Cappuccinos für Senioren oder: Eines ist unsicher – die Rente!

Cappuccinos für Senioren oder:

Eines ist unsicher – die Rente!

Text: Bernd Villhauer

Photo by Daniel Robert on Unsplash

 

Finanzen – genau wie Sodbrennen ein lebenslanges Thema! Aber welche Rolle spielt es genau in den  verschiedenen Lebensabschnitten? Eine zu geringe sagt uns die Intuition. Wahrscheinlich sollten wir kurz nach dem Schulabschluss unsere Strategie festlegen (für die Rente, nicht für das Sodbrennen) – ab er wer tut das außer ein  paar Langweilern?

Normalerweise geht der Bundesbürger das Problem der finanziellen Vorsorge für das Alter nicht an, bevor er schon die ersten grauen Haare bekommt. Dabei gibt es doch die Gefahr der Altersarmut. Aber gibt es die wirklich? In Deutschland? In Europa? Und welche Schichten betrifft sie genau? Das Unwissen ist groß, die Angst noch größer – und daraus lässt sich großartig Kapital schlagen, auch politisches...

Sehen wir uns also die Finanzen der Altersvorsorge einmal an. Motiviert dazu hat mich Frau Mau, die mich zu nachhaltigen Produkten für die Rentenplanung befragt hat. Ihre Beobachtungen hat sie im empfehlenswerten Online-Magazin „Krautreporter“ gesammelt.

Bernd Villhauer ist Geschäftsführer des Weltethos Instituts und Autor der Kolumne “Finanz und Eleganz”.

Für diesen Blog hier werden natürlich der Aktienanteil und der Finanzmarkt eine Rolle spielen, aber vorher wollen wir ein paar Worte über das grundsätzliche Modell verlieren. Die „Sendung mit der Maus“ behandelt das ja eher selten. Das fällt mir jetzt erst auf: Wann werden jemals Finanzfragen von der Maus in den Blick genommen? Wie zahlen Elefant und Ente ihre Roller? Ich jedenfalls habe noch nie einen der wunderbaren Erklärfilme zum Thema Bausparverträge oder Geldautomaten gesehen, von Wertpapieren oder dem Goldstandard ganz schweigen. Laser-Hologramme, Skateboards, Konservenfisch und Satelliten ja – aber Geld? Dazu schweigt das Flaggschiff des Infotainments im deutschen Kinderfernsehen. Was sagt uns das über „financial literacy“?

 

Das Umlagesystem

Aber zurück zur Rente. In der Bundesrepublik Deutschland haben wir das Umlagesystem. Das bedeutet, dass die jetzt berufstätigen Personen einen Teil ihres Einkommens abgeben und daraus die Renten bezahlt werden. Na ja, theoretisch jedenfalls. De facto wurden immer wieder in schwierigen Zeiten Gelder aus dem allgemeinen Topf Bundeshaushalt zugeschossen, aber in Zeiten der Prosperität hat man sich dann auch großzügig aus dem Rententopf bedient. Eine Rücklage jedenfalls, ein Fonds für die Bezahlung von Renten in Zeiten ohne entsprechende Einkünfte, wurde nicht geschaffen. Die steuerpflichtigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erwirtschaften die Rentenzahlungen – weswegen es auch nicht ganz unwichtig ist, wie das zahlenmäßige Verhältnis zwischen der steuerzahlenden und der rentenempfangenden Gruppe ist... Der demographische Wandel, der dafür sorgt, dass allzubald viele Alte wenigen Jungen gegenüberstehen, hat massive Auswirkungen auf die Zahlungsfähigkeit des Rentensystems. Deswegen wird der rührende Auftritt eines properen Arbeitsministers Blüm 1986 („Denn eins ist sicher: die Rente“) so gerne hämisch kommentiert.

