Der gesunde Menschenverstand und darüber hinaus – Interview mit Nikil Mukerji

Nikil Mukerji
Anläss­lich der neu­en agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Nikil Muker­ji, Geschäfts­füh­rer des Exe­cu­ti­ve-Stu­di­en­gangs Phi­lo­so­phie Poli­tik Wirt­schaft (PPW) an der LMU Mün­chen, zum The­ma eini­ge Fra­gen gestellt. Er spricht über den gesun­den Men­schen­ver­stand, die Vor- und Nach­tei­le von Wirt­schafts­wachs­tum und gibt den Tipp, ab und zu mit Men­schen zu spre­chen, die anders den­ken als man selbst …

 

 

Als wir vor acht Jah­ren die agora42 grün­de­ten, frag­te man uns oft, wie Öko­no­mie und Phi­lo­so­phie zusam­men­pas­sen. Was ant­wor­ten Sie, wenn Sie gefragt wer­den, war­um man einen Mas­ter stu­die­ren soll, der bei­des ver­bin­det?

Dafür gibt es meh­re­re Grün­de. Eini­ge davon sind theo­re­tisch, ande­re prak­tisch. Ich gebe Ihnen jeweils ein Bei­spiel. Auf der theo­re­ti­schen Ebe­ne schaut man sich in einem phi­lo­so­phisch infor­mier­ten Wirt­schafts­stu­di­um an, wie die grund­le­gen­den Begrif­fe und Annah­men der Wirt­schafts­wis­sen­schaft eigent­lich zu deu­ten sind. Hier gibt es vie­le popu­lä­re Miss­ver­ständ­nis­se. Zum Bei­spiel wer­den wirt­schaft­li­che Akteu­re als „homi­nes oeco­no­mici“ model­liert. Vie­le Men­schen – und sogar vie­le Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler! – den­ken, dass damit ange­nom­men wird, wirt­schaft­li­che Akteu­re sei­en ego­is­tisch, kalt und berech­nend. Auf die­se Wei­se hat die Wirt­schafts­wis­sen­schaft eine schlech­te Pres­se bekom­men. Inter­es­san­ter­wei­se besagt aber die wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen­theo­rie über­haupt nicht, was man ihr unter­stellt. Sie besagt ledig­lich, dass wirt­schaft­li­che Akteu­re wis­sen, was sie wol­len und dass ihre Prä­fe­ren­zen wider­spruchs­frei sind. Ein theo­re­ti­scher, phi­lo­so­phisch infor­mier­ter Blick hilft also zu erken­nen, dass das Men­schen­bild der Wirt­schafts­wis­sen­schaft gar nicht so düs­ter ist, wie dies häu­fig ange­nom­men wird.

 

Und das zwei­te Bei­spiel?

Der berufs­be­glei­ten­de Wei­ter­bil­dungs­stu­di­en­gang M.A. Phi­lo­so­phie Poli­tik Wirt­schaft (PPW) an der LMU Mün­chen lehrt den sys­te­ma­ti­schen Umgang mit Kom­ple­xi­tät und hilft dabei, ver­steck­te Prä­mis­sen zu erken­nen, über­eil­te Ant­wor­ten zu hin­ter­fra­gen und das Spek­trum an Lösun­gen zu erwei­tern. Die inter­dis­zi­pli­nä­ren Per­spek­ti­ven von Poli­tik- und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, Ethik, Phi­lo­so­phie, Orga­ni­sa­ti­ons- und Ent­schei­dungs­theo­rie befä­hi­gen Ent­schei­dungs­trä­ger, ratio­nal mit der Diver­si­tät funk­tio­na­ler, ethi­scher, kul­tu­rel­ler und per­sön­li­cher Per­spek­ti­ven umzu­ge­hen.

Das zwei­te Bei­spiel ist prak­ti­scher Natur. Ein rei­nes Wirt­schafts­stu­di­um bereit dar­auf vor, Ent­schei­dungs­fra­gen wirt­schaft­lich ver­nünf­tig zu durch­den­ken. Nicht mehr und nicht weni­ger. Wir stel­len jedoch fest, dass das in der Pra­xis häu­fig nicht reicht. Wenn Sie mit Ent­schei­dungs­trä­gern aus der Wirt­schaft spre­chen, dann erfah­ren Sie, dass es in vie­len prak­ti­schen Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen nicht nur eine wirt­schaft­li­che Dimen­si­on gibt. Hin­zu kom­men Aspek­te der Ethik und der Kul­tur. Bis­wei­len müs­sen auch poli­ti­sche, psy­cho­lo­gi­sche und sozio­lo­gi­sche Aspek­te ein­be­zo­gen wer­den. Mit ande­ren Wor­ten: Es gibt ver­schie­de­ne wich­ti­ge Per­spek­ti­ven, die Sie auf ein und das sel­be Ent­schei­dungs­pro­blem ein­neh­men kön­nen. Die müs­sen Sie ers­tens erken­nen, und zwei­ten müs­sen Sie in der Lage sein, schwie­ri­ge Ziel­kon­flik­te zu lösen. Etwa wenn eine wirt­schaft­lich gebo­te­ne Ent­schei­dung aus ethi­scher Sicht pro­ble­ma­tisch ist.

 

Die neue Aus­ga­be der agora42 hat den Titel „Wirt­schaft im Wider­spruch“. Wel­cher Wider­spruch im öko­no­mi­schen Bereich ist für Sie der bedeut­sams­te?

Ich den­ke, in wirt­schaft­li­chen Fra­gen wider­spricht häu­fig unser Bauch­ge­fühl dem, was wirk­lich ver­nünf­tig ist. Die­ses Phä­no­men wird inten­siv von der Ver­hal­tens­öko­no­mik stu­diert, die beson­ders die psy­cho­lo­gi­schen Aspek­te wirt­schaft­li­cher Ent­schei­dun­gen im Blick hat. Es gibt vie­le Bei­spie­le für intui­ti­ves Den­ken, das uns in die Irre führt. Wenn Sie sich z.B. vor­stel­len, dass Sie zwei Akti­en gekauft haben. Aktie A ist um 20% gestie­gen, Aktie B um 20% gefal­len. Nun brau­chen Sie Geld für eine drin­gen­de Anschaf­fung und über­le­gen, wel­che Aktie Sie ver­kau­fen soll­ten. Wenn Sie Ihrem Bauch­ge­fühl ver­trau­en, wer­den Sie ver­mut­lich Aktie A ver­kau­fen. War­um? Weil die im Plus ist und Sie einen Gewinn mit­neh­men kön­nen. Bei der ande­ren Aktie sind Sie im Minus. Hier wür­den Sie den Ver­lust rea­li­sie­ren, wenn Sie ver­kau­fen. Des­we­gen scheu­en Sie sich davor, das zu tun. Wenn Sie aller­dings ein wenig über­le­gen, dann soll­te Ihnen klar wer­den, dass die Fra­ge, mit wel­cher Aktie Sie im Plus sind und mit wel­cher im Minus, völ­lig belang­los ist. Was zählt, ist, wie Sie die Zukunfts­per­spek­ti­ve der bei­den Akti­en ein­schät­zen. Wenn man ver­kom­pli­zie­ren­de Fak­to­ren wie etwa Steu­er­fra­gen aus­blen­det, dann soll­ten Sie die­je­ni­ge Aktie ver­kau­fen, die eine ver­gleichs­wei­se schlech­te­re Zukunfts­aus­sicht hat.

 

Sie haben ein Buch über die Grund­sät­ze ver­nünf­ti­gen Den­kens geschrie­ben: “Die 10 Gebo­te des gesun­den Men­schen­ver­stands”. Gibt es Mög­lich­kei­ten, sein Leben wider­spruchs­frei aus­zu­rich­ten? Oder ist die unbe­ding­te Wider­spruchs­frei­heit selbst ein Wider­spruch?

Nikil Mukerji

Nikil Muker­ji ist Phi­lo­soph und Buch­au­tor (u.a. „Die 10 Gebo­te des gesun­den Men­schen­ver­stands“, 2017). Er stu­dier­te BWL, VWL, Phi­lo­so­phie, Logik und Wis­sen­schafts­theo­rie. Heu­te ist er Geschäfts­füh­rer des Exe­cu­ti­ve-Stu­di­en­gangs PPW an der LMU Mün­chen und frei­be­ruf­li­cher Bera­ter für das Insti­tut für Argu­men­ta­ti­on in Mün­chen.

Wider­spruchs­frei­heit ist für mich ein Gebot des gesun­den Men­schen­ver­stands. Das heißt, es ist aus mei­ner Sicht völ­lig unkon­tro­vers, dass Sie Wider­spruchs­frei­heit anstre­ben soll­ten. Ein sehr ein­fa­ches Argu­ment zeigt das. (1) Sie haben ein Inter­es­se dar­an, Din­ge zu tun, die Ihren Zie­len die­nen. (2) Wenn Sie fal­sche Über­zeu­gun­gen haben, dann lau­fen Sie Gefahr, etwas zu tun, was Ihre Zie­le kon­ter­ka­riert. Wenn Sie z.B. zum Bahn­hof wol­len und den­ken, es gehe nach links, obwohl es tat­säch­lich nach rechts geht, dann ver­pas­sen Sie unter Umstän­den Ihren Zug. Also haben Sie ein Inter­es­se dar­an, fal­sche Über­zeu­gun­gen zu ver­mei­den. (3) Wenn Sie wider­sprüch­li­che Über­zeu­gun­gen haben, dann garan­tiert das, dass Sie fal­sche Über­zeu­gun­gen haben. Denn ein Wider­spruch ist ja ledig­lich eine Men­ge von Aus­sa­gen, die nicht gleich­zei­tig wahr sein kön­nen. Also haben Sie ein Inter­es­se dar­an, Wider­sprü­che im Den­ken zu ver­mei­den. Soviel zur Fra­ge, war­um man Wider­sprü­che eigent­lich ver­mei­den soll­te. Aber Sie woll­ten ja wis­sen, wie man das tun kann. Hier­zu muss man erken­nen, dass nicht jeder Wider­spruch offen­sicht­lich ist. In den meis­ten Fäl­len muss man eine Wei­le gründ­lich nach­den­ken. Dafür braucht man Metho­den, und die beschrei­be ich im sechs­ten Kapi­tel mei­nes Buches „Die 10 Gebo­te des gesun­den Men­schen­ver­stands“. Ein nahe­lie­gen­der Tipp, den ich Ihnen geben kann, ist ziem­lich ein­fach umset­zen: Reden Sie mit Men­schen, die anders den­ken als Sie. Die wer­den Wider­sprü­che in Ihrem Den­ken ver­mut­lich leich­ter erken­nen als Sie selbst.

 

Es ist weit­hin Com­mon Sen­se, etwas haben zu wol­len, das die eige­nen Lebens­grund­la­gen zer­stört – näm­lich Wirt­schafts­wachs­tum. Wie kann es sein, dass der gesun­de Men­schen­ver­stand im öko­no­mi­schen Bereich der­art ver­sagt?

