Zurück zum Alten? Natur und Ideologie – von Michael Hampe

Zurück zum Alten? – Natur und Ideologie

von Michael Hampe

 

In Zeiten des Wandels, wenn Orientierungspunkte verschwinden, neue jedoch nicht sichtbar sind, führt die menschliche Suchbewegung oft zurück auf alte Fixpunkte, die vermeintlich jedem Wandel entzogen sind. Es sind vor allem zwei Ordnungen, die dabei in den Sinn kommen: die göttliche und die natürliche. So wurde von der Stoa bis zu den Überlegungen des Heidelberger Philosophen Karl Löwith in den 60er-Jahren „Natur“ mit Vorstellungen einer harmonischen Ordnung verbunden. Wer ein „naturgerechtes Leben“ führe, sich an der natürlichen Ordnung des Kosmos orientiere, sei auf der sicheren Seite, habe eine verlässlichere Orientierung, als die moralische und politische Welt sie jemals bieten könne. Sich an politischen Verhältnissen zu orientieren, erschien Löwith, der vor den Nazis nach Italien und Japan geflohen und nach dem Krieg nach Heidelberg zurückgekehrt war, so, als wolle man sich als Schiffbrüchiger an den Wellen des Meeres festhalten.

 

Heute scheinen die Verhältnisse ähnlich wie vor sechzig Jahren. Der Markt scheint als normative Orientierung auszudienen (wenn er denn je dafür getaugt hat). Neue Orientierungen sind noch nicht in Sicht. So hat der religiöse Fundamentalismus und normative Naturalismus wieder Konjunktur. Doch wie plausibel ist vor allem der Letztere?

 

Naturalismus: Naturalismus (von lat. naturalis = natürlich) bezeichnet die Auffassung, wonach alles Seiende Teil einer natürlichen Ordnung ist, die mithilfe von naturwissenschaftlichen Methoden beschrieben und erklärt werden kann. Insofern sind Erkenntnisse über die Welt nur auf naturwissenschaftlichem Wege zu gewinnen.

 

Was nicht gezeigt werden kann

Wenn ein Kind noch nicht weiß, was die Wörter „Karotte“ oder „Elefant“ bedeuten, können wir auf Gemüse oder Tiere zeigen. Zwar machen auch Zeigehandlungen nicht immer eindeutig klar, worum es geht. Dennoch kann zwischen der Verwendungsweise von Wörtern, die durch Zeigen halbwegs kontrollierbar ist, und einer, bei der das nicht möglich ist, unterschieden werden: Denn fragt das Kind, was die Natur ist, kann man auf nichts zeigen. Deshalb sprechen wir davon, dass „Natur“ genauso wie „Pi“ und „0“ ein Zeichen für einen abstrakten Begriff ist. Man lernt den Gebrauch dieser Abstrakta erst, wenn man in der Verwendung konkreter Termini wie „Mama“, „Papa“, „Apfel“, „Karotte“, „Hund“, „Katze“ etc. einige Versiertheit erlangt hat.

Nun ist seit Immanuel Kant (1724–1804) klar, dass es zwei verschiedene Arten von Abstrakta gibt. Die einen sind die der Arithmetik und Geometrie und die anderen die nicht-mathematischen, zu denen auch die Zeichen „Natur“ und „Freiheit“ gehören. Auch wenn man auf die Zahl Pi nicht zeigen kann und kein an die Tafel gemalter Kreis im mathematischen Sinne rund ist (der Kreis an der Tafel also nicht der „wirkliche Kreis“ der Geometrie ist, sondern nur ein Hinweis auf ihn), herrscht über die korrekte Verwendung mathematischer Zeichen Einigkeit. Nach Kant liegt das daran, dass Mathematik von Aspekten unserer Subjektivität – genauer: unseres Erkenntnisvermögens – handelt, die wir miteinander teilen: den Anschauungsformen von Raum und Zeit. Die Geometrie ist die Wissenschaft der ersteren, Arithmetik die der letzteren. Das macht Mathematik zu einer Wissenschaft unwandelbarer Strukturen der Subjektivität.

Ob man sie heute noch so verstehen kann, ist seit der Explosion mathematischer Theorien im 19. Jahrhundert, als nicht-euklidische Geometrien und die Mengenlehre entwickelt wurden, fraglich. Sicher ist jedoch, dass es unmöglich ist, über Abstrakta wie „Natur“ und „Freiheit“ zu derselben Art Konsens vorzustoßen, wie er in den mathematischen Disziplinen immer noch möglich ist. Alle Menschen führen Wörter wie „ Natur“ und „Freiheit“ im Munde. Doch kaum zwei Personen verstehen wirklich dasselbe darunter. Mit Kant könnte man diese Zeichen, deren Verwendung nicht auf die Mathematik bezogen werden kann und die nicht durch Zeigehandlungen kontrollierbar sind, als Benennungen von Ideen ansehen.

