Kann uns Bildung retten? – Teil 3

Wird uns Bildung retten? – Teil 3

Je gebildeter, desto umweltschädlicher?

 

Dies ist die Fort­set­zung des Nach­den­kens über die Fra­ge, ob uns Bil­dung ret­ten kann. Vor­aus­ge­gan­gen sind bereits:

Wird uns Bil­dung ret­ten? – Teil 1: Haben wir ein Bil­dungs­de­fi­zit?

Wird uns Bil­dung ret­ten? – Teil 2: Macht uns Bil­dung zu bes­se­ren Men­schen?

 

Okay, wir saßen also inzwi­schen alle in einem net­ten Tübin­ger Restau­rant und knab­ber­ten an unse­rer Kür­bispiz­za und Niko Paech erzähl­te uns, dass es unter dem Strich nichts aus­macht, ob man sich nun beson­ders umwelt­be­wusst wähnt oder nicht – ja erstaun­li­cher noch: Gemäß der von ihn zitier­ten Stu­die vom Umwelt­bun­des­amt liegt der Res­sour­cen­ver­brauch von “Bevöl­ke­rungs­seg­men­ten, in denen posi­ti­ve Umwelt­ein­stel­lun­gen wei­ter ver­brei­tet sind als im Bevöl­ke­rungs­mit­tel, (…) nicht unter, son­dern über dem in weni­ger umwelt­ori­en­tier­ten Seg­men­ten.”

 

Das ist natür­lich eine ver­blüf­fen­de Aus­sa­ge und man wun­dert sich, dass die BILD Zei­tung die­se Stu­die nie für ihre berühmt berüch­tig­ten Schlag­zei­len ver­wen­det hat, könn­te man in BILD-Manier den Sach­ver­halt wun­der­bar ver­kürzt auf die Aus­sa­ge brin­gen “Ökos sind die wah­ren Kli­ma­sün­der”. Und das trau­ri­ge an die­ser Aus­sa­ge ist, dass sie irgend­wie auch zutrifft. Und doch muss man die so ver­un­glimpf­ten Ökos zunächst in Schutz neh­men, denn schließ­lich ver­brau­chen sie ja nicht vor­sätz­lich mehr Res­sour­cen als das Bevöl­ke­rungs­mit­tel.

 

Doch schau­en wir uns zunächst ein­mal an, wer denn Teil die­ser “Bevöl­ke­rungs­seg­men­te, in denen posi­ti­ve Umwelt­ein­stel­lun­gen wei­ter ver­brei­tet sind als im Bevöl­ke­rungs­mit­tel” ist. In aller Regel sind das über­durch­schnitt­lich gebil­de­te Per­so­nen, denen es auch wich­tig ist, über den eige­nen Tel­ler­rand zu schau­en. Per­so­nen also, die sich durch­aus als welt­of­fen bezeich­nen wür­den und die auf­grund ihres Welt­bür­ger­tums (ver­stan­den als “ich bin zuhau­se in der gan­zen Welt und am Wochen­en­de auch eben mal kurz in Rom”) ein über­durch­schnitt­li­ches Mobi­li­täts­be­dürf­nis haben und aus­le­ben; Per­so­nen, die auf­grund ihrer Bil­dung oft auch ein höhe­res Ein­kom­men haben als der Durch­schnitt und des­halb in grö­ße­ren Woh­nun­gen leben, sich Haus­tie­re hal­ten und even­tu­ell sogar eine Sau­na ihr eigen nen­nen kön­nen. Dabei über­se­hen die oben flap­sig als Ökos bezeich­ne­ten Per­so­nen lei­der, dass all die­se Aspek­te den Pro-Kopf-Ver­brauch natür­li­cher Res­sour­cen in die Höhe schnel­len las­sen.

 

Wir kön­nen an die­ser Stel­le also ein kur­zes Zwi­schen­fa­zit zie­hen: In dem Maße, in dem Bil­dung zu einem höhe­ren Ein­kom­men führt, führt dies in der Regel auch zu einem erhöh­ten Res­sour­cen­ver­brauch. Fer­ner scheint es einen Zusam­men­hang zu geben zwi­schen einer erhöh­ten Sen­si­bi­li­sie­rung für Umwelt­the­men und dem Bedürf­nis in ein Flug­zeug zu stei­gen. Doch da das Bewusst­sein für den Umwelt­schutz unwei­ger­lich nur durch Bil­dung erreicht wer­den kann, kommt man nicht umhin, sich zu fra­gen, ob fol­gen­der Zusam­men­hang wahr ist: Je gebil­de­ter, des­to umwelt­schäd­li­cher.

 

Solan­ge man der erwähn­ten Stu­die kei­ne gro­ben Män­gel vor­wer­fen kann, muss man sich ein­ge­ste­hen, dass ein Zusam­men­hang nicht von der Hand zu wei­sen ist. Uff. Das ist zunächst ein­mal schwe­re Kost, aber ein Grund zum Ver­zwei­feln ist das noch lan­ge nicht. Viel­mehr führt uns die­se Erkennt­nis zu einem zen­tra­len Pro­blem der heu­ti­gen Zeit, dass wir näm­lich ein selt­sam gear­te­tes Ver­ständ­nis von Bil­dung haben. Die­se Fest­stel­lung hilft uns auch zu erken­nen, dass die häu­fig gehör­te For­de­rung nach mehr Bil­dung – mit der man jede Dis­kus­si­on zum Schwei­gen brin­gen kann – nicht ziel­füh­rend ist, sofern nicht gleich­zei­tig erläu­tert wird, wel­che Art der Bil­dung eigent­lich gefor­dert wird.

 

Anstatt Sie an die­ser Stel­le mit eige­nen Aus­füh­run­gen zu lang­wei­len, möch­ten wir Ihnen ger­ne zwei Kurz­vor­trä­ge ans Herz legen in denen sich die Refe­ren­ten mit dem Wider­spruch zwi­schen – einer­seits – Bil­dung als Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und Vor­aus­set­zung für selbst­stän­di­ges Den­ken und freie For­schung sowie – ande­rer­seits – Wis­sen als Aus­wen­dig­ler­nen bzw. als dog­ma­ti­sche Wis­sen­schaft, die grund­le­gend neue Erkennt­nis­se nicht zulässt.

 

Die­se Vor­trä­ge hiel­ten Marie Glück und Richard David Precht auf der von uns mit­or­ga­ni­sier­ten PAЯADOX Kon­fe­renz – Stutt­gar­ter Dia­log über Wirt­schaft und Gesell­schaft. Viel Freu­de beim Zuse­hen:

 

Wird uns Bildung retten? Teil 2

Wird uns Bildung retten? Teil 2

Macht uns Bildung zu besseren Menschen?

 

Soviel steht fest: Wir brau­chen mehr Bil­dung. Aber wel­che Bil­dung brau­chen wir? Und selbst wenn es mehr von die­ser Bil­dung gibt, kann sie die Pro­ble­me lösen, die es zu lösen gilt?

Paech Bildung

Prof. Dr. Niko Paech ist Öko­nom und lehrt an den Uni­ver­si­tä­ten Sie­gen und Olden­burg.

In dem vor­an­ge­gan­ge­nen Bei­trag zu dem The­ma “Kann uns Bil­dung ret­ten?” ende­ten wir mit der Erkennt­nis, dass die Popu­la­ri­tät des Öko­no­men Niko Paech viel­leicht daher rührt, dass er es wie kaum ein ande­rer ver­steht, die Wider­sprü­che unse­rer auf Wachs­tum basie­ren­den Wirt­schaft offen zu legen. Mehr noch. Wäh­rend die Main­stream­kri­ti­ker die Green Eco­no­my als Lösung für die durch das Wirt­schafts­wachs­tum ver­ur­sach­ten Pro­ble­me anse­hen, seziert Niko Paech auch die Wider­sprü­che die­ser grü­nen Wachs­tums­träu­me.

