Gefährliche Liebschaften – Selbstverwirklichung als Social Fracking

Ralf Damitz
von Ralf M. Damitz

Als Max Weber 1917 in der Münchener Buchhandlung Steinicke seinen berühmten Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ hielt, endete er mit einer nietzscheanisch anmutenden Empfehlung für die dort größtenteils anwesenden jungen Studenten: Jeder müsse den „Dämon“ finden, so die pathetischen Schlussworte, „der seines Lebens Fäden hält“. In dieser kurzen Formel steckt ein Programm zur Persönlichkeitsentwicklung und es scheint aktueller denn je. Vielleicht allerdings in anderer Hinsicht, als es der Zeitgeist heute vorsieht: Es geht um das prekäre Verhältnis von Erfolg und Scheitern im Kapitalismus der Gegenwart. Gefährliche Liebschaften – Selbstverwirklichung als Social Fracking weiterlesen

Finanz & Eleganz: Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?

FFN – Finance Fake News oder:

Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?

von Bernd Villhauer

Berichte über die Finanzwelt werden in den hiesigen Medien unter drei Buchstaben abgehandelt: D, A und X. Der Deutsche Aktienindex, übrigens ein Produkt und eine eingetragene Marke der Deutsche Börse AG, repräsentiert die Aktienkurse der 30 wichtigsten deutschen Unternehmen, die nach bestimmten Kriterien (Gesamtwert der Anteile / Häufigkeit und Volumen des Handels mit diesen Anteilen) ausgewählt werden. In der augenblicklichen Zusammensetzung finden sich in ihm beispielsweise je neun Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen und Bayern aber nur eines aus Hamburg und keines aus den östlichen Bundesländern – was schlagartig ein Bild der deutschen Wirtschaftslandschaft liefert, aber eben auch nur einen Teil beleuchtet. So ist das starke Wirtschaftsland Baden-Württemberg nur mit 3 Unternehmen vertreten, weil hier die mittelständische, oft gar nicht börsennotierte Wirtschaft eine Rolle spielt. Finanz & Eleganz: Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt? weiterlesen

Finanz & Eleganz: Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt?

Gemäldeausstellungen für Blinde oder:

Versteht die Wissenschaft eigentlich den Finanzmarkt?

von Bernd Villhauer

Die Zeit der Auskenner scheint vorbei zu sein. Wurden früher die Einschätzungen von Professoren und Doktoren, die als „Experte für…“ von Fernsehsendern oder Zeitungen befragt wurden, ernst genommen, so wird ihrem Urteil mittlerweile mit Skepsis oder sogar Ablehnung begegnet. Und einige politische Bewegungen schreiben sich sogar bewusst den Protest gegen die klassischen Wissenseliten und die „Insider“ auf die Fahnen.
Zu viele falsche Prognosen, zu viel offensichtlich von subjektiven Meinungen gesteuertes Hintergrund“wissen“, zu viel Eitelkeit und Wichtigtuerei haben das Image der Bildungs- und Ausbildungseliten geschädigt. Aber auch wutbürgerlicher Stolz auf authentische Reflexionsverweigerung und ehrlicher Unverstand haben viel verändert. Besonders in den Debatten, die die Gemüter bewegen, an denen Herz und Verstand gleichermaßen beteiligt sind, nimmt der Anteil der „gesicherten Erkenntnisse“ und der anerkannten Wahrheiten eher ab. An der wichtigen Schnittstelle zwischen Fachdiskurs und breiterer Öffentlichkeit macht sich der Spaltpilz breit, der Ideologieverdacht, Auftragsforschung und „Lügenpresse“ zusammenbringt und selbstbewusst bekennt: „Ich glaube nur an die Statistik, die ich selbst gefälscht habe.“ Finanz & Eleganz: Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt? weiterlesen

Finanzmarkfilme für den Winter (Teil 2) – von Bernd Villhauer

Wann kommt endlich das Sequel? oder Finanzmarktfilme für den Winter (Teil 2)

