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Fremdbestimmt: Wenn Erwachsene zu Kindern werden – Michael Winterhoff im Interview

Fremdbestimmt: Wenn Erwachsene zu Kindern werden

Interview mit Michael Winterhoff

Michael Winterhoff
Michael Winterhoff ist Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut. Große Bekanntheit erlangte sein Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden.
Herr Winterhoff, mit der Ausgabe „Wirtschaft im Widerspruch“ wagen wir die These, dass der Widerspruch ein Zeichen der Zeit ist, dass scheinbar Selbstverständliches zunehmend zur Diskussion steht, gleich ob in Wirtschaft, Politik oder im privaten Bereich. Wie erleben Sie die Zeit? Gibt es noch klare Orientierung?

Es erscheint mir, dass Widersprüche heute oft nicht durchdacht und fundiert sind, sich also nicht aus einer Grundeinstellung heraus entwickeln, sondern eher mit der Trotzreaktion eines Kindes vergleichbar sind, dass einfach „nein“ sagt. Dieser Trotz rührt denke ich daher, dass sich immer mehr Menschen fremdgesteuert fühlen. Alle wollen ständig etwas von einem. Die Firma, die Familie etc. sind ständig präsent, was dazu führt, dass man auf die vielen Anforderungen nur noch reagiert nach dem Motto „Mist, noch ein Termin oben drauf“. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass wir nur eine begrenzte Anzahl an Meldungen aufnehmen können. Dank Smartphones werden wir jedoch mit Meldungen bombardiert. Jetzt passiert folgendes: Der Mensch gerät in den Zustand der Reizüberflutung und regrediert, das heißt er fällt psychisch zurück in den Zustand eines Kindes – in die einzige Phase seines Lebens in der er fremdbestimmt war. Wenn dieser Zustand nun als Dauerzustand vorliegt, dann wird erklärbar, warum der Erwachsene gar nicht mehr über seine Psyche verfügt, warum er nicht mehr abgegrenzt ist und nicht mehr in sich ruhen kann. Wenn Sie einmal in die Stadt gehen und in die Gesichter der Leute schauen, dann sehen Sie: gehetzt, genervt, gereizt, depressiv. Kommt Ihnen aber jemand entgegen, der strahlt und entspannt ist, dann denken Sie fast, der hat Drogen genommen.

Dabei ist eine dramatische Veränderung bei den Erwachsenen zu beobachten, die ständig unter Strom stehen und nur noch reagieren: die Bereitschaft zur konstruktiven Auseinandersetzung kommt abhanden. Das erklärt auch, warum wir so große Schwierigkeiten haben eine Regierung zu bilden, einen Flughafen zu bauen, oder Brücken und Straßen zu sanieren. Die Leute, die die Verantwortung dafür tragen bzw. tragen müssten, übernehmen sie gar nicht mehr, sondern delegieren sie an andere. Ich sehe ringsum nur noch Abbau und Kapitulation. Einerseits lässt sich dies auf die bereits genannte Unzufriedenheit zurückführen, andererseits dreht sich der Erwachsene zunehmend um sich selbst inmitten einer furchtbar narzisstischen Gesellschaft, wo der Blick für den anderen fehlt.

 

Welcher Widerspruch ist für Sie der bedeutsamste?

Für mich ist der größte und niederschmetterndste Widerspruch der, dass wir heute zwar wahnsinnig viel für unsere Kinder tun, aber trotzdem fast 60 Prozent der Heranwachsenden nach Schulabschluss nicht arbeitsfähig sind. Vielen Praktikanten und Auszubildenden mangelt es an Arbeitshaltung, Sinn für Pünktlichkeit oder der Fähigkeit Strukturen und Abläufe zu erkennen und zu priorisieren. Die meisten waren zwar mindestens 10 Jahre in der Schule und sind bestens erzogen, können aber über all das, was sie mal gelernt haben, nicht verfügen. Sie sind einfach nicht lebensfähig.

Ein weiterer Widerspruch hat sich durch die Digitalisierung ergeben. Wir könnten uns die moderne Digitaltechnologie zunutze machen, indem sie uns entlastet und mehr Zeit für uns selbst verschafft. Stattdessen sind wir einem Digitalisierungswahn anheim gefallen: Alles muss wahnsinnig schnell passieren, der Schulunterricht wird digitalisiert und Kinder müssen lernen zu programmieren. Wir leben in einer Zeit, in der wir die Probleme in Ruhe angehen könnten, schließlich haben wir bei uns keine ernsthaften Katastrophen, keine echte Not, keinen Krieg oder Hunger. Aber viele Menschen sind wie im Wahn: angstgesteuert, überdreht und kopflos.

 

Häufig beobachtet man, dass Menschen mit ihrer Lebenssituation unzufrieden sind – der Job macht einen kaputt, der Partner nervt –, sie aber dennoch diese Situation nicht ändern. Woran liegt das?

