Der Reiz des einfachen Lebens erschließt sich insbesondere jenen, die keines führen.” – Kai-Uwe Hellmann

Der Reiz des einfachen Lebens erschließt sich insbesondere jenen, die keines führen.”

Inter­view mit Kai-Uwe Hell­mann

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten des Soziologen Kai-Uwe Hellmann. Er spricht über die Illusion der Einfachheit, den Wunsch dem Hamsterrad zu entkommen, die verflixte Komplexität und die unbemerkte Einfachheit…

 

Herr Hell­mann, kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­li­ch Kom­pli­zier­tes?

Prof. Dr. Kai-Uwe Hell­mann ist Sozio­lo­ge und Kon­sum­for­scher. 2006 begrün­de­te er das Insti­tut für Kon­sum- und Mar­ken­for­schung (IKM) in Ber­lin. Von ihm ist u.a. erschie­nen: Der Kon­sum der Gesell­schaft: Stu­di­en zur Sozio­lo­gie des Kon­sums (Sprin­ger VS 2013). Außer­dem ist er Mit­her­aus­ge­ber der Rei­he Kon­sum­so­zio­lo­gie und Mas­sen­kul­tur.

Mein Ein­druck ist auch: Eine Ant­wort auf die durch­aus schwie­ri­ge Fra­ge nach der Ein­fach­heit fällt kei­nes­wegs leicht. Denn das Ein­fa­che erschließt sich ja erst vom Kom­ple­xen her: Nur durch die Unter­schei­dung vom Nicht-Ein­fa­chen erkennt man die Beson­der­heit des Ein­fa­chen, lernt es sogar schät­zen, sehnt es womög­li­ch her­bei. Fast könn­te man sagen: Das Nicht-Ein­fa­che ist die Vor­aus­set­zung für das Ein­fa­che – was aber nur zum Teil zutrifft, denn viel­mehr ist es die Unter­schei­dung einfach/nicht-einfach, die uns das Ein­fa­che erst erken­nen lässt. Vor die­ser Unter­schei­dung gibt es das Ein­fa­che sozu­sa­gen nicht, und mit der Unter­schei­dung nur als Unter­schie­de­nes. Mit ande­ren Wor­t­en ist das schlicht Ein­fa­che vor die­ser Unter­schei­dung schlicht inexis­tent. Es bedarf somit einer durch­aus auf­wen­di­gen Unter­neh­mung, damit das Ein­fa­che zu Tage tritt, was ihm im Rück­bli­ck jede Ein­fach­heit nimmt. Der prä­re­fle­xi­ve Ein­druck der Ein­fach­heit des Ein­fa­chen ist somit eine Illu­si­on.

 

Gibt es das ein­fa­che Leben wirk­li­ch? Oder ver­birgt sich hin­ter dem „Sim­pli­fy-your-life“ nur ein ren­ta­bles Mar­ke­ting­kon­zept?

Der Reiz des ein­fa­chen Lebens erschließt sich ins­be­son­de­re jenen, die kei­nes füh­ren. Son­st wür­den sie es ja leben. Wobei es das ein­fa­che Leben für jene, die kei­nes füh­ren, durch­aus gibt. Nur füh­ren es ande­re, näm­li­ch sol­che Leu­te, denen es oft gar nicht bewusst ist, dass sie ein ein­fa­ches Leben füh­ren, und gen­au dar­um wer­den sie ja auch benei­det. Für jene, die sich also wün­schen, ein ein­fa­ches Leben zu füh­ren, ergibt sich dar­aus ein Dilem­ma: Zum einen bemes­sen sie die Ein­fach­heit des Lebens sel­ber nach ihrer eige­nen Ent­frem­det­heit von die­ser Vor­stel­lung von der Ein­fach­heit des Lebens, und stre­ben sie dana­ch, dann bemes­sen sie den Grad der Erfül­lung ihrer Vor­stel­lung dana­ch, um wie viel weni­ger sie sich ent­frem­det füh­len. Frei­li­ch bewahrt ihre fort­lau­fen­de Refle­xi­on auf eben die­se Rela­tio­na­li­tät ihnen exakt die­se Ent­frem­det­heit, sie dient ja gen­au dazu, sich selbst von ihrer Ent­frem­dung mög­lichst zu ent­frem­den, um end­li­ch ein­fa­cher leben zu kön­nen, aber dazu brau­chen sie wie­der­um die Refle­xi­on auf ihre Ent­frem­det­heit, so dass sie in ihrer Ent­frem­det­heit qua­si refle­xiv ver­har­ren, und so ent­kom­men sie ihr schlech­ter­dings nicht, nur um eine wei­te­re Illu­si­on allen­falls. Zum ande­ren wäre die voll­kom­me­ne Erfül­lung ihrer Vor­stel­lung von dem Umstand beglei­tet, dass, wenn sie ein wirk­li­ch ein­fa­ches Leben füh­ren wür­den, gen­au dar­um nicht mehr wüss­ten. Damit aber gin­ge ihnen der Trost ver­lo­ren, den sie suchen, weil sie ja gera­de die Ent­frem­dung von der Ent­frem­dung her­bei­seh­nen. Tritt sie aber rea­li­ter ein, mer­ken sie es gar nicht – höchs­tens im Nach­hin­ein, wenn sie kein wah­res ein­fa­ches Leben mehr füh­ren, dann ist es aber eigent­li­ch schon zu spät. Inso­fern han­delt es sich bei der “Simplify-your-life”-Parole um ein veri­ta­bles, durch und durch ren­ta­bles Mar­ke­ting­kon­zept, das Erwar­tun­gen weckt, die ten­den­zi­ell nur ent­täuscht wer­den kön­nen, damit man im Hams­ter­rad schön wei­ter läuft.

 

Ist unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on nicht erschre­ckend ein­fach? Denn auf­grund der dra­ma­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen des Kapi­ta­lis­mus – man den­ke nur an die gigan­ti­sche Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die in den letz­ten 40 Jah­ren auf­ge­pumpt wor­den ist – haben wir eigent­li­ch nur die Wahl zwi­schen einer öko­no­mi­schen Kata­stro­phe oder aber, soll­te irgend­wie das nöti­ge Wachs­tum gene­riert wer­den, einer öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe.

Ich den­ke inzwi­schen, dass es sich hier­bei nicht (mehr) um eine Fra­ge des Entweder/Oder, son­dern des Sowohl-als-auch han­delt. Wir wer­den die pla­ne­ta­ri­sch exzep­tio­nell-sin­gu­lä­re Erfah­rung machen dür­fen, Mut­ter Erde völ­lig in den Ruin zu wirt­schaf­ten, zumin­dest der­ge­stalt, wie wir die­sen Pla­ne­ten bis­lang wahr­neh­men. Wobei die Ein­fach­heit die­ses Kata­stro­phen­sze­na­ri­os dar­in zu sehen ist, dass der Point of No Return inzwi­schen über­schrit­ten wur­de, wie bei einer Schlamm­la­wi­ne, die sich am Gip­fel­punkt löst und ein­fach den Hang her­un­ter­rutscht und alles unter sich begräbt, was ihren Weg kreuzt. Ein­fa­cher geht es nicht mehr! Ein Natur­schau­spiel son­der­glei­chen, und dies von glo­ba­lem Aus­maß, ähn­li­ch wie bei der Aus­lö­schung der Dino­sau­ri­er!

 

Was macht das Leben wirk­li­ch ein­fa­cher?