Ich weiß gar nicht, ob ich Ihre Ein­schät­zung da tei­len wür­de. Ers­tens: Was wir – d.h. jeder Ein­zel­ne von uns – wol­len, ist nicht Wirt­schafts­wachs­tum, son­dern ein bes­se­res Leben. Weil wir aber alle indi­vi­du­ell die­ses Ziel haben, und weil wir dafür zumin­dest teil­wei­se auf Mit­tel ange­wie­sen sind, die wir nur mit­hil­fe wirt­schaft­li­cher Pro­duk­ti­on erhal­ten, kön­nen wir als Gesell­schaft nicht auf Wirt­schafts­wachs­tum ver­zich­ten. Sonst kommt es zu Ver­tei­lungs­kämp­fen und Kon­flik­ten. Wirt­schafts­wachs­tum ist also eine not­wen­di­ge Bedin­gung des indi­vi­du­el­len Stre­bens nach einem bes­se­ren Leben. Kei­ner von uns hat aber indi­vi­du­ell die­ses Ziel. Das ist ein Punkt, der wich­tig ist. Vie­le Pro­ble­me der moder­nen Welt ent­ste­hen näm­lich nicht, weil sich Ein­zel­ne unver­nünf­tig ver­hal­ten. Viel­mehr füh­ren die ziel­ori­en­tier­ten Hand­lun­gen von Indi­vi­du­en dazu, dass Ergeb­nis­se ent­ste­hen, die eigent­lich kei­ner will.

Nun zum zwei­ten Punkt: Ich den­ke nicht ein­mal, dass Wirt­schafts­wachs­tum per se ein Pro­blem ist. Pro­ble­ma­tisch ist eher eine bestimm­te Form wirt­schaft­li­cher Pro­duk­ti­on. Wirt­schafts­zwei­ge, die z.B. eine gro­ße Men­ge fos­si­le Brenn­stof­fe ver­brau­chen, tra­gen zur Erd­er­wär­mung bei. Man­che Che­mie­kon­zer­ne ver­schmut­zen die Umwelt. Das sind für sich genom­men Pro­ble­me. Wachs­tum macht sie nur grö­ßer. Es gibt aber auch Pro­duk­ti­ons­wei­sen, die unschäd­lich sind. Ich den­ke da z.B. an neue Ener­gie­tech­no­lo­gi­en, die eine CO2-neu­tra­le Pro­duk­ti­on ermög­li­chen. Wenn hier Wachs­tum ent­steht, dann sehe ich damit kein Pro­blem. Es wäre dann aus Sicht des gesun­den Men­schen­ver­stands eher gebo­ten mehr davon zu ver­lan­gen.

 

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Die aktuelle Ausgabe

mit u.a.

Ulrich von Weiz­sä­cker “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech “Jen­seits grü­ner Wachs­tums­träu­me”

Sven Bött­cher “Anders! ist das neue Bas­ta!”

Ant­je von Dewitz (VAUDE) “Wir alle müs­sen Kon­trol­le abge­ben”

Ver­sand­kos­ten­frei im Online­shop erhält­lich.

Die Menschen werden sich erheben – Interview mit Martin Armstrong

Im Nach­gang zu der Film­pre­mie­re des Films The Fore­cas­ter, über die wir in dem Bei­trag “Kann man Kri­sen vor­her­sa­gen?” berich­te­ten, führ­ten wir ein Inter­view mit dem Prot­ago­nis­ten des Films Mar­tin Arm­strong. Wir spra­chen mit ihm über die Model­le, mit denen er die Zukunft vor­aus­sa­gen will, über gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung und die Wahr­schein­lich­keit einer Revo­lu­ti­on.

 

Herr Arm­strong, mit Ihrem Modell ver­su­chen Sie, durch die Ana­ly­se von Ereig­nis­sen aus der Ver­gan­gen­heit Vor­aus­sa­gen über die Zukunft zu tref­fen. Es gibt jedoch Ereig­nis­se, deren Ein­tre­ten als extrem unwahr­schein­lich gilt, die aber trotz­dem auf­tre­ten und die als Schwar­ze Schwä­ne bekannt gewor­den sind. Gibt es inso­fern Ereig­nis­se, die sich nicht in ihr Modell inte­grie­ren las­sen?

Detail des Film­pla­kats The Fore­cas­ter von Mar­cus Vet­ter und Karin Stein­ber­ger.

Nein, die gibt es nicht. Damit dies der Fall ist, braucht es aller­dings eine Daten­bank, die Jahr­hun­der­te zurück­reicht und somit jedes bis­her statt­ge­fun­de­ne Ereig­nis erfas­sen kann. Das Pro­blem der meis­ten Model­le ist, dass sie einen viel zu kur­zen Zeit­ho­ri­zont berück­sich­ti­gen. Wenn man sich inten­siv mit der Geschich­te aus­ein­an­der­setzt, stellt man fest, dass die Grund­mus­ter sich stän­dig wie­der­ho­len. Wir sehen im Prin­zip stän­dig die glei­chen Dra­men von Shake­speare und nur die Schau­spie­ler wech­seln.

Trotz­dem ändern sich natür­lich gewis­se Umstän­de: In der Welt­wirt­schafts­kri­se von 1929/30 kam es zu sehr vie­len Ban­ken­plei­ten. Damals waren es aber vie­le Ban­ken und eher rei­che Bevöl­ke­rungs­schich­ten, wel­che die Staats­an­lei­hen hiel­ten. Heu­te sind es im Gegen­satz dazu etli­che Pen­si­ons­fonds, die gro­ße Sum­men inves­tiert haben. Es ist die brei­te Mas­se, die so direkt um ihre Ren­ten gebracht wer­den wür­de. Des­halb wären die Fol­gen eines Staats­bank­rotts heu­te noch viel gra­vie­ren­der für die Gesell­schaft als 1931.

 

Bei Ihren Ana­ly­sen gehen Sie pri­mär auf öko­no­mi­sche Ereig­nis­se ein. Aller­dings gibt es auch poli­ti­sche Ereig­nis­se wie bei­spiels­wei­se die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, durch die Gesell­schaf­ten völ­lig ver­än­dert wer­den. Kann man auch sol­che Ereig­nis­se berech­nen?

Man kann das eine nicht vom ande­ren tren­nen. Es wäre nie zu Ereig­nis­sen wie der Fran­zö­si­schen oder Ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on gekom­men, hät­te es nicht die öko­no­mi­schen Fak­to­ren gege­ben, die Druck auf die Men­schen aus­ge­übt haben. Die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen pas­sie­ren nicht ohne Grund. Es ist wie mit Krie­gen, die sich auch nicht ereig­nen, wenn es der Wirt­schaft gut geht. Flacht die Wirt­schaft ab, sind die Men­schen eher wil­lens zu kämp­fen und las­sen sich viel leich­ter auf­rüh­ren.

Bei genaue­rer Betrach­tung erkennt man, dass es die Mis­sis­sip­pi Bub­b­le von 1720 war, wel­che die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on aus­ge­löst hat. Men­schen aus ganz Euro­pa hat­ten in die fran­zö­si­sche Mis­sis­sip­pi Kom­pa­nie inves­tiert. Als die Bla­se platz­te, über­nahm die Regie­rung die Schul­den der Kom­pa­nie – ein klas­si­scher Bail-out – und erhöh­te im Nach­gang die Steu­ern, wodurch der Druck auf die Bevöl­ke­rung stieg. Es gibt also immer tie­fer­lie­gen­de Grün­de, wes­halb Revo­lu­tio­nen wie in Frank­reich oder den USA statt­fin­den.

 

Wenn sich denn die Dra­men Shake­speares stets wie­der­ho­len und wir dar­an letzt­lich nichts ändern kön­nen, wes­halb sol­len wir uns dann über­haupt Gedan­ken machen?

Man kann Kon­junk­tur­zy­klen, ein Auf und Ab der Wirt­schaft, nicht grund­sätz­lich abschaf­fen. Aber wenn man die Wirk­me­cha­nis­men die­ser Zyklen ver­steht – es ist wie mit Josef in der Bibel: Auf sie­ben ertrag­rei­che Jah­re fol­gen sie­ben schlech­te Jah­re –, kann man ver­su­chen, die Aus­schlä­ge bezie­hungs­wei­se Ampli­tu­den sol­cher Zyklen zu ver­rin­gern, um nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen zu redu­zie­ren.

 

Eine Mög­lich­keit, wie die Gesell­schaft grund­sätz­lich ver­än­dert wer­den kann, sehen Sie nicht?

Es gibt natür­lich auch den tech­ni­schen Fort­schritt, der für Ver­än­de­rung sorgt – Din­ge wie die Eisen­bahn oder heu­te das Inter­net. Jede Inno­va­ti­on ver­ur­sacht Ver­än­de­rung.

 

Die Rah­men­be­din­gun­gen des Wirt­schaf­tens ändern sich mas­siv, Stich­wort Kli­ma­wan­del und Umwelt­zer­stö­rung. Den­noch wirt­schaf­tet man im Prin­zip noch so wie im letz­ten Jahr­hun­dert. War­um wer­den die Scheu­klap­pen nicht abge­legt?

Die meis­ten Pro­ble­me wer­den von Regie­run­gen ver­ur­sacht. Denn Regie­run­gen han­deln nicht ratio­nal. Sie sehen die Arbeits­be­völ­ke­rung haupt­säch­lich als eine end­lo­se Ein­nah­me­quel­le an. Im Gegen­satz zu Unter­neh­men, die sich stän­dig refor­mie­ren und ver­än­dern müs­sen, erhöht die Regie­rung ein­fach die Steu­ern. Als ich mein Unter­neh­men auf­ge­baut habe, hat­te ich ein Start­ka­pi­tal von 600 Dol­lar. Stel­len Sie sich das heu­te ein­mal vor.

 

Wenn es ein all­ge­mei­nes Pro­blem dar­stellt, dass Poli­ti­ker Wäh­lern, die für sie stim­men sol­len, Geschen­ke machen und sich hier­für Geld lei­hen, wie soll man dann ohne Crash aus der Schul­den­fal­le her­aus­kom­men?

Poli­ti­ker han­deln häu­fig nicht sehr wei­se. Aber das Sys­tem kann sich auch ohne sie ver­än­dern. Schon Tho­mas Jef­fer­son hat gesagt, dass eine Revo­lu­ti­on ab und an recht hilf­reich sein kann. Und das ist ja im Grun­de auch genau das, was in der Rea­li­tät pas­siert.

 

Steht uns also eine Revo­lu­ti­on bevor?

Es gibt heu­te genü­gend Men­schen, die ver­ste­hen, was vor sich geht. Wir haben einen Zeit­punkt erreicht, an dem die Staats­ver­schul­dung, je nach Berech­nung, zwi­schen 70 Pro­zent und 100 Pro­zent des BIP erreicht. Folg­lich stei­gen auch die Aus­ga­ben für Zins­zah­lun­gen als Anteil der Staats­aus­ga­ben. Die Idee, dass man Steu­ern zahlt, weil die­se dem Gemein­wohl zugu­te kom­men, hat aus­ge­dient, denn das Geld wird ein­fach aus dem Fens­ter gewor­fen. Es kommt nie dort an, wo es eigent­lich hin soll. Kon­stant wird alles redu­ziert. Frü­her muss­te mei­ne Mut­ter nie etwas für ihre Medi­zin bezah­len. Wenn ich heu­te ihre Medi­ka­men­te abho­le, zah­le ich immer drauf. Die Regie­rung redu­ziert kon­stant die­je­ni­gen Leis­tun­gen, die tat­säch­lich bei den Men­schen ankom­men.

