Finanz & Eleganz: Verstehen öffentliche Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

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Gemeinwohl und Staatsfilz oder:

Verstehen öffentliche Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

von Bernd Villhauer

 

Die Finanzmarktakteure, die nicht in privater Hand sind, stellen einen wesentlichen Faktor im Finanzwesen dar. Und genau diese sollen heute im Mittelpunkt stehen, in der dritten Folge der Blog-Serie zum Thema „Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt?“ Die Wissenschaft und die Presse haben wir schon angesehen – und nun wollen wir jene Finanzinstitutionen würdigen, die wir alle über Steuergelder mitfinanzieren.

 

Menschen wollen vertrauen. So sind sie nun mal, die Humanoiden – ihr Zusammenleben ist nur möglich, wenn sie ein Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen aufbringen. Das hat sich evolutionär bewährt. Ein bekanntes Bonmot teilt uns mit, dass der Affe, der den Ast verfehlt hat, nicht zu unseren Vorfahren gehört. Aber auch der Affe, der die Kooperation verweigerte, dürfte wenig Nachkommen gehabt haben. Wenn er (oder sie) weder Vertrauen stiften noch solches entgegenbringen konnte, dann war das eine klägliche Existenz, in der Sprache von Thomas Hobbes: „solitary, poor, nasty, brutish, and short.“

Aus den Versammlungsplätzen der Affenhorde unter zentralafrikanischen Bäumen sind die Börsenparketts geworden – und auch hier gilt: ohne Vertrauen kein Zahlungsmittel, keine Transaktion, kein Wertspeicher, keine Asset-Verwaltung. Besonders wichtig ist dies bei den öffentlichen Einrichtungen, die mit Fragen des Finanzmarktes befasst sind. Wenn wir den Informationen, die von solchen Einrichtungen ausgehen, nicht mehr trauen können – wem dann?

 

affe

“Aus den Versammlungsplätzen der Affenhorde unter zentralafrikanischen Bäumen sind die Börsenparketts geworden.”

 

Aber beginnen wir mit der Frage: Was sind eigentlich Finanzinstitutionen in öffentlicher Hand?

Grundsätzlich kann unterschieden werden zwischen den Institutionen, die im Markt agieren und Finanzdienstleistungen zu Marktbedingungen anbieten (wie Förderbanken) und denen, die den Markt gestalten, indem sie z.B. Prüfungs- und Kontrollfunktionen wahrnehmen (wie Finanzaufsichtsbehörden) oder die Marktgrundlagen definieren (wie Finanzministerien).

Diese Grobunterscheidung lässt sich dann noch mit räumlichen Größenordnungen ergänzen: global (Weltbank; Internationaler Währungsfonds), europäisch (Europäische Zentralbank; Europäische Investitionsbank), national (Banken in öffentlicher Hand; Aufsichtsbehörden) oder regional (Landes-, Stadt- oder Gemeindeeinrichtungen).

Aus ihrer Rolle im Markt oder ihrem Verhältnis zum Markt ergeben sich einerseits die spezifischen Kompetenzen, aber auch die besonderen Interessen. Was wollen die Herrschaften hinter den Kulissen eigentlich? Je nachdem, wie die Rolle im finanzökonomischen Prozess aussieht, werden sie über bestimmte Kenntnisse und / oder Einflussmöglichkeiten verfügen.

Die Weltbank beispielsweise hat einen großen und mächtigen Anteilseigner, die USA, der viele Jahre dafür sorgte, dass die ordnungspolitischen Vorstellungen aus Washington umgesetzt wurden. Bei den Amerikanern liegt auch der größte Stimmrechtsanteil, nämlich augenblicklich 15,85 %. Im Jahre 2016 kritisierten zahlreiche Mitarbeiter der Weltbank, dass die Führungsposten nicht nach Kompetenz besetzt wurden, sondern nach Proporz – Hauptsache weiße Amerikaner geben den Ton an. Aber das ist kein exklusives Problem internationaler Organisationen: wie viele örtliche Sparkassen wurden schon in Gefahr gebracht weil für Ortsbürgermeister Kuno, den verdienten Parteisoldaten, noch ein Pöstchen gefunden werden musste?

„Öffentlich“ ist also nicht gleich „öffentlich“ – und bei jeder Einrichtung lohnt ein Blick auf die Machtverhältnisse, die die ökonomischen Experten zum Tanzen (oder zum Schweigen) bringen. Denn der Sachverstand, die Expertise steht eben nicht im luftleeren Raum, sondern folgt politischen Zwängen.

 

Sehen Sie sich genau an, wer die Einrichtung trägt, finanziert und besetzt – dann werden die Expertenpapiere und Stellungnahmen schon verständlicher.

 

Das wäre die erste Botschaft, die ich vor dem nächsten Schluck Tee gerne unterbringen würde: Sehen Sie sich genau an, wer die Einrichtung trägt, finanziert und besetzt – dann werden die Expertenpapiere und Stellungnahmen schon verständlicher.

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In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

Gesehen und verstanden wird nur, was den eigenen Zielen dient und im eigenen institutionellen Horizont sinnvoll ist. So wie die Weltbank von den großen Industrieländern dominiert ist – und eine Politik betreibt, die Entwicklungs- und Schwellenländern mehrfach schlecht bekam, so haben sich die lokalen Finanzeinrichtungen in öffentlicher Hand immer schwer getan, globale Märkte einzuschätzen. Das „stupid German money“, das in den Jahren vor der Finanzkrise in allerlei seltsame US-Finanzprodukte floss, kam oft über die lokalen Banken aus deutschen Gemeinden. Und dahinter steht nicht böser Wille. Es wird einfach gar keine Expertise aufgebaut, die anderen Zielen dienen könnte als denen, die man so gut kennt.

