Wir alle leben zu Lasten zukünftiger Generationen” – Interview mit Peggy Hetmank-Breitenstein

Wir alle leben zu Lasten zukünftiger Generationen”

Inter­view mit Peg­gy Het­mank-Brei­ten­stein

 

Peg­gy Het­mank-Brei­ten­stein ist Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät Jena. Ihre Schwer­punk­te lie­gen in der Phi­lo­so­phi­schen Gesell­schafts­kri­tik sowie in der Ver­mitt­lung und Übung kri­ti­schen Den­kens.

 

Frau Het­mank-Brei­ten­stein, im All­tag hat die Befrei­ung bereits ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas – und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

 

Zunächst: Ich bezweif­le, dass die Befrei­ung im All­tag „bereits ihren Platz“ hat. Bes­te Gegen­bei­spie­le sind die in der Fra­ge genann­ten: Sie sind in mei­nen Augen gera­de kei­ne „Befrei­un­gen“, nicht ein­mal im nega­ti­ven Sin­ne. An den bei­den erst­ge­nann­ten Bei­spie­len lässt sich das schnell deut­lich machen (das drit­te Bei­spiel: Fuß­ball-WM vs. poli­ti­sches Tages­ge­sche­hen wäre ent­we­der nur ober­fläch­lich oder aber in meh­re­ren Dis­zi­pli­nen – z.B. Indi­vi­du­al- und Sozi­al­psy­cho­lo­gie, Medi­en­theo­rie – zu dis­ku­tie­ren). Wenn das Wochen­en­de als Befrei­ung von Werk­ta­gen, der Urlaub als Befrei­ung vom Arbeits­all­tag ver­stan­den wird, wenn sogar vom „ver­dien­ten“ Wochen­en­de oder Urlaub gespro­chen wird („Wir gehen nun ins wohl­ver­dien­te Wochen­en­de!“ „Den Urlaub in die­sem Jahr habe ich mir aber ver­dient!“), dann ist damit zugleich unter­stellt, dass Wochen­en­de wie Urlaub sich dem Arbeits­all­tag ver­dan­ken, dass sie von dem in ihm Geleis­te­ten abhän­gig sind und ihm inso­fern nach- oder unter­ge­ord­net sind. Rich­tig dar­an ist: In unse­rem All­tag, in unse­rer Gesell­schaft die­nen Wochen­en­de und Urlaub im Wesent­li­chen dazu, wie­der fit zu machen für die fol­gen­den Werk­ta­ge, den Arbeits­all­tag also. Als wirk­lich befrei­te oder freie Zeit kön­nen Wochen­en­de und Urlaub so gar nicht in den Blick genom­men und ver­stan­den wer­den.
Wenn wir so „all­täg­lich“ den­ken, blei­ben wir des­halb in mei­nen Augen in einem Vor­ur­teil gefan­gen und täu­schen uns eigent­lich selbst. Dies zeigt auch, dass die gän­gi­ge Unter­schei­dung zwi­schen (nega­ti­ver) Befrei­ung und (posi­ti­ver) Frei­heit bzw. auch zwi­schen „Frei­sein von“ und „Frei­sein zu“ zu kurz greift, sofern das „zu“ nicht ein über­grei­fen­des WOZU mit ein­schließt. Und damit ste­hen wir vor Fra­gen, die zugleich alt­ehr­wür­dig phi­lo­so­phisch sind (sie fin­den sich bereits bei Pla­ton und Aris­to­te­les) und die doch jeder Mensch auch für sich selbst stel­len und immer wie­der beant­wor­ten muss: Wozu wol­len wir eigent­lich arbei­ten (bzw. Lohn­ar­beit leis­ten)? Was ist der Zweck? Ist es tat­säch­lich not­wen­dig oder rich­tig, dass wir unse­re gesam­te Lebens­zeit der Unter­schei­dung und Hier­ar­chie Lebens­ar­beits­zeit vs. Zeit nach der Arbeit unter­ord­nen? Was wol­len wir letzt­end­lich in die­sem, unse­rem Leben? Und was und wie­viel brau­chen wir, um dies zu rea­li­sie­ren?
Frei­heit wäre in mei­nen Augen: Die­se Fra­gen – wie vage und offen auch immer – beant­wor­ten zu kön­nen und sein Leben, d.h. sei­ne Lebens­zeit und sei­ne sozia­le Mit- oder Umwelt ent­spre­chend gestal­ten oder wäh­len zu kön­nen. Genau davon sind sicher­lich die meis­ten von uns Licht­jah­re ent­fernt. Aber es gibt doch immer wie­der Inseln, die wir schaf­fen kön­nen – gemein­sam!

