Das Pathos der Freiheit – Von Robert Misik

Das Pathos der Freiheit

von Robert Misik

 

Wissen wir überhaupt noch, was das ist oder sein könnte: die Freiheit einer selbstbewussten Bürgerschaft, die mit Ernst und entschieden ihre eigenen Dinge in die Hand nimmt?

 

 

Frei­heit, das ist ein Wort, das sofort einen pathe­ti­schen Bei­klang gewinnt. Das Frei­heits­stre­ben der Men­schen ist viel­leicht die mäch­tigs­te Kraft der Geschich­te. Wenn Bür­ger in gemein­sam genütz­ter Frei­heit ein Gemein­we­sen auf­bau­ten, sind das die erha­bens­ten Momen­te gewe­sen. „Der Sinn von Poli­tik ist Frei­heit“, for­mu­lier­te Han­nah Arendt auto­ri­ta­tiv. Und auch heu­te wer­den wir immer wie­der Zeu­gen die­ses Frei­heits­drangs, auch als Zuse­her zieht uns das in sei­nen Sog. Erin­nern wir uns etwa nur an die Umstür­ze im Zei­chen der Frei­heit im Osten Euro­pas 1989. Wir sind gefes­selt von all dem.

Wir Bür­ger demo­kra­ti­scher, frei­heit­li­cher Gemein­we­sen des Wes­tens beob­ach­ten das mit einer Bewun­de­rung, die sich nicht allei­ne aus unse­rer Hoch­ach­tung vor Men­schen erklärt, die mutig und oft unter Ein­satz ihres Lebens für die Frei­heit ein­tre­ten. In die­se Bewun­de­rung mischt sich oft auch ein biss­chen Neid auf die Ener­gie, die hier zum Aus­druck kommt und von der wir das instink­ti­ve Gefühl haben, uns wäre sie abhan­den­ge­kom­men. So in dem Sinn: Mit der Ver­wirk­li­chung der Frei­heit schwin­den die Ener­gi­en, die sie erst ermög­licht haben. Frei­heit lebt vom Pathos und der Ener­gie der „Befrei­ung“, in der ganz ele­men­tar die „Frei­heit, frei zu sein“ gespürt wird. Denn gewiss: Wir genie­ßen alle Frei­hei­ten. So vie­le Frei­hei­ten: Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit sind ver­wirk­licht, frei­heit­li­che Ver­fas­sun­gen regeln das Funk­tio­nie­ren unse­rer Insti­tu­tio­nen, die Ver­samm­lungs- und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit, die Reli­gi­ons­frei­heit und natür­lich die Wirt­schafts­frei­heit. Sodass mit den vie­len Frei­hei­ten die Frei­heit – die im Sin­gu­lar, die pathe­ti­sche – irgend­wie ver­lo­ren gegan­gen scheint. Wir kön­nen es da mit dem Spöt­ter Johann Nes­troy hal­ten, der in sei­ner Frei­heit in Kräh­win­kel (1848) schrieb, dass die Frei­heit und das Recht nur in der ein­fa­chen Zahl unend­lich groß sei­en, wes­halb man sie uns auch immer nur in der wert­lo­sen viel­fa­chen Zahl gege­ben habe.

Aber man kann auch ganz sim­pel for­mu­lie­ren: Lieb­rei­zend ist die Frei­heit, solan­ge sie einem vor­ent­hal­ten wird. Hat man sie, weiß man nicht recht etwas anzu­fan­gen mit ihr. Beim Marsch durch die Ebe­ne kriegt auch sie schwie­li­ge Füße. Und wird ver­letz­bar durch Auto­ri­tä­re, die erklä­ren, dass die­se Frei­hei­ten nichts wert sei­en und mit dem Ver­spre­chen einer „illi­be­ra­len Demo­kra­tie“ locken.

 

 

Wirt­schafts­frei­heit

Robert Misik ist Essay­ist, Jour­na­list, Buch­au­tor, Thea­ter­ar­bei­ter, Aus­stel­lungs­ma­cher und Blog­ger (misik.at) und lebt in Wien. Zuletzt kura­tier­te er gemein­sam mit Harald Wel­zer die Aus­stel­lung „Arbeit ist unsicht­bar“ im Muse­um Arbeits­welt in Steyr. Sei­ne jüngs­te Buch­ver­öf­fent­li­chung ist der Essay­band Lie­be in Zei­ten des Kapi­ta­lis­mus (Chris­ti­an Brand­stät­ter Ver­lag, 2018). Foto: Ingo Per­tra­mer

Als Paro­le ist Frei­heit bei uns in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren aus der Mode gekom­men. Natür­lich, Daten­schüt­zer war­nen vor ihren Bedro­hun­gen, Wiki­leaks und ande­re Netz­ak­ti­vis­ten kämp­fen um Infor­ma­ti­ons­frei­heit, aber so rich­tig gepackt wer­den wir von sol­chen Kämp­fen nicht mehr. Schlei­chend hat der Slo­gan „Frei­heit“ auch die Sei­te gewech­selt. War sie frü­her eine Paro­le eman­zi­pa­to­ri­scher, meist lin­ker Bewe­gun­gen, haben in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren vor allem die Neo­kon­ser­va­ti­ven und Neo­li­be­ra­len die Frei­heit vor sich her­ge­tra­gen. Ver­engt auf den Begriff der Wirt­schafts­frei­heit, der Frei­heit des Bür­gers, als Wirt­schafts­bür­ger unbe­hel­ligt von Regu­lie­run­gen, Steu­er­ge­setz­ge­bun­gen und Sozi­al­ver­si­che­rungs­ge­set­zen am Markt agie­ren zu kön­nen – am „frei­en“ Markt. Unko­misch ist das nicht, war das Wort „Frei­heit“ ja nie die zen­tra­le Paro­le des Kon­ser­va­ti­vis­mus, der ja „Ord­nung“ favo­ri­sier­te, was nicht sel­ten das Gegen­teil von Frei­heit mein­te. Man könn­te des­halb mit Sar­kas­mus anmer­ken: Der Kon­ser­va­ti­vis­mus hat erst die „Frei­heit“ auf sei­ne Fah­ne geschrie­ben, nach­dem ande­re sie erkämpft hat­ten. Und auch heu­te steht die hohe Frei­heits­rhe­to­rik der Kon­ser­va­ti­ven in einem selt­sa­men Miss­ver­hält­nis zu dem mora­lisch-sitt­li­chen Ver­bots­jar­gon, den sie stets und reflex­ar­tig anschla­gen, und ihr Lieb­äu­geln mit dem Rechts­po­pu­lis­mus zeigt auch deut­lich, wie schnell sie bereit sind, die Frei­heits­rhe­to­rik über Bord zu wer­fen. So for­dern Kon­ser­va­ti­ve, dass der Staat nicht in das Leben sei­ner Bür­ger ein­grei­fen soll, was ja nur einen Sinn ergibt, wenn man der fes­ten Über­zeu­gung ist, dass nie­mand das Recht hat, über den Lebens­stil eines Men­schen zu urtei­len; aber gera­de Kon­ser­va­ti­ve neh­men sich sehr ger­ne die­ses Recht her­aus: Lais­ser-fai­re in lebens­kul­tu­rel­len Fra­gen ist ihre Sache kei­nes­wegs. Kon­ser­va­ti­ve lie­ben die dop­pel­te mora­li­sche Buch­füh­rung. Sie wol­len, wie Dani­el Bell schrieb, „einer­seits wirt­schaft­li­che Frei­zü­gig­keit, ande­rer­seits Moral­vor­schrif­ten“.

Man hat die nor­ma­len, ein­fa­chen Leu­te so trak­tiert mit den Paro­len von der „Eigen­ver­ant­wor­tung des Ein­zel­nen“ und von Refor­men, die mehr Wirt­schafts­frei­heit her­bei­füh­ren soll­ten, dass die schon zusam­men­zu­cken vor Angst, wenn jemand von Frei­heit redet. Die fra­gen sich dann sofort: Was will mir der jetzt wie­der weg­neh­men? Will der mir mei­nen Lohn kür­zen oder mir die Ren­ten­er­hö­hung strei­chen?

