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Warum ändern wir uns nicht, wo doch die Katastrophe auf der Hand liegt? – Interview mit Richard David Precht

Warum ändern wir uns nicht, wo doch die Katastrophe auf der Hand liegt?

Interview mit Richard David Precht

Wir sprachen mit Richard David Precht über den gesellschaftlichen Wandel, was ihn bremst und was auf ihn folgt. Weitere Gespräche mit Richard David Precht sind in den Ausgaben Vernunft und der Jubiläumsausgabe 42 erschienen.

 

Herr Precht, was charakterisiert die heutige Gesellschaft? Was hat die Menschen in der Moderne getragen? Der Glaube an die Vernunft?

Was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält, ist der Wohlstand. Die bürgerliche Gesellschaft, entstanden durch die Erste Industrielle Revolution, stabilisierte sich in dem Maße, in dem mehr und mehr Menschen von ihren Segnungen profitierten. Der Prozess war allerdings ein Schlingerkurs, wie die bewegte Geschichte der Industriestaaten zeigt. Die „Vernunft“, der „Überbau“, mit dem sich die bürgerliche Gesellschaft legitimierte, verhinderte weder zwei Weltkriege noch den Holocaust. Wenn wir heute fürchten, dass der Affekt die Vernunft ersetzt, so muss man ehrlicherweise sagen: Das war nie anders. Die sozialen Medien machen die Macht des Affektes nur sichtbarer. Gleichwohl ist es nicht umsonst, die „Vernunft“ als Korrektiv zu beschwören – und sei es auch oft nur als „normative Kraft des Fiktiven“.

Warum kann es nicht einfach so weiter gehen?

Das „zweite Maschinenzeitalter“, in dem mehr und mehr Prozesse durch intelligente Maschinen ersetzt werden, wird langfristig zur Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft führen, wie wir sie seit der Ersten Industriellen Revolution kennen. Diese Auflösungserscheinungen sind bereits vielfach spürbar, innen- und außenpolitisch. Für das Zweite Maschinenzeitalter brauchen wir eine neue Gesellschaft, die den durch Maschinen erwirtschafteten Wohlstand besser verteilt, neue Teilhabemöglichkeiten schafft und Sinnstiftung von Lohnarbeit entkoppelt.

Warum ändern wir uns nicht, wo doch die Katastrophe auf der Hand liegt?

Weil es (in Deutschland) sehr vielen Menschen sehr gut geht, weil die Institutionen erstarrt sind, weil die Langfristigkeit aus der Politik verschwunden ist, weil unser Kompass die kurzfristigen Ziele unserer Ökonomie sind.

Richard David Precht
Richard David Precht ist seit 2011 zunächst Mitherausgeber und heute Beirat des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42. Er sagt: „Wir werden auch weiterhin sehr philosophisch über die künftige Wirtschaft nachdenken.“

Was werden wir geändert haben (vorausgesetzt die Katastrophe wird abgewendet)?

Wir werden den Sozialstaat nicht länger über Arbeit finanzieren, sondern darüber, wo Geld sich ohne Arbeit akkumuliert, insbesondere in der Geldwirtschaft. Wir werden unser Bildungssystem radikal umbauen , um die Selbstverantwortung zu stärken und die persönliche Neugier. Wir werden die Humanität und das Soziale in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen und nicht den Profit, den Konsum und die Technik. Mit einem Wort: wir werden rechtzeitig auf die Gefahr reagiert haben, unmündig zu werden. Durch eine Aufklärung 2.0!

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