Fremdbestimmt: Wenn Erwachsene zu Kindern werden – Michael Winterhoff im Interview

Anlässlich der neuen agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut zum Thema einige Fragen gestellt. Er spricht über Erwachsene, die zu Kindern werden, top-ausgebildete aber nicht lebensfähige Jugendliche, die Folgen der Digitalisierung sowie die Heilsamkeit des Alleinseins …

Fremdbestimmt: Wenn Erwachsene zu Kindern werden

Inter­view mit Micha­el Win­ter­hoff

Michael Winterhoff ist Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut. Große Bekanntheit erlangte sein Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit (Gütersloher Verlagshaus, 2008). Seit 1988 ist Winterhoff als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bonn niedergelassen. Als Sozialpsychiater ist er auch im Bereich der Jugendhilfe tätig. Er befasst sich vorrangig mit psychischen Entwicklungsstörungen im Kindes- und Jugendalter aus tiefenpsychologischer Sicht. Zuletzt von ihm erschienen: Die Wiederentdeckung der Kindheit. Wie wir unsere Kinder glücklich und lebenstüchtig machen (Gütersloher Verlagshaus, 2017).

 
Herr Win­ter­hoff, mit der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 wagen wir die The­se, dass der Wider­spruch ein Zei­chen der Zeit ist, dass schein­bar Selbst­ver­ständ­li­ches zuneh­mend zur Dis­kus­si­on steht, gleich ob in Wirt­schaft, Poli­tik oder im pri­va­ten Bereich. Wie erle­ben Sie die Zeit? Gibt es noch kla­re Ori­en­tie­rung?

Es erscheint mir, dass Wider­sprü­che heu­te oft nicht durch­dacht und fun­diert sind, sich also nicht aus einer Grund­ein­stel­lung her­aus ent­wi­ckeln, son­dern eher mit der Trotz­re­ak­ti­on eines Kin­des ver­gleich­bar sind, dass ein­fach „nein“ sagt. Die­ser Trotz rührt den­ke ich daher, dass sich immer mehr Men­schen fremd­ge­steu­ert füh­len. Alle wol­len stän­dig etwas von einem. Die Fir­ma, die Fami­lie etc. sind stän­dig prä­sent, was dazu führt, dass man auf die vie­len Anfor­de­run­gen nur noch reagiert nach dem Mot­to „Mist, noch ein Ter­min oben drauf“. Es ist wis­sen­schaft­lich bewie­sen, dass wir nur eine begrenz­te Anzahl an Mel­dun­gen auf­neh­men kön­nen. Dank Smart­pho­nes wer­den wir jedoch mit Mel­dun­gen bom­bar­diert. Jetzt pas­siert fol­gen­des: Der Mensch gerät in den Zustand der Reiz­über­flu­tung und regre­diert, das heißt er fällt psy­chisch zurück in den Zustand eines Kin­des – in die ein­zi­ge Pha­se sei­nes Lebens in der er fremd­be­stimmt war. Wenn die­ser Zustand nun als Dau­er­zu­stand vor­liegt, dann wird erklär­bar, war­um der Erwach­se­ne gar nicht mehr über sei­ne Psy­che ver­fügt, war­um er nicht mehr abge­grenzt ist und nicht mehr in sich ruhen kann. Wenn Sie ein­mal in die Stadt gehen und in die Gesich­ter der Leu­te schau­en, dann sehen Sie: gehetzt, genervt, gereizt, depres­siv. Kommt Ihnen aber jemand ent­ge­gen, der strahlt und ent­spannt ist, dann den­ken Sie fast, der hat Dro­gen genom­men.

Dabei ist eine dra­ma­ti­sche Ver­än­de­rung bei den Erwach­se­nen zu beob­ach­ten, die stän­dig unter Strom ste­hen und nur noch reagie­ren: die Bereit­schaft zur kon­struk­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zung kommt abhan­den. Das erklärt auch, war­um wir so gro­ße Schwie­rig­kei­ten haben eine Regie­rung zu bil­den, einen Flug­ha­fen zu bau­en, oder Brü­cken und Stra­ßen zu sanie­ren. Die Leu­te, die die Ver­ant­wor­tung dafür tra­gen bzw. tra­gen müss­ten, über­neh­men sie gar nicht mehr, son­dern dele­gie­ren sie an ande­re. Ich sehe rings­um nur noch Abbau und Kapi­tu­la­ti­on. Einer­seits lässt sich dies auf die bereits genann­te Unzu­frie­den­heit zurück­füh­ren, ande­rer­seits dreht sich der Erwach­se­ne zuneh­mend um sich selbst inmit­ten einer furcht­bar nar­ziss­ti­schen Gesell­schaft, wo der Blick für den ande­ren fehlt.

