“Tiere denken” von Richard David Precht – Die Zukunft der Fleischindustrie

Ab dem 17.10.2016 erscheint das neue Buch von Richard David Precht Tiere denken. Was als Herzensprojekt des Bestseller-Philosophen begann, ist nicht nur eine umfassende Abhandlung über Mensch-Tier-Beziehungen, Tierrechte und die menschliche Moral geworden. Es ist auch ein Blick in die Zukunft der Fleischindustrie – die sich heute schon abzeichnet.

 

Die Chance des Jahrhunderts!

Richard David Prechts neues Buch „Tiere denken“

Tiere denken von Richard David Precht

Tiere denken von Richard David Precht erscheint am 17.10.2016 im Goldmann Verlag.

Dass der Mensch dazu fähig ist, eine Katze zu verzärteln und gleichzeitig ein Lamm zu essen, überrascht niemanden mehr. Dieses widersprüchliche Verhalten gegenüber Tieren mitsamt seinen moralischen und ethischen Verstrickungen, wurde bereits häufig öffentlich diskutiert und ist der breiten Bevölkerung bekannt. Tiere zu essen ist überflüssig: Der menschliche Körper braucht kein Fleisch. Darüberhinaus möchte kein Schulabgänger mehr Metzger werden oder in der Massentierhaltung arbeiten.

Trotzdem: Fleisch schmeckt. Fleisch macht pappsatt. Fleisch ist schnell und einfach zubereitet. Und – in Massen produziert – ist es billig. Viele Deutsche wollen auf ihr Steak zum Mittag nicht verzichten und die Zahl der Tiere, die in deutsche Mast- und Schlachtanlagen gepfercht werden, steigt weiterhin an. Ob Prechts neues Buch daran etwas ändern wird?

Wer nun glaubt, dass Deutschlands bekanntester lebender Philosoph ab sofort den Fleischverzicht predigt und Grünkern- statt Beef-Burger empfiehlt oder die Weihnachtsgans gegen Brokkoli tauschen möchte, der irrt. Von moralischen Zurechtweisungen und Gewissensappellen ist die Gegenwartsanalyse Prechts weit entfernt. Im Gegenteil: Durch seine ungewohnt pragmatische Betrachtung des heutigen moralischen Fleischesser-Dilemmas gerät für Precht eine Lösung in den Blick, die von hitzigen Vegetarismus-Debatten bislang nicht berücksichtigt wurde.

Folgendes Rätsel gilt es zu lösen: Das Steak soll auf den Teller. Aber kein Tier soll dafür leiden müssen. Wie kann das gehen?
Für Precht ist klar: Technik und Naturwissenschaften weisen den Weg. Nutzen wir das vorhandene Know-how doch mal für die Herstellung eines schmackhaften Steaks, dass jeder guten Gewissens essen kann.

Das dies keine Utopie eines weltfremden Tierliebhabers ist, zeigt der Blick in moderne Biolabore. Dort drucken bereits heute hochkomplexe 3D-Drucker lebende Organe aus menschlichen Zellen. Der Druck eines Stücks Muskelfleischs aus Schweinezellen ist im Vergleich dazu ein Kinderspiel. Mit bestechender Klarheit führt Precht vor Augen, was erste Anzeichen bereits verkünden: Die Massentierhaltung ist ein Relikt der Moderne. Die Zukunft gehört dem Kulturfleisch.

 

Kulturfleisch García-Sancho

Richard David Precht: “Real-Beef-Fans geraten ins gesellschaftliche Abseits. Für Frauen sind sie so unsexy wie Militaria-Sammler und Schmerbäuche im NATO-Nahkampf-Look…” Illustration: Carlos García-Sancho. dedesign.tumblr.com

 

Mit Tiere denken zeigt Richard David Precht, Mitherausgeber der agora42, dass die Zukunft der Fleischproduktion im cultured beef liegt.
Klar, zu Beginn mögen die Konsumenten noch etwas skeptisch sein: „Männer lächeln darüber, sie behandeln das neue Fleisch wie alkoholfreies Bier: nicht sehr männlich, aber irgendwie ganz sinnvoll.“ Aber bereits nach einigen Jahren  ist „die Zeit, Tierhaltungsgräuel durch den Verweis auf ihren ökonomischen Vorteil zu rechtfertigen“ passé: „Die Fleischindustrie kämpft einen verzweifelten Propagandakampf – wie lange Zeit die Atomlobby –, aber sie kann nicht mehr gewinnen.“

Das ist „die Chance des Jahrhunderts“, schreibt Precht.