Oft müssen wir lange auf eine Fortsetzung warten. Einige von uns dürften bedauert haben, dass der letzte, der fünfte Teil von „Die Hard“ mit Bruce Willis sechs Jahre nach dem vorigen Teil erschien. Cineasten bekamen ihre Fortsetzung von „Chinatown“ erst nach 16 Jahren mit „The Two Jakes“, ebenso lange ließ der dritte Teil des Mafia-Epos „Der Pate“ auf sich warten. Und für unser Thema einschlägig: es lagen 23 Jahre zwischen „Wall Street“ und „Wall Street 2“ (bzw. „Wall Street: Money never sleeps“).
Mit diesem Fitzelchen nicht wirklicher relevanter Informationen beginne ich den ebenfalls lang erwarteten und vielfach eingeforderten zweiten Teil meines kleinen Überblicks zu den Filmen über Aktienmarkt und Börse. Finanzmarkfilme für den Winter (Teil 2) – von Bernd Villhauer weiterlesen

Schön schaurig wie im Kino oder Finanzmarktfilme für den Sommer (Teil 1)

Schön schaurig wie im Kino oder
Finanzmarktfilme für den Sommer (Teil 1)

Hitze! – gibt es in diesem Sommer nur tageweise, dann aber richtig. Wolkenbrüche wechseln sich mit Hitzewellen ab. Wenn dann wieder so ein heißer Tag kommt und man das Gefühl hat, durch Wände aufgewärmter Watte gehen zu müssen, dann bietet sich der Zufluchtsort Kino bzw. ein langsames Niedersinken auf das heimische Sofa vor dem Bildschirm an. Daran ist nichts Schlechtes.
Deshalb bietet „Finanz & Eleganz“ eine Auswahl der besten Börsenfilme in zwei Portionen. Ich konzentriere mich dabei auf „fiction“, also solche Streifen, die nicht eindeutig als Dokumentarfilme auftreten. Schön schaurig wie im Kino oder Finanzmarktfilme für den Sommer (Teil 1) weiterlesen

Auf lange Sicht sind wir alle pleite (oder tot? oder beides?)

Auf lange Sicht sind wir alle pleite (oder tot? oder beides?)

Schade eigentlich, dass wir nicht in einer Welt der Augenblicksaufnahmen leben. Eine schöne Geste im passenden Bildausschnitt, eine gelungene Detailaufnahme, ein gutes Take im richtigen Moment… Die Stilleben-Welt hätte etwas Übersichtliches und Beruhigendes. Leider jedoch vergeht unausweichlich Zeit und die Abläufe verschmieren alles. In kürzerer oder längerer Zeit drohen Konsequenzen: „aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe…“ mahnt schon Wilhelm Busch.
John Maynard Keynes hat einmal auf Einwände, die die langfristigen Folgen der von ihm vorgeschlagenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen anmahnten, geantwortet: „Auf lange Frist sind wir alle tot“. Aber wie lange ist diese Frist? Welchen Anlagehorizont und welche zeitliche Perspektive haben wir? Daran entscheidet sich, ob wir auf ein Wellental blicken oder an einem Gipfel empor. Wann ziehe ich den Schlussstrich und mache die Abrechnung? Auf lange Sicht sind wir alle pleite (oder tot? oder beides?) weiterlesen

Mensch trifft System – Interview mit Georg Tafner

Mensch trifft System

Interview mit Georg Tafner

Tafner
Georg Tafner ist Hochschulprofessor für Bildungsforschung und sozioökonomische Bildung an der PH Steiermark und Leiter des Bundeszentrums für Professionalisierung in der Bildungsforschung. Er lehrt an der Karl-Franzens-Universität Graz und der Humboldt-Universität zu Berlin.

Herr Tafner, abstrakte komplexe Gebilde werden heute schnell als Systeme bezeichnet, ohne zu wissen, was darunter genau zu verstehen ist. Ganze Wissenschaften erforschen Entstehung, Entwicklung, Einfluss und Beeinflussung von Systemen. Was bringt uns das Nachdenken über Systeme? Mensch trifft System – Interview mit Georg Tafner weiterlesen

