Wir sollten uns für einen gestalteten Wandel einsetzen” – Interview mit Rainer Totzke

Wir sollten uns für einen gestalteten Wandel einsetzen”

Interview mit Rainer Totzke

 

Anlässlich der aktuellen Ausgabe der agora42 zum Thema BEFREIUNG haben wir Rainer Totzke ein paar Fragen gestellt. Im Interview spricht er über neue Erfahrungsräume und ein freieres, weniger borniertes Leben, die Möglichkeit, den Wandel zu gestalten sowie die Bedeutung von Distanz für die Gesellschaft.

 

Im All­tag hat die Befrei­ung bereits ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas – und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist Ihrer Mei­nung nach dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

Ja, abso­lut! Ich den­ke, eine bloß nega­ti­ve Frei­heit – als Frei­heit von unge­recht­fer­tig­ten gesell­schaft­li­chen Zwän­gen – bleibt, so wich­tig sie ist, am Ende eigen­tüm­lich leer. Ihr liegt die Vor­stel­lung einer rigi­den Tren­nung zwei­er Din­ge zugrun­de: der Gesell­schaft hier und des Indi­vi­du­ums da. Die­se Vor­stel­lung aber ist ver­kürzt, denn sie unter­schlägt, dass Gesell­schaft zwar auch repres­si­ve Dimen­sio­nen haben kann, dass sie zunächst aber erst­mal im posi­ti­ven Sin­ne Ver­ge­sell­schaf­tung ist bzw. sein kann. Ver­ge­sell­schaf­tung in die­sem Sin­ne bedeu­tet das Zusam­men­kom­men von Men­schen „im gemein­sa­men Umgang und Han­deln zum Zweck der bes­se­ren Ver­wirk­li­chung der Form der Erfah­rung, die dadurch, dass sie gemein­sam ist, ver­mehrt und bestärkt wird“, wie es der ame­ri­ka­ni­sche prag­ma­tis­ti­sche Phi­lo­soph und Päd­ago­ge John Dew­ey ein­mal for­mu­liert hat. Ver­ge­sell­schaf­tung in die­sem Sinn kann wirk­li­che Berüh­rungs­punk­te zwi­schen Men­schen schaf­fen und ver­viel­fäl­ti­gen, neue Erfah­rungs­räu­me öff­nen und so zu einem freie­ren, weil weni­ger bor­nier­ten indi­vi­du­el­len Leben füh­ren. Der Ein­zel­ne, der sich Ver­ge­sell­schaf­tung ver­wei­gern woll­te, blie­be ein „Idi­ot“.

Rai­ner Totz­ke lebt als Phi­lo­soph, Autor und Per­for­mer in Leip­zig und lehrt als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Otto-von Gue­ri­cke Uni­ver­si­tät Mag­de­burg.

 

Frei nach Kant ist es unse­re größ­te Frei­heit, uns selbst Geset­ze zu geben – gemein­hin ver­bin­det man aber das Feh­len von Vor­schrif­ten mit Frei­heit. Brau­chen wir in Zukunft mehr oder weni­ger Regle­men­tie­run­gen?

Ach, ich wei­ge­re mich hier eine pau­scha­le Ant­wort zu geben. „Regle­men­tie­run­gen“ hat ja per se schon mal eher eine nega­ti­ve Kon­no­ta­ti­on. In man­chen Hin­sich­ten bräuch­ten wir sicher weni­ger Regle­men­tie­run­gen – ins­be­son­de­re da, wo sie nicht so sehr sach­lich moti­viert sind, son­dern pri­mär der Logik der Büro­kra­tie fol­gen. Aber das im Ein­zel­fall zu unter­schei­den ist kei­nes­wegs leicht und bedarf unse­rer Urteils­kraft. Wenn ich die For­de­rung nach „weni­ger Regle­men­tie­run­gen“ zum Bei­spiel aus dem Mund von neo­li­be­ra­len Wirt­schafts­theo­re­ti­kern oder -prak­ti­kern höre, möch­te ich manch­mal eher ent­geg­nen: Nein, wir brau­chen hier mehr Regle­men­tie­run­gen – etwa der glo­ba­len Finanz­märk­te, oder in Bezug auf glo­ba­le Umwelt- und Sozi­al­stan­dards, welt­wei­te Arbeit­neh­mer­rech­te etc.

 

Um ele­men­ta­re Ver­än­de­run­gen in unse­rer Zeit her­bei­füh­ren zu kön­nen, müss­ten wir von vie­lem befreit wer­den: Dem Ver­pa­ckungs­wahn­sinn, dem Trans­port­wahn­sinn, dem Arbeits­wahn­sinn, dem Pro­duk­ti­ons­wahn­sinn, etc. Ist eine sol­che Befrei­ung ohne radi­ka­le Erup­tio­nen mög­lich?

Zunächst die Rück­fra­ge: Wer soll uns denn befrei­en? Dass wir „befreit wer­den müss­ten“ klingt mir irgend­wie zu sehr nach einer anony­men Instanz, die „es“ für uns tun könn­te oder soll­te oder wird. Auch mit der Rede von „radi­ka­len Erup­tio­nen“ tu ich mir schwer. Wer erup­tiert denn hier und war­um? Fakt ist: ohne radi­ka­le Umstel­lun­gen in unse­ren For­men zu wirt­schaf­ten, zu arbei­ten, zu ver­pa­cken und zu trans­por­tie­ren, wer­den wir als Gat­tung unser öko­lo­gi­sches Über­le­ben auf die­ser Erde nicht sichern kön­nen – mal ganz abge­se­hen von den ande­ren Spe­zi­es auf die­sem Pla­ne­ten, die wir gera­de dabei sind, zu Hun­der­ten und Tau­sen­den aus­zu­rot­ten. Ob wir es schaf­fen, die­se radi­ka­len Umstel­lun­gen glo­bal anzu­ge­hen und zu gestal­ten, ver­mag ich nicht zu sagen. Ich bin kein Pro­phet. Wir soll­ten uns jeden­falls für einen gestal­te­ten Wan­del ein­set­zen! Alle! Jetzt!

