Kunstausstellung WA(H)RE ANGST in Pforzheim öffnet

Kunstausstellung WA(H)RE ANGST eröffnet in Pforzheim

Kunstausstellung

Die Neon­schrift der Künst­le­rin Kath­rin Borer wird in Pforz­heim aus­ge­stellt. © Kath­rin Borer “Don’t sell me fear”, 2016. Foto: Andre­as Hagen­bach

Wa(h)re Angst“ – das ist der Name einer Kunst­aus­stel­lung, die vom 6. bis zum 29. Okto­ber 2017 im EMMA – Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim statt­fin­det. Wir freu­en uns auf die Wer­ke von:

 

Angst kennt jeder. Sie beein­flusst wesent­lich unse­re Hand­lun­gen und ist ein grund­le­gen­der Fak­tor ratio­na­ler und emo­tio­na­ler Ent­schei­dun­gen. Doch wel­che Ereig­nis­se lösen Ängs­te in uns aus und wovor haben wir eigent­lich Angst? Vor Sta­tus­ver­lust? Vor frem­den Kul­tu­ren? Vor dem Rechts­ruck? Vor ande­ren Reli­gio­nen? Vor der Zukunft? Vor Ver­ant­wor­tung, Ver­än­de­rung oder Kom­ple­xi­tät? Oder gar vor dem Tod? Unse­re ein­sei­ti­ge Aus­rich­tung auf Mate­ri­el­les (Haus, Auto, Geld) ruft außer­dem eine wei­te­re Angst her­vor: die Angst vor einer Wirt­schafts­kri­se und den damit ver­bun­de­nen Gefähr­dun­gen und Wohl­stands­ein­bu­ßen.

Jetzt ver­sand­kos­ten­frei erhält­lich: Die Aus­ga­be zum The­ma mit Heinz Bude (“Die Gesell­schaft der Angst”), Tho­mas Gut­knecht (“Mut und Hal­tung statt Wut und Spal­tung”), Peter-André Alt (“Franz Kaf­ka – Exper­te für die dunk­len Gefüh­le”), Otto Tei­schel (“Angst und Ideo­lo­gie”) uvm.

Die Aus­stel­lung „Wa(h)re Angst“ hin­ter­fragt die durch Ängs­te her­vor­ge­ru­fe­nen und gepräg­ten aktu­el­len poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen und ermög­licht so einen kri­ti­schen Blick auf deren Ursprün­ge und mög­li­che Fol­gen. Der Aus­stel­lungs­ti­tel „Wa(h)re Angst“ bezieht sich dabei zum einen auf Angst als Ware, mit der in Poli­tik und Wirt­schaft gehan­delt wird, und zum ande­ren auf die Fra­ge, ob es eine „wah­re“ Angst gibt und wie die­se aus­se­hen könn­te. Inter­na­tio­na­le Künst­ler eröff­nen unge­wohn­te Per­spek­ti­ven auf mensch­li­che Ängs­te und bezie­hen mit ihren Wer­ken Stel­lung zu poli­ti­schen The­men.

Die Kunst­aus­stel­lung wird vom EMMA — Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim ver­an­stal­tet und von dem Künst­ler Janusz Czech kura­tiert. Czech ist Redak­teur der agora42 und schon lan­ge mit dem Maga­zin ver­bun­den – es lag also auf der Hand, das The­ma gemein­sam anzu­pa­cken. So wer­den in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 die Künst­ler der Aus­stel­lung vor­ge­stellt und ihre Wer­ke auf den grü­nen Heft­sei­ten prä­sen­tiert.
Die Aus­stel­lung wird am 5. Okto­ber eröff­net und fin­det im EMMA — Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim (Emma-Jae­ger Stra­ße 20, 75175 Pforz­heim) sowie im gegen­über­lie­gen­den Alfons-Kern-Turm statt, einem denk­mal­ge­schütz­ten Trep­pen­turm der im Jahr 2010 abge­ris­se­nen Alfons-Kern-Schu­le.

 

 

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Gedankenspiel der agora42 3/2017

12.03.2051

 

Liebes Tagebuch,

fast eine gan­ze Woche hal­te ich nun bereits digi­ta­le Diät. Nach­dem mei­ne Bauch­spei­chel­drü­se gehackt wor­den war, hat­te mir Dr. Wat-Son gera­ten, alle inter­net­fä­hi­gen Gerä­te und vor allem alle kör­per­na­hen Weara­bles und kör­per­in­ter­nen Implan­ta­bles abzu­schal­ten. Seit letz­tem Mon­tag schla­ge ich mich also ohne digi­ta­le Kon­takt­lin­sen, ohne smar­tes Hör­ge­rät, ohne tech­ni­sche Klei­dung, ohne aut­ar­ke Medi­ka­men­ten-Depots und ohne Brain­chip durch den All­tag. Und ich muss sagen: Es ist alles ande­re als ein­fach.

Da ist zunächst die Spra­che. Ohne Brain­chip mit erwei­ter­tem Sprach­zen­trum ver­steht man ja nie­man­den. Auch das Hör­ge­rät mit der Echt­zeit­über­set­zung hat­te ich deak­ti­viert. Und selbst wenn man jeman­den trifft, der Deutsch oder Eng­lisch spricht, muss man sich sehr kon­zen­trie­ren, weil das Hör­ge­rät die Hin­ter­grund­ge­räu­sche nicht mehr aus­blen­det. Und davon gibt es vie­le. Die gan­ze Stadt ist ein ein­zi­ges Rau­schen, Rufen, Rat­tern und Vibrie­ren. Um das Pro­blem mit der Spra­che zu lösen, woll­te ich mir zunächst einen Off­line-Über­set­zungs­com­pu­ter beschaf­fen. Aber ohne smar­te Kon­takt­lin­sen ein Elek­tro­ni­kan­ti­qua­ri­at zu fin­den, ist ein ganz schwie­ri­ges Unter­fan­gen. Ich habe mich noch nie so ori­en­tie­rungs­los gefühlt. Also woll­te ich auf gut Glück ein­fach mal zur Nan­jing Road, der alten Ein­kaufs­mei­le, fah­ren. Aber mit deak­ti­vier­tem Iden­ti­täts­chip konn­te ich natür­lich nicht in die Metro. Ich habe mich dann zu Fuß auf den Weg gemacht. Nach einem Kilo­me­ter spür­te ich schon ein ers­tes Ste­chen in den Kni­en. Nach zwei Kilo­me­tern begann der Rücken zu schmer­zen. Ohne tech­ni­sche Klei­dung mit künst­li­chem Mus­kel­ge­we­be ist man in sei­nem Bewe­gungs­ra­di­us ziem­lich limi­tiert.

Ich gab die Idee vor­erst auf und fühl­te mich wirk­lich nie­der­ge­schla­gen. Und das Schlimms­te war: Ich konn­te gar nichts dage­gen tun. Ohne medi­ka­men­tös gesteu­er­ten Hor­mon­haus­halt ist man sei­nen Gefüh­len voll­kom­men aus­ge­lie­fert. Man muss auch von allein müde und wach wer­den. Das emp­fin­de ich als beson­ders schwie­rig. Am schlimms­ten ist es aber, wenn ein Stim­mungs­um­schwung kommt und man ihn nicht rich­tig deu­tet. Da kann man regel­recht Panik krie­gen, weil man gar kei­ne Daten mehr zu sei­nem Kör­per bekommt: Bin ich satt? Oder muss ich noch wei­ter essen? Ist mir schon kalt? Bin ich wütend? Da muss man ein ganz neu­es Kör­per­ge­fühl ent­wi­ckeln.

Man lernt auch sei­ne Umge­bung ganz neu ken­nen. Ohne die smar­ten Kon­takt­lin­sen ist der All­tag grau­er als gedacht. Einer­seits sieht man die gan­zen Wer­be­bot­schaf­ten nicht, wenn man die Lin­sen abschal­tet. Ande­rer­seits habe ich fest­ge­stellt, dass das ein oder ande­re Gebäu­de, das immer sehr gepflegt und frisch reno­viert aus­sah, in Wirk­lich­keit ziem­lich her­un­ter­ge­kom­men ist. Die Kon­takt­lin­sen hat­ten das trü­be Grau und die ama­teur­haf­ten Graf­fi­ti immer gut über­blen­det. Auch die Bett­ler, die ich seit einer Woche jeden Tag auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ße sehe, wur­den in mei­ner Lin­sen-Anwen­dung anschei­nend über­blen­det. Das Vier­tel wim­melt von Bett­lern, die ich alle vor­her nicht wahr­ge­nom­men hat­te. Nicht gese­hen. Nicht gehört. Nicht ein­mal gero­chen. Ich woh­ne in einem Pro­blem­vier­tel und habe es bis­lang wirk­lich nicht gecheckt.

Was die­se neue Erfah­rung gefühls­mä­ßig in mir aus­löst, kann ich nur schwer deu­ten. Und was ich mit dem neu­en Wis­sen anfan­ge, muss ich ganz allein ent­schei­den. Denn ich habe alle Algo­rith­men abge­schal­tet, die mich sonst im All­tag beglei­ten. Die Rou­ti­ne-Ent­schei­dun­gen für mich tref­fen. Und die mir bei gra­vie­ren­den Ent­schei­dun­gen sinn­vol­le Emp­feh­lun­gen geben. Ich habe sie deak­ti­viert, weil sie eben­falls gehackt sein könn­ten und ich ihnen nicht mehr traue. Dar­um bin ich jetzt allein für mei­ne Ent­schei­dun­gen ver­ant­wort­lich. Wie frü­her. Nur damals war es nor­mal. Jetzt füh­le ich mich wie gelähmt. Zumal es mir an Daten man­gelt. Ich möch­te nichts falsch machen. Ich möch­te nicht inef­fi­zi­ent sein. Wann ste­he ich auf? Was esse ich? Gehe ich zur Arbeit? Wie kom­me ich dahin? Was erle­di­ge ich zuerst? Rund 10.000 Ent­schei­dun­gen fäl­le ich jeden Tag. Und plötz­lich bin ich damit wie­der furcht­bar allein. Aber mor­gen ist es end­lich so weit. Ich bekom­me mei­ne neue Bauch­spei­chel­drü­se. Dann kann ich mei­ne Devices lang­sam wie­der hoch­fah­ren. Und der All­tag wird wie­der ein­fach. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Zwischen Himmel und Hölle – Rafael Capurro im Interview

Zwischen Himmel und Hölle

Inter­view mit Rafa­el Capur­ro

Rafa­el Capur­ro ist Infor­ma­ti­ons­ethi­ker und Phi­lo­soph. Mit agora42 sprach er über das In-der-Cyber­welt-sein, die engels­ar­ti­ge Vor­stel­lung vir­tu­el­ler Intel­li­gen­zen, den digi­ta­len Daten-Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts, das Recht Din­ge ver­ber­gen zu dür­fen und die Chan­ce der Zivil­ge­sell­schaft sich digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren.

 

Herr Capur­ro, vor 20 Jah­ren haben Sie die The­se auf­ge­stellt, dass sich im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung eine vir­tu­el­le Welt her­aus­bil­den wird, die für uns bedeu­ten­der als die rea­le Welt wer­den könn­te. Woher rühr­te die­se Begeis­te­rung fürs Vir­tu­el­le?

Damals herrsch­te eine Auf­bruch­stim­mung: Beson­ders die Erfin­dung des Inter­nets und spä­ter des World Wide Web hat alle begeis­tert. John Per­ry Bar­low rief 1996 die Decla­ra­ti­on of the Inde­pen­dence of Cyber­space aus. Der Cyber­space erschien vie­len als ein vir­tu­el­ler Raum, der nichts mit der mate­ri­el­len Welt zu tun hat. Dabei war die vir­tu­el­le Welt natür­lich gar nicht so unab­hän­gig von der mate­ri­el­len Welt, wie es den Anschein mach­te: Der Com­pu­ter, die bits wie auch die mathe­ma­ti­schen Sym­bo­le 0/1, die in das elek­tro­ma­gne­ti­sche Medi­um ein­ge­prägt wer­den, die­ses Medi­um also „in-for­mie­ren“ – das ist alles Ener­gie und Mate­rie. Aber das wur­de aus­ge­blen­det. Man war fas­zi­niert vom Imma­te­ri­el­len.

