The European Balcony Project

Die Ausrufung der Europäischen Republik

In einem Monat wird die Euro­päi­sche Repu­blik aus­ge­ru­fen. Was es damit auf sich hat und wer dahin­ter steckt lesen Sie in fol­gen­dem Bei­trag, der aus der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 stammt.

Eines ist klar: So wie Euro­pa jetzt kon­zi­piert ist, hat es kei­ne Per­spek­ti­ve. Davon zeugt nicht zuletzt der auf­kei­men­de Natio­na­lis­mus, der – wie jede ande­re Rück­zugs­be­we­gung auch – Aus­druck des Aus­blei­bens einer fäl­li­gen gesell­schaft­li­chen Wei­ter­ent­wick­lung ist. Klar: Der Natio­nal­staat hat sich fast 200 Jah­re lang wacker gehal­ten und die euro­päi­schen Gesell­schaf­ten durch eini­ge Moder­ni­sie­rungs­schü­be gelotst. Aber schon im letz­ten Jahr­hun­dert ging es kata­stro­phal dane­ben mit ihm, als die natio­na­lis­ti­sche Idee zu zwei Welt­krie­gen führ­te. Ulri­ke Gué­rot, Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin und Grün­de­rin des Euro­pean Demo­cra­cy Labs, schreibt dazu: „Natio­na­lis­mus und sein häss­li­cher Bru­der, der Popu­lis­mus, sind (…) Sym­pto­me, Mecha­nis­men der Abschot­tung, wo der Weg, die gesell­schaft­li­chen Pro­ble­me (…) gesamt­eu­ro­pä­isch zu lösen, insti­tu­tio­nell wie poli­tisch ver­sperrt ist.“

Ange­sichts der tie­fen euro­päi­schen Kri­se, die Euro­pa nicht nur in Nord und Süd, Ost und West gespal­ten hat, son­dern auch die natio­na­len Gesell­schaf­ten selbst zer­setzt, soll­te man also erst ein­mal vor der eige­nen Haus­tü­re keh­ren, anstatt sich mit Ver­weis auf Trump, Putin oder Xi Jin­ping davor zu drü­cken, längst über­fäl­li­ge Refor­men anzu­ge­hen. Ent­spre­chend plä­diert Gué­rot schon seit Jah­ren für einen radi­ka­len Neu­an­fang: Dem gemein­sa­men Markt und der gemein­sa­men Wäh­rung muss end­lich eine gemein­sa­me euro­päi­sche Demo­kra­tie fol­gen – eine Euro­päi­sche Repu­blik.

 

Nous ne coali­sons pas des États, nous unis­sons les hom­mes.” – „Wir schaf­fen kein Staa­ten­bünd­nis, wir ver­ei­nen Men­schen.“

 

Die­se Wor­te stam­men aus dem Jahr 1952 und von kei­nem Gerin­ge­ren als Jean Mon­net, dem Grün­dungs­va­ter der heu­ti­gen EU. Genau dar­um geht es auch Ulri­ke Gué­rot und dem öster­rei­chi­schen Schrift­stel­ler Robert Men­as­se: Die Men­schen Euro­pas sol­len in stür­mi­scher wer­den­den Zei­ten zusam­men­ge­bracht wer­den. Des­halb haben sie The Euro­pean Bal­co­ny Pro­ject ins Leben geru­fen.

In die­sem Pro­jekt geht es nicht um den Urlaub auf Bal­ko­ni­en, son­dern dar­um, eine alte Tra­di­ti­on wie­der­auf­le­ben zu las­sen. So wird am 10. Novem­ber 2018 um 16 Uhr die Euro­päi­sche Repu­blik von (Theater-)Balkonen und an öffent­li­chen Plät­zen in ganz Euro­pa aus­ge­ru­fen. Die­ses Datum wur­de gewählt, weil es zwi­schen zwei für die euro­päi­sche Geschich­te wich­ti­gen Gedenk­ta­gen liegt: Am 9. Novem­ber 1918 wur­den die Repu­bli­ken Wei­mar, Bay­ern und Öster­reich aus­ge­ru­fen und am 11. Novem­ber 1918 ende­te der Ers­te Welt­krieg.

Das Euro­pean Bal­co­ny Pro­ject wird unter ande­rem von Milo Rau und Elfrie­de Jeli­nek unter­stützt. Es umfasst Ver­an­stal­tun­gen, Gesprä­che, Podi­ums­dis­kus­sio­nen und künst­le­ri­sche Inter­ven­tio­nen, die vom 9. bis 11. Novem­ber 2018 in zahl­rei­chen euro­päi­schen Städ­ten statt­in­den. Es ist an der Zeit, eine gesamt­eu­ro­päi­sche Staat­lich­keit ins Visier zu neh­men, die für eine euro­päi­sche Gemein­wohl­si­che­rung und die Nut­zung euro­päi­scher öffent­li­cher Güter sorgt. Sechs Mona­te vor den nächs­ten Wah­len zum Euro­päi­schen Par­la­ment sol­len die Wei­chen für ein gemein­sa­mes, sozia­les und demo­kra­ti­sches Euro­pa gestellt wer­den – für ein bür­ger­na­hes, dezen­tra­les Euro­pa ohne Natio­nen und Gren­zen. Die Idee des Gemein­wohls – der res publi­ca – dient als Leit­prin­zip die­ser zukünf­ti­gen euro­päi­schen Ord­nung: ein Markt, eine Wäh­rung, eine Demo­kra­tie. So soll sich der euro­päi­sche Wahl­spruch von der „Ein­heit in Viel­falt“ ver­wirk­li­chen.

Und so lau­tet das Mani­fest:

 

MANIFEST

Heu­te, am 10. Novem­ber 2018 um 16 Uhr, 100 Jah­re nach Ende des I WK, der auf Jahr­zehn­te die euro­päi­sche Zivi­li­sa­ti­on zer­stört hat­te, geden­ken wir nicht nur der Geschich­te, son­dern neh­men unse­re Zukunft selbst in die Hand.

Es ist Zeit, das Ver­spre­chen Euro­pas zu ver­wirk­li­chen und sich an die Grün­dungs­idee des euro­päi­schen Eini­gungs­pro­jekts zu erin­nern.