 

 

Die Lin­ken und die Frei­heit

Weil die Kon­ser­va­ti­ven den Wert der Frei­heit geka­pert haben, haben die Pro­gres­si­ven ihn irgend­wie ver­ges­sen. Sie haben des­halb eher auf Gerech­tig­keit gesetzt oder Gleich­heit. Man hat sich, etwas salopp gespro­chen, die Begrif­fe geteilt: Die einen haben die Frei­heit gekriegt, die ande­ren die Gerech­tig­keit. Das ist schon des­halb gro­tesk, weil die Lin­ken (die Pro­gres­si­ven) his­to­risch nicht nur jene Kraft waren, die für sozia­le Gerech­tig­keit ein­ge­tre­ten ist, son­dern immer auch für die mäch­ti­ge Kraft der Frei­heit.

Vie­le Men­schen haben sich lei­den­schaft­lich für die Lin­ke enga­giert, weil sie gegen Unter­drü­ckung, Dik­ta­tur und unde­mo­kra­ti­sche Machen­schaf­ten auf­ge­tre­ten ist. Das war vor 150 Jah­ren so, als die frü­hen Sozia­lis­ten in der Revo­lu­ti­on von 1848 den Kampf für Frei­heits­rech­te wie Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit und demo­kra­ti­sche Wah­len führ­ten – ein Kampf, der damals noch von Kai­ser- und König­tum nie­der­ge­schla­gen wur­de. Das war so, als die ers­ten Gewerk­schaf­ten das Recht der Arbei­ter erkämpf­ten, sich mit ihres­glei­chen zusam­men­zu­schlie­ßen. Das war am Ende des Ers­ten Welt­kriegs so, als in den meis­ten Län­dern Euro­pas die Mon­ar­chi­en stürz­ten und es oft die Anfüh­rer der sozia­lis­ti­schen und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en waren, die demo­kra­ti­sche Repu­bli­ken aus­rie­fen, in denen das freie und glei­che Wahl­recht garan­tiert war. Das war in den drei­ßi­ger Jah­ren so, als es vor allem die pro­gres­si­ven Kräf­te waren, die sich gegen den Auf­stieg des Faschis­mus auf­lehn­ten und, wie etwa im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg, beherzt für die Frei­heit kämpf­ten. Das war in den sech­zi­ger Jah­ren in den USA so, als die Bür­ger­rechts­be­we­gung ihren Kampf gegen die ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung der Schwar­zen führ­te.

Aber dass sich die Lin­ken um die Frei­heit nicht mehr so recht küm­mer­ten und sich pri­mär der Gleich­heit annah­men, ist auch des­halb gro­tesk, weil die Gleich­heit nicht der Anti­po­de der Frei­heit ist, son­dern ihr Zwil­ling. Die viel beschwo­re­ne „Optio­nen- und Risi­ko­ge­sell­schaft“ bedeu­tet in der Rea­li­tät: Optio­nen für die einen, Risi­ko für die ande­ren. „Frei­heit“ unter den Bedin­gun­gen von gro­ber Ungleich­heit heißt Frei­heit für die Begü­ter­ten, aber Optio­nen­man­gel für die Unter­pri­vi­le­gier­ten. Dass eine ega­li­tä­re Gesell­schaft nur auf Kos­ten der „Frei­heit“ zu haben ist, ist viel­leicht die aller­größ­te Lüge der neu­en Kon­ser­va­ti­ven. Gleich­heit heißt, dass alle die „Frei­heit“ haben, aus ihrem Leben etwas zu machen. Und Ungleich­heit hat frei­heits­ein­schrän­ken­de Wir­kun­gen für die Unbe­gü­ter­ten, weil ekla­tan­ter mate­ri­el­ler Man­gel mit ekla­tan­tem Man­gel an Optio­nen ein­her­geht. Glei­che Lebens­chan­cen geben allen Men­schen die Frei­heit, aus ihrem Leben etwas zu machen. Frei­heit hat die Vor­aus­set­zung, von Furcht und von Not frei zu sein.

Aber es ist auch etwas Kom­pli­zier­tes mit der Frei­heit, wes­halb ihre Sie­ges­zü­ge uns nicht immer froh machen. Die Unfrei­heit, gegen die Men­schen in den ver­gan­ge­nen 150 Jah­ren immer wie­der rebel­lier­ten, war nicht nur obrig­keit­li­che Repres­si­on – die mani­fes­te, in Geset­ze gegos­se­ne oder durch behörd­li­che Will­kür ent­fes­sel­te Unfrei­heit –, son­dern auch jene Unfrei­heit, die die Kon­ven­tio­nen, der Kon­for­mis­mus auf­er­leg­ten. Gegen die­se Unfrei­heit, den gesell­schaft­li­chen Druck von Spie­ßer­tum und des bloß Übli­chen, des blo­ßen „das macht man eben so“, des „das gehört sich so“, rebel­lier­ten Bohe­mi­ens, Halb­star­ke, Hip­pies, Aus­stei­ger, Punks. Man hat­te da so ein Bild im Kopf: das der uni­for­mier­ten, for­ma­tier­ten Gesell­schaft der Ähn­li­chen, die in Rei­hen­häu­sern woh­nen – Mama hat Locken­wick­ler auf dem Kopf, Papa ist sehr dar­auf bedacht, dass die Nach­barn nicht schief schau­en, und alle haben die glei­chen Gar­di­nen vor den Fens­tern. Dage­gen war man. Und dach­te, wenn man Sub- und Gegen­kul­tu­ren eta­blier­te, wäre das ein wider­stän­di­ger Frei­heits­akt. Und das war nicht ganz falsch. Aber gleich­zei­tig waren die­se Gegen­kul­tu­ren Motor der Moder­ni­sie­rung und Aus­dif­fe­ren­zie­rung von Gesell­schaf­ten in immer mehr neben­ein­an­der­her leben­de Peer­groups und bald waren für all die­se Sub­kul­tu­ren – die man irgend­wann begann, „Ziel­grup­pen“ zu nen­nen – extra zurecht­ge­schnit­te­ne Waren am Markt, die es ihnen erlaub­ten, sich life­sty­le­mä­ßig von­ein­an­der zu unter­schei­den. Das mach­te das Leben bun­ter, aber ein emi­nen­ter Befrei­ungs­akt war es nicht.

 

 

Poli­ti­sche Frei­heit

Und kom­men wir nun noch zur poli­ti­schen Frei­heit. Das Fehl­ur­teil der Obrig­kei­ten frü­he­rer Zei­ten bestand schließ­lich dar­in zu glau­ben, dass man Staats­bür­ger, sofern man ihnen ele­men­ta­re poli­ti­sche Rech­te zuge­steht, nicht mehr so ein­fach regie­ren kön­ne. Dass sie die Frei­hei­ten, die man ihnen gewähr­te, selbst­be­wusst in die Hand näh­men und ste­tig auf­be­gehr­ten, ja sich selbst regier­ten. Dass es um die alten Obrig­kei­ten dann schnell gesche­hen sei. Aber über die Jahr­hun­der­te und Jahr­zehn­te hin eta­blier­te sich ein neu­es poli­ti­sches Sys­tem mit neu­en Eli­ten, der soge­nann­ten pro­fes­sio­nel­len Poli­tik. Mit ihren Par­tei­en und Insti­tu­tio­nen, die ein­mal leben­dig waren, aber aus denen jedes Leben gewi­chen ist. Zei­tun­gen, sobald die Pres­se­frei­heit ver­wirk­licht war, ent­wi­ckel­ten sich zu nor­ma­len Geschäfts­zwei­gen, die ihr Publi­kum unter­hal­ten wol­len. Und die­ses Publi­kum hör­te mehr und mehr auf, sich für die­se „pro­fes­sio­nel­le Poli­tik“ zu inter­es­sie­ren. Nicht, dass die­ses Publi­kum sei­ner Frei­heit beraubt wäre. Alle vier Jah­re darf es wäh­len. Es schleppt sich ohne viel Elan an die Urnen. Es ent­wi­ckelt eine Hal­tung der Indif­fe­renz und des Des­in­ter­es­ses, das nicht sel­ten umschlägt in stil­len Ver­druss und Aggres­si­on. Es sind hier durch­aus wider­sprüch­li­che Pro­zes­se am Werk. Ein­fa­che, objek­ti­ve Pro­zes­se der Ent­kop­pe­lung eines pro­fes­sio­nel­len, insti­tu­tio­nel­len Sys­tems von nor­ma­len Bür­gern. Aber auch die Absicht von poli­ti­schen Eli­ten, weit­ge­hend unge­stört von äuße­ren Ein­flüs­sen zu regie­ren, ohne dass man dafür grund­le­gen­de demo­kra­ti­sche Rech­te und Frei­hei­ten kap­pen müss­te. Zudem die Inter­es­sen mäch­ti­ger Ein­fluss­grup­pen, Lob­bys etwa, die wis­sen, dass sie nur dann einen über­pro­por­tio­na­len Ein­fluss auf den poli­ti­schen Pro­zess haben, wenn die Bür­ger den Ein­fluss, den sie an sich haben könn­ten, nicht gel­tend machen. All das führt zu einer Frei­heit, die theo­re­tisch gege­ben, aber prak­tisch nicht belebt ist.