 

Betriebliche Rente und private Vorsorge

Da eben das nur auf Umlagen basierende Rentenmodell vermutlich gar nicht so sicher ist, werden zwei weitere Säulen für das Rentenmodell vorgeschlagen: betriebliche Rente und private Vorsorge. Wer nun einen zarten Geruch nach Käse-Fondue wahrzunehmen glaubt, der liegt nicht ganz falsch: die Schweiz ist auch hier (wie so oft) das Sehnsuchtsland. In der Eidgenossenschaft gibt es zur staatlichen Grundrente, die vor allem vor echter Armut schützen soll, Maßnahmen zur betrieblichen Vorsorge sowie eine Unterstützung für private Spar- und Anlage-Aktivitäten. „Drei-Säulen-Modell“ wird das genannt und manchmal mit einem Heißgetränk in Verbindung gebracht: „Cappuccino-Modell“ (wobei der Espresso für die Sockelrente, die aufgeschäumte Milch für die betriebliche Versicherung und das Sahnehäubchen für die private Vorsorge steht). Besonders christliche Sozialverbände machen sich für diese Lösung stark und fordern den Cappuccino für Senioren.

Wenn wir das Element der privaten Vorsorge genauer anschauen, dann bekommen wir hier den eleganten Übergang von der staatlichen zur individuellen Perspektive hin. Allerdings sollten wir uns davor hüten, die eine gegen die andere auszuspielen. Ein solidarisches Rentensystem, bei dem mit gemeinschaftlichen Einzahlungen letzten Endes für alle gesorgt wird, lässt sich durchaus mit aktiver Individualvorsorge und Eigeninitiative verbinden. Bislang haben alle Länder, die einseitig nur den einen Weg gehen wollten, dafür einen Preis zahlen müssen: entweder mit einer Gesellschaft, in der die sozialen Konflikte zunehmen und die Bindungskräfte zerstört werden – oder mit einem sich als allmächtig gebährdenden Staat, der für alles zuständig sein will, die Eigeninitiative lähmt und am Ende für nichts mehr Geld hat.

 

Das Mischsystem

Wenn wir das Lob des Mischsystem singen (und dafür gibt es viele Gründe), dann dürfen wir auch den Appell wiederholen, der aus der Finanzbranche schon lange erschallt: „Deutsche, kauft Aktien!“ Es dürfen auch Fonds, besonders ETFs im Rahmen von Sparplänen sein – aber koppelt Euch nicht ab von den Aktienmärkten, die einen wichtigen Beitrag zu Eurer Altersvorsorge leisten können. Und je langfristiger Ihr denkt, desto unbedenklicher wird das Ganze. Bei einem 30-jährigen Anlagezeitraum zum Beispiel beträgt auch die geringste Rendite von Fondssparplänen über vier Prozent jährlich (und dabei sind alle Kosten und Aufschläge berücksichtigt!). Wer nicht kurzfristig spekuliert, sondern langfristig spart, anlegt und investiert – der kann kaum verlieren. Das gilt natürlich nur, wenn uns nicht das ganze System um die Ohren fliegt. Aber dazu an anderer Stelle mehr...

Wer nicht kurzfristig spekuliert, sondern langfristig spart, anlegt und investiert – der kann kaum verlieren. Das gilt natürlich nur, wenn uns nicht das ganze System um die Ohren fliegt.

Altersvorsorge muss auf mehreren Ebenen gedacht werden - auch auf der, wie wir in einer vom Klimawandel und fortschreitender Umweltzerstörung gebeutelten Welt noch unsere Rente verzehren wollen. Auch diese Dimension sollte sich im Vorsorgeverhalten wiederfinden.

Vertrauen wir einen Augenblick der Weisheit der Oberflächen und werfen wir einen Blick auf die Werbung für Anlagen und Werterhalte: da sehen wir alte Bäume, unberührte Naturlandschaften, aber auch gepflegte Parkflächen, viele Bergseen, gelegentlich mal ältere Herrschaften, die ihren Nachkommen teure Uhren zeigen oder mit ihnen vor einem Premium-Oldtimer stehen. In der Welt der Werbung hinterlassen wir neben einem prall gefüllten Bankkonto, dem Ferienhaus an der mecklenburgischen Seenplatte und diversen Vintage-Kostbarkeiten eine gepflegte und gesunde Welt, Natur und Kultur in vorzeigbarem Zustand. Dass das nicht den Realitäten entspricht, das muss ich keinem sagen, der nicht den Nachnamen Trump trägt.