 

Wel­chen Zwän­gen unter­lie­gen wir heu­te? Was soll­te Ihrer Ansicht nach befreit wer­den?
 
Sofern wir auf die Mehr­zahl poli­ti­scher und öffent­li­cher Mei­nun­gen oder Dis­kur­se hören, unter­lie­gen wir vor allem „öko­no­mi­schen“ und „struk­tu­rel­len Zwän­gen“, d.h. letzt­lich den Zwän­gen (Impe­ra­ti­ven) des Wachs­tums, des Wett­be­werbs, der Kon­kur­renz um die nie unbe­grenzt ver­füg­ba­ren Res­sour­cen, des „Immer-Wei­ter“, „Immer-Bes­ser“, „Immer-Mehr“. Kurz: den Zwän­gen des „Sur­vi­val- of-the-fit­test“. Die­se Zwän­ge beherr­schen gro­ße Tei­le der sozia­len Pra­xis der soge­nann­ten „frei­en Welt“ und daher auch unse­ren All­tag. Das ist nichts ande­res als größ­te Unfrei­heit. Und doch: Wenn wir die Wahl hät­ten zwi­schen die­ser Unfrei­heit und der Unfrei­heit, die aus mate­ri­el­lem Elend und der Angst ums nack­te Über­le­ben resul­tiert, die einen gro­ßen Teil der „ande­ren“ Welt­be­völ­ke­rung beherrscht, wür­den wir ers­te­re vor­zie­hen …
Den­ken wir „phi­lo­so­phisch“ über die­se Fra­ge nach, müss­ten wir sicher­lich zunächst ein­mal Bedeu­tungs­fra­gen klä­ren, d.h. uns dar­über eini­gen, was wir unter „Zwang“ ver­ste­hen wol­len. Ver­ste­hen wir Zwang in einem wei­ten Sin­ne, ist damit alles gemeint, was uns zwingt; ver­ste­hen wir den Begriff enger, mei­nen wir alles, was von Men­schen gemacht wur­de oder wird, uns der­ge­stalt zwingt, aber gene­rell doch änder­bar ist.
Dem wei­ten Ver­ständ­nis fol­gend lie­ße sich dann sagen: Wir ste­hen auch heu­te noch unter dem Zwang natür­li­cher Not­wen­dig­kei­ten (Natur­ge­set­ze, bio­lo­gi­sche und anthro­po­lo­gi­sche Gege­ben­hei­ten wie Geburt, Krank­hei­ten, Tod, aber auch Grund­be­dürf­nis­se nach Nah­rung, Klei­dung, evtl. mensch­li­cher Nähe, Sex etc.). Aber auch logi­sche und onto­lo­gi­sche Not­wen­dig­kei­ten, also soge­nann­te logi­sche Geset­ze, Schluss­prin­zi­pi­en, Kate­go­ri­en etc., zwin­gen uns, unser Den­ken und Ver­hal­ten anzu­pas­sen. So gilt not­wen­di­ger­wei­se, dass Ich nicht zugleich exis­tie­ren und nicht-exis­tie­ren kann – das kann weder anders sein, noch kann ich es anders den­ken. Auch was in der Ver­gan­gen­heit gesche­hen ist, lässt sich nicht mehr ändern, zwingt uns – als Vor­ge­ge­ben­heit – zu bestimm­ten Hand­lun­gen oder schränkt deren Mög­lich­keits­raum von vorn her­ein ein.
Wir ste­hen somit – und damit kom­me ich zu enge­ren Bedeu­tung – immer schon unter dem Zwang all des­sen, was vor uns von Men­schen gemacht und geschaf­fen wur­de: Sozia­le Prak­ti­ken und Insti­tu­tio­nen, Nor­men­sys­te­me (Moral, Recht, Ver­hal­tens­kon­ven­tio­nen, Ver­hal­tens­re­geln), Wis­sens- bzw. Über­zeu­gungs­sys­te­me (ein­schließ­lich sprach­li­cher Prak­ti­ken, d.h. begriff­li­che Fest­le­gun­gen, Unter­schei­dun­gen, Sprach­spie­le etc.), Erfin­dun­gen, Bau­ten, Zer­stö­run­gen etc. Und doch gibt es hier Spiel­räu­me der Ver­än­de­rung, also auch Befrei­ung. Zumin­dest teil­wei­se kön­nen wir die­se Vor­ge­ge­ben­hei­ten ändern. Denn wir alle sind als Akteu­re immer schon in tra­dier­te sozi­al-kul­tu­rel­le Prak­ti­ken invol­viert: WIR über­neh­men sie, repro­du­zie­ren sie und ihre Bedin­gun­gen, bil­den ent­spre­chen­de Denk-, Sprach-, Wahr­neh­mungs- und Ver­hal­tens­ge­wohn­hei­ten, Hal­tun­gen und Selbst­ver­ständ­nis­se aus.
