Jede Generation muss sich ihrer Verantwortung stellen – Interview mit Margot Käßmann

Anläss­lich der Jubi­lä­ums­aus­ga­be der agora42 spra­chen wir mit Mar­got Käß­mann über den Stand der heu­ti­gen Gesell­schaft. Im Jahr 2015 führ­ten wir ein Inter­view mit ihr für die Aus­ga­be 1/2015 Ups&Downs, das wir in blei­ben­der Erin­ne­rung behal­ten haben.

 

Frau Käß­mann, die auf uns zurol­len­de Kata­stro­phe, kli­ma­tisch als auch gesell­schaft­lich, wird mitt­ler­wei­le nicht mehr ernst­haft in Abre­de gestellt – trotz­dem rei­ßen wir das Ruder nicht her­um und fah­ren sehen­den Auges gegen den Eis­berg. Ist die Welt nicht mehr zu ret­ten?

Mar­got Käß­mann war lan­ge Zeit als evan­ge­lisch-luthe­ri­sche Theo­lo­gin und Pfar­re­rin in ver­schie­de­nen kirch­li­chen Lei­tungs­funk­tio­nen tätig. Ab 27. April 2012 war sie „Bot­schaf­te­rin für das Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um 2017“ im Auf­trag des Rates der EKD.

Ich hof­fe schlicht auf die Ver­nunft der Men­schen! Seit Mit­te der 70er Jah­re wis­sen wir um die „Gren­zen des Wachs­tums“ und vie­le haben ja auch ihr indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten ver­än­dert. Aber die Poli­tik muss han­deln und ich fin­de, Fra­gen von Kli­ma­schutz, Abgas­emis­sio­nen, Plas­tik­ver­brauch soll­ten in den Mit­tel­punkt auch von Wahl­kämp­fen rücken.

Statt­des­sen erle­ben wir gera­de wie­der die Macht der Auto­lob­by und mit Donald Trump einen Prä­si­den­ten, der schon Errun­ge­nes zurück­dreht. Aber wir kön­nen wegen sol­cher Rück­schlä­ge nicht ein­fach die Hoff­nung und das Enga­ge­ment auf­ge­ben. Das wäre ver­ant­wor­tungs­los.

 

In Ihrem neu­en Buch Schö­ne Aus­sich­ten schrei­ben Sie, dass man mit dem Alter auch von eini­gen lieb­ge­won­ne­nen Gewohn­hei­ten Abschied neh­men muss. Ist das nicht auch die Auf­ga­be unse­rer Gesell­schaft ins­ge­samt – dass wir von lieb­ge­won­ne­nen Gewohn­hei­ten (Wachs­tum, Wohl­stands­meh­rung etc.) Abschied neh­men müs­sen? Wie aber kann das gelin­gen? Wie kann man Abschied nicht nur als Ver­lust emp­fin­den?

Es gibt auch eine Ethik des Genug. Und die muss nicht mit mora­lisch erho­be­nem Zei­ge­fin­ger daher­kom­men. Wer für sich selbst sagen kann, es ist genug, lebt ja auch zufrie­de­ner und muss nicht stän­dig einem ver­meint­li­chen Mehr nach­ja­gen. Wer ein­mal nach­denkt weiß genau, dass die ent­schei­den­den Din­ge im Leben nicht käuf­lich sind: Lie­be, Ver­trau­en, Fami­lie, Glück, Freund­schaft.

 

Peg­gy Het­mank-Brei­ten­stein, eine jun­ge Phi­lo­so­phin aus Jena schrieb uns: “Wer möch­te heu­te eigent­lich in einer der nächs­ten Gene­ra­tio­nen leben? Ich nicht.” Wie kann den jun­gen Men­schen wie­der Mut für die Zukunft gemacht wer­den?

Mei­ne Mut­ter hat als jun­ge Kran­ken­schwes­ter die Bom­ben auf Ber­lin erlebt, muss­te ihre Hei­mat ver­las­sen, leb­te zwei Jah­re in einem Inter­nie­rungs­la­ger. Ihr wur­de gesagt: In die­se Welt kann man kei­ne Kin­der set­zen – sie hat vier bekom­men. Mei­ner Gene­ra­ti­on wur­de gesagt: Ange­sichts von Bedro­hung durch Atom­waf­fen und Bevöl­ke­rungs­wachs­tum soll­te man kei­ne Kin­der in die Welt set­zen – ich habe vier bekom­men. Inzwi­schen habe ich sechs Enkel­kin­der. Ich bin über­zeugt: Jede Gene­ra­ti­on muss sich ihrer Ver­ant­wor­tung stel­len. Wir über­ge­ben die Staf­fel des Enga­ge­ments für Gerech­tig­keit, Frie­den und die Bewah­rung der Schöp­fung.

