“Wir dürfen die Technik nicht einfach laufen lassen” – Peter Schaar im Interview

“Wir dürfen die Technik nicht einfach laufen lassen”

Peter Schaar im Interview über schubsende Algorithmen und den Verlust der Privatsphäre

 

Herr Schaar, welche Hoffnungen verbinden Sie mit der Digitalisierung? Was ist ihre größte Errungenschaft? 

Digitale Techniken erleichtern viele Dinge, die unseren Alltag ausfüllen. Sie stehen damit in der Tradition technischer Innovationen, prinzipiell seit der Steinzeit stattfindet. Dies ist grundsätzlich positiv, jedenfalls dann, wenn wir von den neuen Möglichkeiten sinnvoll Gebrauch machen und die Nebenwirkungen im Blick behalten. Mit Sorge erfüllen mich insbesondere das Tempo, mit dem die Digitalisierung sich durchsetzt und die Sorglosigkeit beim Umgang mit ihr. Die damit einhergehenden Risiken werden vielfach ausgeblendet, sowohl im Hinblick auf den Verlust der Privatsphäre als auch im Hinblick auf die mangelnde Zuverlässigkeit und die Verletzlichkeit der Systeme.

 

Persönliche Daten gehen durch globale Netzwerke und gelangen potentiell auch in die Hände Dritter. Welche Auswirkung hat dies auf die Gesellschaft und die Rechte des Einzelnen?

Peter Schaar war von 2003 bis 2013 Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit. Seit 2013 ist er der Vorsitzende der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID). Für sein Buch “Das Ende der Privatsphäre” wurde Schaar 2008 von der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet. Bild: Wikipedia, Alexander Klink, CC-BY 3.0

Wenn mit den traditionellen Instrumenten des Datenschutzes konkrete Missbrauchsfälle verhindert werden können, ist das zwar erstmal gut, reicht aber angesichts der alle Bereiche durchdringenden Digitalisierung bei weitem nicht aus. Schon jetzt sehen wir, dass immer mehr Daten bei sehr wenigen Unternehmen und mächtigen Geheimdienstzentralen zusammenlaufen. Dieses strukturelle Problem ist bisher nicht gelöst, denn die Entwicklung läuft weiterhin auf immer größere Machtkonzentration in wenigen Händen hinaus. Die Menschen – aber auch kleinere Unternehmen – werden dadurch für die großen Plattformanbieter und ggf. auch für staatliche Stellen sehr transparent, während niemand wirklich weiß, was mit diesem Wissen geschieht. Informationelle Selbstbestimmung – ein Begriff, den wir in Deutschland synonym zum Terminus “Datenschutz” verwenden –setzt aber voraus, dass der Einzelne darüber informiert ist, wer was über ihn weiß. Wenn wir immer stärker von datengefütterten Algorithmen gesteuert oder geschubst werden (Nudging), entsteht ein erheblicher Konformitätsdruck. Dieser zweifelhafte Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass wir vielfach nicht einmal wahrnehmen, dass wir gerade Gegenstand einer automatisierten Entscheidung werden, oder von einer Entscheidung, die zwar formell noch von einem Menschen getroffen wird, die aber auf einem intransparenten Scorewert beruht. Schließlich stellt sich die Frage, inwieweit wir unter derartigen Bedingungen zukünftig überhaupt noch frei entscheiden können.

 

Mit dem Ausbau der Technik wächst auch die Abhängigkeit von ihr. Bestseller wie “Blackout” von Marc Elsberg zeigen, dass das Unbehagen gegenüber lebenswichtigen High-tech-Versorgungssystemen wächst. Brauchen wir mehr low-tech?

Wir dürfen die Technik nicht einfach laufen lassen. Dort, wo negative Effekte eingetreten oder zu befürchten sind, ist mehr gesellschaftliche Einflussnahme auf die Gestaltung der Systeme gefragt. In diesem Zusammenhang stehen auch rechtliche Regeln auf der Tagesordnung. Auf EU-Ebene gibt es zum Glück eine neue Datenschutzverordnung, die in allen Mitgliedsstaaten gilt. Sie sieht bei riskanten Techniken Datenschutzfolgenabschätzungen vor und sie verpflichtet Unternehmen und staatliche Stellen dazu, Datenschutzmechanismen in frühzeitig die Systeme zu integrieren (Privacy Byte Design). Eine sinnvolle Gestaltungsmaßnahme kann auch ein Downsizing sein. Nicht jeder Gegenstand, nicht jedes technische System muss vernetzt sein und nicht sämtliche Daten müssen zwangsläufig in der Cloud landen. Zudem muss sich jeder Mensch und jedes Unternehmen letztlich mit der Frage auseinandersetzen, wie weit sie sich von verletzlichen Techniken abhängig machen. Gerade die Vorfälle der letzten Wochen haben gezeigt, welche Konsequenzen sich aus einem ziemlich besinnungslosen Technikeinsatz ergeben können.

 

Big Data, Blockchain, KI und Co. geben keine Antwort darauf, wie wir in Zukunft leben wollen. Gesellschaftliche Utopien sind im Vergleich zu Technikutopien gerade Mangelware. Wie möchten Sie im technikgeprägten Zeitalter leben?

