Jede Generation muss sich ihrer Verantwortung stellen – Interview mit Margot Käßmann

Anlässlich der Jubiläumsausgabe der agora42 sprachen wir mit Margot Käßmann über den Stand der heutigen Gesellschaft. Im Jahr 2015 führten wir ein Interview mit ihr für die Ausgabe 1/2015 Ups&Downs, das wir in bleibender Erinnerung behalten haben.

 

Frau Käßmann, die auf uns zurollende Katastrophe, klimatisch als auch gesellschaftlich, wird mittlerweile nicht mehr ernsthaft in Abrede gestellt – trotzdem reißen wir das Ruder nicht herum und fahren sehenden Auges gegen den Eisberg. Ist die Welt nicht mehr zu retten?

Margot Käßmann war lange Zeit als evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin in verschiedenen kirchlichen Leitungsfunktionen tätig. Ab 27. April 2012 war sie „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ im Auftrag des Rates der EKD.

Ich hoffe schlicht auf die Vernunft der Menschen! Seit Mitte der 70er Jahre wissen wir um die „Grenzen des Wachstums“ und viele haben ja auch ihr individuelles Verhalten verändert. Aber die Politik muss handeln und ich finde, Fragen von Klimaschutz, Abgasemissionen, Plastikverbrauch sollten in den Mittelpunkt auch von Wahlkämpfen rücken.

Stattdessen erleben wir gerade wieder die Macht der Autolobby und mit Donald Trump einen Präsidenten, der schon Errungenes zurückdreht. Aber wir können wegen solcher Rückschläge nicht einfach die Hoffnung und das Engagement aufgeben. Das wäre verantwortungslos.

 

In Ihrem neuen Buch Schöne Aussichten schreiben Sie, dass man mit dem Alter auch von einigen liebgewonnenen Gewohnheiten Abschied nehmen muss. Ist das nicht auch die Aufgabe unserer Gesellschaft insgesamt – dass wir von liebgewonnenen Gewohnheiten (Wachstum, Wohlstandsmehrung etc.) Abschied nehmen müssen? Wie aber kann das gelingen? Wie kann man Abschied nicht nur als Verlust empfinden?

Es gibt auch eine Ethik des Genug. Und die muss nicht mit moralisch erhobenem Zeigefinger daherkommen. Wer für sich selbst sagen kann, es ist genug, lebt ja auch zufriedener und muss nicht ständig einem vermeintlichen Mehr nachjagen. Wer einmal nachdenkt weiß genau, dass die entscheidenden Dinge im Leben nicht käuflich sind: Liebe, Vertrauen, Familie, Glück, Freundschaft.

 

Peggy Hetmank-Breitenstein, eine junge Philosophin aus Jena schrieb uns: "Wer möchte heute eigentlich in einer der nächsten Generationen leben? Ich nicht." Wie kann den jungen Menschen wieder Mut für die Zukunft gemacht werden?

Meine Mutter hat als junge Krankenschwester die Bomben auf Berlin erlebt, musste ihre Heimat verlassen, lebte zwei Jahre in einem Internierungslager. Ihr wurde gesagt: In diese Welt kann man keine Kinder setzen – sie hat vier bekommen. Meiner Generation wurde gesagt: Angesichts von Bedrohung durch Atomwaffen und Bevölkerungswachstum sollte man keine Kinder in die Welt setzen – ich habe vier bekommen. Inzwischen habe ich sechs Enkelkinder. Ich bin überzeugt: Jede Generation muss sich ihrer Verantwortung stellen. Wir übergeben die Staffel des Engagements für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.

 

Derzeit durchforsten technikbegeisterte Wissenschaftler äußerst kapital- und technikintensiv das Weltall, um einen Planeten zu finden, auf den die Menschheit im Katastrophenfall auswandern kann. Würden Sie – im Falle des Falles – gerne auf einem anderen Planeten neu anfangen?

