Freiheit: Einfach leben im Kapitalismus – Interview mit Anna Torus

Freiheit: Einfach leben im Kapitalismus

Inter­view mit Anna Torus

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten der Philosophiestudentin und Bloggerin Anna Torus. Sie spricht über die Suche nach dem Lebenssinn, den nimmersatten Kapitalismus und den Trend zum Minimalismus, sowie: Freiheit …

 

Frau Torus, kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unter­stel­len?

Im Moment zu leben und „ein­fach nur“ zu sein scheint mir des­halb eine so gro­ße Sehn­sucht vie­ler Men­schen in der Gegen­wart, weil sie zwar de fac­to in gewis­sen Ord­nungs­struk­tu­ren leben, die­se aber als been­gend erfah­ren. Sie füh­len sich nicht nur durch einen ermü­den­den und gleich­för­mi­gen Arbeits­all­tag bedrängt und ent­mün­digt, son­dern auch durch die stän­di­gen Impe­ra­ti­ve und For­de­run­gen der Kon­sum­ge­sell­schaft. Es ist nicht so, als wür­de es an ord­nen­den Struk­tu­ren feh­len. Sie sind da und for­men unse­re Gesell­schaft, auch wenn sie sich dabei nicht gera­de in den Vor­der­grund drän­gen und so oft­mals nur ein vages Gefühl zurück­las­sen, dass „etwas falsch läuft“. Die­ses stil­le Wir­ken sowie die all­ge­mei­ne Beschleu­ni­gung und grel­le Über­zeich­nung des „Lebens“, wel­che sie erzeu­gen, schei­nen mir mög­li­che Grün­de dafür zu sein, dass sich der Wunsch nach Struk­tur und Ord­nung ver­stärkt hat. Wir wol­len aber eigent­lich nicht irgend­ei­ne Struk­tur oder Ord­nung, son­dern eine sol­che, in der wir „ein­fach leben“ kön­nen. Das schließt sich gar nicht unbe­dingt aus. Der Mensch hat die berech­ti­ge Sehn­sucht danach, in Rah­men­be­din­gun­gen zu leben, die ihm freie Ent­fal­tung ermög­li­chen. Nur inner­halb einer offe­nen Struk­tur kön­nen wir es uns erlau­ben, „nur zu sein“. In der jet­zi­gen, die uns bloß eine Schein-Frei­heit vor­spie­gelt, wür­de dies eine Gedan­ken­lo­sig­keit mit sich füh­ren, die wir uns nicht leis­ten kön­nen. Eine wirk­lich offe­ne Struk­tur wür­de es mit sich brin­gen, dass wir auch ruhi­gen Gewis­sens uns selbst und die Sinn­fra­ge ein­mal ver­ges­sen könn­ten, weil wir nicht mehr nach dem Sinn suchen, son­dern ihn im Moment erfah­ren. Das akti­ve Suchen nach Sinn (oder Frei­heit) ent­steht immer auch aus einem Man­gel her­aus. Seh­nen wir uns nach Sinn, so ist das kein Luxus­be­dürf­nis, son­dern ein berech­tig­ter Anspruch unse­rer Men­schen­na­tur, die damit anzeigt, wie sehr sie unter der all­täg­lich erfah­re­nen Sinn­lo­sig­keit lei­det.

 

Ist unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on nicht erschre­ckend ein­fach? Denn auf­grund der dra­ma­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen des Kapi­ta­lis­mus – man den­ke nur an die gigan­ti­sche Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die in den letz­ten 40 Jah­ren auf­ge­pumpt wor­den ist – haben wir eigent­lich nur die Wahl zwi­schen einer öko­no­mi­schen Kata­stro­phe oder aber, soll­te irgend­wie das nöti­ge Wachs­tum gene­riert wer­den, einer öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe.

Anna Torus ist das Pseud­onym einer blog­gen­den Phi­lo­so­phie­stu­den­tin im fort­ge­schrit­te­nen Semes­ter, Jahr­gang 1991, die der­zeit in Ber­lin lebt. Wei­te­re Tex­te von ihr fin­den Sie hier: https://annatorus.wordpress.com

Ich den­ke eher, dass wir in jedem Fall mit einem Sowohl-als-auch-Sze­na­rio rech­nen müs­sen, solan­ge wir uns inso­fern für das „ein­fa­che“ Leben ent­schei­den, als wir die gegen­wär­ti­ge Gesell­schafts­struk­tur stumm beja­hen. Das vom Men­schen selbst geschaf­fe­ne Mons­ter des Kapi­ta­lis­mus ist nim­mer­satt, es frisst öko­lo­gi­sche Res­sour­cen wie mensch­li­che Arbeits- und Geis­tes­kraft und kann sich am Ende doch bloß über­fres­sen und alles wie­der hin­aus­wür­gen. Es ist gewiss „ein­fach“, dem zuzu­se­hen, doch heißt die­se Ein­fach­heit nicht Leben. Die­se Art Ein­fach­heit wäre die glei­che, für die sich der Skla­ve ent­schei­det, damit er vom Herrn nicht geschla­gen wird. Haben wir das Bedürf­nis nach „Ein­fach­heit“, so mei­nen wir damit eigent­lich Frei­heit von Leid und struk­tur­be­ding­ten Pro­ble­men. Und bei jeder Wahl hof­fen wir wie Kin­der, dass die neu­es­ten Ver­tre­ter der Ein­heits­par­tei der Alter­na­tiv­lo­sig­keit sie uns die­ses Mal viel­leicht doch besche­ren wer­den.

 

Ist das mini­ma­lis­ti­sche Leben eine »zu ein­fa­che« Ant­wort auf die Kom­ple­xi­tät des Lebens und die Suche nach einem tie­fe­ren Sinn?

Der Mini­ma­lis­mus-Trend scheint mir dann „zu ein­fach“ gera­ten, wenn er als blo­ße indi­vi­dua­lis­ti­sche Abs­trak­ti­on inter­pre­tiert wird. Das Indi­vi­du­um wird in den Mit­tel­punkt gestellt und dar­über oft die tie­fe­ren gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ursa­chen ver­ges­sen. Die extre­me Zurück­nah­me indi­vi­du­el­ler Kon­sum­tä­tig­keit allei­ne kann kein Heils­weg sein. Sie führt im Gegen­teil aktu­el­le Ten­den­zen der Selb­st­op­ti­mie­rung und des neo­li­be­ra­len Dog­mas „Du allein bist selbst ver­ant­wort­lich“ fort. Der Mini­ma­lis­mus als Trend lenkt das Augen­merk pro­ble­ma­ti­scher­wei­se auf den­je­ni­gen Teil der Gesell­schaft, der durch sein Kon­sum­ver­hal­ten bloß mit­tel­bar ver­ant­wort­lich ist. Mög­li­che Fra­gen nach den Ursa­chen des Kon­sum­ver­lan­gens oder der Bedürf­nis­er­zeu­gung gera­ten in den Hin­ter­grund.

Begrei­fen wir Mini­ma­lis­mus dage­gen als Geis­tes­hal­tung, als eine Art Übung oder Aske­se des Bewusst­seins, so bin ich sehr dafür. Die Kom­ple­xi­tät des Lebens wird begreif­li­cher, wenn wir unse­ren Blick so schu­len, dass er immer nach dem Wesent­li­chen sieht. Wir ler­nen, unse­rem Drang nach Klar­heit zu ver­trau­en und der Ver­su­chung nicht nach­zu­ge­ben, uns im Unwe­sent­li­chen zu ver­lie­ren. Son­dern stets die Din­ge noch kla­rer, noch ein­fa­cher ver­ste­hen zu wol­len. Damit ist kei­nes­falls eine Ver­ein­fa­chung gemeint. Ein­fach­heit ist hier nicht mit Bequem­lich­keit zu ver­wech­seln, eine sol­che bedürf­te jeden­falls kei­ner Übung. Viel­mehr wird es schwie­ri­ger, weil man sich mit dem „Nächst-Bes­ten“, dem „Ein­fa­chen“ im Sin­ne des Beque­men nicht zufrie­den­ge­ben mag, wie man an der Phi­lo­so­phie sieht, die vom Kom­pli­zier­ten zum Ein­fa­chen fort­schrei­tet. Eine sol­che mini­ma­lis­ti­sche Bewusst­seins-Übung kann wie­der­um nur vom Indi­vi­du­um aus­ge­hen, mit dem Unter­schied aller­dings, dass sie ihr Augen­merk auf das Gan­ze rich­tet.


Was macht das Leben wirk­lich ein­fa­cher?

Ein Wort: Frei­heit. Aller­dings nicht als „chao­ti­sche“ Frei­heit ver­stan­den, son­dern als sol­che, die inner­halb von Struk­tu­ren ent­steht, wel­che bei aller Bestän­dig­keit den leben­di­gen Wan­del immer wie­der her­aus­for­dern.

 

 

 

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Die aktu­el­le agora42 zum The­ma EINFACH LEBEN ver­schi­cken wir ver­sand­kos­ten­frei. Lesen Sie span­nen­de Bei­trä­ge u.a. von Robert Pfal­ler (“Das nack­te und das gute Leben”), Ulri­ke Gué­rot (“Euro­pa ein­fach machen – ein­fach Euro­pa machen”), Frank Ruda (“Ein­fach nicht ein­fach”) und Mads Pan­kow (“End­lich wei­ter­ma­chen – Wer kei­ne Uto­pi­en hat, dem bleibt nur die Zukunft.”)

 

 

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Low-tech Magazine – Zweifel an Fortschritt und Technik

LOW-TECH MAGAZINE

Zweifel an Fortschritt und Technik

 

Die zuneh­men­den digi­ta­len High­tech-Lösun­gen für all­täg­li­che rou­ti­nier­te Abläu­fe machen uns vor allem eins: ver­letz­lich. Spä­tes­tens seit dem Hor­ror­sze­na­rio gehack­ter Strom­net­ze, das Marc Els­berg in sei­nem Thril­ler Black­out ent­wirft, ist klar, dass unse­re ver­netz­te Gesell­schaft längst von digi­ta­len Steue­run­gen abhän­gig ist. Der unein­ge­schränk­te Glau­be an die Seg­nun­gen der digi­ta­len maschi­nel­len Ver­net­zung beginnt zu brö­ckeln und die Absi­che­rung der mäch­ti­gen Kris De Deckerdigi­ta­len Net­ze ver­schlingt immer grö­ße­re Men­gen an Geld, Strom und Zeit. Man­che mun­keln schon, dass es voll­kom­men unöko­no­misch ist, in künst­li­che Intel­li­gen­zen zu inves­tie­ren, die mensch­li­che Arbeit über­flüs­sig machen.

