Finanz & Eleganz: Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?

FFN – Finance Fake News oder:

Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?

von Bernd Villhauer

Berichte über die Finanzwelt werden in den hiesigen Medien unter drei Buchstaben abgehandelt: D, A und X. Der Deutsche Aktienindex, übrigens ein Produkt und eine eingetragene Marke der Deutsche Börse AG, repräsentiert die Aktienkurse der 30 wichtigsten deutschen Unternehmen, die nach bestimmten Kriterien (Gesamtwert der Anteile / Häufigkeit und Volumen des Handels mit diesen Anteilen) ausgewählt werden. In der augenblicklichen Zusammensetzung finden sich in ihm beispielsweise je neun Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen und Bayern aber nur eines aus Hamburg und keines aus den östlichen Bundesländern – was schlagartig ein Bild der deutschen Wirtschaftslandschaft liefert, aber eben auch nur einen Teil beleuchtet. So ist das starke Wirtschaftsland Baden-Württemberg nur mit 3 Unternehmen vertreten, weil hier die mittelständische, oft gar nicht börsennotierte Wirtschaft eine Rolle spielt.

Bernd Villhauer
In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

Dennoch wird der DAX vielfach ganz selbstverständlich als Gradmesser der wirtschaftlichen Entwicklung und der Verhältnisse auf dem Finanzmarkt gehandelt. Warum? Weil das so schön einfach ist und weil der DAX immer Nachrichten liefert. Er macht ja ganz unerhörte Dinge: er „stürzt“ oder „rast“, er „taumelt“ und „schreckt zurück“ oder er „peilt an“ und „scheitert“. Das kann er natürlich alles gar nicht – aber es macht sich gut in den Nachrichten weil Investoren, Anleger oder Aktienbesitzer mit ihm stürzen, rasen, taumeln, zurückschrecken, anpeilen und scheitern. Der Index liefert Stories und Stories brauchen die Medien. Was ist dabei das Wesentliche? Eine Story hat eine Handlung, beschreibt Veränderungen. Es muss sich etwas tun, damit eine Meldung erscheinen kann. Ohne Veränderung keine Tageszeitung. Wozu auch?

Selbstverständlich wäre es ungerecht, „die“ Medien über einen Kamm zu scheren: Zeitungsartikel, Fernsehsendungen, Talk-Shows, Radio-Interviews, Journale und Zeitschriften, Internet-Informationsdienste oder Blogs – tausend verschiedene Ansprüche und Kommunikationsstrategien… Aber es gilt dennoch: der Nachrichtenwert lebt von der Veränderung und zwar am besten von einer, die Menschen auf sich beziehen können. „Human Interest“ plus neues Ereignis – ohne diese Zutaten kommt kein Medienvertreter lange aus. So wurden die Vorgänge am Finanzmarkt oft spannend und nachvollziehbar dargestellt (wenn Journalisten ihr Handwerk verstehen). Aber was erklären die Vorgänge überhaupt? Was sehen wir, wenn wir nur Bewegungen sehen? Zu oft geraten dann Strukturen und Institutionen aus dem Blick. Dass der DAX steigt oder fällt, das wird erkannt, aber was der DAX genau ist und wie er sich zu anderen Indices verhält, das bleibt gerne im Dunkel. So ist zum Beispiel wichtig, dass wir beim DAX meist den Performance-Index, nicht aber den Kurs-Index sehen. Von Bedeutung ist das deshalb, weil im Performance-Index Dividenden mitgezählt werden, während sie beim Kurs-Index unberücksichtigt bleiben. Man kann durchaus fragen, was aussagekräftiger und/oder manipulationsanfälliger ist.