Und all das kön­nen wir (sofern wirk­li­che Exis­tenz­ängs­te, die immer pri­mär sind, dies nicht ver­hin­dern) auch hin­ter­fra­gen. Wir tun dies in der Regel nur, wenn uns etwas irri­tiert oder mas­siv stört, unglück­lich macht, ver­letzt etc. Erst dann erwei­sen sich bestimm­te Über­zeu­gun­gen, also Denk- oder Rede­ge­wohn­hei­ten, oder auch Ver­hal­tens­ge­wohn­hei­ten als falsch und wir fra­gen uns, ob wir uns von ihnen befrei­en, ob wir sie viel­leicht durch ange­mes­se­ne­re erset­zen soll­ten. Hier hat Befrei­ung und damit nega­ti­ve wie auch posi­ti­ve Frei­heit ihren Platz. Befrei­ung und Frei­heit sind inso­fern immer nur als kon­kre­te Anschluss­hand­lun­gen an vor­an­ge­hen­de rea­li­sier­bar, als Hand­lun­gen, die immer räum­lich loka­li­siert und zeit­lich ter­mi­niert sind. In jedem Fal­le müs­sen sol­che Modi­fi­ka­tio­nen mög­lich sein und wenn nicht, dann muss es mög­lich sein zu fra­gen: War­um nicht? Wenn dann offen­sicht­lich ist, dass wir unter dem Zwang bestimm­ter nicht zu recht­fer­ti­gen­der (z.B. empö­ren­der) sozia­ler Prak­ti­ken oder Nor­men ste­hen, müss­ten wir uns von ihrem Zwang befrei­en kön­nen.
Um zum Anfang mei­ner Ant­wort zurück­zu­kom­men: Wir müss­ten uns eigent­lich befrei­en kön­nen von Zwän­gen, die uns durch eine spe­zi­fi­sche Wei­se des Wirt­schaf­tens auf­ge­zwun­gen wer­den, die wir eigent­lich weder unter öko­lo­gi­schen noch unter ethi­schen noch unter recht­li­chen Gesichts­punk­ten recht­fer­ti­gen kön­nen, und die wir doch selbst tra­gen bzw. repro­du­zie­ren. Wir müss­ten uns befrei­en kön­nen von unter die­sen Gesichts­punk­ten unver­ant­wort­li­chem Kon­sum, aber auch von dem Zwang, den Groß­teil unse­rer Lebens­zeit mit Lohn­ar­beit tot­zu­schla­gen, die lan­ge schon nicht mehr dem schlich­ten Über­le­ben und auch nicht der Selbst­ent­fal­tung dient, son­dern dazu, einen sys­tem­er­hal­ten­den Kon­su­mis­mus zu beför­dern. Dazu müss­ten wir uns aller­dings zunächst befrei­en von einem Bedürf­nis nach luxu­riö­sem Wohl­stand, vom Glau­ben an Idea­le wie „Wachs­tum“ sowie vom Glau­ben an gewis­se Reden über öko­no­mi­sche oder struk­tu­rel­le Zwän­ge …

 

Robert Misik schreibt in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42: “Frei­heit hat die Sei­te gewech­selt. War sie frü­her eine Paro­le eman­zi­pa­to­ri­scher, meist lin­ker Bewe­gun­gen, haben in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren vor allem die Neo­kon­ser­va­ti­ven und Neo­li­be­ra­len die Frei­heit vor sich her­ge­tra­gen.” Was bedeu­tet das für die heu­ti­ge Zeit?
 