Nichts, solan­ge man sich die­se Fra­ge stellt. Sie gleicht dem unglück­li­chen Schick­sal Burid­ans Esel: Solan­ge sich die­ses Vieh der Kon­tin­genz die­ser spe­zi­el­len Situa­ti­on aus­setzt, wird es lei­den und schließ­li­ch ver­hun­gern. Anstel­le des­sen soll­te man sich wün­schen, wie Don Qui­xo­te einer vor­mo­der­nen Zeit anzu­ge­hö­ren, oder wie Oblomow einer unter­ge­hen­den Kas­te. Aber dies bleibt ein from­mer ver­geb­li­cher Wunsch, sowie man die­sen Wunsch drän­gend ver­spürt, weil man dann schon von der Kon­tin­genz die­ser spe­zi­el­len Situa­ti­on gezeich­net ist, die wie ein Sta­chel im Flei­sche, wie der Bal­ken im Auge die Aus­weg­lo­sig­keit der eige­nen Lage vor­weg­nimmt.
 

 

 

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Zwischen Himmel und Hölle – Rafael Capurro im Interview

Zwischen Himmel und Hölle

Inter­view mit Rafa­el Capur­ro

Rafa­el Capur­ro ist Infor­ma­ti­ons­ethi­ker und Phi­lo­so­ph. Mit ago­r­a42 sprach er über das In-der-Cyber­welt-sein, die engels­ar­ti­ge Vor­stel­lung vir­tu­el­ler Intel­li­gen­zen, den digi­ta­len Daten-Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts, das Recht Din­ge ver­ber­gen zu dür­fen und die Chan­ce der Zivil­ge­sell­schaft sich digi­tal-poli­ti­sch zu orga­ni­sie­ren.

 

Herr Capur­ro, vor 20 Jah­ren haben Sie die The­se auf­ge­stellt, dass sich im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung eine vir­tu­el­le Welt her­aus­bil­den wird, die für uns bedeu­ten­der als die rea­le Welt wer­den könn­te. Woher rühr­te die­se Begeis­te­rung fürs Vir­tu­el­le?

Damals herrsch­te eine Auf­bruch­stim­mung: Beson­ders die Erfin­dung des Inter­nets und spä­ter des World Wide Web hat alle begeis­tert. John Per­ry Bar­low rief 1996 die Decla­ra­ti­on of the Inde­pen­den­ce of Cyber­space aus. Der Cyber­space erschien vie­len als ein vir­tu­el­ler Raum, der nichts mit der mate­ri­el­len Welt zu tun hat. Dabei war die vir­tu­el­le Welt natür­li­ch gar nicht so unab­hän­gig von der mate­ri­el­len Welt, wie es den Anschein mach­te: Der Com­pu­ter, die bits wie auch die mathe­ma­ti­schen Sym­bo­le 0/1, die in das elek­tro­ma­gne­ti­sche Medi­um ein­ge­prägt wer­den, die­ses Medi­um also „in-for­mie­ren“ – das ist alles Ener­gie und Mate­rie. Aber das wur­de aus­ge­blen­det. Man war fas­zi­niert vom Imma­te­ri­el­len.

Das Gan­ze hat­te etwas Meta­phy­si­sches: Es ging um die Erret­tung des Men­schen aus der schnö­den Welt hier unten und das Empor­stei­gen in die Höhen des Cyber­space. Eine gan­ze Gene­ra­ti­on hat das zu Beginn so erlebt. Damals dach­ten wir wirk­li­ch, es gäbe zwei getrenn­te Wel­ten, eine vir­tu­el­le und eine mate­ri­el­le.

 

Kön­nen Sie die Fas­zi­na­ti­on des Imma­te­ri­el­len genau­er beschrei­ben?

Das Inter­net erweck­te den Ein­druck, als kön­ne man sich von Raum, Zeit und Mate­rie lösen, als kön­ne man an ver­schie­de­nen Orten gleich­zei­tig sein. Wir bewe­gen uns hier wie­der im Bereich der Meta­phy­sik, in einer Welt des Jen­seits, in der die Kate­go­ri­en des Dies­seits – Raum, Zeit und Mate­ria­li­tät – nicht gel­ten. So dach­te ich damals, die Unter­schei­dung von Mate­rie und Geist wür­de in der Tren­nung von Hard­ware und Soft­ware wie­der auf­tau­chen. Ich habe Soft­ware sogar mit der mate­rie­lo­sen Seins­wei­se von Engeln (vom Grie­chi­schen ange­los = Bote) ver­gli­chen – also mit der mit­tel­al­ter­li­chen Vor­stel­lung engels­glei­cher, von der Mate­rie getrenn­ter Intel­li­gen­zen. Intel­li­gen­tiae sepa­ratae war der Begriff, den die mit­tel­al­ter­li­chen Phi­lo­so­phen dafür gebrauch­ten. Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig? Ich dach­te, dass die Lücke, die der Ver­fall der Reli­gio­nen und der Meta­phy­sik hin­ter­las­sen hat­te und die nicht mehr durch engels­glei­che Boten zwi­schen Gott und dem Men­schen aus­ge­füllt wird, durch das In-der-Cyber­welt-sein geschlos­sen wer­den könn­te.

 

Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig?”

 

War das Inter­net so etwas wie ein moder­ner Gott?

Nein, denn wir haben es selbst erschaf­fen. Das macht den tech­no­lo­gi­schen Mythos doch gera­de aus: Wir schaf­fen selbst eine Intel­li­genz, die in man­cher Hin­sicht mäch­ti­ger ist als die mensch­li­che, aber nicht gött­li­ch. Das führ­te auch zu der Fra­ge: Wie bestim­men wir uns selbst in der digi­ta­len Moder­ne? Im Mit­tel­al­ter wur­de der Men­sch als ein Grenz­we­sen defi­niert, das zwi­schen dem Geis­ti­gen und dem Ani­ma­li­schen steht und sich sowohl durch sei­ne tie­ri­sche Her­kunft als auch durch sei­nen gött­li­chen Geist defi­niert. Im 19. Jahr­hun­dert war aber im Abend­land von Gott und Engeln nicht mehr viel übrig geblie­ben. Nach unten konn­ten wir uns über die Evo­lu­ti­on, das heißt unse­re tie­ri­schen Wur­zeln defi­nie­ren. Nach oben aber war nichts mehr da, wor­an wir uns ori­en­tie­ren konn­ten. Da kam die Vor­stel­lung eines Cyber­space wie geru­fen – eine vir­tu­el­le Intel­li­genz, die über uns steht, die wir tech­no­lo­gi­sch erschaf­fen und die nicht theo­lo­gi­scher Her­kunft ist. Ähn­li­ch war im Mit­tel­al­ter die phi­lo­so­phi­sche Funk­ti­on der Engel: Der Ver­gleich zwi­schen Gott und Men­sch war per defi­ni­tio­nem nicht mög­li­ch, weil Gott das Unver­gleich­ba­re ist; also mus­s­te man nach etwas suchen, was zwi­schen Gott und dem Men­schen steht, was uns nicht gleicht, aber trotz­dem nicht so weit weg von uns ist wie Gott.

 

Der Engel ist vom Kör­per befreit. Ist das nicht auch die Vor­stel­lung, die dem berühm­ten Gedan­ken­ex­pe­ri­ment „Gehirn im Tank“ zugrun­de liegt?

Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.”

Gen­au. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­so­ph Jean-François Lyo­tard hat die Fra­ge gestellt, ob man ohne Kör­per den­ken kann. Wow, was für eine Fra­ge! Das riecht stark nach Engel! Aber als leib­li­che Wesen kön­nen wir uns ein Den­ken ohne Kör­per nicht vor­stel­len. Lewis Car­roll erzählt in Ali­ce in Wun­der­land die schö­ne Geschich­te von der Grin­se-Kat­ze, die lang­sam ver­schwin­det: „‚So etwas!’ dach­te Ali­ce; ‚ich habe schon oft eine Kat­ze ohne Grin­sen gese­hen, aber ein Grin­sen ohne Kat­ze! Das ist doch das Aller­selt­sams­te, was ich je erlebt habe!’“ Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.

