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Die Veränderung liegt in unserer Hand – Interview mit Sabine Nuss

Die Veränderung liegt in unserer Hand

Interview mit Sabine Nuss

„Wirtschaft anders denken“ ist der Claim der Monatszeitung OXI in der Sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Was kritisieren Sie an der Art und Weise wie Wirtschaft derzeit gedacht wird?

Sabine Nuss hat zu Eigentum im digitalen Kapitalismus promoviert, sie ist Kolumnistin beim Wirtschaftsmagazin OXI und Geschäftsführerin des Karl Dietz Verlags in Berlin. Ihre Webpage: nuss.in-berlin.de

Alles. Es irritiert mich beispielsweise immer wieder von Neuem, wenn ich Abends vor der Tagesschau sitze und Börsennachrichten gucke, wie da über die „Die Wirtschaft“ berichtet wird. Genauso wie über „Das Wetter“, was dann nach den Nachrichten kommt: Die Aktien steigen, die Kurse fallen, die Märkte reagieren, die Wirtschaft wächst, die Preise sinken oder steigen, etc. pp – was auch immer – achten Sie mal auf die Sprechweise – es wird geredet, als sei „die Wirtschaft“ selbst ein lebender anonymer und außerhalb von uns existierender Organismus, einer, aus dem heraus Krisen über uns hereinbrechen wie ein Gewitter. Der Vergleich mit dem Wetter drängt sich auf, weil beides – Wirtschaft und Wetter – wie ein Gesetz der Natur daher kommt. Dabei steckt hinter jedem Zucken der Märkte ein Aggregat von Millionen von Handlungen von Menschen. Das wird aber vollständig unsichtbar. Wir sind es selbst, jede und jeder Einzelne, die kollektiv und aktiv diese Wirtschaft jeden Tag aufs Neue herstellen, auf eine Weise, dass sie immer wieder Krisen produziert und uns ihre sogenannten Sachzwänge, Sparzwänge, Konkurrenzzwänge auferlegt.

Hinter der subjektivierenden Rede von „die Wirtschaft“ verschwindet dann auch alles, was kritikwürdig an dieser Ökonomie ist, vor allem aber zwei Dinge: die asymmetrischen Machtverhältnisse und der Zweck des ganzen Treibens. Zum Ersten: Wir haben es im Gegensatz zu früheren Wirtschaftsweisen heutzutage mit rechtlich freien und  gleichen Subjekten zu tun. Ich muss meine Arbeitskraft frei auf dem Markt als Ware anbieten, ich werde nicht als Sklave gehalten und wir sind auch keine Leibeigenen mehr, aber gleichzeitig sind diese Subjekte ökonomisch nach wie vor ungleich, diese Asymmetrie hat die Geschichte hindurch überdauert, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau. Die Kämpfe der Lohnabhängigen haben neben der Entwicklung der produktiven Kräfte ziemlich viel bewirkt, übrigens auch das ein Punkt, der mich befremdet: Dass wir eine Sozialversicherung haben, Arbeitsschutzgesetze oder eine Begrenzung des Arbeitstags und vieles anderes mehr, das alles ist nicht vom Himmel gefallen, wie häufig grade jene zu denken scheinen, die davon stillschweigend profitieren, aber sich lauthals ärgern, wenn mal ein Flug wegen Streik ausfällt. Für unsere sozialen Errungenschaften sind mal Leute auf die Straße gegangen und manche tun es heute noch. Man soll nicht glauben, das einmal Erkämpftes immerzu währt, im Gegenteil.

Für unsere sozialen Errungenschaften sind mal Leute auf die Straße gegangen und manche tun es heute noch. Man soll nicht glauben, das einmal Erkämpftes immerzu währt, im Gegenteil.

Diese Kämpfe konnten die Ungleichheit und die sozialen Härten abmildern, aber: Jeder und Jede sollte sich selbst fragen: Wie lange könnte ich ohne Einkommen überleben? Es gibt nicht viele Menschen in Deutschland, die da antworten könnten, da hätte ich ein paar Jahre keine Probleme, von weltweit will ich gar nicht reden. Was ich nur sagen möchte: Wir haben es mit einem höchst ungleichen Zugang zu den Ressourcen dieser Erde zu tun, ich finde das ist angesichts des vorhandenen Reichtums, den wir heute in der Lage sind zu produzieren, ein Skandal.

