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„Sich einen Sinn für das Mögliche zu schaffen heißt, sich einen Sinn für die Freiheit zu schaffen“ – Interview mit Thomas Seibert

„Sich einen Sinn für das Mögliche zu schaffen heißt, sich einen Sinn für die Freiheit zu schaffen“

Interview mit Thomas Seibert

Herr Seibert, im Alltag hat die Befreiung bereits ihren Platz: das Wochenende befreit von den Werktagen, der Urlaub von der Arbeitswelt und die Fußball-WM vom politischen Tagesgeschehen. Befreiung ist für die meisten nur eine Befreiung von etwas – und verweilt damit in der Negation. Ist Ihrer Meinung nach darüber hinaus Freiheit möglich?

Thomas Seibert
Der Philosoph und Autor Thomas Seibert ist für medico international tätig sowie Vorstandssprecher des Instituts Solidarische Moderne und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Halten wir erst einmal fest, dass selbst negative Freiheit für Millionen noch immer unerreicht ist. Dabei meine ich nicht bloß Migrantinnen, die der europäische Grenzschutz in die Vergewaltigungslager oder auf die Sklavenmärkte Libyens zurückzwingt. Ich meine auch all‘ die, denen der Kreislauf von Werktag und Wochenende den Begriff der Alternative geraubt hat, ohne den Freiheit nicht gedacht werden kann. Insofern beginnt die Freiheit immer mit elementarer Negativität, mit dem Willen, nicht länger hinzunehmen, was einem widerfährt. Allerdings bildet die Negativität nur den Anfang der Freiheit: bedeutet Emanzipation ursprünglich nur die Freilassung eines Sohnes oder einer Tochter aus der elterlichen Gewalt, liegt sie für uns in der existenziellen Kehre, mit der wir uns die Bestimmung zur Freiheit zu eigen machen, wenn nötig auch auf Kosten unserer selbst, unseres alten Selbst.

Robert Misik schreibt in der aktuellen Ausgabe der agora42: „Freiheit hat die Seite gewechselt. War sie früher eine Parole emanzipatorischer, meist linker Bewegungen, haben in den vergangenen dreißig Jahren vor allem die Neokonservativen und Neoliberalen die Freiheit vor sich hergetragen.“ Was bedeutet das für die heutige Zeit?
Für sich genommen, ist Roberts Satz kapitulantenhaft. Der Kapitalismus ist doch nicht erst seit dreißig Jahren, sondern war immer schon ein Regime zugleich der Zerstörung und der Befreiung, darin liegt doch seine historische Einzigartigkeit, auch seine noch immer wirksame Attraktivität. Denken Sie nur an die Bewunderung, die Marx dieser Ambivalenz entgegengebracht hat: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“ Nüchtern zu bleiben heißt deshalb, zu versuchen, das Kapital gerade in der Befreiung zu überbieten, die es uns gewährt. In den Sechziger und Siebziger Jahren lag das im ersten Ausbruch aus dem Kreislauf von Werktag und Wochenende, Arbeitswelt und Urlaub, Tagespolitik und Fußball-WM: „Unter dem Pflaster liegt der Strand!“ Das haben uns die Neoliberalen und Neokonservativen genommen: „Ihr wollt das Normalarbeitsverhältnis nicht mehr? Okay, könnt ihr haben – weg mit den festen Verträgen, der garantierten Lohnerhöhung, der Sicherung in Alter und Krankheit!“ Natürlich ist es nicht leicht, darauf zu antworten. Ich denke, der nächste Fortschritt im Verhältnis der Freiheit zu sich wird ein asketischer sein, ein Rückzug aus dem Kreislauf von Angebot und Nachfrage: „Dafür soll ich mich krumm machen? Aber das will ich gar nicht haben!“ Ethisch und politisch heißt das, die Freiheit im Horizont der Globalisierung und der ökologischen Krise zu bejahen.