Das Gan­ze hat­te etwas Meta­phy­si­sches: Es ging um die Erret­tung des Men­schen aus der schnö­den Welt hier unten und das Empor­stei­gen in die Höhen des Cyber­space. Eine gan­ze Gene­ra­ti­on hat das zu Beginn so erlebt. Damals dach­ten wir wirk­lich, es gäbe zwei getrenn­te Wel­ten, eine vir­tu­el­le und eine mate­ri­el­le.

 

Kön­nen Sie die Fas­zi­na­ti­on des Imma­te­ri­el­len genau­er beschrei­ben?

Das Inter­net erweck­te den Ein­druck, als kön­ne man sich von Raum, Zeit und Mate­rie lösen, als kön­ne man an ver­schie­de­nen Orten gleich­zei­tig sein. Wir bewe­gen uns hier wie­der im Bereich der Meta­phy­sik, in einer Welt des Jen­seits, in der die Kate­go­ri­en des Dies­seits – Raum, Zeit und Mate­ria­li­tät – nicht gel­ten. So dach­te ich damals, die Unter­schei­dung von Mate­rie und Geist wür­de in der Tren­nung von Hard­ware und Soft­ware wie­der auf­tau­chen. Ich habe Soft­ware sogar mit der mate­rie­lo­sen Seins­wei­se von Engeln (vom Grie­chi­schen ange­los = Bote) ver­gli­chen – also mit der mit­tel­al­ter­li­chen Vor­stel­lung engels­glei­cher, von der Mate­rie getrenn­ter Intel­li­gen­zen. Intel­li­gen­tiae sepa­ra­tae war der Begriff, den die mit­tel­al­ter­li­chen Phi­lo­so­phen dafür gebrauch­ten. Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig? Ich dach­te, dass die Lücke, die der Ver­fall der Reli­gio­nen und der Meta­phy­sik hin­ter­las­sen hat­te und die nicht mehr durch engels­glei­che Boten zwi­schen Gott und dem Men­schen aus­ge­füllt wird, durch das In-der-Cyber­welt-sein geschlos­sen wer­den könn­te.

 

Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig?”

 

War das Inter­net so etwas wie ein moder­ner Gott?

Nein, denn wir haben es selbst erschaf­fen. Das macht den tech­no­lo­gi­schen Mythos doch gera­de aus: Wir schaf­fen selbst eine Intel­li­genz, die in man­cher Hin­sicht mäch­ti­ger ist als die mensch­li­che, aber nicht gött­lich. Das führ­te auch zu der Fra­ge: Wie bestim­men wir uns selbst in der digi­ta­len Moder­ne? Im Mit­tel­al­ter wur­de der Mensch als ein Grenz­we­sen defi­niert, das zwi­schen dem Geis­ti­gen und dem Ani­ma­li­schen steht und sich sowohl durch sei­ne tie­ri­sche Her­kunft als auch durch sei­nen gött­li­chen Geist defi­niert. Im 19. Jahr­hun­dert war aber im Abend­land von Gott und Engeln nicht mehr viel übrig geblie­ben. Nach unten konn­ten wir uns über die Evo­lu­ti­on, das heißt unse­re tie­ri­schen Wur­zeln defi­nie­ren. Nach oben aber war nichts mehr da, wor­an wir uns ori­en­tie­ren konn­ten. Da kam die Vor­stel­lung eines Cyber­space wie geru­fen – eine vir­tu­el­le Intel­li­genz, die über uns steht, die wir tech­no­lo­gisch erschaf­fen und die nicht theo­lo­gi­scher Her­kunft ist. Ähn­lich war im Mit­tel­al­ter die phi­lo­so­phi­sche Funk­ti­on der Engel: Der Ver­gleich zwi­schen Gott und Mensch war per defi­ni­tio­nem nicht mög­lich, weil Gott das Unver­gleich­ba­re ist; also muss­te man nach etwas suchen, was zwi­schen Gott und dem Men­schen steht, was uns nicht gleicht, aber trotz­dem nicht so weit weg von uns ist wie Gott.

 

Der Engel ist vom Kör­per befreit. Ist das nicht auch die Vor­stel­lung, die dem berühm­ten Gedan­ken­ex­pe­ri­ment „Gehirn im Tank“ zugrun­de liegt?

Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.”

Genau. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean-François Lyo­tard hat die Fra­ge gestellt, ob man ohne Kör­per den­ken kann. Wow, was für eine Fra­ge! Das riecht stark nach Engel! Aber als leib­li­che Wesen kön­nen wir uns ein Den­ken ohne Kör­per nicht vor­stel­len. Lewis Car­roll erzählt in Ali­ce in Wun­der­land die schö­ne Geschich­te von der Grin­se-Kat­ze, die lang­sam ver­schwin­det: „‚So etwas!’ dach­te Ali­ce; ‚ich habe schon oft eine Kat­ze ohne Grin­sen gese­hen, aber ein Grin­sen ohne Kat­ze! Das ist doch das Aller­selt­sams­te, was ich je erlebt habe!’“ Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.

 

Von der anfäng­li­chen Begeis­te­rung für die unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten des Inter­nets ist aller­dings nicht viel übrig geblie­ben, oder?

Mit dem Auf­kom­men des World Wide Web hat­te man geglaubt – und eini­ge glau­ben das auch heu­te noch –, eine Super­in­tel­li­genz schaf­fen zu kön­nen, die uns ein neu­es Mit­ein­an­der ermög­licht. Die gan­ze Welt soll­te vom Netz über­zo­gen sein und von der digi­ta­len Gesell­schaft pro­fi­tie­ren, alles soll­te geteilt wer­den kön­nen, nichts soll­te etwas kos­ten. Tat­säch­lich ist in kur­zer Zeit unglaub­lich viel pas­siert: Nach­rich­ten wur­den plötz­lich nicht mehr one-to-many ver­teilt, das heißt aus­ge­hend von zen­tra­len Insti­tu­tio­nen wie den Mas­sen­me­di­en oder dem Staat an alle ande­ren, son­dern jeder konn­te many-to-many oder few-to-many oder few-to-few messa­ges ver­tei­len.

Dann ist es aber schnell ans Ein­ge­mach­te gegan­gen: Gro­ße Kon­zer­ne wit­ter­ten Macht und Geld und besetz­ten alle digi­ta­len Kanä­le. Heu­te bestim­men Zucker­berg, Goog­le, Ama­zon & Co. was im Inter­net gesagt wer­den darf und was nicht. Es ist eine halb-öffent­li­che Moral ent­stan­den, die sich um demo­kra­ti­sche Regeln und Ver­fah­ren nicht schert. Wenn ich die Erwar­tun­gen und Hoff­nun­gen, die ich vor zwan­zig Jah­ren hat­te, mit den heu­ti­gen Gege­ben­hei­ten ver­glei­che, ist das, als ob sich der Him­mel in die Höl­le ver­wan­delt hät­te. Denn die Höl­le haben wir nun offen­bar: Über­wa­chungs­ge­sell­schaft, Geheim­diens­te, Big Data etc. Das alles kam in den letz­ten Jah­ren wie eine Lawi­ne über uns und zer­stör­te die Träu­me der 90er-Jah­re. Was machen wir jetzt? Dar­auf haben wir noch kei­ne halb­wegs ver­läss­li­che Ant­wort. Der Staat ist gegen­über den digi­ta­len Rie­sen ziem­lich macht­los und die Fir­men küm­mern sich um ihren Pro­fit. Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen? Die rules of fair play müs­sen stets im Diens­te des Pro­fits ste­hen.

 

Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen?”

 

Rafa­el Capur­ro wur­de 1945 in Uru­gu­ay gebo­ren. Er stu­dier­te Geis­tes­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie in Chi­le und Argen­ti­ni­en als Mit­glied des Jesui­ten­or­dens (1963–1970) und erlang­te 1971 den Grad eines Lizen­ti­ats der Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­dad del Sal­va­dor (Bue­nos Aires). Nach sei­nem Aus­tritt aus dem Jesui­ten­or­den stu­dier­te er Doku­men­ta­ti­on am Lehr­in­sti­tut für Doku­men­ta­ti­on in Frank­furt am Main (1972–1973). Es folg­te die Pro­mo­ti­on in Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf (1978). 1986 wur­de er zum Pro­fes­sor für Infor­ma­ti­ons­wis­sen­schaft an der Stutt­gar­ter Hoch­schu­le der Medi­en beru­fen, wo er bis 2009 auch Infor­ma­ti­ons­ethik lehr­te. Von 2000 bis 2010 war er Mit­glied der Euro­pean Group on Ethics in Sci­ence and New Tech­no­lo­gies (EGE) der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on. Seit 2007 enga­giert sich Capur­ro ins­be­son­de­re in Afri­ka, wo er das Afri­ca Net­work for Infor­ma­ti­on Ethics (ANIE) an der Uni­ver­si­tät Pre­to­ria mit­be­grün­de­te. 2010 grün­de­te er mit sei­ner Ehe­frau Annet­te die Capur­ro Fiek Stif­tung für Infor­ma­ti­ons­ethik. Die­se för­dert Pro­jek­te, wel­che sich mit den sozia­len und kul­tu­rel­len Aus­wir­kun­gen digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en in der Drit­ten Welt, vor allem in Afri­ka und Latein­ame­ri­ka, befas­sen. Mehr unter capurro.de

Das klingt, als wären alle Hoff­nun­gen begra­ben. Ande­rer­seits gibt es noch Träu­mer wie Vita­lik Bute­rin, die mit­hil­fe neu­er Tech­no­lo­gi­en – Stich­wort Block­chain – das Inter­net dezen­tra­li­sie­ren wol­len. Wird das Inter­net viel­leicht doch noch der erträum­te sha­red space, der uns zusam­men­führt?

Struk­tu­ren müs­sen von unten wach­sen – bot­tom up. Solan­ge die­se Mög­lich­keit besteht, ist auch Hoff­nung da. Und noch ist Raum für Krea­ti­vi­tät vor­han­den. Nur: Die öko­no­mi­schen Mäch­te sind erdrü­ckend in ihrem Geschäfts­ge­ba­ren und ihrer welt­wei­ten Domi­nanz. Die kau­fen gan­ze Län­der. Wie kann man die­sen ent­fes­sel­ten digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus begrei­fen? Wor­um geht es dabei? Nach wel­chen Geset­zen läuft er ab? Eine kri­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on von Marx’ Kapi­tal im digi­ta­len Zeit­al­ter wäre nötig.

 

Inwie­fern hat sich der Kapi­ta­lis­mus seit Marx ver­än­dert?

Momen­tan gibt es phi­lo­so­phisch gese­hen kei­ne Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung der Digi­ta­li­sie­rung bezie­hungs­wei­se des digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Da stel­len sich ganz neue Fra­gen: Was bedeu­tet Frei­heit in der digi­ta­len Welt? Wie hängt die Digi­ta­li­sie­rung mit dem Kapi­ta­lis­mus zusam­men? Die­ses öko­no­mi­sche Sys­tem, ver­bun­den mit der Vor­stel­lung von Fort­schritt und Wachs­tum, hat etwas sehr Reli­giö­ses – nicht nur, sofern das Kapi­tal die Stel­le Got­tes besetzt, son­dern auch, sofern der digi­ta­le Kapi­ta­lis­mus in sei­ner glo­ba­len Gleich­zei­tig­keit eine Eigen­schaft besitzt, die tra­di­tio­nell einer gött­li­chen All­ge­gen­wart vor­be­hal­ten war.

 

Und das funk­tio­niert ja aus­ge­zeich­net, wie der Geld­berg von Zucker­berg zeigt. Ist es nicht ver­rückt, dass eine Fir­ma, die nichts Mate­ri­el­les pro­du­ziert, so viel Geld anhäuft?