Bei den öffentlichen Einrichtungen dürfen wir uns also fragen: Welche Ziele verfolgen sie und welche Art von Kompetenz bauen sie dazu auf? Die Zielkonflikte und Wissensasymmetrien entscheiden darüber, ob glaubwürdig und hilfreich informiert wird.

Ein weiteres Problem muss aber noch angesprochen werden (meine zweite Botschaft): schlaue junge Leute, die die entsprechenden Ausbildungs- und Studiengänge absolviert haben, strömen nicht unbedingt in Behörden und Einrichten mit öffentlicher Trägerschaft. Und der Staat hat so oft nicht die Möglichkeiten, High Potentials zu formen und zu fördern. So kommt es, dass einigen wenigen mäßig bezahlten Beamten und Angestellten ganze Stäbe gut ausgebildeter Juristen oder Finanzwissenschaftler gegenüberstehen, die bei Sachverstand und Eloquenz in einer anderen Liga spielen. Der Brain Drain, der meist zuungunsten der öffentlichen Hand verläuft, verschafft den Banken und Fonds, den Finanzdienstleistern und Vermögensverwaltern das benötigte Personal. Das kann man schön daran ablesen, wann und wie profitable Lücken geschlossen werden. Wie lange hat es nochmal gedauert bis die CumEx-Geschäfte, bei denen durch kreative Dividendenverrechnung Steuern gespart wurden, beendet wurden. Moment mal – sie wurden ja gar nicht beendet!

Und so gibt es einige Beispiele für Wettrennen zwischen Roller und Rolls Royce – zwischen kleinen Gruppen in den Behörden, die möglichst nicht zu viel Staub aufwirbeln sollen und vielen hochbezahlten Spezialisten.

Wie können wir als ganz normale Finanzbürger uns also über öffentliche Stellen informieren lassen und was sollten wir beachten? Sorgen die öffentlichen Einrichtungen dafür, dass wir ermächtigt und ertüchtigt werden und uns ein eigenes Urteil bilden können? Weisen sie auf die Gefahren hin, die ein so dynamischer Raum wie der des Finanzmarkts, immer birgt?

 

Die Finanzinstitutionen in öffentlicher Hand liegen in Wirklichkeit in ganz verschiedenen öffentlichen Händen.

 

Die Finanzinstitutionen in öffentlicher Hand liegen in Wirklichkeit in ganz verschiedenen öffentlichen Händen. Nicht alle sind sauber und nicht alle können gut jonglieren. Die Auge-Hand-Koordination lässt manchmal zu wünschen übrig, von der Gehirn-Hand-Koordination ganz zu schweigen. Sachverstand ist gewiss vorhanden, wenngleich oft sehr viel weniger als in den privaten Institutionen. Nur wenn wir die Expertise von verschiedenen Seiten nutzen, wenn die Stellungnahmen der nationalen Regulierer mit denen der globalen Investierer und Spekulanten zusammengelesen werden und dann noch kräftig durch die ideologiekritische Prüfung gekämmt wurde, dann können wir anfangen, Vertrauen zu fassen. Die Weisheit der Affenhorde gilt aber immer noch: Wer zu früh vertraut, bleibt dumm, wer zu spät vertraut, bleibt einsam.

 

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 03.05.2017.

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Finanz & Eleganz: Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?

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FFN – Finance Fake News oder:

Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?

 

Berichte über die Finanzwelt werden in den hiesigen Medien unter drei Buchstaben abgehandelt: D, A und X. Der Deutsche Aktienindex, übrigens ein Produkt und eine eingetragene Marke der Deutsche Börse AG, repräsentiert die Aktienkurse der 30 wichtigsten deutschen Unternehmen, die nach bestimmten Kriterien (Gesamtwert der Anteile / Häufigkeit und Volumen des Handels mit diesen Anteilen) ausgewählt werden. In der augenblicklichen Zusammensetzung finden sich in ihm beispielsweise je neun Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen und Bayern aber nur eines aus Hamburg und keines aus den östlichen Bundesländern – was schlagartig ein Bild der deutschen Wirtschaftslandschaft liefert, aber eben auch nur einen Teil beleuchtet. So ist das starke Wirtschaftsland Baden-Württemberg nur mit 3 Unternehmen vertreten, weil hier die mittelständische, oft gar nicht börsennotierte Wirtschaft eine Rolle spielt.

In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

Dennoch wird der DAX vielfach ganz selbstverständlich als Gradmesser der wirtschaftlichen Entwicklung und der Verhältnisse auf dem Finanzmarkt gehandelt. Warum? Weil das so schön einfach ist und weil der DAX immer Nachrichten liefert. Er macht ja ganz unerhörte Dinge: er „stürzt“ oder „rast“, er „taumelt“ und „schreckt zurück“ oder er „peilt an“ und „scheitert“. Das kann er natürlich alles gar nicht – aber es macht sich gut in den Nachrichten weil Investoren, Anleger oder Aktienbesitzer mit ihm stürzen, rasen, taumeln, zurückschrecken, anpeilen und scheitern. Der Index liefert Stories und Stories brauchen die Medien. Was ist dabei das Wesentliche? Eine Story hat eine Handlung, beschreibt Veränderungen. Es muss sich etwas tun, damit eine Meldung erscheinen kann. Ohne Veränderung keine Tageszeitung. Wozu auch?