Der gebür­ti­ge Bel­gi­er Kris De Decker wehrt sich ent­schie­den gegen die Annah­me, dass jedes Pro­blem eine High­tech-Lösung habe. 2007 begann er mit der Grün­dung des Online-Maga­zins lowtechmagazine.com den Tech­nik­glau­ben infra­ge zu stel­len. Ein­mal pro Monat ver­öf­fent­licht er einen Arti­kel, in dem er über­ra­schend unkon­ven­tio­nel­le, ana­lo­ge Lösun­gen für unse­re All­tags­pro­ble­me vor­stellt, oder über die fata­len Fol­gen, wel­che durch „High­tech-Lösun­gen“ her­vor­ge­ru­fen wer­den, auf­klärt. Das Low-tech Maga­zi­ne wirft einen neu­en Blick auf unse­re „fort­schritt­lich“ aus­ge­stat­te­ten Büro­räu­me und zeigt deren Kehr­sei­te: die rasan­te Zunah­me des Ener­gie­ver­brauchs. Es unter­sucht, wie man auch in der Stadt ener­gie­aut­ark leben kann oder stellt eine Bau­an­lei­tung für ein unab­hän­gi­ges Low­tech-Inter­net zur Ver­fü­gung. Sol­che selbst­ge­bau­ten dezen­tra­len Net­ze sind bereits welt­weit zu fin­den – das größ­te zählt der­zeit 35.000 Nut­zer.

 

Ich finde Hightech ziemlich langweilig.

Kris De Decker, Gründer des Low-tech Magazines

Herr Decker, leh­nen Sie tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt per se ab?

Ich leh­ne tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt nicht prin­zi­pi­ell ab, wohl aber die Rich­tung, die er ein­ge­schla­gen hat. Schließ­lich wer­den bei der Ent­wick­lung neu­er Tech­no­lo­gi­en die wah­ren Kos­ten, der Ener­gie­ver­brauch und die Aus­wir­kun­gen auf unse­re öko-sozia­le Umwelt noch lan­ge nicht berück­sich­tigt. Sämt­li­che „Inno­va­tio­nen“ füh­ren nur dazu, dass immer mehr der end­li­chen Res­sour­cen ver­braucht wer­den. Wir müss­ten tech­ni­sche Inno­va­tio­nen völ­lig neu den­ken, damit sie uns in ganz ande­ren Kon­tex­ten wirk­lich hilf­reich sind.

 

Was erach­ten Sie als die größ­te Bedro­hung durch die Digi­ta­li­sie­rung?

Da ist zum einen der stei­gen­de Ener­gie­ver­brauch, der mit der Digi­ta­li­sie­rung ver­bun­den ist. Außer­dem erhöht die Digi­ta­li­sie­rung die Gefahr eines Kom­plett­aus­falls unse­rer Tech­nik: Das Ers­te, was Afri­ka­ner machen, wenn sie ein impor­tier­tes Auto aus dem Wes­ten recy­celn ist, dass sie sämt­li­che Elek­tro­nik ent­fer­nen. Zuletzt darf man nicht ver­ges­sen, dass die Digi­ta­li­sie­rung einen immensen Ein­fluss auf die zwi­schen­mensch­li­che Inter­ak­ti­on hat – wer weiß, viel­leicht ver­ges­sen wir irgend­wann, dass wir auch ohne tech­ni­sche Gerä­te mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren kön­nen? Wir nähern uns jeden Tag der dys­to­pi­schen Kurz­ge­schich­te „When the Machi­ne Stops“, die E. M. Fors­ter bereits 1905 geschrie­ben hat. Dar­in kom­mu­ni­zie­ren die Men­schen nur noch über Bild­schir­me mit­ein­an­der.Kris De Decker Low-tech
 
 
 

Low-tech Magazine refuses to assume that every problem has a high-tech solution.”

 
 
 
In der Moder­ne ist Tech­nik weit mehr, als die Fähig­keit mit­tels einer Maschi­ne eine Arbeit zu erle­di­gen. Gera­de wenn man sich den Kult um ein glän­zen­des neu­es iPho­ne ansieht. Glau­ben Sie, dass Low­tech jemals so sexy sein kann wie ein iPho­ne?

Also ich fin­de Low­tech sogar viel sexy­er! Wäh­rend mir ein iPho­ne reich­lich egal ist, kann ich gera­de­zu in Ver­zü­ckung gera­ten, wenn ich ein stra­pa­zier­fä­hi­ges Werk­zeug ent­de­cke, dass ganz ohne Strom funk­tio­niert, oder ein Schub­kar­ren, der vom Wind ange­trie­ben wird, oder einen Zug mit Peda­lan­trieb. Ehr­lich gesagt, fin­de ich High­tech ziem­lich lang­wei­lig.

 

Wie wür­de sich unse­re Wirt­schaft ändern, wenn Low­tech an Stel­le der High­tech-Lösun­gen tre­ten wür­den?

Die Idee des unend­li­chen Wachs­tums geht ein­her mit der Vor­stel­lung eines unend­li­chen tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts. Unter­neh­men ver­su­chen stän­dig, ihre Pro­fi­te zu stei­gern, indem sie „Inno­va­tio­nen“ vor­an­trei­ben. Wenn wir die­se Dyna­mik ein­fach durch Low­tech-Lösun­gen erset­zen wür­den, wäre unser heu­ti­ges Wirt­schafts­sys­tem am Ende. Letzt­lich geht es mir also auch um alter­na­ti­ve Wirt­schafts­sys­te­me. Aber ich glau­be, dass es ein­fa­cher ist, sich eine alter­na­ti­ve Wirt­schaft vor­zu­stel­len, wenn man sie anhand von alter­na­ti­ver Tech­nik und nicht-digi­ta­len Werk­zeu­gen, die uns jeden Tag hel­fen, ver­an­schau­licht – anstatt nur im theo­re­ti­schen Dis­kurs zu blei­ben.

 

Sie schrei­ben neben dem Low-tech Maga­zi­ne auch noch für das No Tech Maga­zi­ne. Was ist Ihnen lie­ber: Low­tech oder Notech?

Auch wenn der Titel es sug­ge­riert, plä­die­re ich mit dem No Tech Maga­zi­ne nicht für eine radi­ka­le Abkehr von der Tech­nik. Der Mensch braucht Tech­nik, um zu über­le­ben – sei es ein Speer oder ein Feu­er­stein. Oft wird jedoch ange­nom­men, dass die ein­zi­ge Lösung für ein Pro­blem eine tech­ni­sche Lösung sei, anstatt sich zu über­le­gen, wie man anders mit dem Pro­blem umge­hen könn­te. Bei­spiels­wei­se sehen wir immer ener­gie­ef­fi­zi­en­te­re Kühl­schrän­ke, stel­len uns aber nie die Fra­ge, wie sinn­voll es ist, dass unser Lebens­mit­tel­sys­tem auf kon­stan­te Küh­lung ange­wie­sen ist. Wir befin­den uns als Gesell­schaft an einem Punkt, an dem wir über extrem fort­schritt­li­che Tech­no­lo­gi­en ver­fü­gen. War­um soll­ten wir nicht kurz inne­hal­ten und uns fra­gen, ob wir die­sen Weg wei­ter­ge­hen wol­len – vor allem da die Pro­ble­me ja nicht weni­ger, son­dern mehr wer­den?

 

Das Low-tech Maga­zi­ne von Kris De Decker fin­den Sie hier.

Haben Sie das Gefühl, in einer Krise zu sein?” – Der Kapitalismus auf der Couch

Die­ses Behand­lungs­pro­to­koll ist erst­mals ins agora42 1/2017 DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH erschie­nen. In die­ser Aus­ga­be wird der Kapi­ta­lis­mus in vier the­ra­peu­ti­schen Sit­zun­gen ana­ly­siert. Die ers­te Sit­zung fasst Chris­ti­an Schü­le zusam­men:
kapitalismus agora42
 

Der depressive Patient
Behandlungs-Protokoll: Systemische Therapie mit gestalttherapeutischen Anteilen

 
 
All­ge­mei­ner Ein­druck des Pati­en­ten:
Pati­ent K ver­hält sich auf­fal­lend auf­fäl­lig. Er kann nicht still sit­zen und springt unver­hofft auf, um wäh­rend des Gehens ohne Punkt und Kom­ma zu reden. Mich nimmt er sel­ten wahr, manch­mal ver­schluckt er Sil­ben. Fra­gen, die sei­nen Mit­tei­lungs­drang unter­bre­chen, igno­riert er. Ein­wän­de sind in sol­chen Momen­ten nicht mög­lich. Eine kla­re Gedan­ken­füh­rung habe ich nicht bemerkt. K ist ner­vös, unge­dul­dig und ver­voll­stän­digt mei­ne Sät­ze, weil ich ihm, wie er sagt, zu schlep­pend rede. Per­ma­nent strei­chelt er mit dem rech­ten Dau­men über das Deck­glas sei­ner Arm­band­uhr. Mein Ein­druck: Ks Leben ist ein streng getak­te­ter Ablauf­plan kurz­fris­ti­ger Arran­ge­ments, die stän­dig koor­di­niert wer­den müs­sen.
 
diktiergeraet
 
Sprach­me­mo 1:

K: Sie müs­sen in jedem Fall über Ihre Gren­zen gehen, wis­sen Sie, es ist ent­schei­dend, dass Sie immer Ihre Gren­zen über­schrei­ten, dar­in liegt der Sinn unse­rer Natur, ohne Grenz­über­schrei­tung hät­te das Leben ja kei­ne …

Ich: Sie mei­nen: hät­te Ihr Leben.

K: … Span­nung. Mein Leben? Mein Leben ist gleich­zu­set­zen mit dem Leben an sich. Wir befin­den uns in einem per­ma­nen­ten Kampf! Da drau­ßen ist Krieg, ver­ste­hen Sie? Da ist der Krieg der Wöl­fe! Da zählt fürs Über­le­ben nur der Sieg.

Ich: Füh­len Sie sich bedroht?

K: Ich bin Top-Per­for­mer und die aller­meis­ten da drau­ßen sind Low-Per­for­mer. Top-Per­for­mer haben das Recht, allen ande­ren vor­ge­zo­gen zu wer­den. Rich­tig, oder? Als Top-Per­for­mer brau­chen Sie die bes­ten Umstän­de, um sich ent­fal­ten zu kön­nen. Ohne Stei­ge­rung führt sich das Sys­tem selbst in die Grüt­ze, weil es die eige­nen Repro­duk­ti­ons­kräf­te hemmt: Es bleibt ste­hen, und alles, was ste­hen bleibt, ist tot. Das ist unbe­streit­bar!

