Was macht das Leben einfacher ? Antworten 14–24

42 Dinge, die das Leben einfacher machen

Die Fort­set­zung unse­rer Lis­te der 42 Ant­wor­ten auf die Fra­ge, was das Leben ein­fa­cher macht. Die kom­plet­te Lis­te fin­den Sie in der aktu­el­len Aus­ga­be EINFACH LEBEN auf den Sei­ten 40–49.

Hier die Ant­wor­ten 14 — 24 in denen es unter ande­ren um unser Ver­hält­nis zum Müll, ein sozia­les Pflicht­jahr, eine sinn­vol­le Regu­lie­rung der Finanz­märk­te, das rich­ti­ge Gehalt und das Musi­zie­ren geht.

So viel­fäl­tig die The­men sind, so unter­schied­lich sind auch die zitier­ten Per­so­nen. Neben einem Brett­spiel­ent­wick­ler kom­men Richard David Precht, der ehe­ma­li­ge Haupt­ge­schäfts­füh­rer des BDI Mar­kus Ker­ber, ein Vor­stand der Bank of Eng­land, Mar­tin Hei­deg­ger und die Nobel­preis­trä­ger Dani­el Kah­ne­man und Angus Dea­ton zu Wort.

14 — Neues Verhältnis zum Müll

1. Müll über­dau­ert – auch den Men­schen in sei­ner phy­si­schen Exis­tenz. Als das, was sei­ne phy­si­sche Exis­tenz über­dau­ern soll­te, hat­te der Mensch schon früh sei­ne See­le gedacht. Die­se ver­langt von ihm, mit sich ins Rei­ne zu kom­men. Das wie­der­um, so lehrt der Müll, lässt sich nicht durch den Ver­such der Aus­mer­zung des Unrei­nen bewerk­stel­li­gen; nicht dadurch, dass der Mensch sich rei­nigt, indem er die Erde ver­un­rei­nigt und sein Geschäft auf Kos­ten der Zukunft macht – die sei­ne Nach­welt ist. Der Mensch muss ler­nen, mit sei­nem Müll zu leben.
2. Um die Macht der Müll-Mate­rie zu bre­chen, mobi­li­siert der Mensch die Tech­nik; sie aber unter­liegt dem Ver­la­ge­rungs­ge­setz und lässt die Macht des Mülls sich in stets neu­em Gewand ent­fal­ten. Ler­nen, dem Müll kei­ne Macht zu geben, hie­ße, an den Din­gen vor ihrer Müll­wer­dung anzu­set­zen, das heißt, bevor sie dem Ver­la­ge­rungs­ge­setz unter­ste­hen. Was nötig wäre, ist eine men­ta­le Wen­de. Befrei­te sich der Mensch von sei­ner Beses­sen­heit von den Din­gen, so lie­ße auch der Müll von ihm ab und wüch­se nicht mehr über ihn hin­aus. Im 21. Jahr­hun­dert steht der Mensch vor einer über­mensch­li­chen Her­aus­for­de­rung: die Din­ge sein zu lassen.“
Chris­ti­an Unver­zagt, Phi­lo­soph, in agora42, 03/2014

15 — Zufall anerkennen

Wir den­ken ger­ne in den Kate­go­ri­en von Ursa­che und Wir­kung. Wer es zu nichts gebracht hat, gilt als faul oder unfä­hig. Doch soll­ten wir uns ein­ge­ste­hen, dass die Wir­ren des Lebens oft mehr den Wer­de­gang bestim­men als Vor­aus­sicht und Pla­nung. Wer den Zufall aner­kennt, stärkt damit auch die Bereit­schaft, den vom Glück weni­ger Begüns­tig­ten unter die Arme zu grei­fen, anstatt sie sozi­al auszugrenzen.“
Marr­cel-And­ré Casa­so­la Merk­le, Brett­spiel­ent­wick­ler, in agora42, 04/2012