 

Von der anfäng­li­chen Begeis­te­rung für die unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten des Inter­nets ist aller­dings nicht viel übrig geblie­ben, oder?

Mit dem Auf­kom­men des World Wide Web hat­te man geglaubt – und eini­ge glau­ben das auch heu­te noch –, eine Super­in­tel­li­genz schaf­fen zu kön­nen, die uns ein neu­es Mit­ein­an­der ermög­licht. Die gan­ze Welt soll­te vom Netz über­zo­gen sein und von der digi­ta­len Gesell­schaft pro­fi­tie­ren, alles soll­te geteilt wer­den kön­nen, nichts soll­te etwas kos­ten. Tat­säch­li­ch ist in kur­zer Zeit unglaub­li­ch viel pas­siert: Nach­rich­ten wur­den plötz­li­ch nicht mehr one-to-many ver­teilt, das heißt aus­ge­hend von zen­tra­len Insti­tu­tio­nen wie den Mas­sen­me­di­en oder dem Staat an alle ande­ren, son­dern jeder konn­te many-to-many oder few-to-many oder few-to-few mes­sa­ges ver­tei­len.

Dann ist es aber schnell ans Ein­ge­mach­te gegan­gen: Gro­ße Kon­zer­ne wit­ter­ten Macht und Geld und besetz­ten alle digi­ta­len Kanä­le. Heu­te bestim­men Zucker­berg, Goo­gle, Ama­zon & Co. was im Inter­net gesagt wer­den darf und was nicht. Es ist eine halb-öffent­li­che Moral ent­stan­den, die sich um demo­kra­ti­sche Regeln und Ver­fah­ren nicht schert. Wenn ich die Erwar­tun­gen und Hoff­nun­gen, die ich vor zwan­zig Jah­ren hat­te, mit den heu­ti­gen Gege­ben­hei­ten ver­glei­che, ist das, als ob sich der Him­mel in die Höl­le ver­wan­delt hät­te. Denn die Höl­le haben wir nun offen­bar: Über­wa­chungs­ge­sell­schaft, Geheim­diens­te, Big Data etc. Das alles kam in den letz­ten Jah­ren wie eine Lawi­ne über uns und zer­stör­te die Träu­me der 90er-Jah­re. Was machen wir jetzt? Dar­auf haben wir noch kei­ne halb­wegs ver­läss­li­che Ant­wort. Der Staat ist gegen­über den digi­ta­len Rie­sen ziem­li­ch macht­los und die Fir­men küm­mern sich um ihren Pro­fit. Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen? Die rules of fair play müs­sen stets im Diens­te des Pro­fits ste­hen.

 

Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen?”

 

Rafa­el Capur­ro wur­de 1945 in Uru­gu­ay gebo­ren. Er stu­dier­te Geis­tes­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie in Chi­le und Argen­ti­ni­en als Mit­glied des Jesui­ten­or­dens (1963–1970) und erlang­te 1971 den Grad eines Lizen­ti­ats der Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­dad del Sal­va­dor (Bue­n­os Aires). Nach sei­nem Aus­tritt aus dem Jesui­ten­or­den stu­dier­te er Doku­men­ta­ti­on am Leh­r­in­sti­tut für Doku­men­ta­ti­on in Frank­furt am Main (1972–1973). Es folg­te die Pro­mo­ti­on in Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf (1978). 1986 wur­de er zum Pro­fes­sor für Infor­ma­ti­ons­wis­sen­schaft an der Stutt­gar­ter Hoch­schu­le der Medi­en beru­fen, wo er bis 2009 auch Infor­ma­ti­ons­ethik lehr­te. Von 2000 bis 2010 war er Mit­glied der Euro­pean Group on Ethics in Sci­en­ce and New Tech­no­lo­gies (EGE) der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on. Seit 2007 enga­giert sich Capur­ro ins­be­son­de­re in Afri­ka, wo er das Afri­ca Net­work for Infor­ma­ti­on Ethics (ANIE) an der Uni­ver­si­tät Pre­to­ria mit­be­grün­de­te. 2010 grün­de­te er mit sei­ner Ehe­frau Annet­te die Capur­ro Fiek Stif­tung für Infor­ma­ti­ons­ethik. Die­se för­dert Pro­jek­te, wel­che sich mit den sozia­len und kul­tu­rel­len Aus­wir­kun­gen digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en in der Drit­ten Welt, vor allem in Afri­ka und Latein­ame­ri­ka, befas­sen. Mehr unter capurro.de

Das klingt, als wären alle Hoff­nun­gen begra­ben. Ande­rer­seits gibt es noch Träu­mer wie Vita­lik Bute­rin, die mit­hil­fe neu­er Tech­no­lo­gi­en – Stich­wort Block­chain – das Inter­net dezen­tra­li­sie­ren wol­len. Wird das Inter­net viel­leicht doch noch der erträum­te shared space, der uns zusam­men­führt?

Struk­tu­ren müs­sen von unten wach­sen – bot­tom up. Solan­ge die­se Mög­lich­keit besteht, ist auch Hoff­nung da. Und noch ist Raum für Krea­ti­vi­tät vor­han­den. Nur: Die öko­no­mi­schen Mäch­te sind erdrü­ckend in ihrem Geschäfts­ge­ba­ren und ihrer welt­wei­ten Domi­nanz. Die kau­fen gan­ze Län­der. Wie kann man die­sen ent­fes­sel­ten digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus begrei­fen? Wor­um geht es dabei? Nach wel­chen Geset­zen läuft er ab? Eine kri­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on von Marx’ Kapi­tal im digi­ta­len Zeit­al­ter wäre nötig.

 

Inwie­fern hat sich der Kapi­ta­lis­mus seit Marx ver­än­dert?

Momen­tan gibt es phi­lo­so­phi­sch gese­hen kei­ne Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung der Digi­ta­li­sie­rung bezie­hungs­wei­se des digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Da stel­len sich ganz neue Fra­gen: Was bedeu­tet Frei­heit in der digi­ta­len Welt? Wie hängt die Digi­ta­li­sie­rung mit dem Kapi­ta­lis­mus zusam­men? Die­ses öko­no­mi­sche Sys­tem, ver­bun­den mit der Vor­stel­lung von Fort­schritt und Wachs­tum, hat etwas sehr Reli­giö­ses – nicht nur, sofern das Kapi­tal die Stel­le Got­tes besetzt, son­dern auch, sofern der digi­ta­le Kapi­ta­lis­mus in sei­ner glo­ba­len Gleich­zei­tig­keit eine Eigen­schaft besitzt, die tra­di­tio­nell einer gött­li­chen All­ge­gen­wart vor­be­hal­ten war.

 

Und das funk­tio­niert ja aus­ge­zeich­net, wie der Geld­berg von Zucker­berg zeigt. Ist es nicht ver­rückt, dass eine Fir­ma, die nichts Mate­ri­el­les pro­du­ziert, so viel Geld anhäuft?

Dass inner­halb von zehn Jah­ren rie­si­ge Fir­men wie Face­book aus dem Nichts ent­stan­den sind, ist tat­säch­li­ch kaum zu fas­sen. Womit haben sie das Geld gemacht? Nicht mit Öl. Mit Daten. Die digi­ta­li­sier­ten Daten sind die Basis des Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts. Und die­se Daten sind ein Feti­sch, das heißt, man behan­delt sie so, als ob sie ein Eigen­le­ben füh­ren. Sie erwe­cken den Ein­druck, als wür­den sie zir­ku­lie­ren, wie schon Marx vom Kapi­tal sag­te, und als gäbe es kei­nen Men­schen, der über sie herrscht oder von ihnen pro­fi­tiert.