 

Selbstverständlich wäre es ungerecht, „die“ Medien über einen Kamm zu scheren: Zeitungsartikel, Fernsehsendungen, Talk-Shows, Radio-Interviews, Journale und Zeitschriften, Internet-Informationsdienste oder Blogs – tausend verschiedene Ansprüche und Kommunikationsstrategien… Aber es gilt dennoch: der Nachrichtenwert lebt von der Veränderung und zwar am besten von einer, die Menschen auf sich beziehen können. „Human Interest“ plus neues Ereignis – ohne diese Zutaten kommt kein Medienvertreter lange aus. So wurden die Vorgänge am Finanzmarkt oft spannend und nachvollziehbar dargestellt (wenn Journalisten ihr Handwerk verstehen). Aber was erklären die Vorgänge überhaupt? Was sehen wir, wenn wir nur Bewegungen sehen? Zu oft geraten dann Strukturen und Institutionen aus dem Blick. Dass der DAX steigt oder fällt, das wird erkannt, aber was der DAX genau ist und wie er sich zu anderen Indices verhält, das bleibt gerne im Dunkel. So ist zum Beispiel wichtig, dass wir beim DAX meist den Performance-Index, nicht aber den Kurs-Index sehen. Von Bedeutung ist das deshalb, weil im Performance-Index Dividenden mitgezählt werden, während sie beim Kurs-Index unberücksichtigt bleiben. Man kann durchaus fragen, was aussagekräftiger und/oder manipulationsanfälliger ist.

 

In den Massenmedien spielen solche Differenzierungen oft keine Rolle. Aber es gibt ja noch andere Medien, die sich mit Finanzen beschäftigen. Was hätten wir da?

Zum einen gibt es „Anlegermagazine“, die über Finanzprodukte, über Aktien, Fonds, Anleihen, Zertifikate berichten unter dem Gesichtspunkt „Wie verwalte ich mein Vermögen?“ Das gibt es in der langfristigen und wertorientierten Variante mit durchdachten Strategien, aber auch als schrille „Morgen bis Du Millionär“-Variante. Hier sind die Übergänge fließend zu unsäglichen Mailversendern, die immer todsichere Tipps haben. Da geht es dann nur noch um „Kursraketen“, um das „nächste Google“ und „Jahrhundertchancen“. Realsatire garantiert!

Dann gibt es noch die solide Ratgeberliteratur, vorbildlich verkörpert durch „Finanztest“, herausgegeben von der Stiftung Warentest und mit 1,3 Millionen monatlichen Lesern das erfolgreichste deutsche Wirtschaftsmagazin. Das muss man sich immer vor Augen halten: von allen Finanz- und Wirtschaftsmedien wird ein Blatt am meisten gelesen, das keine Anzeigen enthält, bieder und genau informiert (wenn man sich nicht gerade mal bei der Riester-Rente verrechnet) und tatsächlich das Wohl der Bürger im Blick hat – wenngleich es in der Aufmachung oft mehr am Amtsblatt Kleinweser orientiert ist. Garantiert unsexy, völlig unspekulativ und knochentrocken: ein deutscher Traum.

 

Mehr Glamour bieten Wirtschaftsmagazine wie „Capital“, „Wirtschaftswoche“, „Manager Magazin“, „Impulse“, „Euro“ und ähnliche. Sie ähneln sich darin, dass sie Börse und Finanzwelt oft als Mittel zum Zweck und in ihrer Funktion für die „Realwirtschaft“ sehen. Das ist lobenswert wenn man von der dienenden Funktion der Finanzwirtschaft fest überzeugt ist, führt aber oft nicht bis zu dem Einblick in die Finanzwelt als solche. Die „wirkliche Wirtschaft“ ist ja auch so viel interessanter – Drehmaschine schlägt Dollar Swap. Gibt es etwas medial Darstellbares jenseits von „Mensch, soviel Geld!“ oder „Die sollen sich um Kredite für den Mittelstand kümmern!“?

Für die Finanzwelt an sich gibt es natürlich Spezialorgane, für die aber wiederum das gilt, was ich schon zu den Wissenschaftlern gesagt habe: Unverständliche Seriosität zu Teilproblemen von Teilproblemen. Warum wird nicht einmal im Monat in einer seriösen Tageszeitung ein verquaster Fachartikel sachkundig reformuliert? So manche Welle wäre früher gesurft worden, so manche Krise hätte nicht nur Sprachlosigkeit hinterlassen.

 

Denn von den Medien sollte doch die wichtige Vermittlungsarbeit geleistet werden – wenn das Fachwissen vorhanden ist und wenn der unabhängige Blick nicht nur auf Events gerichtet ist. Würde öfter einmal über ein Ereignis ein Problem erklärt, anhand einer Innovation eine Institution, dann wäre die demokratische Aufgabe des Journalismus auch im Reich des Geldes besser erfüllt. Doch das geschieht selten und die digitalen Medien machen wenig Hoffnung auf Besserung, da sie die Szene entweder in viele kleine Teilszenen aufsplittern und für jeden etwas bieten oder reine Auftragsarbeit machen.

Dass und wie sich die Medienlandschaft verändert, trägt eben zur dürftigen Finanzdarstellung bei. Damit meine ich gar nicht Tragödien wie das Scheitern der „Financial Times Deutschland“, einer hervorragenden Zeitung, die 2000 bis 2012 existierte und nie profitabel arbeitete. Das klassische Geschäft der Printmedien ist mittlerweile ohnehin schwieriger (um gegen Ende freundlich zu formulieren). Immer öfter verdient man sein Geld über Events und Sonderausgaben, nicht durch die anzeigenabgesicherte Tagesarbeit. Ein Eventbericht über fünf Prominente, von denen ruhig die Hälfte ex-prominent sein darf, nimmt mehr Platz ein als ein solider Hintergrundartikel. Es wird diskutiert statt informiert und gewimmert statt gewichtet. Die Sensationsgetriebenheit und die Konzentration auf Neues erschwert den langen Atem.

 

Wenn Journalisten den Blick für das Wesentliche schärfen, dann kommen wir aus dem Dauergewoge von Scheininformationen heraus. Dann sehen wir Leser, dass die vielen Wellen zusammen ein Meer ergeben. Dieses Meer kann man nur mit vergehender Zeit als Ganzes erkennen. Dazu ist aber ein ruhiger Blick notwendig. Eleganz braucht ruhige Gelassenheit.

