Projekt Weltsystem – „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972 | Eneia Dragomir

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Projekt Weltsystem – „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972

Text: Eneia Dragomir

Als earthrise, Erdaufgang, ist die Fotografie der Erdkugel in die Geschichte eingegangen, die am 24. Dezember 1968 von Bord der Apollo 8 gemacht worden ist. Mit einem Mal, so das Time Magazine, sei der Menschheit die Schönheit, Zerbrechlichkeit und Einsamkeit unserer Welt erfassbar geworden. Die Aufnahme wurde zu einem Meilenstein der Umweltbewegung, weil mit ihr die Wirklichkeit der planetaren Grenzen augenscheinlich wurde. Es verwundert nicht, dass das Cover einer wissenschaftlichen Veröffentlichung von 1972, welche auf die Folgen explodierenden Wachstums auf einem begrenzten Planeten aufmerksam machte, auf diese ikonische Aufnahme anspielte: In jenem Jahr wurde der erste Bericht an den Club of Rome unter dem englischen Titel The Limits to Growth veröffentlicht. Bereits etwa zwei Monate später erschien die deutsche Übersetzung: Die Grenzen des Wachstums.

Das zeitgenössische Medienecho war enorm. Doch handelte sich bei den Grenzen des Wachstums zunächst nur um einen vorläufigen Bericht, um erste Ergebnisse der etwa eineinhalbjährigen Arbeit eines jungen Forscher*innenteams vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) unter der Leitung des erst 28 Jahre alten Chemikers und „Systemanalytikers“ Dennis L. Meadows. Meadows und sein Team sahen sich und die Menschheit unter Zugzwang: „In jedem Teil der Welt werden täglich Entscheidungen getroffen, welche die physikalischen, wirtschaftlichen und sozialen Zustände für Jahrzehnte beeinflussen können. Wir können deshalb nicht warten, bis perfekte Modelle vorliegen.“

Meadows und Co. stellten die Schlussfolgerungen ihrer Forschungsarbeit an den Beginn ihres Berichts: „1. Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“ Mit großer Wahrscheinlichkeit führe dies zum zivilisatorischen Kollaps. Es sei zweitens möglich, „die Wachstumstendenzen zu ändern und einen ökologischen und wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand herbeizuführen (…). Er könnte so erreicht werden, daß die materiellen Lebensgrundlagen für jeden Menschen auf der Erde sichergestellt sind und noch immer Spielraum bleibt, individuelle menschliche Fähigkeiten zu nutzen und persönliche Ziele zu erreichen.“ Und drittens: „Je eher die Menschheit sich entschließt, diesen Gelichgewichtszustand herzustellen, und je rascher sie damit beginnt, um so größer sind die Chancen, daß sie ihn auch erreicht.“

Die „gigantische Aufgabe“, vor der die Menschheit stand, sei nichts Geringeres, als der „Übergang vom Wachstum zum Gleichgewicht“.

Die missliche Lage der Menschheit

Als der 1968 gegründete Club of Rome die Vorarbeiten zum Projekt „The Predicament of Mankind“ (in etwa „Die (missliche) Lage der Menschheit“) im August 1970 startete, handelte es sich noch um einen wenig bekannten, elitären Zirkel von Natur- und Sozialwissenschaftlern, Ökonomen und Vertretern aus der Wirtschaft. In welchem Maße die Lage der Menschheit in eine vertrackte, spätkapitalistische Sackgasse zu münden schien, hatte nicht nur dieser relativ kleine Kreis bemerkt. Die 1960er-Jahre markierten den Höhepunkt der 30 Jahre des scheinbar unaufhörlichen Wirtschaftswachstums von Mitte der 1940er- bis in die 1970er-Jahre, die der französische Ökonom Jean Fourastié die „trente glorieuses“ nannte. In der Bundesrepublik Deutschland waren es die Jahre des sogenannten „Wirtschaftswunders“. Die ökologischen Mahnrufe führten angesichts des wachsenden Konsument*innenglücks zu viel Kritik. Dennoch prangerte beispielsweise die Biologin Rachel Carson in ihrem Weltbestseller Silent Spring die Folgen des verstärkten Pestizideinsatzes sowie die Desinformation durch die chemische Industrie an. 1968 warnte der Biologe Paul Ehrlich in seinem Weltbestseller vor der „Bevölkerungsbombe“ und knüpfte damit an malthusianische Überlegungen an.