Ich bin in einem Alter, in dem ich mich auf die letzten Dinge im Leben vorbereite. Auf einem anderen Planeten neu anfangen würde ich nicht. Aber am Ende ist das doch ein absurder Gedanke, oder? Wir zerstören diesen wunderbaren Planeten, auf dem wir leben. Aber statt uns für seine Gesundung, den Erhalt einzusetzen, suchen wir einen neuen? Das entspricht letzten Endes der Logik der Wegwerfgesellschaft, finde ich.

 


Die Jubiläumsausgabe der agora42 widmen wir der 42.

42, das ist die Antwort auf die Frage aller Fragen, die keine Antwort ist. Das ist die eindeutige Zahl, die alles im Unklaren belässt. Das ist gar nicht so unsinnig, wie es zunächst scheinen mag. Diese Zahl steht für den typisch menschlichen Versuch, einen Sinn zu finden – und ist doch gleichzeitig Ausdruck der Tatsache, dass dieser nicht gefunden werden kann. Zum Glück! Sonst wäre alles sinnlos…

In der Jubiläumsausgabe fragt die Jenaer Philosophin PEGGY HETMANK-BREITENSTEIN im Interview: “Wer möchte heute eigentlich in einer der nächsten Generationen leben? Ich nicht. Ist das nicht finster?”

RICHARD DAVID PRECHT, Philosoph und Beirat der agora42, zur Frage, wie er sich eine gelingende Zukunft vorstellt: “Wir werden die Humanität und das Soziale in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen und nicht den Profit, den Konsum und die Technik.”
Konkrete Hinweise für den Übergang in eine zukunftsfähige Wirtschaft liefert der Publizist und Commons-Aktivist HANS E. WIDMER: “Bevor wir smart schrumpfen können, müssten wir es zuerst schaffen smart zu wachsen.”

"Wer nicht einfach über Einfachheit sprechen kann, sollte lieber schweigen" – Rebekka Reinhard

"Wer nicht einfach über Einfachheit sprechen kann, sollte lieber schweigen"

Interview mit Rebekka Reinhard

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten der Philosophin Rebekka Reinhard. Sie spricht über das einfache Leben, die Sinnsuche, den Weg zum Glück und eine vernachlässigte Tugend: den Mut …

 

Frau Reinhard, kann man überhaupt einfach über Einfachheit sprechen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziemlich Kompliziertes?

Rebekka Reinhard ist promovierte Philosophin, Beraterin und Redakteurin des Philosophie-Magazins Hohe Luft. Von ihr zum Thema erschienen: Die Sinn-Diät – Warum wir schon alles haben, was wir brauchen (Heyne Verlag, 2011). Foto: Peter Lindbergh

Wer nicht einfach über Einfachheit sprechen kann, sollte lieber gleich schweigen. Schweigen ist keine schlechte Strategie für den, der nichts Schwierigeres als das Einfache kennt. Wer schweigt, muss nichts verstehen (nicht mal seine eigenen Worte). Er ist frei, zu staunen, zu handeln, Verantwortung zu übernehmen. Laut Emanuel Lévinas heißt ethische Verantwortung „handeln, bevor man versteht“. Und das ist ziemlich einfach. Oder?

 

Kann man einfach leben, ohne dem Leben irgendeine Struktur und Ordnung zu geben? Kann man einfach nur In-Situation-Sein, das heißt, in wechselnden Situationen leben und Sinn finden, ohne einen „Gesamtsinn“ zu unterstellen?

Nein. Dass in jeder Situation der gleiche Sinn steckt, davon sollte man schon ausgehen. Dann jedenfalls, wenn man ein gutes Leben will. Ich kann aus jedem „Chaos“ einen „Kosmos“ machen – sobald ich anfange, das Leben als Rohmaterial zu betrachten, das ich, je nach Sachlage, durch meine Aktivitäten (Denken, Tanzen, Streiten, Lachen, Arbeiten etc.) gestalten kann.

 

Dem menschlichen Streben nach Glück sind nach Sigmund Freud enge Grenzen gesetzt: „(…) man möchte sagen, die Absicht, daß der Mensch »glücklich« sei, ist im Plan der »Schöpfung« nicht enthalten.“ Die Kultur ist für Freud eine Quelle des menschlichen Unbehagens und zeitgleich die Notwendigkeit für das (Über-)Leben in der Gemeinschaft. Beschränkt das Ausmaß und die Durchdringung der Kultur die Möglichkeit des Glücks? Müssen wir allein sein, um glücklich zu sein?