Zunächst: Ich hal­te die­se Dia­gno­se für erläu­te­rungs­be­dürf­tig und glau­be nicht, dass sie einer gründ­li­che­ren Kri­tik stand­hält – Kri­tik im Sin­ne einer auf Expli­ka­ti­on und Ana­ly­se beru­hen­den Auf­klä­rung des Begriffs. Was also mei­nen wir, wenn wir von Frei­heit spre­chen, und was kön­nen wir aus onto­lo­gisch-seman­ti­schen Grün­den nicht mei­nen? Lei­der kön­nen die­se Fra­gen im Rah­men eines solch kur­zen Tex­tes nicht befrie­di­gend aus­führ­lich geklärt wer­den, aber ein knap­per Auf­riss ist viel­leicht mög­lich.
Zunächst lässt sich aus­schlie­ßen, dass Frei­heit eine Sache oder Sub­stanz ist, also etwas, aus dem etwas bestehen, oder das jemand (eine Per­son) haben, hal­ten, besit­zen, abge­ben kann. Schon des­halb kann sie nicht die Sei­te wech­seln bzw. ist die Meta­pher des Sei­ten­wech­sels nicht erhel­lend. Frei­heit kann aber auch kei­nen Zustand mei­nen oder die Eigen­schaft eines (sei es auch idea­len) Zustands. Frei­heit ist eigent­lich nur erfahr­bar in Voll­zü­gen des Den­kens, Spre­chens, Ent­schei­dens, Ein­grei­fens in die Umwelt etc. Sie ist Voll­zug im Sin­ne der ener­geia bei Aris­to­te­les. Was Men­schen tat­säch­lich in unge­nau­er Rede zu „haben“ mei­nen, was sie genau­er aber nur aner­kannt bekom­men kön­nen und wofür sie auch kämp­fen kön­nen, sind Rech­te und Mög­lich­kei­ten, sol­che Voll­zü­ge in ver­schie­de­nen Berei­chen der sozia­len Pra­xis tat­säch­lich zu rea­li­sie­ren. Im Bereich des Poli­ti­schen bei­spiels­wei­se in Gestalt frei­er öffent­li­cher Rede und Ver­samm­lung, der Wahl von Reprä­sen­tan­ten, einer Man­dats­über­nah­me etc., im Bereich des Glau­bens als Wahl der Reli­gi­on oder Kon­fes­si­on, im öko­no­mi­schen Bereich als Wahl von Berufs­zweig, Ort, Kon­sum­ver­hal­ten, im soge­nann­ten „Pri­va­ten“ als Wahl von Lebens­form, -part­nern, Ess­ge­wohn­hei­ten etc. Eini­ge die­ser Rech­te wie­der­um kön­nen jus­ti­zia­bel sein – der Anspruch auf Erfül­lung kann vor Gerich­ten erstrit­ten, sei­ne Ver­let­zung sank­tio­niert wer­den; ande­re gel­ten als mora­lisch oder ledig­lich kon­ven­tio­nell und sind mit „infor­mel­len“ sozia­len Sank­ti­ons­me­cha­nis­men ver­bun­den.