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Richard David Precht in agora42
Mehr dazu in dem Artikel Die Fleisch-Revolution von Richard David Precht, Mitherausgeber der agora42. Jetzt in der aktuellen Ausgabe der agora42 SEIN UND FLEISCH.

 

 

 

Richard David Precht

Richard David Precht ist seit 2011 Mitherausgeber des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42. Bekannt wurde er 2007 durch sein Sachbuch Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Seit September 2012 moderiert er die Philosophiesendung Precht im ZDF.

Editorial der Ausgabe SEIN UND FLEISCH

Editorial der Ausgabe SEIN UND FLEISCH

Geld kann man nicht essen.
 
Editorial Frank AugustinUnd doch behandeln wir es, als ob es unsere Hauptnahrungsquelle wäre. Wir hüten und mehren es wie vormals unser Vieh und das Getreide auf unseren Feldern. Statt food first gilt – davon zeugen paradigmatisch global agierende Agrarunternehmen und Lebensmittelhersteller – heute money first. Dabei ist offenkundig, dass die Art und Weise, wie Nahrung zumeist produziert wird, nämlich profitorientiert, der Menschheit gleichermaßen gewaltigen wie unnötigen Schaden zufügt. Das zeigt sich, wie in dieser Ausgabe nachzulesen ist, nirgends deutlicher als bei der Fleischproduktion.
 
All das hat mit vernünftigem Wirtschaften und gesundem Egoismus nichts zu tun, sondern ist schlichtweg verrückt. Und doch entbehrt diese Art der Produktion nicht einer eigenen Logik. Denn Geld ist viel mehr als ein Tauschmedium, das bloß der Warenvermittlung dient. Längst ist es selbst zur Ware mutiert. Nicht nur das: Es ist zur heiligen Ware geworden, zur einzig wahren Ware, deren Mehrung alle anderen Waren zu dienen haben. Um die Zukunft zu gewinnen, wird man diesem monetären Fundamentalismus abschwören müssen. Aber das heißt auch, einer Form des Wirtschaftens den Rücken zu kehren, die der Mehrung des Geldes dient. So muss Wachstum in der Fleischindustrie, wie in vielen anderen Bereichen der Wirtschaft auch, absolut vermieden werden. Im Gegenteil, ein kräftiges Schrumpfen ist angesagt. Statt Export billigen Fleischs und Wachstum um jeden Preis brauchen wir ein Mehr an Qualität. Für unsere Ernährung bedeutet dies, regionale und bäuerliche Lebensmittel zu konsumieren – und Fleisch, das von Tieren stammt, die auf der Wiese standen und nicht in einer Fabrik. Dass eine solch grundlegende Neuausrichtung des Wirtschaftens mit der Entwicklung neuer Formen der privaten Lebensgestaltung und des gesellschaftlichen Zusammenlebens verbunden werden muss, versteht sich von selbst. Beispiele für eine solche Neuausrichtung gibt es inzwischen zu Hauf und der Erfolg gibt ihnen Recht.
 
Mit dem Thema Fleisch hat sich kaum jemand so eingehend befasst wie die Heinrich- Böll-Stiftung, wovon nicht zuletzt der jährlich von ihr herausgegebene Fleischatlas eindrücklich zeugt. So freue ich mich, mit der vorliegenden Ausgabe das Resultat einer intensiven Zusammenarbeit zwischen der Heinrich-Böll-Stiftung und der agora42 präsentieren zu können. Schon beim ersten Brainstorming zeigte sich, dass philosophische Fragen nach dem Sinn des Wirtschaftens eng mit der Fleischproduktion verwoben sind. Besonderer Dank gilt Christine Chemnitz von der Heinrich-Böll-Stiftung, die mit ihrem Wissen und ihrer Begeisterung die vorliegende Ausgabe maßgeblich geprägt hat.
Wir wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Freude auf der Reise durch eine Ausgabe, die die Widersprüchlichkeit des heutigen Wirtschaftens besonders deutlich vor Augen führt. Wir werden nun die Drucklegung mit einem gemeinsamen Abendessen feiern: Scheinesteak mit Münzkartoffeln, zum Nachtisch Virtuelles von Bulle und Bär. Mh, lecker!
 