16 — Soziales Pflichtjahr

Richard David Precht spricht sich für ein sozia­les Pflicht­jahr für jun­ge Men­schen im Alter von 19/20 Jah­ren sowie eines für Men­schen im Ren­ten­ein­tritts­al­ter aus: „Der Sinn bei­der Pflicht­jah­re besteht in der Erfah­rung von ‚Selbst­wirk­sam­keit’. Wer in eine ande­re Lebens­welt hin­ein­riecht und einen sozia­len Bei­trag über den eige­nen Tel­ler­rand hin­aus leis­tet, erlebt das bestä­ti­gen­de Gefühl der Nütz­lich­keit. Er lernt Neu­es ken­nen und bringt sich selbst in die­sen neu­en Kon­text ein. Auf die­se Wei­se kann es, im kan­ti­schen Sin­ne, zu sinn­stif­ten­den Erfah­run­gen kom­men. Wie vie­le Zivil­dienst­leis­ten­de, die ihren Bei­trag nie frei­wil­lig geleis­tet hät­ten und wahr­schein­lich noch nicht ein­mal auf die Idee gekom­men wären, ihn zu leis­ten, waren im Nach­hin­ein dann der Ansicht, dass sie eine sinn­vol­le Zeit ver­bracht und wert­vol­le Erfah­run­gen gemacht haben? Das Glei­che dürf­te für Rent­ner und Pen­sio­nä­re gel­ten, die die wert­vol­le Erfah­rung machen kön­nen, ihr Wis­sen wei­ter­zu­ge­ben und gebraucht zu wer­den – obwohl sie dies frei­wil­lig oft nicht tun wür­den, sei es aus Bequem­lich­keit, Ver­drän­gung oder einer Unsi­cher­heit, für was sie sich ent­schei­den sol­len und wie so etwas anzu­stel­len sei.“
Richard David Precht, Phi­lo­soph, in agora42, 02/2012

17 — Von anderen Kulturen lernen

Auch wenn wir Deut­schen bei­spiels­wei­se wei­ter­hin in höhe­rem Maße unse­re Steu­ern zah­len, könn­te uns die All­tags­ge­las­sen­heit von Ita­lie­nern, Spa­ni­ern oder Grie­chen in unse­rer zuwei­len über­stei­ger­ten Pro­zess­ge­sell­schaft doch etwas Ent­span­nung ver­mit­teln, oder? Und ande­rer­seits haben wir es kom­plett ver­säumt zu fra­gen, ob nicht deut­sche Poli­ti­ker mit ihrer Recht­streue und Inte­gri­tät ein wich­ti­ges Vor­bild für die Men­schen im Süden wären, die sich so etwas schon lan­ge wün­schen, es aber in ihrer poli­ti­schen Klas­se zu wenig fin­den. Von­ein­an­der zu ler­nen, das muss das Leit­mo­tiv sein.“
Mar­kus Ker­ber, ehe­ma­li­ger Haupt­ge­schäfts­füh­rer des BDI, in agora42, 03/2016

18 — Regulierung der Finanzmärkte | a

Modern finan­ce is com­plex, perhaps too com­plex. Regu­la­ti­on of modern finan­ce is com­plex, almost cer­tain­ly too com­plex. That con­fi­gu­ra­ti­on spells trou­ble. As you do not fight fire with fire, you do not fight com­ple­xi­ty with com­ple­xi­ty. Becau­se com­ple­xi­ty gene­ra­tes uncer­tain­ty, not risk, it requi­res a regu­la­to­ry respon­se groun­ded in sim­pli­ci­ty, not complexity.“
Andrew G. Hal­dane, Vor­stand der Bank of Eng­land in The dog and the frisbee

19 — Regulierung der Finanzmärkte | b

Die Bank- und Finanz­an­ge­bo­te, die unmit­tel­bar der Real­wirt­schaft die­nen, sind, wo mög­lich, zu dere­gu­lie­ren, die­je­ni­gen, die mit­tel­bar der Real­wirt­schaft die­nen, zu regu­lie­ren und zu kon­trol­lie­ren sowie die­je­ni­gen, die nicht der Real­wirt­schaft die­nen, zu verbieten.“
Tho­mas Jor­berg, Vor­stands­spre­cher der GLS Bank, in agora42, 02/2011