Dass inner­halb von zehn Jah­ren rie­si­ge Fir­men wie Face­book aus dem Nichts ent­stan­den sind, ist tat­säch­lich kaum zu fas­sen. Womit haben sie das Geld gemacht? Nicht mit Öl. Mit Daten. Die digi­ta­li­sier­ten Daten sind die Basis des Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts. Und die­se Daten sind ein Fetisch, das heißt, man behan­delt sie so, als ob sie ein Eigen­le­ben füh­ren. Sie erwe­cken den Ein­druck, als wür­den sie zir­ku­lie­ren, wie schon Marx vom Kapi­tal sag­te, und als gäbe es kei­nen Men­schen, der über sie herrscht oder von ihnen pro­fi­tiert.

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht. Im Gegen­satz zum unter­drück­ten Pro­le­ta­ri­at des 19. Jahr­hun­derts arbei­tet das Cyber­ta­ri­at weit­ge­hend fröh­lich für das Kapi­tal. Das Lum­pen­pro­le­ta­ri­at trägt heu­te Jeans und Kapu­zen­pul­li, kommt lachend daher und schenkt fröh­lich sei­ne Daten an die IT-Gigan­ten. Es ist eine ganz ver­dreh­te Situa­ti­on, weil man frei­wil­lig zum Skla­ven wird. Eigent­lich ist das ide­al: Alle sind glück­lich! Eine Win-win-Situa­ti­on. Die Kapi­ta­lis­ten sind glück­lich, weil sie so viel Geld bekom­men, und die Skla­ven sind glück­lich, weil sie arbei­ten, kon­su­mie­ren und online sein dür­fen. Das ist doch der Him­mel auf Erden.

 

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht.”

 

Das hört sich an wie die Beschrei­bung Dro­gen­ab­hän­gi­ger …

Das Inter­net kann tat­säch­lich eine Dro­ge wer­den. Marx hat gesagt, die Reli­gi­on sei „das Opi­um des Vol­kes“. Heu­te wür­de er ver­mut­lich sagen, die digi­ta­len Medi­en sind das Opi­um.

Unser Grund­ge­setz und unser Selbst­ver­ständ­nis sind tief ver­wur­zelt im Den­ken Kants, der die Ach­tung vor dem ande­ren, des­sen Recht zu exis­tie­ren und sei­ne prin­zi­pi­el­le Gleich­wer­tig­keit unter dem Begriff Men­schen­wür­de zusam­men­fass­te. Glei­cher­ma­ßen prägt uns die Erfah­rung des Zwei­ten Welt­kriegs und ins­be­son­de­re des Holo­causts. Des­halb ist es so wich­tig, die Erin­ne­rung sowohl an die Ide­en­ge­schich­te wie auch an die his­to­ri­schen Ereig­nis­se wach zu hal­ten.

Doch die­ses Bewusst­sein von den Grund­la­gen unse­res Zusam­men­le­bens löst sich gera­de welt­weit auf. Heu­te leben wir bequem in unse­rer Face­book-Bub­b­le. Hier wer­den wir dau­ernd bestä­tigt und den­ken: „Das hab ich doch gleich gesagt!“ Es gibt nur das, was ich sage, was ich mag, wie ich bin. Das erschwert das Abstand­neh­men, die Kri­tik, das selbst­stän­di­ge Den­ken, also all das, was für die euro­päi­sche Auf­klä­rung wich­tig war. Aber wie gehen wir gegen die­se Täu­schung vor oder mit ihr um? Das ist die Kern­fra­ge einer künf­ti­gen digi­ta­len Ethik.

 

Wie könn­te eine Ant­wort dar­auf aus­se­hen?

Ganz grund­sätz­lich: Sie müss­te unse­ren gesam­ten Rea­li­täts­be­griff und unser Selbst­ver­ständ­nis, nicht also was, son­dern wer wir sind, ver­än­dern.

Der Phi­lo­soph der Auf­klä­rung Geor­ge Ber­ke­ley hat die For­mel „esse est per­ci­pi“ auf­ge­stellt, also „Sein ist Wahr­ge­nom­men­wer­den“. Ber­ke­ley zufol­ge gibt es nur das Wahr­ge­nom­me­ne. Was nicht wahr­nehm­bar ist, exis­tiert nicht. Und ich sage, dass es heu­te das Wahr­ge­nom­me­ne nur inso­fern gibt, als es digi­ta­li­sier­bar ist: Esse est com­pu­ta­ri. Sprich: Was sich nicht digi­ta­li­sie­ren lässt, ist nicht. Und zwar nicht im Sin­ne von „It from Bit“, also nicht so ver­stan­den, dass die Rea­li­tät aus bits besteht, die Din­ge also digi­tal sind und nur aus­se­hen wie Mate­rie. Mei­ne The­se lau­tet viel­mehr, dass wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.

 

Wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.”

 

Inwie­fern ist das ein Pro­blem?

Es besteht die Gefahr, dass die­se Sicht auf die Welt tota­li­tär wird. Dann begrei­fen wir unser In-der-Welt-sein nicht mehr als frei gestalt­bar, son­dern dür­fen nur das als bedeu­tungs­voll für unser Dasein anse­hen, was das Digi­ta­le uns erlaubt. Die Erkennt­nis müss­te durch­si­ckern, dass unser In-der-Welt-sein nicht durch das Digi­ta­le allein bestimmt ist. Es ist nur eine Form des In-der-Welt-seins, nicht die ein­zi­ge.

Auf die Phi­lo­so­phie über­tra­gen hie­ße das: Aus einer Onto­lo­gie, also einer mög­li­chen Deu­tung des Seins, wird eine Meta­phy­sik, das heißt eine star­re Auf­fas­sung des­sen, was das Sein der Din­ge und vor allem was uns selbst aus­macht. Wenn das Digi­ta­le die onto­lo­gi­sche und ethi­sche Deu­tungs­ho­heit über­nimmt, dann wird die Sache auch poli­tisch gefähr­lich. Das haben wir schon im 19. Jahr­hun­dert erlebt, als das Mate­ri­el­le plötz­lich für die allei­ni­ge Basis der Rea­li­tät gehal­ten wur­de. Dadurch ent­stand der Mate­ria­lis­mus – und zwar nicht nur in theo­re­ti­scher Hin­sicht, son­dern prak­tisch-poli­tisch! So nach dem Mot­to: Was sich nicht der mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik ein­schrei­ben lässt, ist ein rück­stän­di­ges Den­ken. Ähn­li­ches steht uns bevor, wenn wir aus dem Digi­ta­len eine dog­ma­ti­sche poli­ti­sche Sicht der Rea­li­tät machen.

 

Machen sich die Anfän­ge einer digi­ta­len Ideo­lo­gie schon im All­tag bemerk­bar?

Man bemerkt die Fol­gen der Ideo­lo­gi­sie­rung in vie­ler­lei Hin­sicht: Die Arbeit ist nicht mehr räum­lich und zeit­lich fest gere­gelt. Man muss Tag und Nach parat sein. Die Leu­te star­ren unter­wegs stän­dig auf ihre Smart­pho­nes und unter­wer­fen sich dem Dik­tat, online prä­sent sein zu müs­sen.

Grund­sätz­lich leben wir gleich­zei­tig in Ver­gan­gen­heit, Zukunft und Gegen­wart. Ich kann mich jetzt mit Ihnen unter­hal­ten, jeder­zeit zurück­ge­hen in die Ver­gan­gen­heit und mich auch jeder­zeit in die Zukunft pro­ji­zie­ren. In den Bekennt­nis­sen des Augus­ti­nus gibt es ein berühm­tes Kapi­tel über die Zeit, in dem das sehr tref­fend beschrie­ben wird: Wir gehen durch das Gedächt­nis zurück in die Hal­len der Ver­gan­gen­heit und pro­ji­zie­ren uns in die Zukunft. Das gibt uns eine unglaub­li­che Frei­heit über die Gegen­wart. Wenn wir die­se Mög­lich­kei­ten nicht hät­ten, wären wir gefan­gen in dem, was im Moment pas­siert. So jedoch kön­nen wir über Din­ge spre­chen, die es (noch) gar nicht gibt, die aber mög­lich sind; bei­spiels­wei­se dar­über, was Sie in einer Stun­de machen wer­den. Das Pro­blem ist aber, dass die Gegen­wart, das Jetzt, in unse­rer vom Digi­ta­len bestimm­ten Gesell­schaft zum Maß aller Din­ge wird. Es schrumpft alles auf das digi­ta­le Jetzt zusam­men.

 

Die­ses Inter­view sowie wei­te­re span­nen­de Arti­kel zum The­ma lesen Sie in der Aus­ga­be DIGITALISIERUNG von agora42.

Was tun? Wie sich befrei­en vom Druck der digi­ta­len Gegen­wart? Den stres­si­gen Job kün­di­gen? Das Smart­pho­ne weg­wer­fen?

Wir ste­cken in der Klem­me. Denn das Digi­ta­le ist immer bezo­gen auf das Jetzt. Sprich: Nur sofern ich in der Gegen­wart ange­spro­chen wer­de, gel­te ich etwas – und sofern ich im Gegen­warts­mo­dus hand­le. Durch die­ses Gefan­gen­sein in der digi­tal bestimm­ten Gegen­wart ent­ste­hen aber schwe­re sozia­le und psy­chi­sche Pro­ble­me. Das lässt sich im Fami­li­en­all­tag, aber auch am Arbeits­platz täg­lich erle­ben. Nicht online zu sein, wird als ein Risi­ko emp­fun­den: Ich könn­te etwas ver­pas­sen, wenn ich eine Wei­le mein Han­dy aus­schal­te oder gar nicht mit­neh­me; außer­dem erwar­ten alle, dass ich stän­dig ansprech­bar bin. Wenn man stän­dig und über­all digi­tal ver­netzt sein muss und sich auch gar nichts ande­res mehr vor­stel­len kann, ist das ein kla­res Anzei­chen von Frei­heits­ver­lust.

 

Muss dann der gesam­te gesell­schaft­li­che Rah­men ver­än­dert wer­den? Und wie gehen wir das an? Demons­tra­tio­nen? Peti­tio­nen?

Dafür bräuch­ten wir erst ein­mal wie­der einen öffent­li­chen Raum und eine Gesell­schaft, die sich mit ande­ren Gesell­schaf­ten ver­bun­den fühlt. Wir tei­len mit ande­ren Men­schen auf viel­fäl­ti­ge Wei­se eine gemein­sa­me Welt. Die­se gemein­sa­me Welt ist aber in Gefahr zu zer­fal­len: Aus Mög­lich­kei­ten des Zusam­men­seins dro­hen Rea­li­tä­ten des Gegen­ein­an­derseins zu wer­den. Aus der Welt wird sozu­sa­gen eine Unwelt und aus frei­en, sich für­ein­an­der ein­set­zen­den Men­schen wer­den in sich ver­schlos­se­ne, von ande­ren und der gemein­sa­men Welt getrenn­te Ego­is­ten, die nur an sich selbst den­ken. Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren. Wir wis­sen nicht, wer wir als digi­ta­le Gesell­schaft sein wol­len. Wir kön­nen nicht all unse­re Stra­ßen pri­va­ti­sie­ren, unse­re Auto­bah­nen und unse­re Plät­ze – aber genau das haben wir in der digi­ta­len Welt gemacht! Die Kraft und die Mög­lich­keit, selbst­stän­dig zu urtei­len, gehen immer mehr ver­lo­ren. Auch das Ver­schen­ken von Daten ist kei­ne Lap­pa­lie. Es wird zuneh­mend an ande­rer Stel­le ent­schie­den, wer wir sind. Das Gefühl der Ohn­macht wächst. Alles wird kleb­rig und sti­ckig.

 

Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren.”

 

Rafa­el Capur­ro im Gespräch mit Frank Augus­tin und Tan­ja Will von agora42.

Wie kann man sich wie­der los­ma­chen und sich Luft ver­schaf­fen?