Befürchtungen vor Überbevölkerung waren zahlreich und ihr prominenter Bezugspunkt war der britische Geistliche und Ökonom Thomas R. Malthus, der 1798 seine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz vorgelegt hatte. Da die Bevölkerung dazu neige, sich schneller fortzupflanzen, als die Erde verkraften könne, müsse es zur Katastrophe kommen, es sei denn, Bevölkerungskontrolle finde statt. Was Malthus in seine Betrachtungen nicht einbezog, war die krasse Ungleichverteilung der Ressourcen – und damit das, was in der heutigen Diskussion mit dem Konzept des ungleichen „ökologischen Fußabdrucks“ gefasst wird. Umverteilung, um eine steigende Bevölkerung versorgen zu können, kam für Malthus nicht in Frage. Die gesellschaftspolitische Schlagseite dieser und geistig verwandter Warnungen vor Überbevölkerung wird auch daran ersichtlich, dass es ausschließlich die unteren Klassen waren, deren Fortpflanzung es staatlich einzuschränken galt.

Auch wenn Carsons und Ehrlichs Bücher ganz unterschiedliche Problemdiagnosen und Lösungsvorschläge unterbreiteten, spiegelt ihr internationaler Erfolg die wachsende Aufmerksamkeit für die zerstörerischen Folgen des technischen und wirtschaftlichen Wachstums. Ein wichtiger Faktor für das beschleunigte Wachstum der Umweltbewegung war auch die kulturelle Öffnung und die radikale Infragestellung von Selbstverständlichkeiten durch die 68er-Bewegung. Am 21. März 1970 wurde der erste „Tag der Erde“ gefeiert. Im selben Jahr wurde die US Environmental Protection Agency eingerichtet. 1972 wurde in den USA der Gebrauch des Insektenvernichtungsmittels DDT deutlich eingeschränkt. Im Juni 1972 fand in Stockholm die „Konferenz der Vereinten Nationen über die Umwelt des Menschen“ oder auch „Weltumweltkonferenz“ statt.

Projekt Weltsystem

Für den Club of Rome und für die erstarkende Umweltbewegung waren der technologische und wirtschaftliche Fortschritt der Menschheit verantwortlich für die auftretenden Krisensymptome. Bei diesen handelte es sich dem Club of Rome zufolge nicht um Einzelprobleme, sondern um globale Herausforderungen, die globales Handeln erforderten. Das Projekt „The Predicament of Mankind – Quest of Structured Responses to Growing World-wide Complexities and Uncertainties” sollte das wissenschaftliche Instrumentarium dafür erarbeiten.

Ein geeignetes Verfahren dazu sah der Club of Rome in den systems-dynamics-Modellierungen, die seit den 1950er-Jahren am MIT entwickelt worden waren. Die system dynamics group um den Informatiker Jay W. Forrester, ihrerseits Ausdruck der fortschritts- und planungsoptimistischen Jahre der Hochkonjunktur, hatte daran gearbeitet, industrielle und urbane Entwicklungen systemtheoretisch zu erfassen und mithilfe elektronischer Datenverarbeitung zu simulieren. Auf diese Forschungen wurde der Club of Rome aufmerksam. Es war nicht zuletzt die technisch-szientistische Aura, die die Faszination des Ansatzes ausmachte.

Ein world-dynamics-Modell, ein Modell der Welt, sollte entwickelt werden, um erstens zu untersuchen, welche Folgen es hätte, wenn die Grenzen des Wachstums erreicht werden würden, und zweitens zu ermitteln, ob und welche Zusammenhänge zwischen Bevölkerungswachstum, ansteigenden Wirtschaftsinvestitionen, Lebensmittelproduktion und Umweltverschmutzung bestehen.

Die Leitung des Projekts übernahm schließlich der Forrester-Schüler Dennis Meadows. Dem internationalen und interdisziplinären 17-köpfigen Forscher*innenteam gehörte auch seine Ehefrau Donella an, ihrerseits promovierte Biophysikerin.

„Die Gefahr exponentiellen Wachstums“

Das Team machte sich daran, mithilfe des systemanalytischen Weltmodells sowie elektronischer Rechenmaschinen fünf „wichtige Trends mit weltweiter Wirkung“ zu untersuchen sowie deren vielfältige Wechselwirkungen: Die „beschleunigte Industrialisierung“, das „rapide Bevölkerungswachstum“, die „weltweite Unterernährung“, die „Ausbeutung der Rohstoffreserven“ und schließlich „die Zerstörung des Lebensraumes“ beziehungsweise die Umweltverschmutzung.