20 — Regulierung der Finanzmärkte | c

Wenn die Finanz­bla­se nicht plat­zen soll, muss ver­hin­dert wer­den, dass sie sich wei­ter auf­pumpt. Eine Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­er könn­te dabei hel­fen (…). Aller­dings könn­te eine Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­er allein noch nicht ver­hin­dern, dass sich Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen bil­den (…). Daher sind zwei wei­te­re Maß­nah­men nötig: Das Eigen­ka­pi­tal der Ban­ken und Schat­ten­ban­ken muss deut­lich stei­gen, so dass sie Ver­lus­te selbst tra­gen kön­nen. Zudem müs­sen alle Deri­va­te über Bör­sen lau­fen – und kom­ple­xe Finanz­pro­duk­te ver­bo­ten wer­den, wenn ihr volks­wirt­schaft­li­cher Sinn nicht erkenn­bar ist.“
Ulri­ke Herr­mann, Wirt­schafts­jour­na­lis­tin und Publi­zis­tin, Der Sieg des Kapi­tals (Piper Ver­lag, 2015)

21 — Das richtige Gehalt | a

In einer Stu­die fan­den die Öko­no­men Dani­el Kah­ne­man und Angus Dea­ton her­aus, dass das Wohl­be­fin­den (emo­tio­nal well- being) bis zu einem jähr­li­chen Gehalt von cir­ca $75.000 steigt. Dar­über hin­aus hat ein stei­gen­des Gehalt kei­nen Ein­fluss auf das Wohlbefinden.
High inco­me impro­ves eva­lua­ti­on of life but not emo­tio­nal well-being in PNAS vol. 107 no. 38 (2010)

22 — Das richtige Gehalt | b

Im April 2015 gab der Geschäfts­füh­rer von Gra­vi­ty Payments, Dan Pri­ce, bekannt, dass er, inspi­riert durch die Stu­die von Kah­ne­man und Dea­ton, all sei­nen Ange­stell­ten einen Min­dest­lohn von $70.000 (der Durch­schnitts­lohn lag vor­her bei $48.000) bezah­len wird – ein Betrag, den man braucht, um ein „nor­mal life“ füh­ren zu kön­nen. Er selbst redu­zier­te sein Gehalt von über $1 Mil­li­on auf den­sel­ben Betrag.
https://gravitypayments.com/ thegravityof70k/

23 — Gelassenheit und Offenheit

Wir kön­nen zwar die tech­ni­schen Gerä­te benut­zen und doch zugleich bei aller sach­ge­rech­ten Benüt­zung uns von ihnen so frei­hal­ten, daß wir sie jeder­zeit los­las­sen. (…) Wir kön­nen ‚ja’ sagen zur unum­gäng­li­chen Benüt­zung der tech­ni­schen Gegen­stän­de, und wir kön­nen zugleich ‚nein’ sagen, inso­fern wir ihnen ver­weh­ren, daß sie uns aus­schließ­lich bean­spru­chen und so unser Wesen ver­bie­gen, ver­wir­ren und zuletzt ver­öden. (…) Unser Ver­hält­nis zur tech­ni­schen Welt wird auf eine wun­der­sa­me Wei­se ein­fach und ruhig. (…) Ich möch­te die­se Hal­tung des gleich­zei­ti­gen Ja und Nein zur tech­ni­schen Welt mit einem alten Wort nen­nen: die Gelas­sen­heit zu den Din­gen. Die Gelas­sen­heit zu den Din­gen und die Offen­heit für das Geheim­nis gehö­ren zusam­men. (…) Die Gelas­sen­heit zu den Din­gen und die Offen­heit für das Geheim­nis geben uns den Aus­blick auf eine neue Bodenständigkeit.“
Mar­tin Hei­deg­ger, Gelas­sen­heit (Klett- Cot­ta Verlag)

24 — Musik machen

Musik macht die Welt ein­fa­cher: Ein schlech­ter Mor­gen, gereiz­te Stim­mung, Ber­ge voll Arbeit und kran­ke Kin­der im Haus – wer da ein Lied anstimmt, kann sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät zurückgewinnen. Rhyth­mus gibt Struk­tur und Melo­di­en lei­ten die Gefüh­le. Wer Musik macht, ist ein­fach selbstbestimmt.