 

 

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 27.02.2017.

Finanz & Eleganz: Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt?

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Gemäldeausstellungen für Blinde oder:

Versteht die Wissenschaft eigentlich den Finanzmarkt?

 
Die Zeit der Auskenner scheint vorbei zu sein. Wurden früher die Einschätzungen von Professoren und Doktoren, die als „Experte für…“ von Fernsehsendern oder Zeitungen befragt wurden, ernst genommen, so wird ihrem Urteil mittlerweile mit Skepsis oder sogar Ablehnung begegnet. Und einige politische Bewegungen schreiben sich sogar bewusst den Protest gegen die klassischen Wissenseliten und die „Insider“ auf die Fahnen.
Zu viele falsche Prognosen, zu viel offensichtlich von subjektiven Meinungen gesteuertes Hintergrund“wissen“, zu viel Eitelkeit und Wichtigtuerei haben das Image der Bildungs- und Ausbildungseliten geschädigt. Aber auch wutbürgerlicher Stolz auf authentische Reflexionsverweigerung und ehrlicher Unverstand haben viel verändert. Besonders in den Debatten, die die Gemüter bewegen, an denen Herz und Verstand gleichermaßen beteiligt sind, nimmt der Anteil der „gesicherten Erkenntnisse“ und der anerkannten Wahrheiten eher ab. An der wichtigen Schnittstelle zwischen Fachdiskurs und breiterer Öffentlichkeit macht sich der Spaltpilz breit, der Ideologieverdacht, Auftragsforschung und „Lügenpresse“ zusammenbringt und selbstbewusst bekennt: „Ich glaube nur an die Statistik, die ich selbst gefälscht habe.“

Wie sieht es denn eigentlich bei den Finanzen aus? Gibt es denn wenigstens hier, wo Seriosität und konservative Sachlichkeit als Selbstverständlichkeiten betrachtet werden, noch echte Experten, deren Einschätzungen man glauben kann und die uns einerseits Wissen, aber andererseits auch Orientierung vermitteln?
Gleich zu Beginn einmal meine Meinung dazu: ja, es gibt diese Expertinnen und Experten – aber leider nicht da, wo wir sie vermuten. Und ich brauche diesmal mehrere Blogs, um das auszuführen.

Der Übersichtlichkeit halber hier einmal die Bereiche, die ich mir in den nächsten Beiträgen ansehen will:
– Wissenschaft
– Medien
– Finanzinstitutionen (öffentlich)
– Finanzinstitutionen (privat)

 

Der wissenschaftliche Blick auf den Finanzsektor

Kompetenzaufbau und -ausbau sollte an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen stattfinden. Hier müssten wir doch eigentlich diejenigen treffen, die uns über Aktienmärkte, Börsengeschehen und Kapitalverkehr am besten aufklären. Und tatsächlich finden wir Lehrstühle für Finanzwissenschaft und Finanzmathematik, für Bank- und Kreditwirtschaft, für Financial Management and Capital Markets, sogar für Entrepreneurial Finance u.ä. Und beim Gespräch mit den Inhaberinnen oder Inhabern solcher Lehrstühle stellt man schnell fest, dass darunter viele angenehme und intelligente Menschen sind.
Allerdings tauchen sie in der Öffentlichkeit kaum oder zu wenig auf – und wenn sie es tun, dann sprechen sie in unverständlicher Sprache über hochabstrakte Probleme. Gerne konzentrieren sie sich zudem auf ihre Spezialfragen. Denn eine Voraussetzung für den Erfolg in der akademischen Welt ist: Spezialisierung. Das Erfolgsmodell ist die wissenschaftliche Ich-AG mit klarem Profil und überschaubarem Produktangebot. Der wissenschaftliche Bankenkenner also spricht nicht über Risikokapital, der Portfolio-Spezialist hält sich bei der Währungspolitik zurück; wer Venture Capital versteht, der kapituliert vor Derivaten.

Im Drittmittelwettbewerb wird dieser strategische Autismus, dann gerne mit Buzzwords ausgekleidet, die Unverständlichkeit mit Relevanzbehauptungen der allgemeinsten Art kombinieren. Die Antragsprosa der Finanzwissenschaftler ist eben – ungeachtet mancher Selbstdarstellungen – auch nicht substanzhaltiger als die neueste geisteswissenschaftliche Großtat, die das „Fremde im Eigenen als Grenzgröße expressionistischer Dramen“ oder die Naturlyrik isländischer Linkshänder erkundet.
Allerdings müssen die hauptamtlichen Finanzkenner noch mit einem zusätzlichen Handicap arbeiten: dem Mathematik-Mantra. Alle sind sie in der Sprache der Mathematik erzogen worden und die Grenzen dieser Sprache sind die Grenzen ihrer Welt. Die Finanzwelt, so ihr Credo, besteht aus Gleichungssystemen, stochastischen Lehrsätzen und Formeln, nicht aus Menschen, Märkten oder gar Moral. Mathematisierung führt aber nicht immer zur Sachlichkeit. So zu tun, als sei die Wirtschaftswissenschaft eine Naturwissenschaft, verrät nur, dass man von der Natur der Wirtschaft keine Ahnung hat.

In der Finanzwirtschaft geht es notwendigerweise auch um Algorithmen, Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung, um Zinseszins und Kostenrechnung. Aber zu den mathematischen Gesetzmäßigkeiten kommt das weite Feld menschlicher Schönheit und Wirrheit, der irrationale Überschwang eben. Dieser hat verhindert, dass die mathematisch orientierten Finanzwissenschaftler über die großen Auf- und Abschwünge sowie über die Finanzkrisen etwas Anderes sagen konnten als „Oh!“
Robert Shiller hat auf die Selbstüberschätzung mathematisch-naturwissenschaftlich orientierter Finanzexperten immer wieder hingewiesen und er hat mit Keynes und Schumpeter starke Unterstützer.

