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Finanz & Eleganz: Au contraire – oder Warum manchmal viel dafür spricht, dagegen zu sein

Au contraire – oder Warum manchmal viel dafür spricht, dagegen zu sein

Dieser erste Post im neuen Jahr will sich tapfer der Welle von positivem Denken entgegenstemmen, die bis zur Mitte des Monats Januar alles überrollt. Wieder ein neues Jahr, in dem wir alles besser machen – mit Optimismus, Freude und Vertrauen alle Ängste überwinden, das Gute noch im Schlechtesten gesehen wird und jedes Glas mindestens halbvoll ist.  Und warum auch nicht? Was schadet es, mit einer positiven Grundhaltung und fröhlichem Schwung an die zahlreichen Projekte heranzutreten, die sich auf dem Schreibtisch und sonstwo melden?

Dennoch wollen wir uns heute einmal mit Miesmachern, Pessimisten und notorischen Querulanten beschäftigen, vor allem im Bereich der Finanzmärkte. Und von diesen suchen wir uns eine kleine feine Gruppe heraus, die man „Contrarians“ nennt. Diese Leute machen alles anders, sie kaufen Aktien wenn andere verkaufen, sie sehen in die Ecken, die schlecht ausgeleuchtet sind und einem folgen sie gewiss nicht: dem Herdentrieb.

In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

Contrarian Investing ist, wie der Name schon sagt, eine Gegen-Strategie, die sich gegen die vorherrschende Meinung zu einer Firma, einem Markt, einem Wirtschaftsbereich etc. stellt. Sie kann sich auf einzelne Aktien, auf Fonds oder Anleihen, auf ganze Marktbereiche oder Technologien beziehen. Ein Contrarian engagiert sich in einem Markt, den Andere negativ einschätzen oder zu dem sie gar keine Meinung haben. In diesem Markt, so die Überzeugung unseres Querdenkers, gibt es verborgene Wachstums- oder Renditechancen, Gelegenheiten, meist weil echte Werte unterschätzt worden sind oder falsche Werte zu einer großen Verheißung aufgeblasen wurden.

Oft gießt der Contrarian Wasser in den Wein, wenn er gegen Werte spekuliert, die alle fraglos toll finden, er nutzt Preisübertreibungen bzw. Preisstürze und macht Geld, wenn der Markt zu den Normalbepreisungen, egal ob höher oder niedriger, zurück kehrt.

