­schen oder irgend­wie gear­te­ten ideo­lo­gi­schen Grün­den, son­dern auf­grund für mich sehr inter­es­san­ter per­sön­li­cher Erfah­run­gen:

Ich bin seit ca. 5 Jah­ren qua­si neben­be­ruf­lich Betriebs­rat in einem Leih­ar­beits­un­ter­neh­men. Die­ses Unter­neh­men bie­tet sozia­le Dienst­leis­tun­gen an, Betreu­ung und Assis­tenz von behin­der­ten Men­schen. Im Grun­de genom­men ist das nicht das klas­si­sche Ein­satz­ge­biet von Leih­ar­beit. Es ist aber auch kein klas­si­sches Arbeits- bzw. Tätig­keits­feld. Denn Assis­tenz­dienst­leis­tun­gen sind noch nicht all­zu lan­ge als Lohn­ar­beits­ver­hält­nis erschlos­sen (frü­her wur­de das vor allem von Zivil­dienst­leis­ten­den abge­deckt). Das Tätig­keits­feld ist in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten prak­tisch im Schat­ten der gro­ßen The­men und jen­seits der poli­ti­schen Auf­merk­sam­keit ent­stan­den und ist des­halb bis­wei­len weder für Gewerk­schaf­ten, noch für poli­ti­sche Par­tei­en oder Insti­tu­tio­nen irgend­wie inter­es­sant gewe­sen. Man hat es daher mit wenig regu­lier­ten Arbeits­be­din­gun­gen zu tun, die meist allein arbeit­ge­ber­sei­tig aus­ge­stal­tet wor­den sind. Das hat gra­vie­ren­den Fol­gen für die Arbeit­neh­me­rIn­nen.

Wer jetzt denkt, im sozia­len Bereich kann das doch nicht so schlimm sein, der irrt. Gera­de dort, wo cari­ta­ti­ve oder dia­ko­ni­sche Ein­rich­tun­gen, zivil­ge­sell­schaft­li­che Akteu­re, Ver­ei­ne und Sozi­al­un­ter­neh­men aktiv sind, ist ein rie­sen­gro­ßes Expe­ri­men­tier­feld in Sachen mie­ser Arbeits­be­din­gun­gen ent­stan­den. Der Geschäfts­füh­rer eines loka­len Assis­tenz­dienst­leis­ters gab auf einer Podi­ums­dis­kus­si­on mal das Bon­mot zum Bes­ten, dass, wer sozi­al wert­vol­le Arbeit leis­te, sich doch bit­te­schön nicht auch noch um ver­nünf­ti­ge Arbeits­be­din­gun­gen, geschwei­ge denn um ange­mes­se­ne Bezah­lung küm­mern müs­se. Kein Ein­zel­fall. Das Leih­ar­beits­un­ter­neh­men, für das ich arbei­te, war bis zu dem Zeit­punkt, als sich der Betriebs­rat gegrün­det hat, im Grun­de genom­men nicht viel mehr als eine Brief­kas­ten­fir­ma mit einem klar auf der Hand lie­gen­den Geschäfts­mo­dell: Ein­stel­lun­gen kön­nen im Ver­gleich zum Haus­ta­rif mit einem um cir­ca 30% redu­zier­ten Stun­den­ent­gelt, gerin­ge­ren Zeit­zu­schlä­gen, viel gerin­ge­ren Jah­res­son­der­zah­lun­gen und natür­lich ohne irgend­ei­ne Art betrieb­li­cher Alters­si­che­rung vor­ge­nom­men wer­den. Auch der Arbeits- und Gesund­heits­schutz oder die dort prak­ti­zier­ten Arbeits­zeit­mo­del­le fal­len mei­len­weit hin­ter gän­gi­ge Stan­dards zurück. Man kann anhand der Assis­tenz­dienst­leis­tun­gen sehr gut erken­nen: Wenn Unter­neh­men machen kön­nen was sie wol­len, wird die Arbeit und der Arbeits­platz schnell zum pri­vi­le­gier­ten Ort gesell­schaft­lich gestütz­ter Unfrei­heit.

Wenn Unter­neh­men machen kön­nen was sie wol­len, wird die Arbeit und der Arbeits­platz schnell zum pri­vi­le­gier­ten Ort gesell­schaft­lich gestütz­ter Unfrei­heit.