Ist unse­re Frei­heit durch all das bedroht? Nun, die „nega­ti­ve Frei­heit“, die Frei­heit von Drang­sa­lie­rung, von Ver­fol­gung, von Unter­drü­ckung – nicht wirk­lich. Aber die posi­ti­ve Frei­heit? Wis­sen wir über­haupt noch, was das ist oder sein könn­te? Die Frei­heit einer selbst­be­wuss­ten Bür­ger­schaft, die mit Ernst und ent­schie­den ihre eige­nen Din­ge in die Hand nimmt? Die Frei­heit einer ener­ge­ti­schen Jugend, die das Alte nie­der­reißt und gegen imma­te­ri­el­le und manch­mal auch rea­le Bar­ri­ka­den anrennt? Die Frei­heit wider­spens­ti­ger Geis­ter, die nicht ein­fach so regiert wer­den wol­len?

Man könn­te aus all dem Gesag­ten nun den Schluss zie­hen, dass die „Frei­heit“ und deren Gefähr­dun­gen heu­te nicht unser Pro­blem ist, son­dern eher ande­re gesell­schaft­li­che Patho­lo­gi­en: das Wachs­tum der Ungleich­heit, die Kom­mer­zia­li­sie­rung, die deter­mi­nie­ren­de Macht des Öko­no­mi­schen, die Abkop­pe­lung des Sys­tems „Poli­tik“ von den Bür­gern. Aber all die­se Pro­zes­se, die von vie­len Men­schen wohl als Fehl­ent­wick­lun­gen beur­teilt wür­den, haben frei­heits­ein­schrän­ken­de Wir­kun­gen. Und umge­kehrt: Sie zu kor­ri­gie­ren, sich über sie zu empö­ren, ist ein Frei­heits­akt. Ja, Ver­su­che, sie zu kor­ri­gie­ren, wer­den nur Erfolg haben, wenn sie den Schwung genui­ner Frei­heits­be­we­gun­gen hin­ter sich haben.

 

_______________________________________________

Die­ser Arti­kel ist in agora42 3/2018 BEFREIUNG erschie­nen. Die Aus­ga­be kön­nen Sie hier ver­sand­kos­ten­frei bestel­len:

Wir sollten uns für einen gestalteten Wandel einsetzen” – Interview mit Rainer Totzke

Wir sollten uns für einen gestalteten Wandel einsetzen”

Interview mit Rainer Totzke

 

Anlässlich der aktuellen Ausgabe der agora42 zum Thema BEFREIUNG haben wir Rainer Totzke ein paar Fragen gestellt. Im Interview spricht er über neue Erfahrungsräume und ein freieres, weniger borniertes Leben, die Möglichkeit, den Wandel zu gestalten sowie die Bedeutung von Distanz für die Gesellschaft.

 

Im All­tag hat die Befrei­ung bereits ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas – und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist Ihrer Mei­nung nach dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

Ja, abso­lut! Ich den­ke, eine bloß nega­ti­ve Frei­heit – als Frei­heit von unge­recht­fer­tig­ten gesell­schaft­li­chen Zwän­gen – bleibt, so wich­tig sie ist, am Ende eigen­tüm­lich leer. Ihr liegt die Vor­stel­lung einer rigi­den Tren­nung zwei­er Din­ge zugrun­de: der Gesell­schaft hier und des Indi­vi­du­ums da. Die­se Vor­stel­lung aber ist ver­kürzt, denn sie unter­schlägt, dass Gesell­schaft zwar auch repres­si­ve Dimen­sio­nen haben kann, dass sie zunächst aber erst­mal im posi­ti­ven Sin­ne Ver­ge­sell­schaf­tung ist bzw. sein kann. Ver­ge­sell­schaf­tung in die­sem Sin­ne bedeu­tet das Zusam­men­kom­men von Men­schen „im gemein­sa­men Umgang und Han­deln zum Zweck der bes­se­ren Ver­wirk­li­chung der Form der Erfah­rung, die dadurch, dass sie gemein­sam ist, ver­mehrt und bestärkt wird“, wie es der ame­ri­ka­ni­sche prag­ma­tis­ti­sche Phi­lo­soph und Päd­ago­ge John Dew­ey ein­mal for­mu­liert hat. Ver­ge­sell­schaf­tung in die­sem Sinn kann wirk­li­che Berüh­rungs­punk­te zwi­schen Men­schen schaf­fen und ver­viel­fäl­ti­gen, neue Erfah­rungs­räu­me öff­nen und so zu einem freie­ren, weil weni­ger bor­nier­ten indi­vi­du­el­len Leben füh­ren. Der Ein­zel­ne, der sich Ver­ge­sell­schaf­tung ver­wei­gern woll­te, blie­be ein „Idi­ot“.

Rai­ner Totz­ke lebt als Phi­lo­soph, Autor und Per­for­mer in Leip­zig und lehrt als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Otto-von Gue­ri­cke Uni­ver­si­tät Mag­de­burg.

 

Frei nach Kant ist es unse­re größ­te Frei­heit, uns selbst Geset­ze zu geben – gemein­hin ver­bin­det man aber das Feh­len von Vor­schrif­ten mit Frei­heit. Brau­chen wir in Zukunft mehr oder weni­ger Regle­men­tie­run­gen?

Ach, ich wei­ge­re mich hier eine pau­scha­le Ant­wort zu geben. „Regle­men­tie­run­gen“ hat ja per se schon mal eher eine nega­ti­ve Kon­no­ta­ti­on. In man­chen Hin­sich­ten bräuch­ten wir sicher weni­ger Regle­men­tie­run­gen – ins­be­son­de­re da, wo sie nicht so sehr sach­lich moti­viert sind, son­dern pri­mär der Logik der Büro­kra­tie fol­gen. Aber das im Ein­zel­fall zu unter­schei­den ist kei­nes­wegs leicht und bedarf unse­rer Urteils­kraft. Wenn ich die For­de­rung nach „weni­ger Regle­men­tie­run­gen“ zum Bei­spiel aus dem Mund von neo­li­be­ra­len Wirt­schafts­theo­re­ti­kern oder -prak­ti­kern höre, möch­te ich manch­mal eher ent­geg­nen: Nein, wir brau­chen hier mehr Regle­men­tie­run­gen – etwa der glo­ba­len Finanz­märk­te, oder in Bezug auf glo­ba­le Umwelt- und Sozi­al­stan­dards, welt­wei­te Arbeit­neh­mer­rech­te etc.

 

Um ele­men­ta­re Ver­än­de­run­gen in unse­rer Zeit her­bei­füh­ren zu kön­nen, müss­ten wir von vie­lem befreit wer­den: Dem Ver­pa­ckungs­wahn­sinn, dem Trans­port­wahn­sinn, dem Arbeits­wahn­sinn, dem Pro­duk­ti­ons­wahn­sinn, etc. Ist eine sol­che Befrei­ung ohne radi­ka­le Erup­tio­nen mög­lich?