Ihr Frank Augustin

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

Richard David Precht anlässlich seiner Herausgeberschaft der agora42

 

Mit der Ausgabe 1/2011 wurde der Bestsellerautor und Philosoph Richard David Precht Mitherausgeber der agora42. Seinen Entschluss begründete er wie folgt:

 

Richard David Precht

Richard David Precht ist Mitherausgeber der agora42. Bekannt wurde er 2007 durch sein Sachbuch Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Seit September 2012 moderiert er die Philosophiesendung Precht im ZDF.

Ökonomie und Philosophie – in der heutigen Zeit wirken die beiden Begriffe einander so fremd wie die erdzugewandte und die erdabgewandte Seite des Mondes. Ökonomie, so scheint es, ist die Wissenschaft von etwas sehr Nützlichem und Praktischem, der Deckung des menschlichen Bedarfs. Philosophie dagegen ist, wenn überhaupt, die Wissenschaft von etwas Unnützem und Theoretischem, den Mußestunden des Lebens vorbehalten; ein Hobby für Menschen mit hinreichend Geld und Zeit.

Es scheint so. Tatsächlich jedoch ist Ökonomie eine sehr philosophische Wissenschaft. Denn was ist der menschliche Bedarf? Was gehört dazu und was nicht? Wer bestimmt die Ziele des Wirtschaftens? Liegen sie in Kurven und Tabellen verborgen, lassen sie sich kühl berechnen? Oder sind sie nicht vielmehr eine gesellschaftliche Festsetzung auf der Grundlage philosophischer Überlegungen?

Die bedeutendsten Ökonomen der Menschheitsgeschichte waren Philosophen, von Adam Smith über John Stuart Mill zu Karl Marx. Für sie war Ökonomie die praktische Umsetzung eines philosophischen Ziels: die Chance auf ein erfülltes Leben für möglichst viele Menschen. Dass sich Ökonomen kaum noch für Philosophie, Philosophen kaum mehr für Ökonomie interessieren, ist unter solchen Voraussetzungen ein gesellschaftliches Fiasko. Soll man den Wert und den Erfolg des Wirtschaftens allein am Wachsen des Bruttoinlandsprodukts bemessen? Ist Wirtschaft gut, wenn sie Wachstumsraten produziert, und schlecht, wenn sie stagniert? Und trägt materielles Wirtschaftswachstum zu allen Zeiten und ohne Einschränkung dazu bei, dass möglichst viele Menschen die Chance auf ein erfülltes Leben bekommen?

Sein Leben mit Gütern anzufüllen, so lehrt uns unser privilegiertes Leben in den reichen Ländern der westlichen Welt, ist noch nicht gleichbedeutend mit Erfüllung. Ökonomie ohne Philosophie ist leer. Philosophie dagegen, die sich um die ökonomischen Gegebenheiten nicht schert, ist blind für das tatsächliche Leben der Menschen. Viele Fragen nach einem erfüllten Leben sind heute unbeantwortet – wie auch die Theoreme der Wirtschaft oft unhinterfragt bleiben. In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, die Güter wie Zeit, Anerkennung, Liebe und Achtung in den Mittelpunkt eines erfüllten Lebens stellt, stellen sich zugleich Fragen nach einer neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung. Was die Moderne leisten sollte, hat sie – zumindest in den wohlhabenden Ländern der westlichen Welt – erfüllt. Was nun ansteht, ist eine neue Moderne.

In dieser spannenden Zeit bietet die agora42 eine ganz hervorragende Plattform für Positionen und Theorien, Austausch und Streitkultur, Hintergrundwissen und Visionen. Ich freue mich deshalb sehr, die agora42 von nun an als Mitherausgeber begleiten und unterstützen zu dürfen.

 

Richard David Precht

 

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Weitere Interviews mit Richard David Precht finden Sie in den agora42-Ausgaben Europa und Vernunft.