 
 
Notat 1:
Der Fra­ge, ob er sich vor einem Leben ohne Span­nung und Beloh­nung fürch­te, ent­geg­net K gereizt, Furcht sei etwas für die Zukurz­ge­kom­me­nen! Das Prin­zip der Selbst­über­schrei­tung habe er bereits in sei­ner Jugend als vor­teil­haft erkannt und aus­ge­lebt. Es treibt ihn an, erregt ihn, bringt ihm Lust. K ist voll­ends abhän­gig von der Bestä­ti­gung und Auf­merk­sam­keit ande­rer, die er als Bewun­de­rung miss­ver­steht. Er ver­neint mei­ne Fra­ge, ob ihm ein Mensch gleich­wer­tig sein kön­ne. Wert hat für ihn nur, was ihn von allen ande­ren abhebt, vor allem im direk­ten Ver­gleich: Der Bonus ist für ihn die höchs­te Form der Unter­schei­dung und Wert­schät­zung sei­ner Per­son. Er ist ein Fetisch, auf den sich Ks Libi­do-Ener­gie kon­zen­triert. Als Con­sul­tant-Mana­ger einer gro­ßen Media-Agen­tur ent­wi­ckelt K Pro­duk­te, die ihn nicht inter­es­sie­ren. Sein ein­zi­ges Inter­es­se ist die Beschleu­ni­gung der Pro­dukt-Plat­zie­rung und der Vor­teil, den er dadurch hat. „Wer Bedürf­nis­se kre­iert, Men­schen zu deren Befrie­di­gung sti­mu­liert und ihre Lust dann mit pass­ge­nau ent­wi­ckel­ten Pro­duk­ten befrie­digt“, sagt er, „habe nie­mals Fei­er­abend.“ K hat den Ehr­geiz, höhe­re Quo­ten zu erzie­len als die ande­ren Abtei­lun­gen sei­nes Unter­neh­mens; er benutzt dabei das Wort „Spiel“. Durch sei­ne Fixie­rung auf die Beschleu­ni­gung von abs­trak­ten Abläu­fen wur­de K von einer Stei­ge­rungs­lo­gik ver­ein­nahmt, der er nicht mehr ent­kom­men kann. Sie erlaubt ihm nur, ent­we­der nach oben zu lau­fen oder nach unten zu fal­len. Eine ande­re Mög­lich­keit sieht er nicht. K ist Gefan­ge­ner im eige­nen Pan­op­ti­kum: Er hat zwi­schen sich und die Rea­li­tät eine dop­pel­sei­tig spie­gel­ver­glas­te Trenn­wand ein­ge­zo­gen. In den Spie­geln sieht er nur sich selbst.
 
 
Sprach­me­mo 2:
Ich: Wenn Sie sich ein­mal betrach­ten – was sehen Sie?

K: Einen High Poten­ti­al Anfang vier­zig.

Ich: Das mei­ne ich nicht.

K: Dann fra­gen Sie prä­zi­ser.

Ich: Was ver­kör­pern Sie für sich selbst?

K: Ich weiß nicht, was die­se Fra­gen sol­len. Ich habe Ihnen das schon so oft gesagt: In mir ver­kör­pert sich unser Sys­tem. In mir zeigt sich der Wohl­stand die­ses Lan­des. Da habe ich doch Respekt ver­dient, mei­nen Sie nicht?

Ich: Ich mein­te nicht, was Sie sind, son­dern wen Sie sehen?

K: Das ist das Glei­che.

Ich: Gut, dann fra­ge ich anders: Haben Sie das Gefühl, in einer Kri­se zu sein?

K: Kri­se? Wenn da eine Kri­se sein soll­te, kann ich sie mir nicht leis­ten. Kri­sen sind dazu da, über­wun­den zu wer­den. Kri­sen und Kri­tik müs­sen ein­ver­leibt, neu­tra­li­siert und sofort pro­duk­tiv umge­setzt wer­den.

 
 
Notat 2:
K kann kei­ner­lei Ver­ständ­nis für Schwa­che auf­brin­gen. Schwä­che eke­le ihn, sagt er wört­lich. Er ver­ach­te Men­schen, die sich per­ma­nent zum Opfer jener Umstän­de sti­li­sie­ren, die er bestimmt. Mei­ne Fra­ge, ob er spü­ren kön­ne, dass sich die Mit­ar­bei­ter sei­ner Abtei­lung von ihm los­ge­sagt hät­ten, ver­neint er vehe­ment. Er glaubt, die Kol­le­gen eifer­ten sei­nem Vor­bild nach und bewun­der­ten ihn für sei­ne Erfolgs­quo­te. Wenn er über­haupt von ande­ren spricht, sind dies aus­nahms­los Män­ner. Er kann sie indi­vi­du­ell nicht kon­tu­rie­ren, aber es ist klar, dass alle, von denen er erzählt, eine Ähn­lich­keit mit ihm selbst besit­zen: das glei­che Alter, das glei­che Äuße­re und die glei­che Pas­si­on, Bedürf­nis­se zu schaf­fen, von denen die Kon­su­men­ten bis­lang nichts wuss­ten. K redet nicht über Mit­bür­ger, son­dern über Pro­dukt­nut­zer. Wenn er redet, ist er grund­sätz­lich nicht in der Lage, die Augen zu schlie­ßen. Wir spra­chen über Ks Träu­me: Er bestand dar­auf, kei­ne Träu­me zu haben, son­dern Visio­nen.
 
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Sprach­me­mo 3:
Ich: Sie sind zu mir gekom­men, weil Sie die Befürch­tung hat­ten, „heiß­zu­lau­fen“.

K: Heiß­zu­lau­fen?

Ich: So haben Sie das gesagt.

K: Ich bin gekom­men, weil mein Arzt mich zu Ihnen geschickt hat. Aber ich bin auf gar kei­nen Fall krank.

Ich: Nun, Sie kön­nen nicht mehr schla­fen! Das fin­de ich durch­aus bedenk­lich.

K: Wir kön­nen uns Schlaf nicht leis­ten. Wozu auch? Schlaf ist Still­stand.

Ich: Ver­ach­ten Sie Mit­men­schen, die nicht mit­hal­ten kön­nen?

K: Sie könn­ten ja mit­hal­ten, aber sie wol­len nicht, ver­ste­hen Sie? Kann nicht, gibt’s nicht! Die wol­len ein­fach nicht und machen den Lea­dern das Leben schwer.

Ich: Sie haben behaup­tet, dass der Wert eines Men­schen dar­in besteht, sich selbst stets zu „inves­tie­ren“.

K: Jeder von uns ist sei­ne eige­ne Aktie. Jeder inves­tiert sich selbst und kas­siert dafür eine Ren­di­te, so geht das Spiel.

 
 
Notat 3:
Im Ver­lauf der Sit­zung wur­de deut­lich, dass sich der Wert des Men­schen für K über sein Kön­nen, oder bes­ser: über sein Kön­nenwol­len defi­niert. Im Gegen­satz zum mora­li­schen Sol­len, mit dem kla­re Vor­ga­ben ver­bun­den sind, ist das Kön­nen­wol­len per defi­ni­tio­nem unbe­grenzt und unend­lich stei­ger­bar. Es hat kei­nen Anfang und kein Ende, son­dern ent­wi­ckelt sich aus sich selbst her­aus ad infi­ni­tum. Kön­nen­wol­len bezeich­net die gren­zen­lo­se Mög­lich­keit des Wer­dens. K bemisst zwar den Wert des Men­schen an sei­nem Kön­nen, kann jedoch nicht defi­nie­ren, was die­ses Kön­nen aus­macht: Jeder müs­se selbst wis­sen, was er kann. Kön­nen heißt für ihn auch, dass jeder Mensch gänz­lich auf sich allein gestellt ist, denn nur der Ein­zel­ne selbst kann das Kön­nen wol­len. Den Men­schen zum per­ma­nen­ten Auf­bruch anzu­trei­ben, ist Aus­druck der Logik, die K dem Leben unter­stellt: Alles, was ist, muss wach­sen. Alles, was wächst, wirft immer etwas ab, sonst wäre es Nega­tiv­wachs­tum. Wenn der ein­zel­ne Mensch nicht zum posi­ti­ven Wachs­tum bei­trägt, dann schei­tert er K zufol­ge an sei­ner Bestim­mung. Immer wie­der weist K dar­auf hin, dass nie­mand ande­res für das Schei­tern haft­bar zu machen ist, als das nicht-kön­nen­wol­len­de Indi­vi­du­um selbst.
 
 
Sprach­me­mo 4:
Ich: Sie sind, laut Ihres Über­wei­sungs­scheins, auch des­halb zu mir gekom­men, weil Ihnen ein schmerz­haf­tes Ereig­nis wider­fah­ren ist.

K: Ich habe kei­ne Schmer­zen.

Ich: Gut, sagen wir: ein für Sie pro­ble­ma­ti­sches Ereig­nis.

K: Pro­ble­me löse ich, ver­ste­hen Sie? Nein, ich bin gekom­men, weil … weil mein Sexu­al­trieb … also, weil die­ser Trieb mich zu oft von der Arbeit ablenkt.

Ich: Das mein­te ich nicht. Sie sind gekom­men, weil Sie zusam­men­bra­chen, nach­dem eine jun­ge Kol­le­gin sich Ihnen wider­setzt hat und –

K: Ich bin kei­nes­falls zusam­men­ge­bro­chen!

Ich: Sie hat­ten einen Wein­krampf.

K: Das ist ein Miss­ver­ständ­nis.

Ich: Wor­in genau besteht die­ses Miss­ver­ständ­nis?

K: Die Kol­le­gin hat nicht ver­stan­den, dass sie schlecht per­formt.

Ich: Hat die Kol­le­gin Sie denn nicht zurück­ge­wie­sen?

K: Nie­mals! Als Low-Per­for­mer schmä­lert sie mein Ergeb­nis. Die­se Frau hat mich nicht ver­dient.

Ich: Was genau hat sie nicht ver­dient?

K: Mei­ne Aner­ken­nung.

Ich: Aber war es nicht gera­de anders­her­um?

K: Wir machen jetzt mal eine Ziga­ret­ten­pau­se.

agora42 Kapitalismus gehirn
 
 
Notat 4:
Nach der kur­zen Unter­bre­chung schil­dert K die Situa­ti­on fol­gen­der­ma­ßen: Er sei sich sicher gewe­sen, dass die jun­ge Kol­le­gin, Mit­te zwan­zig, die seit einem hal­ben Jahr in sei­ner Abtei­lung arbei­tet, ihm zwar wider­ste­hen woll­te, es aber nicht konn­te. Also habe er, um „die Sache abzu­kür­zen“, den direk­ten Weg gewählt und sie an besag­tem Don­ners­tag vor acht Wochen gegen 21 Uhr in sein Büro gebe­ten. Als sie dort nicht erschie­nen sei, habe er sie ange­ru­fen. Die Kol­le­gin ent­geg­ne­te, dass sie bis Punkt 18 Uhr arbei­te und kei­ne Minu­te län­ger. Sie frag­te ihn, ob er das nicht wis­se. Zwei Tage spä­ter, kurz vor sei­nem eige­nen Objec­tive-Talk mit dem CEO, sei sie zum monat­li­chen Ziel­ver­ein­ba­rungs­ge­spräch in sei­nem Büro erschie­nen. Genau­er woll­te K den Vor­gang nicht schil­dern, aber offen­bar hat die jun­ge Kol­le­gin sei­ne Hand von ihrer Brust genom­men, den Kopf schief gelegt und sehr lan­ge künst­lich gegähnt.
 