Paechs Argu­men­ta­ti­on zu fol­gen ist gewiss anspruchs­voll, bricht sie doch mit vie­lem, was man als selbst­ver­ständ­lich ansah oder ver­langt einem ab, dass man neu­es zu den­ken wagt. Und das ist gefähr­lich. Denn ist man ein­mal die­sen Schritt gegan­gen, kann man hin­ter die­se neue Erkennt­nis nicht mehr zurück. Konn­te man sich vor­her gewis­ser­ma­ßen noch dadurch schüt­zen, dass man die pro­ble­ma­ti­schen Kon­se­quen­zen nicht kann­te, die eine grü­ne Wachs­tums­stra­te­gie mit sich bringt, so belügt man sich selbst, wenn man nach Paechs Aus­füh­run­gen dar­auf hofft, dass wir die Welt doch noch irgend­wie ret­ten kön­nen, ohne grö­ße­re Ände­run­gen im All­tag vor­neh­men zu müs­sen.

Die­se Erkennt­nis, dass wir unse­ren All­tag ändern müs­sen, kann man zu recht als Zumu­tung emp­fin­den  – wie es wohl einer der Anwe­sen­den tat, der am 4. Dezem­ber 2017 bei der Ver­an­stal­tung “Klü­ger Wirt­schaf­ten – Wel­ches Wachs­tum brau­chen wir?” im Welt­ethos Insti­tut Tübin­gen plötz­lich laut flu­chend den Saal ver­ließ. Die ande­ren jedoch, die blie­ben, wis­sen nun bes­ser Bescheid über die Not­wen­dig­keit, sein Leben zu ändern und dass die­se Ände­rung nicht Ein­schrän­kung, son­dern durch­aus Befrei­ung sein kann – als Befrei­ung vom Über­fluss. Und so wur­de in der Dis­kus­si­on als Trä­ger die­ser Ver­än­de­rung auch die jun­ge Gene­ra­ti­on lobend erwähnt, die weni­ger auf Besitz, denn auf den Gebrauch von Din­gen geht.

Am 4. Dezem­ber 2017 fand im Welt­ethos Insti­tut Tübin­gen die Ver­an­stal­tung “Klü­ger Wirt­schaf­ten – Wel­ches Wachs­tum brau­chen wir?” statt. Gela­den waren Prof. Dr. Edel­traud Gün­ther sowie Prof. Dr. Niko Paech. In die­ser Kolum­ne erin­nern wir uns an die Gesprä­che des Abends.

Wären wir zu die­sem Zeit­punkt nach Hau­se gefah­ren, wäre uns die nächs­te Erkennt­nis erspart geblie­ben, doch wie konn­ten wir die Ein­la­dung von Bernd Vill­hau­er zu einem Abend­essen mit den Refe­ren­ten aus­schla­gen? Ger­ne folg­ten wir die­ser Ein­la­dung und ver­tief­ten uns mit Niko Paech in die Dis­kus­si­on der Wider­sprü­che, die unse­re Wirt­schaft durch­zie­hen. Doch als wir auf das The­ma Bil­dung zu spre­chen kamen, senk­te er die Stim­me und erzähl­te uns von einer Stu­die, die im April 2016 ver­öf­fent­licht wur­de und die er immer dann als Joker zückt, wenn er meint, dass er sei­nem Gegen­über noch einen wei­te­ren Erkennt­nis­schritt zumu­ten kann.

Die­se Stu­die trägt den Titel Reprä­sen­ta­ti­ve Erhe­bung von Pro-Kopf-Ver­bräu­chen natür­li­cher Res­sour­cen in Deutsch­land (nach Bevöl­ke­rungs­grup­pen) und wur­de vom Umwelt­bun­des­amt her­aus­ge­ge­ben. Bereits in der Zusam­men­fas­sung wird das Argu­ment gelie­fert, das einen ver­zwei­feln lässt, wenn man dar­auf hofft, dass Bil­dung die Men­schen zu einem umwelt­be­wuss­te­ren Lebens­stil bewe­gen könn­te. Heißt es dort doch:

Die sta­tis­ti­schen Ana­ly­sen bestä­ti­gen die Ver­mu­tung, dass vor allem das Ein­kom­men einen zen­tra­len Trei­ber für den Res­sour­cen­ver­brauch dar­stellt (…) Bemer­kens­wert ist, dass er in den sozia­len Milieu­seg­men­ten mit ver­brei­tet posi­ti­ven Umwelt­ein­stel­lun­gen über­durch­schnitt­lich hoch ist.

Im Klar­text: Bei den­je­ni­gen, die Umwelt­schutz für wich­tig hal­ten, die über die schäd­li­chen Aus­wir­kun­gen eines Lebens auf gro­ßem Fuße Bescheid wis­sen und sich aktiv über Zusam­men­hän­ge infor­mie­ren, ist der Res­sour­cen­ver­brauch über­durch­schnitt­lich hoch.

Wir hof­fen, Sie ver­zei­hen, wenn wir Sie an die­ser Stel­le auf die Fort­set­zung ver­trös­ten, in der wir die Stu­die vor­stel­len und uns wei­ter über Sinn und Unsinn von Bil­dung den Kopf zer­mar­tern.

 

Auch aus die­ser Kolum­ne:

Wird uns Bildung retten – Teil 1

Wir leben in einer Umbruchszeit – Interview mit Walter Otto Ötsch

Es wächst das Bewusstsein einer multiplen Krise

Anläss­lich der neu­en agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Wal­ter Otto Ötsch, Pro­fes­sur für Öko­no­mie und Kul­tur­ge­schich­te am Insti­tut für Öko­no­mie an der Cusa­nus Hoch­schu­le, zum The­ma eini­ge Fra­gen gestellt. Er spricht über die „Gro­ßen Kri­se“, die Gestal­tungs­fä­hig­keit der Poli­tik, die Ver­göt­te­rung des Mark­tes und die Rück­kehr des Popu­lis­mus …

 

Illus­tra­ti­on: Car­los Gar­cía-San­cho, dedesign.tumblr.com

 

Mit der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 wagen wir die The­se, dass der Wider­spruch ein Zei­chen der Zeit ist, dass schein­bar Selbst­ver­ständ­li­ches zuneh­mend zur Dis­kus­si­on steht, gleich ob in Wirt­schaft, Poli­tik oder im pri­va­ten Bereich. Wie erle­ben Sie die Zeit? Gibt es noch kla­re Ori­en­tie­rung?

