Zusammenhänge | Wolf Lotter

Austern für alle?Austern für alle? Foto: Ben Stern | Unsplash

 

Alle sollen Austern essen können

Fragen an Wolf Lotter

Herr Lotter, in Ihrem neuen Buch Zusammenhänge. Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen geht es um den Begriff der »Kontextkompetenz«. Er verbinde das Ich mit dem Wir. Was ist Kontextkompetenz? Wie hilft diese Kompetenz uns, Zusammenhänge zu durchschauen?

Kontextkompetenz kann man vielleicht am besten mit David Foster Wallace Gleichnis aus »This is water« erklären:  Zwei junge Fische im Meer können auf die freundliche Frage eines alten Fisches, wie denn heute das Wasser sei, nichts entgegnen können und – ziemlich unhöflich – einfach weiterschwimmen, bis einer den anderen fragt: »Was zum Teufel ist eigentlich Wasser?« So geht es uns ja vielfach auch. Wir leben in einer Welt, in der die grundlegendsten Dinge unklar bleiben. Kontextkompetenz bedeutet, dass man fragt, wie es ist – ganz grundsätzlich, eher im Sinne einer Allgemeinbildung für eine Wissensgesellschaft, die immer abgehobener wird – weil sie Fachwissen nicht mehr mit anderen teilen kann. Wir bräuchten Fische, die nicht einfach das, was ist, hinnehmen, sondern fragen, warum es ist und was es nützt – oder wie man es ändert. Das ist Kontextkompetenz.

 

Zu Beginn Ihres Buches ist von »einem über 2000 Jahre mit zunehmender Heftigkeit geführte(n) Feldzug gegen Vielfalt, Komplexität und dessen eigentliche Ursache, die Person« die Rede. So wurde uns die Menschheitsgeschichte noch nicht erzählt. Wer führt diesen Feldzug, mit welchen Mitteln und warum?

Ach, ob sie nicht so erzählt wurde, da bin ich mir gar nicht so sicher. Es geht darum, dass Macht, in welcher Ausprägung auch immer, Kontrolle über die Einzelnen verlangt. Das bedeutet, dass Macht und Selbstbestimmung ein Widerspruch sind. In Zeiten der Transformation, die wir ja heftig durchleben, lässt sich Selbstbestimmung, also die Mündigkeit der Person, ziemlich leicht gegen eine geliehene Identität eintauschen. Kollektivistisch gestrickte Kulturen – und da war und ist Deutschland ja ganz besonders dabei – neigen dazu, in Veränderungszeiten die Zügel des Wir noch straffer anzuziehen, und dieses Wir ist wenig solidarisch und empathisch, sonst würde es dem Ich, der Person, ja Luft lassen. Die politischen und gesellschaftlichen Konflikte werden ja mittlerweile nur mehr nach dem Muster »Auf welcher Seite stehst Du?« ausgetragen. Es geht also darum, sich einzureihen. Dagegen hilft nur ein endlich mal entspannter Umgang mit einem Ich, einer Individualität, die nicht andere ausgrenzt, sondern sich mit anderen gemeinsam vernetzt und dadurch definiert. Die Kooperation der Individuen, wenn Sie es pathetisch wollen, steht dann der ängstlichen Eingliederung in Kollektive entgegen. Und dieser Kampf wird von links und rechts geführt.

 

Die Ökologiebewegung kommt bei Ihnen nicht gut weg. Sie kritisieren bspw. Forderungen nach »Reduktion und Verboten« oder dass der Begriff Nachhaltigkeit eine Worthülse darstelle, die der Verteidigung bestehender Paradigmen diene. Was verstehen Sie unter »Ökologiebewegung« und welche Strategie würden Sie ihr empfehlen?

Es gibt, grob gesagt, die sehr populäre Einlassung auf eine Verbotskultur, bei der man sich das mühsame Denken in Alternativen ersparen will. Ich glaube, dass Selbstverantwortung die wichtigste Waffe im Kampf gegen die Klimakrise ist. Dazu hilft es ungemein, positive Vorstellungen etwa von Mobilität zu haben – also nicht: Individualverkehr darf nicht mehr stattfinden, sondern vielmehr die Frage: Wie kriegen wir bessere Alternativen zu dem hin, was da ist? Ich empfehle allen, die zu Recht besorgt sind, und zwar nicht nur des Klimas wegen, eine fröhliche, optimistische Wissenschaft, eine positive Konnotation statt des andauernden Untergangstons, der nur zu Abstumpfung führt.

