Nick, Nora und die Dividenden oder: Finanzethisches Lob der guten Schmarotzer

Kolumnentitel: Finanz & Eleganz

Nick, Nora und die Dividenden oder
Finanzethisches Lob der guten Schmarotzer

Wer einmal ein unterhaltsames Ökonomie-Buch der Vergangenheit lesen möchte, der sollte zu Thorstein Veblens „Theory of the Leisure Class“ (deutsch: Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen) greifen. In diesem Werk werden die Privilegierten behandelt, die sich nicht mit dem täglichen Broterwerb herumschlagen müssen, sondern ihre Zeit den feineren Dingen des Lebens widmen. Veblen zeigt schön, wie demonstrativer und symbolischer Konsum Status sichert, manchmal sogar unmittelbar ökonomische Vorteile bringt. Er trägt damit zu einem tieferen institutionenökonomischen Verständnis des Wirtschaftens bei, aber auch zu einer Theorie des sozialen und kulturellen Kapitals, die dann später bei Pierre Bourdieu (“Die feinen Unterschiede“) fortgeführt wird. Seine Beschreibung ist oft sarkastisch und beleuchtet die Abgrenzungsmechanismen durchaus im Sinne einer Kritik der Gesellschaft.

Und doch: er bewundert diese Schicht der „happy few“ auch. Und das nicht nur weil er selbst meist arm war. Veblen weist darauf hin, wie viel kreatives Potenzial, künstlerische Energie und intellektuelle Brillianz es nicht gäbe, wenn nicht einige reich geboren würden und sich nach gängiger Auffassung ungewöhnlich nutzlosen Dingen hingeben könnten. Und so nutzlos ist die „leisure class“ ja doch nicht. Mancher tut viel Gutes mit dem Geld oder der Lebenszeit, die es ihm kauft.

Mein Lieblingspaar im Bereich der eleganten Faulenzer sind definitiv Nick und Nora, die Helden der Screwball-Filme um den „dünnen Mann“. Von 1934 bis 1947 entstanden sechs Filme, die den Privatdetektiv Nick Charles zeigen, der in guten Anzügen und mit vielen Drinks nebenbei vertrackte Mordfälle löst. Nebenbei – da sein Hauptinteresse seiner wunderbaren, schlauen und  eleganten Ehefrau Nora und dem gemeinsamen Luxusleben gilt. Der Luxus wird durch den Reichtum der Familie Nora ermöglicht („meine Frau hat irgendwelche Sägewerke geerbt“). So soll es sein: reiche kluge Leute benutzen die Freiheit, die sie haben und tun etwas Sinnvolles – dann dürfen sie auch komfortabel leben. Aber ist das nicht ein allzu schönes Bild – Hollywood eben?
Denn Erben können auch ganz anders sein und oft sind sie mit ihrem Geld nicht unbedingt so großzügig wie diejenigen, die das Vermögen erarbeitet haben: „Alle Studien zeigen, dass der Reiche, der sein Geld selbst verdient hat, im Schnitt vier- bis fünfmal so viel für wohltätige Zwecke gibt wie der Erbe, der seinen Reichtum nicht mit eigener Arbeit verdienen musste“, so die Aussage von Rick Cohen (National Committee for Responsive Philanthropy). Ist also eine Erbengesellschaft unsozialer?

Ich möchte einmal – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – Argumente für und gegen eine Müßiggängerschicht mit Familienreichtum zusammenstellen:

Einerseits

  • macht Reichtum frei: unverzweckte Intellektualität, moralische und politische Ungebundenheit können die Ergebnisse sein;
  • Reichtum gibt Gestaltungsmacht: es existieren durch ihn die Mittel, um etwas Gutes zu bewirken;
  • Reichtum befreit aus dem terminlichen Hamsterrad: Wer nicht nach der Stechuhr schauen muss, der hat Zeit, um Dinge gründlich zu durchdenken;
  • Reichtum kann vor kleinbürgerlicher Sozialkontrolle schützen: als Gegenmodell zur engstirnigen Spießigkeit können alternative und avantgardistische Lebensmodelle ausprobiert werden;
  • Reichtum erweitert den Blickwinkel, er ermöglicht eine Metropolenlebensform und ist eine gute Voraussetzung für Kosmopolitismus.

Allerdings

  • fehlen den Wohlhabenden auch oft die konkreten Kenntnisse über ökonomische und soziale Prozesse, ihre Abgehobenheit verhindert, selbst bei gutem Willen und altruistischen Motiven, dass sie reale Probleme erkennen;
  • Luxuskonsum kann sinnlos und ökologisch sowie sozial nachteilig sein;
  • Unabhängig Wohlhabende können kein „Vorbild“ sein für jene Mehrheit, die eben ihr Geld verdienen muss;
  • Der materielle Wohlstand und schon gar die Dividendenausschüttungen sind abhängig von einem Zins- und Dividendensystem (woher die Einkünfte kommen, das ist im Grund egal);
  • Woher soll die Motivation kommen, sich intellektuell oder moralisch weiterzuentwickeln? Reiche können sich komatösen Dauermittagsschlaf mit gelegentlichen Golfplatzbesuchen leisten;
  • Last but not least stellt sich die Gerechtigkeitsfrage: Kann es moralisch gerechtfertigt sein, dass einige so viel mehr haben und nichts dafür tun müssen?