 

Der­zeit durch­fors­ten tech­nik­be­geis­ter­te Wis­sen­schaft­ler äußerst kapi­tal- und tech­nik­in­ten­siv das Welt­all, um einen Pla­ne­ten zu fin­den, auf den die Mensch­heit im Kata­stro­phen­fall aus­wan­dern kann. Wür­den Sie – im Fal­le des Fal­les – ger­ne auf einem ande­ren Pla­ne­ten neu anfan­gen?

Ich bin in einem Alter, in dem ich mich auf die letz­ten Din­ge im Leben vor­be­rei­te. Auf einem ande­ren Pla­ne­ten neu anfan­gen wür­de ich nicht. Aber am Ende ist das doch ein absur­der Gedan­ke, oder? Wir zer­stö­ren die­sen wun­der­ba­ren Pla­ne­ten, auf dem wir leben. Aber statt uns für sei­ne Gesun­dung, den Erhalt ein­zu­set­zen, suchen wir einen neu­en? Das ent­spricht letz­ten Endes der Logik der Weg­werf­ge­sell­schaft, fin­de ich.

 


Die Jubi­lä­ums­aus­ga­be der agora42 wid­men wir der 42.

42, das ist die Ant­wort auf die Fra­ge aller Fra­gen, die kei­ne Ant­wort ist. Das ist die ein­deu­ti­ge Zahl, die alles im Unkla­ren belässt. Das ist gar nicht so unsin­nig, wie es zunächst schei­nen mag. Die­se Zahl steht für den typisch mensch­li­chen Ver­such, einen Sinn zu fin­den – und ist doch gleich­zei­tig Aus­druck der Tat­sa­che, dass die­ser nicht gefun­den wer­den kann. Zum Glück! Sonst wäre alles sinn­los…

In der Jubi­lä­ums­aus­ga­be fragt die Jena­er Phi­lo­so­phin PEGGY HETMANK-BREITENSTEIN im Inter­view: “Wer möch­te heu­te eigent­lich in einer der nächs­ten Gene­ra­tio­nen leben? Ich nicht. Ist das nicht fins­ter?”

RICHARD DAVID PRECHT, Phi­lo­soph und Bei­rat der agora42, zur Fra­ge, wie er sich eine gelin­gen­de Zukunft vor­stellt: “Wir wer­den die Huma­ni­tät und das Sozia­le in den Mit­tel­punkt unse­res Lebens stel­len und nicht den Pro­fit, den Kon­sum und die Tech­nik.”
Kon­kre­te Hin­wei­se für den Über­gang in eine zukunfts­fä­hi­ge Wirt­schaft lie­fert der Publi­zist und Com­mons-Akti­vist HANS E. WIDMER: “Bevor wir smart schrump­fen kön­nen, müss­ten wir es zuerst schaf­fen smart zu wach­sen.”

Gesamtgesellschaftlich durchlaufen wir gerade eine Periode der Gegenaufklärung” – Lars Grünewald

Gesamtgesellschaftlich durchlaufen wir gerade eine Periode der Gegenaufklärung

Lars Grünewald im Gespräch

 

Mit der Auf­klä­rung kam das Ver­spre­chen in die Welt, dass man letzt­lich Herr und Frau sei­nes Schick­sals sein kön­ne. Herr Grü­ne­wald, wo ste­hen wir heu­te? Hat sich die­ses Ver­spre­chen erfüllt oder ver­har­ren wir letzt­lich immer noch in Fremd­be­stimmt­heit und -abhän­gig­keit?

Lars Grünewald

Lars Grü­ne­wald stu­dier­te Musik­wis­sen­schaf­ten und Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten in Ham­burg sowie Phi­lo­so­phie im Selbst­stu­di­um. Er arbei­tet vor­wie­gend in der Erwach­se­nen­bil­dung mit Vor­trä­gen und Semi­na­ren zu phi­lo­so­phi­schen und sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen The­men und ist in der Leh­rer­aus­bil­dung aktiv. Mehr dazu unter selbstorganisierte-bildung.de

Gesamt­ge­sell­schaft­lich durch­lau­fen wir gera­de eine Peri­ode der Gegen­auf­klä­rung in Form einer zuneh­men­den Kor­rum­pie­rung des indi­vi­du­el­len Urteils­ver­mö­gens durch die Medi­en sowie durch poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Inter­es­sen­ver­bän­de. Die poli­ti­sche Ebe­ne hat dabei (for­mal betrach­tet) die Struk­tur einer Par­tei­en­dik­ta­tur; da aber die Par­tei­en an ihrer Spit­ze durch supra­na­tio­na­le Ein­bin­dun­gen und Inter­es­sen bestimmt wer­den, gehen die fun­da­men­ta­len Fremd­be­stim­mun­gen eben­falls zuneh­mend von über­staat­li­chen Orga­nen aus. Die­sem Ein­fluss kann sich nie­mand voll­stän­dig ent­zie­hen; die Fra­ge ist nun aller­dings, wel­chen Gebrauch die Men­schen von den ihnen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Frei­hei­ten machen.