Zentrale Werte und auch Grundrechte unserer Gesellschaft werden doch nicht deshalb obsolet, weil technische Systeme es ermöglichen oder gar erfordern, davon abzuweichen. Wir brauchen deshalb eine sehr viel breitere Debatte darüber, wie Technik in unserer Gesellschaft eingesetzt werden soll. Dazu gehört auch ein bewusster Abschied von Gewohnheiten, die in den letzten Jahren eingerissen sind. Dazu gehört etwa der Wahn von der jederzeitigen Erreichbarkeit und Verfügbarkeit.

 
 
 
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Digitalisierung bringt kritische Reflexion an Orte, an denen vorher nur konsumiert wurde – Interview mit Pascal Suckow

agora42_DigitalisierungAnlässlich der neuen agora42 DIGITALISIERUNG haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten vom Bodybuilder Pascal Suckow:

 

Digitalisierung bringt kritische Reflexion an Orte, an denen vorher nur konsumiert wurde

Pascal Suckow im Interview

Pascal Suckow

Pascal Suckow über die Chancen der Digitalisierung, die Zunahme kritisch-reflektierter Nutzer sowie das Smartphone als Einnahmequelle.

 

Herr Suckow, welche Hoffnungen verbinden Sie mit der Digitalisierung?

Mit jeder Art der Veränderung ergeben sich nicht nur Einschränkungen, sondern auch Chancen: Mit der Digitalisierung stehen neue Möglichkeiten der Informationsbeschaffung, der Kanalisierung von Aufmerksamkeit und damit auch die Möglichkeit sich als Individuum zu entfalten, den Einschränkungen entgegen. Ich hoffe, angesichts der Fake-News und Steuerungsversuche mächtiger Interessensvertreter, entwickelt der Konsument ein stärkeres Bewusstsein für die Bewertung von Quellen. Wir sind mehr denn je gezwungen, die Themen, die sich in unserem Aufmerksamkeitsfokus befinden, mit Abstand zu betrachten – auch wenn sie augenscheinlich so klar und einfach formuliert sind. Ich sehe nun auch in weniger privilegierten Gesellschaftsgruppen eine kritische Haltung gegenüber Informationen und vermeintlichen Autoritäten. Dies habe ich nicht immer so wahrgenommen…

 

Was erachten Sie als die größte Bedrohung durch die Digitalisierung?

Ich denke die Digitalisierung bedroht uns nicht, sie bereichert uns. Es ist jedoch eine gesellschaftspolitische Antwort auf diese, wenn man so will, „vierte industrielle Revolution“ notwendig. Es gibt eine Vielzahl an Menschen „dazwischen“, die nicht verstehen was sich nun abspielt. Diese Menschen müssen mitgenommen werden und dürfen nicht mit ihrem überholten gesellschaftlichen Verständnis orientierungslos in 2020 verbleiben. Für mich ist es eine Erleichterung meine Steuererklärung online einzureichen, für meine Eltern hingegen eine Qual.

 

Wir verbringen mehr Zeit vor dem Computer, als in der Natur, mehr Zeit im virtuellen Schriftverkehr, als mit echten Gesprächen – Wie verändert uns dieses digitale Lebensumfeld?

Pascal Su Bodybuilding

Pascal Suckow ist Psychologie-Student, begeisterter Bodybuilder und aktiver YouTuber. Sein Video “Abrechnung mit der Fitness Jugend” überraschte und erfreute uns zugleich.

Das Smartphone hat keine Lücke gefüllt, die zuvor leer war, sondern hat andere Tätigkeiten abgelöst und im Umgang mit Situationen mehr Effizienz gebracht. Der Mensch, der sich gern in echte Gespräche stürzt, wird diese auch heute noch dem virtuellen Schriftverkehr vorziehen. So gern ich die Aussage der Frage weiterhin hinterfragen würde, stößt mir im ersten Gedanken ein ökonomisches Effizienzdenken auf, welches rigoros auf soziale Beziehungen ausgeweitet wird. Wenn die Anzahl der Likes in sozialen Medien kein unverbindliches Merkmal von Zuwendung, sondern eine ökonomische Messgröße für das eigene Wohl werden, dann könnte man vorsichtig ein Problem der Effekte der Digitalisierung vermuten. Ernsthafter wird es, wenn nach dem Aufstehen der erste prüfende Blick auf die Benachrichtigungsleiste im Smartphone geht: Dies verführt schnell in eine Rastlosigkeit, deren Ursache den meisten gar nicht zugänglich ist.

 

Big Data, Blockchain, KI und Co. geben keine Antwort darauf, wie wir in Zukunft leben wollen. Gesellschaftliche Utopien sind im Vergleich zu Technikutopien gerade Mangelware. Wie möchten Sie im technikgeprägten Zeitalter leben?

Aufgeklärt und inmitten eines globalisierten Verständnisses von Humanismus. Hierzu hilft die Technik, denn sie bringt kritische Reflexion an Orte, an denen vorher nur konsumiert wurde. Wenn der Konsument mündig wird, sich dem Wert seiner Daten bewusst und sich seiner Position im ökonomischen, sowie auch gesellschaftlichen Gefüge klarer wird, dann wird er ein besseres Leben führen können. Ob sich dies nun subjektiv besser anfühlt, bezweifle ich, jedoch birgt dies Effekte auf unsere Perspektive, auf unseren Aufmerksamkeitsfokus: Dieser schließt dann vielleicht Orte und Gruppen ein, die uns bisher unzugänglich blieben. Heute kann ich mit meinem Smartphone Geld verdienen, egal von wo. Wenn diese Erkenntnis auch Bevölkerungsgruppen erreicht, die das gegenwärtig noch für utopisch halten, dann ist ein wenig für das Gleichgewicht getan.