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht. Im Gegen­satz zum unter­drück­ten Pro­le­ta­ri­at des 19. Jahr­hun­derts arbei­tet das Cyber­ta­ri­at weit­ge­hend fröh­li­ch für das Kapi­tal. Das Lum­pen­pro­le­ta­ri­at trägt heu­te Jeans und Kapu­zen­pul­li, kommt lachend daher und schenkt fröh­li­ch sei­ne Daten an die IT-Gigan­ten. Es ist eine ganz ver­dreh­te Situa­ti­on, weil man frei­wil­lig zum Skla­ven wird. Eigent­li­ch ist das ide­al: Alle sind glück­li­ch! Eine Win-win-Situa­ti­on. Die Kapi­ta­lis­ten sind glück­li­ch, weil sie so viel Geld bekom­men, und die Skla­ven sind glück­li­ch, weil sie arbei­ten, kon­su­mie­ren und online sein dür­fen. Das ist doch der Him­mel auf Erden.

 

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht.”

 

Das hört sich an wie die Beschrei­bung Dro­gen­ab­hän­gi­ger …

Das Inter­net kann tat­säch­li­ch eine Dro­ge wer­den. Marx hat gesagt, die Reli­gi­on sei „das Opi­um des Vol­kes“. Heu­te wür­de er ver­mut­li­ch sagen, die digi­ta­len Medi­en sind das Opi­um.

Unser Grund­ge­setz und unser Selbst­ver­ständ­nis sind tief ver­wur­zelt im Den­ken Kants, der die Ach­tung vor dem ande­ren, des­sen Recht zu exis­tie­ren und sei­ne prin­zi­pi­el­le Gleich­wer­tig­keit unter dem Begriff Men­schen­wür­de zusam­men­fass­te. Glei­cher­ma­ßen prägt uns die Erfah­rung des Zwei­ten Welt­kriegs und ins­be­son­de­re des Holo­causts. Des­halb ist es so wich­tig, die Erin­ne­rung sowohl an die Ide­en­ge­schich­te wie auch an die his­to­ri­schen Ereig­nis­se wach zu hal­ten.

Doch die­ses Bewusst­sein von den Grund­la­gen unse­res Zusam­men­le­bens löst sich gera­de welt­weit auf. Heu­te leben wir bequem in unse­rer Face­book-Bub­ble. Hier wer­den wir dau­ernd bestä­tigt und den­ken: „Das hab ich doch gleich gesagt!“ Es gibt nur das, was ich sage, was ich mag, wie ich bin. Das erschwert das Abstand­neh­men, die Kri­tik, das selbst­stän­di­ge Den­ken, also all das, was für die euro­päi­sche Auf­klä­rung wich­tig war. Aber wie gehen wir gegen die­se Täu­schung vor oder mit ihr um? Das ist die Kern­fra­ge einer künf­ti­gen digi­ta­len Ethik.

 

Wie könn­te eine Ant­wort dar­auf aus­se­hen?

Ganz grund­sätz­li­ch: Sie müss­te unse­ren gesam­ten Rea­li­täts­be­griff und unser Selbst­ver­ständ­nis, nicht also was, son­dern wer wir sind, ver­än­dern.

Der Phi­lo­so­ph der Auf­klä­rung Geor­ge Ber­ke­ley hat die For­mel „esse est per­ci­pi“ auf­ge­stellt, also „Sein ist Wahr­ge­nom­men­wer­den“. Ber­ke­ley zufol­ge gibt es nur das Wahr­ge­nom­me­ne. Was nicht wahr­nehm­bar ist, exis­tiert nicht. Und ich sage, dass es heu­te das Wahr­ge­nom­me­ne nur inso­fern gibt, als es digi­ta­li­sier­bar ist: Esse est com­pu­ta­ri. Sprich: Was sich nicht digi­ta­li­sie­ren lässt, ist nicht. Und zwar nicht im Sin­ne von „It from Bit“, also nicht so ver­stan­den, dass die Rea­li­tät aus bits besteht, die Din­ge also digi­tal sind und nur aus­se­hen wie Mate­rie. Mei­ne The­se lau­tet viel­mehr, dass wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.

 

Wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.”

 

Inwie­fern ist das ein Pro­blem?

Es besteht die Gefahr, dass die­se Sicht auf die Welt tota­li­tär wird. Dann begrei­fen wir unser In-der-Welt-sein nicht mehr als frei gestalt­bar, son­dern dür­fen nur das als bedeu­tungs­voll für unser Dasein anse­hen, was das Digi­ta­le uns erlaubt. Die Erkennt­nis müss­te durch­si­ckern, dass unser In-der-Welt-sein nicht durch das Digi­ta­le allein bestimmt ist. Es ist nur eine Form des In-der-Welt-seins, nicht die ein­zi­ge.

Auf die Phi­lo­so­phie über­tra­gen hie­ße das: Aus einer Onto­lo­gie, also einer mög­li­chen Deu­tung des Seins, wird eine Meta­phy­sik, das heißt eine star­re Auf­fas­sung des­sen, was das Sein der Din­ge und vor allem was uns selbst aus­macht. Wenn das Digi­ta­le die onto­lo­gi­sche und ethi­sche Deu­tungs­ho­heit über­nimmt, dann wird die Sache auch poli­ti­sch gefähr­li­ch. Das haben wir schon im 19. Jahr­hun­dert erlebt, als das Mate­ri­el­le plötz­li­ch für die allei­ni­ge Basis der Rea­li­tät gehal­ten wur­de. Dadurch ent­stand der Mate­ria­lis­mus – und zwar nicht nur in theo­re­ti­scher Hin­sicht, son­dern prak­ti­sch-poli­ti­sch! So nach dem Mot­to: Was sich nicht der mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik ein­schrei­ben lässt, ist ein rück­stän­di­ges Den­ken. Ähn­li­ches steht uns bevor, wenn wir aus dem Digi­ta­len eine dog­ma­ti­sche poli­ti­sche Sicht der Rea­li­tät machen.

 

Machen sich die Anfän­ge einer digi­ta­len Ideo­lo­gie schon im All­tag bemerk­bar?

Man bemerkt die Fol­gen der Ideo­lo­gi­sie­rung in vie­ler­lei Hin­sicht: Die Arbeit ist nicht mehr räum­li­ch und zeit­li­ch fest gere­gelt. Man muss Tag und Nach parat sein. Die Leu­te star­ren unter­wegs stän­dig auf ihre Smart­pho­nes und unter­wer­fen sich dem Dik­tat, online prä­sent sein zu müs­sen.

Grund­sätz­li­ch leben wir gleich­zei­tig in Ver­gan­gen­heit, Zukunft und Gegen­wart. Ich kann mich jetzt mit Ihnen unter­hal­ten, jeder­zeit zurück­ge­hen in die Ver­gan­gen­heit und mich auch jeder­zeit in die Zukunft pro­ji­zie­ren. In den Bekennt­nis­sen des Augus­ti­nus gibt es ein berühm­tes Kapi­tel über die Zeit, in dem das sehr tref­fend beschrie­ben wird: Wir gehen durch das Gedächt­nis zurück in die Hal­len der Ver­gan­gen­heit und pro­ji­zie­ren uns in die Zukunft. Das gibt uns eine unglaub­li­che Frei­heit über die Gegen­wart. Wenn wir die­se Mög­lich­kei­ten nicht hät­ten, wären wir gefan­gen in dem, was im Moment pas­siert. So jedoch kön­nen wir über Din­ge spre­chen, die es (noch) gar nicht gibt, die aber mög­li­ch sind; bei­spiels­wei­se dar­über, was Sie in einer Stun­de machen wer­den. Das Pro­blem ist aber, dass die Gegen­wart, das Jetzt, in unse­rer vom Digi­ta­len bestimm­ten Gesell­schaft zum Maß aller Din­ge wird. Es schrumpft alles auf das digi­ta­le Jetzt zusam­men.

 

Die­ses Inter­view sowie wei­te­re span­nen­de Arti­kel zum The­ma lesen Sie in der Aus­ga­be DIGITALISIERUNG von ago­r­a42.