Wenn jemand fragt: „Hast du etwas zu ver­ber­gen?“, kann man ganz ein­fach ant­wor­ten: „Das geht dich nichts an! Ich bestim­me, was ich von mir zei­ge. Punkt.“ Wo kämen wir hin, wenn wir nichts zu ver­ber­gen hät­ten und stän­dig alles sagen wür­den? Auch in poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Hin­sicht wäre das undenk­bar. Eine Welt, in der es kei­ne Geheim­nis­se geben darf, wäre die Höl­le. Trans­pa­renz und Geheim­hal­tung gehö­ren zusam­men. Übri­gens liegt das auch dar­an, dass ich selbst nicht alles über mich weiß. Ich bin undurch­sich­tig für mich selbst. War­um soll ich mich preis­ge­ben gegen­über ande­ren, die genau­so undurch­sich­tig sind wie ich? Die heu­ti­ge For­de­rung: „Tei­le allen alles stän­dig und über­all mit!“ ist daher unethisch und über­haupt nicht leb­bar!

 

Es scheint, als wür­de die Gesell­schaft ihren Kitt ver­lie­ren. Was geht uns ver­lo­ren? Oder anders gefragt: Was ver­bin­det uns als Men­schen?

Nicht mehr und nicht weni­ger als ein frei­es, ver­trau­ens­vol­les Ver­hält­nis. Frei­heit als Ver­trau­en ist das Bin­de­glied! Wie kön­nen wir also freie Ver­trau­ens­struk­tu­ren in der heu­ti­gen digi­ta­len Gesell­schaft schaf­fen? Die­ser Auf­ga­be müs­sen sich die Phi­lo­so­phie und die Poli­tik heu­te stel­len. Im Moment ten­die­ren wir in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung: weni­ger Ver­trau­en, mehr Kon­trol­le, weni­ger Den­ken, mehr Aktio­nis­mus. Die Lage ist brenz­lig. Den­ken braucht Zeit.

 

Herr Capur­ro, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.

 

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Wie neu ist die Jugend? Von Beate Großegger

Wie neu ist die Jugend?

Sind radi­ka­le Prag­ma­ti­ker, indif­fe­ren­te „Jein“-Sager und erleb­nis­kick­fi­xier­te Rea­li­täts­flücht­lin­ge ver­hin­der­te „Neu-Den­ker“?

Beate Großegger – Wie neu ist die Jugend?

Von Bea­te Groß­eg­ger

In den frü­hen 2010er-Jah­ren scheint unse­re Gesell­schaft an einem Wen­de­punkt ange­kom­men zu sein. Dere­gu­lier­te Finanz­märk­te haben Wirt­schaft und Poli­tik in Tur­bu­len­zen gebracht. Der Wohl­fahrts­staat ist im Umbruch. Die Poli­tik sucht nach Lösun­gen, doch die gro­ßen Lösungs­kon­zep­te feh­len. Und so mah­nen die Poli­ti­ker zum Spa­ren. Im Han­del kom­men die Schluss­ver­käu­fe nicht mehr so recht in Gang. Die Kri­se, die seit 2008 die tages­ak­tu­el­le Bericht­erstat­tung füllt, schlägt auf den Kon­sum der Bür­ger durch. In den Buch­hand­lun­gen tür­men sich popu­lär­psy­cho­lo­gi­sche und popu­lär­phi­lo­so­phi­sche Rat­ge­ber, die dem lese­freu­di­gen Zeit­ge­nos­sen nahe­le­gen, ein „gutes Leben“ nicht nur mit mate­ri­el­len Din­gen zu ver­bin­den. Und Exper­ten aus dem Bereich der Wirt­schafts- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten raten, Wohl­stand und Fort­schritt nicht, wie man es vor der Kri­se gewohnt war, aus­schließ­lich am quan­ti­ta­ti­ven Wirt­schafts­wachs­tum zu mes­sen. Die Kri­se lehrt uns, dass wir umden­ken müs­sen. Doch wie die­ses Umden­ken kon­kret funk­tio­niert und wel­che Effek­te es in der Wirt­schaft, Gesell­schaft und Poli­tik mit sich bringt, ist für gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung heu­te bes­ten­falls sche­men­haft erkenn­bar. Daher hat man sich schein­bar dar­auf ver­stän­digt zu sagen: „The­re is some­thing wrong and it goes on and on and on …“, um fort­an zu war­ten, dass sich die Sache irgend­wie bezie­hungs­wei­se irgend­wann doch noch zum Guten wen­det.

 

Pla­nen ist heu­te nicht mehr, denn man weiß nie, was in fünf Jah­ren sein wird.

Beate Großegger

Dr. Bea­te Groß­eg­ger ist Mit­be­grün­de­rin und stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de des Insti­tuts für Jugend­kul­tur-for­schung in Wien . Dar­über hin­aus ist sie Lek­to­rin an meh­re­ren öster­rei­chi­schen Uni­ver­si­tä­ten und betreut das 2016 gegrün­de­te gene­ra­ti­onlab. Zum The­ma von ihr erschie­nen: Kin­der der Kri­se (Archiv der Jugend­kul­tu­ren Ver­lag, 2014)

Das ist der Umgang mit der Kri­se, wie ihn die brei­te erwach­se­ne Öffent­lich­keit pflegt. Und was tut die Jugend, die mit der Kri­se auf­wächst und die­se qua­si als Nor­mal­zu­stand betrach­tet? Sie weiß, dass vie­les nicht zum Bes­ten steht. Den oft gehör­ten Satz, dass wir, wenn wir uns alle nur genug anstren­gen, die­se Kri­se bald ver­ges­sen und viel­leicht gar ins Wirt­schafts­wun­der zurück­fin­den kön­nen, hält sie für naiv. Und den­noch ver­sucht sie sich damit nicht wei­ter zu belas­ten. Sie ver­sucht nicht nach­zu­den­ken, son­dern trotz allem irgend­wie am Ball zu blei­ben. Die dif­fu­se Kri­sen­stim­mung, die das öffent­li­che Mei­nungs­kli­ma prägt, wirkt im All­tag der Jugend als per­ma­nen­tes Hin­ter­grund­rau­schen und lie­fert ihr, frei­lich zumeist unbe­wusst, wich­ti­ge Refe­renz­punk­te für die von ihr gewähl­ten Les­ar­ten mensch­li­cher Exis­tenz. Kei­ne lang­fris­ti­gen Plä­ne schmie­den, son­dern ein­fach mal sehen, was geht, so lau­tet das Mot­to der „Kin­der der Kri­se“. Mit nüch­ter­nem Rea­lis­mus sagen sie: „Pla­nen ist heu­te nicht mehr, denn man weiß nie, was in fünf Jah­ren sein wird.“ Welt­an­schau­li­che Gra­ben­kämp­fe sind die­ser Gene­ra­ti­on fremd. Lana Del Rey, eine jun­ge und der­zeit sehr ange­sag­te US-ame­ri­ka­ni­sche Pop-Künst­le­rin, oute­te sich kürz­lich in einem Neon-Inter­view mit dem State­ment, dass sie kon­ser­va­ti­ve Wer­te mit lin­ken Sehn­süch­ten ver­bin­de. Dies macht deut­lich, was bei den „Kin­dern der Kri­se“ heu­te Zeit­geist ist: Die Jugend hält sich die Optio­nen offen. In einer Welt, der die Plan­bar­keit abhan­den gekom­men ist, ver­sucht sie, fle­xi­bel zu sein. Dem­nach lebt sie in stän­di­ger Revi­si­ons­be­reit­schaft. Wenn sich Chan­cen bie­ten, greift sie rasch zu. Und wenn das nicht klappt, sagt sie sich: „Augen zu und durch.“ Die Sinn­fra­ge stellt sich den meis­ten dabei nicht.

 

Laut wird eine sol­che Jugend nicht – obwohl sie mit hoher Wahr­schein­lich­keit zu den Ver­lie­rern der Kri­se zählt.

Vie­le jun­ge Men­schen sehen kei­nen Sinn im Leben. Sie lei­den aber nicht dar­un­ter, son­dern machen ein­fach wei­ter. Die Zahl derer, die nicht kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung, son­dern Ablen­kung von den gro­ßen gesell­schaft­li­chen Fra­gen unse­rer Zeit suchen, wächst. Die einen kul­ti­vie­ren idyl­lisch arran­gier­te Paar­be­zie­hungs­kis­ten, die ande­ren tau­chen in bun­te Frei­zeit- und Erleb­nis­wel­ten ab und las­sen dort „die Sau raus“. Und etli­che prak­ti­zie­ren bei­des. Vie­les, wenn nicht alles, dreht sich dabei um die klei­ne Welt des Pri­va­ten. Kri­sen­be­wäl­ti­gung (sofern man das über­haupt so nen­nen kann) basiert hier auf dem Prin­zip kurz­fris­tig wirk­sa­mer Kom­pen­sa­ti­on. Die Kon­se­quen­zen sind unschwer zu erken­nen: Kom­pen­sa­to­risch ange­leg­tes Selbst­ma­nage­ment ver­hin­dert, dass Jugend­li­che in Resi­gna­ti­on und Lethar­gie ver­fal­len. Gleich­zei­tig schützt es die Gesell­schaft davor, sich mit einem wei­te­ren „Jugend­pro­blem“ beschäf­ti­gen zu müs­sen. Denn laut wird eine sol­che Jugend nicht – obwohl sie mit hoher Wahr­schein­lich­keit zu den Ver­lie­rern der Kri­se zählt. Es ist nicht zu erwar­ten, dass sie auf­be­gehrt und die Alt­vor­de­ren mit unbe­que­men und neu­en Ide­en kon­fron­tiert. Abge­se­hen von einer klei­nen und öffent­lich kaum wahr­ge­nom­me­nen jun­gen Enga­ge­men­teli­te hat die brei­te Mehr­heit der Jugend­li­chen kein gro­ßes Inter­es­se dar­an, der Sta­chel im Sys­tem zu sein. Das ist eine Tat­sa­che.

 

Statt der „gro­ßen Wei­ge­rung“ zählt für sie „mit­ma­chen, so gut es eben geht“.

Aus Sicht älte­rer Gene­ra­tio­nen scheint es, als hät­te die­se Jugend das gro­ße Gan­ze aus dem Blick ver­lo­ren. Tat­säch­lich hat sie es aber wohl nie so recht im Blick gehabt. Anders als die poli­ti­sier­ten 68er und Post-68er wirkt sie uto­pie­los; sie ver­blüfft, trotz offen zum Aus­druck gebrach­ter Unzu­frie­den­heit, mit ihrer hohen Bereit­schaft, sich mit dem Sys­tem zu arran­gie­ren. Zwar könn­te sie dem Kon­zept eines „qua­li­ta­ti­ven Wohl­stands­wachs­tums“, in dem neben „Koh­le“ auch ande­re Aspek­te wie Zeit­wohl­stand oder ein leben­di­ges, funk­tio­nie­ren­des Gemein­we­sen zäh­len, durch­aus etwas abge­win­nen; die Sehn­sucht nach einem nicht allein an har­ten öko­no­mi­schen Fak­to­ren zu mes­sen­den „guten Leben“ ist groß. Auch glau­ben die heu­te Jun­gen – sozia­li­siert im Zeit­al­ter der gesell­schaft­li­chen Indi­vi­dua­li­sie­rung und Plu­ra­li­sie­rung –, dass in unse­rer Gesell­schaft unter­schied­li­che Lebens­ent­wür­fe und damit ganz ver­schie­de­ne For­men des „guten Lebens“ mög­lich sein soll­ten. Aller­dings mün­det ihr Wunsch nach Ver­än­de­rung bezie­hungs­wei­se Erneue­rung, anders als bei den 68ern und Post-68ern, meist nicht in Han­deln. Sie begnü­gen sich groß­teils damit zu hof­fen, dass jemand ande­res han­deln wird. Statt der „gro­ßen Wei­ge­rung“ zählt für sie „mit­ma­chen, so gut es eben geht“. Sie wol­len „up to date“ blei­ben und so het­zen sie den vie­len klei­nen Neu­ig­kei­ten und stän­dig wech­seln­den Moden hin­ter­her, anstatt sich mit der Fra­ge: „Wie kommt das Neue in die Welt?“ zu befas­sen.

 

Die Jugend will nicht Hel­din der Ver­än­de­rung sein.