Die Men­schen wer­den sich erhe­ben. Man schaue sich ein­mal an, wie die USA ihre Krie­ge gerecht­fer­tigt haben. Lyn­don B. John­son nahm den Ton­kin-Zwi­schen­fall als Anlass, in den Viet­nam-Krieg ein­zu­tre­ten, beim Irak­krieg war es die angeb­li­che Exis­tenz von Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen. Als Oba­ma dann in Syri­en ein­grei­fen woll­te, haben die Men­schen gesagt: Jetzt ist Schluss, was hat uns denn Syri­en getan, das einen Krieg recht­fer­tigt? Er hat­te also nicht die Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung. Es kommt zu Ver­än­de­run­gen immer dann, wenn die Men­schen sich gegen etwas auf­leh­nen. Anfangs wur­de die ame­ri­ka­ni­sche Revo­lu­ti­on nur von einem Drit­tel der Bevöl­ke­rung unter­stützt. Dann ist das Pam­phlet Com­mon Sen­se von Tho­mas Pai­ne erschie­nen und bewirk­te einen Mei­nungs­um­schwung. Es ist ein wirk­lich bemer­kens­wer­tes Schrift­stück, in dem Pai­ne davon aus­geht, dass Regie­run­gen häu­fig davon über­zeugt sind, selbst die Nati­on zu sein, dabei sind es alle Ein­woh­ner, wel­che die Nati­on reprä­sen­tie­ren.

 

Sehen wir mit den Unru­hen in Bal­ti­more und Fer­gu­son bereits Vor­zei­chen für die nächs­te Revo­lu­ti­on in Nord­ame­ri­ka?

Der gro­ße Unter­schied zu den Bür­ger­rechts­be­we­gun­gen in den 1960ern ist, dass es beim nächs­ten Mal nicht nur Schwar­ze sein wer­den, die sich auf­leh­nen. Schon heu­te ver­trau­en 75 Pro­zent der ame­ri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung nicht mehr den Poli­ti­kern. Es wird also einen Zeit­punkt geben, an dem alles in die Luft gehen wird.

 

Sie haben den nächs­ten grö­ße­ren Crash für den 1. Okto­ber 2015 vor­ge­sagt. Was kommt danach?

Es wird auf jeden Fall Refor­men geben. Was ich mit Sicher­heit sagen kann, ist, dass die USA nicht län­ger die größ­te Volks­wirt­schaft der Welt sein wer­den. Die­se Rol­le wird Chi­na über­neh­men. Aber Finanz­ka­pi­tal hat sich schon immer bewegt. Es ist von Baby­lon nach Athen gewan­dert, von dort nach Maze­do­ni­en, nach Rom und irgend­wann nach Indi­en und Chi­na. Die Bri­ten hat­ten es von den Nie­der­län­dern. Die Spa­ni­er hat­ten es und haben es ver­lo­ren. Es waren dann die ita­lie­ni­schen und die deut­schen Ban­ker, die gro­ße Men­gen an Kapi­tal beses­sen haben und von dort ist es nach Ams­ter­dam gewan­dert. Kapi­tal bewegt sich immer als eine Fol­ge von Miss­ma­nage­ment. Die USA sind auf dem Höhe­punkt ange­kom­men und die Macht wird sich anschlie­ßend nach Chi­na bege­ben.

 

Abge­se­hen von den wirt­schaft­li­chen Macht­ver­schie­bun­gen: Wel­che Chan­ce sehen Sie für eine freie­re Gesell­schaft?

Wir haben eine Wahl. His­to­risch betrach­tet, bewe­gen sich Gesell­schaf­ten ent­we­der hin zu mehr Auto­ri­ta­ris­mus oder sie bewe­gen sich hin zu mehr Frei­heit. Das ist auch der Grund dafür, dass ich den Film machen woll­te. Wenn gezeigt wird, wie weit die USA sich bereits auf dem Pfad des Auto­ri­ta­ris­mus bege­ben haben, wird die Gesell­schaft sich künf­tig wie­der mehr in Rich­tung Frei­heit bewe­gen. Ich hege die Hoff­nung, dass die gan­zen Geheim­dienst­skan­da­le und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen den Höhe­punkt des auto­kra­ti­schen Regie­rungs­han­delns dar­stel­len, dass sie nur noch das letz­te ver­zwei­fel­te Auf­bäu­men einer Groß­macht mar­kie­ren.

 

Wagen Sie noch eine Vor­her­sa­ge in gesell­schaft­li­cher Hin­sicht?

Die Gesell­schaf­ten wer­den frag­men­tier­ter wer­den. Die Volks­wirt­schaf­ten, wie wir sie heu­te ken­nen, wer­den sich aus­ein­an­der­ent­wi­ckeln. Schon heu­te gibt es zum Bei­spiel in Schott­land oder Spa­ni­en sepa­ra­tis­ti­sche Bewe­gun­gen.

 

Letz­te Fra­ge: Was sind Ihre per­sön­li­chen Plä­ne für den 1. Okto­ber?

Ich wer­de wahr­schein­lich beschäf­tigt sein, wie immer, aber nichts Beson­de­res tun.

 

Herr Arm­strong, vie­len Dank für die­ses Gespräch.

 

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Die­ses Inter­view ent­stammt der Aus­ga­be 3/2018 BESITZ & EIGENTUM

Die Vermeidung der Steuervermeidung

Steuervermeidung
Die­ser Bei­trag ist in der Rubrik “Land in Sicht” in der aktu­el­len Aus­ga­be WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH erschie­nen. In die­ser Rubrik stel­len wir Unter­neh­men oder zivil­ge­sell­schaft­li­che Pro­jek­te vor, die öko­no­mi­sches und gesell­schaft­li­ches Neu­land betre­ten.
Steuervermeidung

Die Vermeidung der Steuervermeidung

und die Arbeit der EU-Kommission

Die Ver­öf­fent­li­chung der Para­di­se Papers am 5. Novem­ber 2017 beleg­te erneut, wie ver­mö­gen­de Pri­vat­per­so­nen und Unter­neh­men mit­tels Geld­wä­sche, Steu­er­split­ting und Ver­schleie­rung – unter ande­rem durch Grün­dung von Brief­kas­ten­ge­sell­schaf­ten und Nut­zung von Offshore-„Steueroasen“ – Steu­er­ver­mei­dung und Steu­er­hin­ter­zie­hung betrei­ben. Bereits durch die soge­nann­ten Luxem­burg-Leaks im Jahr 2014 wur­den vie­le die­ser Prak­ti­ken zur „aggres­si­ven Steu­er­ver­mei­dung“ bekannt. Bei­spiels­wei­se hat­te eine Luxem­bur­ger Toch­ter­ge­sell­schaft euro­päi­schen Part­ner- Nie­der­las­sun­gen Nut­zungs­rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums in Rech­nung gestellt, so dass die­se Nie­der­las­sun­gen ihr zu ver­steu­ern­des Ein­kom­men dra­ma­tisch redu­zie­ren konn­ten. Die­ses Vor­ge­hen war in den meis­ten Fäl­len voll­kom­men legal oder es gab, wie in vie­len durch die Pana­ma und Para­di­se Papers bekannt gewor­de­nen Fäl­len, kei­ne Mög­lich­keit dage­gen vor­zu­ge­hen – auch wenn die öffent­li­che Empö­rung dar­über unmiss­ver­ständ­lich zum Aus­druck brach­te, dass die­se Steu­er­ver­mei­dungs­prak­ti­ken als ille­gi­tim emp­fun­den wur­den.
Bei der EU-Kom­mis­si­on hat man die­se Empö­rung nun zum Anlass genom­men, eine Stra­te­gie gegen Steu­er­ver­mei­dung zu ent­wi­ckeln. Die Eck­pfei­ler die­ser Stra­te­gie sind ers­tens, eine schwar­ze Lis­te von Steu­er­oa­sen, zwei­tens, eine Trans­pa­renz­pflicht für Inter­me­diä­re (Anwäl­te, Bera­ter, Ban­ken etc.) und drit­tens das soge­nann­te Coun­try-by-Coun­try Reporting.

 

Nach­ge­frgat bei Mari­na Pop­zov, Beauf­trag­te für das Netz­werk Steu­er­ge­rech­tig­keit von Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal

 

Die Pana­ma Papers wie auch die Para­di­se Papers legen den Ein­druck nahe, dass man heu­te Steu­ern hin­ter­zie­hen kann, ohne dabei gel­ten­de Geset­ze zu bre­chen. Stimmt das?
Nicht ganz. Es gibt kei­ne Juris­dik­ti­on, die Steu­er­hin­ter­zie­hung oder Geld­wä­sche erlaubt, jedoch gibt es jene, die Mecha­nis­men zulas­sen, wel­che es fast unmög­lich machen, dabei erwischt zu wer­den. Die­se beru­hen immer auf der Ver­schleie­rung und Geheim­hal­tung von Infor­ma­tio­nen. So wird zum Bei­spiel die Ein­sicht in Unter­neh­mens­re­gis­ter für aus­län­di­sche Insti­tu­te erschwert und die Infor­ma­tio­nen ber wirt­schaft­lich Berech­tig­te nicht zen­tral erfasst. Das Pro­blem sind also nicht die Geset­ze, son­dern die man­gel­haf­ten Kon­troll- und Trans­pa­renz­maß­nah­men in den betref­fen­den Regio­nen.

 

Beim Tref­fen der EU-Finanz­mi­nis­ter in Brüs­sel sag­te der EU-Finanz­kom­mis­sar Pierre Mosco­vici: „Es ist abso­lut nötig, dass wir unser Pro­gramm gegen Steu­er­ver­mei­dung und aggres­si­ve Steu­er­pla­nung beschleu­ni­gen.“ Das Druck­mit­tel, das die rund 60 ange­schrie­be­nen Staa­ten dazu bewe­gen soll, ihre Steu­er­ge­set­ze zu refor­mie­ren, ist die Dro­hung, bei Nicht­ko­ope­ra­ti­on auf einer schwar­zen Lis­te zu lan­den. Ist die­ses Mit­tel aus­rei­chend?

Sol­che schwar­zen Lis­ten wur­den in den letz­ten 20 Jah­ren immer wie­der erstellt, mal vom IWF, mal von der OECD oder FATF und sind alle geschei­tert. Der Teu­fel steckt wie immer im Detail. Wie defi­niert man Steu­er­ver­mei­dung und wann genau wird die­se aggres­siv? Wie unter­schei­det man gute Buch­hal­tung von Aus­nut­zung? Sich auf eini­ge weni­ge Eck­punk­te in sol­chen Debat­ten zu eini­gen, ist sehr schwer und lang­wie­rig. Sobald sie ste­hen, wer­den die­se, aber auch nur die­se und meist nur auf dem Papier von den gelis­te­ten Län­dern erfüllt, um schnell wie­der von der Lis­te zu kom­men. Schwar­ze Lis­ten die­nen nicht als Dro­hung, son­dern bie­ten den Län­dern ledig­lich eine neue Platt­form zum „White­wa­shing“.
Eine bes­se­re Lösung ist Trans­pa­renz. Gro­ße Kon­zer­ne haben ganz unter­schied­li­che Geschäfts­mo­del­le und Struk­tu­ren und daher lässt sich nicht pau­schal, son­dern nur indi­vi­du­ell fest­stel­len, ob Steu­er­ver­mei­dung vor­liegt. Um eine sol­che Fra­ge über­haupt ange­hen zu kön­nen, muss man wis­sen, wie die Sach­la­ge aus­sieht und den Fall trans­na­tio­nal dis­ku­tie­ren. In wel­chem Land ver­dient das Unter­neh­men wie viel und in wel­chem Land zahlt es wie viel Steu­ern? Daher unter­stützt Trans­pa­r­en­cy Deutsch­land das auf EU- Ebe­ne vor­ge­schla­ge­ne Coun­try-by-Coun­try Reporting. Die­ses soll mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne zwin­gen, ihre Gewin­ne und Steu­er­zah­lun­gen voll­stän­dig, glo­bal und öffent­lich auf­zu­schlüs­seln. – Lei­der blo­ckiert aus­ge­rech­net Deutsch­land seit Jah­ren die­se Bemü­hun­gen. Man hat Angst, der Wirt­schafts­stand­ort könn­te an Attrak­ti­vi­tät ver­lie­ren.

