Gefährliche Liebschaften – Selbstverwirklichung als Social Fracking

Thank God It’s Fri­day! Und weil ein Wochen­en­de ohne Lese­stoff nur halb so schön ist, kommt hier ein beson­de­res Schman­kerl:

 

Ralf Damitz

von Ralf M. Damitz

 

Als Max Weber 1917 in der Mün­che­ner Buch­hand­lung Stei­ni­cke sei­nen berühm­ten Vor­trag „Wis­sen­schaft als Beruf“ hielt, ende­te er mit einer nietz­schea­nisch anmu­ten­den Emp­feh­lung für die dort größ­ten­teils anwe­sen­den jun­gen Stu­den­ten: Jeder müs­se den „Dämon“ fin­den, so die pathe­ti­schen Schluss­wor­te, „der sei­nes Lebens Fäden hält“. In die­ser kur­zen For­mel steckt ein Pro­gramm zur Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und es scheint aktu­el­ler denn je. Viel­leicht aller­dings in ande­rer Hin­sicht, als es der Zeit­geist heu­te vor­sieht: Es geht um das pre­kä­re Ver­hält­nis von Erfolg und Schei­tern im Kapi­ta­lis­mus der Gegen­wart.

Zunächst ein kur­zer Rück­blick. Sei­nen „Dämon“ zu fin­den, das ziel­te für Weber auf exis­ten­zi­el­le Fra­gen in tur­bu­len­ten Zei­ten; dar­auf, wie und wonach man leben sol­le und was man als Per­son dar­stel­le. Tra­di­tio­nell war es Sache theo­lo­gi­scher Sys­te­me gewe­sen, sol­che Fra­gen zu beant­wor­ten. In der moder­nen Welt ist Weber zufol­ge aller­dings kein Platz mehr für reli­giö­se Letzt­be­grün­dun­gen. Obwohl Weber sei­ne Zeit dadurch geprägt sah, dass „die alten Göt­ter“ nach wie vor prä­sent waren, dass aller­lei Pro­phe­ti­en und Ideo­lo­gi­en ihren Kampf um die Köp­fe der Men­schen führ­ten, war für ihn glei­cher­ma­ßen klar, dass vom ange­bro­che­nen 20. Jahr­hun­dert eine Absa­ge an reli­giö­se Heils­ver­spre­chen zu erwar­ten ist. Kein Pro­phet, ganz gleich, ob theo­lo­gi­scher oder poli­ti­scher Her­kunft, kön­ne auf Fra­gen der Lebens­ge­stal­tung abschlie­ßend ant­wor­ten. Der moder­ne Kapi­ta­lis­mus, so Webers The­se in sei­nem Buch Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik und der Geist des Kapi­ta­lis­mus, habe reli­giö­sen Vor­stel­lun­gen der Lebens­füh­rung ihre Wur­zeln genom­men und sie dadurch voll­ends in die Tri­via­li­tät der büro­kra­tisch und kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten Sozi­al­welt ent­las­sen: Fra­gen nach dem Sinn des Lebens, dem indi­vi­du­el­len Heil oder der eige­nen Iden­ti­tät kön­ne der moder­ne Mensch nur sich selbst beant­wor­ten, am bes­ten durch rast­lo­se Ver­sen­kung in die Berufs­ar­beit. Indem man der „For­de­rung des Tages“ gerecht wer­de, sich aufs Hier und Jetzt beschrän­ke, kön­ne man es „beruf­lich oder mensch­lich“ zu Anse­hen und Erfolg brin­gen. Zwar gehe auf die­se Wei­se die ent­schei­den­de Sinn­quel­le ver­lo­ren, nicht jedoch der Modus Ope­ran­di. „Der Puri­ta­ner woll­te Berufs­mensch sein“, resü­miert Weber lako­nisch, „wir müs­sen es“. Dass eine sol­che Fokus­sie­rung auf das Berufs­le­ben von Erfolg gekrönt gelin­gen kön­ne, war alles ande­re als gewiss. Webers Pes­si­mis­mus dies­be­züg­lich war legen­där. Die Gesell­schaft wur­de von ihm als „Gehäu­se der Hörig­keit“, der moder­ne Kapi­ta­lis­mus als „schick­sals­volls­te Macht“ begrif­fen. Ver­sen­kung in die Berufs­ar­beit war weni­ger Selbst­ver­wirk­li­chung denn Selbst­be­haup­tung. Behaup­tung dage­gen, dass das moder­ne Indi­vi­du­um die weni­gen Spiel­räu­me der frei­en Lebens­ge­stal­tung im büro­kra­tisch-kapi­ta­lis­ti­schen All­tag nicht auch noch ein­bü­ße. Die Quint­essenz der Auf­fas­sung Webers war, dass man sol­che Kon­stel­la­tio­nen „aus­hal­ten“ kön­nen müs­se. Dies ent­ge­gen allen Wid­rig­kei­ten zu ver­su­chen, zeug­te von einem Rest bür­ger­li­chen Hero­is­mus.

Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik: In sei­nem Werk Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik und der Geist des Kapi­ta­lis­mus unter­sucht der Sozio­lo­ge Max Weber (1864–1920) die reli­gi­ös-kul­tu­rel­len Grund­la­gen des okzi­den­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Auf Grund­la­ge der cal­vi­nis­ti­schen Gna­den­leh­re, nach der die all­um­fas­sen­de, über­mäch­ti­ge Gewalt Got­tes die Men­schen ent­we­der zu ewi­gem Tod oder ewi­ger Selig­keit bestimmt, ent­ste­he das pro­tes­tan­ti­sche Arbeits­ethos: Die Men­schen sehen sich in der Pflicht, durch rast­lo­se Arbeit alle Zwei­fel an der eige­nen gött­li­chen Erwählt­heit zu ver­trei­ben und dem­entspre­chend ihre gesam­te Lebens­füh­rung dem Erfolg unter­zu­ord­nen.

 

Sie­ges­zug und Kri­se des Kapi­ta­lis­mus

Machen wir einen Zeit­sprung. Das 20. Jahr­hun­dert war erst krie­ge­risch und tur­bu­lent, spä­ter stand poli­ti­sche, öko­no­mi­sche und sozia­le Ent­wick­lung auf dem Pro­gramm. Als es sich dem Ende zuneig­te, blieb der Kapi­ta­lis­mus als Sie­ger übrig, welt­um­span­nend und alter­na­tiv­los. Sei­ne Ver­hei­ßun­gen aller­dings, Demo­kra­tie und Wohl­stand (viel­leicht sogar für alle) zu brin­gen, haben sich in der Zwi­schen­zeit eben­so auf­ge­löst wie der eins­ti­ge Sys­tem­kon­kur­rent. Wir leben heu­te in einer von grenz­über­schrei­ten­den Kapi­tal-, Waren-, Daten- und Men­schen­strö­men vor­an­ge­trie­be­nen (Welt-)Gesellschaft. An inter­na­tio­na­le Kon­kur­renz haben wir uns genau­so gewöh­nen müs­sen wie an die Ero­si­on des Wohl­fahrts­staats. Die Erwerbs­ar­beit wur­de unter dem Druck glo­bal ver­netz­ter Wert­schöp­fungs­ket­ten und mit­hil­fe aller­lei unter­neh­me­ri­scher, tech­ni­scher und poli­ti­scher Inno­va­tio­nen grund­le­gend ver­än­dert. Der nächs­te Schritt ist bereits in Pla­nung: Indus­trie 4.0 ist das desi­gnier­te gro­ße Ding. Aber auch die welt­wei­te Finanz- und Wirt­schafts­kri­se ist 2007 über uns her­ein­ge­bro­chen. Dass die­ses Wirt­schafts­sys­tem einer Gesell­schaft schick­sal­haf­te Ent­wick­lun­gen beschert, ist inzwi­schen allen klar. Und irgend­wie passt es auch ins Bild, dass in einem rei­chen Land wie der Bun­des­re­pu­blik die obe­ren zehn Pro­zent der Bevöl­ke­rung über 60 Pro­zent des gesell­schaft­lich ver­füg­ba­ren Ver­mö­gens besit­zen, wäh­rend die unte­ren 70 Pro­zent zusam­men­ge­nom­men gera­de mal auf einen Anteil von unge­fähr zehn Pro­zent kom­men (nach­zu­le­sen im Inter­net, bei der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung).