Glück kann Vieles sein. Ein Moment. Die Erinnerung an eine Sommernacht. Viereinhalb Jahre Zufriedenheit ohne nennenswerte Zwischenfälle. Der Weg zum Glück hat mit einem Zuviel oder Zuwenig an Kultur nichts zu tun und steht auch Neurotikern offen. Es gibt kaum etwas Einfacheres als Glück: Glück ist eine innere Aktivität. Was? Wie? Wo ist das Glück, und wann kommt es endlich? Je länger ich warte, desto unglücklicher werde ich.

 

Was macht das Leben wirklich einfacher?

Seinen Alltag an Platons Viererschema, den Kardinaltugenden auszurichten: Weisheit, Mäßigung, Gerechtigkeit, Tapferkeit. Statt Tapferkeit kann man auch Mut sagen. Mut zählt heute zu den am meisten unterentwickelten Tugenden überhaupt. Ohne Mut keine Komplexitätsreduktion, keine Einfachheit.

 

 

 

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Die aktuelle agora42 zum Thema EINFACH LEBEN verschicken wir versandkostenfrei. Lesen Sie spannende Beiträge u.a. von Robert Pfaller ("Das nackte und das gute Leben"), Ulrike Guérot ("Europa einfach machen – einfach Europa machen"), Frank Ruda ("Einfach nicht einfach") und Mads Pankow ("Endlich weitermachen – Wer keine Utopien hat, dem bleibt nur die Zukunft.")

 

 

Für den schmalen Geldbeutel bieten wir außerdem das agora42-Probeabo an: Sparen Sie 39% gegenüber dem Einzelkauf und erhalten Sie die Ausgabe LEITBILDER gratis dazu.

 

 

Freiheit als Leitbild – Claus Dierksmeier

Freiheit

Freiheit als Leitbild – und die Leitbilder der Freiheit

von Claus Dierksmeier

 

Dierksmeier

Claus Dierksmeier ist Professor für Globalisierungsethik sowie Direktor des Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen. Vom ihm ist soeben erschienen: Qualitative Freiheit. Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung (Transcript Verlag).

„Freiheit über alles lieben!“, war ein Wahlspruch Beethovens im Anschluss an Schillers Don Karlos. Heute aber haben viele liberal gesinnte Bürger ein ungutes Gefühl, wenn sie sich öffentlich zur Idee der Freiheit bekennen sollen. Einige tendieren zum konservativen Lager, weil sie Freiheit eher durch Verantwortung als durch Freizügigkeit ausgedrückt sehen möchten. Andere landen links, weil sie sehen, dass Freiheit Voraussetzungen braucht, welche der Markt nicht schafft. Weitere zweifeln aus ökologischen Gründen an der Idee der Freiheit, da sie allzu sorglos über die Bedürfnisse der Natur hinweg zu tanzen scheint. Daraus erwächst der Liberalität in offenen Gesellschaften eine ernstzunehmende Bedrohung. Zeit also, anhand der Krise des Leitbilds „Freiheit“ über die Leitbilder der Freiheit selbst nachzudenken.