 

Natur als Idee

„Natur“ könnte eine Idee sein, mit der Pflanzen und Tiere, Elementarteilchen und Gene, schwarze Löcher und Gravitationsfelder in einen Zusammenhang gebracht werden. Doch mit was für einer Art von Zusammenhang haben wir es hier zu tun? Es ist nicht der einer Theorie. Denn eine Theorie all der eben genannten „Dinge“ gibt es nicht. Es ist auch nicht der Zusammenhang einer Anschauung. Denn wir können uns nicht gleichzeitig Elementarteilchen, Gene, Karotten und schwarze Löcher vor Augen führen. Es handelt sich also um einen imaginierten Zusammenhang, das heißt einen Zusammenhang, der nur in unserer Vorstellung existiert. „Irgendwie“ besteht ja auch die Karotte aus Elementarteilchen und kommt in demselben Raum vor, in dem sehr weit weg schwarze Löcher existieren sollen, mögen wir uns denken.

Allerdings kann man sich eine solche allgemeine Natur auf vielerlei Weise vorstellen. Sie unterliegt, anders als das Denken im Rahmen der Mathematik, keinen Mustern, die für jeden Menschen nachvollziehbar wären und über die man insofern Einigkeit erzielen könnte. Das führt dazu, dass Termini wie „Natur“ auch mit verschiedenen Bewertungen assoziiert werden und in Ideologien eine Schlüsselrolle spielen können.

Unter Ideologien kann man Gedankengebäude verstehen, die von Menschen errichtet wurden, weil sie aufgrund ihrer Bedürfnisse bestimmte Interessen haben (ohne dass ihnen dies bewusst wäre). Die Verwendung von „Natur“ war in diesem Sinne fast immer ideologisch. Von der „Unnatürlichkeit“ der Homosexualität zu sprechen oder der „Natürlichkeit“ des Fleisches als Nahrungsmittel kann man als ebenso berechtigt oder unberechtigt ansehen, als hätte man die Wasserstoffbombe eine natürliche Waffe genannt (schließlich funktioniert sie wie die Sonne) oder Blausäure als ein natürliches Mordinstrument bezeichnet (kann es doch aus Mandeln oder Aprikosenkernen hergestellt werden). Im Gegensatz zu den letztgenannten Beispielen sollte „das Natürliche“ Menschen in den meisten Zusammenhängen eine positive Orientierung geben.

 

Natürliche Orientierungen?

Sicher erfahren Menschen die regelmäßige Wiederkehr der Sonne am Morgen, den Wechsel der Jahreszeiten, das Kommen und Gehen der Zugvögel und so weiter als etwas Verlässliches. Doch diese Rhythmen sind, wie wir heute wissen, keine ewigen. Die Kontinentalplatten driften, das Klima ändert sich mit und ohne menschlichen Einfluss und irgendwann wird das Leben auf der Erde durch die expandierende Sonne, die es jetzt spendet, ausgelöscht werden. Wenn man das unter „natürlich“ versteht, was ohne Einfluss des Menschen geschieht, dann sind Blitzeinschläge, Erdbeben und Vulkanausbrüche ebenso natürlich wie spontane Wundheilungen, süße Himbeeren und günstige Meeresströmungen, wiederkehrende Zyklen so natürlich wie Katastrophen und grundlegende, aber langsam ablaufende Veränderungen.

Was soll es vor diesem Hintergrund heißen, sich an der Natur zu orientieren? Sollen Menschen sich so hierarchisch zueinander verhalten wie die Mitglieder eines Wolfsrudels oder die einer Gruppe Schimpansen? Sollen sie ihre Geschlechtspartner nach dem Sex töten wie die Schwarze Witwe? Oder sollen sie sich eher ein Beispiel an den sich für ihre Kinder aufopfernden Pinguinen nehmen? Sollen sie ihr Leben in unveränderlichen Zyklen einrichten oder nach ständiger Veränderung streben? Wenn wir ein bestimmtes tierisches Verhaltensmuster aus der Natur Menschen zum Vorbild setzen und ein anderes nicht, liegt das nicht daran, dass „die Natur an sich“ gut wäre, sondern dass die entsprechenden natürlichen Beispiele eher zu unseren ethischen Intuitionen passen – die wir jedoch nicht begründen können.