Denn das Ver­spre­chen lau­te­te ja ledig­lich, dass jeder Mensch Herr sei­nes Schick­sals sein kön­ne. Dass er es auch wird, kann einem nie­mand ver­spre­chen, son­dern hängt vom jewei­li­gen Wil­len des Ein­zel­nen ab, sei­ne dies­be­züg­li­chen Mög­lich­kei­ten zu rea­li­sie­ren. Da unser Schick­sal immer von äuße­ren Umstän­den abhängt, ist die Vor­stel­lung, unein­ge­schränk­ter Herr­scher sei­nes Schick­sals zu sein, ohne­hin illu­so­risch. Mit­ge­stal­ter sei­nes Lebens zu sein, ist dage­gen sehr wohl mög­lich; es ist aber kei­ne kol­lek­ti­ve, son­dern eine indi­vi­du­ell zu stel­len­de und zu beant­wor­ten­de Fra­ge, inwie­weit ein Mensch sein indi­vi­du­el­les Poten­zi­al ver­wirk­licht. Mein Ein­druck ist, dass sehr vie­le Men­schen die ihnen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mög­lich­kei­ten zur Mit­ge­stal­tung des eige­nen Lebens nur in sehr gering­fü­gi­gem Maße rea­li­sie­ren. Das ist wohl auch ein Erkennt­nis-, vor allem aber ein Wil­lens­pro­blem.

 

Mitt­ler­wei­le leben wir in einer welt­ge­sell­schaft­li­chen Situa­ti­on in der ein „Wei­ter so“ nicht mehr mög­lich ist, ande­rer­seits besteht nur eine sehr gerin­ge Bereit­schaft sel­ber etwas am eige­nen Lebens­stil zu ändern. Wie kom­men wir da raus?

Ein „Wei­ter so“ ist immer mög­lich; man muss nur mit den Kon­se­quen­zen des eige­nen Tuns und Las­sens leben! Wenn „wir“ da raus kom­men woll­ten, so setz­te dies eine kol­lek­ti­ve Anstren­gung vor­aus. Genau die­ses kol­lek­ti­ve „Wir“ exis­tiert aber gar nicht mehr (wie sich an unse­rem all­mäh­lich zer­fal­len­den poli­ti­schen Sys­tem sehr deut­lich zeigt). Wir wer­den des­we­gen über­haupt nichts mehr ändern; was jedoch ein­zel­ne Men­schen und Men­schen­grup­pen ver­än­dern wer­den, ist eine ganz ande­re Fra­ge, denn jeder Mensch kann sei­nen indi­vi­du­el­len Lebens­stil ändern: Wenn er will. Wenn vie­le Men­schen das nicht wol­len, so ist dies eine Fol­ge der Frei­heit, es nicht zu müs­sen.

 

Seit der aus­ge­ru­fe­nen Alter­na­tiv­lo­sig­keit wächst der Wunsch nach Alter­na­ti­ven, aber dass es auch grund­sätz­lich anders in Poli­tik, Wirt­schaft und Gesell­schaft gehen kann, glaubt kaum jemand. So scheint die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve die in Rich­tung Abschot­tung und Regres­si­on zu sein. Was ist Ihre gesell­schaft­li­che Uto­pie?

War­um soll­te die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve Abschot­tung und Regres­si­on sein? – Eine Uto­pie habe ich nicht, son­dern hal­te Uto­pi­en viel­mehr für nutz­los und schäd­lich: Da unter­schied­li­che Men­schen unter­schied­li­che Uto­pi­en haben, leben die­se Men­schen durch­weg in unter­schied­li­chen Par­al­lel­uni­ver­sen, was der Mög­lich­keit gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens und -wir­kens wenig zuträg­lich sein dürf­te: Gesell­schaft­li­che Gestal­tung ist kein Wunsch­kon­zert! Mich inter­es­siert viel­mehr, 1. was wirk­lich ist (d.h. die tat­säch­lich vor­lie­gen­de Situa­ti­on), 2. wel­che Kon­se­quen­zen sich dar­aus not­wen­dig bzw. unaus­weich­lich erge­ben und 3. was vor die­sem Hin­ter­grund an rea­lis­ti­schen Per­spek­ti­ven mög­lich ist. Es dürf­te Erkennt­nis­ar­beit genug sein, das her­aus­zu­fin­den.

 

Der­zeit durch­fors­ten tech­nik­be­geis­ter­te Wis­sen­schaft­ler äußerst kapi­tal- und tech­nik­in­ten­siv das Welt­all, um einen Pla­ne­ten zu fin­den, auf den die Mensch­heit im Kata­stro­phen­fall aus­wan­dern kann. Wür­den Sie – im Fal­le des Fal­les – ger­ne auf einem ande­ren Pla­ne­ten neu anfan­gen?