Zunächst die Rück­fra­ge: Wer soll uns denn befrei­en? Dass wir „befreit wer­den müss­ten“ klingt mir irgend­wie zu sehr nach einer anony­men Instanz, die „es“ für uns tun könn­te oder soll­te oder wird. Auch mit der Rede von „radi­ka­len Erup­tio­nen“ tu ich mir schwer. Wer erup­tiert denn hier und war­um? Fakt ist: ohne radi­ka­le Umstel­lun­gen in unse­ren For­men zu wirt­schaf­ten, zu arbei­ten, zu ver­pa­cken und zu trans­por­tie­ren, wer­den wir als Gat­tung unser öko­lo­gi­sches Über­le­ben auf die­ser Erde nicht sichern kön­nen – mal ganz abge­se­hen von den ande­ren Spe­zi­es auf die­sem Pla­ne­ten, die wir gera­de dabei sind, zu Hun­der­ten und Tau­sen­den aus­zu­rot­ten. Ob wir es schaf­fen, die­se radi­ka­len Umstel­lun­gen glo­bal anzu­ge­hen und zu gestal­ten, ver­mag ich nicht zu sagen. Ich bin kein Pro­phet. Wir soll­ten uns jeden­falls für einen gestal­te­ten Wan­del ein­set­zen! Alle! Jetzt!

 

In der aktu­el­len Aus­ga­be spricht der phi­lo­so­phie­ren­de Clown Johan­nes Gal­li von den Zwän­gen, denen wir heu­te unter­lie­gen: „Ich darf nicht frei den­ken und ich darf ande­re Per­so­nen nicht nach ihrer wirk­li­chen Mei­nung, nach ihrem Gefühl fra­gen. Ich darf ihnen nur auf einer ver­stan­des­mä­ßi­gen Ebe­ne begeg­nen.“ Sehen Sie Ihre phi­lo­so­phi­sche Per­for­mance als eine Befrei­ung von sol­chen Zwän­gen?

Ich weiß nicht genau, was Johan­nes Gal­li mit dem – offen­bar als Gesell­schafts­dia­gno­se gemein­ten – Befund: „Ich darf nicht frei den­ken“ meint. In einer bestimm­ten Hin­sicht fin­de ich das etwas zu pathe­tisch und über­zo­gen for­mu­liert – und damit auch irgend­wie falsch. Natür­lich dür­fen wir hier in Deutsch­land gros­so modo ziem­lich frei den­ken, was wir wol­len – auch, dass die Erde eine Schei­be ist, zum Bei­spiel. Und wir dür­fen das meis­te Gedach­te sogar ziem­lich frei äußern: Man sur­fe nur mal durch die diver­gie­ren­den Weltsichten/Gedanken, wie sie Men­schen in Deutsch­land im Inter­net bzw. in den sozia­len Medi­en tag­täg­lich ver­öf­fent­li­chen – da ist im chi­ne­si­schen Inter­net, oder sagen wir mal im nord­ko­rea­ni­schen Inter­net (wenn es das gibt) – deut­lich weni­ger „frei­es Den­ken“ mög­lich. Ande­rer­seits gibt es natür­lich immer auch so was wie „Dis­po­si­ti­ve“, wie es der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Michel Fou­cault genannt hat, das heißt gesell­schaft­lich herr­schen­de Sicht­wei­sen auf Phä­no­me­ne und unter­grün­dig wir­ken­de Regu­lie­run­gen in den Dis­kur­sen, die immer auch auf unser Den­ken als je ein­zel­ne ein­wir­ken. Die­se unbe­wuss­ten Regu­lie­run­gen soll­ten wir kon­kret auf­spü­ren und benen­nen. Das ist ein Teil unse­rer Arbeit am Erhalt unse­rer geis­ti­gen Frei­heit. So ver­ste­he ich die Erläu­te­run­gen von Johan­nes Gal­li posi­tiv – und sei­ne Pra­xis als Clown sowie­so: Er will uns als Clown „unse­re“ Dis­po­si­ti­ve ent­hül­len – etwa das Dis­po­si­tiv, dass wir uns in all­zu vie­len Berei­chen unse­rer Gesell­schaft als Men­schen „nur auf einer ver­stan­des­mä­ßi­gen Ebe­ne begeg­nen“. Und er zeigt ver­mut­lich auch auf, wie bestimm­te gesell­schaft­li­che Insti­tu­tio­nen die­se Pra­xis all­zu stark för­dern. In einer bestimm­ten Hin­sicht geht auch mei­ne eige­ne per­for­me­ri­sche Pra­xis in die­se Rich­tung! Auch ich nut­ze ja Momen­te des Clow­nes­ken: Mas­kie­run­gen, Humor, Iro­nie für eine Befrei­ung – und Selbst­be­frei­ung – von pro­ble­ma­ti­schen Denk- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sche­ma­ta. Aller­dings scheint mir die Sache mit Gal­lis unter­grün­di­gem Appell, wir soll­ten doch alle mal mehr unse­re Gefüh­le äußern (dür­fen) dann wie­der­um doch nicht so ganz ein­fach. Denn auch das Äußern von Gefüh­len – und das hat Michel Fou­cault eben­so gezeigt – kann umge­kehrt sei­ner­seits auch zum Dis­po­si­tiv und zum gesell­schaft­li­chen Zwang wer­den. Frü­her vor allem in der Kir­che – Stich­wort: Beicht­zwang – und heu­te zum Bei­spiel in irgend­wel­chen über­grif­fi­gen Fern­seh­sen­dun­gen, wo Men­schen per­ma­nent inqui­si­to­risch nach ihrem „wirk­li­chen Gefühl“ gefragt, emo­tio­nal „aus­ge­quetscht“ und dies­be­züg­lich vor­ge­führt wer­den. Inso­fern ist auch an Hel­muth Pless­ner zu erin­nern, der dar­auf insis­tier­te, dass der Mensch als gesell­schaft­li­ches Wesen immer auch ein Schau­spie­ler sein kön­nen muss und darf, ein Wesen, das sei­ne Gefüh­le eben gera­de nicht in jeder Situa­ti­on unge­schützt zei­gen muss, ein Distanz­we­sen.

Nichtstun ist für einen Unternehmer keine Option – Interview mit Sarna Röser

Nichtstun ist für einen Unternehmer keine Option”

Interview mit Sarna Röser

Bild­quel­le: Anne Groß­mann Foto­gra­fie

 

Anlässlich der agora42 zum Thema ORDNUNG haben wir der Bundesvorsitzenden der Jungen Unternehmer Sarna Röser einige Fragen gestellt. Im Interview spricht sie über das Selbstverständnis des Unternehmers und der Rolle der Unternehmer bei der Gestaltung der gesellschaftlichen Zukunft.

 
 

Die Gesell­schaft scheint zuneh­mend in Unord­nung zu gera­ten. Gleich­zei­tig sind wir mit einer zuneh­men­den Kom­ple­xi­tät kon­fron­tiert. Frau Röser, wie erle­ben Sie die Zeit?

Es stimmt, wir erle­ben zur­zeit viel Ver­un­si­che­rung, in Deutsch­land, der EU und auf der gan­zen Welt. Aus­ge­löst wird das einer­seits von zuneh­men­der Kom­ple­xi­tät, und ande­rer­seits durch plum­pe Ver­ein­fa­chung als Reak­ti­on, von der mei­ner Mei­nung nach gro­ße Gefahr aus­ge­hen. Kom­ple­xe Her­aus­for­de­run­gen kön­nen wir lösen, jedoch nicht, indem wir ein­fa­che Ant­wor­ten suchen. Ich den­ke aber ins­ge­samt, dass die Kul­tur der Fami­li­en­un­ter­neh­men den Mit­ar­bei­tern und auch gan­zen Regio­nen Halt geben. Ein Fami­li­en­un­ter­neh­mer denkt lang­fris­tig, haf­tet mit sei­nem eige­nen Kapi­tal für sei­ne Ent­schei­dun­gen und will sein Lebens­werk, sein Unter­neh­men, in die nächs­te Gene­ra­ti­on über­füh­ren. So ist in Deutsch­land eine Wirt­schafts­kul­tur ent­stan­den, die nicht das Stre­ben nach schnel­lem Pro­fit in den Vor­der­grund unter­neh­me­ri­schen Han­delns stellt, son­dern den Wunsch nach lang­fris­ti­gem Erhalt – eine Ord­nung, wenn man so will.

 

Sie for­dern, dass die Poli­tik die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen – Digi­ta­li­sie­rung, Ren­te etc. – ent­schlos­se­ner anneh­men muss. Ange­nom­men wir schaf­fen es, die Her­aus­for­de­run­gen zu meis­tern, was ist Ihre Uto­pie einer Gesell­schaft in 25 Jah­ren?

