Finanz & Eleganz: Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt?

Finanz&Eleganz

Gemäldeausstellungen für Blinde oder:

Versteht die Wissenschaft eigentlich den Finanzmarkt?

Die Zeit der Aus­ken­ner scheint vor­bei zu sein. Wur­den frü­her die Ein­schät­zun­gen von Pro­fes­so­ren und Dok­to­ren, die als „Exper­te für…“ von Fern­seh­sen­dern oder Zei­tun­gen befragt wur­den, ernst genom­men, so wird ihrem Urteil mitt­ler­wei­le mit Skep­sis oder sogar Ableh­nung begeg­net. Und eini­ge poli­ti­sche Bewe­gun­gen schrei­ben sich sogar bewusst den Pro­test gegen die klas­si­schen Wis­sen­s­eli­ten und die „Insi­der“ auf die Fah­nen.
Zu vie­le fal­sche Pro­gno­sen, zu viel offen­sicht­lich von sub­jek­ti­ven Mei­nun­gen gesteu­er­tes Hintergrund“wissen“, zu viel Eitel­keit und Wich­tig­tue­rei haben das Image der Bil­dungs- und Aus­bil­dungs­eli­ten geschä­digt. Aber auch wut­bür­ger­li­cher Stolz auf authen­ti­sche Refle­xi­ons­ver­wei­ge­rung und ehr­li­cher Unver­stand haben viel ver­än­dert. Beson­ders in den Debat­ten, die die Gemü­ter bewe­gen, an denen Herz und Ver­stand glei­cher­ma­ßen betei­ligt sind, nimmt der Anteil der „gesi­cher­ten Erkennt­nis­se“ und der aner­kann­ten Wahr­hei­ten eher ab. An der wich­ti­gen Schnitt­stel­le zwi­schen Fach­dis­kurs und brei­te­rer Öffent­lich­keit macht sich der Spalt­pilz breit, der Ideo­lo­gie­ver­dacht, Auf­trags­for­schung und „Lügen­pres­se“ zusam­men­bringt und selbst­be­wusst bekennt: „Ich glau­be nur an die Sta­tis­tik, die ich selbst gefälscht habe.“

Wie sieht es denn eigent­lich bei den Finan­zen aus? Gibt es denn wenigs­tens hier, wo Serio­si­tät und kon­ser­va­ti­ve Sach­lich­keit als Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten betrach­tet wer­den, noch ech­te Exper­ten, deren Ein­schät­zun­gen man glau­ben kann und die uns einer­seits Wis­sen, aber ande­rer­seits auch Ori­en­tie­rung ver­mit­teln?
Gleich zu Beginn ein­mal mei­ne Mei­nung dazu: ja, es gibt die­se Exper­tin­nen und Exper­ten – aber lei­der nicht da, wo wir sie ver­mu­ten. Und ich brau­che dies­mal meh­re­re Blogs, um das aus­zu­füh­ren.

Der Über­sicht­lich­keit hal­ber hier ein­mal die Berei­che, die ich mir in den nächs­ten Bei­trä­gen anse­hen will:
- Wis­sen­schaft
- Medi­en
- Finanz­in­sti­tu­tio­nen (öffent­lich)
- Finanz­in­sti­tu­tio­nen (pri­vat)

 