Es ist nicht gut bestellt um das Fortleben von Pflanzen-, Tier-, und Menschenwelt. Daher ist eine echte Vorsorge eine, die nachhaltige Finanzprodukte ernst nimmt. Es wäre doch verrückt, wenn wir die eigene Zukunft sichern mit Anlagen, die die Zukunft aller bedrohen. Dann lieber den Markt für die nachhaltigen Geldanlagen gut scannen. Dass es um deren Rendite oft sehr gut bestellt ist, zeigen die verschiedenen Nachhaltigkeitsfonds.

Darüber könnte die „Sendung mit der Maus“ auch einmal etwas bringen.

 

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 15.10.2018

 

 

 

In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

Wird uns Bildung retten? Teil 1

Wird uns Bildung retten? – Teil 1

Haben wir ein Bildungsdefizit?

 

Regelmäßig wird auf die falsche oder zu wenig Bildung verwiesen, wenn darüber sinniert wird, warum wir all die Probleme, die es zu lösen gilt, nicht gelöst bekommen. Diese Frage welche oder wie viel Bildung nötig wäre, um die Widersprüche zu lösen, die immer mehr unsere Gesellschaft durchziehen, haben wir uns während der Erstellung der aktuellen Ausgabe WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH auch gestellt. Würde man uns heute danach fragen, ob uns Bildung retten kann, dann lautet die Antwort klar und deutlich: Jein.

 

Prof. Dr. Edeltraud Günther ist Professorin am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebliche Umweltökonomie an der TU Dresden.

Diese Antwort ist gewissermaßen der Essenz eines Erweckungsmoments – um es irgendwie pathetisch und mystisch zu sagen –, der uns in Tübingen widerfuhr. Ja, Sie haben richtig gelesen, im beschaulichen Tübingen. Am 4. Dezember 2017 fand im Weltethos Institut (WEIT) die Veranstaltung "Klüger Wirtschaften – Welches Wachstum brauchen wir?" statt. Geladen waren Prof. Dr. Edeltraud Günther sowie Prof. Dr. Niko Paech. Wie der Titel bereits nahelegte, drehte sich an diesem Abend alles um die Fragen: "Welches Wachstum brauchen wir eigentlich? Ist vielleicht an einem bestimmten Punkt der ökonomischen Entwicklung weniger unter Umständen tatsächlich mehr?"

Für diejenigen, welche noch nie diesem Veranstaltungsformat beiwohnen konnten, sei hier kurz der Ablauf erklärt. Ausgangspunkt für die Diskussionen bei „Klüger wirtschaften“ sind stets Bücher (an diesem Abend war es das Buch Befreiung vom Überfluss – Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie von Niko Paech) die von einer kompetenten Person kritisch gewürdigt werden (an diesem Abend: Prof. Dr. Edeltraud Günter). Im Anschluss hat der Autor des Buches die Möglichkeit, diese Kritik einzuordnen oder ihr zu widersprechen. Im Anschluss an diese Aussprache versammeln sich die Vortragenden mit Herrn Dr. Bernd Villhauer, dem Geschäftsführer des WEIT (der regelmäßig in der Kolumne Finanz & Eleganz bei uns bloggt), auf dem Podium und diskutierten zuerst miteinander und dann mit den anwesenden Gästen. Und derer gab es genug. Der Saal war brechend voll, sogar vor dem Fenstern – die gekippt sein mussten, damit nicht wie bei einem Rockkonzert nach und nach die Gäste umkippten –, standen Menschen und versuchten der Veranstaltung folgen.