 
 
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Man kann alles irgendwie auf Digitalisierung zurückführen. Muss man aber nicht. – Interview mit Mads Pankow

agora42_DigitalisierungAnlässlich der neuen agora42 DIGITALISIERUNG haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten vom Technikphilosophen Mads Pankow:

 

Man kann alles irgendwie auf Digitalisierung zurückführen. Muss man aber nicht.

Mads Pankow im Interview

Mads Pankow

Mads Pankow über gesellschaftlichen Wandel, den Einfluss der Digitalisierung und menschliche Arbeit in einer vollautomatisierten Gesellschaft. Foto: Steven Haberland.

 

Mit Aufkommen des Internets wurde das Ende des Printjournalismus prophezeit. Warum haben Sie sich allen Unkenrufen zum Trotz auf das Wagnis eingelassen ein Printmagazin zu machen?
Ein Blick in die Geschichte der Medien verrät, dass neue Medien die alten nie ganz abgelöst haben. Im Gegenteil, häufig hat es die alten Medien von Aufgaben befreit, für die diese völlig ungeeignet waren. Die Fotografie erlöste die Malerei beispielsweise von der Last realistische Abbilder schaffen zu müssen und ermöglichte ihr somit den Weg in die abstrakte, moderne Kunst. Printmedien werden durch das Internet noch nicht zur Kunst, aber sie können sich endlich auf ihre eigentlichen Qualitäten zu besinnen. Für aktuelle Information war das träge Papier schon immer schlecht geeignet. Für gute Kuration und Redaktion, also Auswahl und Schliff von Texten sind Hefte mit einer ersten und einer letzten Seite, mit wertvollem Papier und aufwändiger Produktion bisher unersetzbar.

 

Die Epilog bezeichnet sich als Zeitschrift zur Gegenwartskultur. Gibt es noch eine relevante Entwicklung der Gegenwartskultur jenseits der digitalen Transformation?
Als Medienwissenschaftler neige ich dazu alle gesellschaftlichen Entwicklungen mittelfristig auf die jeweils kommende oder dominierende Medientechnologie zurückzuführen. Man kann also alles irgendwie auch an Digitalisierung knüpfen. Muss man aber nicht. Spannend finde ich die Veränderung von gesellschaftlichen Haltungen. Gerade glaube ich, an vielen Stellen eine Entwicklung weg zum Zynismus und Nihilismus der Jahrtausendwende hin zu einer neuen, ironisch-affirmativen Abgeklärtheit zu erkennen. Vielleicht kommt nun das, was Richard Rorty schon Ende der 80er die liberale Ironikerin nannte.

 

Big Data, Blockchain, KI und Co. geben keine Antwort darauf, wie wir in Zukunft leben wollen. Gesellschaftliche Utopien sind im Vergleich zu Technikutopien gerade Mangelware. Wie möchten Sie im technikgeprägten Zeitalter leben?
Ich denke, der Mangel an Utopien ist auch ein Produkt der Abklärung. Die Leidenschaft mit der man noch vor wenigen Jahren für naivste Ideen auf die Straßen gerannt ist, scheint angesichts der aktuellen Weltlage unangemessen. Wir haben, gerade in Deutschland, eine Entwicklung zur Realpolitik erlebt, die auf Utopien vollständig verzichten wollte. Leider hat sie übersehen, das Politik nicht nur die Verwaltung eines Staatsgebiets führen muss, sondern auch eine Bevölkerung inspirieren und zur Gemeinschaft motivieren sollte. Ich würde mir für die Zukunft so eine inspirierte Gemeinschaft wünschen, eine europäische zum Beispiel (oder Wenigstens). Die Netzwerktechnik ist da nur Steigbügelhalter.

 

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Mads Pankow ist Herausgeber der Zeitschrift für Gegenwartskultur DIE EPILOG. Er hat in Marburg, Malmö und Weimar Medien- und Organisationswissenschaft studiert und sich auf technikphilosophische und -soziologische Fragen spezialisiert.

Wir verbringen mehr Zeit vor dem Computer, als in der Natur, mehr Zeit mit virtuellem Schriftverkehr, als mit echten Gesprächen – Wie verändert uns dieses digitale Lebensumfeld?
Wenig. Der Mensch ist schon immer ein Medientier. Er lebt spätestens seit er sprechen kann in virtuellen Welten. Natürlich ertragen wir gerade eine Zeit der Überforderung: wir haben uns die neue Technologie noch nicht recht erschlossen und sind erschlagen von ihren Möglichkeiten. Aber das war stets das Schicksal der Avantgarden neuer Medien, seit Anbeginn der Menschheit. Und bisher haben wir immer einen guten und produktiven — oder wenigstens unterhaltsamen — Umgang mit jedem neuen Medium gefunden.