Wenn dann auch die langsame Mehrheit begreift, wie sich die reale Wertsituation darstellt, ist der Contrarian schon am nächsten Spielplatz, während die Herde noch das alte Feld zertrampelt. „Herde“  ist ein wichtiger Hinweis auf den erkenntnistheoretischen  Wert des „contrarian investment style“. Diesem Stil liegen bestimmte Annahmen über das menschliche Wesen und die sich darauf ergebenden ökonomischen Entwicklungen zugrunde. Kurz gesagt gab es einmal die Vorstellung, im Wirtschaftsleben agierten kühle Kalkulierer und gut informierte, vor allem dem Eigennutz und der Nutzenmaximierung verpflichtete Individuen. Und der Aktienmarkt galt als ein besonders gutes Beispiel für deren Agieren, als perfekter Markt schlechthin, mit hohen Angebots- und Nachfragezahlen, großer Transparenz, schnellen Abläufen – und eben gut informierten rationalen Akteuren. Aber leider stand dem eines entgegen: die Realität. Dieses Ungeheuer hat schon vielen in die Suppe gespuckt, die Gardinen zugezogen und die Luft herausgelassen. Die Entwicklung der Aktienmärkte ist nämlich oft eher gekennzeichnet von „irrationalem Überschwang“ (Robert Shiller), vom „boom und bust“ mehr als von Balance. Hier zeigt sich besonders deutlich, dass der homo oeconomicus als Modellannahme gelegentlich hilfreich ist, aber im realen Wirtschaftsgeschehen kaum vorkommt. Und die Contarians wissen das, noch mehr, sie profitieren sogar davon … Psychologie ist für sie ebenso wichtig wie Mathematik, vor allem ein gesundes Misstrauen gegen das „was doch jeder weiß“. Sie wissen, dass Schwarmdummheit mindestens so häufig ist wie Schwarmintelligenz. Auch gegen den üblichen Modetrend sollten sie also gefeit sein. Wobei es hilft, sich klar zu machen, dass jede Szene und jeder Wirtschaftsbereich seine eigenen Moden und Trends hat. Es kann nämlich durchaus sein, dass Early Adopters, also eigentlich schlaue  Frühmerker ein Thema zum allgemeinen Hype machen und diesem dann doch die Luft ausgeht. Biotech, Kryptowährungen, Technologie-Startups der verschiedensten Art, 3-D-Drucker, die gesamte Internetblase – alles schöne Beispiele für hippe Investments, mit denen viele Geld verloren haben. Das bedeutet aber nicht, dass man mit einigen nicht auch echte Trends erkannt hätte. Aber eben anders und später als erwartet. Indem die Contrarians gegen den Strom schwimmen und des Entgegengesetzte zum „Common Sense“ tun, nutzen sie antizyklische Chancen. Dieses Orientieren an antizyklischen Wertanalysen verbindet sie mit den „Value Investment“-Akteuren, mit denen sie in der Praxis (weniger in der Theorie) einiges gemeinsam haben. Ein Unterschied ist wohl , dass die Psychologie bei den Contrarians eine noch etwas größere Rolle spielt. Aktienkurse steigen ja nicht, weil Unternehmen wertvoller werden, sondern Aktienkurse steigen, weil Menschen glauben, dass die Unternehmen wertvoller werden könnten. Der Contrarian achtet auf die Menschen in der Ökonomie und weniger auf die Ökonomie im Menschen. Und so versteht er, dass jedem boomenden Markt irgendwann die Käufer ausgehen müssen. Nur wenn immer wieder neue Nachfrage erzeugt wird, dann könne die Kurse unentwegt  steigen, das ist eine klare mathematische Notwendigkeit. Brauchen wir also mehr Contrarians?

Für den Investmentbereich kann man sich das eigentlich gar nicht wünschen, da der Contrarian durch sein Agieren ja im Grunde die eigene Strategie zerstört. Wenn immer mehr Leute sich „gegen die Marktstimmung“ positionieren, dann kippt eben ab einem bestimmten Punkt diese Stimmung. Wenn Contrarians die Mehrheit bilden, dann gibt es keine profitablen Lücken. Wenn die „Avantgarde“ die Normalität ist, dann ändern sich die Spielregeln (wie die vielen frustrierten Ex-68er schon feststellen mussten, die nun z.B. in Baden-Württemberg einen Ministerpräsidenten habe, der früher für den Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) vor Fabriktoren Flugblätter verteilte). Es ist gar nicht so leicht, dem Mainstream zu entgehen!

Bernd Villhauer
Bernd Villhauer ist Geschäftsführer des Weltethos Instituts und Autor der Kolumne “Finanz und Eleganz”. Näheres zu dieser Kolumne finden Sie in der Einführung.
Was macht denn den echten Contrarian aus? Das Leben im Dagegen ist schon als Anlagestrategie nicht ganz einfach durchzuhalten, als Lebensmaxime kann es leicht zur sozialen und intellektuellen Isolation führen. Die Erkenntnis wird mit Einsamkeit bezahlt und schon Anlageberater Theodor W. Adorno wusste „Es gib kein wahres Leben im Falschen.“ Aber glücklicherweise ist der eigene Kopf ein privilegierter Platz, um sich gegen weitverbreitete Dummheiten sein eigenes Bild zu machen. Mit Mut zum Selbstdenken kann jeder ein klein bisschen „contrarian“ sein, auch wenn es nicht nur um Geld geht, sondern um Ideen.

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 16.01.19