Die Vor­stel­lung, dass die Mensch­heit vor ihren eige­nen Pro­ble­men auf einen ande­ren Pla­ne­ten flieht, ohne ihre selbst gemach­ten Pro­ble­me dort­hin mit­zu­neh­men, ist mir zu absurd, als dass ich mich einer der­ar­ti­gen Expe­di­ti­on anschlie­ßen wür­de 🙂

 


Zu die­sem The­ma erschie­nen:

Warum ändern wir uns nicht, wo doch die Katastrophe auf der Hand liegt? – Interview mit Richard David Precht

Richard David Precht

Warum ändern wir uns nicht, wo doch die Katastrophe auf der Hand liegt?

Interview mit Richard David Precht

 

Anläss­lich der Jubi­lä­ums­aus­ga­be der agora42 spra­chen wir mit Richard David Precht über den Stand der heu­ti­gen Gesell­schaft. Als Mit­her­aus­ge­ber und Bei­rat beglei­tet er das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin agora42 seit 2011.

 

Herr Precht, was cha­rak­te­ri­siert die heu­ti­ge Gesell­schaft? Was hat die Men­schen in der Moder­ne getra­gen? Der Glau­be an die Ver­nunft?

Was unse­re Gesell­schaft im Inners­ten zusam­men­hält, ist der Wohl­stand. Die bür­ger­li­che Gesell­schaft, ent­stan­den durch die Ers­te Indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on, sta­bi­li­sier­te sich in dem Maße, in dem mehr und mehr Men­schen von ihren Seg­nun­gen pro­fi­tier­ten. Der Pro­zess war aller­dings ein Schlin­ger­kurs, wie die beweg­te Geschich­te der Indus­trie­staa­ten zeigt. Die “Ver­nunft”, der “Über­bau”, mit dem sich die bür­ger­li­che Gesell­schaft legi­ti­mier­te, ver­hin­der­te weder zwei Welt­krie­ge noch den Holo­caust. Wenn wir heu­te fürch­ten, dass der Affekt die Ver­nunft ersetzt, so muss man ehr­li­cher­wei­se sagen: Das war nie anders. Die sozia­len Medi­en machen die Macht des Affek­tes nur sicht­ba­rer. Gleich­wohl ist es nicht umsonst, die “Ver­nunft” als Kor­rek­tiv zu beschwö­ren – und sei es auch oft nur als “nor­ma­ti­ve Kraft des Fik­ti­ven”.

Richard David Precht ist seit 2011 zunächst Mit­her­aus­ge­ber und heu­te Bei­rat des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42. Er sagt: “Wir wer­den auch wei­ter­hin sehr phi­lo­so­phisch über die künf­ti­ge Wirt­schaft nach­den­ken.” Mehr Infos dazu hier.

 

War­um kann es nicht ein­fach so wei­ter gehen?

Das “zwei­te Maschi­nen­zeit­al­ter”, in dem mehr und mehr Pro­zes­se durch intel­li­gen­te Maschi­nen ersetzt wer­den, wird lang­fris­tig zur Auf­lö­sung der bür­ger­li­chen Gesell­schaft füh­ren, wie wir sie seit der Ers­ten Indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on ken­nen. Die­se Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen sind bereits viel­fach spür­bar, innen- und außen­po­li­tisch. Für das Zwei­te Maschi­nen­zeit­al­ter brau­chen wir eine neue Gesell­schaft, die den durch Maschi­nen erwirt­schaf­te­ten Wohl­stand bes­ser ver­teilt, neue Teil­ha­be­mög­lich­kei­ten schafft und Sinn­stif­tung von Lohn­ar­beit ent­kop­pelt.

 

War­um ändern wir uns nicht, wo doch die Kata­stro­phe auf der Hand liegt?

Weil es (in Deutsch­land) sehr vie­len Men­schen sehr gut geht, weil die Insti­tu­tio­nen erstarrt sind, weil die Lang­fris­tig­keit aus der Poli­tik ver­schwun­den ist, weil unser Kom­pass die kurz­fris­ti­gen Zie­le unse­rer Öko­no­mie sind.

 

Was wer­den wir geän­dert haben (vor­aus­ge­setzt die Kata­stro­phe wird abge­wen­det)?

Wir wer­den den Sozi­al­staat nicht län­ger über Arbeit finan­zie­ren, son­dern dar­über, wo Geld sich ohne Arbeit akku­mu­liert, ins­be­son­de­re in der Geld­wirt­schaft. Wir wer­den unser Bil­dungs­sys­tem radi­kal umbau­en , um die Selbst­ver­ant­wor­tung zu stär­ken und die per­sön­li­che Neu­gier. Wir wer­den die Huma­ni­tät und das Sozia­le in den Mit­tel­punkt unse­res Lebens stel­len und nicht den Pro­fit, den Kon­sum und die Tech­nik. Mit einem Wort: wir wer­den recht­zei­tig auf die Gefahr reagiert haben, unmün­dig zu wer­den. Durch eine Auf­klä­rung 2.0!

