Editorial der Ausgabe 4/2020 | Frank Augustin

Ausschnitt aus dem Cover unserer Ausgabe 4/2020Illustration: DMBO – Studio für Gestaltung

 

Editorial der Ausgabe SOLIDARITÄT IN PREKÄROTOPIA

Text: Frank Augustin

Bis vor Kurzem war es kaum vorstellbar, jetzt pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Der Kapitalismus stirbt. Auch wenn der Glaube stark war, mittels wissenschaftlich-technischer Wunderdinge plus ewigem (Geld-)Wachstum in Richtung Paradies auf Erden fortzuschreiten, offenbarte sich dieses Projekt zuletzt als inhaltsleerer Dynamismus, der parasitär von der Substanz überlieferter Werte, Haltungen, Strukturen und natürlicher Ressourcen zehrte, immer sinnlosere Produkte herausschleuderte und immer mehr Menschen in prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse versetzte. Editorial der Ausgabe 4/2020 | Frank Augustin weiterlesen

Arbeit als Schlüssel der Transformation | Sarah Mewes

GartenarbeitFoto: Annie Spratt | Unsplash

 

Arbeit als Schlüssel der Transformation der Wirtschaft

Rezension des Buches Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft

Text: Sarah Mewes | Gastbeitrag

Gesellschaften überall auf der Welt suchen nach einem Weg einen nachhaltigen Wandel einzuleiten. VertreterInnen der Postwachstumsökonomie, wie die HerausgeberInnen des Buches Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft (Metropolis Verlag, 2019) Angelika Zahrnt und Irmi Seidl, nehmen die Problematik des Wirtschaftswachstums zum Ausgangspunkt ihrer Nachhaltigkeitsüberlegungen. Endloses Wachstum auf einem endlichen Planeten ist nicht möglich. Klingt einleuchtend. Aber gilt das auch im Sozialen? Welche Auswirkungen hat eine nachhaltige Abkehr vom Wachstumsdruck auf die Welt der Arbeit? Arbeit als Schlüssel der Transformation | Sarah Mewes weiterlesen

Keine Held*innentat, sondern Selbsterhaltung | Ramona Schmidt

WäscheklammernFoto: Félix Prado | Unsplash

 

Die Umwelt retten: Keine Held*innentat, sondern Selbsterhaltung

Text: Ramona Schmidt | Netzwerk Plurale Ökonomik

„How we tell stories of our past, and how we respond to the challenges of the present, are intimately connected.“ Jason W. Moore

Müssen wir wirklich die Natur retten?

Natürlich! Heute mehr als gestern – und morgen erst recht. Und dennoch transportiert die Frage ein Problem, welches ich in diesem kurzen Beitrag diskutieren möchte. Denn sie setzt voraus, dass wir (Menschen) die Natur retten müssen. Die Frage trennt Menschen also kategorial von der Natur. Hierdurch erscheint die Rettung als etwas, das man unter Umständen auch bleiben lassen könnte (da war halt nichts mehr zu machen…), oder sogar als Held*innentat – keineswegs aber als Notwendigkeit. Mit dieser Perspektive nehmen wir nicht wahr, dass wir dabei sind, unsere Existenzgrundlagen zu zerstören. Keine Held*innentat, sondern Selbsterhaltung | Ramona Schmidt weiterlesen

Um welches Ziel es in der Ökonomie geht, ist also bestimmbar | Interview mit Katrin Hirte

Krankenhäuser: für die Menschen oder für den Profit?Foto: Camilo Jimenez | Unsplash

 

„Um welches Ziel es in der Ökonomie geht, ist also bestimmbar“

Fragen an Katrin Hirte

Sie attestieren den Wirtschaftswissenschaften „Reflexionsprobleme“ – wo sind die blinden Flecken? Was wird ausgeblendet?

Hier ist es ratsam, von der grundsätzlichen Beziehung zwischen Wissenschaften und ihren Reflexionsleistungen auszugehen: Wissenschaften reflektieren auf das Bestehende und gleichzeitig entwickelt sich das Bestehende ständig weiter. Die Wissenschaften selbst haben beispielsweise mit ihren Expertisen daran auch einen beträchtlichen Anteil und das ist ja auch so gewollt. Der Einfluss der Wissenschaften auf gesellschaftliche Entwicklungen wird mittlerweile als so groß eingeschätzt, dass man von „Wissensgesellschaften“ spricht. Um welches Ziel es in der Ökonomie geht, ist also bestimmbar | Interview mit Katrin Hirte weiterlesen

Hegel | Sebastian Ostritsch

Georg Wilhelm Friedrich HegelIllustration: DBMO – Studio für Gestaltung (verändert)

 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel – Widerspruch, Geist und Freiheit

Text: Sebastian Ostritsch

„Alle Dinge“, schreibt der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seiner Wissenschaft der Logik (1812–1816), „sind an sich selbst widersprechend“. Dieser Satz ist für die Ohren vieler Philosophen eine Zumutung, wenn nicht gar ein Skandal. Denn in der philosophischen Zunft ist die Ansicht weit verbreitet, Widersprüche könnten in der Realität überhaupt nicht und im Denken auch nur dem Anschein nach bestehen. Es gibt viele Gründe, warum das Urteil über Hegel in der Fachwelt weit auseinandergeht und er nicht nur zu den berühmtesten, sondern auch zu den berüchtigtsten Denkern des Abendlandes gezählt werden muss. Seine äußert schwer zugängliche und zu Missverständnissen einladende Sprache ist sicherlich einer davon. Vielleicht am meisten zu Hegels kontroversem Status beigetragen hat aber seine Haltung zum Widerspruch, den er scheinbar umstandslos bejahte. Hegel | Sebastian Ostritsch weiterlesen

