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Finanz & Eleganz: Vom Labyrinth der Finanzwelt

Materialistische Meditationen: Vom Labyrinth der Finanzwelt

von Bernd Villhauer

Achtung! Achtung! Bitte lösen Sie nach Lektüre des aktuellen Blogs sofort eine Bahnfahrkarte nach Würzburg bzw. stellen Sie Ihre Auto-Navigation auf „Würzburg, Veitshöchheimer Str. 5“. Gehen Sie nicht über Los und sondern besuchen Sie dort das Museum im Kulturspeicher Würzburg mit der aktuellen Ausstellung  „Labyrinth konkret … mit Nebenwegen“ (nur noch bis 15. Juli!) und begeben Sie sich ins Labyrinth.

Das Labyrinth ist ein wunderbares Symbol für den Finanzmarkt. An ihm können wir viele seiner Eigenschaften erklären und ins Bild bringen, die Entscheidungssituationen und Orientierungsprobleme im Börsengeschehen verdeutlichen – sowohl, die Anforderungen an die Einzelnen, als auch die Komplexitätsstufen des Gesamtsystems betreffend.

Bernd Villhauer
In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

Zunächst zur Kunst: Mit vielen Beispielen aus der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts arbeitet die Ausstellung in Würzburg sich an drei Fragen ab: Was ist ein Labyrinth? Wozu dient ein Labyrinth? Und warum ist es eigentlich so schön?
Entsprechend dem Profil des Museums, das sich der modernen Kunst, besonders der sogenannten „Konkreten Kunst“ verschrieben hat, werden labyrinthische Wege durch die letzten 100 Jahre gezeigt, auch durch ganz Aktuelles. Solch „Konkrete Kunst“ beruht meist auf mathematischen Grundlagen und setzt mathematisch-geometrische Modelle in hochästhetische Darstellungen um.

Aber was sind eigentlich Labyrinthe? Das Labyrinth ist eines der großen alten Geheimnisse der Menschheit. Schon die Herkunft des Namens ist nicht klar, auch die ersten Formen und Verwendungszwecke sind in das Dunkel früher Geschichte gehüllt. Warum führen Gänge in den Pyramiden in die Irre? Gab es den Palast auf Kreta, in dem der Minotaurus Menschen durch das Labyrinth jagte?
Jedenfalls verstehen wir unter einer labyrinthischen Anlage ein kompliziertes System von Wegen – manchmal mit Abzweigungen, manchmal ohne, es kann zwei- oder dreidimensional sein und in verschiedensten Arten ausgeführt: als Gebäude, als Spielzeug, als Kunstwerk, als Garten, in Eis, Stein und Holz.
Dargestellt sehen wir es meist in der Draufsicht. Wenn wir uns allerdings darin befinden, dann sieht alles ganz anders aus. Ein Grundthema ist also das der Orientierung – das Labyrinth als Verwirrspiel in der Orientierungssuche. Wer sich darin befindet, steht dauernd vor Wänden, muss Entscheidungen treffen, die sich erst beim Weitergehen als gut oder schlecht erweisen. Oft zeigt sich erst nach langer Zeit, ob und warum eine Entscheidung falsch oder richtig war.
Deswegen galt das Labyrinth auch oft als Sinnbild für das menschliche Sein an sich.
Wir laufen und laufen, doch schließlich landen wir in einer Sackgasse. Wir versuchen, ein System zu erkennen, zu verstehen und werden doch wieder enttäuscht.
Es gibt auch eine große Tradition der christlichen Labyrinthe, die zeigen, wie viele Irrungen und Wirrungen die Seele auf dem Weg zur Erlösung durchstehen muss. In einigen großen Kathedralen finden sich Labyrinth-Zeichnungen oder -Mosaiken auf dem Boden, zum Beispiel das berühmte Muster in der Kathedrale von Chartres. Der Pilger kann auf ihnen zur Erlösung robben.