Befreit werden sollten: Stille, Schweigsamkeit – Kurzinterview mit Joseph Vogl

Befreit werden sollten: Stille, Schweigsamkeit

Kurzinterview mit Joseph Vogl

 

Joseph Vogl

Joseph Vogl ist Pro­fes­sor für Neue­re deut­sche Lite­ra­tur, Lite­ra­tur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin. U.a. von ihm erschie­nen: Das Gespenst des Kapi­tals (Dia­pha­nes Ver­lag, 2011). Foto: Dontworry/Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Herr Vogl, wel­chen Zwän­gen unter­lie­gen wir heu­te? Was soll­te Ihrer Ansicht nach befreit wer­den?

Man unter­liegt vor allem dem Zwang zur Dau­er­kom­mu­ni­ka­ti­on. Befreit wer­den soll­ten: Stil­le, Schweig­sam­keit.

 

Vie­le Men­schen haben heu­te das Gefühl, dass etwas falsch läuft in der Gesell­schaft, kön­nen kön­nen aber nicht genau in Wor­te fas­sen, was es ist. Fehlt uns die pas­sen­de Spra­che?

Nicht die Spra­che fehlt, son­dern die Anstren­gung, sie sach­lich, genau und inves­ti­ga­tiv zu ver­wen­den. Man begnügt sich mit dem schnel­len und schlag-fer­ti­gen Griff zu Mei­nung. Man scheut den län­ge­ren, unbe­que­men Weg, die Arbeit am Begriff.

 

Im All­tag hat die Befrei­ung ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

Ja, ein Lob auf die All­tags­frei­heit der Kon­su­men­ten. Die Rest­sub­jek­te dage­gen pfei­fen auf Frei­hei­ten: Sie wün­schen sich dage­gen mehr Sicher­heit, mehr Vor­sor­ge, mehr Für­sor­ge, mehr Gren­zen, mehr Exklu­si­on, mehr Schutz, mehr Auto­ri­tät, mehr Gefah­ren­ab­wehr, mehr Poli­zei. Schlech­te Zei­ten für die Ver­fech­tung poli­ti­scher Frei­hei­ten.

 

Robert Misik schreibt in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42: “Frei­heit hat die Sei­te gewech­selt. War sie frü­her eine Paro­le eman­zi­pa­to­ri­scher, meist lin­ker Bewe­gun­gen, haben in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren vor allem die Neo­kon­ser­va­ti­ven und Neo­li­be­ra­len die Frei­heit vor sich her­ge­tra­gen.” Was bedeu­tet das für die heu­ti­ge Zeit?

Man arbei­tet an der Voll­endung von kapi­ta­lis­ti­schen Wett­be­werbs- und Prä­ven­ti­ons­ge­sell­schaf­ten: Freie Märk­te und Kon­kur­renz­lärm wer­den mit der Aus­lö­schung von Soli­darmi­lieus und der Ero­si­on zivi­ler Frei­heits­pro­gram­me kom­bi­niert.

 


Tomorrow – Wie gestaltet man den Umbruch?

Ist das die Zukunft des Banking?

Die Gründer von Tomorrow

Credits to VIERTEL/VOR Maga­zin, Mar­cus Wer­ner

 

Anfang des Jah­res grün­de­ten Jakob Berndt, Inas Nurel­din und Micha­el Schwei­kart das Pro­jekt Tomor­row. Zum Start bie­tet es die Mög­lich­keit eines mobi­len Giro­kon­tos, durch die Koope­ra­ti­on mit dem Tech­no­lo­gie-Unter­neh­men sola­ris­Bank wer­den sie per­spek­ti­visch aber die kom­plet­te Palet­te der Bank­dienst­leis­tun­gen anbie­ten kön­nen. Vor eini­gen Tagen, Mit­te August hat die Beta­pha­se begon­nen, d.h. rund 150 Nut­zer tes­ten das Pro­dukt auf Herz & Nie­ren. So weit so gut, aber war­um stel­len wir die­ses Pro­jekt hier vor?

Auf der Home­page von Tomor­row liest man: “Wir haben die­ses Pro­jekt gestar­tet, weil wir einen Bei­trag leis­ten wol­len für eine bes­se­re, nach­hal­ti­ge­re Zukunft. Wir glau­ben, dass Geld ein Teil der Lösung sein kann. Dafür muss sich etwas ändern im Ban­ken­markt. Bei Tomor­row wird Geld zu einem Motor posi­ti­ven Wan­dels: Kun­den­ein­la­gen finan­zie­ren künf­tig erneu­er­ba­re Ener­gi­en, Bio-Land­wirt­schaft, Mikro­kre­di­te und vie­les mehr.”

Ab Ende Sep­tem­ber kann man ein mobi­les Giro­kon­to eröff­nen. Wir haben den Grün­dern von Tomor­row im Vor­feld ein paar Fra­gen gestellt und wün­schen euch viel Freu­de bei dem kur­zen Inter­view.