PAЯADOX 16 – Widersprüche ins Zentrum rücken

Die Veranstaltungsreihe PAЯADOX 16 in Stuttgart startete ausgebucht

Die Widersprüche unserer Zeit scheinen auswegslos und frustrierend. Wie soll die Wirtschaft wachsen und dabei nachhaltig bleiben? Wie kann man Dinge nicht ausbeuten und trotzdem nutzen? Wie kann man neue Möglichkeiten im Betriebsablauf berücksichtigen und sich trotzdem auf ein Verfahren festlegen? Und, wenn es um die Jüngsten geht: Wie können wir die Bildung zurück in ein System bringen, dass auf Wissensanhäufung ausgerichtet ist?
Auf diese Fragen gibt es keine abschließenden Antworten und dennoch müssen sie gelöst werden. Genau deswegen sind sie spannend – sie regen das Denken an, das Diskutieren, die eigene Meinung, den freien Geist. In diesen Fragen entsteht Gesellschaft. PAЯADOX 16 gibt den großen Widersprüchen unserer Zeit den Raum, den sie brauchen: Persönlich, gastlich, anregend, außergewöhnlich und hochkarätig. PAЯADOX 16 – Widersprüche ins Zentrum rücken weiterlesen

Nick, Nora und die Dividenden oder: Finanzethisches Lob der guten Schmarotzer

Nick, Nora und die Dividenden oder
Finanzethisches Lob der guten Schmarotzer

Wer einmal ein unterhaltsames Ökonomie-Buch der Vergangenheit lesen möchte, der sollte zu Thorstein Veblens „Theory of the Leisure Class“ (deutsch: Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen) greifen. In diesem Werk werden die Privilegierten behandelt, die sich nicht mit dem täglichen Broterwerb herumschlagen müssen, sondern ihre Zeit den feineren Dingen des Lebens widmen. Veblen zeigt schön, wie demonstrativer und symbolischer Konsum Status sichert, manchmal sogar unmittelbar ökonomische Vorteile bringt. Er trägt damit zu einem tieferen institutionenökonomischen Verständnis des Wirtschaftens bei, aber auch zu einer Theorie des sozialen und kulturellen Kapitals, die dann später bei Pierre Bourdieu (“Die feinen Unterschiede“) fortgeführt wird. Seine Beschreibung ist oft sarkastisch und beleuchtet die Abgrenzungsmechanismen durchaus im Sinne einer Kritik der Gesellschaft.

Und doch: er bewundert diese Schicht der „happy few“ auch. Und das nicht nur weil er selbst meist arm war. Veblen weist darauf hin, wie viel kreatives Potenzial, künstlerische Energie und intellektuelle Brillianz es nicht gäbe, wenn nicht einige reich geboren würden und sich nach gängiger Auffassung ungewöhnlich nutzlosen Dingen hingeben könnten. Und so nutzlos ist die „leisure class“ ja doch nicht. Mancher tut viel Gutes mit dem Geld oder der Lebenszeit, die es ihm kauft. Nick, Nora und die Dividenden oder: Finanzethisches Lob der guten Schmarotzer weiterlesen

Blut in den Straßen oder: Wie beeinflusst der Terror den Aktienmarkt

Blut in den Straßen
Oder: Wie beeinflusst der Terror den Aktienmarkt

 

Im „New Yorker“ erschien vor einigen Jahren ein Cartoon, der eine Dinnerparty zeigt. Am Kamin stehen zwei Herren im Gespräch. Der eine trägt einen Bombengürtel, der andere (im Smoking und mit Sektglas in der Hand) sagt zu ihm: „Ach, Sie sind Selbstmordattentäter? Wie interessant! Aber sagen Sie – kann man denn davon leben?“

Hier beruht der Witz darauf, dass zwei fundamental verschiedene Welten aufeinandertreffen – Geschäft und Gewalt.

Wie verändert die Gewalt das Geschäft? Und – lassen sich die beiden überhaupt so deutlich voneinander trennen?

Auch Anleger und Investoren leben in der Gegenwart des Terrors. Der Schrecken sitzt immer mit am Tisch; er ist überall anwesend, wie ein Schatten, der auf allem liegt. Und es sieht danach aus, als hätten wir bisher nur die ersten Anfänge der zukünftigen Kriege gesehen.

Daher wird es notwendig, sich einmal grundsätzlich zu fragen, wie der Terror auf die Märkte, auf die Investmenthorizonte und die Anlagestrategien wirkt. Vor allem sollten wir die Auswirkungen von vorausschauenden Investments auf die Terrorismusbedrohung im Auge behalten. Blut in den Straßen oder: Wie beeinflusst der Terror den Aktienmarkt weiterlesen