Ich hof­fe, dass wir in Deutsch­land und Euro­pa die Her­aus­for­de­run­gen meis­tern, um in 25 Jah­ren glo­bal wei­ter in der ers­ten Liga zu spie­len. Das ist eine Uto­pie, denn ande­re Wirt­schafts­räu­me ver­fü­gen über deut­lich mehr Res­sour­cen und machen ihre Volks­wirt­schaf­ten wett­be­werbs­fä­hig. Heißt: Auch Deutsch­land muss jetzt die rich­ti­gen Wei­chen stel­len. In der Ren­ten­po­li­tik geht es dar­um, dass unse­re jun­ge Gene­ra­ti­on immer mehr Rent­ner län­ger finan­zie­ren muss – das wird nicht auf Dau­er gut gehen. Bei der Digi­ta­li­sie­rung rennt uns die Kon­kur­renz aus den USA und Chi­na davon, wäh­rend wir noch auf den Glas­fa­ser­an­schluss war­ten. Bei­de The­men wer­den den Erfolg unse­res Wirt­schafts­stand­or­tes maß­geb­lich mit­be­stim­men.

 

Sie ver­tre­ten einen Unter­neh­mer­ver­band und stam­men aus einer unter­neh­me­risch gepräg­ten Fami­lie. Was kann Ihrer Mei­nung nach der Unter­neh­mer, das Unter­neh­mer­tum hin­sicht­lich der gesell­schaft­li­chen Zukunft leis­ten?

Unter­neh­me­rin­nen und Unter­neh­mer tra­gen gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung. Zuerst für Mit­ar­bei­ter, aber auch für die Regi­on und das Land. Dabei reicht es mitt­ler­wei­le nicht mehr aus, dass wir inno­va­tiv sind bei unse­ren Pro­duk­ten und Dienst­leis­tun­gen. Wir müs­sen auch inno­va­tiv sein in der Art, wie wir arbei­ten. Und wie wir Arbeit für unse­re Mit­ar­bei­ter gestal­ten. Denn die Arbeit als sol­che hat sich wäh­rend der letz­ten Jahr­zehn­te in Deutsch­land radi­kal ver­än­dert. Jun­ge, klu­ge Leu­te, die ande­re Anfor­de­run­gen an ihr Leben und damit auch an ihren Beruf stel­len. Die­sen neu­en Bedürf­nis­sen müs­sen wir gerecht wer­den.

 

Dass der freie, unre­gu­lier­te Markt sämt­li­che – auch gesell­schaft­li­che – Pro­ble­me lösen kann, dürf­te inzwi­schen wider­legt sein. Auch haben bereits die Begrün­der der sozia­len Markt­wirt­schaft die Rol­le des Staa­tes betont. Was wäre das idea­le Ver­hält­nis von Staat und Markt, das Sie sich wün­schen wür­den?

Auch wenn die Theo­rie des Ordo­li­be­ra­lis­mus heut­zu­ta­ge oft einen nega­ti­ven Bei­klang hat, bringt sie sau­ber ange­wandt über­all die meis­ten Erfol­ge. Ordo­li­be­ra­lis­mus ist die Ant­wort auf die Fehl­ent­wick­lun­gen des Man­ches­ter-Kapi­ta­lis­mus. Es kommt aber immer auf einen rich­ti­gen Mix an. Das freie Ent­fal­ten der Markt­kräf­te schafft Wohl­stand. Aber der Staat hat – neben der Her­stel­lung von inne­rer und äuße­rer Sicher­heit – die Auf­ga­be, die Mög­lich­keit eben die­ses frei­en Ent­fal­tens der Markt­kräf­te zu gewähr­leis­ten. Er darf und muss gegen markt­schä­di­gen­de Ungleich­ge­wich­te vor­ge­hen, wenn es nötig ist. Zum Bei­spiel ach­tet der ordo­li­be­ral regu­lie­ren­de Staat dar­auf, dass sich kei­ne Mono­po­le oder Oli­go­po­le bil­den, die durch Markt­be­herr­schung Wett­be­werb ver­hin­dern und die Ver­brau­cher durch zu hohe Prei­se schä­di­gen. Auf der ande­ren Sei­te erle­ben wir, dass sich der Staat immer stär­ker in das unter­neh­me­ri­sche Han­deln ein­mi­schen will, bei Gehalts­ver­hand­lun­gen mit Mit­ar­bei­tern oder der Klä­rung von Arbeits­zei­ten prak­tisch mit am Ver­hand­lungs­tisch sit­zen will. Gleich­zei­tig soll der Unter­neh­mer immer mehr Fir­men-Infor­ma­tio­nen an den Staat geben – die Berichts­pflich­ten über­stei­gen das gesun­de Maß heu­te bei Wei­tem. Dies ist ein Grund, war­um es Ver­bän­de wie Die Jun­gen Unter­neh­mer gibt – um gegen die­se Gefah­ren für die deut­sche Wett­be­werbs­fä­hig­keit zu kämp­fen und den Staat an sei­ne ori­gi­nä­ren Auf­ga­ben zu erin­nern. Nichts­tun ist für einen Unter­neh­mer kei­ne Opti­on.

 

Wir tragen das Korsett nicht mehr auf der Haut, sondern darunter” – Interview mit Niklas Angebauer

Wir tragen das Korsett nicht mehr auf der Haut, sondern darunter”

Inter­view mit Niklas Ange­bau­er

Anlässlich der neuen agora42 zum Thema ORDNUNG haben wir Niklas Angebauer einige Fragen gestellt. Im Interview spricht er über alte und neue Korsetts, den anmaßenden Lebensstil der Moderne und den Kapitalismus als Sinnvernichter.

 

Einer zuneh­mend are­li­giö­sen Gesell­schaft wird häu­fig eine meta­phy­si­sche Obdach­lo­sig­keit dia­gnos­ti­ziert. Dadurch ent­ste­he Cha­os und Unsi­cher­heit. Herr Ange­bau­er, gibt es heu­te noch ord­nen­de Prin­zi­pi­en oder sind wir an einen heil­lo­sen Sub­jek­ti­vis­mus ver­lo­ren?

Eine ziem­lich sug­ges­ti­ve Fra­ge. Erst ein­mal: Ich wäre mir bei der Dia­gno­se „are­li­gi­ös“ bzw. „meta­phy­sisch obdach­los“ nicht so sicher. Bei Nietz­sche gibt es die­ses Bild, dass die Nach­richt vom Tod Got­tes ihre Zeit braucht, bis sie wirk­lich und mit vol­ler Wucht bei den Men­schen ankommt. Er stellt sich das wie ein Gewit­ter vor: Wir sehen den Blitz, und den­ken etwas selbst­ge­fäl­lig, das war’s schon, jetzt sind wir post­me­ta­phy­sisch! Aber der Don­ner kommt erst spä­ter. Das hat er um 1880 her­um geschrie­ben, aber ich glau­be, das Bild ist noch aktu­ell und wird es ver­mut­lich immer blei­ben – und zwar nicht zuletzt, weil wir den Don­ner gar nicht hören wol­len.

Das eigent­lich selt­sa­me ist doch: Unse­re Welt wird immer kom­ple­xer und kom­pli­zier­ter und dyna­mi­scher, und gleich­zei­tig lösen sich immer mehr alte Struk­tu­ren, Kon­ven­tio­nen und Regeln auf. Das wirk­lich erklä­rungs­be­dürf­ti­ge ist, dass es dabei nicht viel mehr „Cha­os und Unsi­cher­heit“ gibt!