Das Wort „Frei­heit“ frei­lich, das kann man belie­big im Mun­de füh­ren oder in Par­tei­pro­gram­me oder auf Trans­pa­ren­te dru­cken, und die Häu­fig­keit sol­cher Vor­komm­nis­se ver­weist auf gewis­se Kon­junk­tu­ren. Frei­heit kann so aber ganz Ver­schie­de­nes mei­nen, und zwar je nach­dem, wovon sich eine Bewe­gung, Par­tei oder Initia­ti­ve befrei­en will und je nach­dem, ob es um Lärm oder Mobi­li­sie­rung oder Wäh­ler­stim­men geht. Damit las­sen sich dann auch die Kon­junk­tu­ren und ver­meint­li­che „Sei­ten­wech­sel“ erklä­ren. Wäh­ler bei­spiels­wei­se über­zeugt man am bes­ten mit Aus­sich­ten auf Lösun­gen für ihre kon­kre­ten oder dif­fu­sen Pro­ble­me, mit Ant­wor­ten auf ihre Ängs­te, zuwei­len auch sol­che, die man zuvor selbst erzeugt oder zumin­dest medi­al auf­ge­bla­sen hat. In den Zei­ten deut­lich spür­ba­rer öko­no­mi­scher oder Finanz­markt­kri­sen (z.B. in und nach 2008), die seit dem 20. Jahr­hun­dert immer glo­bal sind, ist Pro­tek­tio­nis­mus und Befrei­ung von den Zwän­gen des glo­ba­len Kapi­tal­markts ange­sagt. Ent­spre­chen­de Paro­len fin­den sich ver­mehrt (aber nicht nur) auf Sei­ten kon­ser­va­ti­ver und rech­ter Kräf­te. Wenn hin­ge­gen recht­li­che Ungleich­heit als Unter­drü­ckung erfah­ren wird oder sozia­le Ungleich­heit offen­sicht­lich so stark anwächst, dass eine Sei­te ihre Frei­heits­rech­te nicht wahr­neh­men kann, wird die Her­stel­lung glei­cher Rech­te (Gleich­be­rech­ti­gung) oder glei­cher Chan­cen und ent­spre­chen­der Res­sour­cen­ver­tei­lung gefor­dert. Da lin­ke und eher als pro­gres­siv gel­ten­de Par­tei­en und Bewe­gun­gen in der Regel kei­ne natür­li­chen oder kul­tu­rel­len Deter­mi­nan­ten für Ungleich­hei­ten aner­ken­nen, ist das eines ihrer zen­tra­len The­men, wäh­rend rech­te Kräf­te durch­aus Ande­re ken­nen, die kei­nen Anspruch auf glei­che Rech­te haben. Aber ver­ges­sen wir nicht: Auch eini­ge soge­nann­te Lin­ke ken­nen die­se Ande­ren, wenn die­se etwa in Gestalt von „Wirt­schafts-„ oder „Kli­ma­flücht­lin­gen“ vor der eige­nen Tür ste­hen und es um Wäh­ler­gunst und natio­nal­staat­li­che Gren­zen oder die Siche­rung ent­spre­chen­der Wohl­stands­sys­te­me geht, selbst wenn die­se ihren Wohl­stand his­to­risch und gegen­wär­tig der Aus­beu­tung der Ande­ren ver­dankt.
Kurz: In mei­nen Augen ist der Sei­ten­wech­sel auch des Wor­tes „Frei­heit“ ist ledig­lich ein Sym­ptom und ein sehr unsi­che­rer Hin­weis dar­auf, wofür jemand steht …