Wir erleben das ja schon seit Jahren. Je grauer die Töne, desto finsterer die Zukunft – und desto weniger Leute nehmen die Klimaziele ernst. Wenn ich an diese Stelle Taten setze, energieeffiziente Technologie, weniger erzwungene Mobilität – etwa durch weniger Präsenzpflicht in Unternehmen und Büros – komme ich weiter, denke ich. Verbote ohne bessere Alternativen gehen ins Leere. Joschka Fischer hat das einmal im Vergleich der 68er-Bewegung in Deutschland und Frankreich erklärt. In Deutschland war alles todernst. In Frankreich war die Revolution lustig. Es ging darum, dass alle Austern essen können, nicht nur wenige weniger. Also weg mit diesem destruktiven Pietismus. Der führt zu nix.

»Alle Räder stehen still,/wenn dein starker Arm es will«, dichtete Georg Herwegh 1863. Sie schreiben in ihrem Buch »Das Selbstbewusstsein der Arbeiterbewegung ist ein echtes Vorbild«. Wie lässt sich dieses Selbstbewusstsein auf unsere gegenwärtige Arbeitswelt übertragen?

Wissensarbeiter, so hat (der Management-Theoretiker, die Red.) Peter Drucker gesagt, wissen mehr über ihre Arbeit als ihr Chef. Und wenn sie sich das auch noch bewusst machen, sind die alten Hierarchien obsolet. Dann brauchen wir Management nur mehr als Organisationstool, als Werkzeug. Und Leadership ist es dann, den einzelnen Menschen in der Organisation Freiräume zu schaffen. Das ist etwas grundlegend anderes als die Versuche, die alte industrielle Arbeitswelt mit Hierarchien nun durch eine sanfte, »agilere« Form zu bemänteln. Es gibt Interessen. Diese Interessen sollten so deutlich wie möglich ausgesprochen werden. Und dann kann man sich auch klarer verhalten. Es geht um Sichtbarmachen und Kenntlichkeit. Das hilft mehr als der Versuch, Inkompatibles kompatibel zu machen.

 

Sie schreiben, dass die Digitalisierung und die sich entwickelnde Wissensgesellschaft die meisten Routinearbeiten überflüssig machen würden. Dem Menschen würde keine andere Option als die Suche nach Erkenntnis bleiben. Bleibt uns allen nichts anderes übrig, als Philosoph*innen zu werden?

In gewisser Hinsicht, ja, das gefällt mir. Eine Liebe zur Weisheit entwickeln, die wir auch teilen wollen mit anderen, weil Wissen genau das braucht, Teilhabe und Teilnahme. Konrad Paul Liessmann hat es so wunderbar gesagt: Wissen ist, was man verstehen und erklären kann. Erst wenn beides eintritt, ist es da, schafft es Nutzen, macht es die Welt besser. Es ist eine Ressource, die Menschen braucht, die wissen wollen, was Wasser ist, und sich nicht treiben lassen.

Das ist nicht neu. Das ist die Idee von Humanismus und Aufklärung. Es geht immer noch um die echte Emanzipation. Vielleicht haben deshalb so viele Angst vor ihr, auch die, die so oft davon reden. Denn der Vorgang bedeutet, dass wir uns – in aller Großartigkeit, aber auch aller Gnadenlosigkeit – selbst gegenüberstehen, mit uns was anfangen müssen. Erwachsen sein in diesem Sinne, echt emanzipiert, das ist natürlich pure Philosophie. ■

Wolf Lotter ist Autor und Mitgründer des Wirtschaftsmagazins brand eins und schreibt dort die Leitessays zu den Themenschwerpunkten. Im September 2020 ist von ihm Zusammenhänge. Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen in der Edition Körber erschienen. Mehr unter wolflotter.de

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