In den Massenmedien spielen solche Differenzierungen oft keine Rolle. Aber es gibt ja noch andere Medien, die sich mit Finanzen beschäftigen. Was hätten wir da?
Zum einen gibt es „Anlegermagazine“, die über Finanzprodukte, über Aktien, Fonds, Anleihen, Zertifikate berichten unter dem Gesichtspunkt „Wie verwalte ich mein Vermögen?“ Das gibt es in der langfristigen und wertorientierten Variante mit durchdachten Strategien, aber auch als schrille „Morgen bis Du Millionär“-Variante. Hier sind die Übergänge fließend zu unsäglichen Mailversendern, die immer todsichere Tipps haben. Da geht es dann nur noch um „Kursraketen“, um das „nächste Google“ und „Jahrhundertchancen“. Realsatire garantiert!
Dann gibt es noch die solide Ratgeberliteratur, vorbildlich verkörpert durch „Finanztest“, herausgegeben von der Stiftung Warentest und mit 1,3 Millionen monatlichen Lesern das erfolgreichste deutsche Wirtschaftsmagazin. Das muss man sich immer vor Augen halten: von allen Finanz- und Wirtschaftsmedien wird ein Blatt am meisten gelesen, das keine Anzeigen enthält, bieder und genau informiert (wenn man sich nicht gerade mal bei der Riester-Rente verrechnet) und tatsächlich das Wohl der Bürger im Blick hat – wenngleich es in der Aufmachung oft mehr am Amtsblatt Kleinweser orientiert ist. Garantiert unsexy, völlig unspekulativ und knochentrocken: ein deutscher Traum.

Mehr Glamour bieten Wirtschaftsmagazine wie „Capital“, „Wirtschaftswoche“, „Manager Magazin“, „Impulse“, „Euro“ und ähnliche. Sie ähneln sich darin, dass sie Börse und Finanzwelt oft als Mittel zum Zweck und in ihrer Funktion für die „Realwirtschaft“ sehen. Das ist lobenswert wenn man von der dienenden Funktion der Finanzwirtschaft fest überzeugt ist, führt aber oft nicht bis zu dem Einblick in die Finanzwelt als solche. Die „wirkliche Wirtschaft“ ist ja auch so viel interessanter – Drehmaschine schlägt Dollar Swap. Gibt es etwas medial Darstellbares jenseits von „Mensch, soviel Geld!“ oder „Die sollen sich um Kredite für den Mittelstand kümmern!“?
Für die Finanzwelt an sich gibt es natürlich Spezialorgane, für die aber wiederum das gilt, was ich schon zu den Wissenschaftlern gesagt habe: Unverständliche Seriosität zu Teilproblemen von Teilproblemen. Warum wird nicht einmal im Monat in einer seriösen Tageszeitung ein verquaster Fachartikel sachkundig reformuliert? So manche Welle wäre früher gesurft worden, so manche Krise hätte nicht nur Sprachlosigkeit hinterlassen.

Denn von den Medien sollte doch die wichtige Vermittlungsarbeit geleistet werden – wenn das Fachwissen vorhanden ist und wenn der unabhängige Blick nicht nur auf Events gerichtet ist. Würde öfter einmal über ein Ereignis ein Problem erklärt, anhand einer Innovation eine Institution, dann wäre die demokratische Aufgabe des Journalismus auch im Reich des Geldes besser erfüllt. Doch das geschieht selten und die digitalen Medien machen wenig Hoffnung auf Besserung, da sie die Szene entweder in viele kleine Teilszenen aufsplittern und für jeden etwas bieten oder reine Auftragsarbeit machen.
Dass und wie sich die Medienlandschaft verändert, trägt eben zur dürftigen Finanzdarstellung bei. Damit meine ich gar nicht Tragödien wie das Scheitern der „Financial Times Deutschland“, einer hervorragenden Zeitung, die 2000 bis 2012 existierte und nie profitabel arbeitete. Das klassische Geschäft der Printmedien ist mittlerweile ohnehin schwieriger (um gegen Ende freundlich zu formulieren). Immer öfter verdient man sein Geld über Events und Sonderausgaben, nicht durch die anzeigenabgesicherte Tagesarbeit. Ein Eventbericht über fünf Prominente, von denen ruhig die Hälfte ex-prominent sein darf, nimmt mehr Platz ein als ein solider Hintergrundartikel. Es wird diskutiert statt informiert und gewimmert statt gewichtet. Die Sensationsgetriebenheit und die Konzentration auf Neues erschwert den langen Atem.

Wenn Journalisten den Blick für das Wesentliche schärfen, dann kommen wir aus dem Dauergewoge von Scheininformationen heraus. Dann sehen wir Leser, dass die vielen Wellen zusammen ein Meer ergeben. Dieses Meer kann man nur mit vergehender Zeit als Ganzes erkennen. Dazu ist aber ein ruhiger Blick notwendig. Eleganz braucht ruhige Gelassenheit.

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 27.02.2017.

Teil 1: Versteht die Wissenschaft eigentlich den Finanzmarkt?
Teil 2: Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?
Teil 3: Verstehen öffentliche Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?
Teil 4: Verstehen private Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?