 

Walter Otto Ötsch

Wal­ter Otto Ötsch ist Öko­nom und Kul­tur­his­to­ri­ker und seit Okto­ber 2015 Pro­fes­sor für Öko­no­mie und Kul­tur­ge­schich­te am Insti­tut für Öko­no­mie an der neu gegrün­de­ten Cusa­nus Hoch­schu­le in Bern­kas­tel-Kues (an der Mosel). Aus­führ­li­che Infor­ma­tio­nen zu sei­ner Per­son und sei­nen Arbei­ten unter: walteroetsch.at

Vie­les, was frü­her als selbst­ver­ständ­lich gegol­ten hat, steht heu­te zur Dis­po­si­ti­on. Wir leben in einer Umbruchs­zeit, lang­sam wächst das Bewusst­sein einer mul­ti­plen Kri­se. Alle gro­ßen Sys­te­me wei­sen struk­tu­rel­le Bruch­stel­len auf und wer­den zuneh­mend kri­tisch betrach­tet oder gar in Fra­ge gestellt: das Wirt­schafts­sys­tem spä­tes­tens seit der „Gro­ßen Kri­se“ ab 2008, die Par­tei­en­de­mo­kra­tie spä­tes­tens seit dem Wahl­sieg von Donald Trump 2016 oder der Sozi­al­staat spä­tes­tens seit der in Euro­pa akzep­tier­ten Aus­te­ri­täts­po­li­tik ab 2010. Im Hin­ter­grund steht die Angst vor einer öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe, ener­gi­sche Schrit­te, um z.B. die Kli­ma­er­wär­mung auf 2 Grad zu begren­zen, sind nicht in Sicht.

Die­se gro­ßen Fra­gen kön­nen ohne spür­ba­re struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen nicht bewäl­tigt wer­den. Die Hoff­nung, dass ihre Lösung in den bestehen­den Struk­tu­ren liegt, kann nicht geteilt wer­den. Auf­fal­lend ist aber, wie wenig „gro­ße“ Fra­gen von den poli­ti­schen Par­tei­en the­ma­ti­siert wer­den, sehen Sie sich dazu den Wahl­kampf in Deutsch­land im Herbst 2017 an. Die Refe­renz auf die Poli­tik ist ange­bracht, denn im Kern geht es um immer poli­ti­sche Fra­gen. Allem Gere­de über „die Glo­ba­li­sie­rung“ zum Trotz, ver­fügt die Poli­tik über die Macht Bestehen­des auf­recht zu erhal­ten oder zu ver­än­dern. Der aktu­el­le Trend zum Rechts­po­pu­lis­mus, der in fast allen rei­chen Län­dern beob­ach­tet wer­den kann, stellt eine Schein­ant­wort auf die ange­spro­che­nen Fra­ge­stel­lun­gen dar, ihre Impli­ka­tio­nen sind Besorg­nis erre­gend.

Neh­men wir zum Bei­spiel die „Gro­ße Kri­se“. Jah­re­lang wur­de in den Medi­en von einer Kri­se berich­tet und von Ret­tun­gen in unvor­stell­bar gro­ßem Aus­maß. Dabei wur­de aber der Öffent­lich­keit durch die Poli­tik kei­ne Erklä­rung gebo­ten. Die Kri­se selbst wur­de nicht als The­ma ange­spro­chen, es wur­den kei­ne Ursa­chen und kei­ne Schul­di­gen genannt und es wur­de medi­al nicht ver­mit­telt, was die Poli­tik in Zukunft anders machen will, um eine sol­che Erschüt­te­rung in der Zukunft zu ver­mei­den. Eine sol­che Situa­ti­on schafft das Gefühl eines Kon­troll­ver­lus­tes, d.h. die Ahnung, dass die Poli­tik gegen­über dem Finanz­sys­tem die Kon­trol­le ver­lo­ren und zwei­tens, dass die Bevöl­ke­rung die Zeche zu zah­len hat. Bei­de Ver­mu­tun­gen sind berech­tigt, sie wer­den aber nicht als sol­che offen ange­spro­chen.

Das führt in der All­ge­mein­heit zu einem laten­ten Gefühl von Ohn­macht und einer Angst vor der Zukunft, vor allem aber vor der Zukunft der eige­nen Kin­der.

Das führt in der All­ge­mein­heit zu einem laten­ten Gefühl von Ohn­macht und einer Angst vor der Zukunft, vor allem aber vor der Zukunft der eige­nen Kin­der. Das Selbst­ver­ständ­li­che von hoher Beschäf­ti­gung, aus­rei­chen­den Löh­nen und men­schen­wür­di­gen Ren­ten wird von Tei­len der Bevöl­ke­rung für die Zukunft nicht mehr für mög­lich gehal­ten.

Das ist die Stun­de der Rechts­po­pu­lis­ten, wel­che die Par­tei­en­de­mo­kra­tie bei­sei­te drän­gen wol­len. Sie spre­chen Ahnun­gen und Ängs­te an, ver­sam­meln die Bevöl­ke­rung unter der Fik­ti­on „des Vol­kes“ (eine kon­stru­ier­te homo­ge­ne Ein­heit), prä­sen­tie­ren Sün­den­bö­cke und Schein­lö­sun­gen und ver­kün­den Heils­er­war­tun­gen. Weil aber zugleich Rechts­po­pu­lis­ten kei­ner­lei Struk­tur­ana­ly­se machen (sie sind dazu kraft ihres Den­kens nicht in der Lage), kön­nen und wer­den sie – wenn sie an die Macht kom­men – kei­ne Abhil­fe für die ange­spro­che­nen Pro­ble­me bewerk­stel­li­gen. Trump z.B. wird das Los des „ver­ges­se­nen Man­nes“ in den deindus­tria­li­sier­ten Zonen der USA nicht ver­bes­sern, das Gegen­teil kann erwar­tet wer­den. Damit wird auch die mul­ti­ple Kri­se beschleu­nigt. Die Ant­wort sind grö­ße­re Het­ze, ein noch auto­ri­tä­rer Staat: ein fata­le Spi­ra­le, die zum Abbau der Demo­kra­tie füh­ren kann. (Die­ser Pro­zess ist in Ungarn am wei­tes­ten fort­ge­schrit­ten, sie­he dazu mein Buch „Popu­lis­mus für Anfän­ger“)

 

Seit der Wirt­schafts­kri­se 2008/09 sind die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten ver­mehrt in die Kri­tik gera­ten, geän­dert hat sich seit­dem wenig. Am 12.12.17 brach­te der Öko­nom Ste­ve Keen in Anspie­lung an Luthers „Anschlag zu Wit­ten­berg“ 33 The­sen zur Refor­ma­ti­on der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten an die Tür der Lon­don School of Eco­no­mics an. Erle­ben wir viel­leicht tat­säch­lich noch die Koper­ni­ka­ni­sche Wen­de?

 

Das Rät­sel des Behar­rungs­ver­mö­gens der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten in den letz­ten zehn Jah­ren kann zum einen im Rekurs auf ihre Denk­for­men und zu ande­ren auf ihre Netz­wer­ke ver­stan­den wer­den.

Die zen­tra­le Denk­fi­gur der Öko­no­mik ist die Behaup­tung der Exis­tenz „des Mark­tes“ in der Ein­zahl, ein per­so­ni­fi­zier­tes Etwas (dem „wir“ zu gehor­chen hät­ten) und dass wie ein gött­li­ches Wesen über uns schwebt, eine Über­fül­le von Wis­sen ent­hält (Hay­ek spricht von einer „Über­ver­nunft “) und gegen das „die Poli­tik“ (d.h. jene, die an „den Markt“ glaubt) vor­gibt, nichts unter­neh­men zu kön­nen. Ange­la Mer­kel will eine „markt­kon­for­me Demo­kra­tie“: die Demo­kra­tie kann und darf sich nach ihrer Vor­stel­lung nur im Rah­men „des Mark­tes“ abspie­len. Vie­le Öko­no­men unter­stüt­zen sie dabei, weil sie selbst an „den Markt“ und sei­ne „Geset­ze“ glau­ben. (Vor einem hal­ben Jahr haben vier Mit­glie­der des Sach­ver­stän­di­gen­rats ihrem Kol­le­gen Peter Bofin­ger gegen­über eine „Lie­be von Öko­no­men zum Markt“ pro­pa­giert: deut­li­cher kann man einen sol­chen Glau­ben nicht zum Aus­druck brin­gen.)