Wissenschaftliche Aussagen über Finanzmärkte sind möglich – über ihre historische Entwicklung (Finanzgeschichte), über die Berechenbarkeit einzelner Mengen und Faktoren (Finanzmathematik), über die Dynamik zwischen den Akteuren (Finanzsoziologie), über Modelle zum besseren Verständnis (Finanztheorie) und so weiter und sofort – aber nur bei einer Vereinigung dieser verschiedenen Wissensbereiche, bei einem Zusammendenken über Kontinente und Meere der Finanzwelt hinweg, können wir etwas verstehen und können auf der Grundlage dieses Verständnisses verständliche Aussagen entwickeln, die auch für den interessierten Laien Bedeutung haben. Die aktuelle Form der Wissenschaft macht es jedenfalls unwahrscheinlich, dass wir in den Universitäten auf die richtigen Gesprächspartner treffen. Und das hat Folgen für die Gesamtgesellschaft.
Eine aktuelle Umfrage unter je 1000 Teilnehmern aus Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Portugal, Spanien, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich über die Finanzkompetenz der Durchschnittsbürger hatte zum Ergebnis, dass im Gesamtranking die Deutschen zwar auf Platz 2 landeten (die Franzosen – mon Dieu – auf dem letzten Platz), aber dennoch waren die Ergebnisse ernüchternd. Die Problematik der Risikostreuung („Niemals alle Eier in einen Korb legen!“) war nicht präsent, die wesentlichen Finanzprodukte bestenfalls schemenhaft erkannt. Die Leiterin dieser Studie (“When will the Penny Drop: Money, financial literacy and risk in the digital age”), Prof. Annamaria Lusardi, Professorin an der George Washington Universität, plädiert dafür, Finanzwissen in der Schule zu lehren und jungen Menschen die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf das alltägliche Leben zu verdeutlichen. Denn gerade diejenigen, die jünger als 35 Jahre sind, haben besonders geringe Finanzkenntnisse.

Nur wenn der Wissenstransfer von den Hochschulen zu den zukünftigen Lehrern funktioniert, gibt es hier aber Chancen. Und nur wenn Finanzwissen in verständlicher (und womöglich eleganter) Form für alle verfügbar ist, dann kann auch kritisch darüber diskutiert werden. Hier kommen nun die Medien ins Spiel und wir wollen beim nächsten Mal ansehen, ob Zeitungen und Zeitschriften, Fernseh- und Radiosender sowie Internetkanäle und Social Media ihrer Verantwortung gerecht werden. Gibt es Finanzexperten in den Medien – die ihren Stoff kennen und verständlich darstellen?
Wir werden sehen…
 
 

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 10.02.2017.

 

 

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In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

 

Finanzmarkfilme für den Winter (Teil 2) – von Bernd Villhauer

Finanz & Eleganz: Die Kolumne von Bernd Villhauer im agora42-Blog.

Finanz&Eleganz

 

Wann kommt endlich das Sequel? oder Finanzmarkfilme für den Winter (Teil 2)

 

Oft müssen wir lange auf eine Fortsetzung warten. Einige von uns dürften bedauert haben, dass der letzte, der fünfte Teil von „Die Hard“ mit Bruce Willis sechs Jahre nach dem vorigen Teil erschien. Cineasten bekamen ihre Fortsetzung von „Chinatown“ erst nach 16 Jahren mit „The Two Jakes“, ebenso lange ließ der dritte Teil des Mafia-Epos „Der Pate“ auf sich warten. Und für unser Thema einschlägig: es lagen 23 Jahre zwischen „Wall Street“ und „Wall Street 2“ (bzw. „Wall Street: Money never sleeps“).

Mit diesem Fitzelchen nicht wirklicher relevanter Informationen beginne ich den ebenfalls lang erwarteten und vielfach eingeforderten zweiten Teil meines kleinen Überblicks zu den Filmen über Aktienmarkt und Börse.

 

Wie beim letzten Mal angekündigt, starte ich mit einem meiner ausgesprochenen Lieblingsstreifen: „Margin Call“ von 2011. In Deutschland wurde der Film von Regisseur und Drehbuchautor J.C. Chandor als „Der große Crash“ präsentiert. Bekannte Namen erleichterten die Vermarktung: Demi Moore, Kevin Spacey, Jeremy Irons … Hier wurden auch Nebenrollen sehr gut besetzt; man erwartet eigentlich, Harvey Keitel als Büroboten um die Ecke kommen zu sehen. Warum ist der Film so beeindruckend? „Margin Call“ gelingt mit seinen Charakteren das Kunststück, in einer ganz überschaubaren räumlichen Situation (die Filmkritik schreibt dann von einem „Kammerspiel“) die ungeheure Dynamik der Finanzkrise in Bilder zu bringen. Es sind ruhige Aufnahmen von Leuten vor Bildschirmen, in Konferenzräumen und auf Dachterrassen – gemeinsam ist ihnen die Ratlosigkeit und der Versuch, Sinn in etwas zu bringen, das ihnen eigentlich sinnlos erscheint. Einer der Protagonisten war Architekt gewesen und kann genau sagen, wie vielen Menschen eine von ihm gebaute Brücke Zeit gespart hat. Einmal hat er etwas Dauerhaftes in die Welt gestellt, nun verkauft er Finanzprodukte. Die großartigen Dialoge, die atmosphärisch dichte Beschreibung der Welt der Wertpapierhändler, die kleinen Manieriertheiten und die großen Ängste – wir sehen ein Bildertableau vom Menschen, der in den Stürmen der Finanztumulte nicht über Bord gehen will. Am Ende wird ein toter Hund beerdigt.