Erklä­ren kann man das nur, wenn man sieht, dass die Alter­na­ti­ve „ord­nen­de Prin­zi­pi­en vs. Sub­jek­ti­vis­mus“ falsch ist. Es stimmt zwar, dass inner­halb von etwa sieb­zig Jah­ren aus einer stark regle­men­tier­ten und auto­ri­täts­hö­ri­gen Dis­zi­pli­nar­ge­sell­schaft eine Gesell­schafts­form her­vor­ge­gan­gen ist, in der die Auto­no­mie des oder der Ein­zel­nen das zen­tra­le Inte­gra­ti­ons­mo­ment dar­stellt – soviel ist dran an der Sub­jek­ti­vis­mus-Dia­gno­se. Aber das heißt gera­de nicht, dass damit die „ord­nen­den Prin­zi­pi­en“ außer Kraft gesetzt wur­den! Sie ver­län­gern sich viel­mehr ins Indi­vi­du­um hin­ein. Gott mag tot sein und ihm zu hul­di­gen obso­let, aber frem­den Mäch­ten unter­wer­fen wir uns nach wie vor, wenn auch in gewis­sem Sin­ne „frei­wil­lig“. Und die Kräf­te, die wir dann anbe­ten, sind weit weni­ger durch­schau­bar. Unser schlech­tes Gewis­sen bezieht sich viel­leicht nicht mehr auf unse­re Sün­den vor Ihm, son­dern dar­auf, dass wir nicht genug Sport trei­ben, nicht gut genug aus­se­hen, nicht genug Sexu­al­kon­tak­te haben, nicht hart genug arbei­ten, und so wei­ter. Der Mecha­nis­mus bleibt der glei­che. Frü­her waren wir vor Gott gleich, heu­te sind wir es vor dem Markt – angeb­lich.

 

Niklas Ange­bau­er ist Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Uni Olden­burg. Der­zeit pro­mo­viert er zum The­ma Besitz­in­di­vi­dua­lis­mus.

 

Robert Men­as­se ver­gleicht in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 die heu­ti­ge Zeit mit dem Jahr 1913: Auch damals gab es eine „radi­ka­le Ent­wick­lung der Tech­nik, rasan­tes Fort­schrei­ten der Glo­ba­li­sie­rung, rela­ti­ver Wohl­stand, lan­ge Frie­dens­zeit, in der Habs­bur­ger Mon­ar­chie etwa von 1848 bis 1913 – aber zugleich das Gefühl von begin­nen­der Unord­nung und eine Sehn­sucht, das alles zu zer­stö­ren, damit etwas Neu­es ent­ste­hen kann.“ Wie stark siehst du die Par­al­le­len von damals zu heu­te?

 

1913! Das war unter ande­rem ziem­lich genau die Zeit, in der das Kor­sett aus der Mode kam. Nicht zuletzt auf­grund der Frau­en­rechts­be­we­gung. Heu­te for­men wir unse­re Kör­per in Fit­ness­stu­di­os oder für die ganz eili­gen beim EMS-Trai­ning. Wir tra­gen das Kor­sett nicht mehr auf der Haut, son­dern dar­un­ter … Aber zur eigent­li­chen Fra­ge: Gibt es heu­te eine Sehn­sucht, alles zu zer­stö­ren?

Wenn wir als Heu­ris­tik mal anneh­men, dass man das, was Men­schen wol­len, von dem ablei­ten kann, was sie tat­säch­lich tun, dann lau­tet die trau­ri­ge Ant­wort wohl: Ja, wir leben in einer Zeit der Zer­stö­rungs­wut. Die Rück­sichts­lo­sig­keit vie­ler heu­ti­ger Gesell­schaf­ten ist frap­pie­rend. Und das ist jetzt abso­lut kein kul­tur­pes­si­mis­ti­sches „Früher-war-alles-besser“-Argument. Unser Lebens­stil ist nun ein­mal ein­fach anma­ßend – und zwar ziem­lich egal, wor­an man das bemisst: sei es der Effekt unse­rer Kon­sum­ge­sell­schaft auf ande­re Men­schen, beson­ders des glo­ba­len Südens – Ste­phan Les­se­nich dis­ku­tiert das als das Prin­zip „Neben uns die Sint­flut“; oder der Effekt auf nicht-mensch­li­che Tie­re und ande­re Arten – wir erle­ben und ver­ur­sa­chen gra­de immer­hin das größ­te Arten­ster­bens seit dem Ver­schwin­den der Dino­sau­ri­er; oder auf das Kli­ma ins­ge­samt; oder auf die Lebens­qua­li­tät zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen … Dass sich all das nicht recht­fer­ti­gen lässt liegt ja auf der Hand. Des­we­gen the­ma­ti­sie­ren wir es auch lie­ber gar nicht erst und kau­fen statt­des­sen mit gro­ßer Ges­te bra­si­lia­ni­sche Bio-Avo­ca­dos beim Dis­coun­ter. Im Grun­de sind wir doch zutiefst dank­bar für das Green­wa­shing, das über­all betrie­ben wird. Die größ­te Par­al­le­le zu 1913 liegt also viel­leicht in den Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men, die es der Mehr­heit erlau­ben, ein­fach so wei­ter zu machen wie bis­her. Aber wie damals – den­ken wir an Freud, Kaf­ka, und so wei­ter – gibt es natür­lich auch Gegen­be­we­gun­gen bezie­hungs­wei­se Ver­su­che, die Gegen­wart zu pro­ble­ma­ti­sie­ren und die­se Mecha­nis­men sicht­bar zu machen.

Wie damals gibt es also auch heu­te Hoff­nung, und wie damals lohnt es sich, kri­tisch und selbst-kri­tisch zu sein. Aber dazu gehört eben, ein­zu­se­hen, dass wir längst dabei sind, alles zu zer­stö­ren. Die Kata­stro­phe, auf die wir zusteu­ern – und zwar gra­de auch durch die tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung und die Glo­ba­li­sie­rung – mag sub­ti­ler und weni­ger erup­tiv sein, als der Ver­gleich mit 1913 viel­leicht nahe­legt. Aber eine Kata­stro­phe ist es, dar­an kann über­haupt kein Zwei­fel bestehen. Alles ande­re ist Augen­wi­sche­rei, oder Schlim­me­res.

 

Gab es schon ein­mal eine gesell­schaft­li­che Ord­nung, die den Men­schen so wenig Sinn (in per­sön­li­cher, exis­ten­zi­el­ler Hin­sicht) für ihr Leben gab, wie die heu­ti­ge kapi­ta­lis­ti­sche?

In so einer Fra­ge scheint mir eine ziem­lich sozi­al­ro­man­ti­sche Vor­stel­lung mit­zu­schwin­gen: Frü­her war das Leben viel­leicht här­ter, aber auch irgend­wie authen­ti­scher! Des­we­gen: Zurück zu den Wur­zeln, und alles wird gut! Das läuft aber auf einen gefähr­li­chen Ana­chro­nis­mus hin­aus. Das Stre­ben nach Authen­ti­zi­tät, nach Sinn oder gar nach einem indi­vi­du­el­len „Sinn des Lebens“ im Sin­gu­lar, wie wir es heu­te ken­nen, ist gar nicht so alt, wie wir den­ken.

Inso­fern wür­de ich die Sozi­al­ro­man­tik mit einem Sozi­al­kon­struk­ti­vis­mus kon­tern. Das Bild, das dann ent­steht, ist kom­ple­xer: Wenn man über­haupt von „dem Kapi­ta­lis­mus“ reden will, dann ist einer­seits klar, dass er gigan­ti­sche Res­sour­cen frei­setzt, die über­haupt erst den Frei­raum schaf­fen, Sinn als etwas Indi­vi­du­el­les zu begrei­fen und zu ver­fol­gen. Zugleich befeu­ern kapi­ta­lis­ti­sche Struk­tu­ren sol­che Bedürf­nis­se nach einem indi­vi­du­el­len Lebens­sinn, einem eige­nen Stil, nach einem indi­vi­du­el­len Aus­druck des eige­nen Daseins – und zwar schlicht­weg, weil die Suche nach dem Sinn ein Motor für den Kon­sum ist. Adam Cur­tis hat die­se Ent­wick­lung in sei­ner Doku „The Cen­tu­ry of the Self“ herr­lich her­aus­ge­ar­bei­tet, unbe­dingt sehens­wert. In unser Sinn­be­dürf­nis ist also – und auch in die Fra­ge eben – immer schon etwas qua­si-kapi­ta­lis­ti­sches mit­ein­ge­schrie­ben!