Ver­lieb­te kön­nen das Objekt ihrer Lie­be nicht kri­tisch ana­ly­sie­ren. Das bedeu­tet auch, dass markt­ver­lieb­te Öko­no­men die „Gro­ße Kri­se“ nicht als Struk­tur­kri­se des Wirt­schafts­sys­tems erken­nen kön­nen: das Denk­sys­tem „des Mark­tes“ hat sich gegen­über Empi­rie immu­ni­siert.

Ver­lieb­te kön­nen das Objekt ihrer Lie­be nicht kri­tisch ana­ly­sie­ren. Das bedeu­tet auch, dass markt­ver­lieb­te Öko­no­men die Gro­ße Kri­se nicht als Struk­tur­kri­se des Wirt­schafts­sys­tems erken­nen kön­nen: das Denk­sys­tem „des Mark­tes“ hat sich gegen­über Empi­rie immu­ni­siert. Markt­gläu­bi­ge Öko­no­men „erklä­ren“ fol­ge­rich­tig die Gro­ße Kri­se in der Öffent­lich­keit als „Tsu­na­mi“ oder als „Erd­be­ben“. Sie spre­chen von einem Natur­er­eig­nis, das im Prin­zip unvor­her­seh­bar war und gegen das man auch nichts unter­neh­men konn­te. (Die­se Wort­wahl haben wir in einem For­schungs­pro­jekt anhand von Pres­se­mel­dun­gen von Öko­no­men nach der Gro­ßen Kri­se nach­ge­wie­sen).

Netz­wer­ke des Mark­tes – Ordo­li­be­ra­lis­mus als Poli­ti­sche Öko­no­mie von Wal­ter-Otto Ötsch, Ste­phan Püh­rin­ger und Kat­rin Hir­te (Sprin­ger VS, 2018)

Ent­schei­dend für das Behar­rungs­ver­mö­gen des Markt­glau­bens in der Öko­no­mie sind aber ihre Netz­wer­ke (vgl. dazu unser neu­es Buch „Netz­wer­ke des Mark­tes“). Jede Wis­sen­schaft und jede Rich­tung in einer Wis­sen­schaft braucht für ihr Bestehen und ihr Wei­ter­be­stehen die akti­ve Zustim­mung und die kon­ti­nu­ier­li­che För­de­rung durch vie­le Tei­le der Gesell­schaft, das gilt sogar für die Natur­wis­sen­schaf­ten (sie­he die Debat­ten zur öko­lo­gi­schen Kri­se). In jeder Wis­sen­schaft setz­ten sich nicht die bes­ten Mei­nun­gen durch, son­dern jene, die mit Poli­tik, Wirt­schaft, Medi­en etc. am bes­ten ver­netzt sind, mit ihnen in Aus­tausch ste­hen und für ihre Anlie­gen Gehör fin­den. Hier hat sich seit 2008 in der Außen­wahr­neh­mung der Öko­no­mik eini­ges ver­än­dert. Öko­no­men und öko­no­mi­sches Den­ken zu kri­ti­sie­ren hat Ein­gang zumin­dest in das Feuil­le­ton gefun­den. Vie­le Per­so­nen, die Struk­tur­män­gel der Wirt­schaft oder der Poli­tik erken­nen, haben einen kri­ti­schen Blick auf öko­no­mi­sche Sicht­wei­sen ent­wi­ckelt. Das gilt auch für jene, die eine Öko­no­mi­sie­rung der Gesell­schaft bekla­gen und den Ein­fluss öko­no­misch for­mu­lier­ter Regeln und Kenn­zif­fern auf vie­le Lebens­be­rei­che zurück­drän­gen wol­len.

Eine Refor­ma­ti­on der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, wie sie Ste­ven Keen vor­schwebt, ist mit­tel­fris­tig mög­lich, denn die Zukunft ist immer offen. Sie bedarf aber kräf­ti­ger Impul­se von außen, z.B. eine öffent­li­che Kri­tik der Posi­tio­nen des Sach­ver­stän­di­gen­rats oder die Finan­zie­rung hetero­do­xer Ansät­ze durch die Öffent­li­che Hand. Ent­schei­dend ist dabei, wie sich die Poli­tik und die Gesell­schaft in den nächs­ten Jah­ren ent­wi­ckeln wer­den. Neue Poli­ti­ken, die z.B. die öko­lo­gi­sche Bedro­hung ernst­haft ange­hen, wer­den neue öko­no­mi­sche Strö­mun­gen begüns­ti­gen und aktiv för­dern. Denn in der Innen­wahr­neh­mung der meis­ten Öko­no­men hat sich bis­lang wenig ver­än­dert, das Markt­den­ken ist auch nicht geeig­net gesell­schaft­li­che Trends zu ver­ste­hen. (Aktu­ell: es gibt kaum eine Refle­xi­on, war­um markt­gläu­bi­ge Öko­no­men eine neue Par­tei gegrün­det haben, ich spre­che von der AfD, die spä­ter zum Ein­falls­tor für Rechts­ra­di­ka­le wer­den konn­te. Man kann kri­tisch fra­gen: Wie hän­gen Markt­glau­ben und Rechts­po­pu­lis­mus zusam­men?)

 

Gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen wird oft mit dem Tot­schlag­ar­gu­ment begeg­net, dass schon die kleins­te Ver­än­de­rung des Sta­tus quo dazu füh­ren wür­de, dass alles zusam­men­bricht. Mit ande­ren Wor­ten: Wirt­schafts­wachs­tum ist alter­na­tiv­los, denn ohne Wachs­tum zer­bricht schließ­lich auch die Demo­kra­tie. Sind wir wirk­lich so fest­ge­fah­ren?

 

Das sind vor allem Sicht­wei­sen von Eli­ten, die ein berech­tig­tes Inter­es­se dar­an haben, kei­ne Struk­tu­ren zu ver­än­dern, von denen sie pro­fi­tie­ren. Aber auch das befin­det sich in Ver­än­de­rung. Lar­ry Fink, der CEO von Black­rock (mit einem Volu­men von über 6 Bil­lio­nen US-$ eine der größ­ten Ver­mö­gens­ma­na­ger welt­weit) hat Anfang 2018 in sei­nem jähr­li­chen Brief an die CEOs der gro­ßen inter­na­tio­na­len Kon­zer­ne die sozia­len Ver­wer­fun­gen seit 2008 offen ange­spro­chen:

We are see­ing a para­dox of high returns and high anxie­ty. Sin­ce the finan­ci­al cri­sis, tho­se with capi­tal have rea­ped enor­mous bene­fits. At the same time, many indi­vi­du­als across the world are facing a com­bi­na­ti­on of low rates, low wage growth, and ina­de­qua­te reti­re­ment sys­tems. Many don’t have the finan­ci­al capa­ci­ty, the resour­ces, or the tools to save effec­tively; tho­se who are invested are too often over-allo­ca­ted to cash. For mil­li­ons, the pro­s­pect of a secu­re reti­re­ment is slip­ping fur­t­her and fur­t­her away – espe­ci­al­ly among workers with less edu­ca­ti­on, who­se job secu­ri­ty is increa­singly tenuous. I belie­ve the­se trends are a major source of the anxie­ty and pola­ri­za­ti­on that we see across the world today.” Fink mahnt die Kon­zern­len­ker, auf die sozia­le Wir­kung ihrer Akti­vi­tä­ten ach­ten und lang­fris­ti­ger zu den­ken, in Kon­trast zu der ver­brei­te­ten kurz­fris­ti­gen Share­hol­der Value-Ori­en­tie­rung:

Socie­ty is deman­ding that com­pa­nies, both public and pri­va­te, ser­ve a soci­al pur­po­se. (Lar­ry Funk)

Socie­ty is deman­ding that com­pa­nies, both public and pri­va­te, ser­ve a soci­al pur­po­se. To pro­sper over time, every com­pa­ny must not only deli­ver finan­ci­al per­for­mance, but also show how it makes a posi­ti­ve con­tri­bu­ti­on to socie­ty. Com­pa­nies must bene­fit all of their sta­ke­hol­ders, inclu­ding share­hol­ders, employees, custo­mers, and the com­mu­nities in which they ope­ra­te.”