 
Notat 5:
Die Ohn­macht, die K bei der Zurück­wei­sung durch die Kol­le­gin ver­spür­te, zeigt, dass er ver­wei­ger­ter Aner­ken­nung nicht gewach­sen ist. Das gelang­weil­te Gäh­nen der jun­gen Frau kon­fron­tier­te ihn mit sei­ner eige­nen Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Er fühl­te sich nicht ange­grif­fen, son­dern aus­sor­tiert. Die Angst, er könn­te Attrak­ti­vi­tät und Macht ver­lie­ren, wenn die nach­fol­gen­de Gene­ra­ti­on ihn nicht mehr aner­kennt, hat K in die Depres­si­on geführt. Die Kol­le­gin stellt nicht nur sei­ne Rol­le als Heroe der Fir­ma infra­ge, son­dern das Sys­tem, auf dem sein Selbst­wert basiert. Dies führt bei K zu einem Iden­ti­täts­bruch, ver­gleich­bar mit dem Sprung eines Spie­gel­gla­ses. Seit­her kann er die Frag­men­te sei­ner Per­sön­lich­keit nicht mehr zusam­men­den­ken.
K fasst jeg­li­che Beloh­nung als gerecht­fer­tig­te Gra­ti­fi­ka­ti­on nicht nur sei­ner Arbeit, son­dern sei­nes Daseins als sol­chem auf. Bei aus­blei­ben­der Beloh­nung ist er jedoch unre­gu­lier­bar. K ist über­zeugt vom extrem hohen Wert sei­ner Arbeit und unter­schei­det nicht mehr in gute und schlech­te, rich­ti­ge und fal­sche Hand­lun­gen. Er hat sei­ne Selbst­steue­rungs­fä­hig­keit völ­lig ein­ge­büßt. K glaubt, dass er letzt­lich auf ande­re Men­schen ver­zich­ten kann. Durch die dau­er­haf­te Aus­trei­bung des Ande­ren aus sei­ner Wahr­neh­mung ist ihm jedes Maß ver­lo­ren gegan­gen. Schließ­lich ist er in sei­ner Käl­te erst „heiß­ge­lau­fen“ und hat sich dann selbst ver­lo­ren.
 
 
Schluss-Notat:
Auf bis­her prä­ze­denz­lo­se Wei­se ver­mag der Pati­ent sei­ne depres­si­ven Pha­sen so zu neu­tra­li­sie­ren, dass aus dem Akti­vi­täts­ver­lust und der Nie­der­ge­schla­gen­heit über­höh­te Wahn­vor­stel­lun­gen ent­ste­hen. Sein chro­ni­sches Schlaf­de­fi­zit führ­te bis­lang nicht zu einem geschwäch­ten Immun­sys­tem oder zu gestie­ge­ner Anfäl­lig­keit für Krank­hei­ten. K hat aber­mals abge­nom­men, der Gür­tel lässt sich nicht mehr enger schnal­len. Ich habe dem Pati­en­ten ein vier­wö­chi­ges Exer­zi­ti­um im Klos­ter St. Boni­fa­ti­us emp­foh­len und ihm für die Über­gangs­zeit Lithi­um und Neu­ro­lep­ti­ka zur Dämp­fung psy­cho­tisch-wahn­haf­ter Sym­pto­me ver­schrie­ben. Ich sehe zwei trif­ti­ge Grün­de für die Fort­set­zung der The­ra­pie in Form der Ana­ly­se: Ers­tens Ks anhal­ten­de Angst, die jun­ge Kol­le­gin zer­stö­re mit ihrem gering­schät­zi­gen Ver­hal­ten natür­li­che Hier­ar­chi­en und damit sei­ne Lebens­grund­la­ge. Zwei­tens wird er seit der Zurück­wei­sung durch die Kol­le­gin von Panik­at­ta­cken heim­ge­sucht, wäh­rend derer er wähnt, von innen aus­ge­höhlt zu wer­den. In die­sen Momen­ten wie­der­holt er stän­dig ihre Fra­ge nach dem gesell­schaft­li­chen Nut­zen sei­ner Arbeit und damit sei­nes Lebens.

Um Punkt 15 Uhr zog K sei­nen Kamel­haar­man­tel an und ging.
 
 
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Christian Schuele

Chris­ti­an Schü­le ist frei­er Autor und Publi­zist und lebt in Ham­burg. Seit Anfang 2015 lehrt er im Fach­be­reich Kul­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin. Zuletzt von ihm erschie­nen: Was ist Gerech­tig­keit heu­te? Eine Abrech­nung (Patt­loch Ver­lag, 2015).

 

 

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen drei Fra­gen zu die­sem The­ma gestellt – dar­un­ter auch Prof. Dr. Ruth Hagen­gru­ber. Sie hält die gän­gi­ge Kapi­ta­lis­mus­schel­te für einen Vor­bo­ten natio­na­ler auto­ri­tä­rer Bewe­gun­gen und plä­diert dafür den Kapi­ta­lis­mus nicht zu dämo­ni­sie­ren, son­dern zu demo­kra­ti­sie­ren.

 

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

 

1. Frau Hagen­gru­ber, wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

Die heu­te ver­brei­te­te Kapi­ta­lis­mus­schel­te darf gewiss mehr als Trend denn als Ein­sicht ange­se­hen wer­den. Wer den Kapi­ta­lis­mus gar ins Reich des Bösen ver­weist, ist sich der Zustim­mung der Vie­len und daher auch der Medi­en gewiss. So ein­fach ist es nicht. Kein Zwei­fel, auf Trug gebau­te Kapi­tal­ak­ku­mu­la­tio­nen, Intrans­pa­renz ver­stö­ren den „Nor­mal­bür­ger“, der es sich nur im Rah­men sei­ner Ein­künf­te leis­ten kann, die eige­nen Ide­en zu rea­li­sie­ren. Und der über­zeugt ist: Das Gute im Leben kann mit Kapi­tal nicht erkauft wer­den. In die­ser Span­ne zwi­schen Ent­täu­schung und über­zo­ge­nen Hoff­nun­gen ermög­licht uns die phi­lo­so­phi­sche Per­spek­ti­ve wie­der einen neu­en Blick auf die Öko­no­mie­ge­schich­te und auf das, was unter Kapi­tal über­haupt zu ver­ste­hen ist. Dabei ist es wohl nicht zufäl­lig, dass ihr Begrün­der, Adam Smith ein Moral­phi­lo­soph war. Phi­lo­so­phie und Öko­no­mie sind schon seit der Anti­ke, also seit dem Anfang der Phi­lo­so­phie eng ver­zahnt. Kein gerin­ge­rer als Sokra­tes hin­ter­ließ fol­gen­de Anwei­sung, das Ver­mö­gen zu meh­ren: auxein ton oikon. Das über­lie­fert Xeno­phon. Klug, wie die­se anti­ken Den­ker waren – übri­gens waren es auch Den­ke­rin­nen, denn in eben die­sem Buch bezeich­net Sokra­tes Aspa­sia als sei­ne Leh­re­rin – wis­sen sie, dass die Ver­meh­rung des Ver­mö­gens zwar das Ziel der Öko­no­mie dar­stellt, aber auch, dass es dabei nicht um quan­ti­ta­ti­ve, son­dern um qua­li­ta­ti­ve Wer­te geht.

Ruth Hagengruber

Ruth Hagen­gru­ber habi­li­tier­te mit einem wirt­schafts­phi­lo­so­phi­schen The­ma (Nut­zen und All­ge­mein­heit) und lei­tet seit 2005 den For­schungs­be­reich EcoTech­Gen­der an der Uni­ver­si­tät Pader­born. Sie publi­ziert regel­mä­ßig zu The­men der Wirt­schaft, Infor­ma­tik und zu Fra­gen der Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit (sie­he web­page). Seit 2013 lehrt sie in einem Pro­jekt: Ethik Den­ken Öko­no­mie regel­mä­ßig zu The­men der Wirt­schafts­phi­lo­so­phie.

Ver­mö­gens­meh­rung aus die­ser phi­lo­so­phi­schen Per­spek­ti­ve meint näm­lich, die sub­jek­ti­ve ganz per­sön­li­che Beur­tei­lung und Ein­schät­zung über eine Sache. Sokra­tes bringt dafür anschau­li­che Bei­spie­le: Es nützt nichts, wenn einer ein Pferd besitzt, das ihn tritt! Obwohl quan­ti­ta­ti­ver Besitz, ist es kein Ver­mö­gen, son­dern einen Scha­den! Selbst, wer kei­nen direk­ten Scha­den nimmt, aber auch kei­nen Vor­teil, han­delt unwei­se. Wer eine Flö­te besitzt, die er nicht spie­len kann, scha­det sich und sei­nem Ver­mö­gen.

Was Xeno­phon hier durch den Mund des Sokra­tes mit­teilt ist die Ein­sicht, dass unser Urteil der Aus­druck des Wis­sens über Nut­zen und Gebrauch eines Dings ist. Es ist ein ganz per­sön­li­ches Urteil, das vom Urtei­len­den abhängt. Das Urteil spie­gelt sozu­sa­gen den Urtei­len­den. Die­ser Mehr­wert, den der Urtei­len­de rekla­miert, spie­gelt sein Wis­sen um die Sache und rezi­prok. Die Ver­mö­gens­meh­rung, damit das Kapi­tal, kommt folg­lich aus die­sem Wis­sen, nicht aus der Sache. Das war die idea­le Auf­fas­sung Xeno­phons.

Aus die­ser Ein­sicht las­sen sich vie­le inter­es­san­te Urtei­le ablei­ten. Z.B. auch die­je­ni­ge, dass Kapi­tal sich nicht auf Geld oder Boden oder Pro­duk­ti­ons­mit­tel beschrän­ken lässt. Der wah­re Grund des Kapi­tals ist der qua­li­ta­tiv zuge­mes­se­ne Mehr­wert, der sich in der Sache ver­ding­licht. Nut­zen und Gebrauch wer­den sozu­sa­gen erfun­den. Zucker­berg und Gates, Rubin­stein, Goog­le und Sky­pe prä­sen­tie­ren heu­te in dem von ihnen kre­ierten Kapi­tal die Trans­for­ma­ti­on der Ide­en zu Kapi­tal. Wir kre­ieren den Mehr­wert. Wir kre­ieren das Kapi­tal. Heu­te ist prak­tisch allen klar, dass Kapi­tal nicht im Geld liegt. Das wah­re Kapi­tal ist Wis­sen. Was wir als Kapi­tal anse­hen, wan­delt sich. Wenn wir wol­len, kön­nen wir den ganz  gro­ßen Kapi­ta­lis­ten unse­ren Zuspruch ent­zie­hen – jeden­falls, wenn wir die demo­kra­ti­sche Kon­trol­le aus­üben kön­nen und ver­ste­hen ler­nen, dass der Kapi­ta­lis­mus, wie alles und wir selbst, not­wen­dig kor­rek­tur­be­dürf­tig sind.