Ande­rer­seits kann man den Kapi­ta­lis­mus aber schon auch als ein „Sinn­ver­nich­ter“ betrach­ten. Zunächst ein­mal begeg­net uns Sinn ja in Form des Ver­fol­gens und Errei­chens von intrin­sisch wert­vol­len Zie­len. Und es ist ja gera­de das bestim­men­de Merk­mal der kapi­ta­lis­ti­schen Ratio­na­li­tät, intrin­si­sche Wer­te durch instru­men­tel­le zu erset­zen. Das ist der Kern aller Ent­frem­dungs- und Kom­mo­di­fi­zie­rungs­kri­tik seit Marx: Wo ich Pro­duk­te nicht um der Pro­duk­te wil­len her­stel­le, son­dern um einen Pro­fit zu erzie­len; wo mir mei­ne eige­ne Arbeits­kraft als ein Frem­des gegen­über­tritt, inso­fern ich sie an ande­re ver­äu­ßern muss; und wo ich mei­ne Mit­men­schen nicht mehr pri­mär als Koope­ra­ti­ons­part­ner oder -part­ne­rin­nen, son­dern als Kon­kur­rie­ren­de betrach­te, da geht immer auch etwas intrin­si­sches ver­lo­ren. „Der“ Kapi­ta­lis­mus ist, wenn man so über­haupt reden will, also zugleich für das spe­zi­fisch moder­ne Gefühl des „Sinn­ver­lusts“ ver­ant­wort­lich.  Aber das, was da „ver­lo­ren“ gegan­gen ist, hat in  die­ser Form nie wirk­lich exis­tiert, son­dern ist immer auch nach­träg­li­che Pro­jek­ti­on unse­rer über­form­ten Bedürf­nis­se.

 

Wie ver­hal­ten sich ver­nünf­ti­ge Über­le­gun­gen zu Kata­stro­phen und Cha­os? Wel­chen Stel­len­wert haben sie für tat­säch­li­chen poli­ti­schen Wan­del?

Frei nach Scho­pen­hau­er: Ver­nünf­ti­ge Über­le­gun­gen sind zwar nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts. Trotz­dem dür­fen wir nicht ver­ges­sen, dass mensch­ge­mach­te Kata­stro­phen, ver­gan­ge­ne wie zukünf­ti­ge, immer auch Pro­dukt unse­rer Ratio­na­li­tät sind. Wir sind lei­der ver­flixt gut dar­in, das vor uns sel­ber zu ver­ste­cken.

 

Wer die Welt in Ordnung bringen will, gehe zuerst durchs eigene Haus“ – Interview mit Fräulein Ordnung

Wer die Welt in Ordnung bringen will, gehe zuerst durchs eigene Haus“

Inter­view mit Deni­se Col­quhoun ali­as Fräu­lein Ord­nung

Anlässlich der neuen agora42 zum Thema ORDNUNG haben wir Denise Colquhoun einige Fragen gestellt. Im Interview spricht sie über die Schwierigkeit, Dinge wegzuwerfen, Schränke, Schubladen und Minimalismus sowie die Bedeutung von Ordnung für ein friedliches Miteinander.

 

Frau Col­quhoun, auf Ihrem Blog schrei­ben Sie “Wenn man Ord­nung haben möch­te, muss man weg­wer­fen kön­nen”. Was ist so schwie­rig dar­an, sich von Din­gen zu tren­nen, die man kaum benutzt?

Wir Men­schen sind Jäger & Samm­ler. Da hat sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten nicht viel dran geän­dert. Und was man hat – das hat man! Din­ge fül­len also nicht nur unse­re Schrän­ke, son­dern auch unser Bedürf­nis nach Sicher­heit und Sta­tus, oft aber auch eine gro­ße Lee­re in uns.

Die­ses Gefühl, unse­ren Besitz nicht wie­der her­ge­ben zu wol­len, ist also tief in uns ver­wur­zelt. Das Argu­ment „Es hat doch mal viel Geld gekos­tet“ tut sein übri­ges. Nur wer den Mut fin­det, sich von unge­lieb­ten Din­gen auch wie­der zu tren­nen wird mer­ken, dass man die wenigs­ten Din­ge wirk­lich ver­misst.

Denise Colquhoun

ali­as Fräu­lein Ord­nung ist Blog­ge­rin und Wohn­raum­op­ti­mie­re­rin: Nach­dem sie als Chef­se­kre­tä­rin Ord­nungs­sys­te­me ken­nen- und lie­ben gelernt hat, berät sie heu­te Men­schen, die sich ein auf­ge­räum­te­res Leben wün­schen. fraeulein-ordnung.de

Ord­nung ist nie­mals gleich Ord­nung. Es gibt ver­schie­de­ne “Ord­nungs­ty­pen”. Wie äußern sich die­se ganz kon­kret?

Über die ver­schie­de­nen Ord­nungs­ty­pen mache ich mir ehr­lich gesagt weni­ger Gedan­ken. Mein Ziel ist es viel­mehr, den Men­schen indi­vi­du­ell zur Ord­nung zu hel­fen und zu gucken, wo das eigent­li­che Pro­blem liegt.

Jeder mei­ner Kun­den hat sei­ne ganz per­sön­li­che Geschich­te, so dass auch jeder Ein­satz anders ist. Des­halb habe ich auch kei­nen Mas­ter­plan in mei­ner Tasche, wenn ich mich auf den Weg zu einem neu­en Kun­den mache. Ich blei­be lie­ber offen, höre mir die Wün­sche der Kun­den an und freue mich, wenn wir am Ende mehr geschafft haben, als mei­ne Kun­den geplant oder erwar­tet hat­ten.

Manch­mal schaf­fen wir aber auch weni­ger, als ich mir gewünscht hät­te – doch so lan­ge mich die Kun­den mit einem guten Gefühl ver­ab­schie­den, bin auch ich zufrie­den.

 

Unord­nung ist nicht nur eine per­sön­li­che, son­dern auch eine zwi­schen­mensch­li­che Belas­tung – man den­ke nur an die Erb­schaft ver­ramsch­ter Kel­ler oder voll­ge­stell­ter Dach­bö­den. Ist Ord­nung die Basis für ein fried­li­ches Mit­ein­an­der?

Wer die Welt in Ord­nung brin­gen will, gehe zuerst durchs eige­ne Haus“, so lau­tet ein klu­ger Spruch aus Chi­na. Ich bin der vol­len Über­zeu­gung, dass Ord­nung ein wich­ti­ger Pfei­ler für mehr Glück und Zufrie­den­heit ist.

Mann über­le­ge nur mal, in wie vie­len Fami­li­en am Wochen­en­de dis­ku­tiert oder gestrit­ten wird über anfal­len­de Arbei­ten im Haus­halt und die herr­schen­de Unord­nung. Wie viel wert­vol­le Zeit geht dabei ver­lo­ren? Also ist es sehr zu emp­feh­len, weni­ger Din­ge anzu­häu­fen und dafür mehr Zeit für die schö­nen Din­ge im Leben zu haben.

 

Ist Ord­nung immer mini­ma­lis­tisch?

Auf kei­nen Fall! Ich ken­ne eine Fami­lie, die sehr mini­ma­lis­tisch scheint, doch bei einem Blick in die Schrän­ke bekom­me ich Schnapp­at­mung. Mini­ma­lis­mus ist das eine – Ord­nung das ande­re und muss nicht zwangs­läu­fig Hand in Hand gehen.

In mei­ner Küche ste­hen so vie­le Din­ge her­um, dass man die­sen Ort nicht mini­ma­lis­tisch nen­nen kann, doch die Ord­nung in mei­nen Schub­la­den ist immer 1A.

Tat­sa­che ist aber, je weni­ger Din­ge her­um­ste­hen, des­to schnel­ler ist eine schö­ne Ord­nung her­ge­stellt.

 

Die Gesell­schaft ins­ge­samt scheint zuneh­mend in Unord­nung zu gera­ten: Geset­zes­än­de­run­gen gehen am Leben vor­bei, Par­tei-Beschlüs­se sind zwar demo­kra­tie­kon­form, ver­kom­pli­zie­ren aber vie­le Abläu­fe, Büro­kra­tie und Ver­wal­tungs­auf­wän­de stei­gen und sinn­vol­ler Wan­del zu weni­ger Kon­sum, weni­ger Wachs­tum und mehr Nach­hal­tig­keit wird als uto­pisch abge­tan. Was ent­geg­nen Sie dem Pfad­ab­hän­gig­keits­ar­gu­ment: Es ist nicht zu ändern, das war schon immer so?