 

Die schäd­li­chen Fol­gen des Wirt­schafts­wachs­tums neh­men über­hand, ein „Wei­ter so“ ist unmög­lich. Vie­le hof­fen jetzt auf „grü­nes Wachs­tum“. Ist das eine Chan­ce oder eine Mogel­pa­ckung?

 

Eines ist klar: Eine öko­lo­gi­sche Umori­en­tie­rung des Wirt­schafts­sys­tems muss und wird kom­men. Die Fra­ge ist nur wann und wel­che Umwelt­schä­den dann irrever­si­bel ein­ge­tre­ten sind. Es geht auch nicht um eine gro­ße Lösung (das ver­rät Ihre Fra­ge), son­dern um eine Sum­me vie­ler Ände­run­gen in vie­len Berei­chen. Es gibt eine Unzahl posi­ti­ver Vor­schlä­ge und Ansät­ze, wie z.B. die Land­wirt­schaft öko­lo­gie­ver­träg­li­cher umge­stal­tet wer­den kann, wie eine Zukunft ohne Plas­tik aus­se­hen könn­te, was mit dezen­tra­len und klein­flä­chi­gen Ener­gie­er­zeu­gung mög­lich sein kann, wie man das Auto zurück­drän­gen kann, die Halt­bar­keit von Gütern erhö­hen kann, usw. Aber ich will nicht über tech­ni­sche Lösun­gen reden, dazu gibt es Beru­fe­ne­re, und – ich wie­der­ho­le mich – es geht nicht um tech­ni­sche, son­dern um poli­ti­sche Fra­gen.

 

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Die aktuelle Ausgabe

mit u.a.

Ulrich von Weiz­sä­cker “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech “Jen­seits grü­ner Wachs­tums­träu­me”

Sven Bött­cher “Anders! ist das neue Bas­ta!”

Ant­je von Dewitz (VAUDE) “Wir alle müs­sen Kon­trol­le abge­ben”

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Die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln ist im ökonomischen Bereich besonders groß” – Katrin Hirte

Die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln ist im ökonomischen Bereich besonders groß”

Inter­view mit Kat­rin Hir­te

 

Anlässlich der neuen agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Katrin Hirte vom Institute for Comprehensive Analysis of Economy zum Thema einige Fragen gestellt. Sie spricht über vermeintlichen Demokratieverfall, Krisenstimmung, Auswirkungen des Homo-oeconomicus-Konzepts sowie die einseitige Ausrichtung unserer Ökonomie auf Nutzenmaximierung …

 

Mit der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 wagen wir die The­se, dass der Wider­spruch ein Zei­chen der Zeit ist; dass schein­bar Selbst­ver­ständ­li­ches zuneh­mend zur Dis­kus­si­on steht, gleich ob in Wirt­schaft, Poli­tik oder im pri­va­ten Bereich. Wie erle­ben Sie die Zeit? Gibt es noch kla­re Ori­en­tie­rung?

Es mag sein, dass die heu­ti­ge Zeit als eine der Auf­lö­sung schein­ba­rer Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten wahr­ge­nom­men wird. Aber je län­ger man über die­se The­se nach­denkt, des­to deut­li­cher wird, dass sie mit einer bestimm­ten Rea­li­täts­wahr­neh­mung ein­her­geht. Oder mit ande­ren Wor­ten: Meint man mit der Auf­lö­sung von Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten die abneh­men­de Sicher­heit, Berufs­per­spek­ti­ve, Orts­iden­ti­fi­ka­ti­on usw., dürf­ten dies zumin­dest für ein Vier­tel der deut­schen Bevöl­ke­rung gar kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten gewe­sen sein. Schließ­lich durf­ten 25 Pro­zent der Bevöl­ke­rung als Ost­deut­sche schon 1989 – also vor knapp 30 (!) Jah­ren – ken­nen­ler­nen, was die Auf­lö­sung von Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten bedeu­tet. Wer schon mal erlebt hat, wie in kür­zes­ter Zeit alle gewohn­ten Insti­tu­tio­nen nicht mehr vor­han­den sind – die auf ein­mal unsi­che­re Zukunft, der Betrieb, der nicht mehr exis­tiert, der Beruf, der nicht mehr gefragt ist, die Fami­lie, die aus­ein­an­der­drif­tet – der hat einen ande­ren Blick auf die heu­ti­ge Zeit.

Dr. Kat­rin Hir­te ist seit 2009 Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tu­te for Com­pre­hen­si­ve Ana­ly­sis of Eco­no­my (ICAE) an der Uni­ver­si­tät Linz. Ihr Schwer­punkt ist die Ent­wick­lung der Öko­no­mik im Kon­text gesell­schafts­po­li­ti­scher Ereig­nis­se wie bei­spiels­wei­se der Finanz­kri­se.

Gleich­zei­tig wirft die­ses Bei­spiel auch ein Blick auf ein zwei­tes Pro­blem zum Zeit­ver­ständ­nis: Zu die­sem gehört auch, dass es sich immer wie­der selbst erzeugt, da Geschichts­schrei­bung ein Teil von Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung ist und damit Ver­gan­gen­heits­po­li­tik. Hier geht es also nicht nur um Wach­sam­keit zur Fra­ge, inwie­weit es ein spe­zi­fi­sches Zei­chen der heu­ti­gen Zeit ist, dass Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten infra­ge ste­hen, son­dern wei­ter­füh­rend eben­so dar­um, inwie­weit unse­re Ver­gan­gen­heits­schrei­bung dazu führt, dass wir ver­meint­li­che Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten schwin­den sehen. Poli­tisch kann man zum Bei­spiel die Zeit in Deutsch­land nach 1968 auch als eine über­fäl­li­ge Neu­ori­en­tie­rung wer­ten, weil man zwar seit 1945 die Geschich­te vom demo­kra­ti­schen Neu­an­fang erzähl­te, wel­chem die neu auf­ge­bau­te Wirt­schaft gedient hät­te, tat­säch­lich jedoch die NS-Ver­gan­gen­heits­po­li­tik eben­so wie füh­ren­de Unter­neh­men eine anschluss­fä­hi­ge Poli­tik nach 1945 ermög­lich­ten, wel­che ent­spre­chen­de Kon­ti­nui­tä­ten auf­wies und eben­so wei­ter­hin einen hege­mo­nia­len Cha­rak­ter hat­te.  Wäh­rend die Geschichts­wis­sen­schaf­ten bis 1998 (!) und die Bun­des­po­li­tik gar bis 2005 (!) brauch­ten, um die­se Anschluss­po­li­tik an die NS-Zeit wenigs­tens hin­sicht­lich der Fra­ge nach der eige­nen Invol­viert­heit end­lich umfas­send auf­zu­ar­bei­ten (zu ers­te­rem sie­he die Vor­gän­ge ab dem 42. His­to­ri­ker­tag 1998, zu zwei­tem sie­he die Vor­gän­ge ab der Bun­des­druck­sa­che 15/5434), hält man demo­kra­tie­po­li­tisch heu­te noch immer ger­ne an der Erzäh­lung vom Neu­an­fang 1945 fest, wel­cher durch die Ori­en­tie­rung am ame­ri­ka­ni­schen par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie­ver­ständ­nis nach 1945 und dem damit ein­her­ge­hen­den vor­herr­schen­den nor­ma­ti­ven Deu­tungs­wis­sen mit sei­nem stark päd­ago­gisch-erzie­he­ri­schem Moment begüns­tigt wur­de. Aus die­ser Retro­per­spek­ti­ve muss ein Demo­kra­tie­ver­fall umso stär­ker wir­ken.