Wir erklä­ren alle, die sich in die­sem Augen­blick in Euro­pa befin­den, zu Bür­ge­rin­nen und Bür­gern der euro­päi­schen Repu­blik. Wir neh­men unse­re Ver­ant­wor­tung für das uni­ver­sa­le Erbe der all­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te an, und gelo­ben, sie end­lich zu ver­wirk­li­chen.

Wir sind uns bewusst, dass der Reich­tum Euro­pas auf Jahr­hun­der­ten der Aus­beu­tung ande­rer Kon­ti­nen­te und der Unter­drü­ckung ande­rer Kul­tu­ren beruht. Wir tei­len des­halb unse­ren Boden mit jenen, die wir von ihrem ver­trie­ben haben. Euro­pä­er ist, wer es sein will. Die Euro­päi­sche Repu­blik ist der ers­te Schritt auf dem Weg zur glo­ba­len Demo­kra­tie.

Das Euro­pa der Natio­nal­staa­ten ist geschei­tert.

Die Idee des euro­päi­schen Eini­gungs­pro­jekts wur­de ver­ra­ten.

Der Bin­nen­markt und der Euro konn­ten ohne poli­ti­sches Dach zur leich­ten Beu­te einer neo­li­be­ra­len Agen­da wer­den, die der Idee der sozia­len Gerech­tig­keit wider­spricht.

Daher muss die Macht in den euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen erobert wer­den, um den gemein­sa­men Markt und die gemein­sa­me Wäh­rung in einer gemein­sa­men euro­päi­schen Demo­kra­tie zu gestal­ten.

Denn Euro­pa heißt: Men­schen zu einen und nicht Staa­ten zu inte­grie­ren.

An die Stel­le der Sou­ve­rä­ni­tät der Staa­ten tritt hier­mit die Sou­ve­rä­ni­tät der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Wir begrün­den die Euro­päi­sche Repu­blik auf dem Grund­satz der all­ge­mei­nen poli­ti­schen Gleich­heit jen­seits von Natio­na­li­tät und Her­kunft. Die kon­sti­tu­tio­nel­len Trä­ger der euro­päi­schen Repu­blik sind die Städ­te und Regio­nen. Der Tag ist gekom­men, dass sich die kul­tu­rel­le Viel­falt Euro­pas end­lich in poli­ti­scher Ein­heit ent­fal­tet.

Der Euro­päi­sche Rat ist abge­setzt.
Das Euro­päi­sche Par­la­ment hat gesetz­ge­be­ri­sche Gewalt.
Es wählt eine euro­päi­sche Regie­rung, die dem Woh­le aller euro­päi­schen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger glei­cher­ma­ßen ver­pflich­tet ist.

Es lebe die Euro­päi­sche Repu­blik!

Ulri­ke Gué­rot undRobert Men­as­se

Unter­stützt von Milo Rau

 


Aus der Aus­ga­be 42 der agora42. In die­ser Aus­ga­be befas­sen wir uns in vier Kapi­teln mit der Ideo­lo­gie, die zur Finanz­kri­se geführt hat. Und wie sich das für eine ago­ra (gr. für Markt­platz) gehört, haben wir die­se Aus­ga­be nicht mono-per­spek­ti­visch geschrie­ben, son­dern haben vie­le Men­schen zu Wort kom­men las­sen, die uns in den letz­ten Jah­ren begeg­net sind, u.a.:

So fragt die Jena­er Phi­lo­so­phin PEGGY HETMANK-BREITENSTEIN im Inter­view: “Wer möch­te heu­te eigent­lich in einer der nächs­ten Gene­ra­tio­nen leben? Ich nicht. Ist das nicht fins­ter?”

RICHARD DAVID PRECHT, Phi­lo­soph und Bei­rat der agora42, zur Fra­ge, wie er sich eine gelin­gen­de Zukunft vor­stellt: “Wir wer­den die Huma­ni­tät und das Sozia­le in den Mit­tel­punkt unse­res Lebens stel­len und nicht den Pro­fit, den Kon­sum und die Tech­nik.”

Kon­kre­te Hin­wei­se für den Über­gang in eine zukunfts­fä­hi­ge Wirt­schaft lie­fert der Publi­zist und Com­mons-Akti­vist HANS E. WIDMER: “Bevor wir smart schrump­fen kön­nen, müss­ten wir es zuerst schaf­fen smart zu wach­sen.”

42 oder die Antwort auf die Frage aller Fragen: agora42 feiert Jubiläum!

Die 42. Ausgabe der agora42 ist da!

Wir feiern Jubiläum

 

42 ist Dou­glas Adams zufol­ge die Ant­wort auf die Fra­ge aller Fra­gen – die kei­ne Ant­wort ist. Das ist die ein­deu­ti­ge Zahl, die alles im Unkla­ren belässt. Und sie ist gar nicht so unsin­nig, wie sie zunächst schei­nen mag. Die­se Zahl steht für den typisch mensch­li­chen Ver­such, einen Sinn zu fin­den – und ist gleich­zei­tig Aus­druck der Tat­sa­che, dass die­ser nicht gefun­den wer­den kann. Zum Glück! Sonst wäre ja alles sinn­los …

