Digitalisierung bringt kritische Reflexion an Orte, an denen vorher nur konsumiert wurde – Interview mit Pascal Suckow

agora42_DigitalisierungAnläss­lich der neu­en agora42 DIGITALISIERUNG haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten vom Body­buil­der Pas­cal Suc­kow:

 

Digitalisierung bringt kritische Reflexion an Orte, an denen vorher nur konsumiert wurde

Pascal Suckow im Interview

Pascal Suckow

Pas­cal Suc­kow über die Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung, die Zunah­me kri­tisch-reflek­tier­ter Nut­zer sowie das Smart­pho­ne als Ein­nah­me­quel­le.

 

Herr Suc­kow, wel­che Hoff­nun­gen ver­bin­den Sie mit der Digi­ta­li­sie­rung?

Mit jeder Art der Ver­än­de­rung erge­ben sich nicht nur Ein­schrän­kun­gen, son­dern auch Chan­cen: Mit der Digi­ta­li­sie­rung ste­hen neue Mög­lich­kei­ten der Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung, der Kana­li­sie­rung von Auf­merk­sam­keit und damit auch die Mög­lich­keit sich als Indi­vi­du­um zu ent­fal­ten, den Ein­schrän­kun­gen ent­ge­gen. Ich hof­fe, ange­sichts der Fake-News und Steue­rungs­ver­su­che mäch­ti­ger Inter­es­sens­ver­tre­ter, ent­wi­ckelt der Kon­su­ment ein stär­ke­res Bewusst­sein für die Bewer­tung von Quel­len. Wir sind mehr denn je gezwun­gen, die The­men, die sich in unse­rem Auf­merk­sam­keits­fo­kus befin­den, mit Abstand zu betrach­ten – auch wenn sie augen­schein­lich so klar und ein­fach for­mu­liert sind. Ich sehe nun auch in weni­ger pri­vi­le­gier­ten Gesell­schafts­grup­pen eine kri­ti­sche Hal­tung gegen­über Infor­ma­tio­nen und ver­meint­li­chen Auto­ri­tä­ten. Dies habe ich nicht immer so wahr­ge­nom­men…

 

Was erach­ten Sie als die größ­te Bedro­hung durch die Digi­ta­li­sie­rung?

Ich den­ke die Digi­ta­li­sie­rung bedroht uns nicht, sie berei­chert uns. Es ist jedoch eine gesell­schafts­po­li­ti­sche Ant­wort auf die­se, wenn man so will, „vier­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on“ not­wen­dig. Es gibt eine Viel­zahl an Men­schen „dazwi­schen“, die nicht ver­ste­hen was sich nun abspielt. Die­se Men­schen müs­sen mit­ge­nom­men wer­den und dür­fen nicht mit ihrem über­hol­ten gesell­schaft­li­chen Ver­ständ­nis ori­en­tie­rungs­los in 2020 ver­blei­ben. Für mich ist es eine Erleich­te­rung mei­ne Steu­er­erklä­rung online ein­zu­rei­chen, für mei­ne Eltern hin­ge­gen eine Qual.

 

Wir ver­brin­gen mehr Zeit vor dem Com­pu­ter, als in der Natur, mehr Zeit im vir­tu­el­len Schrift­ver­kehr, als mit ech­ten Gesprä­chen – Wie ver­än­dert uns die­ses digi­ta­le Lebens­um­feld?

Pascal Su Bodybuilding

Pas­cal Suc­kow ist Psy­cho­lo­gie-Stu­dent, begeis­ter­ter Body­buil­der und akti­ver You­Tuber. Sein Video “Abrech­nung mit der Fit­ness Jugend” über­rasch­te und erfreu­te uns zugleich.