Dies lenkt zum drit­ten und hier zen­tral inter­es­sie­ren­den Kern­pro­blem eines Zeit­ver­ständ­nis­ses: Dem Ein­fluss an Geschichts­for­mung als Geschichts­schrei­bung sei­tens der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten selbst. Die Dis­kre­panz zwi­schen Reden und Han­deln ist im öko­no­mi­schen Bereich beson­ders groß, da hier Wohl­fahrt für alle aus der Sum­ma­ti­on von Ein­zel­nut­zen ver­spro­chen wird, so, als zögen im Kapi­ta­lis­mus alle am sel­ben Strang …

 

Ange­sichts der enor­men Bedeu­tung und der immer stär­ke­ren Kon­zen­tra­ti­on des Kapi­tals: Sehen Sie die Demo­kra­tie und mit ihr den Wohl­fahrts­staat durch die­se Ent­wick­lung gefähr­det?

Bei dem Öko­no­men Gun­nar Myrd­al, der immer­hin 1974 zusam­men mit Hay­ek den Preis der Wirt­schafs­wis­sen­schaf­ten in Andenken an Nobel erhielt und des­sen Ame­ri­can Dilem­ma: The Negro Pro­blem and Modern Demo­cra­cy (1944) die Auf­he­bung der dis­kri­mi­nie­ren­den Ras­sen­ge­set­ze in den USA mit­zu­ver­dan­ken ist, konn­te man schon 1932 nach­le­sen, dass das Ver­spre­chen „Wohl­fahrt für alle“ oder „Volks“-Wirtschaft, „National“-Ökonomie usw. in der Öko­no­mik ziem­lich unhin­ter­fragt als Ideo­lo­gie dient, aber nicht der Rea­li­tät ent­spricht. In kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten Gesell­schaf­ten besteht eben kei­ne Inter­es­sens­gleich­heit, son­dern die­se wur­de über den Homo oeco­no­mi­c­us als Uni­ver­sal-Mensch erst geschaf­fen. Nicht Pra­xis­fer­ne ist das Pro­blem die­ser Figur, son­dern ihr Wir­ken: einer­seits als Begrün­dung von Wohl­fahrts­ge­sell­schaf­ten, ande­rer­seits als zu per­for­men­des Ziel und daher zuneh­mend pra­xis­ad­äqua­te Figu­rie­rung.

Daher kann man zwar der Fra­ge nach der Gefähr­dung von Wohl­fahrt und Demo­kra­tie auf­grund zuneh­men­der Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on zustim­men. Aber gleich­zei­tig ist es auch hier wie mit der Demo­kra­tie­auf­fas­sung: Man pro­pa­giert Exis­tenz und Erhalt der Wohl­fahrts­ge­sell­schaft mit wirt­schaft­li­chen Ein­zel­ak­teu­ren, wäh­rend wie in Des Kai­sers neue Klei­der schon Kin­der um die Mär eines sol­chen Wirt­schafts­bil­des wis­sen, da sie die füh­ren­den Mar­ken wich­ti­ger Märk­te her­be­ten kön­nen – ob Mode, Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on, Autos oder Lebens­mit­tel. Nur, dass sie bei der Wahl zwi­schen z.B. Geiz ist geil (Media Markt) und Ich bin doch nicht blöd (Saturn) nicht zwi­schen Eigen­tü­mern ent­schei­den (in die­sem Bei­spiel seit 1990, als die Metro AG Saturn über­nahm), dürf­te ihnen dabei (noch) ent­ge­hen.

Im Rin­gen um eine pra­xis­ad­äqua­te­re Wirt­schafts­wis­sen­schaft, um eine Real World Eco­no­mics, wie sich eine ent­spre­chen­de Initia­ti­ve mitt­ler­wei­le nennt, geht es aber um mehr als um das Ver­ken­nen von Pra­xis­zu­stän­den. Zwar haben Prä­fe­ren­zen statt Nut­zen­ma­xi­mie­rung, begrenz­te Ratio­na­li­tät sowie agen­ten­ba­sier­te Model­lie­rung längst Ein­zug in die Öko­no­mie gehal­ten und so die Pra­xis­re­le­vanz öko­no­mie­theo­re­ti­scher Ansät­ze erhöht. Aber für ein Umden­ken reicht dies nicht, denn die unter­leg­te Metho­dik ist geblie­ben: Mit­tels funk­tio­na­ler Abhän­gig­kei­ten nach dem Vor­bild der Phy­sik und spä­ter Bio­lo­gie wird seit Ein­zug der Ana­ly­sis in die Öko­no­mik „objek­tiv“ das für alle als erstre­bens­wert ange­nom­me­ne „mehr“ errech­net. Die­se Rich­tung gilt unhin­ter­fragt als vor­ge­ge­ben und die not­wen­di­ge Grund­fi­gur dazu ist nach wie vor der nut­zen­ma­xi­mie­ren­de Akteur – ohne die­sen kei­ne Rich­tungs­wei­sung und damit kei­ne opti­mie­ren­de ana­ly­sis­ba­sier­te Model­lie­rung.

 

Die Pro­ble­me der Redu­zie­rung vie­ler Din­ge auf ein bestimm­tes Maß – Wirt­schafts­wachs­tum auf das BIP, Erfolg eines Unter­neh­mens auf den Pro­fit, Lebens­sinn auf Kar­rie­re etc. – tre­ten immer deut­li­cher zu Tage. Hal­ten Sie es für sinn­voll, mehr­di­men­sio­na­le Mess­grö­ßen ein­zu­füh­ren, oder müs­sen wir gar auf­hö­ren, alles mes­sen zu wol­len?