 

Wie ein toter Hund schaut auch Gordon Gekko als er in „Money never sleeps“ (2010) aus dem Gefängnis entlassen wird. Er bekommt seine Kleidung und seine sonstige Habe zum Abschied ausgehändigt, darunter ein Mobiltelefon aus den 80ern, groß wie eine Hantel. Aber der Unzeitgemäße arbeitet sich nach vorne, zunächst mit Vorträgen über Gier und Geld. Ein Täter reflektiert die Tat und verdient ganz gut damit. Es entwickelt sich eine Handlung, bei der es immer mehr um das Erbe geht. Was hinterlassen wir? Wie nachhaltig und verlässlich ist unser Werk? Der Film fragt nicht nur nach der Krise, sondern nach Gefühlen in und nach der Krise. Wir leben im Bewusstsein, dass schon alles zusammengebrochen ist – mehrmals. Gibt es Vertrauen in der Welt der Finanzen – Vertrauen in die Zukunft womöglich. Am Ende hat Michael Douglas alle platt gespielt, Gordon Gekko ist wieder reich, aber die Zukunft gehört doch den Erneuerbaren und den New Yorker Frauen, die noch selbst backen.

 

Solche Frauen kommen in einem einschlägigen Film von Jodie Foster nicht vor. Die schnelle, grelle Welt von „Money Monster“ (2016) zeigt einen George Clooney als Börsen-TV-Star Lee Gates. Dieser inszeniert den Markt als Show und Showdown, dabei feuert er regelmäßig Kauf- und Verkaufsempfehlungen auf die Zuschauer ab. Eines Tages kommt ein junger Mann mit Bombe ins Fernsehstudio, der alles auf eine dieser Empfehlungen gesetzt hatte. Obwohl mit viel medialem und metmedialem Aufwand alle Symboliken der Börse bemüht werden, geht es dann im Grund nur um ein ganz konventionelles Betrugsmanöver. Herrlich anzusehen die Szene, wie der Moderator sein Publikum auffordert, eine bestimmte Aktie zu kaufen damit der Kurs steigt und der junge Mann nicht die Nerven verliert. „Was ist ein Leben wert?“ ruft er in die Kamera, „Was ist Ihnen mein Leben wert?“. Die Antwort kommt schnell: der Kurs zieht ein wenig an, um dann ganz abzusacken. Letzten Endes haben die Börsenkommentatoren und Markbeobachter genauso wenig Macht wie die Leute, die mit Omas Erbe auf die falsche Aktie setzen. Die Hohlheit und Hilflosigkeit der „Experten“ wird wunderbar gezeigt. Sie deuten die Zeichen und dabei können sie genauso falsch liegen wie antike Seher bei der Eingeweideschau.

 

Aber wer weiß denn eigentlich wirklich etwas über die Börse? Wo ist echtes Expertenwissen zu finden? Dass die Herren, die im Fernsehen wissen, was der Markt in den nächsten Tagen tun wird, Unsinn reden – das ist jedem gleich klar. Und dass Politiker über die Finanzmärkte so kompetent reden wie über den Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter, das geht einem auch schnell auf. Aber irgendwo muss es doch Kompetenz geben. Vielleicht bei den Finanzwissenschaftlern und Finanzmathematikern? Bei den universitären Marktbeobachtern, die die Finanzkrise auch nicht kommen sahen? Wer vom Glauben an Experten geheilt werden möchte, der beschäftige sich einmal mit der Geschichte von Long-Term Capital Management (LTCM), einem Fonds, der in den 90ern unter Mitwirkung von mehreren Nobelpreisträgern so professionell wirtschaftete, dass er am Ende mit mehr als einer Billion (!) Dollar in den Miesen stand.

 

Wer weiß etwas bzw. wie kann man sich verlässliches Wissen aneignen? Diese börsenerkenntnistheoretische Frage steht im Grund im Mittelpunkt von “The Big Short“ aus dem Jahre 2015 Wie kann man zunächst einmal das wichtige Wissen vom unwichtigen unterscheiden, einen sinnvollen Rahmen des Finanzverständnisses schaffen und sich dann von der Herde losmachen und seine eigenen Interpretationen finden? Als Film nicht so richtig gelungen, aber als Suchbewegung nach dem Meeresboden unter den Wellen ein Genuss. Jede Menge Stars und Celebrities würzen den finanztheoretischen Exkurs, der immer wieder die Fragen stellt: Was kann ich glauben? Wer will wissen, wer will nur Geld verdienen? Die Verfilmung eines sperrigen Bestsellers übrigens.

 

Damit wären wir beim letzten und schwächsten Film des heutigen Blogs. „The Wolf of Wall Street“ fordert viel Geduld und einen starken Magen. Martin Scorseses Filme wechseln immer schön ab zwischen „anstrengend, aber wichtig“ und „Behalt das doch für Dich!“ Der Börsenfilm von 2013 über den Finanzbetrüger Jordan Belfort gehört eher zur zweiten Kategorie. Wenn Scorsese einen Gangster-Film macht, dann zeigt er ziemlich genüsslich und kompetent Gewalt und Niedergang. Von der Börse versteht er aber wohl nicht so richtig viel, weswegen zwar die Prostituierten und die Drogen liebevoll ausgebreitet werden, die Strategien der Mittelbeschaffung für solche Freizeitvergnügungen aber weniger. Es knallt, spritzt, schreit und leuchtet die ganze Zeit und irgendwann will man nichts mehr sehen.

Und das ist eben meilenweit entfernt sowohl von Finanz als auch von Eleganz.

 

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 25. November 2016.