Indus­trie 4.0: Indus­trie 4.0 ist ein Pro­jekt der deut­schen Bun­des­re­gie­rung und stellt ein Leit­bild für zukünf­ti­ge Ent­wick­lun­gen in der deut­schen Indus­trie dar. Die Bezeich­nung „Indus­trie 4.0“ soll zum Aus­druck brin­gen, dass nach den ers­ten drei indus­tri­el­len Revo­lu­tio­nen (Mecha­ni­sie­rung, Mas­sen­fer­ti­gung, Digi­ta­li­sie­rung) nun die vier­te vor der Tür steht. Die­se wird gekenn­zeich­net sein durch den Zuschnitt der ein­zel­nen Pro­duk­te auf die indi­vi­du­el­len Wün­sche und Vor­stel­lun­gen des Kon­su­men­ten – und zwar unter den Bedin­gun­gen einer hoch fle­xi­bi­li­sier­ten Groß­pro­duk­ti­on. Dazu gehört auch die weit­ge­hen­de Inte­gra­ti­on von Kun­den und Geschäfts­part­nern in Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se.

 

Der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus

Man mag das inter­pre­tie­ren, wie man will, schwer­lich kommt man jedoch um die Fest­stel­lung her­um, dass der Kapi­ta­lis­mus heu­te, allen Wid­rig­kei­ten zum Trotz, fes­ter in unse­rem All­tag und den Vor­stel­lun­gen von Nor­ma­li­tät ver­an­kert ist als je zuvor. Die fran­zö­si­schen Auto­ren Luc Bol­t­an­ski und Eve Chia­pel­lo ana­ly­sie­ren in ihrem Best­sel­ler Der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus die Trans­for­ma­ti­on des Nach­kriegs­ka­pi­ta­lis­mus der letz­ten 40 Jah­re hin zu dem, was man heu­te den fle­xi­blen Kapi­ta­lis­mus nennt. Unter dem „neu­en Geist“ ver­ste­hen die Auto­ren eine Art Legi­ti­ma­ti­ons­ideo­lo­gie, auf die der Kapi­ta­lis­mus gera­de des­halb ange­wie­sen ist, weil er aus guten Grün­den als ein prin­zi­pi­ell absur­des Sys­tem bezeich­net wer­den kann. Der „stum­me Zwang der Ver­hält­nis­se“ (Marx) allein rei­che nicht aus, um die Legi­ti­mi­tät des Kapi­ta­lis­mus zu garan­tie­ren. Ent­schei­dend sei viel­mehr die Ebe­ne der sym­bo­li­schen Ord­nung, also der Kul­tur. Hier wird über die Quel­len der Begeis­te­rung, indi­vi­du­el­le Sicher­heits­ver­spre­chen und die Teil­ha­be am All­ge­mein­wohl ent­schie­den. Stand bei Max Weber der Kapi­ta­lis­mus noch für zen­tra­li­sier­te und durch­bü­ro­kra­ti­sier­te Unter­neh­men, also gewis­ser­ma­ßen für Unfrei­heit, steht der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus für das Gegen­teil. Sein Cre­do ist die Eman­zi­pa­ti­on von über­kom­me­nen For­men des Lebens, Arbei­tens und Ler­nens. Laut Boltanski/Chiapello ist der neue kapi­ta­lis­ti­sche Geist eine Erfin­dung des Manage­ments. In die Welt kam er, indem neue Kon­zep­te zur Orga­ni­sa­ti­ons­ge­stal­tung und Per­so­nal­pla­nung ent­wi­ckelt und imple­men­tiert wur­den. Das Resul­tat war, dass die Orga­ni­sa­ti­on von Unter­neh­men – und damit auch die Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se und Kar­rie­re­we­ge – in den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren auf neue Füße gestellt wur­de. Beglei­tet wur­de die­se Trans­for­ma­ti­on mit der Eta­blie­rung neu­er Kul­tur­mus­ter. Der neue Geist, gewis­ser­ma­ßen unser Zeit­geist, wird mit Fle­xi­bi­li­tät, Krea­ti­vi­tät, Mobi­li­tät und Eigen­ver­ant­wor­tung buch­sta­biert; Akti­vi­tät und Belast­bar­keit sind die zen­tra­len Anfor­de­run­gen, Auto­no­mie und Authen­ti­zi­tät die locken­den Ver­spre­chen. Aber damit nicht genug: Die Auto­ren sind der Mei­nung, dass die genann­ten Schlüs­sel- und Reiz­wör­ter zu neu­en Wahr­neh­mungs- und Beur­tei­lungs­mus­tern wer­den, die auf die ver­schie­dens­ten Berei­che einer Gesell­schaft über­trag­bar sind.