Das Smart­pho­ne hat kei­ne Lücke gefüllt, die zuvor leer war, son­dern hat ande­re Tätig­kei­ten abge­löst und im Umgang mit Situa­tio­nen mehr Effi­zi­enz gebracht. Der Mensch, der sich gern in ech­te Gesprä­che stürzt, wird die­se auch heu­te noch dem vir­tu­el­len Schrift­ver­kehr vor­zie­hen. So gern ich die Aus­sa­ge der Fra­ge wei­ter­hin hin­ter­fra­gen wür­de, stößt mir im ers­ten Gedan­ken ein öko­no­mi­sches Effi­zi­enz­den­ken auf, wel­ches rigo­ros auf sozia­le Bezie­hun­gen aus­ge­wei­tet wird. Wenn die Anzahl der Likes in sozia­len Medi­en kein unver­bind­li­ches Merk­mal von Zuwen­dung, son­dern eine öko­no­mi­sche Mess­grö­ße für das eige­ne Wohl wer­den, dann könn­te man vor­sich­tig ein Pro­blem der Effek­te der Digi­ta­li­sie­rung ver­mu­ten. Ernst­haf­ter wird es, wenn nach dem Auf­ste­hen der ers­te prü­fen­de Blick auf die Benach­rich­ti­gungs­leis­te im Smart­pho­ne geht: Dies ver­führt schnell in eine Rast­lo­sig­keit, deren Ursa­che den meis­ten gar nicht zugäng­lich ist.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Auf­ge­klärt und inmit­ten eines glo­ba­li­sier­ten Ver­ständ­nis­ses von Huma­nis­mus. Hier­zu hilft die Tech­nik, denn sie bringt kri­ti­sche Refle­xi­on an Orte, an denen vor­her nur kon­su­miert wur­de. Wenn der Kon­su­ment mün­dig wird, sich dem Wert sei­ner Daten bewusst und sich sei­ner Posi­ti­on im öko­no­mi­schen, sowie auch gesell­schaft­li­chen Gefü­ge kla­rer wird, dann wird er ein bes­se­res Leben füh­ren kön­nen. Ob sich dies nun sub­jek­tiv bes­ser anfühlt, bezweif­le ich, jedoch birgt dies Effek­te auf unse­re Per­spek­ti­ve, auf unse­ren Auf­merk­sam­keits­fo­kus: Die­ser schließt dann viel­leicht Orte und Grup­pen ein, die uns bis­her unzu­gäng­lich blie­ben. Heu­te kann ich mit mei­nem Smart­pho­ne Geld ver­die­nen, egal von wo. Wenn die­se Erkennt­nis auch Bevöl­ke­rungs­grup­pen erreicht, die das gegen­wär­tig noch für uto­pisch hal­ten, dann ist ein wenig für das Gleich­ge­wicht getan.

 
 
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Bei einer Sintflut muss man Schiffe bauen, nicht Deiche – Interview mit Gunter Dueck zur Digitalisierung

agora42_DigitalisierungAnläss­lich der neu­en Aus­ga­be DIGITALISIERUNG haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Prof. Dr. Gun­ter Dueck:

Gunter Dueck Digitalisierung

Bei einer Sintflut muss man Schiffe bauen, nicht Deiche – Interview mit Gunter Dueck zur Digitalisierung

 

Herr Dueck, wel­che Hoff­nun­gen ver­bin­den Sie mit der Digi­ta­li­sie­rung?

Ich ver­bin­de sie nicht mit Hoff­nun­gen. Die Welt ver­än­dert sich, und wir soll­ten bemüht sein, das Bes­te dar­aus zu machen. Wir soll­ten also beherzt han­deln. Von Deutsch­land wird aber durch­weg gesagt, dass es hin­ter­her­hinkt – wahr­schein­lich, weil sich mit der Digi­ta­li­sie­rung zu weni­ge Hoff­nun­gen ver­bin­den. Man will nur dann los­ge­hen, wenn es für alle bes­ser wird. An die­sen Punkt kom­men wir bald, näm­lich wenn es uns wegen Hin­ter­her­hin­kens schlecht geht. Dann ist die Hoff­nung des Auf­ho­lens für alle bes­ser. Und dann gehen wir schon, weil wir irgend­wie nicht Hoff­nun­gen in Taten umset­zen, son­dern lau­fen, wenn man uns von hin­ten tritt.