Welchen Zwängen unterliegen wir heute? Was muss befreit werden?
Unmittelbar nach der ersten Weltkatastrophe der kapitalistischen Moderne hat ein anderer Österreicher, Robert Musil, den Begriff des „Möglichkeitssinns“ geprägt. Der Zwang, dem wir heute unterliegen, besteht in der Austrocknung und Entleerung jeden Möglichkeitssinns, in der ausweglosen Einhausung ins berechenbar Gegebene. Darum das Mantra von der Alternativlosigkeit, das Politik und Ökonomie täglich neu wiederholen: Du sollst Dir kein Bild einer Welt jenseits der bestehenden Welt machen. Das führt wieder auf die Freiheit zurück. Sich einen Sinn für das Mögliche zu schaffen heißt, sich einen Sinn für die Freiheit zu schaffen, für die Negativität, mit der sie sich rückhaltlos zu sich selbst befreit, und für die Affirmation, in der sie sich jenseits aller Berechnung verausgabt. Ein Weg, das Nein und das Ja der Freiheit zusammenzubringen, besteht darin, sich klar zu machen, dass man beide, das Nein und das Ja, immer nur zugleich für sich selbst wie für alle einfordern kann: alle oder keiner. Das ist es, was die Philosophie seit 2000 Jahren zu sagen versucht, und das ist es, was die Freiheit des Kapitals niemals annehmen kann. Das Kapital kennt die Freiheit immer nur als die je eigene, je auf Kosten des anderen errungene Freiheit, als die Freiheit zur Konkurrenz und also als die Freiheit zum Kompromiss, den der Staat und der Markt aushandeln sollen, im Kreislauf von Angebot und Nachfrage. Hat die Freiheit des Kapitals immer einen Preis, verschenkt sich die Freiheit des Möglichkeitssinns unentgeltlich: sie ist ebenso anarchisch wie anökonomisch.

Hat die Politik heute noch Möglichkeiten, dem „alternativlosen“ Wachstumszwang und kapitalistischen Dynamiken etwas entgegenzusetzen?
Auch das hängt am Möglichkeitssinn, also an der Freiheit. Die Politik muss aufhören, Verwaltung des Gegebenen, also Polizei und Ökonomie zu sein, und muss wieder zu ihrer Bestimmung zurückfinden: der Prozess zu sein, der Freiheit und Gleichheit in eine Kommunikation bringt, die über das bloß Berechenbare hinausgeht. Bei Marx hieß das: Assoziation, in der die Freiheit eines jeden die Bedingung der Freiheit aller ist. Nicht andersherum, übrigens.

Welche politische Bewegung/Idee Europas halten Sie derzeit für am vielversprechendsten im Hinblick auf eine lebenswerte Zukunft?
Die Bewegung der Migration, mit ihr die Bewegung des Willkommens, das der Migration entgegengebracht wird, und beide verbindend die Idee eines Europas mit offenen Grenzen. Also eines Europas des Menschenrechts, zu bleiben und zu gehen. Gewiss ist heute nur, dass die Leute nicht aufhören werden, zu uns zu kommen. Entweder schließen wir uns ein, um unsere relative Wahlfreiheit im Kreislauf von Angebot und Nachfrage vor denen zu schützen, die nicht einmal diese Wahlfreiheit haben. Oder wir wagen noch einmal die Politik, d.h. den freien Gang über das Berechenbare hinaus, wie 1789, 1848, 1871, 1917, 1968, 1989. Das ist keine verblasen abstrakte Wendung, sondern ein alltäglich höchst konkreter Einsatz. Wer ihn auf sich nimmt, weiß schon, dass es dabei nicht um einen Sprung geht, der in einem Mal ans Ziel kommt. In den USA wie in der EU bahnt sich um das Willkommen gegenüber den Fremden ein Konflikt zwischen einzelnen Städten und ihren Regierungen an. Das ist neu, das ist ein Versprechen. Derselbe Konflikt bricht aber auch auf der Fahrt mit dem Bus auf, in dem ich Zeuge eines rassistischen Angriffs werde. Hier ist die Rose, hier tanze. Alles andere ist Werktag oder Wochenende, einerlei.

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