Bei einer Sintflut muss man Schiffe bauen, nicht Deiche – Interview mit Gunter Dueck zur Digitalisierung

agora42_DigitalisierungAnläss­lich der neu­en Aus­ga­be DIGITALISIERUNG haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Prof. Dr. Gun­ter Dueck:

Gunter Dueck Digitalisierung

Bei einer Sintflut muss man Schiffe bauen, nicht Deiche – Interview mit Gunter Dueck zur Digitalisierung

 

Herr Dueck, wel­che Hoff­nun­gen ver­bin­den Sie mit der Digitalisierung?

Ich ver­bin­de sie nicht mit Hoff­nun­gen. Die Welt ver­än­dert sich, und wir soll­ten bemüht sein, das Bes­te dar­aus zu machen. Wir soll­ten also beherzt han­deln. Von Deutsch­land wird aber durch­weg gesagt, dass es hin­ter­her­hinkt – wahr­schein­lich, weil sich mit der Digi­ta­li­sie­rung zu weni­ge Hoff­nun­gen ver­bin­den. Man will nur dann los­ge­hen, wenn es für alle bes­ser wird. An die­sen Punkt kom­men wir bald, näm­lich wenn es uns wegen Hin­ter­her­hin­kens schlecht geht. Dann ist die Hoff­nung des Auf­ho­lens für alle bes­ser. Und dann gehen wir schon, weil wir irgend­wie nicht Hoff­nun­gen in Taten umset­zen, son­dern lau­fen, wenn man uns von hin­ten tritt.

 

Was erach­ten Sie als die größ­te Bedro­hung durch die Digitalisierung?

Gunter Dueck

Gun­ter Dueck lebt als frei­er Schrift­stel­ler, Phi­lo­soph, Busi­ness Angel und Speaker bei Hei­del­berg. Nach einer Kar­rie­re als Mathe­ma­tik­pro­fes­sor arbei­te er fast 25 Jah­re bei der IBM, zuletzt bei sei­nem Wech­sel in den Unru­he­stand als Chief Tech­no­lo­gy Offi­cer. Er ist für humor­voll-sati­risch-kri­tisch-unver­blüm­te Reden und Bücher bekannt, zuletzt „Das Neue und sei­ne Fein­de“ und „Schwarm­dumm“. Mehr auf sei­ner Home­page www.omnisophie.com

Sehen Sie? Gleich kommt wie­der die­se deut­sche Fra­ge oder die Pro­blem­stel­lung der Ger­man Angst. War­um fra­gen Sie nicht, was getan wer­den muss? Das sage ich schon seit vie­len Jah­ren – unwi­der­spro­chen übri­gens: Wir müs­sen alle (!) bil­dungs­mä­ßig bes­ser sein als der Com­pu­ter, weil die Rou­ti­ne­ar­beit weg­fällt. Die­sen Fakt sehen nun vie­le als Bedro­hung, aber nicht als Hand­lungs­auf­for­de­rung. Die Bedro­hung liegt also nicht in der Digi­ta­li­sie­rung an sich, son­dern an unse­rer Akti­ons­un­wil­lig­keit mit­ten im Wan­del. Bei einer Sint­flut muss man Schif­fe bau­en, nicht Dei­che. Deich­bau­er agie­ren wie Bedroh­te und han­deln aus die­ser Sicht ganz falsch. Der Blick auf das Pro­blem ist manch­mal entscheidend.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Die Digi­ta­li­sie­rung ver­än­dert unser Leben ja nicht so sehr. Statt der Kas­se an der Bank habe ich den Auto­ma­ten, statt 100 TV-Pro­gram­men eben Stream. Das Gril­len und Fei­ern bleibt doch gleich, aber die Leis­tungs­er­brin­gung ändert sich stark, eben durch die genann­ten Tech­no­lo­gi­en. Es fin­det mehr ein Umbau der Arbeits­welt statt. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind Man­gel­wa­re, weil die Geis­tes­wis­sen­schaft­ler oder Intel­lek­tu­el­len sich inter­net­phob tot­stel­len und sich nur ab und zu für Bedro­hungs­jam­mer­kla­gen raus­wa­gen. Zu mei­ner Bil­dungs­gret­chen­fra­ge: Die Intel­lek­tu­el­len haben sich immer an der Auf­klä­rung ergötzt. Ja, Enligh­ten­ment für alle! Wis­sen für alle! Nun brau­chen wir als posi­ti­ve Uto­pie aber viel wei­ter­ge­hen­der “Empower­ment für alle” und die Mög­lich­keit zu Self-Empower­ment für alle! Das kann man doch sogar als Bibel­le­ser gut fin­den? Die Intel­lek­tu­el­len wol­len aber irgend­wie immer nur, dass der uto­pi­sche Mensch alles DARF, nun aber MUSS er Bil­dung haben. Wahr­schein­lich behagt ihnen die­se Pflicht nicht, spe­ku­lie­re ich.

 

Edu­ard Käser schreibt in agora42: “Einst hat­ten wir Pro­ble­me und erfan­den Gerä­te zu ihrer Lösung. Heu­te haben wir Gerä­te und erfin­den zu ihnen pas­sen­de Pro­ble­me.” – Haben wir nicht schon alles erfun­den, was wir brau­chen? War­um erfin­den wir lau­fend neue Gerä­te und Technologien?

Die­se Fra­ge wird immer gestellt. Stel­len Sie sich die Fra­ge vor zehn Jah­ren vor. Da hät­ten wir sagen kön­nen: Wir haben doch alles. Heu­te sagen wir: Ohne Smart­pho­ne ist das Leben gar nicht mehr so schön. Und in fünf­zehn Jah­ren sagen wir: Selbst­fahr­au­tos sind toll, gera­de für die altern­de Gesell­schaft. Mit 90 noch zu den Enkeln gebracht wer­den! Ich will sagen: Das, was wir schon neu bekom­men und in unser Leben inte­griert haben, wol­len wir nicht mehr her­ge­ben, aber das, was gera­de neu erfun­den wird, sehen wir als Unsinn oder Bedro­hung. Die­ser Man­gel an Phan­ta­sie und Wan­de­lun­lust lässt sich als Phi­lo­so­phie ver­kau­fen, weil man natür­lich kri­ti­sie­ren kann, dass heu­te im Sili­con Val­ley nur um des Mil­li­ar­den­ma­chens wil­len erfun­den wird. Das ist eben so im Umbruch, vie­le suchen ihre Chan­ce mit­ten in der Revo­lu­ti­on. Zu ande­ren Zei­ten (also nach Edu­ard Käser: “einst”) wur­de doch auch wegen vor­ge­stell­ter Pro­ble­me geforscht, weil man in den Welt­raum woll­te oder Wett­rüs­ten betrieb – es sind eben die Umbrü­che, die hek­tisch erfin­den lassen.

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- Mit State­ments von Gun­ter Dueck, Micha­el Win­ter­hoff (“War­um unse­re Kin­der Tyran­nen wer­den”), Rein­hold Mess­ner, Marc Els­berg (“Black­out”), Armin Nas­sehi uvm.

- Inklu­si­ve der aktu­el­len Aus­ga­be DIGITALISIERUNG.