 

Was erach­ten Sie als die größ­te Bedro­hung durch die Digi­ta­li­sie­rung?

Gunter Dueck

Gun­ter Dueck lebt als frei­er Schrift­stel­ler, Phi­lo­soph, Busi­ness Angel und Speaker bei Hei­del­berg. Nach einer Kar­rie­re als Mathe­ma­tik­pro­fes­sor arbei­te er fast 25 Jah­re bei der IBM, zuletzt bei sei­nem Wech­sel in den Unru­he­stand als Chief Tech­no­lo­gy Offi­cer. Er ist für humor­voll-sati­risch-kri­tisch-unver­blüm­te Reden und Bücher bekannt, zuletzt „Das Neue und sei­ne Fein­de“ und „Schwarm­dumm“. Mehr auf sei­ner Home­page www.omnisophie.com

Sehen Sie? Gleich kommt wie­der die­se deut­sche Fra­ge oder die Pro­blem­stel­lung der Ger­man Angst. War­um fra­gen Sie nicht, was getan wer­den muss? Das sage ich schon seit vie­len Jah­ren – unwi­der­spro­chen übri­gens: Wir müs­sen alle (!) bil­dungs­mä­ßig bes­ser sein als der Com­pu­ter, weil die Rou­ti­ne­ar­beit weg­fällt. Die­sen Fakt sehen nun vie­le als Bedro­hung, aber nicht als Hand­lungs­auf­for­de­rung. Die Bedro­hung liegt also nicht in der Digi­ta­li­sie­rung an sich, son­dern an unse­rer Akti­ons­un­wil­lig­keit mit­ten im Wan­del. Bei einer Sint­flut muss man Schif­fe bau­en, nicht Dei­che. Deich­bau­er agie­ren wie Bedroh­te und han­deln aus die­ser Sicht ganz falsch. Der Blick auf das Pro­blem ist manch­mal ent­schei­dend.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Die Digi­ta­li­sie­rung ver­än­dert unser Leben ja nicht so sehr. Statt der Kas­se an der Bank habe ich den Auto­ma­ten, statt 100 TV-Pro­gram­men eben Stream. Das Gril­len und Fei­ern bleibt doch gleich, aber die Leis­tungs­er­brin­gung ändert sich stark, eben durch die genann­ten Tech­no­lo­gi­en. Es fin­det mehr ein Umbau der Arbeits­welt statt. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind Man­gel­wa­re, weil die Geis­tes­wis­sen­schaft­ler oder Intel­lek­tu­el­len sich inter­net­phob tot­stel­len und sich nur ab und zu für Bedro­hungs­jam­mer­kla­gen raus­wa­gen. Zu mei­ner Bil­dungs­gret­chen­fra­ge: Die Intel­lek­tu­el­len haben sich immer an der Auf­klä­rung ergötzt. Ja, Enligh­ten­ment für alle! Wis­sen für alle! Nun brau­chen wir als posi­ti­ve Uto­pie aber viel wei­ter­ge­hen­der “Empower­ment für alle” und die Mög­lich­keit zu Self-Empower­ment für alle! Das kann man doch sogar als Bibel­le­ser gut fin­den? Die Intel­lek­tu­el­len wol­len aber irgend­wie immer nur, dass der uto­pi­sche Mensch alles DARF, nun aber MUSS er Bil­dung haben. Wahr­schein­lich behagt ihnen die­se Pflicht nicht, spe­ku­lie­re ich.

 

Edu­ard Käser schreibt in agora42: “Einst hat­ten wir Pro­ble­me und erfan­den Gerä­te zu ihrer Lösung. Heu­te haben wir Gerä­te und erfin­den zu ihnen pas­sen­de Pro­ble­me.” – Haben wir nicht schon alles erfun­den, was wir brau­chen? War­um erfin­den wir lau­fend neue Gerä­te und Tech­no­lo­gi­en?