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In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

Schön schaurig wie im Kino oder Finanzmarktfilme für den Sommer (Teil 1)

Schön schaurig wie im Kino oder
Finanzmarktfilme für den Sommer (Teil 1)

 

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Finanz & Eleganz die Kolumne von Bernd Villhauer im agora42-Blog

Hitze! – gibt es in diesem Sommer nur tageweise, dann aber richtig. Wolkenbrüche wechseln sich mit Hitzewellen ab. Wenn dann wieder so ein heißer Tag kommt und man das Gefühl hat, durch Wände aufgewärmter Watte gehen zu müssen, dann bietet sich der Zufluchtsort Kino bzw. ein langsames Niedersinken auf das heimische Sofa vor dem Bildschirm an. Daran ist nichts Schlechtes.

Deshalb bietet „Finanz & Eleganz“ eine Auswahl der besten Börsenfilme in zwei Portionen. Ich konzentriere mich dabei auf „fiction“, also solche Streifen, die nicht eindeutig als Dokumentarfilme auftreten.

 

Natürlich gibt es einige Werke, die dokumentarische Fakten in eine Spielhandlung überführen, z.B. der heute weitgehend unbekannte, aber informativ und professionell gemachte Fernsehfilm „Der schwarze Freitag“ von 1966 (mit Curd Jürgens!), in dem die Mechanismen des Börsenhandels gut erläutert werden und aus heutiger Sicht etwas bieder das Lied der Börsenmoral gesungen wird.

Unterhaltsamer ist „Trading places“ („Die Glücksritter“) von 1983: Dan Akroyd und Eddie Murphy mischen die Welt der Warentermingeschäfte auf. Nicht nur Jamie Lee Curtis hinterließ bleibenden Eindruck bei Pubertierenden, auch viele der Gags und Wendungen wirken mehr als dreißig Jahre später kaum angestaubt.

Vier Jahre danach kam der Film in die Kinos, an dem sich jede spätere Darstellung der Finanzwelt messen lassen musste: Wall Street. Der Film führt den Aktienhandel als Wirbelsturm vor, der um ein dunkles Zentrum kreist: Gordon Gekko. Obwohl dessen Machenschaften als die hinterhältigen Schweinereien gezeigt werden, für die Leute wie Ivan Boesky und Carls Icahn in der Realität standen, wurde Michael Douglas als Finanzjongleur zum Rollenmodell für Generationen von Wall Street-Pilgern. Der Regisseur Oliver Stone berichtete noch lange irritiert in Interviews, wie viele Börsenhändler ihm gestanden hätten, dass sie nur wegen seines Films zu diesem Beruf gekommen seien.

Ein anderer „Corporate Raider“, der Firmen kauft und ausschlachtet, wird in „Other People’s Money“ (Das Geld anderer Leute“) von 1991 gezeigt: gespielt von Danny DeVito, also kleiner, dicker und witziger. Er will die Drahtfabrik des (wunderbar verwitterten) Gregory Peck an sich bringen und gewinnbringend filetieren. Neben Einsichten in diese Art von Geschäften gibt es schnelle schlaue Dialoge. An die financial screwball comedy ist ein Happyend montiert, in dem eine schöne Frau, der unser Filmheld  gerade bis zum Gürtel reicht, alles wieder gerade rückt.

Schlimmer hingegen ging es aus mit dem Börsenhändler Nick Leeson aus, der die gute alte Barings Bank mit Spekulationen in Singapur ruinierte. „Rogue Trader“ („Das schnelle Geld – Die Nick Leeson Story“) von 1999 erzählt seine Geschichte – und die ist eigentlich erstaunlich langweilig und im Grund nicht sehr kinogeeignet – obwohl es um Riesensummen geht, die das globale Finanzsystem spürbar beeinflusst haben. Aber was ist zu sehen? Junger Typ  verzockt sich vor Bildschirmen und verliert irgendwann alles. Ewan McGregor gibt sich redlich Mühe, aber er kommt nicht gegen das Hauptproblem an: Spekulation lässt sich im Zeitalter der Computerbildschirme nur noch schwer sinnlich und emotional mitreißend darstellen. Bei den „Glücksrittern“ wurde noch in den Handelssälen geschrien und geschwitzt – aber 16 Jahre später findet die Action für die Börsenhändler mehr am Kaffeeautomaten oder im Nachtclub nach der Arbeit statt. Abstrakter und indirekter läuft alles ab, der Schauwert schrumpft.

 

Damit wären wir bei einer wichtigen Frage: was kann der Film von der Börse und ihren Aktivitäten überhaupt zeigen? Wie auch Sven Grzebeta in seinem hier schon besprochenen schönen Buch „Ethik und Ästhetik der Börse“ ausführt, gibt es in der Architektur, dem Kleidungsstil, der Klangkulisse, den Visualisierungsformen börsenspezifische Darstellungsmöglichkeiten: Männer in dunklen Anzügen, die in monumentalen Gebäuden auf elektronische Laufbänder mit Buchstaben und Zahlen starren, ein Prise Liniendiagramme – voilà, die Finanzwelt.

Neben diesem Symbolsystem „Börse“ hat der Film natürlich noch eine weitere Darstellungsebene: das Agieren bestimmter Menschen in bestimmten Situation, also die Börse im Spiegel der Gesichter und Gesten von Individuen. Der Film kann zeigen, was das Finanzsystem tut, indem er zeigt, was es mit den Menschen tut.

Diesen Weg wählt „Boilerroom“ (Risiko – Der schnellste Weg zum Reichtum) aus dem Jahr 2000. Es geht um die Gier, die einen jungen Mann, der Anerkennung bei seinem Vater sucht, in eine dubiose Maklerfirma treibt. Das Finanzsystem ist eigentlich mehr die Kulisse, in der gezeigt wird, welche Ziele man sich in einem Leben stecken kann und wie unsere Ziele und Hoffnungen uns prägen.