Der zweite Punkt, der in der Art, wie über Wirtschaft geredet wird, untergeht: die Zwecksetzung unserer Wirtschaft. Kaum jemand stellt den Grund in Frage, warum ein Unternehmen produziert. Dabei ist es ein bei Gott erschütternd dumpfer Grund. Ein Unternehmer schießt Kapital vor, kauft davon Rohstoffe, Vorprodukte, Maschinen, Arbeitskräfte und lässt irgendwas herstellen, um es zu verkaufen, allerdings, einzig: Um abermals einen Gewinn zu erwirtschaften, um damit wiederum zu produzieren und zu verkaufen, um wieder einen Gewinn zu machen, etc. pp. Dass dabei auch tatsächlich zum Beispiel ein Schuh oder ein Handy bei rauskommt, was ich kaufen kann, ja, klar, es ist ja das Mittel, nur mittels des Schuhs oder des Handys kann das Unternehmen Profit machen. Wäre das Handy aber der Zweck der Produktion und nicht nur das Mittel des Profitmachens, könnte man dann irgendwann auch sagen, gut jetzt, wir brauchen nicht jedes Jahr ein neues auf den Markt hauen, das schadet der Umwelt, die seltenen Erden sind auch nur begrenzt ausbeutbar und die Arbeitsbedingungen in den Kobaltminen sollten wir erst näher angucken, bevor wir hier blind weiter machen. Aber wir haben uns die Ökonomie so eingerichtet, dass wir gar nicht aufhören können etwas zu produzieren, wir stecken in einem Hamsterrad und dort ist es alles andere als gemütlich, weil zu allem Überdruß auch noch jeder gegen jede rennt. Nennen wir es Konkurrenz, oder wie es öfter genannt wird, vielleicht weil es harmloser klingt: Wettbewerb.

Wir sind alle in den Zwängen des derzeitigen Wirtschaftssystems gefangen – müssen innerhalb des Systems Geld verdienen um innerhalb des Systems Rechnungen zu bezahlen. Wie können wir uns da überhaupt ein ANDERS vorstellen?

Offensichtlich kaum. Den Leuten fällt es leichter, sich den Untergang des Kapitalismus vorzustellen, als eine Gesellschaft, in der kein Kapitalismus herrscht. Kennen sie einen aktuellen Action Thriller oder Science Fiction, in dem eine progressive alternative Ökonomie wie selbstverständlich Teil der Story wäre? Ich auch nicht. Das hat sicherlich damit etwas zu tun, dass uns einerseits die kapitalistisch organisierte Gesellschaft so vorkommt, als hätte es sie immer schon gegeben, zugleich ist es auch gar nicht so einfach genau zu sagen, was jetzt eigentlich genau Kapitalismus ist und was nicht.

Ich würde gerne mal einen Hollywood-Streifen sehen, in dem der Drehbuchautor behauptet, er habe hier die Story in einer emanzipativen nicht-kapitalistischen Gesellschaft spielen lassen. Ich würde wetten, dass da immer noch viele Elemente vorkommen, von denen ich sagen würde, das ist doch noch kapitalistisch, da liesse sich trefflich streiten. Es gibt, finde ich, keinen Begriff von der Ökonomie, in der wir leben und doch stellen wir sie jeden Tag selbst mit her. Diese Unbewußtheit ist meines Erachtens ein Grund, wieso eine alternative Ökonomie so schwer zu denken ist, womit wir wieder bei der Ausgangsfrage wären, dass die hoch entwickelte kapitalistische Ökonomie, die historisch betrachtet grade mal ein Pups alt ist, uns vorkommt, als wäre sie unsere zweite Haut, naturhaft.

Denken ist das eine, aber wie kann eine andere Wirtschaft auch wirklich werden?