Das Buch Befreiung vom Überfluss – Auf dem Weg in eine Postwachstumsökonomie von Niko Peach (oekom verlag, 2012)

Dieses enorme Interesse an der Frage nach Ziel und Zweck des Wachstums zeigt deutlich, dass es in der Gesellschaft ein großes Interesse an Antworten auf diese gesellschaftlich wichtige Frage gibt. Oder ökonomisch ausgedrückt: Es gibt offensichtlich eine große Nachfrage nach Bildungsangeboten, die das vermitteln, was Bildung leisten soll – zum eigenen Nachdenken zu befähigen, gewohntes in Frage zu stellen und neue Perspektiven auf scheinbar ausweglose Situationen zu eröffnen. Muss man doch zunächst einmal die Situation verstehen in der man steckt, um einen Umgang damit finden zu können.

Insofern kann man die Frage, ob wir ein Defizit an richtiger Bildung haben, klar mit Ja beantworten. Auch der enorme Zuspruch den Niko Paech auf seine Postwachstumsökonomie erfährt, zeigt, dass wir schlicht einfach mehr über das Funktionieren sowie die Implikationen unseres Wirtschaftsmodells wissen müssen, um unsere Situation zu verstehen, und eventuell auch unser Handeln dementsprechend  ändern zu können.

 

Warum man sich an dieser Stelle jedoch noch nicht entspannt zurücklehnen kann und wie der Abend weiterging, verraten wir im nächsten Blogpost. Derweil empfehlen wir Ihnen den Mitschnitt des Abends: "Klüger wirtschaften" mit Prof. Niko Paech: Ist weniger mehr?

Alle wollen nur Dein Bestes oder: Verstehen private Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

Alle wollen nur Dein Bestes oder:

Verstehen private Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

von Bernd Villhauer

Zum Abschluss der Blog-Serie zum Thema „Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt?“ will ich einen Blick auf die nicht-staatlichen Einrichtungen werfen. Mit diesen, beispielsweise den Banken, Versicherungsgesellschaften, Finanzberatern oder Fondsgesellschaften haben wir ja als Konsumenten und Geldbenutzer am häufigsten zu tun – und sind auch am meisten auf sie angewiesen.

 

„I need a hero“ – so tönte Bonnie Tyler vor mehr als 30 Jahren und trug damit zum Soundtrack der neokonservativen Leadership-Debatte der 80er-Jahre bei. Aber die Yuppie-Kultur, die seinerzeit mit Föhnfrisuren, Schulterpolstern und teuren Sneakers einen neuen stolzen Kapitalismus präsentierte, stand einerseits zwar für noble Gesten, andererseits aber für den unzweideutigen Fokus aufs Geldverdienen: „The business of business is even better business“.

Der heldenhafte Erwerbssinn ist ein bisschen aus der Mode gekommen. Zum einen wünscht sich die Mehrheit heute immer mehr moralisch vertretbare Strategien der Renditesteigerung, zum anderen sind die Befürchtungen nicht ganz unberechtigt, dass ein System, in dem jeder nur so schnell wie möglich seinen Schnitt machen möchte, strukturelle Risse bekommt.

Vielleicht müssen es ja aber gar nicht unbedingt Helden sein; wir könnten auch kompetente Berater und verlässliche Dienstleister gebrauchen. Mit Conan, dem Barbaren sprechen wir weniger gerne über unsere Altersversorgung als mit Konrad, dem Sparkassenleiter. Jedenfalls benötigen wir das richtige Wissen und Wollen. Danach wollen wir also bei den privatwirtschaftlichen Finanzakteuren jetzt einmal fragen: welche Kompetenzen bauen sie auf und welche Interessen verfolgen sie?