Wenn wir nach unerschütterlichen Quellen für unsere Bewertungen suchen, so ist eine Möglichkeit, sie in dem imaginierten Zusammenhang der Natur zu verankern, die andere, sie in einem religiösen Jenseits anzusiedeln. Beides jedoch überschreitet (transzendiert) die Erfahrungswelt des Menschen. Entsprechend ist dieses imaginierte Reich der Natur wie auch das religiöse Jenseits ein Ort freier Projektionen. Es macht keinen Unterschied, ob man sagt, Gott wolle keine Homosexualität oder Homosexualität sei unnatürlich – oder ob man behauptet, Gott gebiete, dass Auge um Auge und Zahn um Zahn vergolten werden müsse oder dass Konkurrenz natürlich sei. In all den Fällen wird ein für unseren beschränkten Erfahrungshorizont transzendentes Wesen – Gott oder der Gesamtzusammenhang der Natur – als Quelle bewertender Autorität genannt, die nicht infrage gestellt werden darf.

 

Ins Neue

Doch die Geschichte zeigt, dass Menschen sich mit guten Gründen immer wieder gegen diese Autoritäten gewendet, dass sie sie nicht anerkannt haben. Die Erfahrung, dass Vergeltung in eine Gewaltspirale führt, die Menschen letztlich nicht wollen, liefert Gründe gegen das entsprechende göttliche Gebot. Diese Erfahrung kann Menschen dazu bringen, die religiöse Autorität infrage zu stellen und neue gesellschaftliche Regeln zu etablieren. Die Erfahrung, dass in bestimmten Situationen Kooperation eine bessere Problemlösungsstrategie ist als Konkurrenz, ja dass kooperatives Verhalten von Menschen als sinnvoller angesehen wird als konkurrenzierendes, das immer „Verlierer“ erzeugt, kann dazu führen, dass Menschen die angebliche Natürlichkeit der Konkurrenz um Nahrungsressourcen und Sexualpartner nicht als Vorbild für ihr sonstiges Verhalten nehmen – dass sie also das Konkurrenzspiel nicht mehr spielen wollen. Warum sollten sie auch? Ein Krebsgeschwür ist eine natürliche Erscheinung, die vielleicht mit natürlichen Selektionsmechanismen zu tun hat, die wir als Konkurrenz deuten können; die Medizin wird dennoch entwickelt, um diese natürliche Erscheinung als eine Krankheit zu bekämpfen. Auch die Sturmflut ist natürlich; der Deich wird gebaut, um sie aufzuhalten.

Menschen müssen sich zu religiösen Traditionen und zu natürlichen Erscheinungen verhalten. Weder die Tradition noch die Natur kann ihnen abnehmen, Stellung zu beziehen. Es kann ihnen allerdings von politischen Instanzen verboten werden, Traditionen oder natürliche Vorgänge als Autoritäten für das Handeln infrage zu stellen. Es wird jedoch immer Menschen geben, die die Tradition oder die natürlichen Notwendigkeiten nicht akzeptieren. Wer solch autonomen Personen begegnet, muss entscheiden, ob er sich so oder anders verhält.

Appelle an Gottes Willen oder die Natur sind nichts anderes als Versuche, auf diese Entscheidungsprozesse auf eine nicht argumentative Weise Einfluss zu nehmen. Das ist legitim. Jeder sollte für seine normativen Intuitionen werben können, mit Argumenten und Appellen. Solange klar ist, dass Verweise auf Gott oder die Natur nicht das Ende einer Auseinandersetzung um Bewertungen sein müssen, solange solche Verweise nicht bloß dazu dienen, die Entstehung von Neuem im Keim zu ersticken, muss daraus kein Problem entstehen. Problematisch wird es dann, wenn durch religiösen oder naturalen Dogmatismus (die oft Hand in Hand gehen) die argumentative Auseinandersetzung gestoppt werden soll. Dann wird die Tradition der Abwägung von Gründen und Gegengründen gegen die des Verweises auf transzendente Autoritäten ausgespielt – mit dem Ziel, Entscheidungsprozesse ein für allemal zu beenden. Dafür wird sich niemand erwärmen können, dem das Ideal der Autonomie aus der Aufklärung noch präsent ist.

 

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Michael Hampe ist Professor für Philosophie im Department für Geistes-, Sozial- und Staateswissenschaften an der ETH Zürich. Im April 2014 ist sein Buch Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik im Suhrkamp Verlag erschienen.

Dieser Artikel ist erstmals in agora42 4/2014 Das Neue erschienen.