 

Das erklär­te Ziel von bei­spiels­wei­se der GLS Bank ist es, Kre­di­te an nach­hal­ti­ge Unter­neh­me­rin­nen und Unter­neh­mer in Deutsch­land zu ver­ge­ben – damit die­se sozi­al, öko­lo­gisch und öko­no­misch sinn­vol­le Din­ge schaf­fen kön­nen. Damit steht die GLS Bank nur für eine von vie­len Ban­ken, die hel­fen wol­len, dass Geld zu einem Motor des posi­ti­ven Wan­dels wer­den kann. Was unter­schei­det euch von die­sen nach­hal­ti­gen Ban­ken?

Was den Grund­satz angeht – näm­lich Geld dort­hin zu lei­ten, wo es nach­hal­ti­ge Indus­tri­en und Pro­jek­te för­dert – unter­schei­det uns erst­mal kaum etwas von genann­ten Pio­nie­ren wie der GLS. Das haben qua­si alle soge­nann­ten „Nach­hal­tig­keit-Ban­ken“ gemein, das ist der gemein­sa­me Nen­ner.
Was nicht heißt, dass wir als Tomor­row nicht auch Din­ge sub­stan­ti­ell anders machen wer­den. Dabei geht es vor allem um die Fra­ge der Ver­mitt­lung: Wir wol­len das The­ma „sozi­al & öko­lo­gi­sche nach­hal­ti­ge Finan­zen“ raus aus der Nische und rein in den Zeit­geist holen.

Zum Ers­ten durch eine zeit­ge­mä­ße, unkom­pli­zier­te tech­no­lo­gi­sche Dar­rei­chung – Kon­to­er­öff­nung in nur weni­gen Minu­ten via Smart­pho­ne, auto­ma­ti­sche Kate­go­ri­sie­rung aller Aus­ga­ben u. Ein­nah­men (= digi­ta­les Haus­halts­buch), Push-Nach­rich­ten bei jeder Trans­ak­ti­on für mehr Kon­trol­le.

Zum Zwei­ten durch ein Mehr an Trans­pa­renz – zB mit einem Impact Board, das in Echt­zeit zeigt, wo / wie das Geld der Kun­den „wirkt“, von Kli­ma­schutz­pro­jek­ten über Mikro­kre­di­te oder bis zur Bio­land­wirt­schaft.

Zum Drit­ten durch viel mehr Dia­log und Teil­ha­be – wir wol­len die „Bank von Mor­gen“ expli­zit gemein­sam mit der Com­mu­ni­ty ent­wi­ckeln.

Long sto­ry short: Wir sind davon über­zeugt, dass es allein Deutsch­land Hun­dert­tau­sen­de von Men­schen gibt, die längst zu einer der Nach­hal­tig­keits­ban­ken gewech­selt wären, wenn die­se denn ein wenig aus dem Elfen­bein­turm her­aus­kä­men. Wir wol­len die Men­schen abho­len, wir wol­len Bar­rie­ren abbau­en, wir wol­len in die Mit­te der Gesell­schaft.

 

Die Digi­ta­li­sie­rung von bestehen­den Pro­zes­sen führt natür­lich zu gewal­ti­gen Kos­ten­vor­tei­len – auch weil vie­le Jobs weg­fal­len. Wie seht ihr die Ent­wick­lung der Gesell­schaft wenn zuneh­mend Jobs durch Com­pu­ter und Maschi­nen ersetzt wer­den?

Ein gro­ßes The­ma. Die Digi­ta­li­sie­rung taugt frag­los nicht nur als Heils­ver­spre­chen, son­dern muss poli­tisch und gesell­schaft­lich gut mode­riert wer­den. Der dro­hen­de Weg­fall von Aber­tau­sen­den von Arbeits­plät­zen gehört hier unbe­dingt dazu: Arbeit stif­tet Sinn, gibt Halt, Wert­schät­zung, Ori­en­tie­rung – das darf bei all den erhoff­ten volks­wirt­schaft­li­chen Wert­schöp­fungs­stei­ge­run­gen durch Digi­ta­li­sie­rung nicht unter den Tisch fal­len. Gleich­zei­tig schafft Digi­ta­li­tät natür­lich auch die Mög­lich­keit für die Men­schen noch selbst­be­stimm­ter zu gestal­ten, wo/ wie/ wann wir arbei­ten. Stich­wort „Remo­te work“ und die damit ver­bun­den­de (mög­li­che) Neu­ent­de­ckung länd­li­cher Regio­nen. Zudem ent­ste­hen natür­lich auch diver­se neue Stel­len, aller­dings in ande­ren Berei­chen: Kom­mu­ni­ka­ti­on, Ent­wick­lung, Design. Wir haben als klei­nes, aber ambi­tio­nier­tes Pro­jekt bereits 10 Leu­te ange­stellt. Ich möch­te behaup­ten, dass ein smartes/ mobi­les Ange­bot wie das von Tomor­row zu mehr mensch­li­chem Dia­log zwi­schen den Men­schen und ihrer Bank führt, nicht zu weni­ger. Wenn wir unse­re Kun­den fra­gen “Wann wart Ihr das letz­te Mal bei eurer Bank (abseits vom Kon­to­au­to­ma­ten)?“ krie­gen wir meist fra­gen­de Bli­cke zurück. Für die meis­ten Men­schen ist das ewig her, die ver­bin­det rein gar nichts mehr mit ihrem Kre­dit­in­sti­tut.