 

Was spricht dage­gen, das EU- Steu­er­recht zu har­mo­ni­sie­ren? Damit könn­te man nicht nur das EU-inter­ne Steu­er­dum­ping been­den, son­dern auch glaub­wür­di­ger in den Ver­hand­lun­gen mit exter­nen Steu­er­oa­sen auf­tre­ten …
Schon jetzt wer­den vie­le inter­na­tio­na­le Stan­dards auch in Steu­er­fra­gen nicht natio­nal ent­wi­ckelt, son­dern von den Emp­feh­lun­gen glo­ba­ler Orga­ni­sa­tio­nen wie der OECD über­nom­men. Lang­fris­tig soll­te das auf EU-Ebe­ne und glo­bal wei­ter vor­an­ge­trie­ben wer­den. Nur so las­sen sich glo­ba­le Pro­ble­me lösen.

Schatz­in­seln – Wie Steu­er­oa­sen die Demo­kra­tie unter­gra­ben von Nicho­las Shax­son, erschie­nen im rot­punkt­ver­lag

Den­noch darf man nicht Stan­dards nur um der Stan­dar­di­sie­rung wil­len ein­füh­ren. Da kom­men wie­der die Details ins Spiel. Die ein­zel­nen EU-Mit­glie­der haben trotz des gemein­sa­men Wirt­schafts­raums unter­schied­li­che Bin­nen­wirt­schaf­ten. Alle gleich zu besteu­ern, könn­te Nach­tei­le für Ein­zel­ne berei­ten. Man muss also mit Augen­maß an die Sache her­an­ge­hen.
Glaub­wür­dig­keit wür­den wir vor allem dann gewin­nen, wenn wir Groß­bri­tan­ni­en und die USA als Ver­hand­lungs­part­ner über­zeu­gen könn­ten. Vie­le der „exter­nen Steu­er­oa­sen“, wie die US Vir­gin Islands, Ber­mu­da, Cayman Islands, Isle of Man und Jer­sey, sind in ihrer Gesetz­ge­bung immer noch an den Ein­fluss von West­mis­ter und Washing­ton gebun­den. War­um zwei der größ­ten Finanz­mäch­te der Welt sich für Maß­nah­men gegen Steu­er­hin­ter­zie­hung ein­set­zen und gleich­zei­tig bestimm­te Schat­ten­fi­nanz­plät­ze tole­rie­ren, ist eine span­nen­de Fra­ge, die den Rah­men des Inter­views sprengt. Allen inter­es­sier­ten Lesern lege ich an die­ser Stel­le das Buch Schatz­in­seln von Nicho­las Shaxon ans Herz, der auch für das Netz­werk Steu­er­ge­rech­tig­keit tätig ist.

 

Anmer­kung der Redak­ti­on: Im Rah­men die­ses Bei­trags stan­den wir auch im Aus­tausch mit der Pres­se­stel­le des Bereichs Taxa­ti­on and Custom Uni­on der Euro­päi­sch­ne Kom­mis­si­on. Wir baten die­se um Ant­wor­ten von Pierre Mosco­vici auf ähn­li­che Fra­gen, wie wir Sie Frau Pop­zov gestellt haben. Ant­wor­ten haben wir bekom­men (“back­ground infor­ma­ti­on”), dür­fen sie aber nicht ver­öf­fent­li­chen. Aller­dings ist in die­sem Fall auch nicht so inter­es­sant was gesagt wur­de, son­dern viel­mehr die Art und Wei­se, wie etwas nicht gesagt wur­de.

Zu die­ser back­ground infor­ma­ti­on  erhiel­ten wir auch Links zu den Ver­öf­fent­li­chun­gen der Arbei­ten der Kom­mis­si­on zur Bekämp­fung der Steu­er­ver­mei­dung:

 

Jede Konzentration ist eine Gefahr für die Demokratie – Interview mit Frank Simon

Berechnend

Wir laufen Gefahr, erpressbar zu werden

Anläss­lich der neu­en agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Frank Simon, Mit­glied im Vor­stand des Deut­schen Netz­werk Wirt­schafts­ethik (DNWE), zum The­ma eini­ge Fra­gen gestellt. Er spricht über die Dis­kre­panz zwi­schen Ein­sicht und Han­deln, die Reduk­ti­on des Men­schen, des Wirt­schaf­tens sowie über Ten­den­zen, wel­che die Demo­kra­tie gefähr­den …

 

Berechnend

 

Die neue Aus­ga­be hat den Titel „Wirt­schaft im Wider­spruch“. Wel­cher Wider­spruch ist für Sie der bedeut­sams­te?

Der für mich bedeut­sams­te Wider­spruch ist die Dis­kre­panz zwi­schen „ver­nünf­ti­gem“ und tat­säch­li­chem Han­deln. Es sind unse­re tag­täg­li­chen Ent­schei­dun­gen gegen gesun­de Lebens­wei­se, Schutz der Natur, mit­mensch­li­chen Umgang und vie­les ande­re mehr. Wir alle ken­nen das Leid von Krank­hei­ten, sind abge­sto­ßen von ver­müll­ten Strän­den oder ster­ben­den Bäu­men und lei­den unter Streit in Fami­lie, mit Freun­den oder am Arbeits­platz. Wir kön­nen lie­be­voll und gemein, berech­nend und altru­is­tisch, fried­fer­tig und kämp­fe­risch sein. Tan­ja Will zitiert in ihrem Arti­kel Nietz­sche:

Der moder­ne Mensch stellt, bio­lo­gisch, einen Wider­spruch der Wer­te dar, er sitzt zwi­schen zwei Stüh­len, er sagt in einem Atem Ja und Nein. (…) Wir alle haben wider Wis­sen, wider Wil­len, Wer­te, Wor­te, For­meln, Mora­len ent­ge­gen­ge­setz­ter Abkunft im Lei­be – wir sind, phy­sio­lo­gisch betrach­tet, falsch.“ (Sei­te 14, agora42 1/2018)

Dies ist zwar kein Wider­spruch, der nur auf das Wirt­schafts­le­ben beschränkt ist, hat aber hier beson­de­re Aus­wir­kun­gen, da wir die gesam­te Gestal­tung des Wirt­schafts­sys­tems auf den ver­nünf­tig han­deln­den homo oeco­no­mi­c­us aus­ge­rich­tet haben. Dass der Mensch in sei­nen Moti­ven und Ver­hal­tens­wei­sen viel­fäl­ti­ger und Ver­nunft z. B. in der Befol­gung mora­li­scher Regeln erst dann ein­setzt, wenn ethi­sche Pro­ble­me als sol­che erkannt und wahr­ge­nom­men wer­den, der Umgang mit ihnen geschult und mora­li­sches Han­deln mit erträg­li­chen per­sön­li­chen Opfern ver­bun­den ist, ist eine Erkennt­nis, die sich erst lang­sam ver­brei­tet. Die Ver­en­gung des Men­schen­bil­des auf den bewusst (über­legt) han­deln­den und dabei berech­nen­den Men­schen führt zur „self-ful­fil­ling pro­phe­cy“ und limi­tiert unse­re Ansät­ze zur Gestal­tung von Erzie­hung, Aus­bil­dung und letzt­lich unse­rer Wirt­schafts­ord­nung. Die Ver­schu­lung der Hoch­schul­aus­bil­dung, die Mathe­ma­ti­sie­rung der Betriebs­wirt­schafts­leh­re und der nur zöger­li­che Aus­bau von wirt­schafts­ethi­schen Lehr­an­ge­bo­ten sind hier nur klei­ne Bei­spie­le.

 

Die Pro­ble­me der Redu­zie­rung vie­ler Din­ge auf ein bestimm­tes Maß – Wirt­schafts­wachs­tum auf das BIP, Erfolg eines Unter­neh­mens auf den Pro­fit, Lebens­sinn auf Kar­rie­re etc. – tre­ten immer deut­li­cher zu Tage. Hal­ten Sie es für sinn­voll mehr­di­men­sio­na­le Mess­grö­ßen ein­zu­füh­ren oder müs­sen wir gar auf­hö­ren, alles mes­sen zu wol­len?

Die Ant­wort auf Ihre Fra­ge steckt schon im Begriff der „Redu­zie­rung“. Es ist nicht das Pro­blem der Mess­grö­ße, son­dern deren Inter­pre­ta­ti­on. Wir suchen in der kom­ple­xen Welt nach ein­fa­chen, schnell erfass­ba­ren Lösun­gen und machen uns nicht klar, was eine Mess­grö­ße aus­drü­cken kann und was nicht. Auch berück­sich­ti­gen wir nicht, dass sich unse­re Vor­stel­lun­gen von dem, was „Erfolg“, „Lebens­sinn“ oder „Kar­rie­re“ beinhal­ten, dras­tisch gewan­delt haben. Neh­men wir bei­spiels­wei­se den unter­neh­me­ri­schen Erfolg, für den die Mess­grö­ße des Pro­fits lan­ge Zeit als ange­mes­sen galt. Ver­gleicht man den gern zitier­ten Satz von Mil­ton Freed­man „The busi­ness of busi­ness is busi­ness“ mit der Defi­ni­ti­on der unter­neh­me­ri­schen Ver­ant­wor­tung der EU-Kom­mis­si­on von 2011, nach der Unter­neh­men für die Aus­wir­kun­gen auf die Gesell­schaft, d. h. in öko­no­mi­scher, sozia­ler und öko­lo­gi­scher Dimen­si­on, ver­ant­wort­lich sind, so wird die Ver­brei­te­rung des Erfolgs­be­griffs anschau­lich. Hier nur eine (alte), ein­di­men­sio­na­le Mess­grö­ße anwen­den zu wol­len, ist von vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt.

Aber auch mehr­di­men­sio­na­le Mess­grö­ßen lösen das Pro­blem nur unzu­rei­chend, da man dann zwar die Dimen­sio­nen abbil­det, aber noch nicht zu kon­kre­ten Hand­lungs­emp­feh­lun­gen kommt, wenn die Dimen­sio­nen nicht in glei­cher Wei­se ver­folgt wer­den kön­nen. Es zei­gen sich die (ggf. mora­li­schen) Dilem­ma­ta, für die wir Ent­schei­dungs­re­geln fin­den müs­sen. Eine Dis­kus­si­on hier­über fin­det aber nach mei­ner Beob­ach­tung nur unzu­rei­chend statt. Im Ergeb­nis dann aber gleich auf die Mess­ver­su­che zu ver­zich­ten, erscheint mir nicht sinn­voll zu sein. Nur mit Hil­fe der kon­kre­ten Aus­prä­gung der Kenn­zah­len und ihrer sach­ge­rech­ten Inter­pre­ta­ti­on erhal­te ich die Grund­la­gen für die Aus­ein­an­der­set­zung um den „rich­ti­gen“ Kurs und die Beur­tei­lung der Fort­schrit­te.