Was tun? Wie sich befrei­en vom Druck der digi­ta­len Gegen­wart? Den stres­si­gen Job kün­di­gen? Das Smart­pho­ne weg­wer­fen?

Wir ste­cken in der Klem­me. Denn das Digi­ta­le ist immer bezo­gen auf das Jetzt. Sprich: Nur sofern ich in der Gegen­wart ange­spro­chen wer­de, gel­te ich etwas – und sofern ich im Gegen­warts­mo­dus hand­le. Durch die­ses Gefan­gen­s­ein in der digi­tal bestimm­ten Gegen­wart ent­ste­hen aber schwe­re sozia­le und psy­chi­sche Pro­ble­me. Das lässt sich im Fami­li­en­all­tag, aber auch am Arbeits­platz täg­li­ch erle­ben. Nicht online zu sein, wird als ein Risi­ko emp­fun­den: Ich könn­te etwas ver­pas­sen, wenn ich eine Wei­le mein Han­dy aus­schal­te oder gar nicht mit­neh­me; außer­dem erwar­ten alle, dass ich stän­dig ansprech­bar bin. Wenn man stän­dig und über­all digi­tal ver­netzt sein muss und sich auch gar nichts ande­res mehr vor­stel­len kann, ist das ein kla­res Anzei­chen von Frei­heits­ver­lust.

 

Muss dann der gesam­te gesell­schaft­li­che Rah­men ver­än­dert wer­den? Und wie gehen wir das an? Demons­tra­tio­nen? Peti­tio­nen?

Dafür bräuch­ten wir erst ein­mal wie­der einen öffent­li­chen Raum und eine Gesell­schaft, die sich mit ande­ren Gesell­schaf­ten ver­bun­den fühlt. Wir tei­len mit ande­ren Men­schen auf viel­fäl­ti­ge Wei­se eine gemein­sa­me Welt. Die­se gemein­sa­me Welt ist aber in Gefahr zu zer­fal­len: Aus Mög­lich­kei­ten des Zusam­men­s­eins dro­hen Rea­li­tä­ten des Gegen­ein­an­der­s­eins zu wer­den. Aus der Welt wird sozu­sa­gen eine Unwelt und aus frei­en, sich für­ein­an­der ein­set­zen­den Men­schen wer­den in sich ver­schlos­se­ne, von ande­ren und der gemein­sa­men Welt getrenn­te Ego­is­ten, die nur an sich selbst den­ken. Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­ti­sch zu orga­ni­sie­ren. Wir wis­sen nicht, wer wir als digi­ta­le Gesell­schaft sein wol­len. Wir kön­nen nicht all unse­re Stra­ßen pri­va­ti­sie­ren, unse­re Auto­bah­nen und unse­re Plät­ze – aber gen­au das haben wir in der digi­ta­len Welt gemacht! Die Kraft und die Mög­lich­keit, selbst­stän­dig zu urtei­len, gehen immer mehr ver­lo­ren. Auch das Ver­schen­ken von Daten ist kei­ne Lap­pa­lie. Es wird zuneh­mend an ande­rer Stel­le ent­schie­den, wer wir sind. Das Gefühl der Ohn­macht wächst. Alles wird kleb­rig und sti­ckig.

 

Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­ti­sch zu orga­ni­sie­ren.”

 

Rafa­el Capur­ro im Gespräch mit Frank Augus­tin und Tan­ja Will von ago­r­a42.

Wie kann man sich wie­der los­ma­chen und sich Luft ver­schaf­fen?

Wenn jemand fragt: „Hast du etwas zu ver­ber­gen?“, kann man ganz ein­fach ant­wor­ten: „Das geht dich nichts an! Ich bestim­me, was ich von mir zei­ge. Punkt.“ Wo kämen wir hin, wenn wir nichts zu ver­ber­gen hät­ten und stän­dig alles sagen wür­den? Auch in poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Hin­sicht wäre das undenk­bar. Eine Welt, in der es kei­ne Geheim­nis­se geben darf, wäre die Höl­le. Trans­pa­renz und Geheim­hal­tung gehö­ren zusam­men. Übri­gens liegt das auch dar­an, dass ich selbst nicht alles über mich weiß. Ich bin undurch­sich­tig für mich selbst. War­um soll ich mich preis­ge­ben gegen­über ande­ren, die genauso undurch­sich­tig sind wie ich? Die heu­ti­ge For­de­rung: „Tei­le allen alles stän­dig und über­all mit!“ ist daher unethi­sch und über­haupt nicht leb­bar!

 

Es scheint, als wür­de die Gesell­schaft ihren Kitt ver­lie­ren. Was geht uns ver­lo­ren? Oder anders gefragt: Was ver­bin­det uns als Men­schen?

Nicht mehr und nicht weni­ger als ein frei­es, ver­trau­ens­vol­les Ver­hält­nis. Frei­heit als Ver­trau­en ist das Bin­de­glied! Wie kön­nen wir also freie Ver­trau­ens­struk­tu­ren in der heu­ti­gen digi­ta­len Gesell­schaft schaf­fen? Die­ser Auf­ga­be müs­sen sich die Phi­lo­so­phie und die Poli­tik heu­te stel­len. Im Moment ten­die­ren wir in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung: weni­ger Ver­trau­en, mehr Kon­trol­le, weni­ger Den­ken, mehr Aktio­nis­mus. Die Lage ist brenz­lig. Den­ken braucht Zeit.

 

Herr Capur­ro, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.

 

 

 

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ago­r­a42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­li­ch las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Wer nicht einfach über Einfachheit sprechen kann, sollte lieber schweigen” – Rebekka Reinhard

Wer nicht einfach über Einfachheit sprechen kann, sollte lieber schweigen”

Inter­view mit Rebek­ka Rein­hard

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten der Philosophin Rebekka Reinhard. Sie spricht über das einfache Leben, die Sinnsuche, den Weg zum Glück und eine vernachlässigte Tugend: den Mut …

 

Frau Rein­hard, kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­li­ch Kom­pli­zier­tes?

Rebek­ka Rein­hard ist pro­mo­vier­te Phi­lo­so­phin, Bera­te­rin und Redak­teu­rin des Phi­lo­so­phie-Maga­zins Hohe Luft. Von ihr zum The­ma erschie­nen: Die Sinn-Diät – War­um wir schon alles haben, was wir brau­chen (Heyne Ver­lag, 2011). Foto: Peter Lind­bergh

Wer nicht ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen kann, soll­te lie­ber gleich schwei­gen. Schwei­gen ist kei­ne schlech­te Stra­te­gie für den, der nichts Schwie­ri­ge­res als das Ein­fa­che kennt. Wer schweigt, muss nichts ver­ste­hen (nicht mal sei­ne eige­nen Worte). Er ist frei, zu stau­nen, zu han­deln, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Laut Ema­nu­el Lévinas heißt ethi­sche Ver­ant­wor­tung „han­deln, bevor man ver­steht“. Und das ist ziem­li­ch ein­fach. Oder?

 

Kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­s­inn“ zu unter­stel­len?

Nein. Dass in jeder Situa­ti­on der glei­che Sinn steckt, davon soll­te man schon aus­ge­hen. Dann jeden­falls, wenn man ein gutes Leben will. Ich kann aus jedem „Cha­os“ einen „Kos­mos“ machen – sobald ich anfan­ge, das Leben als Roh­ma­te­ri­al zu betrach­ten, das ich, je nach Sach­la­ge, durch mei­ne Akti­vi­tä­ten (Den­ken, Tan­zen, Strei­ten, Lachen, Arbei­ten etc.) gestal­ten kann.