Vor neun Jah­ren grün­de­ten wir die agora42. Wir taten dies aus einem gro­ßen Stau­nen her­aus, denn wir erleb­ten gera­de die größ­te Wirt­schafts­kri­se nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs und es war offen­sicht­lich, dass es so wie bis­her nicht wei­ter­ge­hen kann – und doch schien sich nichts zu ver­än­dern. Natür­lich hät­te man die Kri­se ein­fach nur auf die Ver­brie­fung von Immo­bi­li­en­kre­di­ten in den USA zurück­füh­ren kön­nen – oder viel­mehr dar­auf, dass die­se Kre­di­te ab 2006 ver­mehrt nicht mehr zurück­ge­zahlt wer­den konn­ten. Aber im Grun­de merk­ten alle, die sich mit die­ser Kri­se beschäf­tig­ten, dass sie für viel mehr steht als bloß eine wei­te­re Finanz- bezie­hungs­wei­se Wirt­schafts­kri­se. Auch in Deutsch­land, das, ver­gli­chen mit ande­ren Län­dern, wie eine Insel der Seli­gen schien, war der Glau­be ver­flo­gen, man kön­ne wei­ter­hin durch Fort­schritt das Wachs­tum befeu­ern und so immer mehr Men­schen zu Wohl­stand ver­hel­fen. Zwar wur­de immer wie­der vor den Schat­ten­sei­ten des Fort­schritts, des Wachs­tums und des Wohl­stan­des gewarnt, aber die Lebens­wirk­lich­keit schien alle Kas­san­dra­ru­fe der Lüge zu stra­fen. Doch jetzt frag­te man sich plötz­lich, ob die­se Rufe nicht genau ins Schwar­ze tra­fen. Es wur­den Fra­gen laut, die man vor­her im Main­stream ver­ge­bens such­te. Fra­gen wie: Was bedeu­tet heu­te noch Fort­schritt? Was ist Wohl­stand? Wie ent­kom­men wir dem Wachs­tums­zwang? Zu offen­sicht­lich wur­den ange­sichts immer düs­te­rer Kli­ma­pro­gno­sen, des rapi­den Rück­gangs der Bio­di­ver­si­tät, des Ver­lusts frucht­ba­ren Bodens, sau­be­ren Was­sers etc. die Aus­wir­kun­gen unse­res Wachs­tums­wahns auf die natür­li­chen Lebens­grund­la­gen. Immer drän­gen­der stell­te sich die Fra­ge nach der Ver­tei­lung des Wohl­stan­des – pro­fi­tie­ren doch immer weni­ger Men­schen von den Wohl­stands­zu­wäch­sen, wäh­rend ande­re ihren Wohl­stand brö­ckeln sehen.

Seit 42 Aus­ga­ben bewegt uns eine zen­tra­le Fra­ge: Was ist hier eigent­lich los? War­um hal­ten Men­schen krampf­haft an offen­sicht­lich Sinn­lo­sem fest, wo sie doch so viel Sinn­vol­le­res tun könn­ten? Was bringt Men­schen dazu, Hand­lun­gen zu bege­hen, die offen­sicht­lich der Vor­stel­lung eines auf­ge­klär­ten, mün­di­gen Bür­gers wider­spre­chen? Wie kommt es, dass sich Men­schen, die sich als Frau­en oder Her­ren ihres eige­nen Schick­sals begrei­fen, der Alter­na­tiv­lo­sig­keit beu­gen? Wie kam es, dass am Ende nur noch das Öko­no­mi­sche zählt?

Um die­se Fra­gen zu beant­wor­ten, reicht eine Zahl:

Auch das ist die 42: die eine Ant­wort auf ganz ver­schie­de­ne Fra­gen; eine Ant­wort jedoch, wel­che die unzäh­li­gen Mög­lich­kei­ten des Mög­lich­keits­we­sens Mensch ver­deckt; die unzäh­li­gen Mög­lich­kei­ten, die vor­han­den sind, aber nicht als sol­che wahr­ge­nom­men wer­den. Sie steht für den dog­ma­ti­schen Glau­ben an har­te Fak­ten, an unver­än­der­ba­re Pfad­ab­hän­gig­kei­ten und aus­weg­lo­se Zwän­ge.

Des­halb steht die 42 in die­ser Aus­ga­be auch für eine Ideo­lo­gie; für eine Ideo­lo­gie, die uns der Krea­ti­vi­tät und Vita­li­tät beraubt und uns zwar funk­tio­nie­ren, aber nicht leben lässt. Natürlich ist die­se Aus­ga­be auch ein Test für uns selbst: Inwie­weit sind wir selbst ideo­lo­gisch, inwie­weit kön­nen wir uns dem Sog des schein­bar Nor­ma­len, Ver­nünf­ti­gen, Rich­ti­gen ent­zie­hen? Pas­send zur ago­ra schrei­ben wir die­se Aus­ga­be nicht mono-per­spek­ti­visch, son­dern ver­wan­deln sie in einen bun­ten Markt­platz, auf dem vie­le Men­schen zu Wort kom­men, die uns in den letz­ten neun Jah­ren beglei­tet haben. Viel Freu­de bei der Lek­tü­re wün­schen die drei Maga­zin­ma­cher

 

Wolf­ram Bern­hardt, Tan­ja Will und Frank Augus­tin


 

Die Jubi­lä­ums­aus­ga­be ist ab sofort im Shop erhält­lich. Hier bestel­len

Editorial der Ausgabe BEFREIUNG

Befrei­ung – ein schö­nes Wort. Doch sei­en wir rea­lis­tisch: Zunächst bedeu­tet es Ent­zug; den Ent­zug von der Nor­ma­li­tät.

 

Denn nie­man­dem dürf­te ent­gan­gen sein, dass die Nor­ma­li­tät ver­rückt gewor­den ist: Da stellt der kol­lek­ti­ve Sui­zid für die meis­ten Men­schen eine Hor­ror­vor­stel­lung dar, und doch sor­gen sie sys­te­ma­tisch und nach­hal­tig für die Zer­stö­rung ihrer Lebens­grund­la­gen. Da will man die Lebens­qua­li­tät erhal­ten oder gar erhö­hen und ver­ur­sacht doch immer mehr Stress und Hek­tik, weil das Leben bloß an quan­ti­ta­ti­ven Maß­stä­ben aus­ge­rich­tet wird. Da gibt man sich auf­ge­klärt und ver­nünf­tig und tut doch alles, um den Wachs­tums­gott nicht zu erzür­nen. Da wer­den die gläu­big und mas­sen­haft pro­du­zier­ten Din­ge der­art ungleich ver­teilt, dass über­all Unzu­frie­den­heit, Miss­trau­en und Groll ent­ste­hen. Und zur Krö­nung des Gan­zen setzt man auf den tech­ni­schen Fort­schritt als Erlö­sung von allen Pro­ble­men, obwohl er – ers­tens – vie­le die­ser Pro­ble­me erst ver­ur­sacht und – zwei­tens – nie­mand über­haupt anzu­ge­ben wüss­te, wohin man schrei­ten will. Befrei­ung, das kann nur die Befrei­ung aus die­sem ganz nor­ma­len Wahn­sinn bedeu­ten.