Für mich war es enorm span­nend dort Betriebs­rat zu wer­den. Im betriebs­rät­li­chen All­tags­ge­schäft befasst man sich viel mit der Mikro­ebe­ne von Kapi­tal vs. Arbeit. Selbst wenn im sozia­len Bereich nicht all­zu viel Geld im Spiel ist, schützt das nicht vor den herr­schen­den wirt­schaft­li­chen Dog­men. Bei uns war es so, dass der CEO des Mut­ter­kon­zerns bei einer renom­mier­ten Unter­neh­mens­be­ra­tung sein Hand­werk gelernt hat und anschlie­ßend natür­lich Erfol­ge ein­strei­chen woll­te. Und was pas­siert, wenn es gilt, ein durch­schnitt­li­ches Unter­neh­men betriebs­wirt­schaft­lich gut daste­hen zu las­sen? Natür­lich wird das gro­ße Spa­ren ver­ord­net, denn zuerst müs­sen die Zah­len stim­men! Man bekommt dann auf der einen Sei­te von der Geschäfts­füh­rung unaus­halt­ba­re unter­neh­me­ri­sche Flos­keln, aller­lei wirt­schafts­ideo­lo­gi­schen Legi­ti­ma­ti­ons­quatsch und manch­mal auch saf­ti­ge Lügen ser­viert. Auf der ande­ren Sei­te sieht man, wie auf Sei­te der Kol­le­gIn­nen regi­de Wirt­schafts­pla­nung, schlecht orga­ni­sier­te Arbeits­ab­läu­fe und man­geln­de unter­neh­me­ri­sche Für­sor­ge die indi­vi­du­el­le Belas­tung in die Höhe trei­ben und gleich­zei­tig dafür sor­gen, dass die Stim­mung ins Boden­lo­se sinkt. Dann hilft natür­lich nur eins: Don´t mourn – orga­ni­ze!

Don´t mourn – orga­ni­ze!

Ins­ge­samt zeigt sich dabei die nach wie vor recht grund­sätz­li­che Wider­sprüch­lich­keit der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­ge­sell­schaf­tung durch Lohn­ar­beit: Der Lohn, der für die­je­ni­gen, die von ihrer Arbeit leben müs­sen, die Lebens­grund­la­ge dar­stellt, wird, selbst in sei­ner pre­kä­ren Form, für ihre Gegen­über, die Unter­neh­mer, in roten Zahl dar­ge­stellt; Lohn ist Kos­ten­fak­tor und damit ein Pos­ten, der prin­zi­pi­ell zu hoch ist, da er immer dem Gewinn ent­ge­gen­steht. Dar­un­ter lei­den natür­lich eben­so die Arbeits­be­din­gun­gen, auch sie wer­den durch Kos­ten­druck grund­le­gend umge­krem­pelt. Im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest steht sinn­ge­mäß der Satz: Das Kapi­tal schafft sich eine Welt nach sei­nem Bil­de. Ich den­ke, die­se Aus­sa­ge ist für unse­re Gegen­wart wört­li­cher zu neh­men denn je.
Eines hat sich für mich bei mei­ner Arbeit als Betriebs­rat deut­lich gezeigt: Ange­wand­te Betriebs­wirt­schaft ist noch immer eines der effek­tivs­ten Mit­tel im Klas­sen­kampf von oben.

Ange­sichts der enor­men Bedeu­tung und der immer stär­ke­ren Kon­zen­tra­ti­on des Kapi­tals: Sehen Sie die Demo­kra­tie und mit ihr den Wohl­fahrts­staat durch die­se Ent­wick­lung gefähr­det?

Was den Wohl­fahrts­staat betrifft, so ist es kei­ne all­zu stei­le The­se, wenn man behaup­tet, dass er mit­hil­fe der neo­li­be­ra­len Agen­da längst gründ­lich umge­baut wur­de; die­ser Wan­del wird seit Bill Clin­ton mit der Flos­kel From Wel­fa­re to Work­fa­re umris­sen. Man kann sicher­lich Grund­si­che­rung, Trans­fer­zah­lun­gen gemein­sam mit ande­ren wohl­fahrts­staat­li­chen Ange­bo­ten zum zivi­li­sa­to­ri­schen Stan­dard zäh­len; aller­dings ist der Wohl­fahrts­staat gegen­wär­tig eben­so Dis­zi­pli­nar­re­gime, das Armut ver­wal­tet, ten­den­zi­ell auch selbst pro­du­ziert, und das vor allem aller­lei Zumu­tun­gen für sei­ne Kli­en­tel bereit­hält – Chan­cen dafür wesent­lich sel­te­ner. Es ist letzt­lich immer eine Sache der Maß­stä­be, die man zur Beur­tei­lung anlegt. Mein Maß­stab ist unge­fähr fol­gern­der: Die Bun­des­re­pu­blik gehört zu den reichs­ten Indus­trie­na­tio­nen der Erde und gera­de des­halb ist der neo­li­be­ral getrimm­te Wohl­fahrts­staat und die dazu­ge­hö­ri­gen Dis­kus­sio­nen, bei­spiels­wei­se über die Höhe von Hartz IV oder über die so genann­ten Sozi­al­schma­rot­zer, eine ein­zi­ge Far­ce. Als Far­ce aber eben auch kein Zufall. Schließ­lich leben wir in einer Klas­sen­ge­sell­schaft, in der die Ver­tei­lung des pro­du­zier­ten Reich­tums rela­tiv bekann­ten Geset­zen gehorcht und Armut dabei als not­wen­di­ges gesell­schaft­li­ches Pro­dukt her­aus­kommt. Das aller­dings gehört nicht zum Sag­ba­ren des aktu­el­len bür­ger­li­chen Poli­tik­be­trie­bes.