Erst ges­tern habe ich zu die­sem The­ma noch eine anre­gen­de Dis­kus­si­on geführt. Es ging um vega­ne Lebens­wei­se, was es bedeu­ten wür­de, wenn mehr Men­schen second-hand ein­kau­fen und aufs Fahr­rad umstei­gen wür­den und was das aktu­el­le Leben für nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Zukunft unse­rer Kin­der haben wird.

Ich füh­le mich rat­los, was die Poli­tik und die Macht der Wirt­schaft angeht und mache mir Sor­gen um unse­re maß­lo­se Ver­schwen­dung von Res­sour­cen. Ob wir das gan­ze über­haupt noch auf­hal­ten kön­nen? Ich wage es zu bezwei­feln und plä­die­re dafür, dass jeder im Klei­nen etwas tun soll­te!

So gehe ich schon seit Jah­ren mit mei­nem Ein­kaufs­beu­tel los und ver­zich­te auf Plas­tik­tü­ten. Sobald ich im Aus­land sehe, wie vie­le Schrit­te sie dort in Punk­to Nach­hal­tig­keit hin­ter­her hän­gen, wird mir wie­der Angst und Ban­ge.

Ein Satz auf mei­nem Blog lau­tet: „Kon­sum kann Unord­nung ver­ur­sa­chen“. Wer also sei­nen Kon­sum über­denkt und viel­leicht auch mal eine Kon­sum­pau­se ein­legt, tut damit nicht nur der Umwelt einen Gefal­len, son­dern kommt als Neben­ef­fekt der Ord­nung auch ein Stück näher.

Passend zum Thema empfehlen wir:

Heimat in sich selbst finden – Interview mit Dr. Anna Gamma

Heimat in sich selbst finden

Inter­view mit Anna Gam­ma

 

Anlässlich der neuen agora42 zum Thema ORDNUNG haben wir der Zen-Meisterin Dr. Anna Gamma einige Fragen gestellt. Im Interview spricht sie über stabile und chaotische Lebenszeiten, die Mitgestaltung von gesellschaftlichem Wandel sowie die Bedeutung von Vertrauen für ein glückliches Leben.

 

Frau Gam­ma, Ord­nung und Ver­än­de­rung schei­nen sich zu wider­spre­chen. Den­noch hat es bis heu­te noch nie eine immer­wäh­ren­de, sta­ti­sche Gesell­schafts­ord­nung gege­ben. Wor­an liegt das? 

Allein der Blick auf das ein­zel­ne Indi­vi­du­um zeigt, dass eine immer­wäh­ren­de, sta­ti­sche Gesell­schafts­ord­nung nicht men­schen­ge­recht ist. Men­schen sind Wer­de­we­sen. Im Lau­fe ihres Lebens durch­lau­fen wir ver­schie­de­ne Ent­wick­lungs­stu­fen vom Klein­kind zum Erwach­se­nen, vom jun­gen zum alten Men­schen. Pha­sen der rela­tiv sta­bi­len „Ord­nung“ wer­den von unru­hi­gen, chao­ti­schen Lebens­zei­ten abge­löst. Was auf der Mikro-Ebe­ne gilt, ist eben­so wirk­mäch­tig auf der Meso- und Makro-Ebe­ne.

Jean Gebser hat in sei­ner For­schungs­ar­beit ver­schie­de­ne Bewusst­seinstruk­tu­ren ent­deckt, die im Lau­fe der Mensch­heits­ge­schich­te ent­wi­ckelt wur­den. Sie bestim­men, wie wir die Welt und den Men­schen sehen. Ent­spre­chend haben sich ver­schie­de­ne gesell­schaft­li­che Sys­te­me her­aus­ge­bil­det. Neben der Demo­kra­tie, das jüngs­te gesell­schaft­li­che Ord­nungs­sys­tem, bestehen immer noch auto­ri­tä­re Sys­te­me. Im Zeit­al­ter der mäch­ti­gen Män­ner, schei­nen sie sogar wie­der auf dem Vor­marsch zu sein.

 

Anna Gamma

Dr. Anna Gam­ma ist Zen Meis­te­rin, Psy­cho­lo­gin und seit Jah­ren in inter­na­tio­na­len Frie­dens­pro­jek­ten tätig. Sie lei­tet das Zen Zen­trum Offe­ner Kreis Luzern und das Anna Gam­ma Insti­tut Zen&Leadership. Mehr dazu unter www.annagamma.ch

 

Ist gesell­schaft­li­cher Wan­del immer unbe­re­chen­bar oder gibt es Gemein­sam­kei­ten, die jedem Wan­del eigen sind, eine Art „Ablauf­plan“?

Ich wür­de die­se Fra­ge ger­ne umfor­mu­lie­ren. Natür­lich gibt es For­schungs­ar­bei­ten zu Pha­sen des gesell­schaft­li­chen Wan­dels. Weit inter­es­san­ter scheint mir die Fra­ge, ob und wenn wie wir gesell­schaft­li­chen Wan­del mit­be­stim­men kön­nen. Ich las­se mich einer­seits von einem Zitat von Mahat­ma Gan­dhi lei­ten: Be the chan­ce you want to see in the world. Ander­seits geben die arche­ty­pi­schen Trans­for­ma­ti­ons­schrit­te, die Pia Gyger und Niklaus Brant­schen im Rah­men des Jeru­sa­lem-Pro­jek­tes ent­wi­ckelt haben, ganz kon­kre­te Anwei­sun­gen für jeden gelin­gen­den Wan­del. Sie begin­nen mit dem Ehren und Wür­di­gen der Ver­gan­gen­heit und enden damit, die Zukunft in der Gegen­wart zu leben.

 

Was könn­te heu­te eher ein Aus­lö­ser für einen gesell­schaft­li­chen Wan­del sein: Poli­ti­sche, ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen oder über uns her­ein­bre­chen­de Kata­stro­phen? Oder gar etwas drit­tes?

Die­se Fra­ge erin­nert mich an ein Gespräch, dass ich die­sen Früh­ling mit einer Paläs­ti­nen­se­rin in Jeru­sa­lem geführt hat­te. Ihre Mei­nung war, dass allein ent­we­der eine gros­se Umwelt­ka­ta­stro­phe oder eine wei­se, cha­ris­ma­ti­sche Füh­rungs­per­sön­lich­keit aus der Sack­gas­se des Israel/Palästina Kon­flikts füh­ren kann.

Die glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen wie bei­spiels­wei­se die nicht rever­si­blen, öko­lo­gi­schen Pro­zes­se wer­den uns zwin­gen, neue glo­ba­le Ord­nungs­struk­tu­ren zu schaf­fen, die für alle Staa­ten Gül­tig­keit haben wer­den. Die gute Bot­schaft lau­tet: vie­le Men­schen befin­den sich bereits auf die­sem Weg.

 

Heu­te wächst bei eini­gen Bevöl­ke­rungs­tei­len die Sehn­sucht nach einer auto­ri­tä­ren Ord­nung; nach einer Ord­nung, die kla­re Ori­en­tie­rung ver­spricht. Was wür­den Sie die­sen Men­schen mit­ge­ben, die sich in der glo­ba­li­sier­ten, hoch­kom­ple­xen Welt ori­en­tie­rungs­los füh­len?

Die­se Ent­wick­lung ist ver­ständ­lich, denn Men­schen haben ver­schie­de­ne Grund­be­dürf­nis­se und eines davon heisst: Sicher­heit. In der unüber­sicht­li­chen, glo­ba­li­sier­ten Welt scheint sie ver­lo­ren zu gehen und mit ihr eine wei­te­re Qua­li­tät, die für ein glück­li­ches Leben not­wen­dig ist: Ver­trau­en. Wir müss­ten ver­mehrt in den Lehr­plä­nen von Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten Modu­le ein­bau­en, in denen wir (wie­der) ler­nen, die lei­se Stim­me im Her­zen zu hören und den inne­ren Kom­pass zu fin­den. Dazu brau­chen wir Stil­le, Zei­ten der Muße und Bezie­hungs­räu­me, in denen über die inne­ren Pro­zes­se gespro­chen wer­den kann. Denn wer Hei­mat in sich selbst fin­det, fin­det sich auch in kom­ple­xen Situa­tio­nen zurecht.

 

 

 

__________________________________

agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin. Seit 2009.

Hier stel­len wir uns vor.