Mit Blick auf die oben geschil­der­te Rea­li­täts­fer­ne der Öko­no­mik erscheint die Fra­ge nach dem Erhe­ben von Daten in der Öko­no­mie unter ganz ande­rem Licht und eher als Segen denn als Fluch. Die Piket­ty-Stu­die (2014) ist ein aktu­el­ler Anzei­ger dafür und wur­de daher Ende März 2014 in der Washing­ton Post nicht zufäl­lig als Tri­umph der Wirt­schafts­ge­schich­te über das in der Öko­no­mik domi­nie­ren­de theo­re­ti­sche, mathe­ma­ti­sche Model­lie­ren cha­rak­te­ri­siert. Weit pro­ble­ma­ti­scher ist, dass die­se prak­ti­zier­te Model­lie­rung wei­ter­hin als objek­ti­ve Wis­sen­schaft ver­mit­telt wird und die­se Objek­ti­vi­tät steht und fällt mit dem Selbst­ver­ständ­nis des als „objek­tiv“ ver­stan­de­nen exis­tie­ren­den nut­zen­ma­xi­mie­ren­den Akteurs. Nicht das Mes­sen also ist das Pro­blem und auch nicht das mehr­di­men­sio­na­le, wie in der Öko­no­mik Amart­ya Sen mit dem UN Human Deve­lop­ment Index bewies, in den neben Brut­to­in­lands­pro­dukt auch ande­re Fak­to­ren wie Lebens­er­war­tung und Alpha­be­ti­sie­rungs­ra­te als Indi­ka­to­ren ein­flos­sen. Son­dern Kern­pro­blem ist die dabei unter­leg­te und angeb­lich nicht anfecht­ba­re, weil „objek­ti­ve“ Aus­rich­tung wirt­schaft­li­chen Han­delns auf Nut­zen­ma­xi­mie­rung. Die­ser Auf­fas­sung steht nicht nur die Argu­men­ta­ti­on ent­ge­gen, dass der durch­schnitt­li­che lohn­ab­hän­gi­ge Akteur eher an Sicher­heit und Lang­fris­t­per­spek­ti­ve sowie Aner­ken­nung und Sinn­haf­tig­keit ori­en­tiert sei, son­dern eben­so greift hier die öko­lo­gi­sche Argu­men­ta­ti­on, dass eine stän­di­ge Nut­zen­ma­xi­mie­rung einer begrenz­ten Welt ent­ge­gen­steht.

 

Gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen wird oft mit dem Tot­schlag­ar­gu­ment begeg­net, dass schon die kleins­te Ver­än­de­rung des Sta­tus quo dazu füh­ren wür­de, dass alles zusam­men­bricht. Mit ande­ren Wor­ten: Wirt­schafts­wachs­tum ist alter­na­tiv­los, denn ohne Wachs­tum zer­bricht schließ­lich auch die Demo­kra­tie. Sind wir wirk­lich so fest­ge­fah­ren?

Wäh­rend der For­de­rung der Öko­no­mik nach stän­di­gem Wachs­tum die öko­lo­gi­sche Argu­men­ta­ti­on einer begrenz­ten Welt ent­ge­gen­steht, wur­de die 1980 pro­pa­gier­te Auf­fas­sung von That­chers TINA (The­re is no Alter­na­ti­ve) 2011 mit Mer­kels MARKO (Markt­kon­for­mi­tät) ver­schwis­tert, womit das Pro­pa­gie­ren von Alter­na­tiv­lo­sig­keit von der Poli­tik­spit­ze in Deutsch­land fort­ge­setzt wur­de. Gibt es zu Wirt­schafts­wachs­tum also wirk­lich kei­ne Alter­na­ti­ve und dies schon allein aus öko­lo­gi­schen Grün­den?

Mit Bezug auf die öko­no­mi­sche Theo­rie begeg­net man auch hier wie­der der Zeit­ver­ges­sen­heit, in der prak­ti­zier­ten Form, dass aus dem vor­han­de­nen Wis­sens­fun­des nur das fort­ge­schrie­ben wird, was dem eige­nen Para­dig­ma kon­form ist. Stell­ver­tre­tend sei hier – zuge­ge­be­ner­ma­ßen absicht­lich – Her­mann Hein­rich Gos­sen genannt, denn aus­ge­rech­net mit Refe­renz auf die­sen wird bis heu­te auf das Grund­prin­zip ver­wie­sen, Wirt­schaf­ten hie­ße, Ent­schei­dun­gen über knap­pe Mit­tel zu tref­fen. Es heißt, Gos­sen hät­te mit sei­nen zwei Geset­zen als ers­ter die dafür kon­for­men Zusam­men­hän­ge mit Fokus auf die indi­vi­du­el­le Nut­zen­ma­xi­mie­rung mathe­ma­tisch gefasst – als Prin­zip des Grenz­nut­zens. Liest man aller­dings Gos­sen im Ori­gi­nal, wer­den von die­sem inter­es­san­ter­wei­se drei Geset­ze pro­pa­giert und nicht zwei. Das drit­te Gesetz besagt, Nut­zen­er­hö­hung erfol­ge neben Opti­mie­rung eben­so durch Ent­de­ckung neu­er Nutzen/Genüsse. Wäh­rend in der mate­ri­al begrenz­ten Welt von Mode­schöp­fern bis Soft­ware­ent­wick­lern schon längst auf imma­te­ri­el­len Nut­zen Bezug genom­men wird, blieb inner­halb der Öko­no­mik unter dem Dik­tum Wirt­schafts­wachs­tum die­se Ent­wick­lung dem gesam­ten und damit auch mate­ri­el­len Pro­zess ein­ver­leibt. Selbst­ver­ständ­lich ist es eine Uto­pie, eine Gesell­schaft zu den­ken, in der die mate­ri­el­le Basis einer öko­no­mi­schen Be- und Ver­wer­tung als Pri­vat­ei­gen­tum ent­zo­gen wird und eben­so selbst­ver­ständ­lich wür­de mit dem Auf­ge­ben des­sen der der­zei­ti­ge Sta­tus Quo infra­ge gestellt. Aber hat eine sozio-öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­ti­on prin­zi­pi­ell eine ande­re Chan­ce? Und wel­che Grün­de soll­ten eben­so prin­zi­pi­ell dage­gen spre­chen, sich in der Öko­no­mie auf das alte klas­si­sche Smith’sche Prin­zip zu besin­nen, dass es in arbeits­tei­li­gen Gesell­schaf­ten letzt­lich nicht um eine Auf­tei­lung der mate­ria­len Welt, son­dern um Teil­ha­be nach erbrach­ten Leis­tun­gen geht? Und letz­te­re sind schließ­lich unbe­grenzt …

 

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Die aktuelle Ausgabe

mit u.a.

Ulrich von Weiz­sä­cker “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech “Jen­seits grü­ner Wachs­tums­träu­me”

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Das darf man den Menschen nicht sagen.“ – Editorial zur Ausgabe 1/2018

Editorial von Frank Augustin zur Ausgabe „Wirtschaft im Widerspruch“

 

 

Das darf man den Menschen nicht sagen.“

Das höre ich in letz­ter Zeit ziem­lich oft, gleich ob von Poli­ti­kern, Wis­sen­schaft­lern, Intel­lek­tu­el­len oder auch von Unter­neh­mens­ver­tre­tern. Was man ihnen nicht sagen darf? Ers­tens, dass die Demo­kra­tie seit den frü­hen 80er Jah­ren dem (Finanz-)Kapital folgt und inso­fern eigent­lich kei­ne mehr ist. Zwei­tens, dass der unver­meid­li­che Über­gang vom Wachs­tum zu einer Post­wachs­tums­ge­sell­schaft nicht flie­ßend ver­lau­fen, son­dern per Crash erfol­gen wird.

Frank Augus­tin ist Mit­grün­der und Chef­re­dak­teur des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42.