Die­se Fra­ge wird immer gestellt. Stel­len Sie sich die Fra­ge vor zehn Jah­ren vor. Da hät­ten wir sagen kön­nen: Wir haben doch alles. Heu­te sagen wir: Ohne Smart­pho­ne ist das Leben gar nicht mehr so schön. Und in fünf­zehn Jah­ren sagen wir: Selbst­fahr­au­tos sind toll, gera­de für die altern­de Gesell­schaft. Mit 90 noch zu den Enkeln gebracht wer­den! Ich will sagen: Das, was wir schon neu bekom­men und in unser Leben inte­griert haben, wol­len wir nicht mehr her­ge­ben, aber das, was gera­de neu erfun­den wird, sehen wir als Unsinn oder Bedro­hung. Die­ser Man­gel an Phan­ta­sie und Wan­de­lun­lust lässt sich als Phi­lo­so­phie ver­kau­fen, weil man natür­lich kri­ti­sie­ren kann, dass heu­te im Sili­con Val­ley nur um des Mil­li­ar­den­ma­chens wil­len erfun­den wird. Das ist eben so im Umbruch, vie­le suchen ihre Chan­ce mit­ten in der Revo­lu­ti­on. Zu ande­ren Zei­ten (also nach Edu­ard Käser: “einst”) wur­de doch auch wegen vor­ge­stell­ter Pro­ble­me geforscht, weil man in den Welt­raum woll­te oder Wett­rüs­ten betrieb – es sind eben die Umbrü­che, die hek­tisch erfin­den las­sen.

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Information und Aufklärung. Oder: Das Lob der “Lügenpresse”

agora42 LEITBILDERDie­ser Arti­kel ist erst­mals in der agora42 3/2016 LEITBILDER erschie­nen: Wel­che Leit­bil­der kön­nen (noch) lei­ten, wor­an hal­ten wir uns fest – und was lei­tet uns in die fal­sche Rich­tung? Acht Inter­views und 17 State­ments ver­wan­deln die­se Aus­ga­be der agora42 in das, was sie ihrem Namen nach ist: einen Markt­platz, auf dem die Zukunft ver­han­delt wird.

 

Information und Aufklärung

Oder: Das Lob der “Lügen­pres­se”

von Oli­ver Tan­zer

 

Oliver Tanzer

Oli­ver Tan­zer ist Lei­ter des Wirt­schafts­res­sorts der Wochen­zei­tung Die Fur­che und Buch­au­tor. Zuletzt von ihm erschie­nen: Lilith und die Dämo­nen des Kapi­tals (Carl Han­ser Ver­lag, 2015).

Der Mensch hat sich in der Rol­le des Gläu­bi­gen immer wohl befun­den – im Ver­trau­en auf das, was ihm von einer über­ge­ord­ne­ten Struk­tur gesagt wird. Erin­nern wir uns nur an das Ver­trau­en, das er jahr­hun­der­te­lang jeman­dem ent­ge­gen­brach­te, der vor undenk­li­chen Zei­ten behaup­tet hat­te: „Ich bin das Wort“ – und dann die Welt mit dem geschaf­fen hat, was er sag­te (etwa: „Es wer­de Licht“).

Wir, die Medi­en, haben seit dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs irgend­wie auch so eine Rol­le gespielt. Nicht die Rol­le des­je­ni­gen, der sagt: „Ich bin das Wort“, aber dann doch die des­je­ni­gen, der behaup­tet: „Ich bin die Nach­richt“. Das gelang auch ganz gut. Die Medi­en erhiel­ten unum­schränk­tes Ver­trau­en als beob­ach­ten­de Gewalt im Staat, die Miss­stän­de erkennt und so die Bür­ger schützt. Wir waren Leit­me­di­en.