 

Immer wie­der betont ihr, dass ihr lang­sam wach­sen wollt. Was hat es damit auf sich?

Lang­sam nicht unbe­dingt, aber orga­nisch. Wir haben mit Tomor­row Gro­ßes vor, jedoch nicht um jeden Preis. Wir wol­len ein tech­no­lo­gisch sau­be­res Pro­dukt schaf­fen (was alles ande­re als tri­vi­al ist bei so einem sen­si­blen The­ma), vor allem aber den Impact- oder Nach­hal­tig­keits­ge­dan­ken kon­se­quent umset­zen. Unser Geld soll nach­weis­bar eine posi­ti­ve Wir­kung erzie­len, da ist der Kern des Gan­zen. Und bei all dem wol­len wir die Nut­zer mit­neh­men, mit ein­bin­den. Wir wol­len die Bank von Mor­gen ent­wi­ckeln – aber nicht allein. Das geht nicht von Heu­te auf Mor­gen, auch wenn man Tomor­row heißt.

 

Auch wenn ihr dem Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus eine Absa­ge erteilt habt und euer Geld gewis­ser­ma­ßen auf die Buddenbrook’sche Art und Wei­se ver­die­nen wollt (Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäf­ten am Tage, aber mache nur sol­che, daß wir bei Nacht ruhig schla­fen kön­nen), müsst ihr wach­sen, Geld ver­die­nen, im Wett­be­werb bestehen. Glaubt ihr folg­lich, dass das bestehen­de Sys­tem, dem vie­le – auf­grund einer wach­sen­den Spal­tung zwi­schen Reich und Arm, zwi­schen Macht und Ohn­macht, einer immer kla­rer zu Tage tre­ten­den Kli­ma­kri­se, die durch unse­re Art und Wei­se zu Wirt­schaf­ten her­vor­ge­ru­fen wur­de – ernst­haf­te Pro­ble­me beschei­ni­gen, nicht grund­le­gend geän­dert wer­den muss?

Doch, auf jeden Fall muss sich grund­le­gend etwas ändern. Das Sys­tem hat zu Genü­ge bewie­sen, dass es sich eben nicht selbst regu­liert und nicht per se zum Woh­le Aller dient. Die Fra­ge ist, wie gestal­tet mal den Umbruch? Wo setzt man die Stell­schrau­be an?

Wir haben uns mit unse­ren vor­he­ri­gen Pro­jek­ten ja schon inten­siv mit den Mög­lich­kei­ten und Unmög­lich­kei­ten von „Soci­al Busi­ness“ aus­ein­an­der­ge­setzt, ob jetzt Soft­ware (Inas), Geträn­ke (Jakob) oder Arbeits­ver­mitt­lung (Micha­el). An das Kon­zept glau­ben wir wei­ter­hin: der Kapi­ta­lis­mus kann ganz sicher nicht alles und man darf ihn nicht sich selbst über­las­sen. Zudem soll­te man bestimm­te Berei­che (Bil­dung, Gesund­heit) gar nicht erst nach markt­wirt­schaft­li­chen Prin­zi­pi­en gestal­ten wol­len. Aber das Sys­tem trägt auch viel Ener­gie in sich, die man nut­zen kann und muss: es schafft Inno­va­ti­on, Wett­be­werb und Viel­falt. Und die guten, nach­hal­ti­gen, impact-getrie­be­nen Ide­en, die auf die­se Wei­se ent­ste­hen, brau­chen Geld. Ob es jetzt da klei­ne Soci­al Start­up aus dem Hin­ter­hof ist oder der mit­tel­stän­di­sche Wind­ener­gie-Anbie­ter, der wach­sen will. Wenn es uns gelingt, im gro­ßen Stil Kapi­tal aus destruk­ti­ven Bran­chen abzu­zie­hen und „den Guten“ zur Ver­fü­gung zu stel­len, kön­nen wir ver­dammt viel bewe­gen.

Ich bevorzuge die positive Kraft des negativen Denkens” – Interview mit Reinhard K. Sprenger

Ich bevorzuge die positive Kraft des negativen Denkens”

Inter­view mit Rein­hard K. Spren­ger

 

Herr Spren­ger, frei nach Kant ist es unse­re größ­te Frei­heit, uns selbst Geset­ze zu geben – gemein­hin ver­bin­det man aber das Feh­len von Vor­schrif­ten mit Frei­heit. Brau­chen wir in Zukunft mehr oder weni­ger staat­li­che Regle­men­tie­run­gen?

Dr. Rein­hard K. Spren­ger ist Autor zahl­rei­cher Manage­ment-Bücher. Zuletzt erschien Radi­kal Digi­tal. Weil der Mensch den Unter­schied macht (DVA-Ver­lag, 2018).