Im Mar­ke­ting wer­den Jugend­li­che ger­ne als Chan­ge Agents und trei­ben­de Kraft des Wan­dels beschrie­ben – oder zumin­dest als Ear­ly Adop­ters, also Men­schen, die neu­ar­ti­ge Pro­duk­te zu einem sehr frü­hen Zeit­punkt erwer­ben und anwen­den. In gesell­schaft­li­cher Hin­sicht las­sen jun­ge Men­schen die­se Eigen­schaf­ten heu­te aber eher ver­mis­sen. Nun ist es wohl so, dass vie­le Jun­ge – wie übri­gens auch Älte­re – nicht dar­an glau­ben, mit Pro­test oder mit Enga­ge­ment einen wir­kungs­vol­len Bei­trag leis­ten zu kön­nen, um die Welt zu einer ande­ren, bes­se­ren zu machen. Das mag sie davon abhal­ten, wei­te­re Gedan­ken dar­auf zu ver­schwen­den. Der sprin­gen­de Punkt ist aber ein ande­rer: Die Jugend, von der wir hier spre­chen, will auf das gro­ße Gan­ze gar kei­nen gro­ßen Ein­fluss neh­men. Genau­er gesagt: Sie will nicht Hel­din der Ver­än­de­rung sein. Anstatt Wider­sprü­che des wirt­schaft­li­chen, gesell­schaft­li­chen oder poli­ti­schen Sta­tus-quo als Rei­bungs­flä­che zu sehen und sie zu nut­zen, um neue Ide­en auf den Weg zu brin­gen, kon­zen­triert sich der jun­ge Main­stream heu­te dar­auf, Stra­te­gi­en zu fin­den, die es ermög­li­chen, Wider­sprü­che durch (Selbst-)Ablenkungsmanöver zumin­dest kurz­fris­tig aus­zu­blen­den. Natür­lich fin­det man auch in der zeit­ge­nös­si­schen Jugend­kul­tur die eine oder ande­re Nische, in der jun­ge Leu­te die Fra­ge stel­len: „Wie wol­len wir eigent­lich leben?“ Doch die­se jun­gen Leu­te ver­har­ren in ihren Nischen und üben weder auf ihre Alters­ge­nos­sen noch auf die öffent­li­che Debat­te eine gro­ße Strahl­kraft aus.

So sind brei­te Schich­ten heu­te also mit dem Virus der lei­den­schafts­lo­sen Über­an­pas­sung infi­ziert. Lei­den­schafts­lo­se Über­an­pas­sung heißt, man ist weder dafür noch dage­gen, son­dern macht ein­fach mit; dies aber nicht aus Über­zeu­gung oder Loya­li­tät, son­dern auf­grund von Bequem­lich­keit, Zeit­man­gel, Über­for­de­rung und wohl auch man­geln­der Refle­xi­on. Den kri­ti­schen Bli­cken der Alt­vor­de­ren prä­sen­tiert sich die Jugend all­zu ger­ne illu­si­ons­los und mit demons­tra­ti­vem Prag­ma­tis­mus – wobei nicht immer klar ist, ob die­ser Prag­ma­tis­mus echt oder nur gespielt ist oder ob er in der all­täg­li­chen Pra­xis nicht stän­dig zwi­schen dem einen und dem ande­ren chan­giert. Was die­ser Gene­ra­ti­on ganz ohne Zwei­fel fehlt, ist der Mut und der Wil­le, Posi­tio­nen zu bezie­hen. Anstatt „ja“ oder „nein“ zu sagen, ent­schei­den sich vie­le lie­ber für ein unver­bind­li­ches „Jein“. Das mag der Grund sein, war­um die heu­ti­ge Jugend in der poli­ti­schen Debat­te ger­ne als ober­fläch­lich oder auch lang­wei­lig beschrie­ben wird. In jedem Fall ist es ein wesent­li­cher Grund dafür, war­um Jugend­li­che in gesell­schaft­li­chen Fra­gen als „Chan­ge Agents“ heu­te kaum in Erschei­nung tre­ten.

 

Der jugend­li­che Zeit­geist ist letzt­end­lich nichts ande­res als ein Spie­gel des Zustan­des unse­rer Gesell­schaft.

Jun­gen Men­schen die Kraft zur Erneue­rung grund­sätz­lich abzu­spre­chen, wäre den­noch falsch. Und eben­so falsch ist es, sich in Sachen Kri­sen­be­wäl­ti­gung selbst aus der Ver­ant­wor­tung zu neh­men und auf den „Hoff­nungs­trä­ger Jugend“ zu set­zen. Und wenn uns der Prag­ma­tis­mus der heu­ti­gen Jugend und ihre unver­bind­li­che „Jein“-Haltung ver­stö­ren, müs­sen wir uns ein­ge­ste­hen, dass der jugend­li­che Zeit­geist letzt­end­lich nichts ande­res als ein Spie­gel des Zustan­des unse­rer Gesell­schaft ist. Wo Gedan­ken­lo­sig­keit als ange­neh­mer emp­fun­den wird als kri­ti­sche (Selbst-)Reflexion und wo es als „nor­mal“ gilt, kei­ne Posi­tio­nen zu bezie­hen, fehlt auch das Ver­lan­gen, etwas Neu­es in die Welt zu set­zen. Wer die ersehn­te Ver­än­de­rung her­bei­füh­ren wird, bleibt also wei­ter offen.

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Die­ser Arti­kel ist erst­mals in der Jubi­lä­ums­aus­ga­be der agora42 DAS NEUE erschie­nen.

Das Risiko ist größer geworden – Interview mit Torsten Hinrichs

Dieses Interview ist erstmals in agora42 5/2011 Risiko erschienen.

 

Das Risiko ist größer geworden

Inter­view mit Tors­ten Hin­richs in 2011

 

 

Herr Hin­richs, wie defi­nie­ren Sie Risi­ko?

Torsten Hinrichs

Tors­ten Hin­richs ist CEO von Scope Group/Scope Ratings AG. Bis 2014 war er Nie­der­las­sungs­lei­ter von Stan­dard & Poor’s Credit Mar­ket Ser­vices Euro­pe Ltd. (Nie­der­las­sung Deutsch­land) und Geschäfts­füh­rer der McGraw-Hill (Ger­ma­ny) GmbH in Frank­furt mit Ver­ant­wor­tung für den deutsch­spra­chi­gen Raum, Nord- und Ost­eu­ro­pa sowie in den Emer­ging Mar­kets. Hin­richs hält einen Abschluss in Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten als Dipl. Kauf­mann der Uni­ver­si­tät Ham­burg.

Risi­ko ist das Ein­tre­ten uner­war­te­ter Ereig­nis­se. Das wür­de ich gar nicht unbe­dingt auf das Ein­tre­ten nega­ti­ver uner­war­te­ter Ereig­nis­se beschrän­ken wol­len, denn auch beim Ein­tre­ten posi­ti­ver uner­war­te­ter Ereig­nis­se ent­steht Unsi­cher­heit. Risi­ko und Unsi­cher­heit sind Begrif­fe, die stark mit­ein­an­der kor­re­lie­ren.

 

Was ist eigent­lich ein Rating und was kann es leis­ten?

Die Stan­dard­de­fi­ni­ti­on lau­tet: Ein Rating ist eine Mei­nungs­äu­ße­rung über die Boni­tät eines Schuld­ners, das heißt über die zukünf­ti­ge Fähig­keit und Bereit­schaft eines Kre­dit­neh­mers, sei­ne Ver­bind­lich­kei­ten voll­stän­dig und pünkt­lich zu bedie­nen. Was leis­tet ein Rating? An den glo­ba­len Kapi­tal­märk­ten beob­ach­ten wir in zuneh­men­dem Maße – und je mehr Kapi­tal wir in der Glo­ba­li­sie­rung sehen, des­to mehr trifft dies zu – eine Infor­ma­ti­ons­asym­me­trie. Das heißt, die­je­ni­gen, die Geld an den Kapi­tal­märk­ten auf­neh­men (die Emit­ten­ten), wis­sen sehr genau über ihre eige­ne Boni­tät Bescheid, wohin­ge­gen die Anle­ger, die Inves­to­ren, die die Anlei­hen kau­fen sol­len, über ein rela­tiv gerin­ges Wis­sen ver­fü­gen. Ratings haben – im gro­ßen Kon­text betrach­tet – auch die Auf­ga­be, die­se Infor­ma­ti­ons­asym­me­trie aus­zu­glei­chen und dazu bei­zu­tra­gen, dass die Anle­ger eine qua­li­fi­zier­te­re Anla­ge­ent­schei­dung tref­fen kön­nen.

 

Im Zusam­men­hang mit Ratings fällt häu­fig der Begriff „Basis­sze­na­rio“. Was ist unter einem Basis­sze­na­rio zu ver­ste­hen?

Dies lässt sich gut am Bei­spiel der Ana­ly­se von Ver­brie­fun­gen erläu­tern: Ver­brie­fungs­ra­tings sind rein quan­ti­ta­ti­ve, mathe­ma­tisch-sta­tis­ti­sche Ana­ly­sen, in denen der Pool von For­de­run­gen, die zur Ver­brie­fung anste­hen, und die Fähig­keit die­ses Pools, in der Zukunft Erträ­ge zu gene­rie­ren, ana­ly­siert wer­den. Um ein sol­ches Basis­sze­na­rio erstel­len zu kön­nen, müs­sen Annah­men zur zukünf­ti­gen makro­öko­no­mi­schen Situa­ti­on getrof­fen wer­den, das heißt zum Bei­spiel zur Höhe der Arbeits­lo­sig­keit oder zum Stand der Häu­ser­prei­se in den USA. Aus­ge­hend von die­sen Annah­men ent­wi­ckeln wir schließ­lich ein Basis­sze­na­rio, das heißt wir gehen von einem Wirt­schafts­wachs­tum von x aus, von einer Arbeits­lo­sig­keit von y, von einem Ver­hal­ten der Schuld­ner in die­sem Pool, das ähn­lich oder anders ist, als es in der Ver­gan­gen­heit war und so wei­ter und so fort. Ver­ein­facht aus­ge­drückt, pro­gnos­ti­zie­ren wir anhand sol­cher Sze­na­ri­en zukünf­ti­ge Cash­flows und erstel­len auf Basis die­ser Cash­flows das Rating für die Ver­brie­fun­gen. Nun ist es aber völ­lig nor­mal, dass ande­re Markt­teil­neh­mer ande­re Annah­men haben: opti­mis­ti­sche­re oder auch weni­ger opti­mis­ti­sche. Die­se Annah­men, die – bild­lich gespro­chen – links und rechts von unse­rem Basis­sze­na­rio lie­gen, ana­ly­sie­ren wir eben- falls, wir erstel­len soge­nann­te What-if-Sze­na­ri­en, das heißt wir tei­len den Anle­gern mit, wel­che Ratings wir unter einer opti­mis­ti­sche­ren oder weni­ger opti­mis­ti­schen Annah­me ver­ge­ben wür­den.

Verbriefung: Unter einer Verbriefung versteht man die Umwandlung nicht handelbarer Forderungen in handelbare Wertpapiere. Eine Forderung ist der Anspruch eines Kreditgebers (Gläubigers) auf eine Geldzahlung. Dieser Anspruch erwächst daraus, dass beispielsweise Waren geliefert, bestimmte Leistungen erbracht oder Kredite vergeben wurden. Wenn verschiedene Forderungen zusammengelegt werden, nennt man das einen Pool. Dieser Pool wird verbrieft, das heißt in ein Wertpapier umgewandelt, das am Kapitalmarkt gehandelt werden kann. Die Verbriefung bietet beispielsweise Banken die Möglichkeit, ihre Forderungen auf Dritte zu übertragen (mit anderen Worten: ihre Risiken auszulagern) und dadurch ihren Spielraum bei der Vergabe von Krediten zu erweitern.

 

Wir wer­den mit immer extre­me­ren Ereig­nis­sen auf den Märk­ten kon­fron­tiert. So war es bis vor kur­zem unvor­stell­bar, dass die vier größ­ten Invest­ment­ban­ken der Welt auf einen Schlag ver­schwin­den könn­ten, dass Groß­tei­le des Ban­ken­sys­tems ver­staat­licht wer­den oder dass wir über den Bank­rott hoch ent­wi­ckel­ter Euro­staa­ten dis­ku­tie­ren. Wie lässt sich ange­sichts die­ser Risi­ken eigent­lich noch ein län­ger­fris­ti­ges Sze­na­rio durch­spie­len und folg­lich ein län­ger­fris­ti­ges Rating abge­ben?