Heu­te ist das nicht mehr so, zumin­dest wenn es nach jenem Teil eines sich radi­ka­li­sie­ren­den Mit­tel­stands geht, der in der Pegi­da-Bewe­gung, der AfD und ande­ren Insti­tu­tio­nen des Miss­trau­ens zusam­men­fin­det und sei­ne Sinn­stif­tung immer und über­all in der Anti­the­se fin­det. Dort heißt es dann: „Das ist alles Lügen­pres­se.“ Wenn wir, die Medi­en, der­art beschimpft wer­den, dann könn­ten wir erwi­dern:

 

Lie­be Pegi­da- und AfD-Bür­ger,

ihr habt voll­kom­men Recht! Wir sind tat­säch­lich in gewis­ser Hin­sicht eine Lügen­pres­se. Aber was ihr Lügen nennt, hält unser Gesell­schafts­sys­tem zusam­men. Wir sind die, wel­che die Geschich­ten aus­su­chen und erzäh­len, die eure Exis­tenz erträg­lich machen. Die unter­halt­sa­men Geschich­ten, aber auch die Geschich­ten, die unse­re Poli­tik, die Geset­ze und die Ent­wick­lung unse­rer Nach­kom­men prä­gen. Unse­re „Objek­ti­vi­tät“ war immer ein Popanz für euren Wohl­fühl­fak­tor, denn ihr wisst und wir wis­sen spä­tes­tens seit Sig­mund Freud, dass es Objek­ti­vi­tät nicht gibt. Aber wir sind nicht die ein­zi­ge Lügen­pres­se. Denn Öko­no­men, die behaup­ten, jeder Markt­teil­neh­mer ver­fü­ge über alle not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen, wenn er vor einem Regal im Super­markt steht und sich für das eine oder ande­re Pro­dukt ent­schei­det, sind auch „Lügen­öko­no­men“. Und eure Füh­rer, die euch sagen, dass eure Welt klein und bedroht ist, sind auch „Lügen­füh­rer“.

Aber eure Füh­rer haben von unse­rer zuneh­men­den Schwä­che enorm pro­fi­tiert. Und das geht so: Seit der deut­schen und auch öster­rei­chi­schen Apo­ka­lyp­se der Unmensch­lich­keit und des Krie­ges 1945 haben wir euch zwei Welt­deu­tun­gen gege­ben: eine gemä­ßigt lin­ke, eine gemä­ßigt rech­te; sprich: hier die Süd­deut­sche, da die FAZ, hier die taz, dort die Welt – und in der Mit­te tum­mel­ten sich die Objek­ti­ven von den Öffent­lich-Recht­li­chen. Wir waren uns unse­rer Deu­tungs­macht bewusst und haben uns lan­ge die gesell­schaft­li­che Über­ich­funk­ti­on mit Kir­che und Poli­tik geteilt. Wir reprä­sen­tier­ten homo­gen gedach­te Lager, zwei gro­ße gesell­schaft­li­che Strö­me, die sich den Staat auf­tei­len, ein höchst erfolg­rei­ches Zwei­strom­land. Wir hat­ten dar­in die Stel­lung des ver­trau­ens­wür­di­gen Kor­rek­tivs. Wir zwan­gen die Mäch­ti­gen zum Trieb­ver­zicht, weil wir brand­ge­fähr­lich für sie waren.

Wir sind auf­grund öko­no­mi­scher Zwän­ge ver­dummt.