Was danach kommt, wie die neue Nor­ma­li­tät aus­se­hen könn­te? Das wis­sen wir nicht. Aber wir sind erst bereit für sie, wenn wir uns von unse­rem bis­he­ri­gen Welt- und Selbst­bild ver­ab­schie­det haben. So wenig, wie man aus einer kaput­ten Bezie­hung her­aus die nächs­te Part­ner­schaft sinn­voll pla­nen könn­te, lässt sich momen­tan die post­quan­ti­ta­ti­ve Epo­che vor­be­rei­ten. Wir wer­den ins Neue hin­aus­ge­hen, ohne Mas­ter­plan und ohne his­to­ri­sches Vor­bild, wir wer­den um vie­les trau­ern, was einst schön und gut war, wir wer­den mutig sein und soli­da­risch und uns als Euro­pä­er neu erfin­den – oder wir wer­den ver­zwei­feln.

 

Die neue Aus­ga­be der agora42 zum The­ma BEFREIUNG kön­nen Sie hier ver­san­den­kos­ten­frei bestel­len.

 

Best-of der Ausgabe ORDNUNG

Best-of der Ausgabe ORDNUNG

 

Heu­te geht die nächs­te Aus­ga­be der agora42 in den Druck. Zeit für ein Best-of des aktu­el­len Hef­tes zum The­ma ORDNUNG, dass noch bis zum 27.09.2018 ver­sand­kos­ten­frei erhält­lich ist:

Das Schach­brett­mus­ter belegt Platz 2 beim “Cover des Monats”. Dazu heißt es:

Den zwei­ten Platz – mit nur gerin­gem Punk­te­ab­stand – sichert sich das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin agora42 mit einem Cover im Schach­brett­mus­ter-Look (The­ma ‘Ord­nung’). Hier fällt die Jury-Bewer­tung ins­ge­samt sogar noch etwas bes­ser aus als beim Gewin­ner-Cover. CdM-Juror Bernd Heu­sin­ger, Foun­der & CEO, Hir­schen Group, schreibt etwa: “Visu­ell stark, auf­fäl­lig, das The­ma gut dra­ma­ti­sie­rend – ein Cover mit Cou­ra­ge.” Und Uwe Mar­quardt, Exe­cu­ti­ve Crea­ti­ve Direc­tor bei Y&R Ger­ma­ny lobt: “Ord­nung. Schach­brett. Schwarz. Weiß. Kei­ner­lei Fir­le­fanz. Fer­tig. Radi­ka­ler kann man das The­ma wahr­schein­lich nicht umset­zen. Bes­ser ver­mut­lich auch nicht.”

Das Edi­to­ri­al von Chef­re­dak­teur Frank Augus­tin lei­tet die Aus­ga­be ein mit den Wor­ten:

Was ord­net uns über­haupt? Der Staat? Die Wirt­schaft? Oder sind wir längst in der Unord­nung zuhau­se, fah­ren “alle nur auf Sicht”? Wel­che Gren­zen sind unver­rück­bar? Wie ent­steht Sinn und wie ver­lie­ren wir ihn? Wel­che Ord­nung bringt die digi­ta­le Zukunft? Und war­um ver­bin­det uns die Frei­heit?

Zehn Auto­rIn­nen geben in ihren Essays Ant­wor­ten auf die Fra­ge, was unse­re Gesell­schaft ord­net und wel­che Ord­nungs­for­men in Zukunft auf uns zukom­men könn­ten. Wir haben eini­ge Zita­te zusam­men­ge­stellt:

Micha­el Ner­ur­kar betrach­tet den Staat mit der Fra­ge: Macht Zwang Ord­nung? “Es scheint uns selbst­ver­ständ­lich, dass wir in Staa­ten leben. Doch was ist über­haupt ein Staat?” Andrea Vet­ter hin­ter­fragt die “Wachs­tums­ord­nung” und wirft einen uto­pi­schen Blick in die Zukunft einer Post­wachs­tums­ge­sell­schaft: “Die fol­gen­den Impres­sio­nen kön­nen eine Inspi­ra­ti­on sein, die eige­ne Vor­stel­lungs­kraft zu befrei­en und zu sehen, was mög­lich ist.” Auch Gesi­ne Weber wirft den Blick vor­aus in ein neu geord­ne­tes Euro­pa – ein “Euro­pa der Regio­nen ist ein Euro­pa der Bür­ger”. Rafa­el Capur­ro hin­ter­fragt wäh­rend­des­sen digi­ta­le Zukunfts­ent­wür­fe: Wie kann eine Res Publi­ca Digi­ta­lis defi­niert wer­den, die unser zukünf­ti­ges Leben in einer digi­ta­len Gesell­schaft ord­net? Die Tha­les-Aka­de­mie spricht schließ­lich mit Uwe Lueb­ber­mann, Grün­der von Pre­mi­um Cola über weg­wei­sen­de Geschäfts­mo­del­le: Bei Pre­mi­um gibt’s kein Logo, kei­ne Wer­bung, kein Spon­so­ring, kei­ne Frei­wa­re, kei­ne schrift­li­chen Ver­trä­ge, kei­ne Wachs­tums­ori­en­tie­rung und kei­ne Gewinn­ma­xi­mie­rung – wie machen die das?

Ord­nung ist ein Gefühl“, sagt der Trä­ger des deut­schen Buch­prei­ses Robert Men­as­se im gleich­na­mi­gen Inter­view der neu­en agora42:

Herr Men­as­se, die Gesell­schaft scheint zuneh­mend in Unord­nung zu gera­ten. Gren­zen und Regeln ver­lie­ren ihre Bedeu­tung, Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit und Sinn­lo­sig­keit brei­ten sich aus. Gibt es dafür einen bestimm­ten Grund? Oder kommt da ein­fach nur vie­les zusam­men?

Ich habe den Ver­dacht, dass es nie­mals Ord­nung gibt, son­dern nur Zei­ten, in denen der Anschein von Ord­nung herrscht. In die­sen soge­nann­ten ruhi­gen Zei­ten kann man das Leben an Gewohn­hei­ten aus­rich­ten, was als Ord­nung emp­fun­den wird. Wenn die Gewohn­hei­ten kei­ne kla­re Ori­en­tie­rung mehr bie­ten, wird das als Kri­se oder Umbruch erlebt.