Das ist durch­aus schwie­ri­ger gewor­den. Ratings sol­len ja über einen Kon­junk­tur­zy­klus hin­weg – wenn er denn so ver­läuft, wie pro­gnos­ti­ziert – sta­bil blei­ben. Kon­junk­tur­zy­klen unter­schei­den sich von Bran­che zu Bran­che. Des­halb sind die Ratings in der Auto­mo­bil­bran­che nicht so lang­fris­tig aus­ge­legt wie in der Nah­rungs­mit­tel­bran­che. Nun sind ers­tens die Kon­junk­tur­zy­klen kür­zer gewor­den. Zwei­tens hat sich der Markt ins­ge­samt deut­lich vola­ti­ler ent­wi­ckelt und dem­entspre­chend ist auch die Wahr­schein­lich­keit gestie­gen, dass es zu extre­men Ereig­nis­sen kommt. Mit ande­ren Wor­ten: Das Risi­ko ist grö­ßer gewor­den. Gera­de des­we­gen ist der For­ward-Loo­king-Aspekt wich­ti­ger und die Rele­vanz unse­rer Ratings grö­ßer gewor­den.

Volatilität: In Bezug auf Wertpapiere wie Aktien oder Anleihen bezeichnet Volatilität (von lateinisch volatilis: fliegend, flüchtig) ein Maß für das Kursrisiko. Je höher die Volatilität eines Wertpapiers ist, umso größeren Schwankungen ist sein Kurs unterworfen. Wenn der Begriff Volatilität auf dem Markt als ganzen angewendet wird, ist damit nicht nur die Bandbreite der Schwankungen von Wertpapierkursen, sondern von allen auf dem Markt befindlichen Finanzparametern (beispielsweise auch Rohstoffpreisen oder Zinssätzen) gemeint.

 

Kann man in der heu­ti­gen gesamt­wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on – die US-Wirt­schaft liegt am Boden, Euro­pa wird von einer Staats­schul­den­kri­se heim­ge­sucht, eine neue Welt­wirt­schafts­kri­se wird immer wahr­schein­li­cher – über­haupt noch ein bes­se­res Rating als A recht­fer­ti­gen?

Eine inter­es­san­te Fra­ge, die mich dazu ver­lei­tet, wie­der auf die Defi­ni­ti­on von Ratings zurück­zu­kom­men. Vor­hin habe ich gesagt, Ratings sind Mei­nun­gen zur zukünf­ti­gen Zah­lungs­fä­hig­keit eines Schuld­ners. Jetzt gehe ich noch einen Schritt wei­ter und sage, Ratings sind rela­ti­ve Rang­rei­hun­gen von Zah­lungs­fä­hig­keit. Rela­ti­ve Rang­rei­hung bedeu­tet: Höhe­re Ratings fal­len sel­te­ner aus als nied­ri­ge­re und sie fal­len spä­ter aus als nied­ri­ge­re. Das heißt Ratings sind kei­ne abso­lu­ten Pro­gno­sen über die Aus­fall­wahr­schein­lich­keit einer Ver­bind­lich­keit, son­dern sind in Rela­ti­on zu ande­ren Ratings zu sehen. Das heißt die Bewer­tung BBB bedeu­tet nicht, dass mit ihr für alle Zeit eine Aus­fall­wahr­schein­lich­keit von fünf Pro­zent in einem Fünf-Jah­res-Hori­zont ver­bun­den ist. Viel­mehr sagen wir, in Rela­ti­on zu ande­ren Ratings – gewis­ser­ma­ßen zur Peer­group – lau­tet die Bewer­tung: BBB. Im Nach­hin­ein lässt sich durch die Beob­ach­tun­gen, die man über die ver­gan­ge­nen Jah­re gemacht hat, jeder Rating­klas­se sta­tis­tisch eine beob­ach­te­te Aus­fall­wahr­schein­lich­keit zuord­nen. Das ist ein ent­schei­den­der Punkt, denn vie­le Miss­ver­ständ­nis­se ent­ste­hen dadurch, dass fälsch­li­cher­wei­se ange­nom­men wird, Ratings pro­gnos­ti­zier­ten Aus­fall­wahr­schein­lich­kei­ten.

Die­se Rela­tio­nen haben immer Bestand und des­we­gen kann man auch in Zei­ten öko­no­mi­scher Unsi­cher­heit durch­aus AAA-Ratings ver­tre­ten. Aber dann ist mit AAA eben – wir müs­sen das in fünf oder zehn Jah­ren bewer­ten – even­tu­ell eine etwas höhe­re Aus­fall­wahr­schein­lich­keit ver­bun­den, als dies in den Jah­ren zuvor der Fall war. Das ist aber ganz nor­mal. Wir beob­ach­ten in Abhän­gig­keit von der Kon­junk­tur durch­aus leich­te Schwan­kun­gen in Bezug auf Aus­fall­wahr­schein­lich­kei­ten. Ein­mal ist das Risi­ko von Aus­fäl­len gene­rell etwas höher, dann ist es wie­der nied­ri­ger.

 

Könn­te man – um dies bild­lich zu fas­sen – sagen, dass der Markt in raue­re See gekom­men ist, und dass es folg­lich schwie­ri­ger gewor­den ist als noch vor zehn, zwan­zig Jah­ren, sich an bestimm­ten Punk­ten zu ori­en­tie­ren?

Ich den­ke, so kann man das sagen. Die Zyklen, die gewis­ser­ma­ßen den Rah­men bil­den, in denen die wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen statt­fin­den, sind deut­lich kür­zer gewor­den.

 

Torsten Hinrichs Interview

 

Sie haben Risi­ko als das Ein­tre­ten uner­war­te­ter Ereig­nis­se defi­niert. Wenn aber Ereig­nis­se nicht zu erwar­ten sind – im Gegen­satz etwa zum Rou­let­te­spiel, wo das Ereig­nis rot mit einer gewis­sen Wahr­schein­lich­keit erwart­bar ist –, ist dann Risi­ko über­haupt kal­ku­lier­bar? Oder sind wir dem Risi­ko aus­ge­lie­fert?

Die­se Fra­ge unter­stellt, dass Ratings eine Aus­sa­ge über die Wahr­schein­lich­keit zukünf­ti­ger (Kredit-)Ereignisse tref­fen und cha­rak­te­ri­sie­ren auf anschau­li­che Wei­se die Pro­ble­ma­tik in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung von Ratings. Stan­dard & Poor’s Ratings sind, wie gesagt, rela­ti­ve Rang­rei­hun­gen von Boni­tät. Hohe Ratings wei­sen sel­te­ner Zah­lungs­stö­run­gen auf als nied­ri­ge und soll­te dies doch der Fall sein, tre­ten die Pro­ble­me spä­ter ein, als es bei nied­ri­gen Ratings der Fall ist. Eine sinn­vol­le Nut­zung von Ratings bedingt immer das Stu­di­um der kom­plet­ten Ana­ly­se, eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den Annah­men, die unse­re Ana­lys­ten zu zukünf­ti­gen Ent­wick­lun­gen tref­fen und mün­det dann in einer eige­nen Ein­schät­zung zur Boni­tät in Rela­ti­on zu alter­na­ti­ven Invest­ment­mög­lich­kei­ten.

 

Rating­agen­tu­ren wird oft vor­ge­wor­fen, dass ihre Bewer­tun­gen Scha­den anrich­ten. Ihre Ant­wort auf die­se Vor- wür­fe lau­tet, dass Sie den Inves­to­ren ledig­lich eine zusätz­li­che unab­hän­gi­ge Mei­nung an die Hand geben wol­len. Aber sind Sie da nicht in einer Zwick­müh­le? Auf der einen Sei­te muss Ihre Mei­nung eine Rele­vanz haben, weil Sie als Unter­neh­men auf Auf­trä­ge ange­wie­sen sind. Wenn aber auf der ande­ren Sei­te die Rele­vanz Ihrer Ratings so enorm ist wie der­zeit, dann wird die Mei­nung nicht mehr als Mei­nung emp­fun­den, son­dern bekommt eher den Cha­rak­ter eines Urteils­spruchs, mit der Fol­ge, dass Sie mas­siv in die Kri­tik gera­ten. Sehen Sie eine Lösung, wie Sie aus die­ser Zwick­müh­le her­aus­kom­men kön­nen?

Zunächst ein­mal kommt die heu­ti­ge Bedeu­tung von Ratings ja nicht von unge­fähr. Zum einen hat Stan­dard & Poor’s mit sei­nen Ratings über die letz­ten Jahr­zehn­te hin­weg – Ratings in der heu­ti­gen Form machen wir seit den 1960er Jah­ren – ganz über­wie­gend rich­tig gele­gen. Das lässt sich sta­tis­tisch nach­wei­sen. Die­se hohe Treff­ge­nau­ig­keit der Ratings ist ein Grund, war­um Ratings heu­te die­se Bedeu­tung für den Markt erlangt haben. Zum ande­ren beruht unser Geschäfts­mo­dell auf Unab­hän­gig­keit. Das wird heu­te – manch­mal schmerz­lich – gera­de den Poli­ti­kern bewusst. Unse­re Mei­nun­gen sind unbe­ein­flusst von Emit­ten­ten­in­ter­es­sen, Inves­to­ren­in­ter­es­sen oder von poli­ti­schen Inter­es­sen.

Im Zusam­men­hang mit der fort­schrei­ten­den Glo­ba­li­sie­rung der Kapi­tal­märk­te haben Ratings dann jedoch Ein­zug in Regel­wer­ke gefun­den, wie zum Bei­spiel in Basel II. Sie wur­den her­an­ge­zo­gen zur Eigen­ka­pi­tal­be­mes­sung von Ban­ken und als Anla­ge­kri­te­ri­en für Inves­to­ren. Die­ser Trend, dass Ratings in Regel­wer­ke Ein­zug gehal­ten haben, ist nicht in unse­rem Inter­es­se. Denn in dem Maße, in dem Ratings in hoheit­li­che Auf­ga­ben ein­ge­bun­den und zur Regu­lie­rung her­an­ge­zo­gen wer­den, wird unse­re unab­hän­gi­ge Mei­nungs­äu­ße­rung in gewis­ser Hin­sicht ein­schränkt oder ist zumin­dest in der Gefahr, ein­ge­schränkt zu wer­den. Genau das sehen wir heu­te. Somit sehe ich einen Lösungs­an­satz dar­in, Ratings aus die­sen Regel­wer­ken wie­der her­aus­zu­neh­men und als das zu betrach­ten, was sie eigent­lich sind, näm­lich unse­re Mei­nung zur Boni­tät.

 

Die Euro­pä­er spie­len mit dem Gedan­ken, eine eige­ne Rating­agen­tur zu grün­den. Was wür­de das brin­gen? Wür­de die­se Agen­tur zu ande­ren Ergeb­nis­sen kom­men? Bis­lang haben sich über­dies die Markt­teil­neh­mer über­wie­gend an die Bewer­tun­gen der gro­ßen drei Agen­tu­ren gehal­ten. Ange­nom­men, es wür­de eine Viel­zahl von Rating­agen­tu­ren geben, gin­ge dann nicht auch die ori­en­tie­ren­de Funk­ti­on der Ratings ver­lo­ren? Und damit der Sinn des Ratings über­haupt?

Es gibt da meh­re­re Aspek­te zu berück­sich­ti­gen: Zum einen kann Wett­be­werb auch am Markt für Ratings durch­aus hilf­reich sein. Er könn­te dazu füh­ren, dass die Inves­to­ren auf­grund unter­schied­li­cher Geschäfts­mo­del­le und unter­schied­li­cher ana­ly­ti­scher Metho­dik eine grö­ße­re Band­brei­te von Mei­nun­gen ange­bo­ten bekä­men, an denen sie sich ori­en­tie­ren könn­ten. Inso­fern könn­te eine grö­ße­re Mei­nungs­viel­falt am Markt ent­ste­hen. Im Augen­blick sind die Metho­den der drei gro­ßen Agen­tu­ren zwar nicht iden­tisch und auch in Bezug auf die Rating­aus­sa­ge gibt es Unter­schie­de, aber ins­ge­samt lie­gen sie schon rela­tiv nahe bei­ein­an­der.