 

Dem mensch­li­chen Stre­ben nach Glück sind nach Sig­mund Freud enge Gren­zen gesetzt: „(…) man möch­te sagen, die Absicht, daß der Men­sch »glück­li­ch« sei, ist im Plan der »Schöp­fung« nicht ent­hal­ten.“ Die Kul­tur ist für Freud eine Quel­le des mensch­li­chen Unbe­ha­gens und zeit­gleich die Not­wen­dig­keit für das (Über-)Leben in der Gemein­schaft. Beschränkt das Aus­maß und die Durch­drin­gung der Kul­tur die Mög­lich­keit des Glücks? Müs­sen wir allein sein, um glück­li­ch zu sein?

Glück kann Vie­les sein. Ein Moment. Die Erin­ne­rung an eine Som­mer­nacht. Vier­ein­halb Jah­re Zufrie­den­heit ohne nen­nens­wer­te Zwi­schen­fäl­le. Der Weg zum Glück hat mit einem Zuviel oder Zuwe­nig an Kul­tur nichts zu tun und steht auch Neu­ro­ti­kern offen. Es gibt kaum etwas Ein­fa­che­res als Glück: Glück ist eine inne­re Akti­vi­tät. Was? Wie? Wo ist das Glück, und wann kommt es end­li­ch? Je län­ger ich war­te, desto unglück­li­cher wer­de ich.

 

Was macht das Leben wirk­li­ch ein­fa­cher?

Sei­nen All­tag an Pla­tons Vie­rer­sche­ma, den Kar­di­nal­tu­gen­den aus­zu­rich­ten: Weis­heit, Mäßi­gung, Gerech­tig­keit, Tap­fer­keit. Statt Tap­fer­keit kann man auch Mut sagen. Mut zählt heu­te zu den am meis­ten unter­ent­wi­ckel­ten Tugen­den über­haupt. Ohne Mut kei­ne Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on, kei­ne Ein­fach­heit.

 

 

 

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Die aktu­el­le ago­r­a42 zum The­ma EINFACH LEBEN ver­schi­cken wir ver­sand­kos­ten­frei. Lesen Sie span­nen­de Bei­trä­ge u.a. von Robert Pfal­ler (“Das nack­te und das gute Leben”), Ulri­ke Gué­rot (“Euro­pa ein­fach machen – ein­fach Euro­pa machen”), Frank Ruda (“Ein­fach nicht ein­fach”) und Mads Pan­kow (“End­li­ch wei­ter­ma­chen – Wer kei­ne Uto­pi­en hat, dem bleibt nur die Zukunft.”)

 

 

Für den schma­len Geld­beu­tel bie­ten wir außer­dem das ago­r­a42-Pro­be­abo an: Spa­ren Sie 39% gegen­über dem Ein­zel­kauf und erhal­ten Sie die Aus­ga­be LEITBILDER gra­tis dazu.

 

 

ALGORITHM WATCH — Beobachtungsplattform für digitale „Entscheider“

Aus der Rubrik LAND IN SICHT der Aus­ga­be DGITALISIERUNG 2/17

Egal ob selbst­fah­ren­de Autos, per­so­na­li­sier­te Online­n­ach­rich­ten oder auto­ma­ti­sier­ter Hoch­fre­quenz­han­del an der Bör­se – wenn Maschi­nen ent­schei­den, basiert dies auf Algo­rith­men. Obwohl dem Wort ein fast mys­ti­scher Klang anhaf­tet, ist ein Algo­rith­mus nichts wei­ter als eine genaue Hand­lungs­an­wei­sung, um ein Pro­blem zu lösen. In der Grund­schu­le begeg­nen wir Algo­rith­men wie der schrift­li­chen Sub­trak­ti­on. Im All­tag hel­fen sie uns in Form von Bedie­nungs­an­lei­tun­gen, um Auf­ga­ben wie den Auf­bau von Ikea-Rega­len zu bewäl­ti­gen. Auf die glei­che Wei­se bestim­men Algo­rith­men, dass ein selbst­fah­ren­des Auto bei einem Hin­der­nis aus­weicht, wel­che Nach­richt weit oben im News­feed erscheint oder wel­che Aktie inner­halb von Mil­li­se­kun­den gekauft und wie­der ver­kauft wird.

Was aber, wenn ein selbst­fah­ren­des Auto jeman­den tötet? Wenn spe­zi­fi­sch abge­stimm­te Bot­schaf­ten im News­feed Men­schen dazu bewe­gen, extre­me poli­ti­sche Par­tei­en zu wäh­len oder wenn Hoch­fre­quenz­han­del zu insta­bi­len Märk­ten führt? Maschi­nel­les Ent­schei­den auf der Basis von Algo­rith­men  ndet in immer mehr Berei­chen Anwen­dung. Die gesell­schaft­li­che Debat­te dar­über, wie damit umzu­ge­hen ist, wenn die ursprüng­li­chen Pro­blem­lö­ser selbst Pro­ble­me ver­ur­sa­chen, kommt jedoch nur lang­sam hin­ter­her.

Algo­rithm Watch möch­te das ändern. Eine Phi­lo­so­phin, eine Natur­wis­sen­schaft­le­rin und zwei Jour­na­lis­ten grün­de­ten die­se Platt­form im Mai 2016 auf der re:publica:. In ihrem Mani­fest heißt es, algo­rith­mi­sche Ent­schei­dungs­pro­zes­se sei­en nie­mals neu­tral und müss­ten nach­voll­zieh­bar sein, damit sie demo­kra­ti­scher Kon­trol­le unter­wor­fen wer­den kön­nen. Von Algo­rith­men unter­stütz­te Ent­schei­dun­gen sol­len aber nicht ver­teu­felt wer­den. Es geht den vier Grün­dern viel­mehr dar­um, dass Bür­ger­rech­te geach­tet wer­den. So beschäf­ti­gen sie sich unter ande­rem mit Pre­dic­tive Poli­cing, bei dem die Poli­zei mit­hil­fe von Algo­rith­men ver­sucht, aus gro­ßen Daten­men­gen vor­her­zu­sa­gen, wo zukünf­ti­ge Ver­bre­chen wie Ein­brü­che pas­sie­ren. Auf­grund der kom­ple­xen und tech­ni­schen Natur algo­rith­mi­scher Ent­schei­dungs­pro­zes­se will Algo­rithm Watch ihre Aus­wir­kun­gen nicht nur beob­ach­ten, son­dern auch für eine brei­te Öffent­lich­keit erläu­tern. Sie wol­len Exper­ten zusam­men­brin­gen und mit­ge­stal­ten, wenn es dar­um geht, geeig­ne­te Auf­sichts­or­ga­ni­sa­tio­nen zu ent­wer­fen.

Mehr dazu unter: algorithmwatch.org

Wie wür­den Sie einem Kind erklä­ren, was ein Algo­rith­mus ist?
In Situa­tio­nen, in denen man selbst gera­de kei­ne Zeit oder kei­ne Lust hat, eine Ent­schei­dung zu tref­fen, kann man die­se an jemand ande­ren abge­ben, von dem man denkt, dass er oder sie eine gute Ent­schei­dung tref­fen wird. Die­ser jemand schreibt die Ent­schei­dung dann auf einen Zet­tel und tut sie in eine Kon­ser­ven­do­se. Wenn ich nun die Dose auf­ma­che, dann kommt die Ent­schei­dung her­aus – wie bei einem Algo­rith­mus.

Wann sind Maschi­nen die bes­se­ren Ent­schei­der?
Zunächst ein­mal ent­schei­den Maschi­nen nicht, da sie kei­ne Absich­ten haben. Nur Men­schen kön­nen han­deln und Ent­schei­dun­gen tref­fen. Men­schen han­deln aber nicht immer kon­se­quent. Ein Rich­ter ent­schei­det etwa vor dem Essen anders als nach dem Essen. Bei unse­ren Ent­schei­dun­gen spie­len Sym­pa­thien eine Rol­le und manch­mal ein­fach nur das Wet­ter. Algo­rith­men hin­ge­gen sind kon­se­quent – und das kann ein Vor­teil sein.