Im Moment erle­ben wir eine Wie­der­ho­lung der Ver­gan­gen­heit. Die Welt­ge­schich­te holt uns dort ein, wo sie mit dem Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs unter­bro­chen wur­de. Man übersieht ger­ne, dass im Jahr 1913 die Glo­ba­li­sie­rung fast so weit fort­ge­schrit­ten war wie heu­te. Schon damals ist man viel gereist und das inter­na­tio­na­le Den­ken war sehr ver­brei­tet. Marx bemerk­te tref­fend, dass die bürgerliche Gesell­schaft um den Glo­bus rasen würde. Glo­ba­li­sie­rung heißt ja nichts ande­res als das Nie­der­rei­ßen aller natio­na­len Gren­zen. Übrigens ist auch erst gegen Ende des 20. Jahr­hun­derts das Volu­men des glo­ba­len Waren­aus­tauschs von 1913 wie­der erreicht wor­den.

Und wie damals sehen wir uns auch heu­te mit einer Ord­nungs­sehn­sucht kon­fron­tiert, die in Wirk­lich­keit nichts ande­res ist als das Ver­lan­gen nach Überschaubarkeit, danach, dass Gewohn­hei­ten im Leben Ori­en­tie­rung bie­ten. Die­se Sehn­sucht drückt sich auch im Wunsch nach Rena­tio­na­li­sie­rung aus. Mit der Realität hat sie meist nichts zu tun. Das Verhältnis zwi­schen dem, was sich Men­schen unter Natio­nen vor­stel­len und der Wirk­lich­keit ent­spricht dem Verhältnis zwi­schen einem Fami­li­en­idyll und einem Rosen­krieg …

Nico­laus Cusa­nus im Por­trät

Nor­bert Wink­ler por­trä­tiert den ein­fluss­rei­chen Den­ker und sei­ne For­mel vom “Zusam­men­fall der Gegen­sät­ze”. Er schreibt:

Cusa­nus fass­te sei­ne Got­tes­leh­re in die tief­sin­ni­ge For­mel vom „Zusam­men­fall der Gegensätze“ (coin­ci­den­tia oppo­si­tio­rum). Sie besag­te: In Gott, dem abso­lut Größten, fällt das extrem Größte mit dem extrem Kleins­ten zusam­men. In ihm wer­den die­se abso­lu­ten Gegensätze unun­ter­scheid­bar, sodass die Ein­heit über allen Gegensätzen steht, die­se umfasst und in jedem ein­zel­nen Geschöpf als wesensprägende Ein­heit anwe­send ist …

Die Ausgabe zum Thema Ordnung finden Sie hier

Ordnung im Jahr 2051 – ein Gedankenspiel von Kai Jannek

31.03.2051

Liebes Tagebuch,

 

ein auf­re­gen­der Tag geht zu Ende. Ich habe heu­te viel über die all­täg­li­che Poli­zei­ar­beit erfah­ren. Es ist jetzt schon eine gan­ze Wei­le her, dass Yong sus­pen­diert wor­den ist und ich hat­te sei­ne Ter­mi­ne wahr­neh­men müs­sen. Dazu gehör­te das heu­ti­ge Tref­fen mit dem Chef der loka­len Poli­zei­agen­tur, um zu erfah­ren, wie sich die Robo­ter aus unse­rer Manu­fak­tur bis­lang im Ein­satz bewäh­ren. Aus­ge­rech­net auf dem Weg zur Poli­zei ging ich über eine rote Ampel. Ich war zu Fuß unter­wegs – die Behör­de ist ja nur zwei Blocks von mei­nem Apart­ment ent­fernt. Ich war so in Gedan­ken, dass ich weder die rote Ampel wahr­nahm noch die Warn­si­gna­le, die mei­ne Kon­takt­lin­sen mir in mein Sicht­feld ein­spiel­ten. Die Über­wa­chungs­ka­me­ras hiel­ten den Vor­gang natür­lich sofort fest. Als ich die ande­re Stra­ßen­sei­te erreich­te, sah ich mein Bild auf dem Dis­play am Ampel­mast. Dar­un­ter ver­riet ein kur­zer Schrift­zug mein aktu­el­les Ver­ge­hen; eben­so wie eini­ge wei­te­re klei­ne Ord­nungs­wid­rig­kei­ten, die ich mir in den letz­ten fünf Jah­ren hat­te zu Schul­den kom­men las­sen. Oh, wie pein­lich! Hin­zu kam der auto­ma­ti­sier­te Straf­zet­tel, der zeit­gleich ver­sen­det wor­den war, sowie die Tat­sa­che, dass sich mein Soci­al Score im sel­ben Augen­blick ver­mut­lich um zwei Punk­te ver­schlech­tert hat­te – mit ent­spre­chen­den Fol­gen für mein Kre­dit-Rating, mein Mie­ter-Rating und mein Employee-Rating.

Zum Glück sprach mich Mr. Kim, der Chef der Poli­zei­agen­tur, nicht auf den Vor­fall an. Er begrüß­te mich herz­lich und erkun­dig­te sich statt­des­sen nach dem Dota12-E-Sports-Event, das ich mir am Vor­tag ange­schaut hat­te. Sei­ne Soci­al-App hat­te ihm sicher meh­re­re per­sön­li­che Small-Talk-Gesprächs­ein­stie­ge vor­ge­schla­gen. Es ist immer inter­es­sant zu sehen, für wel­ches The­ma sich jemand ent­schei­det. „Wir haben immer mehr Gewalt im Spiel und immer weni­ger Gewalt auf der Stra­ße“, lei­te­te Mr. Kim zum eigent­li­chen Anlass des Tref­fens über. Wir schau­ten uns eini­ge Bal­ken­dia­gram­me auf einem holo­gra­fi­schen Dis­play an. Sie zeig­ten die jüngs­ten Erfol­ge in der Ver­bre­chens­prä­ven­ti­on und der Auf­klä­rungs­ar­beit sowie den Score, der das all­ge­mei­ne Sicher­heits­emp­fin­den und das Ver­trau­en in die Poli­zei­ar­beit ver­an­schau­licht. „Wir sind sehr zufrie­den mit den Ein­satz­kräf­ten aus ihrer Manu­fak­tur“, erklär­te Mr. Kim.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