Die Forscher*innen bemühten sich in ihrem Bericht, der immer schon für ein größeres Publikum gedacht war, ihre zentralen Begriffe und ihren methodischen Ansatz ausführlich und verständlich zu erläutern. Das zentrale Problem, das die Studie in den Fokus rückte, war das „exponentielle Wachstum“. Neben den vielen J-Kurven, die zunächst langsam ansteigen, um ab einem bestimmten Zeitpunkt steil nach oben zu gehen – wie jene des weltweiten Kunstdüngerverbrauchs zwischen 1938 und 1968 – griffen die Autor*innen zur Veranschaulichung dieses Phänomens auf eine „persische Sage“ und einen französischen Kinderreim zurück: „In einem Gartenteich wächst eine Lilie, die jeden Tag auf die doppelte Größe wächst. Innerhalb von dreißig Tagen kann die Lilie den ganzen Teich bedecken und alles Leben in dem Wasser ersticken. Aber ehe sie nicht mindestens die Hälfte der Wasseroberfläche einnimmt, erscheint ihr Wachstum nicht beängstigend; (…) niemand denkt daran, sie zurückzuschneiden; auch nicht am 29. Tag; noch ist die Hälfte des Teiches frei. Aber schon am nächsten Tag ist kein Wasser mehr zu sehen.“

Das Problem war also nicht schlicht Wachstum, sondern exponentielles Wachstum. Um 1970 war dieser heute unter der Chiffre der „Großen Beschleunigung“ diskutierte Nachkriegsanstieg der Kurven schon sichtbar: Der globale Kunstdüngerverbrauch, das Wachstum der Stadtbevölkerung in den sogenannten Entwicklungsländern, das Wachstum der Weltbevölkerung, das Wachstum der Weltindustrieproduktion sowie der Industrieproduktion pro Kopf in Ländern wie den USA, Schweden, Großbritannien und Japan sind dabei nur einige der Kurven, die der Bericht aufgriff.

Der Glaube an die Technologie

Dass es zum exponentiellen Wachstum kommen konnte, lag Meadows’ Team zufolge an der Beschaffenheit der Wechselwirkungen der verschiedenen Variablen des Weltmodells: „positive Regelkreise, die ohne Beschränkung wirken, (führen) zu exponentiellem Wachstum“. Einen positiven Regelkreis bilde etwa die Beziehung zwischen Geburtenrate und Bevölkerung. Steigt die Geburtenrate, dann steigt die Bevölkerung – weil mehr Menschen vorhanden sind, die Kinder zeugen können. Ein negativer Regelkreis bestehe zwischen Bevölkerung und Sterberate: Steigt die Sterberate, sinkt die Bevölkerungszahl, was wiederum die Sterberate senken würde (unter der Annahme, dass die übriggebliebene Bevölkerung besser versorgt ist). Der industrielle, wissenschaftliche und technische Fortschritt habe die negativen Regelkreise geschwächt und die positiven gestärkt, sodass es zu exponentiellen Wachstumserscheinungen kommen konnte.

Hier setzte auch die Kritik des Forscher*innenteams am technologischen Optimismus an: „Technologische Lösungen (…) schwächen den Einfluß der negativen Regelkreise oder die Auswirkungen der entstehenden Belastungen, so daß das Wachstum weitergehen kann.“ So oder so sei ihre Wirkung nur kurzzeitig: Die planetaren Grenzen würden nicht aufgelöst, sondern nur überschritten werden. Der „Zusammenbruch des Systems“ könne auf diese Weise sogar noch verheerender ablaufen.

„Wir sind selbst Technologen“, bekannten Meadows und Co., um deutlich zu machen, dass es ihnen nicht um blinde Technikfeindlichkeit gehe: „Die Technologie kann Symptome beheben, ohne die zugrunde liegenden Ursachen zu beseitigen. Der Glaube an die Technologie kann unsere Aufmerksamkeit vom Hauptproblem, dem exponentiellen Wachstum innerhalb eines begrenzten Systems, ablenken und wirklich wirksame Maßnahmen zu seiner Lösung verhindern.“

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Weltmodellierungen

Mithilfe des Computers simulierte das Team um Meadows das Verhalten des Weltsystems – unter bestimmten Annahmen. Auch hier war man vorsichtig: „Diese Bestimmung von Verhaltensweisen ist Voraussage nur in einem sehr beschränkten Sinne des Wortes. Die Computer-Durchläufe (…) zeigen Werte für die Weltbevölkerung, das Kapital und andere variable Größen über den Zeitraum zwischen 1900 und 2100. Es handelt sich hierbei nicht um exakte Voraussagen über die Größe in der Zukunft.“ Das Team ging im Bericht offen mit der „starken Vereinfachung des Weltmodells“ und mit der teilweise wackeligen Datengrundlage um und bekräftigte wiederholt, dass es ihr darum ging, „das Verhalten unseres sozialen und wirtschaftlichen Systems bei der Annäherung an Grenzgrößen“ beobachtbar zu machen – nicht um die Ermittlung exakter Zeitpunkte.