 

Welche Frage wird Ihrer Meinung nach viel zu selten im Rahmen der Debatte um die digitale Transformation gestellt?
„Was ist eigentlich Arbeit?“, höre ich viel zu selten. Die Technik-Dystopien zeichnen eine Zukunft, in der alle Produktivarbeit durch Maschinen erledigt wird und Menschen zu ambitionslosen Konsumenten verkommen. Diese Vorstellung vernachlässigen zum Einen das anthropologische Grundbedürfnis nach Tätigkeit und Weltveränderung und zum zweiten klammert sie den Großteil menschlicher Arbeit aus: Carework. Denn auch in einer vollautomatisierten Gesellschaft müssen Kinder erzogen, Menschen gebildet und alte gepflegt werden. Die Arbeit geht nie aus, solange es Probleme auf der Welt gibt. Und da bin ich optimistisch, davon wird es immer genug geben.

 
 
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Bei einer Sintflut muss man Schiffe bauen, nicht Deiche – Interview mit Gunter Dueck zur Digitalisierung

agora42_DigitalisierungAnlässlich der neuen Ausgabe DIGITALISIERUNG haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Prof. Dr. Gunter Dueck:

Gunter Dueck Digitalisierung

Bei einer Sintflut muss man Schiffe bauen, nicht Deiche – Interview mit Gunter Dueck zur Digitalisierung

 

Herr Dueck, welche Hoffnungen verbinden Sie mit der Digitalisierung?

Ich verbinde sie nicht mit Hoffnungen. Die Welt verändert sich, und wir sollten bemüht sein, das Beste daraus zu machen. Wir sollten also beherzt handeln. Von Deutschland wird aber durchweg gesagt, dass es hinterherhinkt – wahrscheinlich, weil sich mit der Digitalisierung zu wenige Hoffnungen verbinden. Man will nur dann losgehen, wenn es für alle besser wird. An diesen Punkt kommen wir bald, nämlich wenn es uns wegen Hinterherhinkens schlecht geht. Dann ist die Hoffnung des Aufholens für alle besser. Und dann gehen wir schon, weil wir irgendwie nicht Hoffnungen in Taten umsetzen, sondern laufen, wenn man uns von hinten tritt.

 

Was erachten Sie als die größte Bedrohung durch die Digitalisierung?

Gunter Dueck

Gunter Dueck lebt als freier Schriftsteller, Philosoph, Business Angel und Speaker bei Heidelberg. Nach einer Karriere als Mathematikprofessor arbeite er fast 25 Jahre bei der IBM, zuletzt bei seinem Wechsel in den Unruhestand als Chief Technology Officer. Er ist für humorvoll-satirisch-kritisch-unverblümte Reden und Bücher bekannt, zuletzt „Das Neue und seine Feinde“ und „Schwarmdumm“. Mehr auf seiner Homepage www.omnisophie.com

Sehen Sie? Gleich kommt wieder diese deutsche Frage oder die Problemstellung der German Angst. Warum fragen Sie nicht, was getan werden muss? Das sage ich schon seit vielen Jahren – unwidersprochen übrigens: Wir müssen alle (!) bildungsmäßig besser sein als der Computer, weil die Routinearbeit wegfällt. Diesen Fakt sehen nun viele als Bedrohung, aber nicht als Handlungsaufforderung. Die Bedrohung liegt also nicht in der Digitalisierung an sich, sondern an unserer Aktionsunwilligkeit mitten im Wandel. Bei einer Sintflut muss man Schiffe bauen, nicht Deiche. Deichbauer agieren wie Bedrohte und handeln aus dieser Sicht ganz falsch. Der Blick auf das Problem ist manchmal entscheidend.

 

Big Data, Blockchain, KI und Co. geben keine Antwort darauf, wie wir in Zukunft leben wollen. Gesellschaftliche Utopien sind im Vergleich zu Technikutopien gerade Mangelware. Wie möchten Sie im technikgeprägten Zeitalter leben?

Die Digitalisierung verändert unser Leben ja nicht so sehr. Statt der Kasse an der Bank habe ich den Automaten, statt 100 TV-Programmen eben Stream. Das Grillen und Feiern bleibt doch gleich, aber die Leistungserbringung ändert sich stark, eben durch die genannten Technologien. Es findet mehr ein Umbau der Arbeitswelt statt. Gesellschaftliche Utopien sind Mangelware, weil die Geisteswissenschaftler oder Intellektuellen sich internetphob totstellen und sich nur ab und zu für Bedrohungsjammerklagen rauswagen. Zu meiner Bildungsgretchenfrage: Die Intellektuellen haben sich immer an der Aufklärung ergötzt. Ja, Enlightenment für alle! Wissen für alle! Nun brauchen wir als positive Utopie aber viel weitergehender “Empowerment für alle” und die Möglichkeit zu Self-Empowerment für alle! Das kann man doch sogar als Bibelleser gut finden? Die Intellektuellen wollen aber irgendwie immer nur, dass der utopische Mensch alles DARF, nun aber MUSS er Bildung haben. Wahrscheinlich behagt ihnen diese Pflicht nicht, spekuliere ich.

 

Eduard Käser schreibt in agora42: “Einst hatten wir Probleme und erfanden Geräte zu ihrer Lösung. Heute haben wir Geräte und erfinden zu ihnen passende Probleme.” – Haben wir nicht schon alles erfunden, was wir brauchen? Warum erfinden wir laufend neue Geräte und Technologien?