In die­sem Moment leuch­te­ten eini­ge Signal­lam­pen auf. „Wol­len Sie einen Ein­satz live ver­fol­gen?“, frag­te mich Mr. Kim. Ohne mei­ne Ant­wort abzu­war­ten, schob er das vir­tu­el­le Fens­ter mit den Bal­ken­dia­gram­men zur Sei­te und öff­ne­te zwei neue Fens­ter mit Video­streams. Das eine Fens­ter zeig­te den Innen­raum eines Poli­zei­fahr­zeugs, in dem ein mensch­li­cher Poli­zist und ein Poli­zei­ro­bo­ter aus unse­rer Manu­fak­tur saßen. Der ande­re Stream zeig­te das Sicht­feld der bei­den Akteu­re, in die­sem Fall die vor­bei­rau­schen­de Stra­ße und die sich auf grün schal­ten­den Ampeln. „Der smar­te Boden­be­lag in einem der High-Rise Resi­den­ti­al Buil­dings an der 16. Stra­ße hat ein ver­däch­ti­ges Schritt­pro­fil detek­tiert“, erklär­te Mr. Kim. „Glück­li­cher­wei­se haben wir Ein­satz­kräf­te in der Nähe. Unser Pre­dic­tive-Poli­cing-Sys­tem hat­te uns eine erhöh­te Ein­bruchs­wahr­schein­lich­keit im ent­spre­chen­den Stadt­teil pro­gnos­ti­ziert.“ Das Fahr­zeug kam vor einem Hoch­haus zum Ste­hen und auf dem Dis­play öff­ne­te sich ein drit­tes Fens­ter. Es zeig­te den Video­stream einer Poli­zei­droh­ne, die sich offen­sicht­lich vom Fahr­zeug­dach gelöst hat­te und nun rasch an Höhe gewann, um das Umfeld des Hoch­hau­ses zu über­wa­chen. Die bei­den Poli­zei­kräf­te stürm­ten ins Gebäu­de. Auf unse­rem Dis­play öff­ne­ten sich wei­te­re Fens­ter, die die Streams ver­schie­de­ner Über­wa­chungs­ka­me­ras im Inne­ren des Hoch­hau­ses zeig­ten. Man erkann­te den Ver­däch­ti­gen zunächst nur im Pro­fil. Er trug eine Schirm­müt­ze und eine Jacke mit hohem Kra­gen. Wei­te­re Fens­ter popp­ten auf unse­rem Dis­play auf. Eines zeig­te den auto­ma­ti­schen Abgleich des eini­ger­ma­ßen erkenn­ba­ren Gesichts­aus­schnitts mit einer Per­so­nen­da­ten­bank. In ande­ren Fens­tern sahen wir, wie das Sys­tem anhand von Kame­ra­auf­zeich­nun­gen den Weg des Unbe­kann­ten zurück­ver­folg­te. In dem Augen­blick, als die Ein­satz­kräf­te mit gezück­ten Tasern vor dem Ver­däch­ti­gen stan­den, ver­mel­de­te das Sys­tem, das den Abgleich mit der Per­so­nen­da­ten­bank durch­führ­te, einen Tref­fer. Bei dem Ver­däch­ti­gen han­del­te es sich um Yong. Kaum zu glau­ben! Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

 

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Die­ser Bei­trag ent­stammt der Aus­ga­be 2/2018 der agora42 ORDNUNG, die Sie noch bis zum 28.06.18 ver­sand­kos­ten­frei bestel­len kön­nen.

Rationalität: Europäische Herkunft, globale Geltung – von Johannes Weiß

Max Weber wäre am 21. April die­sen Jah­res 154 Jah­re alt gewor­den. Wer war die­ser ein­fluss­rei­che Den­ker, der uns als Jurist, Natio­nal­öko­nom und Sozio­lo­ge beschäf­tigt? Sei­ne For­schun­gen zur Eigen­art und Ent­wick­lung unse­res euro­päi­schen Kul­tur­krei­ses, erstaun­ten mit der bana­len und doch tief­grei­fen­den Erkennt­nis, dass wir die Idee einer spe­zi­fi­schen Ratio­na­li­tät in die Welt gebracht haben: Eines Ratio­na­lis­mus, der mitt­ler­wei­le welt­weit in allen büro­kra­ti­schen Ver­fas­sungs­staa­ten, der Wis­sen­schaft, der Musik und auch im kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaf­ten zu fin­den ist.

 

Rationalität

Europäische Herkunft, globale Geltung

Von Johan­nes Weiß

 

Wor­in liegt die welt­ge­schicht­li­che Bedeu­tung Euro­pas? Wenn man auf die­se Fra­ge eine Ant­wort sucht, kommt man um den His­to­ri­ker, Öko­no­men und Sozio­lo­gen Max Weber (1864–1920) nicht her­um. Eine sei­ner zen­tra­len Fra­gen lau­tet: Wie erklärt es sich, dass bestimm­te Kul­tur­er­schei­nun­gen, die unter sehr beson­de­ren Bedin­gun­gen in Euro­pa auf­ge­kom­men waren, es nicht nur zu welt­wei­ter Ver­brei­tung, son­dern auch zu (fast) all­ge­mei­ner Gel­tung gebracht haben? Flug­hä­fen, Ein­kaufs­zen­tren oder Uni­ver­si­tä­ten, aber auch Ver­wal­tungs­ap­pa­ra­te, demo­kra­ti­sches Gedan­ken­gut, media­le Auf­klä­rung und effi­zi­en­te Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on sind längst zu glo­ba­len Gege­ben­hei­ten gewor­den. Dies bloß mit der Durch­set­zung öko­no­mi­scher und poli­tisch-mili­tä­ri­scher Inter­es­sen zu erklä­ren, reicht nicht aus.

 

1. Das Pro­blem

Uni­ver­sal­ge­schicht­li­che Pro­ble­me wird der Sohn der moder­nen euro­päi­schen Kul­tur­welt unver­meid­li­cher- und berech­tig­ter­wei­se unter der Fra­ge­stel­lung behan­deln: wel­che Ver­ket­tung von Umstän­den hat dazu geführt, daß gera­de auf dem Boden des Okzi­dents, und nur hier, Kul­tur­er­schei­nun­gen auf­tra­ten, wel­che doch – wie wenigs­tens wir uns gern vor­stel­len – in einer Ent­wick­lungs­rich­tung von uni­ver­sel­ler Bedeu­tung und Gül­tig­keit lagen“ (Max Weber 1947, 1)?