Der demo­kra­ti­schen Kor­rek­tur des Kapi­ta­lis­mus geht es daher um die gro­ße Streu­ung des Zugangs zum Kapi­tal, das idea­ler­wei­se in vie­len Län­dern die­ser Welt aktiv ist und dabei zugleich die Auf­lö­sung auto­ri­tä­rer oder und patri­ar­cha­ler Herr­schaft mit sich führt.

Die­ser eigent­lich demo­kra­ti­sche, aber auch glo­ba­le Pro­zess beflü­gelt die Angst des Ein­zel­nen in den Wohl­stands­län­dern, sie möch­ten dabei ihr „biss­chen Kapi­tal“ ver­lie­ren. Die glo­ba­le Stra­te­gie des moder­nen und par­ti­ku­lar ori­en­tier­ten Kapi­ta­lis­mus wird von den neu­en natio­na­lis­ti­schen Bewe­gun­gen bekämpft. Sie sind Bewe­gun­gen, denen die Streu­ung und Par­ti­ku­la­ri­sie­rung des Kapi­tals zuwi­der ist.

Das Kapi­tal hat das Bür­ger­tum von der Adels­herr­schaft befreit und Chi­na zum Glo­bal Play­er gemacht. Das Kapi­tal kann alte Ord­nun­gen ver­wer­fen. Die ande­ren ver­spre­chen das Gute, wenn sie das Kapi­tal in der Hand hal­ten. Hier kommt es dar­auf an, für wen wir uns ent­schei­den, solan­ge wir die Chan­ce haben, uns zu ent­schei­den, wem wir unser Kapi­tal anver­trau­en. Selbst die Grü­nen ver­spre­chen, „Ren­te geht auch grün“. Kapi­tal kann man in jeder Ver­si­on anspa­ren und ver­meh­ren, je nach­dem für wel­ches „gute“ man sich ent­schei­det, solan­ge es einem noch frei steht, sich zu ent­schei­den. Wer will die­se Ver­tre­ter der neu­en Bewe­gun­gen als zen­tra­le Ver­wal­ter der dann wie­der deut­schen Finanz­kraft? Der freie Bür­ger wird dann weni­ger frei sein, sein biss­chen Ver­mö­gen nach sei­nen eige­nen Vor­stel­lun­gen zu ver­meh­ren. Man muss den Kapi­ta­lis­mus demo­kra­ti­sie­ren, nicht zen­tra­li­sie­ren.

 

2. War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Die Frei­heit für einen Men­schen wächst mit sei­ner Mög­lich­keit, sei­ne eige­nen Vor­stel­lun­gen zu  rea­li­sie­ren. Kapi­tal ist einer­seits genau das, was wir dank unse­res eige­nen Ver­mö­gens in den Din­gen sehen. Unser Blick auf die Din­ge der Welt und wie wir sie für unse­re Inter­es­sen nut­zen kön­nen, gehört wesent­lich zu unse­ren Akti­vi­tä­ten. Noch erfreu­li­cher ist es, wenn sich die Welt nach unse­rem Urteil for­men lässt. Das ist letzt­lich der Wunsch der Men­schen, sozu­sa­gen anthro­po­lo­gi­sche Deter­mi­nan­te. Die Din­ge nach der eige­nen Vor­stel­lung zu bewer­ten, ist ein Teil der Selbst­ver­wirk­li­chung. Wir rea­li­sie­ren uns und ver­ding­li­chen unser Ego auf die­se Wei­se in den Din­ger der Welt. Das Ich ver­ding­licht sich im Nicht-Ich, sagen die Phi­lo­so­phen. Damit rea­li­siert sich das säku­la­re Glück im Hier und Jetzt und nicht im Jen­seits. Dem Indi­vi­du­um scheint es, als könn­te es sich damit ver­ewi­gen.

Nun ent­brann­te mit Rawls, aller­dings nicht zum ers­ten Mal in der Phi­lo­so­phie, die Debat­te, ob die natür­li­che Ver­schie­den­heit der Men­schen nicht unge­recht und daher der Aus­gleich der natür­li­chen Vor­tei­le „zen­tral“ gesteu­ert wer­den müs­se. Die natür­li­che Ver­schie­den­heit aus­zu­glei­chen ist nun zur Auf­ga­be all deren gewor­den, die sich auf den quan­ti­ta­ti­ven Aus­gleichs spe­zia­li­sie­ren. Wer aber kann es quan­ti­fi­zie­ren? Alle fischen im Trü­ben. Aris­to­te­les und Tho­mas Hob­bes ver­tra­ten die Auf­fas­sung, die Ver­schie­den­heit der Men­schen sei per sei die Vor­aus­set­zung und frucht­ba­re Grund­la­ge aller Gemein­schaf­ten. Gleich­heit hin­ge­gen mache sie unmög­lich, oder, wie bei Hob­bes, mache die Idee der natür­li­chen Gleich­heit sogar „mör­de­risch“. Nach Aris­to­te­les kann es kei­ne Gemein­schaft geben „mit zwei Bau­ern, oder zwei Ärz­ten“. Es braucht einen Arzt und einen Bau­ern, damit der Aus­gleich statt­fin­den kann. Die Ver­schie­den­heit ist selbst Ursa­che der Ent­wick­lung der eige­nen Fähig­kei­ten und der Dif­fe­ren­zie­rung der Tätig­kei­ten.

Das Pro­blem des gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus sind sei­ne Stö­run­gen. Zwi­schen „gut“ und „böse“ wer­den die Eigen­schaf­ten des Kapi­ta­lis­mus tariert, als hiel­te man einen Gott in den Hän­den. In der Tat, die Mög­lich­kei­ten, die sich durch die Kapi­ta­li­sie­rung erschlie­ßen, sind gewal­tig. Wir aber befin­den uns erst in den Kin­der­jah­ren der Ent­wick­lung. Die Smart­pho­nes bie­ten theo­re­tisch inter­es­san­te Mög­lich­kei­ten einer demo­kra­ti­schen Dis­tri­bu­ti­on, aber auch hier hat­ten die ver­bre­che­ri­schen Absich­ten schnel­ler die Hand auf den Gerä­ten, als die auf­ge­klär­te Bür­ge­rin. Sie und poli­ti­sche Gewalt stö­ren die­sen Markt, wie wir täg­lich hören. Sie spio­nie­ren, mal­trä­tie­ren, und wol­len sein Schei­tern, aber nur für den ein­zel­nen Bür­ger, für ihre eige­nen Vor­tei­le wol­len sie sein Funk­tio­nie­ren, damit sie wie­der eines haben: Kon­trol­le, Auto­ri­tät, Kapi­tal, Macht, ande­re für ihre Zwe­cke zu miss­brau­chen.

 

3. In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über?

Die gegen­wär­tig modi­sche aber häu­fig ideo­lo­gi­sche Kapi­ta­lis­mus­schel­te besteht aus einer Rei­he von Schuld­zu­wei­sun­gen, die den Kapi­ta­lis­mus per se nicht tref­fen, son­dern sei­nen Miss­brauch und sei­ne Akteu­re. Der ver­brei­te­te Anti­ka­pi­ta­lis­mus unse­rer Gesell­schaft ist eine Vor­stu­fe der poli­ti­schen Bewe­gun­gen, die wir heu­te beob­ach­ten, die auto­ri­tä­re Ten­den­zen ver­fol­gen. Für sie ist die welt­weit gestreu­te Kapi­tal­macht eben­so wie die Demo­kra­tie eine Her­aus­for­de­rung.

Kapi­tal ist gefähr­lich, wenn es in der Hand weni­ger liegt und eigent­lich ist Kapi­ta­lis­mus dann gar nicht mehr mög­lich. Der Kapi­ta­lis­mus ist umso weni­ger ent­fal­tet, je mehr er die Ein­zel­nen aus dem Markt­zu­gang aus­schließt und je mehr nur weni­ge defi­nie­ren, was denn das (Gute) ist, das mit dem Kapi­tal erzeugt wer­den soll. Intrans­pa­renz und Akku­mu­la­ti­on ver­hin­dern, dass sich Men­schen mit ihren Fähig­kei­ten ein­brin­gen. Das sind die wirk­li­chen Stö­run­gen. Das hat aber gar nichts damit zu tun, ob ein Fuß­ball­spie­ler oder ein Vor­stands­chef 15 Mil­lio­nen im Jahr ver­die­nen darf oder zehn. Die­se Leu­te ver­die­nen ihr Geld auf dem Markt, der wenigs­tens inso­fern frei ist, als wir zu die­sem Pro­zess nicht bei­tra­gen müs­sen. Wer die Ver­si­che­rung wech­seln kann, geht zu der, die die effi­zi­en­tes­te für ihn ist. Viel­leicht ist es die, bei der der Vor­stand 5 Mil­lio­nen ver­dient, viel­leicht jene, wo er 15 ver­dient. Schlimm wird es, wenn wir kei­ne Aus­wahl mehr haben, wenn wir auf ein Pro­dukt ange­wie­sen sind. Dann hat die demo­kra­ti­sche Kon­trol­le ver­sagt.

Auch in unse­rer Gesell­schaft herr­schen auto­ri­tä­re Aus­schlüs­se. Das betrifft die Frau­en, das betrifft z.B. aber auch alle jene Men­schen, die in die­ses  Land kom­men woll­ten, und ihre Arbeit anbie­ten woll­ten, wie es Imma­nu­el Kant in sei­ner Schrift vom Ewi­gen Frie­den gefor­dert hat. Die Gerech­tig­keit des Mark­tes zu erhö­hen, hat auch damit zu tun, den Markt zu öff­nen und trans­pa­ren­ter zu machen. Das Gegen­teil ist aber der Fall und wird von vie­len gefor­dert. Opel soll in Bochum blei­ben, Nokia soll nicht in Rumä­ni­en pro­du­zie­ren und die Flücht­lin­ge sol­len nicht die Arbeits­plät­ze weg­neh­men. Die natio­na­le und zen­tra­le und auto­ri­tä­re Ver­wal­tung des Kapi­tals folgt dem Wunsch der Stun­de.