 

Die Real­wirt­schaft steht einem ent­fes­sel­ten und ihren Wert um ein Viel­fa­ches über­stei­gen­den Finanz­ka­pi­tal gegen­über. Hat die Wirt­schaft im mate­ri­el­len Sinn (Pro­duk­ti­on) nur noch Ali­bi­funk­ti­on?

Ich wür­de soweit momen­tan (noch) nicht gehen wol­len. Der Kapi­tal­markt hat sich in vie­len Fäl­len vom Güter­markt eman­zi­piert und hat sich von einem der Pro­duk­ti­on und dem Waren­aus­tausch die­nen­den Sys­tem zu einem selb­stän­di­gen ent­wi­ckelt. Ein beson­ders anschau­li­ches Bei­spiel sieht man gera­de bei der Bit­coin Ent­wick­lung. Finanz­pro­duk­te selbst sind zum Han­dels­pro­dukt und der Ein­fluss auf den Güter­markt ist zwei­fel­los grö­ßer und unbe­re­chen­ba­rer gewor­den. Den­noch erfüllt er tag­täg­lich wei­ter­hin auf den meis­ten Märk­ten sei­ne die­nen­de Funk­ti­on. Wahr ist jedoch, dass das Ver­trau­en in den Kapi­tal­markt als ein zuver­läs­si­ger Indi­ka­tor für Risi­ko und Ren­di­te abge­nom­men hat und Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen häu­fi­ger als in frü­he­ren Jah­ren vor­kom­men.

 

Ange­sichts der enor­men Bedeu­tung und der immer stär­ke­ren Kon­zen­tra­ti­on des Kapi­tals: Sehen Sie die Demo­kra­tie und mit ihr den Wohl­fahrts­staat durch die­se Ent­wick­lung gefähr­det?

Sicher­lich ist jede Kon­zen­tra­ti­on eine Gefahr für die Demo­kra­tie, da sie dazu ver­lei­tet jen­seits demo­kra­tisch legi­ti­mier­ter Pro­zes­se Ein­fluss auf die Gestal­tung unse­rer Lebens­wei­se zu erlan­gen. Das gilt für die Kon­zen­tra­ti­on von Kapi­tal, aber auch für Kon­zen­tra­ti­on von Infor­ma­tio­nen, Pro­duk­ti­ons­mit­teln, Boden­schät­ze oder Flä­chen in glei­cher Wei­se.

Die demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen lau­fen Gefahr erpress­bar oder kor­rum­pier­bar zu wer­den.

Die Rege­lungs­de­fi­zi­te und die man­geln­de Soli­da­ri­tät der Staa­ten auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne beför­dern die­se Gefahr eben­so wie Bequem­lich­keit und Kurz­frist­den­ken der Zivil­ge­sell­schaft.

Die oben genann­te Defi­ni­ti­on der EU-Kom­mis­si­on zur unter­neh­me­ri­schen Ver­ant­wor­tung gilt es natio­nal wie inter­na­tio­nal ernst zu neh­men und die Debat­te zu füh­ren, wel­che Aus­wir­kun­gen wir tole­rie­ren wol­len oder von uns gewünscht wer­den. Die bei­spiels­wei­se mit den Sustain­ab­le Deve­lop­ment Goals (SDGs) ange­sto­ße­ne Visi­on über das Zusam­men­le­ben der Völ­ker gilt es kon­se­quent wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Es reicht nicht, das Zustan­de­kom­men der Zie­le zu begrü­ßen, son­dern sich für deren Erfül­lung ein­zu­set­zen. Die SDGs müs­sen in Teil­zie­le, Ver­ant­wor­tun­gen und Maß­nah­men für alle Ebe­nen über­setzt wer­den. Das betrifft sowohl Staa­ten­ge­mein­schaf­ten, wie z. B. die EU, als auch die Natio­nal­staa­ten. Aber auch hier dür­fen wir nicht ste­hen blei­ben, son­dern soll­ten debat­tie­ren, was die­se Zie­le für Län­der und Gemein­den, für Unter­neh­men und zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen, aber auch für jeden ein­zel­nen von uns bedeu­ten.

Ich fürch­te, dass es uns erst in die­ser müh­sam zu erlan­gen­den Gesamt­sicht gelin­gen wird, die rich­ti­gen Ant­wor­ten auf „ange­mes­se­ne“ Kon­zen­tra­ti­on oder die gerech­te Aus­prä­gung unse­res Wohl­fahrts­staa­tes zu fin­den. Wir machen es uns zu ein­fach, wenn wir die Schuld an einem mög­li­chen Nie­der­gang der Demo­kra­tie im Kapi­tal­markt oder bei den mul­ti­na­tio­na­len Unter­neh­men suchen. In ers­ter Linie kommt es auf uns als Zivil­ge­sell­schaft an, uns ein­zu­brin­gen und die demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen zu nut­zen.

 

 

Anmer­kung der Redak­ti­on. Im Inter­view der aktu­el­len Aus­ga­be frag­te wir Ernst Ulrich von Weiz­sä­cker:

Mit der Agen­da 2030 der Ver­ein­ten Natio­nen wur­den 17 Nach­hal­tig­keits­ent­wick­lungs­zie­le defi­niert, öko­lo­gi­sche sowie sozia­le und wirt­schaft­li­che Zie­le. Dar­un­ter unter ande­rem: Die Bekämp­fung des Kli­ma­wan­dels (Ziel 13) sowie die Erhal­tung und nach­hal­ti­ge Nut­zung der Ozea­ne (Ziel 14). Kann man also der Zukunft doch hoff­nungs­voll ent­ge­gen­bli­cken?

Das kann man lei­der nicht. Denn was man nicht ver­ges­sen darf, ist, dass die Ver­wirk­li­chung der elf sozia­len und wirt­schaft­li­chen Zie­le, sofern sie auf der Grund­la­ge der kon­ven­tio­nel­len Wachs­tums­stra­te­gi­en gesche­hen wür­den, mas­siv im Wider­spruch zur Ver­wirk­li­chung der öko­lo­gi­schen Zie­le steht. Und so wie die poli­ti­schen Macht­ver­hält­nis­se in allen Län­dern der Welt sind, haben die sozio­öko­no­mi­schen Ent­wick­lungs­zie­le immer Vor­rang gegen­über den öko­lo­gi­schen Ent­wick­lungs­zie­len. Von den pro­gres­si­ve­ren Staats­chefs hört man bes­ten­falls: „Oh je, da steht uns ein gro­ße Ver­än­de­rung bevor, das ist eine enor­me Her­aus­for­de­rung. Aber um sie bewäl­ti­gen zu kön­nen, brau­chen wir erst ein­mal noch viel mehr Wachs­tum.“ Das ist die auto­ma­ti­sche Reak­ti­on. Sei es in Kiga­li, in Qui­to, in Ber­lin oder in Shang­hai.

Alle reden genau so: Wir brau­chen mehr Wachs­tum, um end­lich das Kli­ma zu ret­ten!

 

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Die aktuelle Ausgabe

mit u.a.

Ulrich von Weiz­sä­cker “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech “Jen­seits grü­ner Wachs­tums­träu­me”

Sven Bött­cher “Anders! ist das neue Bas­ta!”

Ant­je von Dewitz (VAUDE) “Wir alle müs­sen Kon­trol­le abge­ben”

Ver­sand­kos­ten­frei im Online­shop erhält­lich.

Wir leben in einer Umbruchszeit – Interview mit Walter Otto Ötsch

Es wächst das Bewusstsein einer multiplen Krise

Anläss­lich der neu­en agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Wal­ter Otto Ötsch, Pro­fes­sur für Öko­no­mie und Kul­tur­ge­schich­te am Insti­tut für Öko­no­mie an der Cusa­nus Hoch­schu­le, zum The­ma eini­ge Fra­gen gestellt. Er spricht über die „Gro­ßen Kri­se“, die Gestal­tungs­fä­hig­keit der Poli­tik, die Ver­göt­te­rung des Mark­tes und die Rück­kehr des Popu­lis­mus …

 

Illus­tra­ti­on: Car­los Gar­cía-San­cho, dedesign.tumblr.com

 

Mit der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 wagen wir die The­se, dass der Wider­spruch ein Zei­chen der Zeit ist, dass schein­bar Selbst­ver­ständ­li­ches zuneh­mend zur Dis­kus­si­on steht, gleich ob in Wirt­schaft, Poli­tik oder im pri­va­ten Bereich. Wie erle­ben Sie die Zeit? Gibt es noch kla­re Ori­en­tie­rung?

 

Walter Otto Ötsch

Wal­ter Otto Ötsch ist Öko­nom und Kul­tur­his­to­ri­ker und seit Okto­ber 2015 Pro­fes­sor für Öko­no­mie und Kul­tur­ge­schich­te am Insti­tut für Öko­no­mie an der neu gegrün­de­ten Cusa­nus Hoch­schu­le in Bern­kas­tel-Kues (an der Mosel). Aus­führ­li­che Infor­ma­tio­nen zu sei­ner Per­son und sei­nen Arbei­ten unter: walteroetsch.at

Vie­les, was frü­her als selbst­ver­ständ­lich gegol­ten hat, steht heu­te zur Dis­po­si­ti­on. Wir leben in einer Umbruchs­zeit, lang­sam wächst das Bewusst­sein einer mul­ti­plen Kri­se. Alle gro­ßen Sys­te­me wei­sen struk­tu­rel­le Bruch­stel­len auf und wer­den zuneh­mend kri­tisch betrach­tet oder gar in Fra­ge gestellt: das Wirt­schafts­sys­tem spä­tes­tens seit der „Gro­ßen Kri­se“ ab 2008, die Par­tei­en­de­mo­kra­tie spä­tes­tens seit dem Wahl­sieg von Donald Trump 2016 oder der Sozi­al­staat spä­tes­tens seit der in Euro­pa akzep­tier­ten Aus­te­ri­täts­po­li­tik ab 2010. Im Hin­ter­grund steht die Angst vor einer öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe, ener­gi­sche Schrit­te, um z.B. die Kli­ma­er­wär­mung auf 2 Grad zu begren­zen, sind nicht in Sicht.

Die­se gro­ßen Fra­gen kön­nen ohne spür­ba­re struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen nicht bewäl­tigt wer­den. Die Hoff­nung, dass ihre Lösung in den bestehen­den Struk­tu­ren liegt, kann nicht geteilt wer­den. Auf­fal­lend ist aber, wie wenig „gro­ße“ Fra­gen von den poli­ti­schen Par­tei­en the­ma­ti­siert wer­den, sehen Sie sich dazu den Wahl­kampf in Deutsch­land im Herbst 2017 an. Die Refe­renz auf die Poli­tik ist ange­bracht, denn im Kern geht es um immer poli­ti­sche Fra­gen. Allem Gere­de über „die Glo­ba­li­sie­rung“ zum Trotz, ver­fügt die Poli­tik über die Macht Bestehen­des auf­recht zu erhal­ten oder zu ver­än­dern. Der aktu­el­le Trend zum Rechts­po­pu­lis­mus, der in fast allen rei­chen Län­dern beob­ach­tet wer­den kann, stellt eine Schein­ant­wort auf die ange­spro­che­nen Fra­ge­stel­lun­gen dar, ihre Impli­ka­tio­nen sind Besorg­nis erre­gend.