Wich­tig ist, dass eine neue Agen­tur erst ein­mal ihre Unab­hän­gig­keit beweist. So müss­te gera­de eine neue euro­päi­sche Agen­tur erst ein­mal den Nach­weis erbrin­gen, dass sie von der euro­päi­schen Poli­tik unab­hän­gig ist. Außer­dem müss­ten, um einen funk­tio­nie­ren- den Markt sicher­zu­stel­len, alle Agen­tu­ren auf Augen­hö­he mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren. Das heißt, die glei­chen Rechts­vor­schrif­ten müs­sen auch für neue Agen­tu­ren gel­ten. Das schränkt den Wett­be­werb sehr stark ein. Der ent­schei­den­de Punkt ist jedoch, dass sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten ein Qua­li­täts­stan­dard von Ratings ent­wi­ckelt hat. Es kommt ja nicht von unge­fähr, dass Stan­dard & Poor’s wie auch Moody’s oder Fitch häu­fig zu ähn­li­chen Ergeb­nis­sen kom­men. Über lan­ge Zeit hin­weg hat sich offen­sicht­lich eine gut funk­tio­nie­ren­de Art her­aus­kris­tal­li­siert, wie Risi­ken zu beur­tei­len sind. Ich mei­ne selbst­ver­ständ­lich nur Boni­täts­ri­si­ken. Wenn es in den letz­ten 150 Jah­ren bes­se­re Metho­den gege­ben hät­te, dann hät­ten die sich durch­ge­setzt. Es fällt mir also schwer zu glau­ben, dass es metho­disch gro­ße Alter­na­ti­ven gibt. Über­dies ist es viel- leicht gar nicht so wün­schens­wert, mit einer ato­mi­sier­ten Kon­kur­renz­struk­tur an den Markt zu kom­men. Um die Unab­hän­gig­keit und die ana­ly­ti­sche Qua­li­tät zu wah­ren, ist es in gewis­sen Märk­ten viel­leicht erfor­der­lich, dass es nur weni­ge Wett­be­wer­ber gibt. Das ist ein Gedan­ken­gang, der zum Bei­spiel auch vom Finanz­markt­öko­no­men Jan-Pie­ter Krah­nen vehe­ment ver­tre­ten wird.

 

Sie haben das Rating als „ver­glei­chen­de Kunst“ bezeich­net. Nun ver­bin­det man ein Rating eher mit Wahr­schein­lich­keits­rech­nung auf der einen und Wirt­schafts­wis­sen­schaft auf der ande­ren Sei­te. Wenn es sich aber um eine Kunst han­delt, wie soll dann die nöti­ge Objek­ti­vi­tät gewahrt wer­den kön­nen?

Die Objek­ti­vi­tät wird zum einen dadurch gewahrt, dass unse­re Rating­kri­te­ri­en für jeder­mann ein­seh­bar sind und welt­weit kon­sis­tent ange­wen­det wer­den. Zum ande­ren wird natür­lich durch die Kri­te­ri­en selbst für Objek­ti­vi­tät gesorgt. Es gibt fes­te Vor­ga­ben hin­sicht­lich der Fra­ge, wel­che Aspek­te der Ana­lyst zu berück­sich­ti­gen hat und auf wel­che Gebie­te er ein­ge­hen muss. Die­se Vor­ga­ben bil­den das Gerüst, anhand des­sen der Ana­lyst sei­ne Ana­ly­se durch­führt und sei­nen Vor­schlag schließ­lich dem Rating­ko­mi­tee unter­brei­tet. Das Rating als sol­ches bestimmt nicht der ein­zel­ne Ana­lyst, son­dern immer das Komi­tee, in dem die­ser Vor­schlag dis­ku­tiert wird.

Wenn ich von ver­glei­chen­der Kunst gespro­chen habe, zie­le ich dar­auf ab, dass es um mehr geht als um das blo­ße Aus­fül­len von For­meln, um blo­ße Mathe­ma­tik oder Sta­tis­tik. Hier­bei soll­te man im Hin­ter­kopf haben, dass Ratings vor­wärts­bli­cken­de Mei­nungs­äu­ße­run­gen sind. Wir ver­su­chen also aus dem, was wir heu­te sehen, auf die wei­te­re Ent­wick­lung zu schlie­ßen. Wie las­sen sich die ver­schie­de­nen Infor­ma­tio­nen, die uns das Markt­ge­sche­hen lie­fert, mit­ein­an­der in Bezie­hung set­zen? Ratings sind also immer eine Mischung aus quan­ti­ta­ti­ver Ana­ly­se, sprich Bilanz­ana­ly­se, und qua­li­ta­ti­ver Bewer­tung.

 

Wie groß ist dabei der sub­jek­ti­ve Fak­tor? Ange­nom­men, der Ana­lyst, der sich eine gan­ze Zeit lang… – in die­sem Zusam­men­hang: Wie lan­ge dau­ert es cir­ca, bis ein Rating erstellt ist?

Beim Erstra­ting eines Unter­neh­mens rech­nen wir mit vier bis acht Wochen, je nach Kom­ple­xi­tät.

 

… der Ana­lyst hat sich also inten­siv mit der Mate­rie befasst, tritt vor das Komi­tee und macht einen Rating­vor­schlag. An der Stel­le des Komi­tees wür­de ich mir sagen: „Der ist so tief in der Mate­rie drin, den Vor­schlag win­ke ich ab.“ Ist die Gefahr einer sub­jek­ti­ven Sicht­wei­se also nicht den­noch gege­ben?

Das wür­den Sie abwin­ken, weil Sie kein Fach­mann in der bestimm­ten Bran­che sind. Stel­len Sie sich das so vor: Ein Auto­mo­bi­lana­lyst, sagen wir einer mei­ner Frank­fur­ter Kol­le­gen, ana­ly­siert einen Kun­den – zum Bei­spiel Volks­wa­gen. Dann stellt die­ser Ana­lyst zusam­men mit sei­nem Team dem Komi­tee sei­ne Ana­ly­se zu Volks­wa­gen vor und macht einen Rating­vor­schlag. In die­sem Komi­tee sind Per­so­nen ver­sam­melt, die Toyo­ta, Hon­da, Gene­ral Motors, Ford, Peu­geot oder Daim­ler ana­ly­sie­ren. Das heißt jene, die das Komi­tee bil­den, sind aus­ge­wie­se­ne Fach­leu­te in der glei­chen Mate­rie. Ich habe bewusst auch ame­ri­ka­ni­sche und asia­ti­sche Fir­men genannt, weil Ratings welt­weit kon­sis­tent sein müs­sen. Die­se ein­heit­li­che Grund­la­ge schaf­fen wir dadurch, dass wir Rating­ko­mi­tees in einer bestimm­ten Form, näm­lich ana­log zur Wett­be­werbs­si­tua­ti­on unse­res Kun­den zusam­men­stel­len, damit die Exper­ti­se im Komi­tee die Geschäfts­be­rei­che und das Markt­um­feld des Kun­den wider­spie­gelt. Folg­lich ist der Rating­ana­lyst nicht mehr der allei­ni­ge Wis­sens­trä­ger in die­sem Komi­tee. Im Gegen­teil: Er trifft im Komi­tee auf ein kol­lek­ti­ves Wis­sen, das deut­lich grö­ßer ist als sein eige­nes. Dar­aus ent­ste­hen sehr kon­struk­ti­ve und kri­ti­sche Dis­kus­sio­nen.

 

In einer Rating­agen­tur ver­mu­tet man in ers­ter Linie Sta­tis­ti­ker und Mathe­ma­ti­ker. Unter­neh­men sind jedoch auch von gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen, Stim­mungs­la­gen und poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen – bei­spiels­wei­se der Ver­ga­be von Sub­ven­tio­nen – abhän­gig. Spie­len auch Sozio­lo­gen, Psy­cho­lo­gen, Poli­to­lo­gen oder viel­leicht sogar Phi­lo­so­phen bei Stan­dard & Poor’s eine Rol­le?

Die Wahr­heit liegt genau in der Mit­te. Ja, wir haben eini­ge weni­ge Finanz­ma­the­ma­ti­ker, im Wesent­li­chen im Bereich des Ver­si­che­rungs­ra­tings. Wir haben aber eigent­lich kei­ne rei­nen Mathe­ma­ti­ker, es sei denn sol­che, die Model­le kon­stru­ie­ren, die bei struk­tu­rier­ten Finan­zie­run­gen ange­wen­det wer­den. Es sind auch eini­ge Inge­nieu­re für uns tätig. Denn wenn Sie Infra­struk­tur­maß­nah­men – bei­spiels­wei­se Brü­cken, die auf Maut­ba­sis finan­ziert wer­den – raten wol­len, soll­ten Sie schon ein biss­chen Ahnung von Tech­nik haben. Aber die Rating­ar­beit selbst machen in ers­ter Linie Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler – da gibt es kaum Phi­lo­so­phen.

 

Es wird immer unwahr­schein­li­cher, dass die Staats­ver­schul­dung in West­eu­ro­pa, in den USA und in Japan noch beherrscht wer­den kann. In einer gesamt­wirt­schaft­lich der­art pre­kä­ren Situa­ti­on kön­nen Ratings von Staa­ten nicht beson­ders posi­tiv aus­fal­len. Den­noch ste­hen die Rating­agen­tu­ren ob ihrer Bewer­tun­gen immer wie­der in der Kri­tik, vor allem auch sei­tens der Poli­tik. Wird hier ein Sün­den­bock gesucht?

Ein Grund für die­se Kri­tik ist dar­in zu sehen, dass von vie­len Poli­ti­kern immer noch nicht gänz­lich ver­stan­den wird, wor­in die Aus­sa­ge­kraft von Ratings besteht, was also ein Rating leis­ten kann und was nicht. Unse­re Auf­ga­be besteht dar­in, zukünf­ti­ge Zah­lungs­fä­hig­keit zu beur­tei­len. Nicht mehr und nicht weni­ger.

Ein wei­te­rer Grund liegt in der unab­hän­gi­gen Natur von Rating­agen­tu­ren. Wir bei Stan­dard & Poor’s äußern unse­re Mei­nung, wenn wir der Über­zeu­gung sind, dass sich Ver­än­de­run­gen erge­ben haben, die ein ande­res Rating erfor­der­lich machen. Ich habe durch­aus Ver­ständ­nis dafür, dass der Zeit­punkt die­ser Mei­nungs­äu­ße­rung der Poli­tik nicht immer gele­gen kommt oder dass man nicht erfreut ist, wenn sie der poli­tisch gewoll­ten Lösung – Stich­punkt Betei­li­gung des pri­va­ten Sek­tors – im Wege steht. Die Kri­tik ist in sol­chen Zei­ten mit Sicher­heit häu­fi­ger und auch etwas irra­tio­na­ler als in nor­ma­len Zei­ten. Aber des­halb wer­den wir nicht anders han­deln oder unse­re Maxi­me der Unab­hän­gig­keit und der Objek­ti­vi­tät antas­ten.

 

Torsten Hinrichs Zitat

 

Im Zuge der Abwer­tung von Staa­ten durch Rating­agen­tu­ren wur­de vor­ge­schla­gen, dass sich Staa­ten in Zukunft nicht mehr über den Kapi­tal­markt finan­zie­ren sol­len, son­dern über die Zen­tral­ban­ken. Das wür­de letzt­lich nichts ande­res bedeu­ten, als dass eine Zen­tral­bank Geld druckt, wenn der Staat das gera­de will. Hat nicht die Geschich­te gezeigt, dass dies ein äußerst ris­kan­tes Vor­ge­hen dar­stellt?

Das wür­de in der Tat eine fun­da­men­ta­le Ände­rung in der Pra­xis der Staats­fi­nan­zie­rung bedeu­ten. Das poli­tisch zu beur­tei­len, ist nicht unse­re Auf­ga­be.