Zurück zur Beschreibung der Finanzwelt über das Labyrinth: wir müssen in ihm auch Entscheidungen treffen, die erheblichen Einfluss auf unser späteres Wohlergehen haben. Jede Entscheidung legt einen Pfad für spätere und es ist schwer, die eigene Handlungslogik nicht immer weiter einzuschränken. Haben wir einmal Geld auf eine Sache gesetzt, dann lassen wir nur ungern wieder davon ab. Besonders schwer fällt es, Irrtümer einzugestehen. Einmal im Labyrinth unterwegs kann leicht ein bedrohliches Gefühl entstehen, denn es gibt nur zwei Bewegungsoptionen: vorwärts oder rückwärts, kaufen oder verkaufen. Und wir wissen nie, wohin uns der Weg führt.
Auch klaustrophobisch können Labyrinthe sein, beengend trotz ihr oft immensen Größe. Die Perspektive im Labyrinth unterscheidet sich erheblich von der des Außenstehenden. Erleichtert nehmen wir nach dem Gang durch die Strukturen wieder die Vogelperspektive ein, aber auch diese hat ihre beunruhigenden Aspekte. Denn die Komplexität des Geschehens ist so hoch, dass das Wahrnehmungsvermögen bis an seine Grenze geführt wird. Es entsteht der fast hypnotische Schwindel, mit dem wir auch die Konstruktionen der Finanzbranche manchmal bestaunen, bewundern oder fürchten können.

In einem der großen Klassiker der Börsenliteratur, dem 1688 erschienenen „Confusión de confusiones“ (Verwirrung der Verwirrungen), vergleicht der Autor Joseph de la Vega das Treiben an der Börse mit einem Labyrinth. Und es ist gerade das Entscheidungsdilemma, die allgemeine Undurchsichtigkeit und Unübersichtlichkeit, die ihn bei der Darstellung der Amsterdamer Börse an ein Irrwegesystem denken lassen. Wir wissen nie ganz sicher, ob der Verkauf oder Kauf eines Papiers richtig ist.  Die Zukunft ist immer ungewiss, klar ist nur, dass es selten rational zugeht – und dass die Kenner zum Teil nur Scharlatane sind, Führer durch das Labyrinth, die dann irgendwann in einer Geheimtür verschwinden, manchmal eingestehen müssen, dass sie sich auch nicht mehr auskennen oder sich als Minotaurus offenbaren und einem mit hungrigem Blick den Weg verstellen. Der Tod im Labyrinth ist ebenso unerfreulich wie die Pleite auf dem Finanzmarkt.

Doch es gibt im Labyrinth ein geheimes, oft gut verstecktes und nur mit großem Mühen zu erreichendes Zentrum, die rettende Mitte. Im christlichen Labyrinth war hier die Gegenwart Gottes zu finden, der Blick auf die Makellosigkeit einer jenseitigen Existenz. Der barocke Gartentraum bot eher einen Erfrischungspavillon und möglicherweise die Gegenwart aufgeschlossener Gärtnerinnen oder motivierter Schäfer. Im modernen Labyrinth finden wir einen Übersichtsplan sowie gartenpädagogische Ermahnungen oder einen Dank an die Sponsoren in Messing.
Aber es gibt dieses Zentrum, was immer dort sein mag – und wir können hingelangen. Vielleicht geht uns bei dieser Bemühung auf, wie ein Labyrinth eigentlich konstruiert wird, was seine Erschaffer zunächst vor sich hatten: genau diese Mitte, um die herum sie die Leere mit komplexen Mustern und verwirrenden Wegen füllten. Denken wir das Labyrinth Finanzmarkt doch einmal von dieser unsichtbaren Mitte aus, dem Eldorado des Irrlaufs und der Orientierungssuche.
Gibt es denn diese Mitte im Labyrinth der Finanzen? Gibt es sie noch? Haben wir vielleicht jeweils eine andere Mitte, ein anderes Ziel bei unserem Weg durch die Welt der Investments und Kurse? Wissen wir noch, was wir wollten, als wir die erste Entscheidung trafen und wozu wir uns der ganzen Komplexität überhaupt aussetzen? Das ist die Kernfrage.
Fahren Sie nach Würzburg – finden Sie es heraus. Dann beginnt der eigentliche Weg…

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 12.7.18 …