Im Bericht wurden elf Simulationsläufe dargestellt und erläutert, beginnend mit dem „Standardlauf des Weltmodells“, dem die Annahmen zugrunde lagen, dass keine größeren Veränderungen der physikalischen (etwa keine neuen bedeutenden Rohstofffunde), wirtschaftlichen (keine gravierende Veränderung der Produktionsweise) oder sozialen Zustände (gleichbleibende gesellschaftliche Wertvorstellungen) eintreten würden. Der Simulation zufolge würde die Erschöpfung der Rohstoffvorräte gegen Ende des 20. Jahrhunderts den Zusammenbruch des industriellen Wachstums und der Nahrungsmittelproduktion auslösen. Bevölkerung und Umweltverschmutzung würden aufgrund der „Verzögerungsfaktoren“ bis weit ins 21. Jahrhundert hinein zunehmen, um gegen Mitte des Jahrhunderts steil abzufallen – hier deutete sich die zivilisatorische Tragödie an.

Standardlauf des Weltmodells von 1972

Dagegen operierten fünf der simulierten Verläufe mit Annahmen, die auf eine „Stabilisierung“ hinwirkten. Sie stellten Varianten des Übergangs vom Wachstum zum Gleichgewicht dar. Den glimpflichsten dieser Simulationsläufe stellte das „Stabilisierte Weltmodell I“ dar. Es basierte auf der Annahme, dass technologische Maßnahmen die Wachstumsbeschränkungen ergänzen würden, „um für die Zukunft einen Gleichgewichtszustand zu erreichen“. Zu den technologischen Maßnahmen gehörten die Wiederverwendung von Abfällen, die Kontrolle der Umweltverschmutzung, eine Verlängerung der Nutzungsdauer von Investitionsgütern und anderen Kapitalarten sowie die Sanierung von unfruchtbaren oder ausgelaugten landwirtschaftlichen Flächen. „Die industrielle Produktion muß zugunsten von Nahrungsmittelproduktion und menschlichen Dienstleistungen stark gedrosselt werden.“ Die Geburtenrate ist in diesem Modell der Sterberate angepasst und der Umfang der Kapitalerzeugung dem Ausmaß der Kapitalabnutzung.

Die Kurven des „Stabilisierten Weltmodells I“ flachten den Berechnungen des Forscher*innenteams gegen Ende des 20. Jahrhunderts ab. „Dennoch ergibt sich eine Industrieproduktion pro Kopf der Weltbevölkerung von der dreifachen Höhe des Wertes von 1970.“ Es war mit Abstand der optimistischste Simulationslauf.

Freiheit als Wahl der Grenzen

Den Systemanalytiker*innen vom MIT war zu jeder Zeit bewusst, dass sie gegen eine kulturelle Hegemonie ankämpften, gegen einen geradezu unerschütterlichen Glauben an Wachstum: „Die zur Überwindung der natürlichen Widerstände gegen die Wachstumsprozesse eingesetzten technischen Mittel haben sich als so erfolgreich erwiesen, daß sich das Prinzip des Kampfes gegen Grenzen geradezu zu einem Kulturidol entwickelt hat und die Menschen nicht erlernten, Grenzen zu erkennen und mit ihnen zu leben.“

Meadows und sein Team stellten jedoch nicht nur düstere Prognosen an, sondern zeichneten auch ein zutiefst utopisches Bild einer Postwachstumsgesellschaft: Ein Gleichgewichtszustand sei „nicht gleichbedeutend mit Stagnation“. „Möglich ist auch, daß eine Gesellschaft, die nicht mehr mit den zahlreichen Problemen zu kämpfen hat, die das Wachstum ständig aufwirft, größere Kräfte und Erfindungsgaben zur Lösung anderer Probleme freisetzen würde.“ Vor allem müsse nicht jegliches Wachstum gestoppt werden: „Jede menschliche Tätigkeit, die keine großen Mengen unersetzbarer Rohstoffe benötigt oder Schadstoffe freisetzt und den Lebensraum schädigt, könnte ohne Beschränkungen und praktisch unendlich zunehmen“ – Tätigkeiten wie Erziehung und Schulung, Ausübung von Musik, Religion, wissenschaftliche Grundlagenforschung, Sport und soziale Kontaktpflege.