Neh­men wir zum Bei­spiel die „Gro­ße Kri­se“. Jah­re­lang wur­de in den Medi­en von einer Kri­se berich­tet und von Ret­tun­gen in unvor­stell­bar gro­ßem Aus­maß. Dabei wur­de aber der Öffent­lich­keit durch die Poli­tik kei­ne Erklä­rung gebo­ten. Die Kri­se selbst wur­de nicht als The­ma ange­spro­chen, es wur­den kei­ne Ursa­chen und kei­ne Schul­di­gen genannt und es wur­de medi­al nicht ver­mit­telt, was die Poli­tik in Zukunft anders machen will, um eine sol­che Erschüt­te­rung in der Zukunft zu ver­mei­den. Eine sol­che Situa­ti­on schafft das Gefühl eines Kon­troll­ver­lus­tes, d.h. die Ahnung, dass die Poli­tik gegen­über dem Finanz­sys­tem die Kon­trol­le ver­lo­ren und zwei­tens, dass die Bevöl­ke­rung die Zeche zu zah­len hat. Bei­de Ver­mu­tun­gen sind berech­tigt, sie wer­den aber nicht als sol­che offen ange­spro­chen.

Das führt in der All­ge­mein­heit zu einem laten­ten Gefühl von Ohn­macht und einer Angst vor der Zukunft, vor allem aber vor der Zukunft der eige­nen Kin­der.

Das führt in der All­ge­mein­heit zu einem laten­ten Gefühl von Ohn­macht und einer Angst vor der Zukunft, vor allem aber vor der Zukunft der eige­nen Kin­der. Das Selbst­ver­ständ­li­che von hoher Beschäf­ti­gung, aus­rei­chen­den Löh­nen und men­schen­wür­di­gen Ren­ten wird von Tei­len der Bevöl­ke­rung für die Zukunft nicht mehr für mög­lich gehal­ten.

Das ist die Stun­de der Rechts­po­pu­lis­ten, wel­che die Par­tei­en­de­mo­kra­tie bei­sei­te drän­gen wol­len. Sie spre­chen Ahnun­gen und Ängs­te an, ver­sam­meln die Bevöl­ke­rung unter der Fik­ti­on „des Vol­kes“ (eine kon­stru­ier­te homo­ge­ne Ein­heit), prä­sen­tie­ren Sün­den­bö­cke und Schein­lö­sun­gen und ver­kün­den Heils­er­war­tun­gen. Weil aber zugleich Rechts­po­pu­lis­ten kei­ner­lei Struk­tur­ana­ly­se machen (sie sind dazu kraft ihres Den­kens nicht in der Lage), kön­nen und wer­den sie – wenn sie an die Macht kom­men – kei­ne Abhil­fe für die ange­spro­che­nen Pro­ble­me bewerk­stel­li­gen. Trump z.B. wird das Los des „ver­ges­se­nen Man­nes“ in den deindus­tria­li­sier­ten Zonen der USA nicht ver­bes­sern, das Gegen­teil kann erwar­tet wer­den. Damit wird auch die mul­ti­ple Kri­se beschleu­nigt. Die Ant­wort sind grö­ße­re Het­ze, ein noch auto­ri­tä­rer Staat: ein fata­le Spi­ra­le, die zum Abbau der Demo­kra­tie füh­ren kann. (Die­ser Pro­zess ist in Ungarn am wei­tes­ten fort­ge­schrit­ten, sie­he dazu mein Buch „Popu­lis­mus für Anfän­ger“)

 

Seit der Wirt­schafts­kri­se 2008/09 sind die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten ver­mehrt in die Kri­tik gera­ten, geän­dert hat sich seit­dem wenig. Am 12.12.17 brach­te der Öko­nom Ste­ve Keen in Anspie­lung an Luthers „Anschlag zu Wit­ten­berg“ 33 The­sen zur Refor­ma­ti­on der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten an die Tür der Lon­don School of Eco­no­mics an. Erle­ben wir viel­leicht tat­säch­lich noch die Koper­ni­ka­ni­sche Wen­de?

 

Das Rät­sel des Behar­rungs­ver­mö­gens der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten in den letz­ten zehn Jah­ren kann zum einen im Rekurs auf ihre Denk­for­men und zu ande­ren auf ihre Netz­wer­ke ver­stan­den wer­den.

Die zen­tra­le Denk­fi­gur der Öko­no­mik ist die Behaup­tung der Exis­tenz „des Mark­tes“ in der Ein­zahl, ein per­so­ni­fi­zier­tes Etwas (dem „wir“ zu gehor­chen hät­ten) und dass wie ein gött­li­ches Wesen über uns schwebt, eine Über­fül­le von Wis­sen ent­hält (Hay­ek spricht von einer „Über­ver­nunft “) und gegen das „die Poli­tik“ (d.h. jene, die an „den Markt“ glaubt) vor­gibt, nichts unter­neh­men zu kön­nen. Ange­la Mer­kel will eine „markt­kon­for­me Demo­kra­tie“: die Demo­kra­tie kann und darf sich nach ihrer Vor­stel­lung nur im Rah­men „des Mark­tes“ abspie­len. Vie­le Öko­no­men unter­stüt­zen sie dabei, weil sie selbst an „den Markt“ und sei­ne „Geset­ze“ glau­ben. (Vor einem hal­ben Jahr haben vier Mit­glie­der des Sach­ver­stän­di­gen­rats ihrem Kol­le­gen Peter Bofin­ger gegen­über eine „Lie­be von Öko­no­men zum Markt“ pro­pa­giert: deut­li­cher kann man einen sol­chen Glau­ben nicht zum Aus­druck brin­gen.)

Ver­lieb­te kön­nen das Objekt ihrer Lie­be nicht kri­tisch ana­ly­sie­ren. Das bedeu­tet auch, dass markt­ver­lieb­te Öko­no­men die „Gro­ße Kri­se“ nicht als Struk­tur­kri­se des Wirt­schafts­sys­tems erken­nen kön­nen: das Denk­sys­tem „des Mark­tes“ hat sich gegen­über Empi­rie immu­ni­siert.

Ver­lieb­te kön­nen das Objekt ihrer Lie­be nicht kri­tisch ana­ly­sie­ren. Das bedeu­tet auch, dass markt­ver­lieb­te Öko­no­men die Gro­ße Kri­se nicht als Struk­tur­kri­se des Wirt­schafts­sys­tems erken­nen kön­nen: das Denk­sys­tem „des Mark­tes“ hat sich gegen­über Empi­rie immu­ni­siert. Markt­gläu­bi­ge Öko­no­men „erklä­ren“ fol­ge­rich­tig die Gro­ße Kri­se in der Öffent­lich­keit als „Tsu­na­mi“ oder als „Erd­be­ben“. Sie spre­chen von einem Natur­er­eig­nis, das im Prin­zip unvor­her­seh­bar war und gegen das man auch nichts unter­neh­men konn­te. (Die­se Wort­wahl haben wir in einem For­schungs­pro­jekt anhand von Pres­se­mel­dun­gen von Öko­no­men nach der Gro­ßen Kri­se nach­ge­wie­sen).

Netz­wer­ke des Mark­tes – Ordo­li­be­ra­lis­mus als Poli­ti­sche Öko­no­mie von Wal­ter-Otto Ötsch, Ste­phan Püh­rin­ger und Kat­rin Hir­te (Sprin­ger VS, 2018)

Ent­schei­dend für das Behar­rungs­ver­mö­gen des Markt­glau­bens in der Öko­no­mie sind aber ihre Netz­wer­ke (vgl. dazu unser neu­es Buch „Netz­wer­ke des Mark­tes“). Jede Wis­sen­schaft und jede Rich­tung in einer Wis­sen­schaft braucht für ihr Bestehen und ihr Wei­ter­be­stehen die akti­ve Zustim­mung und die kon­ti­nu­ier­li­che För­de­rung durch vie­le Tei­le der Gesell­schaft, das gilt sogar für die Natur­wis­sen­schaf­ten (sie­he die Debat­ten zur öko­lo­gi­schen Kri­se). In jeder Wis­sen­schaft setz­ten sich nicht die bes­ten Mei­nun­gen durch, son­dern jene, die mit Poli­tik, Wirt­schaft, Medi­en etc. am bes­ten ver­netzt sind, mit ihnen in Aus­tausch ste­hen und für ihre Anlie­gen Gehör fin­den. Hier hat sich seit 2008 in der Außen­wahr­neh­mung der Öko­no­mik eini­ges ver­än­dert. Öko­no­men und öko­no­mi­sches Den­ken zu kri­ti­sie­ren hat Ein­gang zumin­dest in das Feuil­le­ton gefun­den. Vie­le Per­so­nen, die Struk­tur­män­gel der Wirt­schaft oder der Poli­tik erken­nen, haben einen kri­ti­schen Blick auf öko­no­mi­sche Sicht­wei­sen ent­wi­ckelt. Das gilt auch für jene, die eine Öko­no­mi­sie­rung der Gesell­schaft bekla­gen und den Ein­fluss öko­no­misch for­mu­lier­ter Regeln und Kenn­zif­fern auf vie­le Lebens­be­rei­che zurück­drän­gen wol­len.

Eine Refor­ma­ti­on der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, wie sie Ste­ven Keen vor­schwebt, ist mit­tel­fris­tig mög­lich, denn die Zukunft ist immer offen. Sie bedarf aber kräf­ti­ger Impul­se von außen, z.B. eine öffent­li­che Kri­tik der Posi­tio­nen des Sach­ver­stän­di­gen­rats oder die Finan­zie­rung hetero­do­xer Ansät­ze durch die Öffent­li­che Hand. Ent­schei­dend ist dabei, wie sich die Poli­tik und die Gesell­schaft in den nächs­ten Jah­ren ent­wi­ckeln wer­den. Neue Poli­ti­ken, die z.B. die öko­lo­gi­sche Bedro­hung ernst­haft ange­hen, wer­den neue öko­no­mi­sche Strö­mun­gen begüns­ti­gen und aktiv för­dern. Denn in der Innen­wahr­neh­mung der meis­ten Öko­no­men hat sich bis­lang wenig ver­än­dert, das Markt­den­ken ist auch nicht geeig­net gesell­schaft­li­che Trends zu ver­ste­hen. (Aktu­ell: es gibt kaum eine Refle­xi­on, war­um markt­gläu­bi­ge Öko­no­men eine neue Par­tei gegrün­det haben, ich spre­che von der AfD, die spä­ter zum Ein­falls­tor für Rechts­ra­di­ka­le wer­den konn­te. Man kann kri­tisch fra­gen: Wie hän­gen Markt­glau­ben und Rechts­po­pu­lis­mus zusam­men?)