Ihr Name deu­tet auf eine Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (NGO) hin. Ist das die Rol­le, in der Sie sich sehen?
Ja, prin­zi­pi­ell schon. Bei man­chen „Watch“-Organisationen ent­steht jedoch der Ein­druck, dass sie dem Objekt der Beob­ach­tung gegen­über eher skep­ti­sch ein­ge­stellt sind. Das ist bei uns nicht der Fall. Wir sehen im Gebrauch von Algo­rith­men einen Mehr­wert für die Gesellschft. Des­halb sehen wir uns in einer ähn­li­chen Rol­le wie die Orga­ni­sa­ti­on Food­watch, die auch nicht prin­zi­pi­ell etwas gegen Essen hat.

War­um haben Sie sich kri­ti­sch zum Vor­schlag für eine EU-Char­ta digi­ta­ler Grund­rech­te geäu­ßert, die unter ande­rem von Mar­tin Schulz, Sascha Lobo und Juli Zeh initi­iert wur­de?
Unser Haupt­kri­tik­punkt ist, dass es Men­schen­rech­te unab­hän­gig vom Medi­um gibt. Sie vom Medi­um abhän­gig zu machen, wie die EU-Char­ta digi­ta­ler Grund­rech­te es sug­ge­riert, bedeu­tet, dass die Grund­rech­te, die wir jetzt haben, online nicht mehr gel­ten. Das scheint mir sowohl aus ethi­schen als auch aus juris­ti­schen Grün­den frag­wür­dig.

Wir dürfen die Technik nicht einfach laufen lassen” – Peter Schaar im Interview

Wir dürfen die Technik nicht einfach laufen lassen”

Peter Schaar im Interview über schubsende Algorithmen und den Verlust der Privatsphäre

 

Herr Schaar, wel­che Hoff­nun­gen ver­bin­den Sie mit der Digi­ta­li­sie­rung? Was ist ihre größ­te Errun­gen­schaft? 

Digi­ta­le Tech­ni­ken erleich­tern vie­le Din­ge, die unse­ren All­tag aus­fül­len. Sie ste­hen damit in der Tra­di­ti­on tech­ni­scher Inno­va­tio­nen, prin­zi­pi­ell seit der Stein­zeit statt­fin­det. Dies ist grund­sätz­li­ch posi­tiv, jeden­falls dann, wenn wir von den neu­en Mög­lich­kei­ten sinn­voll Gebrauch machen und die Neben­wir­kun­gen im Bli­ck behal­ten. Mit Sor­ge erfül­len mich ins­be­son­de­re das Tem­po, mit dem die Digi­ta­li­sie­rung sich durch­setzt und die Sorg­lo­sig­keit beim Umgang mit ihr. Die damit ein­her­ge­hen­den Risi­ken wer­den viel­fach aus­ge­blen­det, sowohl im Hin­bli­ck auf den Ver­lust der Pri­vat­sphä­re als auch im Hin­bli­ck auf die man­geln­de Zuver­läs­sig­keit und die Ver­letz­lich­keit der Sys­te­me.

 

Per­sön­li­che Daten gehen durch glo­ba­le Netz­wer­ke und gelan­gen poten­ti­ell auch in die Hän­de Drit­ter. Wel­che Aus­wir­kung hat dies auf die Gesell­schaft und die Rech­te des Ein­zel­nen?

Peter Schaar war von 2003 bis 2013 Bun­des­be­auf­trag­ter für den Daten­schutz und die Infor­ma­ti­ons­frei­heit. Seit 2013 ist er der Vor­sit­zen­de der Euro­päi­schen Aka­de­mie für Infor­ma­ti­ons­frei­heit und Daten­schutz (EAID). Für sein Buch “Das Ende der Pri­vat­sphä­re” wur­de Schaar 2008 von der Fried­rich-Ebert-Stif­tung aus­ge­zeich­net. Bild: Wiki­pe­dia, Alex­an­der Klink, CC-BY 3.0

Wenn mit den tra­di­tio­nel­len Instru­men­ten des Daten­schut­zes kon­kre­te Miss­brauchs­fäl­le ver­hin­dert wer­den kön­nen, ist das zwar erst­mal gut, reicht aber ange­sichts der alle Berei­che durch­drin­gen­den Digi­ta­li­sie­rung bei wei­tem nicht aus. Schon jetzt sehen wir, dass immer mehr Daten bei sehr weni­gen Unter­neh­men und mäch­ti­gen Geheim­dienst­zen­tra­len zusam­men­lau­fen. Die­ses struk­tu­rel­le Pro­blem ist bis­her nicht gelöst, denn die Ent­wick­lung läuft wei­ter­hin auf immer grö­ße­re Macht­kon­zen­tra­ti­on in weni­gen Hän­den hin­aus. Die Men­schen – aber auch klei­ne­re Unter­neh­men – wer­den dadurch für die gro­ßen Platt­form­an­bie­ter und ggf. auch für staat­li­che Stel­len sehr trans­pa­rent, wäh­rend nie­mand wirk­li­ch weiß, was mit die­sem Wis­sen geschieht. Infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung – ein Begriff, den wir in Deutsch­land syn­onym zum Ter­mi­nus “Daten­schutz” ver­wen­den –setzt aber vor­aus, dass der Ein­zel­ne dar­über infor­miert ist, wer was über ihn weiß. Wenn wir immer stär­ker von daten­ge­füt­ter­ten Algo­rith­men gesteu­ert oder geschub­st wer­den (Nud­ging), ent­steht ein erheb­li­cher Kon­for­mi­täts­druck. Die­ser zwei­fel­haf­te Effekt wird noch dadurch ver­stärkt, dass wir viel­fach nicht ein­mal wahr­neh­men, dass wir gera­de Gegen­stand einer auto­ma­ti­sier­ten Ent­schei­dung wer­den, oder von einer Ent­schei­dung, die zwar for­mell noch von einem Men­schen getrof­fen wird, die aber auf einem intrans­pa­ren­ten Score­wert beruht. Schließ­li­ch stellt sich die Fra­ge, inwie­weit wir unter der­ar­ti­gen Bedin­gun­gen zukünf­tig über­haupt noch frei ent­schei­den kön­nen.

 

Mit dem Aus­bau der Tech­nik wächst auch die Abhän­gig­keit von ihr. Best­sel­ler wie “Black­out” von Marc Els­berg zei­gen, dass das Unbe­ha­gen gegen­über lebens­wich­ti­gen High-tech-Ver­sor­gungs­sys­te­men wächst. Brau­chen wir mehr low-tech?

