Warum ändern wir uns nicht, wo doch die Katastrophe auf der Hand liegt? – Interview mit Richard David Precht

Richard David Precht

Warum ändern wir uns nicht, wo doch die Katastrophe auf der Hand liegt?

Interview mit Richard David Precht

 

Anläss­lich der Jubi­lä­ums­aus­ga­be der agora42 spra­chen wir mit Richard David Precht über den Stand der heu­ti­gen Gesell­schaft. Als Mit­her­aus­ge­ber und Bei­rat beglei­tet er das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin agora42 seit 2011.

 

Herr Precht, was cha­rak­te­ri­siert die heu­ti­ge Gesell­schaft? Was hat die Men­schen in der Moder­ne getra­gen? Der Glau­be an die Ver­nunft?

Was unse­re Gesell­schaft im Inners­ten zusam­men­hält, ist der Wohl­stand. Die bür­ger­li­che Gesell­schaft, ent­stan­den durch die Ers­te Indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on, sta­bi­li­sier­te sich in dem Maße, in dem mehr und mehr Men­schen von ihren Seg­nun­gen pro­fi­tier­ten. Der Pro­zess war aller­dings ein Schlin­ger­kurs, wie die beweg­te Geschich­te der Indus­trie­staa­ten zeigt. Die “Ver­nunft”, der “Über­bau”, mit dem sich die bür­ger­li­che Gesell­schaft legi­ti­mier­te, ver­hin­der­te weder zwei Welt­krie­ge noch den Holo­caust. Wenn wir heu­te fürch­ten, dass der Affekt die Ver­nunft ersetzt, so muss man ehr­li­cher­wei­se sagen: Das war nie anders. Die sozia­len Medi­en machen die Macht des Affek­tes nur sicht­ba­rer. Gleich­wohl ist es nicht umsonst, die “Ver­nunft” als Kor­rek­tiv zu beschwö­ren – und sei es auch oft nur als “nor­ma­ti­ve Kraft des Fik­ti­ven”.

Richard David Precht ist seit 2011 zunächst Mit­her­aus­ge­ber und heu­te Bei­rat des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42. Er sagt: “Wir wer­den auch wei­ter­hin sehr phi­lo­so­phisch über die künf­ti­ge Wirt­schaft nach­den­ken.” Mehr Infos dazu hier.

 

War­um kann es nicht ein­fach so wei­ter gehen?

Das “zwei­te Maschi­nen­zeit­al­ter”, in dem mehr und mehr Pro­zes­se durch intel­li­gen­te Maschi­nen ersetzt wer­den, wird lang­fris­tig zur Auf­lö­sung der bür­ger­li­chen Gesell­schaft füh­ren, wie wir sie seit der Ers­ten Indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on ken­nen. Die­se Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen sind bereits viel­fach spür­bar, innen- und außen­po­li­tisch. Für das Zwei­te Maschi­nen­zeit­al­ter brau­chen wir eine neue Gesell­schaft, die den durch Maschi­nen erwirt­schaf­te­ten Wohl­stand bes­ser ver­teilt, neue Teil­ha­be­mög­lich­kei­ten schafft und Sinn­stif­tung von Lohn­ar­beit ent­kop­pelt.

 

War­um ändern wir uns nicht, wo doch die Kata­stro­phe auf der Hand liegt?

Weil es (in Deutsch­land) sehr vie­len Men­schen sehr gut geht, weil die Insti­tu­tio­nen erstarrt sind, weil die Lang­fris­tig­keit aus der Poli­tik ver­schwun­den ist, weil unser Kom­pass die kurz­fris­ti­gen Zie­le unse­rer Öko­no­mie sind.

 

Was wer­den wir geän­dert haben (vor­aus­ge­setzt die Kata­stro­phe wird abge­wen­det)?

Wir wer­den den Sozi­al­staat nicht län­ger über Arbeit finan­zie­ren, son­dern dar­über, wo Geld sich ohne Arbeit akku­mu­liert, ins­be­son­de­re in der Geld­wirt­schaft. Wir wer­den unser Bil­dungs­sys­tem radi­kal umbau­en , um die Selbst­ver­ant­wor­tung zu stär­ken und die per­sön­li­che Neu­gier. Wir wer­den die Huma­ni­tät und das Sozia­le in den Mit­tel­punkt unse­res Lebens stel­len und nicht den Pro­fit, den Kon­sum und die Tech­nik. Mit einem Wort: wir wer­den recht­zei­tig auf die Gefahr reagiert haben, unmün­dig zu wer­den. Durch eine Auf­klä­rung 2.0!