Wir ste­hen im Zei­chen des Umbruchs. Wenn wir es schaf­fen, eine brei­te und krea­ti­ve Kapi­tal­wirt­schaft zu erhal­ten, sind wir poli­tisch – im glo­ba­len Rah­men — sta­bi­ler. Die Ten­den­zen der natio­na­len und auch der patri­ar­chal begrün­de­ten Zen­tra­li­sie­run­gen lau­fen jedoch die­sem Ziel ent­ge­gen. Dabei gibt es die­sen Zusam­men­hang zwi­schen einer demo­kra­ti­schen, kapi­ta­lis­ti­schen und indi­vi­dua­lis­ti­schen Gesell­schaft auf der einen Sei­te und der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen, auto­ri­tä­ren Gesell­schaft auf der ande­ren. Die Dämo­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus war nur ein Vor­spiel zu den poli­ti­schen Bewe­gun­gen der Gegen­wart.

Warum betreiben wir ein 200-jähriges Krisenprojekt überhaupt noch weiter? – Interview mit David Hemmerle

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­te Per­so­nen um Ant­wor­ten auf die zen­tra­len Fra­gen des Hef­tes gebe­ten. Hier die Ant­wor­ten von David Hem­mer­le.

Wenn ich mir die historischen Entwicklungen anschaue, hat der Kapitalismus noch nie so wirklich geblüht

1. Wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

David Hemmerle

David Hem­mer­le, Jahr­gang 1990, ist Mas­ter­stu­dent in Öko­no­mie und Gesell­schafts­ge­stal­tung an der Cusa­nus Hoch­schu­le. In sei­nem dor­ti­gen Stu­di­ums­schwer­punkt beschäf­tigt ihn die his­to­ri­sche Gene­se des Eigen­tums­be­griffs, spe­zi­ell im Hin­blick auf sei­ne rechts­öko­no­mi­sche sowie onto­lo­gi­sche Begrün­dung. In sei­ner Mas­ter­ar­beit unter­sucht er, wie sich das Eigen­tum im Zusam­men­hang mit der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung der Block­chain ver­hält.

Inter­es­sant am wirt­schaft­li­chen Sys­tem fin­de ich, wie eng das Ent­ste­hen des Gel­des mit dem des abs­trak­ten Den­kens ver­floch­ten ist. Wie die For­scher David Graeber und Karl-Heinz Brod­beck zei­gen, prägt der Umgang mit Geld unser Den­ken seit Jahr­tau­sen­den. Die heu­ti­gen Errun­gen­schaf­ten der Natur­wis­sen­schaf­ten und der Tech­nik gehen dar­auf zurück. Aller­dings läuft die­se Ent­wick­lung Gefahr, sich gegen uns zu keh­ren. Die Dia­lek­tik der Auf­klä­rung ist eben, dass die mono­li­thi­sche Wahr­heit einer auf­ge­hen­den mathe­ma­ti­schen Glei­chung im von der Rea­li­tät ent­kop­pel­ten Ver­stand eine eige­ne anthro­po­zen­tri­sche Mytho­lo­gie ent­fal­tet. Wenn die von Öko­no­men ent­deck­ten „Geset­ze“ gel­ten, weil ihre inne­re Kon­sis­tenz mathe­ma­tisch beweis­bar ist, dann stellt sich vor dem Hin­ter­grund eines unse­re eige­ne Exis­tenz gefähr­den­den Kapi­ta­lis­mus die Fra­ge, ob dies die ein­zig legi­ti­me Wahr­heits­fin­dung ist. Ich den­ke daher, das der omni­prä­sen­ten Bedeu­tung der Zahl (auch in Form des Gel­des) eine Refle­xi­on über die onto­lo­gi­schen Gren­zen die­ses Blicks auf die Welt ent­ge­gen­ge­setzt wer­den soll­te, die um die Dis­kus­si­on alter­na­ti­ver epis­te­mi­scher Sym­bo­li­ken ergänzt wird.

 

2. War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Ich den­ke nicht, dass die mensch­li­che Natur den Kapi­ta­lis­mus not­wen­dig her­vor­bringt. Er wird aller­dings häu­fig als not­wen­di­ge Kon­se­quenz der mensch­li­chen Ent­wick­lung dar­ge­stellt. Der Mensch kann sei­ne Hand­lungs­wei­sen jedoch kul­tu­rell reflek­tie­ren. Wenn Öko­no­men von den Geset­zen des Mark­tes oder alter­na­tiv­lo­sen Sach­zwän­gen spre­chen, bin ich skep­tisch, wel­che Annah­men sie zuvor über die mensch­li­che Natur getrof­fen haben. Wer­fe ich dann einen Blick auf die mathe­ma­tisch-funk­tio­na­len Axio­me, die den Men­schen als nut­zen­ma­xi­mie­ren­den homo oeco­no­mi­c­us beschrei­ben, stel­le ich mir die Fra­ge: Wo sind da die refle­xi­ven Fähig­kei­ten des Men­schen, durch die er sein Han­deln hin­ter­fra­gen könn­te? Brau­chen wir noch Rich­te­rIn­nen, Psy­cho­the­ra­peu­tIn­nen oder Leh­re­rIn­nen, die uns dazu anlei­ten, unser Han­deln zu über­den­ken, oder Medi­ta­ti­on, um uns sei­ner Impul­se bewusst zu wer­den, wenn ohne­hin alle Prä­fe­ren­zen gege­ben sind und Ent­schei­dun­gen nut­zen­ori­en­tiert fal­len?
Wel­chen Ein­fluss hat Den­ken und Han­deln mit Geld dar­auf, dass ich mei­nen Vor­teil suche? Ist der Umgang mit Geld auf Märk­ten alter­na­tiv­los oder kön­nen wir uns ande­re Ver­hal­tens­mo­del­le vor­stel­len? Im Neo­li­be­ra­lis­mus wer­den das Geld und das Preis­sys­tem als anthro­po­lo­gi­sche Kon­stan­ten dar­ge­stellt, die jen­seits eines gestal­te­ri­schen Zugangs lie­gen. Statt­des­sen sol­len wir uns ihnen unbe­wusst unter­ord­nen. Inzwi­schen warnt bereits der vor­sit­zen­de Rich­ter des Ver­fas­sungs­ge­richts, Andre­as Voß­kuh­le, vor einer Ver­hand­lung über den ESM, dass eine Ent­schei­dung vor dem Hin­ter­grund der Reak­ti­on der Märk­te getrof­fen wer­den soll­te. Wem über­las­sen wir es damit, die Regeln unse­rer Gesell­schaft zu set­zen – einem Markt?

 

3. In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über? Und wie geht es wei­ter?

Wenn ich mir die his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen anschaue, hat der Kapi­ta­lis­mus noch nie so wirk­lich geblüht – wenn dann, nur für weni­ge. Schon immer war der Kapi­ta­lis­mus von Kri­sen geprägt, die mit gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen ein­her­gin­gen. Viel­leicht ist der Kapi­ta­lis­mus selbst das Resul­tat einer gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung, wie bei­spiels­wei­se der Bevöl­ke­rungs­ex­plo­si­on im 18. Jahr­hun­dert. War­um betrei­ben wir ein 200jähriges Kri­sen­pro­jekt über­haupt noch wei­ter?
Wenn wir den Kapi­ta­lis­mus jedoch tie­fen­psy­cho­lo­gisch „auf der Couch“ behan­deln, könn­ten wir einen Blick auf die unbe­wuss­ten Pro­zes­se wer­fen, die einer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft zugrun­de lie­gen. Wel­che Instink­te und Emo­tio­nen wer­den getrig­gert, wel­che lie­gen brach? Ganz offen­sicht­lich sind Angst, Gier und refe­ren­ti­el­ler Selbst­be­zug die Zug­pfer­de einer wett­be­werbs­ori­en­tier­ten Markt­ge­sell­schaft. Wie dar­aus jemals ein har­mo­ni­sches Gleich­ge­wicht ent­ste­hen soll, ist den Men­schen­kennt­nis­sen der öko­no­mi­schen Theo­re­ti­ker über­las­sen.
Wen­den wir uns statt­des­sen den gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen für eine lebens­wer­te Zukunft zu, erscheint mir die Fra­ge rele­vant, wel­chen struk­tu­rel­len Nähr­bo­den wir für unser sozia­les Mit­ein­an­der anstre­ben. Ängs­te kön­nen abge­fan­gen und Begier­den Gren­zen gesetzt wer­den. Aber wel­che mensch­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen wol­len wir för­dern? In der Anti­ke oder im Mit­tel­al­ter war viel von Tugen­den die Rede. „Märk­te“ ver­lan­gen nur unse­ren blin­den Ego­is­mus, der inzwi­schen selbst zur Tugend der Selb­st­op­ti­mie­rung wur­de. Die Fra­ge danach, wie es wei­ter­geht, erschließt sich mir nur vor dem Hin­ter­grund der mensch­li­chen Fähig­keit, sich zu ent­wi­ckeln. Kapi­ta­lis­tisch gese­hen wird der Mensch frei, in dem er von äuße­ren Zwän­gen unab­hän­gig Wahl­ent­schei­dun­gen tref­fen darf. Aber ist ein alter­na­tiv­lo­ser Markt­ge­hor­sam nicht auch ein Zwang? Huma­nis­tisch gese­hen wird der Mensch nur frei, in dem er sich bil­det. Wie es wei­ter geht ist für mich eine Fra­ge des Ler­nens und eines bewuss­ten Gestal­tens von Bezie­hun­gen. Jeder­zeit ste­hen wir in sozia­ler Gemein­schaft mit ande­ren, dass soll­te uns bewusst sein, auch wenn wir uns in anony­men Struk­tu­ren bewe­gen. Bei­spiel­ge­bend für Kon­tex­te in denen das wie­der ein­ge­übt wird ist für mich die Soli­da­ri­sche Land­wirt­schaft, in der Men­schen mit­ein­an­der im Dia­log aus­han­deln, wie sie die land­wirt­schaft­li­che Leis­tung des Bau­ern gemein­sam finan­zi­ell ermög­li­chen.