 

Selbst­ver­wirk­li­chung und Aus­beu­tung

Stellt man dem Zeit­geist die Fra­ge, wor­in die Ver­hei­ßung des gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus liegt, dann wird man unge­fähr fol­gen­de Ant­wort erhal­ten: Wer aktiv ist, wer sich mit jeder Facet­te der Per­sön­lich­keit ein­bringt, wer auch außer­halb der Arbeit Enga­ge­ment zeigt und Netz­wer­ke bil­det, wer bereit ist, bio­gra­fisch und beruf­lich fle­xi­bel zu blei­ben und sich nicht scheut, die Rich­tung der eige­nen Ent­wick­lung not­falls zu kor­ri­gie­ren, wer das lebens­lan­ge Ler­nen ernst nimmt, wer sich nicht an star­ren Berufs­bil­dern fest­klam­mert und statt des­sen den Aus­bau der eige­nen Employa­bi­li­ty vor­an­treibt, der macht alles rich­tig. Des­sen Bemü­hun­gen wer­den mit beruf­li­chem Erfolg, Ver­wirk­li­chung der eige­nen Zie­le, authen­ti­scher Ent­wick­lung der Per­sön­lich­keit und gesell­schaft­li­cher Wert­schät­zung belohnt. Der hat sich selbst ver­wirk­licht.

Nach dem bis­her Gesag­ten soll­te die Roman­ze mit dem „neu­en“ Kapi­ta­lis­mus zu einem Hap­py End füh­ren. Doch wo lie­gen die Fall­stri­cke? Ein Fall­strick wäre, dass das Ide­al der Selbst­ver­wirk­li­chung heu­te zur sozia­len Norm gewor­den ist – du musst dich selbst ver­wirk­li­chen! Die Selbst­ver­wirk­li­chung voll­zieht sich – wie soll­te es anders sein – im Beruf, der als Beru­fung die inners­te Lei­den­schaft des Arbeit­neh­mers wider­spie­geln soll. In der Wett­be­werbs­ge­sell­schaft unse­rer Tage führt die­se Norm immer häu­fi­ger zu unan­ge­neh­men Neben­fol­gen. Dies­be­züg­lich lie­ßen sich bei­spiels­wei­se das Burn-out-Syn­drom und ande­re Erschöp­fungs­er­schei­nun­gen als zeit­ge­mä­ße Lei­den an der Gesell­schaft inter­pre­tie­ren. Der New Yor­ker Psy­cho­ana­ly­ti­ker Her­bert J. Freu­den­ber­ger, gewis­ser­ma­ßen der Erfin­der der Burn-out-Dia­gno­se, hob in sei­nen Fall­be­schrei­bun­gen die Erwar­tungs­ent­täu­schung als ent­schei­den­de Kom­po­nen­te her­vor. Burn-out ist dem­nach nicht ein­fach nur eine Über­las­tungs­er­schei­nung. Viel­mehr wird Arbeit, die im Zei­chen eines hohen Ide­als steht, dann gefähr­lich, wenn sie sich trotz gestei­ger­tem Auf­wand nicht in ihrer idea­li­sier­ten Form rea­li­siert. Viel­leicht ist die Selbst­ver­wirk­li­chung in der Arbeit eine durch­aus gefähr­li­che Ange­le­gen­heit.