Diese Frage wird immer gestellt. Stellen Sie sich die Frage vor zehn Jahren vor. Da hätten wir sagen können: Wir haben doch alles. Heute sagen wir: Ohne Smartphone ist das Leben gar nicht mehr so schön. Und in fünfzehn Jahren sagen wir: Selbstfahrautos sind toll, gerade für die alternde Gesellschaft. Mit 90 noch zu den Enkeln gebracht werden! Ich will sagen: Das, was wir schon neu bekommen und in unser Leben integriert haben, wollen wir nicht mehr hergeben, aber das, was gerade neu erfunden wird, sehen wir als Unsinn oder Bedrohung. Dieser Mangel an Phantasie und Wandelunlust lässt sich als Philosophie verkaufen, weil man natürlich kritisieren kann, dass heute im Silicon Valley nur um des Milliardenmachens willen erfunden wird. Das ist eben so im Umbruch, viele suchen ihre Chance mitten in der Revolution. Zu anderen Zeiten (also nach Eduard Käser: “einst”) wurde doch auch wegen vorgestellter Probleme geforscht, weil man in den Weltraum wollte oder Wettrüsten betrieb – es sind eben die Umbrüche, die hektisch erfinden lassen.

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Low-tech Magazine – Zweifel an Fortschritt und Technik

LOW-TECH MAGAZINE

Zweifel an Fortschritt und Technik

 

Die zunehmenden digitalen Hightech-Lösungen für alltägliche routinierte Abläufe machen uns vor allem eins: verletzlich. Spätestens seit dem Horrorszenario gehackter Stromnetze, das Marc Elsberg in seinem Thriller Blackout entwirft, ist klar, dass unsere vernetzte Gesellschaft längst von digitalen Steuerungen abhängig ist. Der uneingeschränkte Glaube an die Segnungen der digitalen maschinellen Vernetzung beginnt zu bröckeln und die Absicherung der mächtigen Kris De Deckerdigitalen Netze verschlingt immer größere Mengen an Geld, Strom und Zeit. Manche munkeln schon, dass es vollkommen unökonomisch ist, in künstliche Intelligenzen zu investieren, die menschliche Arbeit überflüssig machen.

Der gebürtige Belgier Kris De Decker wehrt sich entschieden gegen die Annahme, dass jedes Problem eine Hightech-Lösung habe. 2007 begann er mit der Gründung des Online-Magazins lowtechmagazine.com den Technikglauben infrage zu stellen. Einmal pro Monat veröffentlicht er einen Artikel, in dem er überraschend unkonventionelle, analoge Lösungen für unsere Alltagsprobleme vorstellt, oder über die fatalen Folgen, welche durch „Hightech-Lösungen“ hervorgerufen werden, aufklärt. Das Low-tech Magazine wirft einen neuen Blick auf unsere „fortschrittlich“ ausgestatteten Büroräume und zeigt deren Kehrseite: die rasante Zunahme des Energieverbrauchs. Es untersucht, wie man auch in der Stadt energieautark leben kann oder stellt eine Bauanleitung für ein unabhängiges Lowtech-Internet zur Verfügung. Solche selbstgebauten dezentralen Netze sind bereits weltweit zu finden – das größte zählt derzeit 35.000 Nutzer.

 

Ich finde Hightech ziemlich langweilig.

Kris De Decker, Gründer des Low-tech Magazines

Herr Decker, lehnen Sie technologischen Fortschritt per se ab?

Ich lehne technologischen Fortschritt nicht prinzipiell ab, wohl aber die Richtung, die er eingeschlagen hat. Schließlich werden bei der Entwicklung neuer Technologien die wahren Kosten, der Energieverbrauch und die Auswirkungen auf unsere öko-soziale Umwelt noch lange nicht berücksichtigt. Sämtliche „Innovationen“ führen nur dazu, dass immer mehr der endlichen Ressourcen verbraucht werden. Wir müssten technische Innovationen völlig neu denken, damit sie uns in ganz anderen Kontexten wirklich hilfreich sind.

 

Was erachten Sie als die größte Bedrohung durch die Digitalisierung?

Da ist zum einen der steigende Energieverbrauch, der mit der Digitalisierung verbunden ist. Außerdem erhöht die Digitalisierung die Gefahr eines Komplettausfalls unserer Technik: Das Erste, was Afrikaner machen, wenn sie ein importiertes Auto aus dem Westen recyceln ist, dass sie sämtliche Elektronik entfernen. Zuletzt darf man nicht vergessen, dass die Digitalisierung einen immensen Einfluss auf die zwischenmenschliche Interaktion hat – wer weiß, vielleicht vergessen wir irgendwann, dass wir auch ohne technische Geräte miteinander kommunizieren können? Wir nähern uns jeden Tag der dystopischen Kurzgeschichte „When the Machine Stops“, die E. M. Forster bereits 1905 geschrieben hat. Darin kommunizieren die Menschen nur noch über Bildschirme miteinander.Kris De Decker Low-tech
 
 
 

“Low-tech Magazine refuses to assume that every problem has a high-tech solution.”

 
 
 
In der Moderne ist Technik weit mehr, als die Fähigkeit mittels einer Maschine eine Arbeit zu erledigen. Gerade wenn man sich den Kult um ein glänzendes neues iPhone ansieht. Glauben Sie, dass Lowtech jemals so sexy sein kann wie ein iPhone?