Wir dür­fen die Tech­nik nicht ein­fach lau­fen las­sen. Dort, wo nega­ti­ve Effek­te ein­ge­tre­ten oder zu befürch­ten sind, ist mehr gesell­schaft­li­che Ein­fluss­nah­me auf die Gestal­tung der Sys­te­me gefragt. In die­sem Zusam­men­hang ste­hen auch recht­li­che Regeln auf der Tages­ord­nung. Auf EU-Ebe­ne gibt es zum Glück eine neue Daten­schutz­ver­ord­nung, die in allen Mit­glieds­staa­ten gilt. Sie sieht bei ris­kan­ten Tech­ni­ken Daten­schutz­fol­gen­ab­schät­zun­gen vor und sie ver­pflich­tet Unter­neh­men und staat­li­che Stel­len dazu, Daten­schutz­me­cha­nis­men in früh­zei­tig die Sys­te­me zu inte­grie­ren (Pri­va­cy Byte Desi­gn). Eine sinn­vol­le Gestal­tungs­maß­nah­me kann auch ein Down­si­zing sein. Nicht jeder Gegen­stand, nicht jedes tech­ni­sche Sys­tem muss ver­netzt sein und nicht sämt­li­che Daten müs­sen zwangs­läu­fig in der Cloud lan­den. Zudem muss sich jeder Men­sch und jedes Unter­neh­men letzt­li­ch mit der Fra­ge aus­ein­an­der­set­zen, wie weit sie sich von ver­letz­li­chen Tech­ni­ken abhän­gig machen. Gera­de die Vor­fäl­le der letz­ten Wochen haben gezeigt, wel­che Kon­se­quen­zen sich aus einem ziem­li­ch besin­nungs­lo­sen Tech­nik­ein­satz erge­ben kön­nen.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Zen­tra­le Wer­te und auch Grund­rech­te unse­rer Gesell­schaft wer­den doch nicht des­halb obso­let, weil tech­ni­sche Sys­te­me es ermög­li­chen oder gar erfor­dern, davon abzu­wei­chen. Wir brau­chen des­halb eine sehr viel brei­te­re Debat­te dar­über, wie Tech­nik in unse­rer Gesell­schaft ein­ge­setzt wer­den soll. Dazu gehört auch ein bewuss­ter Abschied von Gewohn­hei­ten, die in den letz­ten Jah­ren ein­ge­ris­sen sind. Dazu gehört etwa der Wahn von der jeder­zei­ti­gen Erreich­bar­keit und Ver­füg­bar­keit.

 
 
 
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Digitalisierung bringt kritische Reflexion an Orte, an denen vorher nur konsumiert wurde – Interview mit Pascal Suckow

agora42_DigitalisierungAnläss­li­ch der neu­en ago­r­a42 DIGITALISIERUNG haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten vom Body­buil­der Pas­cal Suckow:

 

Digitalisierung bringt kritische Reflexion an Orte, an denen vorher nur konsumiert wurde

Pascal Suckow im Interview

Pascal Suckow

Pas­cal Suckow über die Chan­cen der Digi­ta­li­sie­rung, die Zunah­me kri­ti­sch-reflek­tier­ter Nut­zer sowie das Smart­pho­ne als Ein­nah­me­quel­le.

 

Herr Suckow, wel­che Hoff­nun­gen ver­bin­den Sie mit der Digi­ta­li­sie­rung?

Mit jeder Art der Ver­än­de­rung erge­ben sich nicht nur Ein­schrän­kun­gen, son­dern auch Chan­cen: Mit der Digi­ta­li­sie­rung ste­hen neue Mög­lich­kei­ten der Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung, der Kana­li­sie­rung von Auf­merk­sam­keit und damit auch die Mög­lich­keit sich als Indi­vi­du­um zu ent­fal­ten, den Ein­schrän­kun­gen ent­ge­gen. Ich hof­fe, ange­sichts der Fake-News und Steue­rungs­ver­su­che mäch­ti­ger Inter­es­sens­ver­tre­ter, ent­wi­ckelt der Kon­su­ment ein stär­ke­res Bewusst­sein für die Bewer­tung von Quel­len. Wir sind mehr denn je gezwun­gen, die The­men, die sich in unse­rem Auf­merk­sam­keits­fo­kus befin­den, mit Abstand zu betrach­ten – auch wenn sie augen­schein­li­ch so klar und ein­fach for­mu­liert sind. Ich sehe nun auch in weni­ger pri­vi­le­gier­ten Gesell­schafts­grup­pen eine kri­ti­sche Hal­tung gegen­über Infor­ma­tio­nen und ver­meint­li­chen Auto­ri­tä­ten. Dies habe ich nicht immer so wahr­ge­nom­men…

 

Was erach­ten Sie als die größ­te Bedro­hung durch die Digi­ta­li­sie­rung?

Ich den­ke die Digi­ta­li­sie­rung bedroht uns nicht, sie berei­chert uns. Es ist jedoch eine gesell­schafts­po­li­ti­sche Ant­wort auf die­se, wenn man so will, „vier­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on“ not­wen­dig. Es gibt eine Viel­zahl an Men­schen „dazwi­schen“, die nicht ver­ste­hen was sich nun abspielt. Die­se Men­schen müs­sen mit­ge­nom­men wer­den und dür­fen nicht mit ihrem über­hol­ten gesell­schaft­li­chen Ver­ständ­nis ori­en­tie­rungs­los in 2020 ver­blei­ben. Für mich ist es eine Erleich­te­rung mei­ne Steu­er­er­klä­rung online ein­zu­rei­chen, für mei­ne Eltern hin­ge­gen eine Qual.

 

Wir ver­brin­gen mehr Zeit vor dem Com­pu­ter, als in der Natur, mehr Zeit im vir­tu­el­len Schrift­ver­kehr, als mit ech­ten Gesprä­chen – Wie ver­än­dert uns die­ses digi­ta­le Lebens­um­feld?

Pascal Su Bodybuilding

Pas­cal Suckow ist Psy­cho­lo­gie-Stu­dent, begeis­ter­ter Body­buil­der und akti­ver YouTuber. Sein Video “Abrech­nung mit der Fit­ness Jugend” über­rasch­te und erfreu­te uns zugleich.

Das Smart­pho­ne hat kei­ne Lücke gefüllt, die zuvor leer war, son­dern hat ande­re Tätig­kei­ten abge­löst und im Umgang mit Situa­tio­nen mehr Effi­zi­enz gebracht. Der Men­sch, der sich gern in ech­te Gesprä­che stürzt, wird die­se auch heu­te noch dem vir­tu­el­len Schrift­ver­kehr vor­zie­hen. So gern ich die Aus­sa­ge der Fra­ge wei­ter­hin hin­ter­fra­gen wür­de, stößt mir im ers­ten Gedan­ken ein öko­no­mi­sches Effi­zi­enz­den­ken auf, wel­ches rigo­ros auf sozia­le Bezie­hun­gen aus­ge­wei­tet wird. Wenn die Anzahl der Likes in sozia­len Medi­en kein unver­bind­li­ches Merk­mal von Zuwen­dung, son­dern eine öko­no­mi­sche Mess­grö­ße für das eige­ne Wohl wer­den, dann könn­te man vor­sich­tig ein Pro­blem der Effek­te der Digi­ta­li­sie­rung ver­mu­ten. Ernst­haf­ter wird es, wenn nach dem Auf­ste­hen der ers­te prü­fen­de Bli­ck auf die Benach­rich­ti­gungs­leis­te im Smart­pho­ne geht: Dies ver­führt schnell in eine Rast­lo­sig­keit, deren Ursa­che den meis­ten gar nicht zugäng­li­ch ist.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Auf­ge­klärt und inmit­ten eines glo­ba­li­sier­ten Ver­ständ­nis­ses von Huma­nis­mus. Hier­zu hilft die Tech­nik, denn sie bringt kri­ti­sche Refle­xi­on an Orte, an denen vor­her nur kon­su­miert wur­de. Wenn der Kon­su­ment mün­dig wird, sich dem Wert sei­ner Daten bewusst und sich sei­ner Posi­ti­on im öko­no­mi­schen, sowie auch gesell­schaft­li­chen Gefü­ge kla­rer wird, dann wird er ein bes­se­res Leben füh­ren kön­nen. Ob sich dies nun sub­jek­tiv bes­ser anfühlt, bezweif­le ich, jedoch birgt dies Effek­te auf unse­re Per­spek­ti­ve, auf unse­ren Auf­merk­sam­keits­fo­kus: Die­ser schließt dann viel­leicht Orte und Grup­pen ein, die uns bis­her unzu­gäng­li­ch blie­ben. Heu­te kann ich mit mei­nem Smart­pho­ne Geld ver­die­nen, egal von wo. Wenn die­se Erkennt­nis auch Bevöl­ke­rungs­grup­pen erreicht, die das gegen­wär­tig noch für uto­pi­sch hal­ten, dann ist ein wenig für das Gleich­ge­wicht getan.

 
 
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