Zum Stich­wort Demo­kra­tie den­ke ich, wir haben es bei die­sem gro­ßen Wort mit einer sehr viel­schich­ti­gen und ernst­zu­neh­men­den Pro­ble­ma­tik zu tun. Vie­les spricht zunächst für die The­se, dass Macht und Ein­fluss des Kapi­tals nach­hal­tig die Sphä­re des Poli­ti­schen (natio­nal wie inter­na­tio­nal) durch­drun­gen haben und dadurch demo­kra­ti­sche Pro­zes­se und Ent­schei­dungs­fin­dun­gen ver­än­dern, stö­ren oder sogar gefähr­den. Ich fin­de hier bei­spiels­wei­se die Zeit­dia­gno­se von Wolf­gang Stre­eck, der aktu­el­le Ent­wick­lun­gen als Ende des her­kömm­li­chen Kapi­ta­lis­mus inter­pre­tiert und ein neu­es Aneig­nungs- und Aus­beu­tungs­re­gime ent­ste­hen sieht, recht inter­es­sant. Aller­dings möch­te ich den Akzent mal ein wenig ver­schie­ben.
Wenn man den Spieß mal umdreht und fragt, wo und wann sich denn die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie – und das heißt natür­lich: die legi­ti­mier­ten Man­dats­trä­ge­rIn­nen – in den letz­ten Deka­den als Boll­werk gegen For­de­run­gen des Kapi­tals ver­stan­den haben, dann sieht es irgend­wie recht mau aus. Mehr noch: Das poli­ti­sche Geschäft der demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Akteu­re im pro­fes­sio­nel­len Poli­tik­be­trieb besteht zu einem nicht gerin­gen Teil dar­in, aktiv dafür zu sor­gen, dass die Anpas­sung der gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren an die als Sach­zwän­ge inter­pre­tier­ten öko­no­mi­schen Not­wen­dig­kei­ten so aus­fällt, dass auch in der Zukunft eine pro­spe­rie­ren­de (hei­mi­sche) Wirt­schaft mög­lichst saf­ti­ge Pro­fi­te gene­rie­ren kann. Und wir wis­sen aus der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit, dass dabei nahe­zu alle Berei­che der Gesell­schaft zur Dis­po­si­ti­on ste­hen. Das zeigt aber, dass die Demo­kra­tie und demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen tief in die Bestands- und Zukunfts­si­che­rung der kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung ver­strickt sind.

Die Demo­kra­tie und demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen sind tief in die Bestands- und Zukunfts­si­che­rung der kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung ver­strickt.

Im Klar­text: Die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie bür­ger­li­cher Prä­gung ist die dem moder­nen Kapi­ta­lis­mus adäqua­te Herr­schafts­form.
Wenn man also von einer Kri­se der Demo­kra­tie spre­chen möch­te, wür­de ich nicht die Kon­zen­tra­ti­on des Kapi­tals als ent­schei­den­des Pro­blem sehen, son­dern: Dass es an einem kol­lek­ti­ven poli­ti­schen Akteur man­gelt, der – popu­lis­tisch aus­ge­drückt – den Mäch­ti­gen und Ein­fluss­rei­chen in Poli­tik und Wirt­schaft eine ernst­haf­te Lek­ti­on in Sachen Demo­kra­tie bzw. Demo­kra­ti­sie­rung ertei­len könn­te.

Das Kapi­tal schafft sich eine Welt nach sei­nem Bil­de” – Inter­view mit Ralf M. Damitz (Teil 1)

Gesell­schaft­li­che Pro­ble­me fin­den direk­ten Nie­der­schlag in der Psy­che – Inter­view mit Ralf M. Damitz (Teil 2)

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Ralf M. Damitz stu­dier­te Sozio­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie. Er lebt und arbei­tet in Kas­sel.