In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

Es versteht sich, dass bei Banken und anderen Finanzmarktakteuren ungeheure Kenntnisse über alle Markt- und Preisentwicklungen zusammenlaufen. Wessen Überleben von der richtigen Einschätzung der Situation abhängt, der wird sich bemühen, möglichst viel über sie zu erfahren. Und meist haben diese Akteure die technischen und finanziellen Mittel um sich bestmöglich zu informieren. Das ist ja beispielsweise das Geschäftsmodell von Bloomberg. 1981 gegründet, um den Informationsbedarf von Investmentbanken zu stillen (das Bloomberg Terminal, ein Datenmonitor, der über die Aktienmarktentwicklung informiert, gehört heute noch zur Standardausstattung), hat sich das Unternehmen zu einem der größten Medienkonglomerate der Welt entwickelt. Information ist ein unverzichtbarer Grundstoff für die Finanzindustrie. Jeder privatwirtschaftliche Finanzakteuer muss also Marktinformationen anhäufen. Aber ist das schon Wissen im Sinne von Einschätzungsvermögen und Bildung, im Sinne eines profunden Sich-Auskennens auch über die Rahmenbedingungen des Marktes, die politischen, juristischen, aber auch psychologischen Gesetzmäßigkeiten? Man kann das angesichts katastrophaler Fehlentscheidungen von Geldhäusern mit riesigen Research-Abteilungen bezweifeln. Oft wundern wir uns, wie dumm die Schlauen agieren. Das wäre also ein erster wichtiger Punkt: aktuelle Informationen sind manchmal gar nicht so wichtig bzw. sie benötigen Einordnung und die richtige Interpretation. Aber wir sollten auch im Blick behalten, dass wir hier von einem ungeheuer komplexen Geschehen sprechen – Milliarden von Tatsachen, unübersehbar viele Faktoren, hohe Geschwindigkeiten … Der Finanzmarkt ist kein Ponyhof.

Ein Phänomen trägt dazu bei, dass wir die Erkenntnisse der privaten Akteure wahr- und ernstnehmen sollten: das Lernen wider Willen. Die Menschen, deren Gehalt davon abhängt, ob sich ihre Institutionen über Wasser halten können, müssen in alle Richtungen schauen und sie müssen alle dunklen Ecken ausleuchten. Dass große institutionelle Anleger langsam aber sicher beginnen, von der Kohlenstoffwirtschaft Abschied zu nehmen, das hängt mit ihrer Vernetztheit und ihrer informierten Prognosefähigkeit zusammen, nicht unbedingt davon, dass ihnen die Blumen leid tun. Das Lernen wider Willen – es ist in der Privatwirtschaft manchmal verbreiteter als im öffentlichen Raum oder in der Wissenschaft. Ein Professor der Wirtschaftswissenschaften wird weiter bezahlt, auch wenn er veraltete Thesen über Marktgleichgewichte, die Wirkungen der Geldillusion oder den homo oeconomicus wiederkäut. Wirtschaftspolitiker werden nicht abgesetzt wenn sie die Entwicklung des Goldpreises nicht kennen, den Schuldenstand falsch angeben oder behaupten, man könne Mietpreise per Gesetz festlegen. Aber in der Privatwirtschaft schlagen Fehleinschätzungen unbarmherzig auf den Einschätzer zurück. Klugheit ist hier erwünscht, Kompetenz kein Standortnachteil. Die Frage ist noch, wie uns das als Bürger und Konsumenten nützt. Ich will ein Beispiel geben …

(Achtung! Im folgenden wird ein US-amerikanisches Unternehmen der Finanzbranche zurückhaltend positiv beschrieben. Das könnte bei einigen Leserinnen und Lesern Gefühle verletzten. Bitte springen Sie in diesem Fall gleich zum letzten Absatz.)

Dreimal Lob für die Fondsgesellschaft Vanguard:

  1. John Bogle, der Gründer von Vanguard, erfand den Indexfonds, der nicht in einzelne Aktien investiert, sondern einen ganzen Index (wie den Dax) reproduziert. Als ETF ist dieses Produkt zum großen Gewinner der letzten Jahre geworden, auch weil die Kosten für den Anleger viel niedriger sind – und es nachweislich nur in den seltensten Fällen möglichst ist, den Markt zu schlagen und über dem Index zu „performen“. Nun kann man natürlich auch Kritisches über diese Anlageprodukte sagen, aber halten wir einfach mal fest: Marktkenntnisse wurden von einem Marktakteur genutzt, um einfacher Leute Geld zu sparen, für Transparenz zu sorgen (und selbst gut zu verdienen).
  2. Im September 2016 publizierte Vanguard eine vielbeachtete Studie, die zu dem unangenehmen Ergebnis kommt, dass Privatanleger durchschnittlich von der langjährig durch Aktienanlagen realisierbaren Marktrendite von acht bis neun Prozent im Jahr vor Kosten durch schädliche Aktivitäten (wie Umschichtungen) circa drei Prozentpunkte pro Jahr verspielen. Sie arbeiten also gegen sich selbst. Die Studie ist nicht nur hilfreich, um sich selbst klar zu machen, dass oft weniger mehr ist („Hin und her macht Taschen leer“), sie zeigt auch auf dichter und tiefer Informationsgrundlage, warum die ruhige Hand von kompetenten Beratern helfen kann.
  3. Vanguard ist genossenschaftlich organisiert, selbst nicht an der Börse notiert und betreibt seine Fondsentwicklung in Eigenregie. Auch das ist ein kleines, aber feines Detail, das Geld spart. Oft geben die Fondsgesellschaften nämlich diese Geschäfte nach außen und zahlen dann (beziehungsweise lassen die Kunden bezahlen) für den Service. Hier kommen also Marktkennnisse und Kundenorientierung zusammen.

Warum diese Werbeeinblendung für eine Firma, die von sich sagt „We are not Wall Street, we serve Main Street“ – und dennoch zu den ganz Großen gehört? Weil Vanguard eine gutes Beispiel dafür ist, dass in diesem Markt für und gegen die Kunden (die Umwelt, die Moral …) gelernt werden kann. Es zeichnet die privaten Akteure aus, dass sie flexibel sein können. Beobachten wir doch, ob sie auch geistig flexibel oder nur steuerlich flexibel sind. Wenn wir verstehen, warum Lernprozesse ablaufen und welche Art Kompetenz damit aufgebaut werden soll, dann können wir auch entscheiden, ob uns die ganze Schlauheit und Informiertheit etwas nützt – oder ob wir sie nicht mit einem Quentchen altmodischer Weisheit und Menschlichkeit versetzen wollen. Und das erfordert noch nicht mal Heldenmut.

 

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 27.07.2017

 

 

 

Teil 1: Versteht die Wissenschaft eigentlich den Finanzmarkt?

Teil 2: Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?

Teil 3: Verstehen öffentliche Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

Teil 4: Verstehen private Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

 

 

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agora42 ist das philosophische Wirtschaftsmagazin und erscheint seit 2009 im Eigenverlag in Stuttgart. Alle drei Monate veröffentlichen wir ein neues Themenheft. Dabei widmen wir uns den großen Fragen der Ökonomie, wie etwa Freiheit, Wachstum, Fortschritt, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit u.v.m. Anspruchsvoll, aber trotzdem verständlich lassen wir Denker und Praktiker zu Wort kommen, die meist nur in ihren speziellen Fachkreisen gelesen werden – aber deren Erkenntnisse für alle Menschen von Bedeutung sind.

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Finanz & Eleganz: Verstehen öffentliche Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

Finanz&Eleganz

Gemeinwohl und Staatsfilz oder:

Verstehen öffentliche Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

von Bernd Villhauer

 

Die Finanzmarktakteure, die nicht in privater Hand sind, stellen einen wesentlichen Faktor im Finanzwesen dar. Und genau diese sollen heute im Mittelpunkt stehen, in der dritten Folge der Blog-Serie zum Thema „Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt?“ Die Wissenschaft und die Presse haben wir schon angesehen – und nun wollen wir jene Finanzinstitutionen würdigen, die wir alle über Steuergelder mitfinanzieren.