Die Erörterung der Frage, ob eine Gesellschaft von reichen Erben profitiert, ist aber sicherlich keine rein theoretische Frage. Wenn wir uns Gedanken über die Lebenseinstellung solcher „freigestellter“ Reicher machen, dann tragen wir z.B. zur Debatte um Grundeinkommen bei. Was passiert denn, wenn eine ganze Gesellschaft freigestellt wird? Und wie wirkt sich eine dünne reiche Schicht auf die gesamtgesellschaftliche Solidarität aus? Nimmt die Stabilität eines Staatswesens ab, wenn einige nicht wie die anderen um ihren Lebenserwerb kämpfen müssen?
Das werden wir uns zunehmend fragen müssen – denn eine große Erbschaftwelle rollt über das Land und wird immer mehr Personen freisetzen und zu Nutznießern des Fleißes ihrer Vorfahren machen. Schon jetzt werden nach einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge mehr als 200 Milliarden pro Jahr vererbt – Tendenz steigend. Darunter werden einige sein, die postmaterialistisch einen alternativen Lebensstil pflegen („trustafaris“), manche ihren Proloreichtum im Privatfernsehen ausstellen – und andere das Vermögen vor allem vermehren wollen.
Erbe zu sein, das bedeutet ja nicht unbedingt, nicht noch mehr haben zu wollen. Im Gegenteil: gerade großer Besitz erzeugt auch große Ängste. Man kann schulterzuckend sagen „Ich möchte gerne die Probleme der Reichen haben“. In jedem Fall werden diese Probleme nach mehr als 60 Jahren Prosperität in Frieden und Wohlstand mehr und mehr die Probleme vieler sein.

Also: Nicks und Noras wird es immer mehr geben – und es sollte frühzeitig sicher gestellt werden, dass möglichst viele wissen, was sie mit ihrem Geld anfangen können (und warum es sich so zauberhaft vermehrt). Finanzinstitutionen sollen beispielsweise transparent machen, wo, wie und mit welchen Folgekosten ihre Renditen erwirtschaftet werden. Das würde so manchen zartbesaiteten Reichen verblüffen. Vernünftige Steuern, die das produktive Firmenvermögen schonen, aber privaten Reichtum beim Generationenübergang mit Maß abschöpfen, können Exzesse verhindern und Geld in produktive Bereiche lenken. Reichtum verhindern, das kann niemand ernsthaft wollen. Aber dass die Reichen Anreize bekommen, kreativ und moralisch zu sein, daran können wir arbeiten.

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 27. März 2016.

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In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

2 Gedanken zu „Nick, Nora und die Dividenden oder: Finanzethisches Lob der guten Schmarotzer

  1. Reiche Erben wird man nicht verhindern können, und man kann sie auch nicht abschaffen. Man kann nur dafür sorgen, dass sich Reichtum nicht auf Kosten anderer ansammelt (wie sonst sollte er zustande kommen), und wenn er einmal da ist, sollte er sich nicht selbsttätig durch das herrschende Zinssystem noch vermehren (was nur auf Kosten anderer geschehen kann). Aktuell geht es sogar los, dass die Zinsen – wie es Keynes vorausgesagt hat – in einem Meer von Kapital ertrinken, und dass die großen Geldvermögen durch einen negativen Zins vermindert werden, etwas ganz Neues. Dem könnte man noch etwas nachhelfen, indem man durch eine Geldhaltegebühr von etwa 7% das ausgegebene Bargeld besteuert, damit es bereit ist, sich auch bei keinem Zins in die Investition zu bewegen, nur um dem negativen Zins oder der Geldhaltegebühr zu entgehen. Dann würde der Wohlstand für alle des Ludwig Erhard Wirklichkeit werden und ein Jeder könnte Mäzen sein für was er es sein möchte und nicht wie heute, über die Steuer ständig zu Zwangsspenden genötigt zu werden. Vielleicht spricht sich dann auch herum, dass die Wirtschaft dazu dient, uns gegenseitig den Wohlstand zu ermöglichen und nicht dazu geschaffen ist, nur dem eingesezten Kapital die höchstmögliche Rendite zu garantieren, was der zu kurze Sinn des Kapitalismus ist. In der französischen revolution wurd die Brüderlichkeit propagiert: In der Wirtschaft ist der rechte Ort, sie zu verwirklichen im so genannten Mutualismus eines Proudhon. as zunächst in Kürze!
    Gerhardus Lang, Bad Boll

  2. Wirtschaft dient mitnichten dazu, uns ‚gegenseitig‘ den Wohlstand zu sichern, sondern damit man sein eigenes Brot verdient und möglichst damit reich wird. Daß der allgemeine Wohlstand dabei steigt ist ein angenehmer, nicht unbedingt vorauszusehender Nebeneffekt – andere Modellversuche mit zweifelhaftem Erfolg sind ja gar nicht so lange her bzw. existieren noch immer.
    Nimmt man dem Reichen etwas weg, ohne als Dieb zu gelten, so rechtfertigt man das immer gerne mit Moral und macht gleichzeitig damit klar, man wüßte besser als andere (insbesondere der, dem man etwas wegnimmt), was gut, böse, sinn- oder wertvoll sei.
    Mir ist der reiche Müßiggänger lieber, der sein Geld unter die Leute und damit in die Wirtschaft bringt als der verbeamtete Müßiggänger, der dem Reichen das Geld wegnimmt, nicht selten um die eigene Existenz und die anderer Staatsbediensteter zu sichern. Im ersten Fall hebt sich die allgemeine Laune und der allgemeine Wohlstand, der zweite Fall bringt manchmal Wohlstand, immer aber Verdruß ob verlorener Freiheit.
    Am schönsten zusammenfassen kann das Gernhardt:
    Dein Leben ist dir nur geliehn/du sollst nicht daraus Vorteil ziehn/du sollst es stets dem andern weihn/und der kannst nicht du selber sein/der andre, das bin ich, mein Lieber/nun rück mal schnell die Kohle rüber!

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