 

4. Ist eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung im Kapi­ta­lis­mus denk­bar?

Wir haben ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, Nach­hal­tig­keit zu defi­nie­ren. Wenn wir sie im Hin­blick auf die öko­lo­gi­sche Erhal­tung der mensch­li­chen Art betrach­ten, ist der Kapi­ta­lis­mus sicher in der Lage, die Exis­tenz der Mensch­heit fort­zu­füh­ren. Zur Not ernäh­ren wir uns mit Lebens­mit­teln aus dem Labor wenn die Natur rege­ne­rie­ren muss. Der­zeit wird die Natur zur Kühl­the­ke der Mensch­heit degra­diert und hat kei­nen Wert an sich. Ich den­ke, die Fra­ge, wie wir in eine wech­sel­sei­tig frucht­ba­re Bezie­hung zur Natur tre­ten kön­nen, wer­den wir nicht in Geld­wer­ten beant­wor­ten kön­nen, son­dern eine Spra­che abseits quan­ti­ta­ti­ver Logik fin­den müs­sen.
Hin­sicht­lich einer sozi­al nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung ist es kom­pli­zier­ter, weil sie his­to­risch kon­tin­gent ist. Skla­ven zu hal­ten war ein­mal sozi­al ver­träg­lich, eben­so wie die Unter­drü­ckung der Frau­en. Heu­te gehen wir wie selbst­ver­ständ­lich davon aus, in einem Arbeits­ver­hält­nis inhalt­lich, zeit­lich und ört­lich wei­sungs­ge­bun­den sein zu müs­sen, wenn wir dafür ent­spre­chend kom­pen­siert wer­den. Auch hier fra­ge ich mich, ob wir den Wert einer mensch­li­chen Leis­tung bezif­fern und gleich­zei­tig ihre Wür­de bei­be­hal­ten kön­nen.
Die öko­no­mi­sche Per­spek­ti­ve auf Nach­hal­tig­keit ist ange­sichts von den Wachs­tums­zwän­gen, Kri­sen und Ungleich­hei­ten viel­leicht ein Dreh- und Angel­punkt einer nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung. Wir kön­nen viel dar­über dis­ku­tie­ren, inwie­fern sich der Kapi­ta­lis­mus ohne Wachs­tum den­ken lässt, aber für mich ist die Idee eines all­sei­ti­gen Pro­fits ohne ent­spre­chen­de Expan­si­on schlicht uto­pisch.

Gefährliche Liebschaften – Selbstverwirklichung als Social Fracking

Thank God It’s Fri­day! Und weil ein Wochen­en­de ohne Lese­stoff nur halb so schön ist, kommt hier ein beson­de­res Schman­kerl:

 

Ralf Damitz

von Ralf M. Damitz

 

Als Max Weber 1917 in der Mün­che­ner Buch­hand­lung Stei­ni­cke sei­nen berühm­ten Vor­trag „Wis­sen­schaft als Beruf“ hielt, ende­te er mit einer nietz­schea­nisch anmu­ten­den Emp­feh­lung für die dort größ­ten­teils anwe­sen­den jun­gen Stu­den­ten: Jeder müs­se den „Dämon“ fin­den, so die pathe­ti­schen Schluss­wor­te, „der sei­nes Lebens Fäden hält“. In die­ser kur­zen For­mel steckt ein Pro­gramm zur Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und es scheint aktu­el­ler denn je. Viel­leicht aller­dings in ande­rer Hin­sicht, als es der Zeit­geist heu­te vor­sieht: Es geht um das pre­kä­re Ver­hält­nis von Erfolg und Schei­tern im Kapi­ta­lis­mus der Gegen­wart.

Zunächst ein kur­zer Rück­blick. Sei­nen „Dämon“ zu fin­den, das ziel­te für Weber auf exis­ten­zi­el­le Fra­gen in tur­bu­len­ten Zei­ten; dar­auf, wie und wonach man leben sol­le und was man als Per­son dar­stel­le. Tra­di­tio­nell war es Sache theo­lo­gi­scher Sys­te­me gewe­sen, sol­che Fra­gen zu beant­wor­ten. In der moder­nen Welt ist Weber zufol­ge aller­dings kein Platz mehr für reli­giö­se Letzt­be­grün­dun­gen. Obwohl Weber sei­ne Zeit dadurch geprägt sah, dass „die alten Göt­ter“ nach wie vor prä­sent waren, dass aller­lei Pro­phe­ti­en und Ideo­lo­gi­en ihren Kampf um die Köp­fe der Men­schen führ­ten, war für ihn glei­cher­ma­ßen klar, dass vom ange­bro­che­nen 20. Jahr­hun­dert eine Absa­ge an reli­giö­se Heils­ver­spre­chen zu erwar­ten ist. Kein Pro­phet, ganz gleich, ob theo­lo­gi­scher oder poli­ti­scher Her­kunft, kön­ne auf Fra­gen der Lebens­ge­stal­tung abschlie­ßend ant­wor­ten. Der moder­ne Kapi­ta­lis­mus, so Webers The­se in sei­nem Buch Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik und der Geist des Kapi­ta­lis­mus, habe reli­giö­sen Vor­stel­lun­gen der Lebens­füh­rung ihre Wur­zeln genom­men und sie dadurch voll­ends in die Tri­via­li­tät der büro­kra­tisch und kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten Sozi­al­welt ent­las­sen: Fra­gen nach dem Sinn des Lebens, dem indi­vi­du­el­len Heil oder der eige­nen Iden­ti­tät kön­ne der moder­ne Mensch nur sich selbst beant­wor­ten, am bes­ten durch rast­lo­se Ver­sen­kung in die Berufs­ar­beit. Indem man der „For­de­rung des Tages“ gerecht wer­de, sich aufs Hier und Jetzt beschrän­ke, kön­ne man es „beruf­lich oder mensch­lich“ zu Anse­hen und Erfolg brin­gen. Zwar gehe auf die­se Wei­se die ent­schei­den­de Sinn­quel­le ver­lo­ren, nicht jedoch der Modus Ope­ran­di. „Der Puri­ta­ner woll­te Berufs­mensch sein“, resü­miert Weber lako­nisch, „wir müs­sen es“. Dass eine sol­che Fokus­sie­rung auf das Berufs­le­ben von Erfolg gekrönt gelin­gen kön­ne, war alles ande­re als gewiss. Webers Pes­si­mis­mus dies­be­züg­lich war legen­där. Die Gesell­schaft wur­de von ihm als „Gehäu­se der Hörig­keit“, der moder­ne Kapi­ta­lis­mus als „schick­sals­volls­te Macht“ begrif­fen. Ver­sen­kung in die Berufs­ar­beit war weni­ger Selbst­ver­wirk­li­chung denn Selbst­be­haup­tung. Behaup­tung dage­gen, dass das moder­ne Indi­vi­du­um die weni­gen Spiel­räu­me der frei­en Lebens­ge­stal­tung im büro­kra­tisch-kapi­ta­lis­ti­schen All­tag nicht auch noch ein­bü­ße. Die Quint­essenz der Auf­fas­sung Webers war, dass man sol­che Kon­stel­la­tio­nen „aus­hal­ten“ kön­nen müs­se. Dies ent­ge­gen allen Wid­rig­kei­ten zu ver­su­chen, zeug­te von einem Rest bür­ger­li­chen Hero­is­mus.

Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik: In sei­nem Werk Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik und der Geist des Kapi­ta­lis­mus unter­sucht der Sozio­lo­ge Max Weber (1864–1920) die reli­gi­ös-kul­tu­rel­len Grund­la­gen des okzi­den­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Auf Grund­la­ge der cal­vi­nis­ti­schen Gna­den­leh­re, nach der die all­um­fas­sen­de, über­mäch­ti­ge Gewalt Got­tes die Men­schen ent­we­der zu ewi­gem Tod oder ewi­ger Selig­keit bestimmt, ent­ste­he das pro­tes­tan­ti­sche Arbeits­ethos: Die Men­schen sehen sich in der Pflicht, durch rast­lo­se Arbeit alle Zwei­fel an der eige­nen gött­li­chen Erwählt­heit zu ver­trei­ben und dem­entspre­chend ihre gesam­te Lebens­füh­rung dem Erfolg unter­zu­ord­nen.

 

Sie­ges­zug und Kri­se des Kapi­ta­lis­mus

Machen wir einen Zeit­sprung. Das 20. Jahr­hun­dert war erst krie­ge­risch und tur­bu­lent, spä­ter stand poli­ti­sche, öko­no­mi­sche und sozia­le Ent­wick­lung auf dem Pro­gramm. Als es sich dem Ende zuneig­te, blieb der Kapi­ta­lis­mus als Sie­ger übrig, welt­um­span­nend und alter­na­tiv­los. Sei­ne Ver­hei­ßun­gen aller­dings, Demo­kra­tie und Wohl­stand (viel­leicht sogar für alle) zu brin­gen, haben sich in der Zwi­schen­zeit eben­so auf­ge­löst wie der eins­ti­ge Sys­tem­kon­kur­rent. Wir leben heu­te in einer von grenz­über­schrei­ten­den Kapi­tal-, Waren-, Daten- und Men­schen­strö­men vor­an­ge­trie­be­nen (Welt-)Gesellschaft. An inter­na­tio­na­le Kon­kur­renz haben wir uns genau­so gewöh­nen müs­sen wie an die Ero­si­on des Wohl­fahrts­staats. Die Erwerbs­ar­beit wur­de unter dem Druck glo­bal ver­netz­ter Wert­schöp­fungs­ket­ten und mit­hil­fe aller­lei unter­neh­me­ri­scher, tech­ni­scher und poli­ti­scher Inno­va­tio­nen grund­le­gend ver­än­dert. Der nächs­te Schritt ist bereits in Pla­nung: Indus­trie 4.0 ist das desi­gnier­te gro­ße Ding. Aber auch die welt­wei­te Finanz- und Wirt­schafts­kri­se ist 2007 über uns her­ein­ge­bro­chen. Dass die­ses Wirt­schafts­sys­tem einer Gesell­schaft schick­sal­haf­te Ent­wick­lun­gen beschert, ist inzwi­schen allen klar. Und irgend­wie passt es auch ins Bild, dass in einem rei­chen Land wie der Bun­des­re­pu­blik die obe­ren zehn Pro­zent der Bevöl­ke­rung über 60 Pro­zent des gesell­schaft­lich ver­füg­ba­ren Ver­mö­gens besit­zen, wäh­rend die unte­ren 70 Pro­zent zusam­men­ge­nom­men gera­de mal auf einen Anteil von unge­fähr zehn Pro­zent kom­men (nach­zu­le­sen im Inter­net, bei der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung).

Indus­trie 4.0: Indus­trie 4.0 ist ein Pro­jekt der deut­schen Bun­des­re­gie­rung und stellt ein Leit­bild für zukünf­ti­ge Ent­wick­lun­gen in der deut­schen Indus­trie dar. Die Bezeich­nung „Indus­trie 4.0“ soll zum Aus­druck brin­gen, dass nach den ers­ten drei indus­tri­el­len Revo­lu­tio­nen (Mecha­ni­sie­rung, Mas­sen­fer­ti­gung, Digi­ta­li­sie­rung) nun die vier­te vor der Tür steht. Die­se wird gekenn­zeich­net sein durch den Zuschnitt der ein­zel­nen Pro­duk­te auf die indi­vi­du­el­len Wün­sche und Vor­stel­lun­gen des Kon­su­men­ten – und zwar unter den Bedin­gun­gen einer hoch fle­xi­bi­li­sier­ten Groß­pro­duk­ti­on. Dazu gehört auch die weit­ge­hen­de Inte­gra­ti­on von Kun­den und Geschäfts­part­nern in Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se.