 

Menschen wollen vertrauen. So sind sie nun mal, die Humanoiden – ihr Zusammenleben ist nur möglich, wenn sie ein Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen aufbringen. Das hat sich evolutionär bewährt. Ein bekanntes Bonmot teilt uns mit, dass der Affe, der den Ast verfehlt hat, nicht zu unseren Vorfahren gehört. Aber auch der Affe, der die Kooperation verweigerte, dürfte wenig Nachkommen gehabt haben. Wenn er (oder sie) weder Vertrauen stiften noch solches entgegenbringen konnte, dann war das eine klägliche Existenz, in der Sprache von Thomas Hobbes: „solitary, poor, nasty, brutish, and short.“

Aus den Versammlungsplätzen der Affenhorde unter zentralafrikanischen Bäumen sind die Börsenparketts geworden – und auch hier gilt: ohne Vertrauen kein Zahlungsmittel, keine Transaktion, kein Wertspeicher, keine Asset-Verwaltung. Besonders wichtig ist dies bei den öffentlichen Einrichtungen, die mit Fragen des Finanzmarktes befasst sind. Wenn wir den Informationen, die von solchen Einrichtungen ausgehen, nicht mehr trauen können – wem dann?

 

affe

"Aus den Versammlungsplätzen der Affenhorde unter zentralafrikanischen Bäumen sind die Börsenparketts geworden."

 

Aber beginnen wir mit der Frage: Was sind eigentlich Finanzinstitutionen in öffentlicher Hand?

Grundsätzlich kann unterschieden werden zwischen den Institutionen, die im Markt agieren und Finanzdienstleistungen zu Marktbedingungen anbieten (wie Förderbanken) und denen, die den Markt gestalten, indem sie z.B. Prüfungs- und Kontrollfunktionen wahrnehmen (wie Finanzaufsichtsbehörden) oder die Marktgrundlagen definieren (wie Finanzministerien).

Diese Grobunterscheidung lässt sich dann noch mit räumlichen Größenordnungen ergänzen: global (Weltbank; Internationaler Währungsfonds), europäisch (Europäische Zentralbank; Europäische Investitionsbank), national (Banken in öffentlicher Hand; Aufsichtsbehörden) oder regional (Landes-, Stadt- oder Gemeindeeinrichtungen).

Aus ihrer Rolle im Markt oder ihrem Verhältnis zum Markt ergeben sich einerseits die spezifischen Kompetenzen, aber auch die besonderen Interessen. Was wollen die Herrschaften hinter den Kulissen eigentlich? Je nachdem, wie die Rolle im finanzökonomischen Prozess aussieht, werden sie über bestimmte Kenntnisse und / oder Einflussmöglichkeiten verfügen.

Die Weltbank beispielsweise hat einen großen und mächtigen Anteilseigner, die USA, der viele Jahre dafür sorgte, dass die ordnungspolitischen Vorstellungen aus Washington umgesetzt wurden. Bei den Amerikanern liegt auch der größte Stimmrechtsanteil, nämlich augenblicklich 15,85 %. Im Jahre 2016 kritisierten zahlreiche Mitarbeiter der Weltbank, dass die Führungsposten nicht nach Kompetenz besetzt wurden, sondern nach Proporz – Hauptsache weiße Amerikaner geben den Ton an. Aber das ist kein exklusives Problem internationaler Organisationen: wie viele örtliche Sparkassen wurden schon in Gefahr gebracht weil für Ortsbürgermeister Kuno, den verdienten Parteisoldaten, noch ein Pöstchen gefunden werden musste?

„Öffentlich“ ist also nicht gleich „öffentlich“ – und bei jeder Einrichtung lohnt ein Blick auf die Machtverhältnisse, die die ökonomischen Experten zum Tanzen (oder zum Schweigen) bringen. Denn der Sachverstand, die Expertise steht eben nicht im luftleeren Raum, sondern folgt politischen Zwängen.

 

Sehen Sie sich genau an, wer die Einrichtung trägt, finanziert und besetzt – dann werden die Expertenpapiere und Stellungnahmen schon verständlicher.