 

Gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen wird oft mit dem Tot­schlag­ar­gu­ment begeg­net, dass schon die kleins­te Ver­än­de­rung des Sta­tus quo dazu füh­ren wür­de, dass alles zusam­men­bricht. Mit ande­ren Wor­ten: Wirt­schafts­wachs­tum ist alter­na­tiv­los, denn ohne Wachs­tum zer­bricht schließ­lich auch die Demo­kra­tie. Sind wir wirk­lich so fest­ge­fah­ren?

 

Das sind vor allem Sicht­wei­sen von Eli­ten, die ein berech­tig­tes Inter­es­se dar­an haben, kei­ne Struk­tu­ren zu ver­än­dern, von denen sie pro­fi­tie­ren. Aber auch das befin­det sich in Ver­än­de­rung. Lar­ry Fink, der CEO von Black­rock (mit einem Volu­men von über 6 Bil­lio­nen US-$ eine der größ­ten Ver­mö­gens­ma­na­ger welt­weit) hat Anfang 2018 in sei­nem jähr­li­chen Brief an die CEOs der gro­ßen inter­na­tio­na­len Kon­zer­ne die sozia­len Ver­wer­fun­gen seit 2008 offen ange­spro­chen:

We are see­ing a para­dox of high returns and high anxie­ty. Sin­ce the finan­ci­al cri­sis, tho­se with capi­tal have rea­ped enor­mous bene­fits. At the same time, many indi­vi­du­als across the world are facing a com­bi­na­ti­on of low rates, low wage growth, and ina­de­qua­te reti­re­ment sys­tems. Many don’t have the finan­ci­al capa­ci­ty, the resour­ces, or the tools to save effec­tively; tho­se who are invested are too often over-allo­ca­ted to cash. For mil­li­ons, the pro­s­pect of a secu­re reti­re­ment is slip­ping fur­t­her and fur­t­her away – espe­ci­al­ly among workers with less edu­ca­ti­on, who­se job secu­ri­ty is increa­singly tenuous. I belie­ve the­se trends are a major source of the anxie­ty and pola­ri­za­ti­on that we see across the world today.” Fink mahnt die Kon­zern­len­ker, auf die sozia­le Wir­kung ihrer Akti­vi­tä­ten ach­ten und lang­fris­ti­ger zu den­ken, in Kon­trast zu der ver­brei­te­ten kurz­fris­ti­gen Share­hol­der Value-Ori­en­tie­rung:

Socie­ty is deman­ding that com­pa­nies, both public and pri­va­te, ser­ve a soci­al pur­po­se. (Lar­ry Funk)

Socie­ty is deman­ding that com­pa­nies, both public and pri­va­te, ser­ve a soci­al pur­po­se. To pro­sper over time, every com­pa­ny must not only deli­ver finan­ci­al per­for­mance, but also show how it makes a posi­ti­ve con­tri­bu­ti­on to socie­ty. Com­pa­nies must bene­fit all of their sta­ke­hol­ders, inclu­ding share­hol­ders, employees, custo­mers, and the com­mu­nities in which they ope­ra­te.”

 

Die schäd­li­chen Fol­gen des Wirt­schafts­wachs­tums neh­men über­hand, ein „Wei­ter so“ ist unmög­lich. Vie­le hof­fen jetzt auf „grü­nes Wachs­tum“. Ist das eine Chan­ce oder eine Mogel­pa­ckung?

 

Eines ist klar: Eine öko­lo­gi­sche Umori­en­tie­rung des Wirt­schafts­sys­tems muss und wird kom­men. Die Fra­ge ist nur wann und wel­che Umwelt­schä­den dann irrever­si­bel ein­ge­tre­ten sind. Es geht auch nicht um eine gro­ße Lösung (das ver­rät Ihre Fra­ge), son­dern um eine Sum­me vie­ler Ände­run­gen in vie­len Berei­chen. Es gibt eine Unzahl posi­ti­ver Vor­schlä­ge und Ansät­ze, wie z.B. die Land­wirt­schaft öko­lo­gie­ver­träg­li­cher umge­stal­tet wer­den kann, wie eine Zukunft ohne Plas­tik aus­se­hen könn­te, was mit dezen­tra­len und klein­flä­chi­gen Ener­gie­er­zeu­gung mög­lich sein kann, wie man das Auto zurück­drän­gen kann, die Halt­bar­keit von Gütern erhö­hen kann, usw. Aber ich will nicht über tech­ni­sche Lösun­gen reden, dazu gibt es Beru­fe­ne­re, und – ich wie­der­ho­le mich – es geht nicht um tech­ni­sche, son­dern um poli­ti­sche Fra­gen.

 

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Die aktuelle Ausgabe

mit u.a.

Ulrich von Weiz­sä­cker “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech “Jen­seits grü­ner Wachs­tums­träu­me”

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Ant­je von Dewitz (VAUDE) “Wir alle müs­sen Kon­trol­le abge­ben”

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Die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln ist im ökonomischen Bereich besonders groß” – Katrin Hirte

Die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln ist im ökonomischen Bereich besonders groß”

Inter­view mit Kat­rin Hir­te

 

Anlässlich der neuen agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Katrin Hirte vom Institute for Comprehensive Analysis of Economy zum Thema einige Fragen gestellt. Sie spricht über vermeintlichen Demokratieverfall, Krisenstimmung, Auswirkungen des Homo-oeconomicus-Konzepts sowie die einseitige Ausrichtung unserer Ökonomie auf Nutzenmaximierung …

 

Mit der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 wagen wir die The­se, dass der Wider­spruch ein Zei­chen der Zeit ist; dass schein­bar Selbst­ver­ständ­li­ches zuneh­mend zur Dis­kus­si­on steht, gleich ob in Wirt­schaft, Poli­tik oder im pri­va­ten Bereich. Wie erle­ben Sie die Zeit? Gibt es noch kla­re Ori­en­tie­rung?

Es mag sein, dass die heu­ti­ge Zeit als eine der Auf­lö­sung schein­ba­rer Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten wahr­ge­nom­men wird. Aber je län­ger man über die­se The­se nach­denkt, des­to deut­li­cher wird, dass sie mit einer bestimm­ten Rea­li­täts­wahr­neh­mung ein­her­geht. Oder mit ande­ren Wor­ten: Meint man mit der Auf­lö­sung von Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten die abneh­men­de Sicher­heit, Berufs­per­spek­ti­ve, Orts­iden­ti­fi­ka­ti­on usw., dürf­ten dies zumin­dest für ein Vier­tel der deut­schen Bevöl­ke­rung gar kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten gewe­sen sein. Schließ­lich durf­ten 25 Pro­zent der Bevöl­ke­rung als Ost­deut­sche schon 1989 – also vor knapp 30 (!) Jah­ren – ken­nen­ler­nen, was die Auf­lö­sung von Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten bedeu­tet. Wer schon mal erlebt hat, wie in kür­zes­ter Zeit alle gewohn­ten Insti­tu­tio­nen nicht mehr vor­han­den sind – die auf ein­mal unsi­che­re Zukunft, der Betrieb, der nicht mehr exis­tiert, der Beruf, der nicht mehr gefragt ist, die Fami­lie, die aus­ein­an­der­drif­tet – der hat einen ande­ren Blick auf die heu­ti­ge Zeit.

Dr. Kat­rin Hir­te ist seit 2009 Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tu­te for Com­pre­hen­si­ve Ana­ly­sis of Eco­no­my (ICAE) an der Uni­ver­si­tät Linz. Ihr Schwer­punkt ist die Ent­wick­lung der Öko­no­mik im Kon­text gesell­schafts­po­li­ti­scher Ereig­nis­se wie bei­spiels­wei­se der Finanz­kri­se.

Gleich­zei­tig wirft die­ses Bei­spiel auch ein Blick auf ein zwei­tes Pro­blem zum Zeit­ver­ständ­nis: Zu die­sem gehört auch, dass es sich immer wie­der selbst erzeugt, da Geschichts­schrei­bung ein Teil von Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung ist und damit Ver­gan­gen­heits­po­li­tik. Hier geht es also nicht nur um Wach­sam­keit zur Fra­ge, inwie­weit es ein spe­zi­fi­sches Zei­chen der heu­ti­gen Zeit ist, dass Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten infra­ge ste­hen, son­dern wei­ter­füh­rend eben­so dar­um, inwie­weit unse­re Ver­gan­gen­heits­schrei­bung dazu führt, dass wir ver­meint­li­che Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten schwin­den sehen. Poli­tisch kann man zum Bei­spiel die Zeit in Deutsch­land nach 1968 auch als eine über­fäl­li­ge Neu­ori­en­tie­rung wer­ten, weil man zwar seit 1945 die Geschich­te vom demo­kra­ti­schen Neu­an­fang erzähl­te, wel­chem die neu auf­ge­bau­te Wirt­schaft gedient hät­te, tat­säch­lich jedoch die NS-Ver­gan­gen­heits­po­li­tik eben­so wie füh­ren­de Unter­neh­men eine anschluss­fä­hi­ge Poli­tik nach 1945 ermög­lich­ten, wel­che ent­spre­chen­de Kon­ti­nui­tä­ten auf­wies und eben­so wei­ter­hin einen hege­mo­nia­len Cha­rak­ter hat­te.  Wäh­rend die Geschichts­wis­sen­schaf­ten bis 1998 (!) und die Bun­des­po­li­tik gar bis 2005 (!) brauch­ten, um die­se Anschluss­po­li­tik an die NS-Zeit wenigs­tens hin­sicht­lich der Fra­ge nach der eige­nen Invol­viert­heit end­lich umfas­send auf­zu­ar­bei­ten (zu ers­te­rem sie­he die Vor­gän­ge ab dem 42. His­to­ri­ker­tag 1998, zu zwei­tem sie­he die Vor­gän­ge ab der Bun­des­druck­sa­che 15/5434), hält man demo­kra­tie­po­li­tisch heu­te noch immer ger­ne an der Erzäh­lung vom Neu­an­fang 1945 fest, wel­cher durch die Ori­en­tie­rung am ame­ri­ka­ni­schen par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie­ver­ständ­nis nach 1945 und dem damit ein­her­ge­hen­den vor­herr­schen­den nor­ma­ti­ven Deu­tungs­wis­sen mit sei­nem stark päd­ago­gisch-erzie­he­ri­schem Moment begüns­tigt wur­de. Aus die­ser Retro­per­spek­ti­ve muss ein Demo­kra­tie­ver­fall umso stär­ker wir­ken.

Dies lenkt zum drit­ten und hier zen­tral inter­es­sie­ren­den Kern­pro­blem eines Zeit­ver­ständ­nis­ses: Dem Ein­fluss an Geschichts­for­mung als Geschichts­schrei­bung sei­tens der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten selbst. Die Dis­kre­panz zwi­schen Reden und Han­deln ist im öko­no­mi­schen Bereich beson­ders groß, da hier Wohl­fahrt für alle aus der Sum­ma­ti­on von Ein­zel­nut­zen ver­spro­chen wird, so, als zögen im Kapi­ta­lis­mus alle am sel­ben Strang …

 

Ange­sichts der enor­men Bedeu­tung und der immer stär­ke­ren Kon­zen­tra­ti­on des Kapi­tals: Sehen Sie die Demo­kra­tie und mit ihr den Wohl­fahrts­staat durch die­se Ent­wick­lung gefähr­det?