 

Der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus

Man mag das inter­pre­tie­ren, wie man will, schwer­lich kommt man jedoch um die Fest­stel­lung her­um, dass der Kapi­ta­lis­mus heu­te, allen Wid­rig­kei­ten zum Trotz, fes­ter in unse­rem All­tag und den Vor­stel­lun­gen von Nor­ma­li­tät ver­an­kert ist als je zuvor. Die fran­zö­si­schen Auto­ren Luc Bol­t­an­ski und Eve Chia­pel­lo ana­ly­sie­ren in ihrem Best­sel­ler Der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus die Trans­for­ma­ti­on des Nach­kriegs­ka­pi­ta­lis­mus der letz­ten 40 Jah­re hin zu dem, was man heu­te den fle­xi­blen Kapi­ta­lis­mus nennt. Unter dem „neu­en Geist“ ver­ste­hen die Auto­ren eine Art Legi­ti­ma­ti­ons­ideo­lo­gie, auf die der Kapi­ta­lis­mus gera­de des­halb ange­wie­sen ist, weil er aus guten Grün­den als ein prin­zi­pi­ell absur­des Sys­tem bezeich­net wer­den kann. Der „stum­me Zwang der Ver­hält­nis­se“ (Marx) allein rei­che nicht aus, um die Legi­ti­mi­tät des Kapi­ta­lis­mus zu garan­tie­ren. Ent­schei­dend sei viel­mehr die Ebe­ne der sym­bo­li­schen Ord­nung, also der Kul­tur. Hier wird über die Quel­len der Begeis­te­rung, indi­vi­du­el­le Sicher­heits­ver­spre­chen und die Teil­ha­be am All­ge­mein­wohl ent­schie­den. Stand bei Max Weber der Kapi­ta­lis­mus noch für zen­tra­li­sier­te und durch­bü­ro­kra­ti­sier­te Unter­neh­men, also gewis­ser­ma­ßen für Unfrei­heit, steht der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus für das Gegen­teil. Sein Cre­do ist die Eman­zi­pa­ti­on von über­kom­me­nen For­men des Lebens, Arbei­tens und Ler­nens. Laut Boltanski/Chiapello ist der neue kapi­ta­lis­ti­sche Geist eine Erfin­dung des Manage­ments. In die Welt kam er, indem neue Kon­zep­te zur Orga­ni­sa­ti­ons­ge­stal­tung und Per­so­nal­pla­nung ent­wi­ckelt und imple­men­tiert wur­den. Das Resul­tat war, dass die Orga­ni­sa­ti­on von Unter­neh­men – und damit auch die Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se und Kar­rie­re­we­ge – in den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren auf neue Füße gestellt wur­de. Beglei­tet wur­de die­se Trans­for­ma­ti­on mit der Eta­blie­rung neu­er Kul­tur­mus­ter. Der neue Geist, gewis­ser­ma­ßen unser Zeit­geist, wird mit Fle­xi­bi­li­tät, Krea­ti­vi­tät, Mobi­li­tät und Eigen­ver­ant­wor­tung buch­sta­biert; Akti­vi­tät und Belast­bar­keit sind die zen­tra­len Anfor­de­run­gen, Auto­no­mie und Authen­ti­zi­tät die locken­den Ver­spre­chen. Aber damit nicht genug: Die Auto­ren sind der Mei­nung, dass die genann­ten Schlüs­sel- und Reiz­wör­ter zu neu­en Wahr­neh­mungs- und Beur­tei­lungs­mus­tern wer­den, die auf die ver­schie­dens­ten Berei­che einer Gesell­schaft über­trag­bar sind.

 

Selbst­ver­wirk­li­chung und Aus­beu­tung

Stellt man dem Zeit­geist die Fra­ge, wor­in die Ver­hei­ßung des gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus liegt, dann wird man unge­fähr fol­gen­de Ant­wort erhal­ten: Wer aktiv ist, wer sich mit jeder Facet­te der Per­sön­lich­keit ein­bringt, wer auch außer­halb der Arbeit Enga­ge­ment zeigt und Netz­wer­ke bil­det, wer bereit ist, bio­gra­fisch und beruf­lich fle­xi­bel zu blei­ben und sich nicht scheut, die Rich­tung der eige­nen Ent­wick­lung not­falls zu kor­ri­gie­ren, wer das lebens­lan­ge Ler­nen ernst nimmt, wer sich nicht an star­ren Berufs­bil­dern fest­klam­mert und statt des­sen den Aus­bau der eige­nen Employa­bi­li­ty vor­an­treibt, der macht alles rich­tig. Des­sen Bemü­hun­gen wer­den mit beruf­li­chem Erfolg, Ver­wirk­li­chung der eige­nen Zie­le, authen­ti­scher Ent­wick­lung der Per­sön­lich­keit und gesell­schaft­li­cher Wert­schät­zung belohnt. Der hat sich selbst ver­wirk­licht.

Nach dem bis­her Gesag­ten soll­te die Roman­ze mit dem „neu­en“ Kapi­ta­lis­mus zu einem Hap­py End füh­ren. Doch wo lie­gen die Fall­stri­cke? Ein Fall­strick wäre, dass das Ide­al der Selbst­ver­wirk­li­chung heu­te zur sozia­len Norm gewor­den ist – du musst dich selbst ver­wirk­li­chen! Die Selbst­ver­wirk­li­chung voll­zieht sich – wie soll­te es anders sein – im Beruf, der als Beru­fung die inners­te Lei­den­schaft des Arbeit­neh­mers wider­spie­geln soll. In der Wett­be­werbs­ge­sell­schaft unse­rer Tage führt die­se Norm immer häu­fi­ger zu unan­ge­neh­men Neben­fol­gen. Dies­be­züg­lich lie­ßen sich bei­spiels­wei­se das Burn-out-Syn­drom und ande­re Erschöp­fungs­er­schei­nun­gen als zeit­ge­mä­ße Lei­den an der Gesell­schaft inter­pre­tie­ren. Der New Yor­ker Psy­cho­ana­ly­ti­ker Her­bert J. Freu­den­ber­ger, gewis­ser­ma­ßen der Erfin­der der Burn-out-Dia­gno­se, hob in sei­nen Fall­be­schrei­bun­gen die Erwar­tungs­ent­täu­schung als ent­schei­den­de Kom­po­nen­te her­vor. Burn-out ist dem­nach nicht ein­fach nur eine Über­las­tungs­er­schei­nung. Viel­mehr wird Arbeit, die im Zei­chen eines hohen Ide­als steht, dann gefähr­lich, wenn sie sich trotz gestei­ger­tem Auf­wand nicht in ihrer idea­li­sier­ten Form rea­li­siert. Viel­leicht ist die Selbst­ver­wirk­li­chung in der Arbeit eine durch­aus gefähr­li­che Ange­le­gen­heit.

Mit der Arbeits- und Indus­trie­so­zio­lo­gie las­sen sich sol­che Über­le­gun­gen stüt­zen. Die Sub­jek­ti­vi­tät des Arbeit­neh­mers gilt heu­te als wich­ti­ger Pro­duk­ti­ons­fak­tor. Wis­sen, Krea­ti­vi­tät und Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz sind zen­tra­le Res­sour­cen – egal ob beim Fach­ar­bei­ter oder Wer­be­tex­ter. Wenn vol­ler Ein­satz erwar­tet wird und wir mit Haut und Haa­ren in die Wert­schöp­fungs­ket­ten ein­ge­baut sind, lässt sich das auch als zeit­ge­mä­ßer Aus­beu­tungs­me­cha­nis­mus fest­ma­chen – ‚Soci­al Fracking’ könn­te man das nen­nen. Hin­zu tritt, dass die mit der neu­en Arbeits­welt ver­bun­de­nen Anfor­de­run­gen (Fle­xi­bi­li­tät, Krea­ti­vi­tät, Mobi­li­tät, Eigen­ver­ant­wor­tung) mit einem erhöh­ten Koor­di­na­ti­ons­be­darf außer­halb der Arbeit ein­her­ge­hen. Arbeit und Leben müs­sen mit­ein­an­der in Ein­klang gebracht wer­den. Nicht nur die Arbeits­kraft, auch die Lebens­kraft sind in die­sem Sinn wich­ti­ge Güter, die repro­du­ziert wer­den müs­sen. Der Sozio­lo­ge Ulrich Beck hat unter dem Stich­wort Indi­vi­dua­li­sie­rung sehr pro­mi­nent auf die Ambi­va­len­zen sol­cher Ent­wick­lun­gen hin­ge­wie­sen. Sei­ner Mei­nung nach ist die Siche­rung der pri­va­ten Exis­tenz immer offen­sicht­li­cher von Ver­hält­nis­sen abhän­gig, die sich unse­rem Zugriff fast voll­stän­dig ent­zie­hen. Das lässt auch Selbst­ver­wirk­li­chung in und durch Erwerbs­ar­beit zu einem pre­kä­ren Vor­ha­ben wer­den. Und das, obwohl unse­re Zeit und unse­re Kul­tur im Zei­chen der Eigen­ver­ant­wor­tung und Selbst­be­haup­tung ste­hen.

 

Was tun?

Kann man oder muss man sogar das The­ma Selbst­ver­wirk­li­chung aus den Klam­mern der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­ein­nah­mung lösen? Wie könn­te das aus­se­hen? Wer soll­te das tun? Auf die Poli­tik soll­te man hier nicht all­zu viel Hoff­nung set­zen. Auch ist das Bild der rich­ti­gen Stell­schrau­ben, an denen man nur dre­hen müs­se, nicht rich­tig. Kul­tur ist ein kom­ple­xes The­ma, die Mög­lich­keit ihrer Beein­flus­sung bezie­hungs­wei­se Ver­än­de­rung umstrit­ten. Noch schwie­ri­ger dürf­te das bei den Struk­tu­ren sein, die unse­re kapi­ta­lis­ti­sche Lebens­form prä­gen. Was also kann man machen?

Harald Wel­zer, Sozio­lo­ge und Sozi­al­psy­cho­lo­ge aus Ber­lin, hat kürz­lich die Stif­tung FuturZ­wei gegrün­det, die das Ziel ver­folgt, Geschich­ten über alter­na­ti­ve For­men der Lebens­ge­stal­tung zu sam­meln. Denn etwas anders machen zu wol­len, setzt vor­aus, eine Idee zu haben, wie man etwas anders machen kann. Genau davon han­deln die­se Geschich­ten, von klei­nen Bei­trä­gen zum all­mäh­li­chen Umden­ken.

Man kann es aber auch ganz anders machen. Im Künst­ler­mi­lieu ist bekannt­lich die Avant­gar­de zu Hau­se. Von dort ist ein Mot­to bekannt, das viel­leicht wei­ter­hilft: Selbst­ver­wirk­li­chung ist das Ide­al von Voll­idio­ten.

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Ralf M. Damitz stu­dier­te Sozio­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie. Er ist Lehr­be­auf­trag­ter an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten und lebt in Kas­sel.

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in agora42 1/2015 Ups & Downs erschie­nen. In die­ser Aus­ga­be fin­den Sie wei­te­re Arti­kel zu die­sem The­ma.