Jede Regel ist Frei­heits­ent­zug. Gleich­zei­tig ermög­licht sie Frei­heit. Die­se Para­do­xie ist unhin­ter­geh­bar. Für Kant war ja Anar­chie das selbst­ge­setz­li­che, geord­ne­te Zusam­men­le­ben. Den­noch soll­te sich der Staat nicht an einer posi­ti­ven Ethik ori­en­tie­ren, son­dern an einer nega­ti­ven. Er soll­te nicht ver­su­chen, das Gute zu erstre­ben (wie etwa Lohn­gleich­heit), son­dern das Schlech­te zu ver­hin­dern: „Was du nicht willst, dass man dir tue…“. Denn das Schlech­te ist immer schlecht, wäh­rend das Gute sel­ten nur gut ist. Und das Schlech­te ist kon­kre­ter, von gerin­ge­rer Anzahl und mit einem „Du sollst nicht….“ ein­deu­ti­ger ein­klag­bar. Die Suche nach dem Guten soll­ten wir den Indi­vi­du­en über­las­sen.

 

Vie­le Men­schen füh­len sich heu­te zu etwas gezwun­gen, was sie nicht mögen: ob lan­ge Über­stun­den, sinn­lo­se Arbeit, stän­di­ger Kon­sum­zwang oder ein Leben in über­füll­ten Städ­ten – Unzu­frie­den­heit macht sich breit über die “Gesell­schaft” ohne genau zu ver­ste­hen, was damit gemeint ist und wie sie wirkt. Wie kann man als Teil von etwas leben, was man nicht ver­steht?

Ent­schul­di­gen Sie – dies­mal bin ich es, der etwas nicht ver­steht. Näm­lich Ihre Fra­ge. Das Leben war noch nie „ver­steh­bar“ in einem fun­da­men­ta­len Sin­ne. Ver­ste­hen ist in die­sen Dimen­sio­nen das Hin­zu­fü­gen von Sinn. Nicht das Be-Grei­fen eines poten­zi­ell vor­find­ba­ren Sinns. Es ist Akti­vi­tät des Indi­vi­du­ums; ohne sein Hin­zu­tun ist es onto­lo­gisch obdach­los. Wenn es hin­ge­gen stimmt, dass Men­schen heu­te unzu­frie­de­ner sind als frü­her, dann ist das mul­tik­au­sal. Zwei­fel­los sind die Ansprü­che an ein gelun­ge­nes Leben gestie­gen, das Frei­heits-Para­dox lässt uns über die vie­len unge­leb­ten Leben kla­gen, und die mul­ti­me­di­al indu­zier­te Ver­gleich­bar­keit aller Lebens­be­din­gun­gen lässt uns über das Grün in Nach­bars Gar­ten ver­zwei­feln. Dabei soll­te die Unent­rinn­bar­keit unse­rer Sterb­lich­keit uns hei­ter sein las­sen, das war schon Nietz­sches Weg­wei­sung.

 

Ist die Mäßi­gung der ent­schei­den­de Schritt zur Befrei­ung von all­täg­li­chen Zwän­gen und “alter­na­tiv­lo­sen” Wirt­schafts­wei­sen?

Der ent­schei­den­de Schritt ist Les­sings unbe­streit­ba­re Bot­schaft: „Nie­mand muss müs­sen.“ In einem star­ken Sin­ne ist nie­mand gezwun­gen, irgend­et­was zu tun. Er will es immer. Des­halb tritt Sene­ca hin­zu: „Nicht wol­len ist der Grund, nicht kön­nen nur ein Vor­wand.“ Und es gibt immer eine Alter­na­ti­ve. Aller­dings ist die nicht kos­ten­los zu haben. Wie hoch der Preis aber ist, den der Ein­zel­ne zu zah­len bereit ist, ist nur von ihm selbst zu ent­schei­den. Lei­der leben vie­le Men­schen so, als hät­ten sie noch ein zwei­tes Leben im Ruck­sack. Aber auch das ist selbst­ge­wählt.

 

Wel­che poli­ti­sche Bewegung/Idee Euro­pas sind für Sie der­zeit am viel­ver­spre­chends­ten im Hin­blick auf eine lebens­wer­te Zukunft?

Wie gesagt, ich bevor­zu­ge die posi­ti­ve Kraft des nega­ti­ven Den­kens. Ich kann Ihnen nur sagen, wel­che poli­ti­sche Bewe­gun­gen ich für beson­ders schäd­lich hal­te: Alle jene, die die Ambi­gui­tät der Wer­te ver­nich­ten wol­len, die Ein­deu­tig­keit behaup­ten, die die Viel­falt redu­zie­ren wol­len, die uns von Aris­to­te­les ablen­ken und der Stoa zuwen­den wol­len (Dobel­li), die das Iden­ti­tä­re glau­ben erken­nen zu kön­nen. Die Zukunft wird mehr­deu­tig, unscharf und inso­fern frei sein – oder sie wird nicht sein.