Wir sind nur so sicher wie die Schwächsten unter uns | Fragen an Mira Bierbaum, Thomas Gebauer und Nicola Wiebe

SchirmeFoto: Gizem Uğurlu | Unsplash

 

Wir sind nur so sicher wie die Schwächsten unter uns

Fragen an Dr. Mira Bierbaum, Thomas Gebauer und Nicola Wiebe

Die Krisen und Katastrophen türmen sich vor uns auf: Die Corona-Pandemie, wachsende soziale Ungleichheiten (global wie national) und die Klimakatastrophe, die sich nicht mehr nur am fernen Horizont abzeichnet. Diese Krisen sind miteinander verbunden, meinen Sie – wie das?

Thomas Gebauer (TG): Der Klimawandel, die Vernichtung von Lebensgrundlagen durch Krieg und Vertreibung und jetzt eine Pandemie, die sich in Windeseile über den Globus ausbreiten konnte und deren Folgen noch gar nicht absehbar sind – all das steht im Zusammenhang einer Politik, die dem ökonomischen Kalkül Vorrang vor den Rechten der Menschen eingeräumt hat. Wir sind nur so sicher wie die Schwächsten unter uns | Fragen an Mira Bierbaum, Thomas Gebauer und Nicola Wiebe weiterlesen

Church of Money | Anna Steward

Anna Steward als GeldpilgerinFoto: Natasha Vicars

 

Church of Money – eine Geldpilgerreise

Text: Anna Steward

Die Künstlerin Anna Steward hatte sich 2014 auf eine Geld-Pilgerreise begeben, über die ein Film entstanden ist: Church of Money. Als Geld-Pilgerin hat sie die heiligen Orte des Geldes besucht und versucht, den Glauben an das Geld zu definieren. Church of Money | Anna Steward weiterlesen

Gespräch mit Thomas Jörder | Bernd Villhauer

Euroskulptur vor dem EurotowerFoto: Hans Braxmeier | Pixabay

 

„Ich beschloss, das zu verändern“

Ein Gespräch mit Thomas Jörder

Fragen: Bernd Villhauer

Bei verschiedenen Kongressen und Tagungen ist mir ein freundlicher Herr aufgefallen, der ohne Zweifel Teil der Finanzbranche ist, aber doch eben eher wie ein Freibeuter auch Teil der Seefahrt ist – eben ein unabhängiger Denker: Thomas Jörder. Schon seit Jahren denkt er über ein „besseres Geldsystem“ nach und teilt hier einige Gedanken mit mir: Gespräch mit Thomas Jörder | Bernd Villhauer weiterlesen

Geld prägt unsere Form zu leben | Eske Bockelmann

Pay as you wishFoto: Aneta Pawlik | Unsplash

 

„Geld prägt unsere Form zu leben“

Fragen an Eske Bockelmann

Herr Bockelmann, „Das Geld ist nichts“, behaupten Sie in Ihrem neuen Buch Das Geld. Wie ist das zu verstehen? Dass so viele Menschen nach nichts streben, erscheint kaum nachvollziehbar.

Das Geld ist nichts, insofern es in nichts besteht. Geld wird in Zahlen und Summen auf Konten verzeichnet, wo ja offensichtlich rein gar nichts liegt, und trotzdem „besteht“ Geld in diesen reinen Zahlen aus nichts. Gleichzeitig ist dieses nichts aber mit einer ganz besonderen Macht ausgestattet, nämlich mit der Macht, sich in jede Art von etwas tauschen zu lassen. Als quantifiziertes nichts ist Geld die umfassende Zugriffsmacht auf jederlei etwas. Und von dieser Zugriffsmacht hängen wir heute ab, hängt unser Leben ab: Denn nur mit Geld und mit dem entsprechenden Quantum an Geld kommen wir bekanntlich zu dem, was wir alles zum Leben benötigen oder haben wollen. Geld prägt unsere Form zu leben | Eske Bockelmann weiterlesen

Das Schwein | von Thomas Macho

Ein Schwein am StrandFoto: Antonio Scant | Unsplash

 

Das Schwein

Text: Thomas Macho

Wie sollen Schweine vorgestellt werden? Als Verwandlungskünstler, die uns einerseits Glück bringen, andererseits Schande? Als Verkörperungen erotischer Anziehung oder sprichwörtlicher Trägheit? Als Symbole der Unordnung und des Schmutzes oder als Ikonen der Sparsamkeit und Hygiene? Als populäre oder streng verbotene Nahrungsmittel? Oder als allianzfähige Tiere, die sich zumindest im sprachlichen Alltag nicht scheuen, mit Bären („Saubären“), Hunden („Schweinehunde“) oder Igeln („Schweinigel“) Bündnisse zu schließen, ganz zu schweigen von den Menschen, den „Schweinepriestern“, „Frontschweinen“, oder „Saukerlen“. Nicht zu Unrecht dichtete Gottfried Benn: „Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch“. Wollte er Menschen oder Schweine beleidigen? Das Schwein | von Thomas Macho weiterlesen