Also ich finde Lowtech sogar viel sexyer! Während mir ein iPhone reichlich egal ist, kann ich geradezu in Verzückung geraten, wenn ich ein strapazierfähiges Werkzeug entdecke, dass ganz ohne Strom funktioniert, oder ein Schubkarren, der vom Wind angetrieben wird, oder einen Zug mit Pedalantrieb. Ehrlich gesagt, finde ich Hightech ziemlich langweilig.

 

Wie würde sich unsere Wirtschaft ändern, wenn Lowtech an Stelle der Hightech-Lösungen treten würden?

Die Idee des unendlichen Wachstums geht einher mit der Vorstellung eines unendlichen technologischen Fortschritts. Unternehmen versuchen ständig, ihre Profite zu steigern, indem sie „Innovationen“ vorantreiben. Wenn wir diese Dynamik einfach durch Lowtech-Lösungen ersetzen würden, wäre unser heutiges Wirtschaftssystem am Ende. Letztlich geht es mir also auch um alternative Wirtschaftssysteme. Aber ich glaube, dass es einfacher ist, sich eine alternative Wirtschaft vorzustellen, wenn man sie anhand von alternativer Technik und nicht-digitalen Werkzeugen, die uns jeden Tag helfen, veranschaulicht – anstatt nur im theoretischen Diskurs zu bleiben.

 

Sie schreiben neben dem Low-tech Magazine auch noch für das No Tech Magazine. Was ist Ihnen lieber: Lowtech oder Notech?

Auch wenn der Titel es suggeriert, plädiere ich mit dem No Tech Magazine nicht für eine radikale Abkehr von der Technik. Der Mensch braucht Technik, um zu überleben – sei es ein Speer oder ein Feuerstein. Oft wird jedoch angenommen, dass die einzige Lösung für ein Problem eine technische Lösung sei, anstatt sich zu überlegen, wie man anders mit dem Problem umgehen könnte. Beispielsweise sehen wir immer energieeffizientere Kühlschränke, stellen uns aber nie die Frage, wie sinnvoll es ist, dass unser Lebensmittelsystem auf konstante Kühlung angewiesen ist. Wir befinden uns als Gesellschaft an einem Punkt, an dem wir über extrem fortschrittliche Technologien verfügen. Warum sollten wir nicht kurz innehalten und uns fragen, ob wir diesen Weg weitergehen wollen – vor allem da die Probleme ja nicht weniger, sondern mehr werden?

 

Das Low-tech Magazine von Kris De Decker finden Sie hier.

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

Anlässlich der aktuellen Ausgabe zum Thema “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir ausgewählten Personen drei Fragen zu diesem Thema gestellt – darunter auch Prof. Dr. Ruth Hagengruber. Sie hält die gängige Kapitalismusschelte für einen Vorboten nationaler autoritärer Bewegungen und plädiert dafür den Kapitalismus nicht zu dämonisieren, sondern zu demokratisieren.

 

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

 

1. Frau Hagengruber, welchen Aspekt des Kapitalismus finden Sie am interessantesten und am ehesten zu bedenken?

Die heute verbreitete Kapitalismusschelte darf gewiss mehr als Trend denn als Einsicht angesehen werden. Wer den Kapitalismus gar ins Reich des Bösen verweist, ist sich der Zustimmung der Vielen und daher auch der Medien gewiss. So einfach ist es nicht. Kein Zweifel, auf Trug gebaute Kapitalakkumulationen, Intransparenz verstören den „Normalbürger“, der es sich nur im Rahmen seiner Einkünfte leisten kann, die eigenen Ideen zu realisieren. Und der überzeugt ist: Das Gute im Leben kann mit Kapital nicht erkauft werden. In dieser Spanne zwischen Enttäuschung und überzogenen Hoffnungen ermöglicht uns die philosophische Perspektive wieder einen neuen Blick auf die Ökonomiegeschichte und auf das, was unter Kapital überhaupt zu verstehen ist. Dabei ist es wohl nicht zufällig, dass ihr Begründer, Adam Smith ein Moralphilosoph war. Philosophie und Ökonomie sind schon seit der Antike, also seit dem Anfang der Philosophie eng verzahnt. Kein geringerer als Sokrates hinterließ folgende Anweisung, das Vermögen zu mehren: auxein ton oikon. Das überliefert Xenophon. Klug, wie diese antiken Denker waren – übrigens waren es auch Denkerinnen, denn in eben diesem Buch bezeichnet Sokrates Aspasia als seine Lehrerin – wissen sie, dass die Vermehrung des Vermögens zwar das Ziel der Ökonomie darstellt, aber auch, dass es dabei nicht um quantitative, sondern um qualitative Werte geht.

Ruth Hagengruber

Ruth Hagengruber habilitierte mit einem wirtschaftsphilosophischen Thema (Nutzen und Allgemeinheit) und leitet seit 2005 den Forschungsbereich EcoTechGender an der Universität Paderborn. Sie publiziert regelmäßig zu Themen der Wirtschaft, Informatik und zu Fragen der Geschlechtergerechtigkeit (siehe webpage). Seit 2013 lehrt sie in einem Projekt: Ethik Denken Ökonomie regelmäßig zu Themen der Wirtschaftsphilosophie.