 

Im Zusam­men­hang mit mög­li­chen Staats­in­sol­ven­zen ist immer wie­der von einem „teil­wei­sen Zah­lungs­aus­fall“ die Rede. Was bedeu­tet das? Heißt das, dass von einem sol­chen Aus­fall alle Gläu­bi­ger glei­cher­ma­ßen betrof­fen sind oder sind man­che stär­ker betrof­fen und man­che weni­ger stark bezie­hungs­wei­se gar nicht?

Ein teil­wei­ser Aus­fall – wir nen­nen das selec­tive default – wür­de dann auf­tre­ten, wenn ein Staat ent­schei­det, man­che Ver­bind­lich­kei­ten zurück­zu­zah­len, ande­re aber nicht. Das heißt, es gibt für einen gewis­sen Zeit­raum eine Zah­lungs­stö­rung und die­se betrifft auch nicht alle Ver­bind­lich­kei­ten des Staa­tes. Und in die­ser Unter­schei­dung, was gezahlt wird und was nicht, sehen wir den teil­wei­sen Zah­lungs­aus­fall. Es wür­de sich auch des- wegen nur um einen teil­wei­sen Aus­fall han­deln, weil ein Staat zwar insol­vent sein kann, aber ja nicht ein­fach ver­schwin­det. Wenn ein Indus­trie­un­ter­neh­men insol­vent ist, ist die Wahr­schein­lich­keit, dass es kom­plett vom Markt ver­schwin­det, gege­ben. Es wird auf­ge­löst, die Ver­mö­gens­wer­te wer­den ver­kauft.

Ein selec­tive default eines Staa­tes ist kein Zustand, der immer und ewig anhält, son­dern nach his­to­ri­scher Erfah­rung – wenn wir mal in die Latein­ame­ri­ka­kri­se zurück­ge­hen – unge­fähr bis zu einem hal­ben Jahr. Nach der Fest­stel­lung des selec­tive defaults muss man sich dann Gedan­ken dar­über machen, wie denn – etwa nach der Imple­men­tie­rung von Restruk­tu­rie­rungs­maß­nah­men –, das neue Rating aus­sieht.

 

In den letz­ten Jah­ren ist die Unsi­cher­heit auf den Märk­ten immer grö­ßer gewor­den. Wie lan­ge wird die­se Ent­wick­lung noch anhal­ten? Oder wird sich die Situa­ti­on sogar wei­ter zuspit­zen?

Es ist unmög­lich, hier einen bestimm­ten Zeit­raum anzu­ge­ben. Ich wür­de mir wün­schen, dass die Poli­tik in der Zukunft euro­pä­isch abge­stimmt wird und dass Maß­nah­men klar for­mu­liert und kon­se­quent umge­setzt wer­den. Das ist etwas, was in den letz­ten 18 Mona­ten nicht der Fall war und eher zu einer Ver­stär­kung der Pro­ble­me geführt hat. Wenn die Poli­tik die­se Grund­sät­ze beher­zi­gen wür­de, könn­te die hohe Vola­ti­li­tät aus den Märk­ten her­aus­kom­men und die Spe­ku­la­ti­on ein­ge­dämmt wer­den. Wir wären dann auch wie­der auf einem bes­se­ren Weg, um die Kri­se zu bewäl­ti­gen.

 

Ist nun der Zeit­punkt erreicht, die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa zu grün­den?

Ich glau­be, dass wir durch die­se Kri­se einer poli­ti­schen Ein­heit in Euro­pa über die Wäh­rung hin­aus deut­lich näher gekom­men sind.

 

Ste­hen die Zei­chen aber nicht eher auf Zusam­men­bruch der Euro­zo­ne?

Ich hal­te sol­che Spe­ku­la­tio­nen für völ­lig grund­los. Das Haupt­pro­blem ist die hohe Ver­schul­dung der Regie­run­gen. Durch einen Aus­tritt wür­de das Pro­blem noch ver­schärft, weil davon aus­zu­ge­hen ist, dass die natio­na­len Wäh­run­gen einem Abwer­tungs­druck aus­ge­setzt wären, die Schul­den aber nach wie vor in Euro sind. Der Euro ist eine star­ke Wäh­rung, das sehen wir immer wie­der am Ver­gleich mit dem US-Dol­lar. Und das ist auch die Hoff­nung, die ich habe: dass näm­lich die Kri­se auf­grund der Grund­stär­ke des Euros zu bewäl­ti­gen ist.

 

Herr Hin­richs, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.

 

Dieses Interview ist in der agora42 5/2011 Risiko erschienen. Zur Zeit des Interviews war Torsten Hinrichs für die Ratingagentur Standard & Poor’s tätig. Die Geschichte von Standard & Poor’s reicht ins 19. Jahrhundert zurück, als das US-Eisenbahnnetz massiv ausgebaut wurde. Das erforderte Kredite, die die Banken nicht alleine schultern konnten. Industrieunternehmen begannen, Anleihen auszugeben, um an Geld zu kommen. 1868 veröffentlichte Henry Varnum Poor das „Manual of the Railroads of the United States“, in dem die Anleger Informationen über die Eisenbahngesellschaften erhielten. 1941 verschmolzen die Poor’s Publishing Company und die Standard Statistics Company zur Rating-Agentur Standard & Poor’s. Heute dominieren drei Agenturen den Markt: Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch. Standard & Poor’s (Sitz: New York) entwickelte unter anderem den S&P 500, einen der wichtigsten Aktienindizes weltweit.

 

 

Tagebucheintrag vom 04.03.2051: Leben im Postkapitalismus

04.03.2051

gedankenspiel Kai JannekLiebes Tagebuch,

ich habe mei­ne Streif­zü­ge durch die Stadt heu­te in den öst­li­chen Bezir­ken fort­ge­setzt. Ich konn­te es zunächst kaum fas­sen; selbst der Pudong-Distrikt wur­de nach der Kata­stro­phe fast unver­än­dert wie­der auf­ge­baut. Hier hät­te etwas Moder­ni­sie­rung wirk­lich nicht gescha­det. Das World Finan­ci­al Cen­ter sieht von außen immer noch aus wie ein häss­li­cher Fla­schen­öff­ner. Innen hat sich aber etwas getan, was man sogar als das Gegen­teil von Moder­ni­sie­rung ver­ste­hen kann. Die unte­ren 50 Eta­gen wur­den in den Ori­gi­nal­zu­stand aus dem Eröff­nungs­jahr 2008 zurück­ver­setzt. Sie fun­gie­ren nun als Muse­um. Besu­cher kön­nen sich dort über die Hoch­pha­se des Finanz­ka­pi­ta­lis­mus infor­mie­ren. Die UNESCO hat­te das Gebäu­de weni­ge Tage zuvor zum Welt­kul­tur­er­be erklärt und damit ver­deut­licht, dass sie nach Jahr­zehn­ten der Indus­trie­kul­tur nun die aus­klin­gen­de Finanz­kul­tur wür­de stär­ker the­ma­ti­sie­ren wol­len. Der Ein­tritt in die Aus­stel­lung kos­te­te nur neun Ali­ba­ba-Coins, also zöger­te ich nicht lan­ge und schau­te sie mir an. Sie war recht inter­es­sant. Beson­ders ein­drück­lich fand ich die rie­si­gen unter­ir­di­schen Tre­sor­räu­me, die von einer Zeit zeug­ten, als Anteils­schei­ne und Geld noch ana­log und Finanz­strö­me noch nicht voll­stän­dig trans­pa­rent waren. Auch die Emp­fangs­räu­me waren beein­dru­ckend. Holz­ver­tä­fel­te Wän­de, schwe­re Leder­ses­sel, rie­si­ge Schreib­ti­sche und tie­fe Tep­pi­che dien­ten dazu, ver­mö­gen­de Kun­den und ein­fluss­rei­che Fonds­ma­na­ger zu hofie­ren. Das qua­si-aris­to­kra­ti­sche Ambi­en­te wirk­te voll­kom­men aus der Zeit gefal­len. Es gehör­te ein­deu­tig in eine Ära, als Geld noch eine knap­pe Res­sour­ce war. Heu­te ist Finanz­ka­pi­tal mehr oder weni­ger im Über­fluss vor­han­den. Was wirk­lich knapp ist, sind gute Ide­en. Heu­te suchen sich jun­ge Unter­neh­mer ihre Kapi­tal­ge­ber aus. Nicht umge­kehrt. Das ist der Kern des Post­ka­pi­ta­lis­mus. Das macht freie Bil­dung und Grund­ein­kom­men in vie­len Län­dern mög­lich. Aber es nützt wenig. Ide­en blei­ben knapp. Ändern könn­te sich das, wenn wir den Maschi­nen etwas mehr Rech­te und Ver­trau­en ent­ge­gen­brin­gen wür­den. Ihre Krea­ti­vi­tät ist nicht zu unter­schät­zen, vor allem wenn wir sie als gleich­be­rech­tig­te Dis­kus­si­ons­part­ner wahr­neh­men. Aber das fällt uns schwer. Mir selbst geht es da nicht anders.

 

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIEL wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Ges­tern hat­te ich einen inter­es­san­ten Traum. Ich träum­te von Mikro­kos­me­ti­kro­bo­tern, die wäh­rend und nach der Dusche mei­ne Bart­haa­re stut­zen, mei­ne Haut nach Unre­gel­mä­ßig­kei­ten absuch­ten und Lid­strich und Lid­schat­ten auf­tru­gen. Der Traum war irgend­wie irri­tie­rend. Schließ­lich habe ich ja kaum noch Bart­wuchs und benut­ze eigent­lich auch kei­ne Schmin­ke. Den­noch: Mein Finanz­al­go­rith­mus hat­te den Traum regis­triert, die Inno­va­ti­ons­idee für gut befun­den, dar­auf­hin mei­nen Job gekün­digt, einen Start-up-Kre­dit orga­ni­siert, einen vir­tu­el­len Inge­nieur geleast sowie Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten bei einem Lohn­fer­ti­ger mit einem recht moder­nen 3-D-Druck-Zen­trum gemie­tet. Es soll­te sofort los­ge­hen. Die Zugän­ge zu Finanz­mit­teln und Pro­duk­ti­ons­gü­tern sind heu­te schließ­lich kein Hin­der­nis mehr. Für mich wür­de ein neu­er Lebens­ab­schnitt als Unter­neh­mer begin­nen. Die Simu­la­ti­on hat­te erge­ben, dass das Start-up zu gesamt­wirt­schaft­li­chem Wachs­tum füh­ren sowie mei­nen Wohl­stand und mei­ne Zufrie­den­heit stei­gern wür­de. Den­noch: Ich ver­warf die Idee und zog die Kün­di­gung zurück, stor­nier­te den Kre­dit, den Inge­nieur und die Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten. Natür­lich unter Pro­test mei­ner Finanz-App. Ich wür­de einen gro­ßen Feh­ler bege­hen, warn­te sie mich. Mein Leben könn­te sich groß­ar­tig ver­än­dern, wenn ich aus­bre­che aus mei­nem unpro­duk­ti­ven und unkrea­ti­ven Dasein. Aber was soll’s? Ich ver­traue dem Algo­rith­mus nicht. Ich mag sei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht. Statt arro­gan­ter, schlecht geklei­de­ter Bank­be­ra­ter haben wir heu­te arro­gan­te Algo­rith­men mit häss­li­cher Benut­zer­ober­flä­che. Ohne Zwei­fel tref­fen sie bes­se­re Ent­schei­dun­gen als jeder Mensch und meis­tens revi­die­re ich die­se Ent­schei­dun­gen auch nicht. Es sei denn, sie ver­än­dern mein Leben der­ar­tig und beru­hen auf einem Traum, des­sen Her­kunft ich mir nicht erklä­ren kann. Dann blei­be ich lie­ber in mei­ner Robo­ter-Manu­fak­tur, wo wir gewöhn­li­che, aber ziem­lich empa­thi­sche Haus­halts­as­sis­ten­ten bau­en. Damit füh­le ich mich bes­ser. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

Die­ses Gedan­ken­spiel ist in der Aus­ga­be 1/2017 Der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch erschie­nen.