Der wissenschaftliche Blick auf den Finanzsektor

Kom­pe­tenz­auf­bau und -aus­bau soll­te an den Hoch­schu­len und For­schungs­ein­rich­tun­gen statt­fin­den. Hier müss­ten wir doch eigent­lich die­je­ni­gen tref­fen, die uns über Akti­en­märk­te, Bör­sen­ge­sche­hen und Kapi­tal­ver­kehr am bes­ten auf­klä­ren. Und tat­säch­lich fin­den wir Lehr­stüh­le für Finanz­wis­sen­schaft und Finanz­ma­the­ma­tik, für Bank- und Kre­dit­wirt­schaft, für Finan­ci­al Manage­ment and Capi­tal Mar­kets, sogar für Entre­pre­neu­ri­al Finan­ce u.ä. Und beim Gespräch mit den Inha­be­rin­nen oder Inha­bern sol­cher Lehr­stüh­le stellt man schnell fest, dass dar­un­ter vie­le ange­neh­me und intel­li­gen­te Men­schen sind.
Aller­dings tau­chen sie in der Öffent­lich­keit kaum oder zu wenig auf – und wenn sie es tun, dann spre­chen sie in unver­ständ­li­cher Spra­che über hoch­abs­trak­te Pro­ble­me. Ger­ne kon­zen­trie­ren sie sich zudem auf ihre Spe­zi­al­fra­gen. Denn eine Vor­aus­set­zung für den Erfolg in der aka­de­mi­schen Welt ist: Spe­zia­li­sie­rung. Das Erfolgs­mo­dell ist die wis­sen­schaft­li­che Ich-AG mit kla­rem Pro­fil und über­schau­ba­rem Pro­dukt­an­ge­bot. Der wis­sen­schaft­li­che Ban­ken­ken­ner also spricht nicht über Risi­ko­ka­pi­tal, der Port­fo­lio-Spe­zia­list hält sich bei der Wäh­rungs­po­li­tik zurück; wer Ven­ture Capi­tal ver­steht, der kapi­tu­liert vor Deri­va­ten.

Im Dritt­mit­tel­wett­be­werb wird die­ser stra­te­gi­sche Autis­mus, dann ger­ne mit Buz­zwor­ds aus­ge­klei­det, die Unver­ständ­lich­keit mit Rele­vanz­be­haup­tun­gen der all­ge­meins­ten Art kom­bi­nie­ren. Die Antrags­pro­sa der Finanz­wis­sen­schaft­ler ist eben – unge­ach­tet man­cher Selbst­dar­stel­lun­gen – auch nicht sub­stanz­hal­ti­ger als die neu­es­te geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Groß­tat, die das „Frem­de im Eige­nen als Grenz­grö­ße expres­sio­nis­ti­scher Dra­men“ oder die Natur­ly­rik islän­di­scher Links­hän­der erkun­det.
Aller­dings müs­sen die haupt­amt­li­chen Finanz­ken­ner noch mit einem zusätz­li­chen Han­di­cap arbei­ten: dem Mathe­ma­tik-Man­tra. Alle sind sie in der Spra­che der Mathe­ma­tik erzo­gen wor­den und die Gren­zen die­ser Spra­che sind die Gren­zen ihrer Welt. Die Finanz­welt, so ihr Cre­do, besteht aus Glei­chungs­sys­te­men, sto­chas­ti­schen Lehr­sät­zen und For­meln, nicht aus Men­schen, Märk­ten oder gar Moral. Mathe­ma­ti­sie­rung führt aber nicht immer zur Sach­lich­keit. So zu tun, als sei die Wirt­schafts­wis­sen­schaft eine Natur­wis­sen­schaft, ver­rät nur, dass man von der Natur der Wirt­schaft kei­ne Ahnung hat.

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

In der Finanz­wirt­schaft geht es not­wen­di­ger­wei­se auch um Algo­rith­men, Sta­tis­tik und Wahr­schein­lich­keits­rech­nung, um Zin­ses­zins und Kos­ten­rech­nung. Aber zu den mathe­ma­ti­schen Gesetz­mä­ßig­kei­ten kommt das wei­te Feld mensch­li­cher Schön­heit und Wirr­heit, der irra­tio­na­le Über­schwang eben. Die­ser hat ver­hin­dert, dass die mathe­ma­tisch ori­en­tier­ten Finanz­wis­sen­schaft­ler über die gro­ßen Auf- und Abschwün­ge sowie über die Finanz­kri­sen etwas Ande­res sagen konn­ten als „Oh!“
Robert Shil­ler hat auf die Selbst­über­schät­zung mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­ter Finanz­ex­per­ten immer wie­der hin­ge­wie­sen und er hat mit Keynes und Schum­pe­ter star­ke Unter­stüt­zer.