Johan­nes Weiß ist Pro­fes­sor für Sozio­lo­gi­sche Theo­rie und Phi­lo­so­phie der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und der­zeit asso­zi­ier­ter Gast­for­scher des Max-Weber-Kol­legs für sozi­al- und kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en der Uni­ver­si­tät Erfurt.

Der Satz ist bekannt und viel zitiert. Aber ist auch hin­rei­chend geklärt, was er besagt und was wir heu­te davon zu hal­ten haben? Der Phi­lo­soph Jür­gen Haber­mas spricht in sei­nem Buch Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns von der „vor­sich­tig uni­ver­sa­lis­ti­schen Posi­ti­on“ Max Webers, die in die­sem Satz und den nach­fol­gen­den Erläu­te­run­gen zum Aus­druck kom­me. „Vor­sich­tig“ ist Webers Posi­ti­on tat­säch­lich, weil er die „uni­ver­sel­le Bedeu­tung und Gül­tig­keit“ der gemein­ten „Ent­wick­lungs­rich­tung“ nicht gera­de­hin behaup­tet und auch nicht, nicht ein­mal ansatz­wei­se, begrün­det, son­dern einem Vor­stel­lungs­kom­plex zurech­net, der „uns“, das heißt wohl: uns Euro­pä­ern, ange­nehm ist.

Aber unbe­zwei­fel­bar ist doch, dass die Fra­ge nach der beson­de­ren, ja sin­gu­lä­ren „Ver­ket­tung von Umstän­den“, die bestimm­te „Kul­tur­er­schei­nun­gen“ her­vor­ge­bracht hat, für jeden (wie für jeden „Sohn der moder­nen euro­päi­schen Kul­tur­welt“) nur des­halb so außer­or­dent­lich dring­lich ist, weil sich mit die­sen Kul­tur­er­schei­nun­gen nicht nur ein uni­ver­sel­ler Anspruch, son­dern auch eine nach­weis­ba­re uni­ver­sel­le, das heißt glo­ba­le Wirk­sam­keit ver­bin­det.

Im Übri­gen sagt Weber sehr deut­lich, was die von ihm im Ein­zel­nen genann­ten Kul­tur­er­schei­nun­gen, von der Wis­sen­schaft bis zum moder­nen Kapi­ta­lis­mus und Sozia­lis­mus, gemein­sam haben, was es also nahe­legt, sie in eine bestimm­te „Ent­wick­lungs­rich­tung“ ein­zu­ord­nen: ein „spe­zi­fisch gear­te­ter ‚Ratio­na­lis­mus’ der okzi­den­ta­len Kul­tur“ (Max Weber 1947, 11).

Aller­dings hebt Weber hier wie auch sonst her­vor, wie viel­deu­tig der Begriff der Ratio­na­li­tät ist: Was von einem der „höchst ver­schie­de­nen Gesichts­punk­te und Ziel­rich­tun­gen“ ratio­nal sei, kön­ne, aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve betrach­tet, durch­aus irra­tio­nal sein. Des­halb sei es von höchs­ter Wich­tig­keit „die beson­de­re Eigen­art des okzi­den­ta­len und, inner­halb die­ses, des moder­nen okzi­den­ta­len, Ratio­na­lis­mus zu erken­nen und in ihrer Ent­ste­hung zu erklä­ren“ (Max Weber 1947, 12).

Mit der Eigen­art der beson­de­ren Bedin­gun­gen, unter denen die­ser spe­zi­el­le Ratio­na­lis­mus in eini­gen sei­ner Aus­prä­gun­gen ent­ste­hen und sich ent­fal­ten konn­te, hat Weber sich ein­ge­hend beschäf­tigt. Nir­gend­wo aber hat er sich der – davon streng zu tren­nen­den – Auf­ga­be unter­zo­gen, die­sen Ratio­na­lis­mus selbst in sei­ner Eigen­art zu bestim­men und zu erläu­tern. Weil er aber eine zwar vor­sich­ti­ge, aber doch vor­sich­tig uni­ver­sa­lis­ti­sche Posi­ti­on ein­nahm, wird man das Spe­zi­fi­sche des „spe­zi­fisch gear­te­ten Ratio­na­lis­mus der okzi­den­ta­len Kul­tur“ para­do­xer­wei­se gera­de in sei­nem uni­ver­sel­len oder, wie­der vor­sich­ti­ger, uni­ver­sa­li­sier­ba­ren Cha­rak­ter zu suchen haben.

Nur wenn man nicht zwi­schen dem his­to­risch spe­zi­fi­schen Kon­text der Ent­ste­hung und dem glo­ba­len Kon­text der Gel­tung und Wir­kung einer „Kul­tur­er­schei­nung“ unter­schei­det, kann man den Erfolg des moder­nen („okzi­den­ta­len“) Kapi­ta­lis­mus in asia­ti­schen Gesell­schaf­ten gegen die soge­nann­te „Weber-The­se“ ins Feld füh­ren.

 

2. Ratio­na­li­tät als Kom­mu­ni­ka­bi­li­tät

Nicht irgend­ein Inter­pret, schon gar nicht Jür­gen Haber­mas, son­dern Max Weber selbst hat gele­gent­lich die Bedeu­tung von „Ratio­na­li­tät“ in einem sehr ele­men­ta­ren Sin­ne mit „Kom­mu­ni­ka­bi­li­tät“ zusam­men­ge­bracht. „Ratio­nal“ wird dem­nach etwas (eine Behaup­tung oder Erklä­rung, eine nor­ma­ti­ve Erwar­tung, aber auch eine Insti­tu­ti­on) in dem Maße genannt, in dem es fak­tisch inter­sub­jek­tiv ver­ständ­lich und in sei­ner Begrün­dung nach­voll­zieh­bar ist. Ein Höchst­maß an Ratio­na­li­tät ist, so gese­hen, dann gege­ben, wenn etwas in sei­nem Sinn und in sei­ner Begrün­dung als all­ge­mein ver­ständ­lich gilt und des­halb auch mit all­ge­mei­ner Zustim­mung rech­nen kann.

