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Der Fortschritt ist kein Rennpferd, sondern eine Schnecke – Interview mit Juli Zeh

Der Fortschritt ist kein Rennpferd

im Gespräch mit Juli Zeh

Juli Zeh
Juli Zeh © Peter von Felbert

Wir sprachen mit der Schriftstellerin Juli Zeh über den Zustand der Welt, das Projekt der Aufklärung und darüber, wie das neue Selbstverständnis der Politik aussehen könnte. Juli Zeh wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet und ist auch durch ihr gesellschaftlich-politisches Engagement bekannt geworden. Im September ist ihr Buch Neujahr im Verlag Luchterhand erschienen.

Frau Zeh, mit der Aufklärung verloren Götter ihren Schrecken und man glaubte, sein Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können. Doch wenn es um Themen wie Wachstum, Digitalisierung oder Globalisierung geht, scheinen wir uns neue Götter geschaffen zu haben, die unser Schicksal bestimmen. Bedarf es einer neuen Aufklärung?

Ich würde eher sagen: Das Projekt der Aufklärung ist noch nicht am Ziel. Es existieren in den genannten Bereichen tatsächlich Kräfte, die sich außerhalb von politischer und gesetzlicher Gestaltung entfalten wollen und deren Prinzipien vor allem in Gewinnmaximierung und Machtakkumulation bestehen. Diesen müssen wir entschlossen zu Leibe rücken, wenn wir die Selbstbestimmtheit der Einzelnen nicht aufgeben wollen. Gerade im Bereich Digitalisierung gibt es völlig neue Aufgaben beim Schutz von Bürgerrechten, die ja eine wichtige Errungenschaft der Aufklärung sind.

 

Wir wissen, was alles zu ändern wäre und doch sucht man entschlossenes Handeln vergebens. Ist die Welt nicht mehr zu retten?
Diese Fragestellung ist mir viel zu katastrophisch. Es klingt, als stünde eine Apokalypse bevor. Das Gegenteil ist doch der Fall. Auch wenn die Menschheit immer wieder von schrecklichen Krisen geschüttelt wird, die sie selbst verursacht, gibt es doch einen starken Trend Richtung Humanität und Humanismus, Richtung Frieden und Wohlstand. In den vergangenen Jahrhunderten ist der Zustand der Welt immer besser, nicht schlechter geworden. Zwischendurch sollten wir innehalten und uns über das Erreichte freuen, bevor wir uns mit neuer Kraft den anstehenden Aufgaben widmen. Der Fortschritt ist eben kein Rennpferd, sondern eine Schnecke.

 

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Wie müsste die Politik aussehen, damit Sie denken „Geht doch!“
Politik müsste sich viel stärker frei machen vom Einfluss der Umfragen, Lobbyisten und Sozialen Medien. Für viele Probleme, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind, gibt es durchaus gangbare Lösungen. Die Politiker der heutigen Zeit brauchen ein neues Selbstverständnis. Mehr Rückgrat, mehr Konzentration auf Sachfragen, stärkere Verankerung in erkennbaren Werten und Prinzipien. Damit ließe sich vielleicht die Welt nicht für immer retten, aber doch ein Stück besser machen.

 

Derzeit durchforsten technikbegeisterte Wissenschaftler äußerst kapital- und technikintensiv das Weltall, um einen Planeten zu finden, auf den die Menschheit im Katastrophenfall auswandern kann. Würden Sie – im Falle des Falles – gerne auf einem anderen Planeten neu anfangen?
Wenn der Weltuntergang bevorstünde, würde ich vor allem versuchen, meinen Kindern die Möglichkeit eines Neuanfangs zu sichern. Wenn die mich dann noch mitnehmen auf den neuen Planeten – immer gern.

Die 42. Ausgabe der agora42 verdichtet die im Magazin seit 2009 behandelten Themen in vier zentralen Fragen:


Rückblick: Wo kommen wir her?

Wo liegt das Problem?

Warum ändern wir uns nicht?

Was werden wir ändern (wenn doch alles anders kommt, als befürchtet)?

Diese Fragen können in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisenzeiten Orientierung bieten und sollen zum Mitdenken und zur Stellungnahme anregen.

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