Vermögensmehrung aus dieser philosophischen Perspektive meint nämlich, die subjektive ganz persönliche Beurteilung und Einschätzung über eine Sache. Sokrates bringt dafür anschauliche Beispiele: Es nützt nichts, wenn einer ein Pferd besitzt, das ihn tritt! Obwohl quantitativer Besitz, ist es kein Vermögen, sondern einen Schaden! Selbst, wer keinen direkten Schaden nimmt, aber auch keinen Vorteil, handelt unweise. Wer eine Flöte besitzt, die er nicht spielen kann, schadet sich und seinem Vermögen.

Was Xenophon hier durch den Mund des Sokrates mitteilt ist die Einsicht, dass unser Urteil der Ausdruck des Wissens über Nutzen und Gebrauch eines Dings ist. Es ist ein ganz persönliches Urteil, das vom Urteilenden abhängt. Das Urteil spiegelt sozusagen den Urteilenden. Dieser Mehrwert, den der Urteilende reklamiert, spiegelt sein Wissen um die Sache und reziprok. Die Vermögensmehrung, damit das Kapital, kommt folglich aus diesem Wissen, nicht aus der Sache. Das war die ideale Auffassung Xenophons.

Aus dieser Einsicht lassen sich viele interessante Urteile ableiten. Z.B. auch diejenige, dass Kapital sich nicht auf Geld oder Boden oder Produktionsmittel beschränken lässt. Der wahre Grund des Kapitals ist der qualitativ zugemessene Mehrwert, der sich in der Sache verdinglicht. Nutzen und Gebrauch werden sozusagen erfunden. Zuckerberg und Gates, Rubinstein, Google und Skype präsentieren heute in dem von ihnen kreierten Kapital die Transformation der Ideen zu Kapital. Wir kreieren den Mehrwert. Wir kreieren das Kapital. Heute ist praktisch allen klar, dass Kapital nicht im Geld liegt. Das wahre Kapital ist Wissen. Was wir als Kapital ansehen, wandelt sich. Wenn wir wollen, können wir den ganz  großen Kapitalisten unseren Zuspruch entziehen – jedenfalls, wenn wir die demokratische Kontrolle ausüben können und verstehen lernen, dass der Kapitalismus, wie alles und wir selbst, notwendig korrekturbedürftig sind.

Der demokratischen Korrektur des Kapitalismus geht es daher um die große Streuung des Zugangs zum Kapital, das idealerweise in vielen Ländern dieser Welt aktiv ist und dabei zugleich die Auflösung autoritärer oder und patriarchaler Herrschaft mit sich führt.

Dieser eigentlich demokratische, aber auch globale Prozess beflügelt die Angst des Einzelnen in den Wohlstandsländern, sie möchten dabei ihr „bisschen Kapital“ verlieren. Die globale Strategie des modernen und partikular orientierten Kapitalismus wird von den neuen nationalistischen Bewegungen bekämpft. Sie sind Bewegungen, denen die Streuung und Partikularisierung des Kapitals zuwider ist.

Das Kapital hat das Bürgertum von der Adelsherrschaft befreit und China zum Global Player gemacht. Das Kapital kann alte Ordnungen verwerfen. Die anderen versprechen das Gute, wenn sie das Kapital in der Hand halten. Hier kommt es darauf an, für wen wir uns entscheiden, solange wir die Chance haben, uns zu entscheiden, wem wir unser Kapital anvertrauen. Selbst die Grünen versprechen, „Rente geht auch grün“. Kapital kann man in jeder Version ansparen und vermehren, je nachdem für welches „gute“ man sich entscheidet, solange es einem noch frei steht, sich zu entscheiden. Wer will diese Vertreter der neuen Bewegungen als zentrale Verwalter der dann wieder deutschen Finanzkraft? Der freie Bürger wird dann weniger frei sein, sein bisschen Vermögen nach seinen eigenen Vorstellungen zu vermehren. Man muss den Kapitalismus demokratisieren, nicht zentralisieren.

 

2. Warum konnten sich die Menschen so schnell und unbemerkt für das kapitalistische Denken begeistern? Entspricht der Kapitalismus unserer Natur?

Die Freiheit für einen Menschen wächst mit seiner Möglichkeit, seine eigenen Vorstellungen zu  realisieren. Kapital ist einerseits genau das, was wir dank unseres eigenen Vermögens in den Dingen sehen. Unser Blick auf die Dinge der Welt und wie wir sie für unsere Interessen nutzen können, gehört wesentlich zu unseren Aktivitäten. Noch erfreulicher ist es, wenn sich die Welt nach unserem Urteil formen lässt. Das ist letztlich der Wunsch der Menschen, sozusagen anthropologische Determinante. Die Dinge nach der eigenen Vorstellung zu bewerten, ist ein Teil der Selbstverwirklichung. Wir realisieren uns und verdinglichen unser Ego auf diese Weise in den Dinger der Welt. Das Ich verdinglicht sich im Nicht-Ich, sagen die Philosophen. Damit realisiert sich das säkulare Glück im Hier und Jetzt und nicht im Jenseits. Dem Individuum scheint es, als könnte es sich damit verewigen.