Wis­sen­schaft­li­che Aus­sa­gen über Finanz­märk­te sind mög­lich – über ihre his­to­ri­sche Ent­wick­lung (Finanz­ge­schich­te), über die Bere­chen­bar­keit ein­zel­ner Men­gen und Fak­to­ren (Finanz­ma­the­ma­tik), über die Dyna­mik zwi­schen den Akteu­ren (Finanz­so­zio­lo­gie), über Model­le zum bes­se­ren Ver­ständ­nis (Finanz­theo­rie) und so wei­ter und sofort – aber nur bei einer Ver­ei­ni­gung die­ser ver­schie­de­nen Wis­sens­be­rei­che, bei einem Zusam­men­den­ken über Kon­ti­nen­te und Mee­re der Finanz­welt hin­weg, kön­nen wir etwas ver­ste­hen und kön­nen auf der Grund­la­ge die­ses Ver­ständ­nis­ses ver­ständ­li­che Aus­sa­gen ent­wi­ckeln, die auch für den inter­es­sier­ten Lai­en Bedeu­tung haben. Die aktu­el­le Form der Wis­sen­schaft macht es jeden­falls unwahr­schein­lich, dass wir in den Uni­ver­si­tä­ten auf die rich­ti­gen Gesprächs­part­ner tref­fen. Und das hat Fol­gen für die Gesamt­ge­sell­schaft.
Eine aktu­el­le Umfra­ge unter je 1000 Teil­neh­mern aus Öster­reich, Bel­gi­en, Frank­reich, Deutsch­land, Ita­li­en, den Nie­der­lan­den, Por­tu­gal, Spa­ni­en, der Schweiz und dem Ver­ei­nig­ten König­reich über die Finanz­kom­pe­tenz der Durch­schnitts­bür­ger hat­te zum Ergeb­nis, dass im Gesamt­ran­king die Deut­schen zwar auf Platz 2 lan­de­ten (die Fran­zo­sen – mon Dieu – auf dem letz­ten Platz), aber den­noch waren die Ergeb­nis­se ernüch­ternd. Die Pro­ble­ma­tik der Risi­ko­streu­ung („Nie­mals alle Eier in einen Korb legen!“) war nicht prä­sent, die wesent­li­chen Finanz­pro­duk­te bes­ten­falls sche­men­haft erkannt. Die Lei­te­rin die­ser Stu­die (“When will the Pen­ny Drop: Money, finan­ci­al liter­acy and risk in the digi­tal age”), Prof. Anna­ma­ria Lusar­di, Pro­fes­so­rin an der Geor­ge Washing­ton Uni­ver­si­tät, plä­diert dafür, Finanz­wis­sen in der Schu­le zu leh­ren und jun­gen Men­schen die Aus­wir­kun­gen ihrer Ent­schei­dun­gen auf das all­täg­li­che Leben zu ver­deut­li­chen. Denn gera­de die­je­ni­gen, die jün­ger als 35 Jah­re sind, haben beson­ders gerin­ge Finanz­kennt­nis­se.

Nur wenn der Wis­sens­trans­fer von den Hoch­schu­len zu den zukünf­ti­gen Leh­rern funk­tio­niert, gibt es hier aber Chan­cen. Und nur wenn Finanz­wis­sen in ver­ständ­li­cher (und womög­lich ele­gan­ter) Form für alle ver­füg­bar ist, dann kann auch kri­tisch dar­über dis­ku­tiert wer­den. Hier kom­men nun die Medi­en ins Spiel und wir wol­len beim nächs­ten Mal anse­hen, ob Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, Fern­seh- und Radio­sen­der sowie Inter­net­ka­nä­le und Soci­al Media ihrer Ver­ant­wor­tung gerecht wer­den. Gibt es Finanz­ex­per­ten in den Medi­en – die ihren Stoff ken­nen und ver­ständ­lich dar­stel­len?
Wir wer­den sehen…

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 10.02.2017.

 

Teil 1: Ver­steht die Wis­sen­schaft eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 2: Ver­ste­hen die Medi­en eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 3: Ver­ste­hen öffent­li­che Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 4: Ver­ste­hen pri­va­te Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanz­markt?