Stim­me ich die­ser Ein­schät­zung zu? Unbe­dingt! Aller­dings geht mir die Kri­tik an Kapi­tal und Wachs­tum all­zu leicht über die Lip­pen ihrer Ver­äch­ter. Man tut so, als ob es sich dabei um etwas Abs­trak­tes, Kal­tes, Mathe­ma­tisch-Tech­ni­sches han­de­le. Was dabei über­se­hen wird, ist die emo­tio­na­le, ja spi­ri­tu­el­le Dimen­si­on des Wirt­schaft­li­chen. Denn der Kapi­ta­lis­mus hat auch Sinn pro­du­ziert. Er ver­ei­nig­te meta­phy­si­sche Vor­stel­lun­gen (unend­li­ches Wachs­tum, unend­li­cher Fort­schritt) mit der kon­kre­ten Lebens­wirk­lich­keit, „bewies“ die­se Vor­stel­lun­gen durch immer mehr, immer neue und immer bes­se­re Pro­duk­te. Pro­duk­te, mit denen man, je nach Gus­to, Per­fek­ti­on, Qua­li­tät, Frei­heit, Pres­ti­ge, Erfolg, Glück u. v. m. ver­bin­den konn­te, die sich in viel­fäl­ti­ger Wei­se auf­ein­an­der bezo­gen, sich dadurch auch gegen­sei­tig Sinn gaben und so ein regel­rech­tes Sinn­uni­ver­sum schu­fen. Was nach 1945 ganz unschul­dig und fern­ab jeg­li­cher Ideo­lo­gie daher­kam, was nur das wirt­schaft­li­che Mit­tel zum demo­kra­ti­schen Zweck schien, wur­de zur dog­ma­ti­schen Wirt­schafts­re­li­gi­on. Die wun­der­sa­me Ver­meh­rung der Finanz­wer­te und kathe­dra­len­ar­ti­ge Bank­tür­me waren ihr adäqua­ter Aus­druck, nicht etwa krank­haf­ter Aus­wuchs. Die Wort­ver­bin­dung „markt­kon­for­me Demo­kra­tie“ bezeich­net den gesell­schaft­li­chen Kon­sens inso­fern tref­fend: Demo­kra­tie vor­schie­ben, um Wirt­schafts­re­li­gi­on zu prak­ti­zie­ren.

Und das heißt? – Die sich seu­chen­ar­tig aus­brei­ten­den Wider­sprü­che im Gro­ßen und im Klei­nen, die den gesell­schaft­li­chen Kon­sens wie auch das per­sön­li­che Selbst­ver­ständ­nis implo­die­ren las­sen, die ein Wei­ter-so ver­hin­dern, müs­sen gar nicht gelöst wer­den. Denn sie geben zu ver­ste­hen, dass die­ser Kon­sens kein ech­ter, kein demo­kra­ti­scher Kon­sens war. Sie sind Beleg dafür, dass es – zumin­dest zuletzt – poli­ti­scher Auf­trag war, Demo­kra­tie mög­lichst klein zu hal­ten, damit sie der Wirt­schafts­re­li­gi­on nicht in die Que­re kommt. Mögen die­se Wider­sprü­che für vie­le Unheil und Cha­os bedeu­ten, bemer­ken immer mehr Men­schen, dass sie den Raum für einen demo­kra­ti­schen Neu­an­fang öff­nen. Und das muss man sagen!

 

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Mit u.a.:

Ernst Ulrich von Weiz­sä­cker im Inter­view “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech: “Wohl­stand im Wider­spruch”

Die­ter Schnaas: “Spe­ku­la­ti­on im Wider­spruch”

Sven Bött­cher: “Anders!” ist das neue “Bas­ta!”

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

 

Mit der Ausgabe 1/2011 wurde der Bestsellerautor und Philosoph Richard David Precht Mitherausgeber der agora42. Seinen Entschluss begründet er wie folgt:

 

Richard David Precht ist Mit­her­aus­ge­ber der agora42. Foto: Janusch Tschech

Öko­no­mie und Phi­lo­so­phie – in der heu­ti­gen Zeit wir­ken die bei­den Begrif­fe ein­an­der so fremd wie die erd­zu­ge­wand­te und die erd­ab­ge­wand­te Sei­te des Mon­des. Öko­no­mie, so scheint es, ist die Wis­sen­schaft von etwas sehr Nütz­li­chem und Prak­ti­schem, der Deckung des mensch­li­chen Bedarfs. Phi­lo­so­phie dage­gen ist, wenn über­haupt, die Wis­sen­schaft von etwas Unnüt­zem und Theo­re­ti­schem, den Muße­stun­den des Lebens vor­be­hal­ten; ein Hob­by für Men­schen mit hin­rei­chend Geld und Zeit.

Es scheint so. Tat­säch­lich jedoch ist Öko­no­mie eine sehr phi­lo­so­phi­sche Wis­sen­schaft. Denn was ist der mensch­li­che Bedarf? Was gehört dazu und was nicht? Wer bestimmt die Zie­le des Wirt­schaf­tens? Lie­gen sie in Kur­ven und Tabel­len ver­bor­gen, las­sen sie sich kühl berech­nen? Oder sind sie nicht viel­mehr eine gesell­schaft­li­che Fest­set­zung auf der Grund­la­ge phi­lo­so­phi­scher Über­le­gun­gen?

Die bedeu­tends­ten Öko­no­men der Mensch­heits­ge­schich­te waren Phi­lo­so­phen, von Adam Smith über John Stuart Mill zu Karl Marx. Für sie war Öko­no­mie die prak­ti­sche Umset­zung eines phi­lo­so­phi­schen Ziels: die Chan­ce auf ein erfüll­tes Leben für mög­lichst vie­le Men­schen. Dass sich Öko­no­men kaum noch für Phi­lo­so­phie, Phi­lo­so­phen kaum mehr für Öko­no­mie inter­es­sie­ren, ist unter sol­chen Vor­aus­set­zun­gen ein gesell­schaft­li­ches Fias­ko. Soll man den Wert und den Erfolg des Wirt­schaf­tens allein am Wach­sen des Brut­to­in­lands­pro­dukts bemes­sen? Ist Wirt­schaft gut, wenn sie Wachs­tums­ra­ten pro­du­ziert, und schlecht, wenn sie sta­gniert? Und trägt mate­ri­el­les Wirt­schafts­wachs­tum zu allen Zei­ten und ohne Ein­schrän­kung dazu bei, dass mög­lichst vie­le Men­schen die Chan­ce auf ein erfüll­tes Leben bekom­men?

Sein Leben mit Gütern anzu­fül­len, so lehrt uns unser pri­vi­le­gier­tes Leben in den rei­chen Län­dern der west­li­chen Welt, ist noch nicht gleich­be­deu­tend mit Erfül­lung. Öko­no­mie ohne Phi­lo­so­phie ist leer. Phi­lo­so­phie dage­gen, die sich um die öko­no­mi­schen Gege­ben­hei­ten nicht schert, ist blind für das tat­säch­li­che Leben der Men­schen. Vie­le Fra­gen nach einem erfüll­ten Leben sind heu­te unbe­ant­wor­tet – wie auch die Theo­re­me der Wirt­schaft oft unhin­ter­fragt blei­ben. In einer Zeit des gesell­schaft­li­chen Umbruchs, die Güter wie Zeit, Aner­ken­nung, Lie­be und Ach­tung in den Mit­tel­punkt eines erfüll­ten Lebens stellt, stel­len sich zugleich Fra­gen nach einer neu­en wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ord­nung. Was die Moder­ne leis­ten soll­te, hat sie – zumin­dest in den wohl­ha­ben­den Län­dern der west­li­chen Welt – erfüllt. Was nun ansteht, ist eine neue Moder­ne.

In die­ser span­nen­den Zeit bie­tet die agora42 eine ganz her­vor­ra­gen­de Platt­form für Posi­tio­nen und Theo­ri­en, Aus­tausch und Streit­kul­tur, Hin­ter­grund­wis­sen und Visio­nen. Ich freue mich des­halb sehr, die agora42 von nun an als Mit­her­aus­ge­ber beglei­ten und unter­stüt­zen zu dür­fen.

 

Richard David Precht