 

Das wäre die erste Botschaft, die ich vor dem nächsten Schluck Tee gerne unterbringen würde: Sehen Sie sich genau an, wer die Einrichtung trägt, finanziert und besetzt – dann werden die Expertenpapiere und Stellungnahmen schon verständlicher.

villhauer

In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

Gesehen und verstanden wird nur, was den eigenen Zielen dient und im eigenen institutionellen Horizont sinnvoll ist. So wie die Weltbank von den großen Industrieländern dominiert ist – und eine Politik betreibt, die Entwicklungs- und Schwellenländern mehrfach schlecht bekam, so haben sich die lokalen Finanzeinrichtungen in öffentlicher Hand immer schwer getan, globale Märkte einzuschätzen. Das „stupid German money“, das in den Jahren vor der Finanzkrise in allerlei seltsame US-Finanzprodukte floss, kam oft über die lokalen Banken aus deutschen Gemeinden. Und dahinter steht nicht böser Wille. Es wird einfach gar keine Expertise aufgebaut, die anderen Zielen dienen könnte als denen, die man so gut kennt.

Bei den öffentlichen Einrichtungen dürfen wir uns also fragen: Welche Ziele verfolgen sie und welche Art von Kompetenz bauen sie dazu auf? Die Zielkonflikte und Wissensasymmetrien entscheiden darüber, ob glaubwürdig und hilfreich informiert wird.

Ein weiteres Problem muss aber noch angesprochen werden (meine zweite Botschaft): schlaue junge Leute, die die entsprechenden Ausbildungs- und Studiengänge absolviert haben, strömen nicht unbedingt in Behörden und Einrichten mit öffentlicher Trägerschaft. Und der Staat hat so oft nicht die Möglichkeiten, High Potentials zu formen und zu fördern. So kommt es, dass einigen wenigen mäßig bezahlten Beamten und Angestellten ganze Stäbe gut ausgebildeter Juristen oder Finanzwissenschaftler gegenüberstehen, die bei Sachverstand und Eloquenz in einer anderen Liga spielen. Der Brain Drain, der meist zuungunsten der öffentlichen Hand verläuft, verschafft den Banken und Fonds, den Finanzdienstleistern und Vermögensverwaltern das benötigte Personal. Das kann man schön daran ablesen, wann und wie profitable Lücken geschlossen werden. Wie lange hat es nochmal gedauert bis die CumEx-Geschäfte, bei denen durch kreative Dividendenverrechnung Steuern gespart wurden, beendet wurden. Moment mal – sie wurden ja gar nicht beendet!

Und so gibt es einige Beispiele für Wettrennen zwischen Roller und Rolls Royce – zwischen kleinen Gruppen in den Behörden, die möglichst nicht zu viel Staub aufwirbeln sollen und vielen hochbezahlten Spezialisten.

Wie können wir als ganz normale Finanzbürger uns also über öffentliche Stellen informieren lassen und was sollten wir beachten? Sorgen die öffentlichen Einrichtungen dafür, dass wir ermächtigt und ertüchtigt werden und uns ein eigenes Urteil bilden können? Weisen sie auf die Gefahren hin, die ein so dynamischer Raum wie der des Finanzmarkts, immer birgt?

 

Die Finanzinstitutionen in öffentlicher Hand liegen in Wirklichkeit in ganz verschiedenen öffentlichen Händen.

 

Die Finanzinstitutionen in öffentlicher Hand liegen in Wirklichkeit in ganz verschiedenen öffentlichen Händen. Nicht alle sind sauber und nicht alle können gut jonglieren. Die Auge-Hand-Koordination lässt manchmal zu wünschen übrig, von der Gehirn-Hand-Koordination ganz zu schweigen. Sachverstand ist gewiss vorhanden, wenngleich oft sehr viel weniger als in den privaten Institutionen. Nur wenn wir die Expertise von verschiedenen Seiten nutzen, wenn die Stellungnahmen der nationalen Regulierer mit denen der globalen Investierer und Spekulanten zusammengelesen werden und dann noch kräftig durch die ideologiekritische Prüfung gekämmt wurde, dann können wir anfangen, Vertrauen zu fassen. Die Weisheit der Affenhorde gilt aber immer noch: Wer zu früh vertraut, bleibt dumm, wer zu spät vertraut, bleibt einsam.

 

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 03.05.2017.

 

 

 

Teil 1: Versteht die Wissenschaft eigentlich den Finanzmarkt?

Teil 2: Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?

Teil 3: Verstehen öffentliche Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

Teil 4: Verstehen private Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

 

 

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