 

Wel­cher Wider­spruch ist für Sie der bedeut­sams­te?

Für mich ist der größ­te und nie­der­schmet­ternds­te Wider­spruch der, dass wir heu­te zwar wahn­sin­nig viel für unse­re Kin­der tun, aber trotz­dem fast 60 Pro­zent der Her­an­wach­sen­den nach Schul­ab­schluss nicht arbeits­fä­hig sind. Vie­len Prak­ti­kan­ten und Aus­zu­bil­den­den man­gelt es an Arbeits­hal­tung, Sinn für Pünkt­lich­keit oder der Fähig­keit Struk­tu­ren und Abläu­fe zu erken­nen und zu prio­ri­sie­ren. Die meis­ten waren zwar min­des­tens 10 Jah­re in der Schu­le und sind bes­tens erzo­gen, kön­nen aber über all das, was sie mal gelernt haben, nicht ver­fü­gen. Sie sind ein­fach nicht lebens­fä­hig.

Ein wei­te­rer Wider­spruch hat sich durch die Digi­ta­li­sie­rung erge­ben. Wir könn­ten uns die moder­ne Digi­tal­tech­no­lo­gie zunut­ze machen, indem sie uns ent­las­tet und mehr Zeit für uns selbst ver­schafft. Statt­des­sen sind wir einem Digi­ta­li­sie­rungs­wahn anheim gefal­len: Alles muss wahn­sin­nig schnell pas­sie­ren, der Schul­un­ter­richt wird digi­ta­li­siert und Kin­der müs­sen ler­nen zu pro­gram­mie­ren. Wir leben in einer Zeit, in der wir die Pro­ble­me in Ruhe ange­hen könn­ten, schließ­lich haben wir bei uns kei­ne ernst­haf­ten Kata­stro­phen, kei­ne ech­te Not, kei­nen Krieg oder Hun­ger. Aber vie­le Men­schen sind wie im Wahn: angst­ge­steu­ert, über­dreht und kopf­los.

 

Häu­fig beob­ach­tet man, dass Men­schen mit ihrer Lebens­si­tua­ti­on unzu­frie­den sind – der Job macht einen kaputt, der Part­ner nervt –, sie aber den­noch die­se Situa­ti­on nicht ändern. Wor­an liegt das?

Das liegt dar­an, dass wir unse­re eige­ne Psy­che gar nicht beur­tei­len kön­nen. Im Erwach­se­nen­al­ter wird bei­spiels­wei­se nur ein gerin­ger Pro­zent­satz von Depres­sio­nen über­haupt erkannt. Eine Depres­si­on ist häu­fig eine Stoff­wech­sel­stö­rung und führt bei den meis­ten Men­schen dazu, dass sie sich selbst viel abver­lan­gen („Stell dich nicht so an, reiß dich mal zusam­men“). Die­se Men­schen kämp­fen qua­si gegen eine Depres­si­on an, wür­den aber nie auf die Idee kom­men, dass sie selbst eine Depres­si­on haben.

Die schwie­rigs­te Leis­tung, die wir im All­tag erbrin­gen müs­sen ist die zwi­schen­mensch­li­che Leis­tung. Wenn ich mich bei­spiels­wei­se mit jeman­dem bespre­che, dann ist egal, ob ich Hun­ger habe, ob ich müde bin, oder ob ich Lust habe. Alle Impul­se die im Augen­blick des Gesprächs in mir sind, müs­sen von mei­ner Psy­che zur Sei­te gedrängt wer­den, damit ich mich auf den Gesprächs­part­ner ein­stel­len kann. Das ist eine wahn­sin­ni­ge Leis­tung unse­rer Psy­che und strengt das Gehirn enorm an. Das Gan­ze gilt jedoch nicht nur für ein Gespräch, son­dern auf für Tele­fo­na­te, E-Mail­ver­kehr oder in Sozia­le Netz­wer­ke.

Wir müss­ten in einem digi­ta­len Zeit­al­ter ganz anders leben, um unse­re Lebens­qua­li­tät zurück­zu­ge­win­nen. Mit ande­ren Wor­ten: Heu­te hat man kei­ne Lebens­qua­li­tät mehr, heu­te rast man auf den Tod zu. Die meis­ten Men­schen wer­den mor­gens wach und ihr Gehirn rat­tert bereits. In der einen Situa­ti­on sind sie gedank­lich schon in der nächs­ten oder über­nächs­ten. Sie sind immer „online“ und welt­weit live dabei – das gilt für posi­ti­ve wie nega­ti­ve Mel­dun­gen. Dadurch gera­ten sie bald in den Zustand der dif­fu­sen Angst. In die­sem Zustand sind heu­te vie­le Erwach­se­ne – angst­ge­steu­ert.