Mit der Arbeits- und Indus­trie­so­zio­lo­gie las­sen sich sol­che Über­le­gun­gen stüt­zen. Die Sub­jek­ti­vi­tät des Arbeit­neh­mers gilt heu­te als wich­ti­ger Pro­duk­ti­ons­fak­tor. Wis­sen, Krea­ti­vi­tät und Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz sind zen­tra­le Res­sour­cen – egal ob beim Fach­ar­bei­ter oder Wer­be­tex­ter. Wenn vol­ler Ein­satz erwar­tet wird und wir mit Haut und Haa­ren in die Wert­schöp­fungs­ket­ten ein­ge­baut sind, lässt sich das auch als zeit­ge­mä­ßer Aus­beu­tungs­me­cha­nis­mus fest­ma­chen – ‚Soci­al Fracking’ könn­te man das nen­nen. Hin­zu tritt, dass die mit der neu­en Arbeits­welt ver­bun­de­nen Anfor­de­run­gen (Fle­xi­bi­li­tät, Krea­ti­vi­tät, Mobi­li­tät, Eigen­ver­ant­wor­tung) mit einem erhöh­ten Koor­di­na­ti­ons­be­darf außer­halb der Arbeit ein­her­ge­hen. Arbeit und Leben müs­sen mit­ein­an­der in Ein­klang gebracht wer­den. Nicht nur die Arbeits­kraft, auch die Lebens­kraft sind in die­sem Sinn wich­ti­ge Güter, die repro­du­ziert wer­den müs­sen. Der Sozio­lo­ge Ulrich Beck hat unter dem Stich­wort Indi­vi­dua­li­sie­rung sehr pro­mi­nent auf die Ambi­va­len­zen sol­cher Ent­wick­lun­gen hin­ge­wie­sen. Sei­ner Mei­nung nach ist die Siche­rung der pri­va­ten Exis­tenz immer offen­sicht­li­cher von Ver­hält­nis­sen abhän­gig, die sich unse­rem Zugriff fast voll­stän­dig ent­zie­hen. Das lässt auch Selbst­ver­wirk­li­chung in und durch Erwerbs­ar­beit zu einem pre­kä­ren Vor­ha­ben wer­den. Und das, obwohl unse­re Zeit und unse­re Kul­tur im Zei­chen der Eigen­ver­ant­wor­tung und Selbst­be­haup­tung ste­hen.

 

Was tun?

Kann man oder muss man sogar das The­ma Selbst­ver­wirk­li­chung aus den Klam­mern der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­ein­nah­mung lösen? Wie könn­te das aus­se­hen? Wer soll­te das tun? Auf die Poli­tik soll­te man hier nicht all­zu viel Hoff­nung set­zen. Auch ist das Bild der rich­ti­gen Stell­schrau­ben, an denen man nur dre­hen müs­se, nicht rich­tig. Kul­tur ist ein kom­ple­xes The­ma, die Mög­lich­keit ihrer Beein­flus­sung bezie­hungs­wei­se Ver­än­de­rung umstrit­ten. Noch schwie­ri­ger dürf­te das bei den Struk­tu­ren sein, die unse­re kapi­ta­lis­ti­sche Lebens­form prä­gen. Was also kann man machen?

Harald Wel­zer, Sozio­lo­ge und Sozi­al­psy­cho­lo­ge aus Ber­lin, hat kürz­lich die Stif­tung FuturZ­wei gegrün­det, die das Ziel ver­folgt, Geschich­ten über alter­na­ti­ve For­men der Lebens­ge­stal­tung zu sam­meln. Denn etwas anders machen zu wol­len, setzt vor­aus, eine Idee zu haben, wie man etwas anders machen kann. Genau davon han­deln die­se Geschich­ten, von klei­nen Bei­trä­gen zum all­mäh­li­chen Umden­ken.

Man kann es aber auch ganz anders machen. Im Künst­ler­mi­lieu ist bekannt­lich die Avant­gar­de zu Hau­se. Von dort ist ein Mot­to bekannt, das viel­leicht wei­ter­hilft: Selbst­ver­wirk­li­chung ist das Ide­al von Voll­idio­ten.

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Ralf M. Damitz stu­dier­te Sozio­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie. Er ist Lehr­be­auf­trag­ter an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten und lebt in Kas­sel.

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in agora42 1/2015 Ups & Downs erschie­nen. In die­ser Aus­ga­be fin­den Sie wei­te­re Arti­kel zu die­sem The­ma.