 

Ador­no wird heu­te viel­fach mit dem Satz “Es gibt kein rich­ti­ges Leben im fal­schen” bedacht. Was ist in der heu­ti­gen Zeit die­ses fal­sche Leben, in dem es sich nicht rich­tig leben lässt?
 
Ja, die­ser Satz aus den Mini­ma Mora­lia gilt als Ador­nos berühm­tes­ter, und vie­le, vor allem auch wohl­wol­len­de Lesen­de wünsch­ten, er hät­te ihn nie geschrie­ben. Den einen erscheint er als apo­re­tisch, ande­ren als aus­weg- und hoff­nungs­los. Oft schon habe ich gehört: „Aber es gibt doch ein ‚rich­ti­ge­res‘ oder ‚fal­sche­res‘ – als sei­ne ‚rich­tig‘ und ‚falsch‘ gra­du­ier­bar.
Dabei spricht Ador­no mit die­sem Satz – in der für ihn typi­schen Ges­te der Über­trei­bung frei­lich – eine Grund­er­fah­rung aus, die bereits Marx als Ein­satz und Trieb­kraft aller ernst­haf­ten Gesell­schafts­kri­tik ange­se­hen hat­te. Bei Marx fin­det sich die­se Erfah­rung in der Rede von der „Infa­mie des Bestehen­den“ arti­ku­liert. Auch in die­ser For­mu­lie­rung ver­mi­schen sich Ver­zweif­lung und Ohn­macht, Empö­rung und Wider­stand auf eigen­tüm­li­che Wei­se. Die­se For­mel wie­der­um wur­de spä­ter teil­wei­se wört­lich von Georg Lukács, Max Hork­hei­mer, Leo Löwen­thal, Wal­ter Ben­ja­min und eben auch Ador­no wie­der­holt. Und von deren Zeit­ge­nos­sen Ber­tolt Brecht wur­de sie sogar dich­te­risch ver­ewigt: In sei­nem Gedicht „An die Nach­ge­bo­re­nen“ ergeht an eben die­se Nach­ge­bo­re­nen die Bit­te um Nach­sicht dafür, „wahr­lich […] in finstren Zei­ten“ zu leben. Es sei ein Leben in Zei­ten, in denen das arg­lo­se Wort töricht ist, die glat­te Stirn auf Unemp­find­lich­keit hin­deu­tet, in denen Gesprä­che über Bäu­me fast Ver­bre­chen sind, in denen jeder Mensch weiß, dass das eige­ne Über­le­ben und gute Über­le­ben blo­ßer Zufall sind, die Opfer for­dern oder gefor­dert haben. „Nichts von dem, was ich tue, berech­tigt mich dazu, mich satt zu essen. Zufäl­lig bin ich ver­schont. Wenn mein Glück aus­setzt, bin ich ver­lo­ren.“
Was also könn­te gemeint sein? Zunächst ein­mal, dass sich die oder der Ein­zel­ne von vorn her­ein in gesell­schaft­li­che Hand­lungs­zu­sam­men­hän­ge ver­strickt fin­det, die vor­ge­ge­ben und nicht frei gewählt sind. Und dass wir irgend­wie als leben­de Wesen Res­sour­cen ver­brau­chen, die ande­ren des­halb nicht mehr zur Ver­fü­gung ste­hen. Aber all das ist zu tri­vi­al, kenn­zeich­net alle Ver­ge­sell­schaf­tungs- und Lebens­pro­zes­se und begrün­det per se kei­ner­lei Schuld­ge­füh­le oder Schuld­zu­wei­sun­gen. Betrach­te ich mei­ne Lebens­voll­zü­ge und -wei­se nun aber genau, kom­me ich eigent­lich kaum umhin, die­se Ver­stri­ckun­gen zugleich als Schuld­zu­sam­men­hän­ge zu erfah­ren. Ganz ver­ein­facht: Ich unver­dient Wohl­ha­ben­de ver­dan­ke mei­nen Wohl­stand frü­he­rer oder gegen­wär­ti­ger Aus­beu­tung, ob ich will oder nicht. Und: Wir alle leben zu Las­ten zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen, denen wir neben Schul­den­ber­gen zer­stör­te Natur, evtl. Kli­ma­ka­ta­stro­phen ver­er­ben. Und als Gesamt­ge­sell­schaft füh­len wir uns nicht ver­ant­wort­lich oder über­for­dert, wenn wir auf­ge­for­dert wer­den, unse­re Gelüs­te und Bedürf­nis­se zuguns­ten zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen auch nur zu hin­ter­fra­gen, geschwei­ge denn sie zu redu­zie­ren.
Kann nicht also auch uns unse­re Gegen­wart – sofern wir dar­über nach­den­ken wol­len – infam und fins­ter erschei­nen? Erscheint sie nicht gera­de auch in öffent­li­chen, wis­sen­schaft­li­chen und auch poli­ti­schen Dar­stel­lun­gen als in mehr­fa­chen Sin­ne irra­tio­nal: als Schick­sal oder blin­de Natur­ge­walt, als nicht ratio­na­li­sier­bar im Sin­ne von „erklär­bar“ (sei es kau­sal oder teleo­lo­gisch)? Und auch als unver­nünf­tig im empha­ti­schen Sin­ne des „ethisch empö­rend“ (noch ein­mal die Stich­wor­te: nicht­pro­gnos­ti­zier­ba­re Finanz-, d.h. Welt­wirt­schafts­kri­sen, dro­hen­den öko­lo­gi­sche Kata­stro­phen, per­ma­nen­te Kriegs­ge­fahr).
Wer möch­te heu­te eigent­lich in einer der nächs­ten Gene­ra­tio­nen leben? Ich nicht. Ist das nicht fins­ter?

 


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