Warum erscheint es uns heute schwerer als ehedem, Freiheit „über alles“ zu lieben? Liegt das daran, dass zu Schillers und Beethovens Zeiten die Verhältnisse weniger liberal waren? Unterdrückten muss niemand den Wert der Freiheit erklären. Wo Freiheit in der Praxis fehlt, mangelt es selten an ihrer theoretischen Wertschätzung. Unfreiheit zu benennen und zu bekämpfen, ist jedoch leichter, als erlangte Freiräume zu gestalten. Wo der konturscharfe Schatten der Unfreiheit beseitigt ist, bricht sich das weiße Licht der Freiheit in den Prismen unterschiedlichster Freiheitsverständnisse. Das Schwarz-Weiß der Befreiungskämpfer weicht den nuancierten Farbpaletten offener Gesellschaften. Und in dieser Buntheit freiheitlicher Lebens- und Politikentwürfe gerät der zuvor noch fraglose Drang zur Freiheit zur drängenden Frage: Welchem Leitbild ist zu folgen, wenn die Freiheit der einen mit der Freiheit der anderen konkurriert?
Kurz: Sobald Freiheit nicht mehr mit Unfreiheit kämpft, ringt der Liberalismus mit sich selbst. Er hat vom Baum der Erkenntnis gegessen und die bittere Einsicht gewonnen, dass die Freiheit einiger die Voraussetzungen der Freiheit anderer – ja, aller – ruinieren kann. Dies raubt dem liberalen Denken seine vormalige Unschuld. So erkennt der heutige Liberalismus im gegenwärtigen Mangel an sozialer, moralischer und ökologischer Nachhaltigkeit nicht zuletzt seinen gestrigen Sündenfall. Peinlich ist vielen Liberalen bewusst, nunmehr aus dem Paradies moralischer Eindeutigkeit vertrieben zu sein. Fortan haben die Freunde der Freiheit ihre Heimstatt in einer gerade auch durch Freiheit gefährdeten Welt zu bauen. Und dafür muss der Liberalismus jetzt im Schweiße seines Angesichts arbeiten: an einer Reform seines eigenen Leitbilds.

Derzeit konkurrieren zwei gegensätzliche Leitbilder von Freiheit um die Vorherrschaft über den liberalen Diskurs: die Konzeptionen quantitativer und qualitativer Freiheit. Während es quantitativ gedachter Freiheit auf ein „je mehr, desto besser“ an Freiheitsoptionen ankommt, setzt qualitativ ausgerichtete Freiheit ihren Akzent auf ein „je besser, desto mehr“. Quantitative Freiheit umschreibt ein maximierendes Grundanliegen, dem es auf die höchstmögliche Anzahl oder die größtmögliche Ausdehnung individueller Wahlmöglichkeiten ankommt. Freiheit wird dabei vor allem in Unabhängigkeit (Independenz) gesehen. Der Mitmensch gilt als potenzieller Störer jener Freiheit und muss daher in klare Schranken verwiesen werden.
Die Idee der qualitativen Freiheit will uns demgegenüber für das notwendige Bewerten, Schaffen und Verändern jener Möglichkeiten sensibilisieren: einige sollten wir besonders fördern, andere weniger. Während quantitative Freiheit darauf sinnt, wieviel Freiheit dem Einzelnen gewährt wird, achtet qualitative Freiheit darauf, welche Freiheiten wir einander einräumen und wessen Freiheit wir ermöglichen. Diese Konzeption von Freiheit unterstreicht, dass Menschen aufeinander angewiesen sind (Interdependenz). Mitmenschen werden so als Personen sichtbar, die uns neue, andere Optionen eröffnen, zu denen wir alleine gar keinen Zugang hätten. Die Idee qualitativer Freiheit erkennt daher in der Übernahme von Verantwortung für unsere Mit-, Um- und Nachwelt kein quantitatives Minus an Freiheit, sondern ein qualitatives Bonum.

Diese beiden Leitbilder der Freiheit führen zu spürbaren Differenzen in der Lebenswelt, zum Beispiel hinsichtlich der Frage, ob und wie Politik Einfluss auf die Wirtschaft nehmen sollte. Denn wer Freiheit quantitativ denkt, versteht Liberalisierung gerne als Deregulierung im Interesse der Maximierung privater Optionen und individueller Freizügigkeit. Wer Freiheit qualitativ denkt, erkennt Liberalisierung hingegen in einer wechselseitigen Optimierung individueller wie kollektiver Lebenschancen zum Zwecke allseitiger Autonomie. Statt einer Welt der quantitativ unbegrenzten Möglichkeiten, in der einige Wenige alles erwerben können, wird eine Welt der qualitativ sinnvollen Wirklichkeiten angestrebt, in der alle Etliches zu erreichen vermögen. Wirtschaftspolitischen Gestaltungsverboten quantitativer Freiheitstheorien setzen qualitativ orientierte Ansätze daher oft ein ausdrückliches Gestaltungsgebot entgegen.
Urteilsenthaltung über das Wesen der Freiheit stützt die jeweils dominanten Leitbilder; und das ist ebenso kritikwürdig und rechtfertigungsbedürftig wie die Standpunkte, die dadurch bestärkt werden. Wer nicht wählt, wählt auch – nämlich das Bestehende. – Welches Leitbild für die Freiheit also sollten wir wollen? Schiller und Beethoven geben hier einen wichtigen Hinweis: Lieben kann man nur Bestimmtes, Konkretes. Eine ganz und gar abstrakte Vorstellung von Freiheit, der alle Optionen gleich gelten, lässt die Menschen gleichgültig. In der Tat: Freiheit hängt mehr an der Klasse als an der Masse unserer Optionen. Jedem leuchtet ein, dass eine kleine Menge guter Wahlmöglichkeiten einer großen Menge scheußlicher Optionen vorzuziehen ist. Entsprechend müssen wir uns von der stupiden Armut des Optionenzählens lösen, um für den stupenden Artenreichtum der Freiheit empfänglich zu werden. Qualitatives Abwägen kommt vor quantitativem Abwiegen!