Nun entbrannte mit Rawls, allerdings nicht zum ersten Mal in der Philosophie, die Debatte, ob die natürliche Verschiedenheit der Menschen nicht ungerecht und daher der Ausgleich der natürlichen Vorteile „zentral“ gesteuert werden müsse. Die natürliche Verschiedenheit auszugleichen ist nun zur Aufgabe all deren geworden, die sich auf den quantitativen Ausgleichs spezialisieren. Wer aber kann es quantifizieren? Alle fischen im Trüben. Aristoteles und Thomas Hobbes vertraten die Auffassung, die Verschiedenheit der Menschen sei per sei die Voraussetzung und fruchtbare Grundlage aller Gemeinschaften. Gleichheit hingegen mache sie unmöglich, oder, wie bei Hobbes, mache die Idee der natürlichen Gleichheit sogar „mörderisch“. Nach Aristoteles kann es keine Gemeinschaft geben „mit zwei Bauern, oder zwei Ärzten“. Es braucht einen Arzt und einen Bauern, damit der Ausgleich stattfinden kann. Die Verschiedenheit ist selbst Ursache der Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und der Differenzierung der Tätigkeiten.

Das Problem des gegenwärtigen Kapitalismus sind seine Störungen. Zwischen „gut“ und „böse“ werden die Eigenschaften des Kapitalismus tariert, als hielte man einen Gott in den Händen. In der Tat, die Möglichkeiten, die sich durch die Kapitalisierung erschließen, sind gewaltig. Wir aber befinden uns erst in den Kinderjahren der Entwicklung. Die Smartphones bieten theoretisch interessante Möglichkeiten einer demokratischen Distribution, aber auch hier hatten die verbrecherischen Absichten schneller die Hand auf den Geräten, als die aufgeklärte Bürgerin. Sie und politische Gewalt stören diesen Markt, wie wir täglich hören. Sie spionieren, malträtieren, und wollen sein Scheitern, aber nur für den einzelnen Bürger, für ihre eigenen Vorteile wollen sie sein Funktionieren, damit sie wieder eines haben: Kontrolle, Autorität, Kapital, Macht, andere für ihre Zwecke zu missbrauchen.

 

3. In unserer aktuellen Ausgabe liegt der Kapitalismus auf der Couch. Er ist ausgebrannt, kaum jemand glaubt noch ernsthaft an ihn, immer häufiger fragt man sich “wozu”, Krisenstimmung macht sich breit. Ist die Blütezeit des Kapitalismus vorüber?

Die gegenwärtig modische aber häufig ideologische Kapitalismusschelte besteht aus einer Reihe von Schuldzuweisungen, die den Kapitalismus per se nicht treffen, sondern seinen Missbrauch und seine Akteure. Der verbreitete Antikapitalismus unserer Gesellschaft ist eine Vorstufe der politischen Bewegungen, die wir heute beobachten, die autoritäre Tendenzen verfolgen. Für sie ist die weltweit gestreute Kapitalmacht ebenso wie die Demokratie eine Herausforderung.

Kapital ist gefährlich, wenn es in der Hand weniger liegt und eigentlich ist Kapitalismus dann gar nicht mehr möglich. Der Kapitalismus ist umso weniger entfaltet, je mehr er die Einzelnen aus dem Marktzugang ausschließt und je mehr nur wenige definieren, was denn das (Gute) ist, das mit dem Kapital erzeugt werden soll. Intransparenz und Akkumulation verhindern, dass sich Menschen mit ihren Fähigkeiten einbringen. Das sind die wirklichen Störungen. Das hat aber gar nichts damit zu tun, ob ein Fußballspieler oder ein Vorstandschef 15 Millionen im Jahr verdienen darf oder zehn. Diese Leute verdienen ihr Geld auf dem Markt, der wenigstens insofern frei ist, als wir zu diesem Prozess nicht beitragen müssen. Wer die Versicherung wechseln kann, geht zu der, die die effizienteste für ihn ist. Vielleicht ist es die, bei der der Vorstand 5 Millionen verdient, vielleicht jene, wo er 15 verdient. Schlimm wird es, wenn wir keine Auswahl mehr haben, wenn wir auf ein Produkt angewiesen sind. Dann hat die demokratische Kontrolle versagt.

Auch in unserer Gesellschaft herrschen autoritäre Ausschlüsse. Das betrifft die Frauen, das betrifft z.B. aber auch alle jene Menschen, die in dieses  Land kommen wollten, und ihre Arbeit anbieten wollten, wie es Immanuel Kant in seiner Schrift vom Ewigen Frieden gefordert hat. Die Gerechtigkeit des Marktes zu erhöhen, hat auch damit zu tun, den Markt zu öffnen und transparenter zu machen. Das Gegenteil ist aber der Fall und wird von vielen gefordert. Opel soll in Bochum bleiben, Nokia soll nicht in Rumänien produzieren und die Flüchtlinge sollen nicht die Arbeitsplätze wegnehmen. Die nationale und zentrale und autoritäre Verwaltung des Kapitals folgt dem Wunsch der Stunde.

Wir stehen im Zeichen des Umbruchs. Wenn wir es schaffen, eine breite und kreative Kapitalwirtschaft zu erhalten, sind wir politisch – im globalen Rahmen – stabiler. Die Tendenzen der nationalen und auch der patriarchal begründeten Zentralisierungen laufen jedoch diesem Ziel entgegen. Dabei gibt es diesen Zusammenhang zwischen einer demokratischen, kapitalistischen und individualistischen Gesellschaft auf der einen Seite und der antikapitalistischen, autoritären Gesellschaft auf der anderen. Die Dämonisierung des Kapitalismus war nur ein Vorspiel zu den politischen Bewegungen der Gegenwart.