Das liegt daran, dass wir unsere eigene Psyche gar nicht beurteilen können. Im Erwachsenenalter wird beispielsweise nur ein geringer Prozentsatz von Depressionen überhaupt erkannt. Eine Depression ist häufig eine Stoffwechselstörung und führt bei den meisten Menschen dazu, dass sie sich selbst viel abverlangen („Stell dich nicht so an, reiß dich mal zusammen“). Diese Menschen kämpfen quasi gegen eine Depression an, würden aber nie auf die Idee kommen, dass sie selbst eine Depression haben.

Die schwierigste Leistung, die wir im Alltag erbringen müssen ist die zwischenmenschliche Leistung. Wenn ich mich beispielsweise mit jemandem bespreche, dann ist egal, ob ich Hunger habe, ob ich müde bin, oder ob ich Lust habe. Alle Impulse die im Augenblick des Gesprächs in mir sind, müssen von meiner Psyche zur Seite gedrängt werden, damit ich mich auf den Gesprächspartner einstellen kann. Das ist eine wahnsinnige Leistung unserer Psyche und strengt das Gehirn enorm an. Das Ganze gilt jedoch nicht nur für ein Gespräch, sondern auf für Telefonate, E-Mailverkehr oder in Soziale Netzwerke.

Wir müssten in einem digitalen Zeitalter ganz anders leben, um unsere Lebensqualität zurückzugewinnen. Mit anderen Worten: Heute hat man keine Lebensqualität mehr, heute rast man auf den Tod zu. Die meisten Menschen werden morgens wach und ihr Gehirn rattert bereits. In der einen Situation sind sie gedanklich schon in der nächsten oder übernächsten. Sie sind immer „online“ und weltweit live dabei – das gilt für positive wie negative Meldungen. Dadurch geraten sie bald in den Zustand der diffusen Angst. In diesem Zustand sind heute viele Erwachsene – angstgesteuert.

 

Ohne Handy, Computer und Internet wäre man heute allerdings weder arbeitsfähig, noch fähig soziale Kontakte zu halten. Wie kann man angesichts der digitalen Überforderung also verhindern verrückt zu werden?

Um solch einen Zustand zu verhindern, muss unsere Psyche regenerieren. Regeneration durch Schlaf allein reicht jedoch nicht. Wir müssen mit uns alleine sein und nichts tun. Das wird allerdings immer schwieriger, wie ich in meinem aktuellen Buch Die Wiederentdeckung der Kindheit gezeigt habe. Darin habe ich die analogen 1990er und die digitalen 2015er gegenüberstellt: In der analogen Zeit war es üblich, dass man zu gewissen Zeiten nicht angerufen wurde: mittags nicht, nach 20 Uhr nicht und am Sonntag nicht. Nach der Arbeit hatte man frei und Zeit für sich und war man im Urlaub, so war man einfach drei Wochen nicht erreichbar. Damals hatten wir also sehr viele Auszeiten, Muße und auch Langeweile. Das regeneriert die Psyche und deshalb waren wir damals sehr klar, abgegrenzt und ruhten in uns. Letztlich waren wir dadurch auch sehr zufrieden.

Heute muss man sich also wieder erden, aber wie soll das gehen? Es gibt die Möglichkeit, zu meditieren, Yoga zu machen oder sich in die Kirche zu setzen. Ich selbst gehe alle zwei Wochen 1-2 Stunden allein durch den Wald, um zu regenerieren. In diesen zwei Stunden schweige ich, niemand will etwas von mir und niemand kann mich erreichen. Ich gehe immer denselben Weg und muss mich auf nichts einstellen. So dauert es nicht lange und ich bin wieder in einer Situation in der ich selbst Entscheidungen treffen kann.

Schafft man es wieder zur Ruhe zu kommen, ist man auch wieder zufrieden und hat den Blick für das Wesentliche, kann die Probleme geordnet angehen und Verantwortung für sich und andere übernehmen. Erst dann ist man auch wieder in der Lage Widersprüche konstruktiv anzugehen.

 

Gibt es Möglichkeiten, sein Leben widerspruchsfrei auszurichten (etwa privat gesetzte Prinzipien nicht über Bord zu werfen, sobald man am Arbeitsplatz sitzt)? Oder ist die unbedingte Widerspruchsfreiheit auch eine Ideologie?

Wir sind Menschen und werden deshalb auch immer wieder an den Punkt kommen, wo wir widersprüchlich leben und nicht nach einer Ideologie. Ich denke es ist angelegt, dass der Mensch widersprüchlich ist und auch sein kann. Das finde ich persönlich auch nicht schlimm. Es geht letztlich darum in welchen Bereichen er widersprüchlich ist. Wenn ich eine moralische Wertvorstellung habe, dann muss ich dieser nicht immer 100-prozentig entsprechen, sondern kann auch mal einen Widerspruch zulassen. Ohne konkret zu werden: Wenn man nach der Ideologie der Widerspruchslosigkeit lebt, dann hat man sich als Mensch herausgenommen. Wenn man menschlich mit seinen Wertvorstellungen lebt, dann darf man eben auch widersprüchlich sein.

Das Interview führte Peter Langkau.

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