Aber dann kam ein Ver­spre­chen und die­ses Ver­spre­chen stell­te alles auf den Kopf. In den 90er-Jah­ren wur­de unse­re moder­ne Wie­ge der Zivi­li­sa­ti­on, das ver­trau­te Zwei­strom­land, in ein glo­ba­les Dorf vol­ler Infor­ma­ti­ons­ka­nä­le und Kanäl­chen ver­wan­delt. Das Inter­net kam über uns und die Macht­po­si­ti­on der Medi­en zer­fiel. Wir ver­lo­ren im glo­ba­len Dorf mit sei­nen Mil­li­ar­den Posts und Tweets den Deu­tungs­strom. Und in der Panik, die Stel­lung zu ver­lie­ren, began­nen wir zu ren­nen, zu expan­die­ren, uns inhalt­lich krank zu spa­ren. Heu­te ser­vie­ren wir uns als App auf einem Tablet und ver­schen­ken unse­re Diens­te und unser Wis­sen an das Nichts im Netz.

Es ist ein Dra­ma: Die glo­ba­len Macht­struk­tu­ren ken­nen kei­ne poli­ti­sche For­mel, in die die Medi­en pas­sen wür­den. Sie ken­nen nur noch das Kapi­tal als Ent­schei­dungs­ma­trix. Die Medi­en­land­schaft funk­tio­niert heu­te nach einer ein­fa­chen Glei­chung: Suc­cess = Demand/Time. Erfolg ist gleich Nach­fra­ge geteilt durch Zeit. Und die­se For­mel führt in letz­ter Kon­se­quenz zu einer Zeit­beu­gung. Der Erfolg ver­grö­ßert sich, wenn die Zeit im Nen­ner klei­ner wird. Er ernährt sich von der Ver­kür­zung der Lohn­ar­beits­zeit, von der Kün­di­gung der Mit­ar­bei­ter. Und den ver­blie­be­nen Jour­na­lis­ten wird die Zeit zum knap­pen Gut gemacht. Die Zeit, die nun für das schnel­le Hin­schrei­ben ver­wen­det wer­den muss, wird von dem weichs­ten Gut des Jour­na­lis­ten abge­zo­gen, von der Sub­stanz, aus der er sein Ver­trau­en bezieht: von der Recher­che.

Wir sind hand­zahm gewor­den, weil wir gefüt­tert wer­den mit Wer­be­geld, nicht mit Leser-, Hörer- oder Zuschau­er­geld. Der Jour­na­lis­mus hat sei­ne wah­ren Kun­den ver­lo­ren und mit ihnen auch das Ver­trau­en. Des­halb funk­tio­niert auch die Grund­sub­stanz unse­res Han­dels nicht mehr. Der Tausch Infor­ma­ti­on gegen Inter­es­se und Auf­klä­rung gegen Bezah­lung. Des­halb kön­nen wir auch die wich­ti­gen Din­ge nicht mehr the­ma­ti­sie­ren, wie es in unse­rer Ver­ant­wor­tung steht. Dass etwa das Kapi­tal, das uns bezahlt, Krie­ge schafft und Flücht­lings­wel­len aus­löst. Öko­no­mi­sche Inter­es­sen for­men die Flücht­lings­trecks nach Euro­pa – aber uns wer­den sie als die Legen­de vom Hun­nen­sturm und Tür­ken­be­la­ge­rung dar­ge­stellt. Und dar­auf kön­nen eure Füh­rer nun auf­bau­en. Sie brau­chen nur noch zuzu­grei­fen, weil das kri­mi­nel­le Ereig­nis (Sil­ves­ter­nacht in Köln) viel mehr zählt als die Ana­ly­se der Ursa­chen und Struk­tu­ren: Kapi­tal schafft Waf­fen, Waf­fen hei­zen den Krieg im Nahen Osten an, Krie­ge schaf­fen Flücht­lin­ge, Staa­ten bezah­len die Hil­fe oder die Zäu­ne, um sie abzu­weh­ren, pri­va­te Share­hol­der kas­sie­ren die Gewin­ne der Waf­fen­kon­zer­ne.

Wir sind auf­grund öko­no­mi­scher Zwän­ge ver­dummt. Aber das ist nicht nur unser Dra­ma, ihr Bür­ger, die ihr euch nun gegen uns erregt. Denn ihr ver­dummt mit uns.