 

Ohne Han­dy, Com­pu­ter und Inter­net wäre man heu­te aller­dings weder arbeits­fä­hig, noch fähig sozia­le Kon­tak­te zu hal­ten. Wie kann man ange­sichts der digi­ta­len Über­for­de­rung also ver­hin­dern ver­rückt zu wer­den?

Um solch einen Zustand zu ver­hin­dern, muss unse­re Psy­che rege­ne­rie­ren. Rege­ne­ra­ti­on durch Schlaf allein reicht jedoch nicht. Wir müs­sen mit uns allei­ne sein und nichts tun. Das wird aller­dings immer schwie­ri­ger, wie ich in mei­nem aktu­el­len Buch Die Wie­der­ent­de­ckung der Kind­heit gezeigt habe. Dar­in habe ich die ana­lo­gen 1990er und die digi­ta­len 2015er gegen­über­stellt: In der ana­lo­gen Zeit war es üblich, dass man zu gewis­sen Zei­ten nicht ange­ru­fen wur­de: mit­tags nicht, nach 20 Uhr nicht und am Sonn­tag nicht. Nach der Arbeit hat­te man frei und Zeit für sich und war man im Urlaub, so war man ein­fach drei Wochen nicht erreich­bar. Damals hat­ten wir also sehr vie­le Aus­zei­ten, Muße und auch Lan­ge­wei­le. Das rege­ne­riert die Psy­che und des­halb waren wir damals sehr klar, abge­grenzt und ruh­ten in uns. Letzt­lich waren wir dadurch auch sehr zufrie­den.

Heu­te muss man sich also wie­der erden, aber wie soll das gehen? Es gibt die Mög­lich­keit, zu medi­tie­ren, Yoga zu machen oder sich in die Kir­che zu set­zen. Ich selbst gehe alle zwei Wochen 1–2 Stun­den allein durch den Wald, um zu rege­ne­rie­ren. In die­sen zwei Stun­den schwei­ge ich, nie­mand will etwas von mir und nie­mand kann mich errei­chen. Ich gehe immer den­sel­ben Weg und muss mich auf nichts ein­stel­len. So dau­ert es nicht lan­ge und ich bin wie­der in einer Situa­ti­on in der ich selbst Ent­schei­dun­gen tref­fen kann.

Schafft man es wie­der zur Ruhe zu kom­men, ist man auch wie­der zufrie­den und hat den Blick für das Wesent­li­che, kann die Pro­ble­me geord­net ange­hen und Ver­ant­wor­tung für sich und ande­re über­neh­men. Erst dann ist man auch wie­der in der Lage Wider­sprü­che kon­struk­tiv anzu­ge­hen.

 

Gibt es Mög­lich­kei­ten, sein Leben wider­spruchs­frei aus­zu­rich­ten (etwa pri­vat gesetz­te Prin­zi­pi­en nicht über Bord zu wer­fen, sobald man am Arbeits­platz sitzt)? Oder ist die unbe­ding­te Wider­spruchs­frei­heit auch eine Ideo­lo­gie?

Wir sind Men­schen und wer­den des­halb auch immer wie­der an den Punkt kom­men, wo wir wider­sprüch­lich leben und nicht nach einer Ideo­lo­gie. Ich den­ke es ist ange­legt, dass der Mensch wider­sprüch­lich ist und auch sein kann. Das fin­de ich per­sön­lich auch nicht schlimm. Es geht letzt­lich dar­um in wel­chen Berei­chen er wider­sprüch­lich ist. Wenn ich eine mora­li­sche Wert­vor­stel­lung habe, dann muss ich die­ser nicht immer 100-pro­zen­tig ent­spre­chen, son­dern kann auch mal einen Wider­spruch zulas­sen. Ohne kon­kret zu wer­den: Wenn man nach der Ideo­lo­gie der Wider­spruchs­lo­sig­keit lebt, dann hat man sich als Mensch her­aus­ge­nom­men. Wenn man mensch­lich mit sei­nen Wert­vor­stel­lun­gen lebt, dann darf man eben auch wider­sprüch­lich sein.

Das Inter­view führ­te Peter Lang­kau.

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