Grenzen der Rezeption

Noch im Erscheinungsjahr wurde der Bericht in zwölf Sprachen übersetzt. Zur enormen Resonanz des Buches trug nicht zuletzt der erste „Ölpreisschock“ von 1973 bei. Alle großen Zeitungen und Zeitschriften berichteten teils sehr ausführlich über den Bericht. Der britische Guardian sah in ihm eines jener wenigen Dokumente, die den Kurs der Menschheit verändern könnten, der Spiegel hingegen eine „Weltuntergangs-Vision aus dem Computer“. Ausführlich wurden im Spiegel die ablehnenden Urteile der New York Times Book Review zitiert, die den Bericht als „ein hohles und irreführendes Werk“ einschätzten und des britischen Economist, der „die Hochwassermarke altmodischen Unsinns erreicht“ sah.

Die heftigste Kritik schlug dem Bericht aus den Wirtschaftswissenschaften entgegen. Die Datenbasis sei zu schmal für die weitreichenden Aussagen und vor allem hätte das Forscher*innenteam mit fehlerhaften ökonomischen Annahmen gearbeitet. Insbesondere sei der Preismechanismus sowie die technische Innovationsfähigkeit nicht ausreichend berücksichtigt worden.

Mit Paul A. Samuelson, der 1970 den sogenannten Wirtschaftsnobelpreis erhalten hatte, gehörte ein Schwergewicht der Disziplin zu den Kritiker*innen. Er bemängelte, die Systemanalytiker*innen hätten denselben Fehler begangen wie seinerzeit Malthus mit seiner Prognose einer Bevölkerungskatastrophe. Würden Rohstoffe knapp werden, würde das zu Preissteigerungen führen. Dieser Preismechanismus führe wiederum dazu, dass man Ersatzstoffe suchen und finden würde. Der bemerkenswerte Vergleich von Samuelson: Als in der frühen Industriellen Revolution Holz knapp wurde, sei man auf Kohle umgestiegen. Ein Argument, dass im Zeitalter der Erderhitzung sehr schlecht gealtert ist. Malthus, so Samuelson habe schlicht die „Wunder der industriellen Revolution“ nicht vorausgesehen. „Und diese Wunder der industriellen Revolution sind noch nicht zu Ende.“

Der beständige Vorwurf der Technikfeindlichkeit begleitet den Bericht und Dennis Meadows bis heute. Als dieser Vorwurf 2011 in einem Interview erneut vorgebracht wurde, bemühte sich Meadows nochmals darum, die Ironie dieser Kritik deutlich zu machen: „Die Leute, die diese Vorwürfe erheben, sind typischerweise keine Naturwissenschaftler, sondern Ökonomen oder Soziologen. Ich habe einen Universitätsabschluss in Chemie, ich war Professor am Massachusetts Institute of Technology, ich war viele Jahre lang Professor für Ingenieurswesen. Ich verstehe wirklich etwas von Technologie – und ich weiß, dass sie nicht von selbst wirksam ist. (…) Die Menschen reden über Technologie, als handele es sich dabei um eine autonome, nutzbringende Sache, die uns von sich aus den Weg aus unseren Problemen weist.“

System Change not Climate Change

Die Grenzen des Wachstums wurden schon kurz nach der Publikation des Berichts zur Chiffre eines neuen ökologischen Problembewusstseins. Selbst diejenigen, die die Aussagen des Berichts als Unsinn und Hysterie abtaten, kamen nicht umhin, sich mit den vorgebrachten Thesen auseinanderzusetzen. Die Vorstellung von planetaren Grenzen war nichts Neues, als das Forscher*innenteam die computergestützten Simulationen durchführte, doch ihr Bericht trug dazu bei, dass die Aufmerksamkeit für diese Grenzen wuchs.

Bis in die 1970er-Jahre hinein galten Umweltfragen als Sachprobleme, mit denen sich Expert*innen aus Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft befassen sollten. Das große Verdienst des Buches bestand vor allem darin, Umweltfragen als Fragen auszuweisen, die alle angehen. Immer noch aktuell ist auch die Kritik, die die Systemanalytiker*innen um Meadows an einem unreflektierten Technikglauben übten – die Diskussionen um sogenanntes „grünes Wachstum“ zeigen, dass dieser Wunderglaube nicht ausgeträumt ist. ■

Dieser Text ist zuerst in agora42 1/2021 WAHRHEIT & WIRKLICHKEIT erschienen.
Portrait von Eneia Dragomir
Eneia Dragomir hat in Marburg und Zürich Geschichte, Soziologie und Philosophie studiert. Seit Herbst 2019 ist er Redakteur bei agora42.
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