 

_______________________________________

Die aktu­el­le agora42 zum The­ma EINFACH LEBEN ver­schi­cken wir ver­sand­kos­ten­frei. Lesen Sie span­nen­de Bei­trä­ge u.a. von Robert Pfal­ler (“Das nack­te und das gute Leben”), Ulri­ke Gué­rot (“Euro­pa ein­fach machen – ein­fach Euro­pa machen”), Frank Ruda (“Ein­fach nicht ein­fach”) und Mads Pan­kow (“End­lich wei­ter­ma­chen – Wer kei­ne Uto­pi­en hat, dem bleibt nur die Zukunft.”)

Für den schma­len Geld­beu­tel bie­ten wir außer­dem das agora42-Pro­be­abo an: Spa­ren Sie 39% gegen­über dem Ein­zel­kauf und erhal­ten Sie die Aus­ga­be LEITBILDER gra­tis dazu.

Tiere denken” von Richard David Precht – Die Zukunft der Fleischindustrie

Ab dem 17.10.2016 erscheint das neue Buch von Richard David Precht Tie­re den­ken. Was als Her­zens­pro­jekt des Best­sel­ler-Phi­lo­so­phen begann, ist nicht nur eine umfas­sen­de Abhand­lung über Mensch-Tier-Bezie­hun­gen, Tier­rech­te und die mensch­li­che Moral gewor­den. Es ist auch ein Blick in die Zukunft der Fleisch­in­dus­trie – die sich heu­te schon abzeichnet.

 

Die Chance des Jahrhunderts!

Richard David Prechts neu­es Buch „Tie­re denken“

Tiere denken von Richard David Precht

Tie­re den­ken von Richard David Precht erscheint am 17.10.2016 im Gold­mann Verlag.

Dass der Mensch dazu fähig ist, eine Kat­ze zu ver­zär­teln und gleich­zei­tig ein Lamm zu essen, über­rascht nie­man­den mehr. Die­ses wider­sprüch­li­che Ver­hal­ten gegen­über Tie­ren mit­samt sei­nen mora­li­schen und ethi­schen Ver­stri­ckun­gen, wur­de bereits häu­fig öffent­lich dis­ku­tiert und ist der brei­ten Bevöl­ke­rung bekannt. Tie­re zu essen ist über­flüs­sig: Der mensch­li­che Kör­per braucht kein Fleisch. Dar­über­hin­aus möch­te kein Schul­ab­gän­ger mehr Metz­ger wer­den oder in der Mas­sen­tier­hal­tung arbeiten.

Trotz­dem: Fleisch schmeckt. Fleisch macht papp­satt. Fleisch ist schnell und ein­fach zube­rei­tet. Und – in Mas­sen pro­du­ziert – ist es bil­lig. Vie­le Deut­sche wol­len auf ihr Steak zum Mit­tag nicht ver­zich­ten und die Zahl der Tie­re, die in deut­sche Mast- und Schlacht­an­la­gen gepfercht wer­den, steigt wei­ter­hin an. Ob Prechts neu­es Buch dar­an etwas ändern wird?

Wer nun glaubt, dass Deutsch­lands bekann­tes­ter leben­der Phi­lo­soph ab sofort den Fleisch­ver­zicht pre­digt und Grün­kern- statt Beef-Bur­ger emp­fiehlt oder die Weih­nachts­gans gegen Brok­ko­li tau­schen möch­te, der irrt. Von mora­li­schen Zurecht­wei­sun­gen und Gewis­sens­ap­pel­len ist die Gegen­warts­ana­ly­se Prechts weit ent­fernt. Im Gegen­teil: Durch sei­ne unge­wohnt prag­ma­ti­sche Betrach­tung des heu­ti­gen mora­li­schen Fleisch­esser-Dilem­mas gerät für Precht eine Lösung in den Blick, die von hit­zi­gen Vege­ta­ris­mus-Debat­ten bis­lang nicht berück­sich­tigt wurde.

Fol­gen­des Rät­sel gilt es zu lösen: Das Steak soll auf den Tel­ler. Aber kein Tier soll dafür lei­den müs­sen. Wie kann das gehen?
Für Precht ist klar: Tech­nik und Natur­wis­sen­schaf­ten wei­sen den Weg. Nut­zen wir das vor­han­de­ne Know-how doch mal für die Her­stel­lung eines schmack­haf­ten Steaks, dass jeder guten Gewis­sens essen kann.