Bei dem Öko­no­men Gun­nar Myrd­al, der immer­hin 1974 zusam­men mit Hay­ek den Preis der Wirt­schafs­wis­sen­schaf­ten in Andenken an Nobel erhielt und des­sen Ame­ri­can Dilem­ma: The Negro Pro­blem and Modern Demo­cra­cy (1944) die Auf­he­bung der dis­kri­mi­nie­ren­den Ras­sen­ge­set­ze in den USA mit­zu­ver­dan­ken ist, konn­te man schon 1932 nach­le­sen, dass das Ver­spre­chen „Wohl­fahrt für alle“ oder „Volks“-Wirtschaft, „National“-Ökonomie usw. in der Öko­no­mik ziem­lich unhin­ter­fragt als Ideo­lo­gie dient, aber nicht der Rea­li­tät ent­spricht. In kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten Gesell­schaf­ten besteht eben kei­ne Inter­es­sens­gleich­heit, son­dern die­se wur­de über den Homo oeco­no­mi­c­us als Uni­ver­sal-Mensch erst geschaf­fen. Nicht Pra­xis­fer­ne ist das Pro­blem die­ser Figur, son­dern ihr Wir­ken: einer­seits als Begrün­dung von Wohl­fahrts­ge­sell­schaf­ten, ande­rer­seits als zu per­for­men­des Ziel und daher zuneh­mend pra­xis­ad­äqua­te Figu­rie­rung.

Daher kann man zwar der Fra­ge nach der Gefähr­dung von Wohl­fahrt und Demo­kra­tie auf­grund zuneh­men­der Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on zustim­men. Aber gleich­zei­tig ist es auch hier wie mit der Demo­kra­tie­auf­fas­sung: Man pro­pa­giert Exis­tenz und Erhalt der Wohl­fahrts­ge­sell­schaft mit wirt­schaft­li­chen Ein­zel­ak­teu­ren, wäh­rend wie in Des Kai­sers neue Klei­der schon Kin­der um die Mär eines sol­chen Wirt­schafts­bil­des wis­sen, da sie die füh­ren­den Mar­ken wich­ti­ger Märk­te her­be­ten kön­nen – ob Mode, Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on, Autos oder Lebens­mit­tel. Nur, dass sie bei der Wahl zwi­schen z.B. Geiz ist geil (Media Markt) und Ich bin doch nicht blöd (Saturn) nicht zwi­schen Eigen­tü­mern ent­schei­den (in die­sem Bei­spiel seit 1990, als die Metro AG Saturn über­nahm), dürf­te ihnen dabei (noch) ent­ge­hen.

Im Rin­gen um eine pra­xis­ad­äqua­te­re Wirt­schafts­wis­sen­schaft, um eine Real World Eco­no­mics, wie sich eine ent­spre­chen­de Initia­ti­ve mitt­ler­wei­le nennt, geht es aber um mehr als um das Ver­ken­nen von Pra­xis­zu­stän­den. Zwar haben Prä­fe­ren­zen statt Nut­zen­ma­xi­mie­rung, begrenz­te Ratio­na­li­tät sowie agen­ten­ba­sier­te Model­lie­rung längst Ein­zug in die Öko­no­mie gehal­ten und so die Pra­xis­re­le­vanz öko­no­mie­theo­re­ti­scher Ansät­ze erhöht. Aber für ein Umden­ken reicht dies nicht, denn die unter­leg­te Metho­dik ist geblie­ben: Mit­tels funk­tio­na­ler Abhän­gig­kei­ten nach dem Vor­bild der Phy­sik und spä­ter Bio­lo­gie wird seit Ein­zug der Ana­ly­sis in die Öko­no­mik „objek­tiv“ das für alle als erstre­bens­wert ange­nom­me­ne „mehr“ errech­net. Die­se Rich­tung gilt unhin­ter­fragt als vor­ge­ge­ben und die not­wen­di­ge Grund­fi­gur dazu ist nach wie vor der nut­zen­ma­xi­mie­ren­de Akteur – ohne die­sen kei­ne Rich­tungs­wei­sung und damit kei­ne opti­mie­ren­de ana­ly­sis­ba­sier­te Model­lie­rung.

 

Die Pro­ble­me der Redu­zie­rung vie­ler Din­ge auf ein bestimm­tes Maß – Wirt­schafts­wachs­tum auf das BIP, Erfolg eines Unter­neh­mens auf den Pro­fit, Lebens­sinn auf Kar­rie­re etc. – tre­ten immer deut­li­cher zu Tage. Hal­ten Sie es für sinn­voll, mehr­di­men­sio­na­le Mess­grö­ßen ein­zu­füh­ren, oder müs­sen wir gar auf­hö­ren, alles mes­sen zu wol­len?

Mit Blick auf die oben geschil­der­te Rea­li­täts­fer­ne der Öko­no­mik erscheint die Fra­ge nach dem Erhe­ben von Daten in der Öko­no­mie unter ganz ande­rem Licht und eher als Segen denn als Fluch. Die Piket­ty-Stu­die (2014) ist ein aktu­el­ler Anzei­ger dafür und wur­de daher Ende März 2014 in der Washing­ton Post nicht zufäl­lig als Tri­umph der Wirt­schafts­ge­schich­te über das in der Öko­no­mik domi­nie­ren­de theo­re­ti­sche, mathe­ma­ti­sche Model­lie­ren cha­rak­te­ri­siert. Weit pro­ble­ma­ti­scher ist, dass die­se prak­ti­zier­te Model­lie­rung wei­ter­hin als objek­ti­ve Wis­sen­schaft ver­mit­telt wird und die­se Objek­ti­vi­tät steht und fällt mit dem Selbst­ver­ständ­nis des als „objek­tiv“ ver­stan­de­nen exis­tie­ren­den nut­zen­ma­xi­mie­ren­den Akteurs. Nicht das Mes­sen also ist das Pro­blem und auch nicht das mehr­di­men­sio­na­le, wie in der Öko­no­mik Amart­ya Sen mit dem UN Human Deve­lop­ment Index bewies, in den neben Brut­to­in­lands­pro­dukt auch ande­re Fak­to­ren wie Lebens­er­war­tung und Alpha­be­ti­sie­rungs­ra­te als Indi­ka­to­ren ein­flos­sen. Son­dern Kern­pro­blem ist die dabei unter­leg­te und angeb­lich nicht anfecht­ba­re, weil „objek­ti­ve“ Aus­rich­tung wirt­schaft­li­chen Han­delns auf Nut­zen­ma­xi­mie­rung. Die­ser Auf­fas­sung steht nicht nur die Argu­men­ta­ti­on ent­ge­gen, dass der durch­schnitt­li­che lohn­ab­hän­gi­ge Akteur eher an Sicher­heit und Lang­fris­t­per­spek­ti­ve sowie Aner­ken­nung und Sinn­haf­tig­keit ori­en­tiert sei, son­dern eben­so greift hier die öko­lo­gi­sche Argu­men­ta­ti­on, dass eine stän­di­ge Nut­zen­ma­xi­mie­rung einer begrenz­ten Welt ent­ge­gen­steht.

 

Gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen wird oft mit dem Tot­schlag­ar­gu­ment begeg­net, dass schon die kleins­te Ver­än­de­rung des Sta­tus quo dazu füh­ren wür­de, dass alles zusam­men­bricht. Mit ande­ren Wor­ten: Wirt­schafts­wachs­tum ist alter­na­tiv­los, denn ohne Wachs­tum zer­bricht schließ­lich auch die Demo­kra­tie. Sind wir wirk­lich so fest­ge­fah­ren?

Wäh­rend der For­de­rung der Öko­no­mik nach stän­di­gem Wachs­tum die öko­lo­gi­sche Argu­men­ta­ti­on einer begrenz­ten Welt ent­ge­gen­steht, wur­de die 1980 pro­pa­gier­te Auf­fas­sung von That­chers TINA (The­re is no Alter­na­ti­ve) 2011 mit Mer­kels MARKO (Markt­kon­for­mi­tät) ver­schwis­tert, womit das Pro­pa­gie­ren von Alter­na­tiv­lo­sig­keit von der Poli­tik­spit­ze in Deutsch­land fort­ge­setzt wur­de. Gibt es zu Wirt­schafts­wachs­tum also wirk­lich kei­ne Alter­na­ti­ve und dies schon allein aus öko­lo­gi­schen Grün­den?

Mit Bezug auf die öko­no­mi­sche Theo­rie begeg­net man auch hier wie­der der Zeit­ver­ges­sen­heit, in der prak­ti­zier­ten Form, dass aus dem vor­han­de­nen Wis­sens­fun­des nur das fort­ge­schrie­ben wird, was dem eige­nen Para­dig­ma kon­form ist. Stell­ver­tre­tend sei hier – zuge­ge­be­ner­ma­ßen absicht­lich – Her­mann Hein­rich Gos­sen genannt, denn aus­ge­rech­net mit Refe­renz auf die­sen wird bis heu­te auf das Grund­prin­zip ver­wie­sen, Wirt­schaf­ten hie­ße, Ent­schei­dun­gen über knap­pe Mit­tel zu tref­fen. Es heißt, Gos­sen hät­te mit sei­nen zwei Geset­zen als ers­ter die dafür kon­for­men Zusam­men­hän­ge mit Fokus auf die indi­vi­du­el­le Nut­zen­ma­xi­mie­rung mathe­ma­tisch gefasst – als Prin­zip des Grenz­nut­zens. Liest man aller­dings Gos­sen im Ori­gi­nal, wer­den von die­sem inter­es­san­ter­wei­se drei Geset­ze pro­pa­giert und nicht zwei. Das drit­te Gesetz besagt, Nut­zen­er­hö­hung erfol­ge neben Opti­mie­rung eben­so durch Ent­de­ckung neu­er Nutzen/Genüsse. Wäh­rend in der mate­ri­al begrenz­ten Welt von Mode­schöp­fern bis Soft­ware­ent­wick­lern schon längst auf imma­te­ri­el­len Nut­zen Bezug genom­men wird, blieb inner­halb der Öko­no­mik unter dem Dik­tum Wirt­schafts­wachs­tum die­se Ent­wick­lung dem gesam­ten und damit auch mate­ri­el­len Pro­zess ein­ver­leibt. Selbst­ver­ständ­lich ist es eine Uto­pie, eine Gesell­schaft zu den­ken, in der die mate­ri­el­le Basis einer öko­no­mi­schen Be- und Ver­wer­tung als Pri­vat­ei­gen­tum ent­zo­gen wird und eben­so selbst­ver­ständ­lich wür­de mit dem Auf­ge­ben des­sen der der­zei­ti­ge Sta­tus Quo infra­ge gestellt. Aber hat eine sozio-öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­ti­on prin­zi­pi­ell eine ande­re Chan­ce? Und wel­che Grün­de soll­ten eben­so prin­zi­pi­ell dage­gen spre­chen, sich in der Öko­no­mie auf das alte klas­si­sche Smith’sche Prin­zip zu besin­nen, dass es in arbeits­tei­li­gen Gesell­schaf­ten letzt­lich nicht um eine Auf­tei­lung der mate­ria­len Welt, son­dern um Teil­ha­be nach erbrach­ten Leis­tun­gen geht? Und letz­te­re sind schließ­lich unbe­grenzt …

 

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Sven Bött­cher “Anders! ist das neue Bas­ta!”

Ant­je von Dewitz (VAUDE) “Wir alle müs­sen Kon­trol­le abge­ben”

 

Ver­sand­kos­ten­frei im Online­shop erhält­lich.