 

In der aktu­el­len Aus­ga­be spricht der phi­lo­so­phie­ren­de Clown Johan­nes Gal­li von den Zwän­gen, denen wir heu­te unter­lie­gen: „Ich darf nicht frei den­ken und ich darf ande­re Per­so­nen nicht nach ihrer wirk­li­chen Mei­nung, nach ihrem Gefühl fra­gen. Ich darf ihnen nur auf einer ver­stan­des­mä­ßi­gen Ebe­ne begeg­nen.“ Sehen Sie Ihre phi­lo­so­phi­sche Per­for­mance als eine Befrei­ung von sol­chen Zwän­gen?

Ich weiß nicht genau, was Johan­nes Gal­li mit dem – offen­bar als Gesell­schafts­dia­gno­se gemein­ten – Befund: „Ich darf nicht frei den­ken“ meint. In einer bestimm­ten Hin­sicht fin­de ich das etwas zu pathe­tisch und über­zo­gen for­mu­liert – und damit auch irgend­wie falsch. Natür­lich dür­fen wir hier in Deutsch­land gros­so modo ziem­lich frei den­ken, was wir wol­len – auch, dass die Erde eine Schei­be ist, zum Bei­spiel. Und wir dür­fen das meis­te Gedach­te sogar ziem­lich frei äußern: Man sur­fe nur mal durch die diver­gie­ren­den Weltsichten/Gedanken, wie sie Men­schen in Deutsch­land im Inter­net bzw. in den sozia­len Medi­en tag­täg­lich ver­öf­fent­li­chen – da ist im chi­ne­si­schen Inter­net, oder sagen wir mal im nord­ko­rea­ni­schen Inter­net (wenn es das gibt) – deut­lich weni­ger „frei­es Den­ken“ mög­lich. Ande­rer­seits gibt es natür­lich immer auch so was wie „Dis­po­si­ti­ve“, wie es der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Michel Fou­cault genannt hat, das heißt gesell­schaft­lich herr­schen­de Sicht­wei­sen auf Phä­no­me­ne und unter­grün­dig wir­ken­de Regu­lie­run­gen in den Dis­kur­sen, die immer auch auf unser Den­ken als je ein­zel­ne ein­wir­ken. Die­se unbe­wuss­ten Regu­lie­run­gen soll­ten wir kon­kret auf­spü­ren und benen­nen. Das ist ein Teil unse­rer Arbeit am Erhalt unse­rer geis­ti­gen Frei­heit. So ver­ste­he ich die Erläu­te­run­gen von Johan­nes Gal­li posi­tiv – und sei­ne Pra­xis als Clown sowie­so: Er will uns als Clown „unse­re“ Dis­po­si­ti­ve ent­hül­len – etwa das Dis­po­si­tiv, dass wir uns in all­zu vie­len Berei­chen unse­rer Gesell­schaft als Men­schen „nur auf einer ver­stan­des­mä­ßi­gen Ebe­ne begeg­nen“. Und er zeigt ver­mut­lich auch auf, wie bestimm­te gesell­schaft­li­che Insti­tu­tio­nen die­se Pra­xis all­zu stark för­dern. In einer bestimm­ten Hin­sicht geht auch mei­ne eige­ne per­for­me­ri­sche Pra­xis in die­se Rich­tung! Auch ich nut­ze ja Momen­te des Clow­nes­ken: Mas­kie­run­gen, Humor, Iro­nie für eine Befrei­ung – und Selbst­be­frei­ung – von pro­ble­ma­ti­schen Denk- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sche­ma­ta. Aller­dings scheint mir die Sache mit Gal­lis unter­grün­di­gem Appell, wir soll­ten doch alle mal mehr unse­re Gefüh­le äußern (dür­fen) dann wie­der­um doch nicht so ganz ein­fach. Denn auch das Äußern von Gefüh­len – und das hat Michel Fou­cault eben­so gezeigt – kann umge­kehrt sei­ner­seits auch zum Dis­po­si­tiv und zum gesell­schaft­li­chen Zwang wer­den. Frü­her vor allem in der Kir­che – Stich­wort: Beicht­zwang – und heu­te zum Bei­spiel in irgend­wel­chen über­grif­fi­gen Fern­seh­sen­dun­gen, wo Men­schen per­ma­nent inqui­si­to­risch nach ihrem „wirk­li­chen Gefühl“ gefragt, emo­tio­nal „aus­ge­quetscht“ und dies­be­züg­lich vor­ge­führt wer­den. Inso­fern ist auch an Hel­muth Pless­ner zu erin­nern, der dar­auf insis­tier­te, dass der Mensch als gesell­schaft­li­ches Wesen immer auch ein Schau­spie­ler sein kön­nen muss und darf, ein Wesen, das sei­ne Gefüh­le eben gera­de nicht in jeder Situa­ti­on unge­schützt zei­gen muss, ein Distanz­we­sen.