Das dies kei­ne Uto­pie eines welt­frem­den Tier­lieb­ha­bers ist, zeigt der Blick in moder­ne Bio­la­bo­re. Dort dru­cken bereits heu­te hoch­kom­ple­xe 3D-Dru­cker leben­de Orga­ne aus mensch­li­chen Zel­len. Der Druck eines Stücks Mus­kel­fleischs aus Schwei­ne­zel­len ist im Ver­gleich dazu ein Kin­der­spiel. Mit bestechen­der Klar­heit führt Precht vor Augen, was ers­te Anzei­chen bereits ver­kün­den: Die Mas­sen­tier­hal­tung ist ein Relikt der Moder­ne. Die Zukunft gehört dem Kulturfleisch.

 

Kulturfleisch García-Sancho

Richard David Precht: “Real-Beef-Fans gera­ten ins gesell­schaft­li­che Abseits. Für Frau­en sind sie so unse­xy wie Mili­ta­ria-Samm­ler und Schmer­bäu­che im NATO-Nah­kampf-Look…” Illus­tra­ti­on: Car­los Gar­cía-San­cho. dedesign.tumblr.com

 

Mit Tie­re den­ken zeigt Richard David Precht, Mit­her­aus­ge­ber der agora42, dass die Zukunft der Fleisch­pro­duk­ti­on im cul­tu­red beef liegt.
Klar, zu Beginn mögen die Kon­su­men­ten noch etwas skep­tisch sein: „Män­ner lächeln dar­über, sie behan­deln das neue Fleisch wie alko­hol­frei­es Bier: nicht sehr männ­lich, aber irgend­wie ganz sinn­voll.“ Aber bereits nach eini­gen Jah­ren  ist „die Zeit, Tier­hal­tungs­gräu­el durch den Ver­weis auf ihren öko­no­mi­schen Vor­teil zu recht­fer­ti­gen“ pas­sé: „Die Fleisch­in­dus­trie kämpft einen ver­zwei­fel­ten Pro­pa­gan­da­kampf – wie lan­ge Zeit die Atom­lob­by –, aber sie kann nicht mehr gewinnen.“

Das ist „die Chan­ce des Jahr­hun­derts“, schreibt Precht.

_________________________________

Richard David Precht in agora42
Mehr dazu in dem Arti­kel Die Fleisch-Revo­lu­ti­on von Richard David Precht, Mit­her­aus­ge­ber der agora42. Jetzt in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 SEIN UND FLEISCH.

 

 

 

Richard David Precht

Richard David Precht ist seit 2011 Mit­her­aus­ge­ber des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42. Bekannt wur­de er 2007 durch sein Sach­buch Wer bin ich – und wenn ja, wie vie­le? Seit Sep­tem­ber 2012 mode­riert er die Phi­lo­so­phie­sen­dung Precht im ZDF.

Editorial der Ausgabe SEIN UND FLEISCH

Editorial der Ausgabe SEIN UND FLEISCH

Geld kann man nicht essen.
 
Editorial Frank AugustinUnd doch behan­deln wir es, als ob es unse­re Haupt­nah­rungs­quel­le wäre. Wir hüten und meh­ren es wie vor­mals unser Vieh und das Getrei­de auf unse­ren Fel­dern. Statt food first gilt – davon zeu­gen para­dig­ma­tisch glo­bal agie­ren­de Agrar­un­ter­neh­men und Lebens­mit­tel­her­stel­ler – heu­te money first. Dabei ist offen­kun­dig, dass die Art und Wei­se, wie Nah­rung zumeist pro­du­ziert wird, näm­lich pro­fit­ori­en­tiert, der Mensch­heit glei­cher­ma­ßen gewal­ti­gen wie unnö­ti­gen Scha­den zufügt. Das zeigt sich, wie in die­ser Aus­ga­be nach­zu­le­sen ist, nir­gends deut­li­cher als bei der Fleischproduktion.
 