Wie aber grenzt man sinnvolle von sinnlosen Optionen ab? Der richtige Maßstab dafür scheint mir eben jene Globalität zu sein, die der Freiheit gegenwärtig zur Herausforderung wird. Individuelle Freiheit, die sich am Verlangen nach universeller Freiheit ausrichtet – und sich entsprechend im Dienste an der Emanzipation und Befähigung von Mitmenschen selbst beschränkt –, ist mit sich selbst im Einklang. Umgekehrt wirft man einem Freiheitsverlangen, das nur an der Wahrung des eigenen Besitzstands interessiert ist, aber den Armen und Marginalisierten dieser Welt die kalte Schulter zeigt, zu Recht eine Doppelmoral vor. Knapper formuliert: Die Übernahme von kosmopolitischer Verantwortung reduziert Freiheit nicht, sondern realisiert sie. Von dieser qualitativen Warte aus besehen, erscheinen sodann viele Forderungen nach Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit weniger als Angriffe auf gegenwärtige, sondern vielmehr als ein Engagement für zukünftige Freiheit. Also: Je moralisch, sozial und ökologisch verantwortlicher eine Freiheit ist, umso stärker sollten wir sie fördern. Freiheit verpflichtet – und das zeigt sich auch schon mal im Reduzieren von Optionen: Weniger kann bisweilen besser sein.
Im bildhaften Vergleich: Quantitative Freiheitstheorien betrachten Freiheit wie einen Bogen Papier, der umso kleiner wird, je mehr Personen ein Stückchen davon erhalten. Es läge demnach also im Interesse der Einzelnen, andere – sofern sie uns nichts Attraktives zum Tausch anzubieten haben – von jenem knappen Gut auszuschließen, um den eigenen Anteil an der Freiheit zu vergrößern. Qualitative Freiheit tendiert dagegen dazu, Freiheit wie ein Licht anzusehen, dessen Leuchtkraft umso stärker wird, je mehr Personen es erhalten.

Ich meine: Wir sollten dem Leitbild qualitativer Freiheit folgen und in seinem Lichte, die divergierenden Zielsetzungen der Individuen und Gemeinwesen miteinander vermitteln (um Freiheit zu erhalten), koordinieren (um Freiheit zu gestalten) und unsere persönliche Freiheit zum Wohle der Autonomie anderer einbringen (um Freiheit zu entfalten). Die Faszination der Freiheit kann alle Menschen ergreifen, sofern wir Freiheit als unteilbar begreifen und uns der aus ihr erwachsenden kosmopolitischen Verantwortung stellen. Am qualitativen Leitbild einer allen Menschen verpflichteten Freiheit orientiert, kann die Idee der Freiheit erneut zum zentralen Leitbild unserer Zeit aufrücken.

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Dieser Artikel ist erstmals in der Ausgabe 3/2016 LEITBILDER erschienen. In dieser Ausgabe stellen 25 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Philosophie, Medizin, Justiz, Kultur, Architektur, Gastrononomie u.v.m. die Bilder vor, die uns in orientierungslosen Zeiten leiten könnten.