Ich versuche es mit einer Analogie. Kinder nehmen die Welt wahr „wie sie ist“, sie setzen sie absolut. Erst später entwickeln sie Reflexionsvermögen, um diese Welt zu hinterfragen, um zu erfahren, dass Welten unterschiedlich aussehen können. So ist es auch mit den Subjekten und der Wirtschaftsweise, in der sie aufwachsen. Nun ist die Frage, wie lernt der Heranwachsende, dass die Welt, von der er bis eben noch dachte, sie sei alternativlos, durchaus auch anders sein kann?

In der Regel durch außerfamiliären Kontakt. Durch das Kennenlernen anderer Lebenswelten, von Freundinnen und Freunden, anderen Familien, Lehrerinnen und Lehrer und in diesem Kontakt durch neue Erfahrungen im praktischen alltäglichen Umgang. Als ich klein war, dachte ich immer, alle Menschen auf der ganzen Welt schließen die Klotüre, wenn sie mal müssen und das muss auch so sein. Das war für mich unhinterfragbar die Welt, wie sie ist. Ich habe sehr damit zu tun gehabt, als ich zum ersten mal bei einer Schulfreundin war, deren Hippie-Eltern nicht nur die Schlüssel aller Klotüren entfernt hatten, sondern diese Türen auch noch egal bei welchem Geschäft grundsätzlich offen ließen und man belächelt wurde, wenn man sie wenigstens ganz vorsichtig doch ein wenig anlehnte. Das war eine sehr eindringliche Erfahrung, aber ich habe gelernt, dass es auch andere Welten gibt und ich habe gelernt, dass da bestimmte Haltungen dahinter stehen, obgleich ich die in diesem Falle nicht unbedingt geteilt habe.

Dass bedeutet, dass alternative Erfahrungen wichtig sind und seien sie auch noch so verschwindend klein oder unbedeutend. Versuche, Unternehmen aufzuziehen, wie Kooperativen, Mietersyndikate oder Genossenschaften usw. werden häufig als Nischenform toleriert, eine, die mit viel Idealismus nur funktioniert, so heißt es dann. Ja, unter den gegebenen Umständen, wenn sich sonst nichts ändert, werden sie das auch bleiben. Es sei denn man politisiert diese Praktiken und verteidigt sie als verallgemeinerbar, bei allen Widersprüchen und Problemen, die damit natürlich auch immer einhergehen. Das gilt eigentlich für alles, was sich gegen das herrschende Wirtschaftssystem stellt: An jeder Stelle und an jeder Ecke darauf hinweisen, dass nichts ist, wie es ist, sondern alles geworden ist und daher auch anders werden kann und zwar durch uns selbst. Denn das ist ja durchaus erfahrbar, im Hier und Jetzt: In betrieblichen Auseinandersetzungen, in Mietenkämpfen, in der öffentlichen Debatte, auf der Straße, wie man derzeit in Frankreich vor Augen geführt bekommt.

Es gibt also keinen Masterplan für das Andere und das wäre auch nicht gut (…) einen Kompass allerdings den sollte man schon haben, einer, der die Richtung angibt.

Es gibt also keinen Masterplan für das Andere und das wäre auch nicht gut, Masters gab es genug in der Geschichte und das mit dem Plan war auch nicht so einfach, wie wir wissen. Einen Kompass allerdings den sollte man schon haben, einer, der die Richtung angibt. Aber den Weg dahin, den findet man nur im gemeinsamen Gehen, nicht am Reißbrett.

Wirkliche Veränderung würde bedeuten, dass die Profiteure des heutigen Systems freiwillig auf Geld und Macht verzichten müssen. Wie überzeugen Sie diese Personen?

Wurden denn die Profiteure des feudalen Herrschaftssystems freundlich überzeugt von der Abschaffung der Leibeigenschaft und der Einführung der bürgerlichen Freiheiten, wie Wahlrecht, Pressefreiheit, etc.pp? Ich weiß es gar nicht, vielleicht ein paar. Diese Umwälzungen geschahen jedenfalls im Rahmen eines langen historischen Prozesses und einer breiten gesellschaftlichen Bewegung. Heute feiern wir diese damals entstandenen Grundfesten der bürgerlichen Demokratie. Insbesondere in diesen Tagen lohnt es sich, nochmal daran zu erinnern.

 

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