Ein Höchst­maß an Ratio­na­li­tät ist dann gege­ben, wenn etwas in sei­nem Sinn und in sei­ner Begrün­dung als all­ge­mein ver­ständ­lich gilt und des­halb auch mit all­ge­mei­ner Zustim­mung rech­nen kann.

Der spe­zi­fi­sche Ratio­na­lis­mus der von Weber genann­ten Schöp­fun­gen der okzi­den­ta­len, ins­be­son­de­re moder­nen Kul­tur scheint mir nun genau dar­in zu lie­gen, dass ihnen nicht nur ein beson­ders hohes Maß an „Kom­mu­ni­ka­bi­li­tät“ eig­net, son­dern dass sie sich mit gro­ßem Erfolg als Medi­en einer glo­ba­len Kom­mu­ni­ka­ti­on eta­bliert haben. Wenn, wie der Sozio­lo­ge Niklas Luh­mann (1927–1998) sagt, die Gren­zen einer Gesell­schaft durch die Gren­zen der „kom­mu­ni­ka­ti­ven Erreich­bar­keit“ defi­niert wer­den, dann haben sich die­se Gren­zen in der „Welt­ge­sell­schaft“ so aus­ge­wei­tet, dass, jeden­falls im Prin­zip, alle Men­schen, und zwar als Men­schen, in einen ein­zi­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hang ein­be­zo­gen, „inklu­diert“ sind – jeden­falls als Sub­jek­te und Objek­te der Wis­sen­schaft und der Tech­nik, der (kapi­ta­lis­ti­schen) Öko­no­mie und einer auf uni­ver­sa­lis­ti­schen Prin­zi­pi­en grün­den­den Ord­nung der Moral und des Rechts (respek­ti­ve der Poli­tik). Und die­ser Pro­zess einer glo­ba­len Inklu­si­on ist, so scheint es, dadurch cha­rak­te­ri­siert, dass er sich nicht nur fak­tisch – etwa als Fol­ge öko­no­mi­scher oder poli­tisch-mili­tä­ri­scher Macht­kon­stel­la­tio­nen – voll­zieht, son­dern von star­ken, womög­lich kon­kur­renz­lo­sen Begrün­dun­gen unter­stützt und vor­an­ge­trie­ben wird, sodass ihm nicht nur de fac­to, son­dern auch de jure (von Rechts wegen) eine „uni­ver­sa­le Bedeu­tung und Gül­tig­keit“ zuge­schrie­ben wird bezie­hungs­wei­se zuge­schrie­ben wer­den kann.

 

3. Glo­ba­le Ver­brei­tung ver­sus uni­ver­sel­le Gel­tung

Eine an Weber anschlie­ßen­de, „vor­sich­tig uni­ver­sa­lis­ti­sche Posi­ti­on“ steht und fällt mit der Mög­lich­keit, begriff­lich und in der Sache zwi­schen der Glo­ba­li­sie­rung als fac­tum bru­tum (blo­ßer Tat­sa­che) und einer Uni­ver­sa­li­sie­rung zu unter­schei­den, die „gute Grün­de“ auf ihrer Sei­te hat. Und „gut“ wären genau sol­che Grün­de, die nichts vor­aus­set­zen als das, was bei allen Men­schen (als Men­schen) vor­zu­fin­den oder allen Men­schen zuzu­schrei­ben ist. Genau die­se Über­le­gung hat­te den eng­li­schen Phi­lo­so­phen Tho­mas Hob­bes (1588–1679) bei sei­ner Kon­struk­ti­on des Levia­than gelei­tet, und das erklärt, war­um sei­ne Kon­struk­ti­on bis auf den heu­ti­gen Tag den Mini­mal­kon­sens im moder­nen Staats­den­ken sichert.

Das heu­te übli­che Ver­ständ­nis von „Glo­ba­li­sie­rung“ über­spielt die­se not­wen­di­ge Dif­fe­ren­zie­rung eben­so wie die vor­her­ge­hen­de Rede von „Euro­päi­sie­rung“ oder „Ver­west­li­chung“ und die neue­re Kri­tik der
„Ame­ri­ka­ni­sie­rung“. Durch­ge­hend bleibt genau die Fra­ge aus­ge­blen­det, die Weber beun­ru­hig­te und beweg­te: Wie kann eine kul­tu­rel­le Schöp­fung, die, wie alle übri­gen, nur unter beson­de­ren, ja sin­gu­lä­ren Bedin­gun­gen in die Welt zu kom­men ver­moch­te, eine „Bedeu­tung und Gül­tig­keit“ gewin­nen, wel­che von allen beson­de­ren Bedin­gun­gen unab­hän­gig ist? Für die Geschicht­s­te­leo­lo­gi­en (gr. telos = Ziel, Zweck, Sinn) des 18. und 19. Jahr­hun­derts war, wie für ihre theo­lo­gi­schen Vor­gän­ger und Mus­ter, die­se Fra­ge sinn­los, weil sie allem Gesche­hen einen Ort und eine Funk­ti­on in der einen uni­ver­sa­len Geschich­te zuwie­sen. Die­se Mög­lich­keit hat­te sich für Weber erle­digt – wegen der Unab­weis­bar­keit des His­to­ris­mus und wegen der dar­über hin­aus­ge­hen­den, von Weber aus­drück­lich ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, dass es in der Geschich­te über­haupt kei­nen objek­ti­ven, also all­ge­mein ver­bind­li­chen Sinn gebe. Trotz­dem konn­te Weber sich nicht mit einer his­to­ris­ti­schen, also strikt rela­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on abfin­den, und gewiss wäre er auch mit deren neu­en post­mo­der­nen respek­ti­ve kon­struk­ti­vis­ti­schen Vari­an­ten unzu­frie­den gewe­sen.

 

Zitier­te Lite­ra­tur:

Max Weber: Gesam­mel­te Auf­sät­ze zur Reli­gi­ons­so­zio­lo­gie. Band 1, Tübin­gen: Ver­lag von J.C.B. Mohr (Sie­beck): 1947

Jür­gen Haber­mas: Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns. Band 1, Frank­furt a.M.: Suhr­kamp Ver­lag 1981

 

 

 

 

 

Die­ser Text ist erst­mals in agora42 EUROPA erschie­nen.