All das hat mit ver­nünf­ti­gem Wirt­schaf­ten und gesun­dem Ego­is­mus nichts zu tun, son­dern ist schlicht­weg ver­rückt. Und doch ent­behrt die­se Art der Pro­duk­ti­on nicht einer eige­nen Logik. Denn Geld ist viel mehr als ein Tausch­me­di­um, das bloß der Waren­ver­mitt­lung dient. Längst ist es selbst zur Ware mutiert. Nicht nur das: Es ist zur hei­li­gen Ware gewor­den, zur ein­zig wah­ren Ware, deren Meh­rung alle ande­ren Waren zu die­nen haben. Um die Zukunft zu gewin­nen, wird man die­sem mone­tä­ren Fun­da­men­ta­lis­mus abschwö­ren müs­sen. Aber das heißt auch, einer Form des Wirt­schaf­tens den Rücken zu keh­ren, die der Meh­rung des Gel­des dient. So muss Wachs­tum in der Fleisch­in­dus­trie, wie in vie­len ande­ren Berei­chen der Wirt­schaft auch, abso­lut ver­mie­den wer­den. Im Gegen­teil, ein kräf­ti­ges Schrump­fen ist ange­sagt. Statt Export bil­li­gen Fleischs und Wachs­tum um jeden Preis brau­chen wir ein Mehr an Qua­li­tät. Für unse­re Ernäh­rung bedeu­tet dies, regio­na­le und bäu­er­li­che Lebens­mit­tel zu kon­su­mie­ren – und Fleisch, das von Tie­ren stammt, die auf der Wie­se stan­den und nicht in einer Fabrik. Dass eine solch grund­le­gen­de Neu­aus­rich­tung des Wirt­schaf­tens mit der Ent­wick­lung neu­er For­men der pri­va­ten Lebens­ge­stal­tung und des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens ver­bun­den wer­den muss, ver­steht sich von selbst. Bei­spie­le für eine sol­che Neu­aus­rich­tung gibt es inzwi­schen zu Hauf und der Erfolg gibt ihnen Recht.
 
Mit dem The­ma Fleisch hat sich kaum jemand so ein­ge­hend befasst wie die Hein­rich- Böll-Stif­tung, wovon nicht zuletzt der jähr­lich von ihr her­aus­ge­ge­be­ne Flei­sch­at­las ein­drück­lich zeugt. So freue ich mich, mit der vor­lie­gen­den Aus­ga­be das Resul­tat einer inten­si­ven Zusam­men­ar­beit zwi­schen der Hein­rich-Böll-Stif­tung und der agora42 prä­sen­tie­ren zu kön­nen. Schon beim ers­ten Brain­stor­ming zeig­te sich, dass phi­lo­so­phi­sche Fra­gen nach dem Sinn des Wirt­schaf­tens eng mit der Fleisch­pro­duk­ti­on ver­wo­ben sind. Beson­de­rer Dank gilt Chris­ti­ne Chem­nitz von der Hein­rich-Böll-Stif­tung, die mit ihrem Wis­sen und ihrer Begeis­te­rung die vor­lie­gen­de Aus­ga­be maß­geb­lich geprägt hat.
Wir wün­schen Ihnen, lie­be Lese­rin­nen und Leser, viel Freu­de auf der Rei­se durch eine Aus­ga­be, die die Wider­sprüch­lich­keit des heu­ti­gen Wirt­schaf­tens beson­ders deut­lich vor Augen führt. Wir wer­den nun die Druck­le­gung mit einem gemein­sa­men Abend­essen fei­ern: Schei­nesteak mit Münz­kar­tof­feln, zum Nach­tisch Vir­tu­el­les von Bul­le und Bär. Mh, lecker!
 
Ihr Frank Augustin

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

 

Mit der Aus­ga­be 1/2011 wur­de der Best­sel­ler­au­tor und Phi­lo­soph Richard David Precht Mit­her­aus­ge­ber der agora42. Sei­nen Ent­schluss begrün­de­te er wie folgt:

 

Richard David Precht

Richard David Precht ist Mit­her­aus­ge­ber der agora42. Bekannt wur­de er 2007 durch sein Sach­buch Wer bin ich – und wenn ja, wie vie­le? Seit Sep­tem­ber 2012 mode­riert er die Phi­lo­so­phie­sen­dung Precht im ZDF.

Öko­no­mie und Phi­lo­so­phie – in der heu­ti­gen Zeit wir­ken die bei­den Begrif­fe ein­an­der so fremd wie die erd­zu­ge­wand­te und die erd­ab­ge­wand­te Sei­te des Mon­des. Öko­no­mie, so scheint es, ist die Wis­sen­schaft von etwas sehr Nütz­li­chem und Prak­ti­schem, der Deckung des mensch­li­chen Bedarfs. Phi­lo­so­phie dage­gen ist, wenn über­haupt, die Wis­sen­schaft von etwas Unnüt­zem und Theo­re­ti­schem, den Muße­stun­den des Lebens vor­be­hal­ten; ein Hob­by für Men­schen mit hin­rei­chend Geld und Zeit.

Es scheint so. Tat­säch­lich jedoch ist Öko­no­mie eine sehr phi­lo­so­phi­sche Wis­sen­schaft. Denn was ist der mensch­li­che Bedarf? Was gehört dazu und was nicht? Wer bestimmt die Zie­le des Wirt­schaf­tens? Lie­gen sie in Kur­ven und Tabel­len ver­bor­gen, las­sen sie sich kühl berech­nen? Oder sind sie nicht viel­mehr eine gesell­schaft­li­che Fest­set­zung auf der Grund­la­ge phi­lo­so­phi­scher Überlegungen?

Die bedeu­tends­ten Öko­no­men der Mensch­heits­ge­schich­te waren Phi­lo­so­phen, von Adam Smith über John Stuart Mill zu Karl Marx. Für sie war Öko­no­mie die prak­ti­sche Umset­zung eines phi­lo­so­phi­schen Ziels: die Chan­ce auf ein erfüll­tes Leben für mög­lichst vie­le Men­schen. Dass sich Öko­no­men kaum noch für Phi­lo­so­phie, Phi­lo­so­phen kaum mehr für Öko­no­mie inter­es­sie­ren, ist unter sol­chen Vor­aus­set­zun­gen ein gesell­schaft­li­ches Fias­ko. Soll man den Wert und den Erfolg des Wirt­schaf­tens allein am Wach­sen des Brut­to­in­lands­pro­dukts bemes­sen? Ist Wirt­schaft gut, wenn sie Wachs­tums­ra­ten pro­du­ziert, und schlecht, wenn sie sta­gniert? Und trägt mate­ri­el­les Wirt­schafts­wachs­tum zu allen Zei­ten und ohne Ein­schrän­kung dazu bei, dass mög­lichst vie­le Men­schen die Chan­ce auf ein erfüll­tes Leben bekommen?

Sein Leben mit Gütern anzu­fül­len, so lehrt uns unser pri­vi­le­gier­tes Leben in den rei­chen Län­dern der west­li­chen Welt, ist noch nicht gleich­be­deu­tend mit Erfül­lung. Öko­no­mie ohne Phi­lo­so­phie ist leer. Phi­lo­so­phie dage­gen, die sich um die öko­no­mi­schen Gege­ben­hei­ten nicht schert, ist blind für das tat­säch­li­che Leben der Men­schen. Vie­le Fra­gen nach einem erfüll­ten Leben sind heu­te unbe­ant­wor­tet – wie auch die Theo­re­me der Wirt­schaft oft unhin­ter­fragt blei­ben. In einer Zeit des gesell­schaft­li­chen Umbruchs, die Güter wie Zeit, Aner­ken­nung, Lie­be und Ach­tung in den Mit­tel­punkt eines erfüll­ten Lebens stellt, stel­len sich zugleich Fra­gen nach einer neu­en wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ord­nung. Was die Moder­ne leis­ten soll­te, hat sie – zumin­dest in den wohl­ha­ben­den Län­dern der west­li­chen Welt – erfüllt. Was nun ansteht, ist eine neue Moderne.

In die­ser span­nen­den Zeit bie­tet die agora42 eine ganz her­vor­ra­gen­de Platt­form für Posi­tio­nen und Theo­ri­en, Aus­tausch und Streit­kul­tur, Hin­ter­grund­wis­sen und Visio­nen. Ich freue mich des­halb sehr, die agora42 von nun an als Mit­her­aus­ge­ber beglei­ten und unter­stüt­zen zu dürfen.

 

Richard David Precht

 

_______________________

Wei­te­re Inter­views mit Richard David Precht fin­den Sie in den agora42-Aus­ga­ben Euro­pa und Ver­nunft.