 

Überhaupt lässt sich natürlich der Finanzsektor wunderbar als Hintergrund für Macht-, Psycho- und andere Spiele oder Krimi-Plots benutzen ohne auf Einzelheiten des Börsengeschehens einzugehen. The Bank (2001), im deutschen Verleih unter dem subtilen Titel „The Bank – Skrupellos und machtbesessen“ tut das effektiv und spannend, aber ein bisschen holzhammerheftig. Allerdings werden schön die Überlebensstrategien von Banken vorgeführt. Denken Sie daran, wenn auch die Filiale bei Ihnen an der Ecke schließt! Arbitrage von 2012 tritt höchst elegant auf. Hier lebt Richard Gere den Traum des Hedgefondsmanagers vor, mit eigenem Jet, Anwesen in den Hamptons, Kunstsammlung, überirdisch gut geschnittenen Anzügen und geschmeidiger Geliebter mit französischem Namen. Selten wurden Klischees so wunderbar inszeniert, selten hat kapitalistische Dekadenz so ein Vergnügen bereitet. Ein bisschen Voyeur sollte man allerdings schon sein…

Den langen Weg zum Glück beschreibt The Pursuit of Happiness (Das Streben nach Glück) von 2006, die reale Geschichte des Börsenmaklers Chris Gardner nacherzählend, der vor seiner Börsenkarriere als Obdachloser lebte. Hier ist die Investmentbank der große Wunschtraum am Horizont, die Oase in der staubtrockenen Realität des US-amerikanischen „Hire and fire“.

 

Achtung, nun kommt der brutale Einschnitt: Es gibt noch zahlreiche Filme zum Thema Börse und Finanzmarkt, aber ein Blog ist kein Filmlexikon. Deshalb hier noch ein Ausblick auf die Filme, die ich in TEIL 2 bespreche und an deren Beispiel ich beschreibe, warum Kino Schwieriges leicht und Leichtes schwierig macht.

Die kommenden Filme in Kürze und der Einfachheit halber gleich der Qualität nach gerankt. Wir beginnen mit einem Juwel und enden mit teurem Trash:

  1. Margin Call, 2011
  2. Money never sleeps (Wall Street 2), 2010
  3. Money Monster, 2016
  4. The Big Short, 2015
  5. The Wolf of Wall Street, 2013

Und wer setzt nun die Homepage FINANZFILMFREAKS auf?

 

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 16. August 2016.

 

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In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.

Auf lange Sicht sind wir alle pleite (oder tot? oder beides?)

Auf lange Sicht sind wir alle pleite (oder tot? oder beides?)

 

Finanz&EleganzSchade eigentlich, dass wir nicht in einer Welt der Augenblicksaufnahmen leben. Eine schöne Geste im passenden Bildausschnitt, eine gelungene Detailaufnahme, ein gutes Take im richtigen Moment… Die Stilleben-Welt hätte etwas Übersichtliches und Beruhigendes. Leider jedoch vergeht unausweichlich Zeit und die Abläufe verschmieren alles. In kürzerer oder längerer Zeit drohen Konsequenzen: „aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe…“ mahnt schon Wilhelm Busch.

John Maynard Keynes hat einmal auf Einwände, die die langfristigen Folgen der von ihm vorgeschlagenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen anmahnten, geantwortet: „Auf lange Frist sind wir alle tot“. Aber wie lange ist diese Frist? Welchen Anlagehorizont und welche zeitliche Perspektive haben wir? Daran entscheidet sich, ob wir auf ein Wellental blicken oder an einem Gipfel empor. Wann ziehe ich den Schlussstrich und mache die Abrechnung?

 

Spekulanten und Investoren unterscheiden sich, so sagt man, durch die Zeitspanne, für die sie planen. Der Spekulant will kurzfristig Rendite, der Investor langfristig. Die besonders verantwortlichen Formen des Investments werden als „nachhaltig“ bezeichnet; sie sichern Werterhalt oder Wertsteigerung über längere Zeiten und sind auf Wirtschaftsaktivitäten bezogen, die Raubbau und kurzsichtige Profitinteressen vermeiden. Ist also langfristiges Denken gut? Wird unser Finanzdenken moralisch besser, wenn wir einfach auf größere Zeiträume reflektieren? Unterscheidet den guten vom schlechten Menschen, dass der erste den längeren Zeitausschnitt, die umfassendere Aufmerksamkeitsspanne hat?

Dass das Zeitbewusstsein über den Charakter einer finanziellen Unternehmung entscheidet, das ist eigentlich banal. Keine ROI (Return on Investment)-Berechnung kann ernst genommen werden wenn nicht die betrachtete Periode, der zeitliche Abstand, berücksichtigt ist. Kein Finanzchef wird sagen können: „Es lässt sich ein Gewinn von 20 % unseres eingesetzten Kapitals erzielen – leider weiß ich nicht, bis wann…“

 

Über den zeitlichen Horizont unserer Anlagen und Erwartungen entscheidet so vieles: Erfahrungen mit meiner Umwelt, religiöse Überzeugungen, mein Lebensalter, das Vertrauen auf gesellschaftliche Stabilität etc. Ein 70-Jähriger wird andere Rendite-Erwartungen und Zeitpläne haben als ein 17-Jähriger. Und Bewohner von Bananenrepubliken investieren anders als diejenigen von Schweizer Kantonen.

Und doch akzeptieren wir in vielen Fällen, dass kein Zeitraum benannt werden kann. Von Tesla, dem visionären Elektroautokonzern, schlucken es die meisten Anleger, wenn er ankündigt, bis 2020 keine Gewinne zu machen – und danach … vielleicht. Das möchten wir von der Deutschen Bank oder BASF allerdings nicht hören! Zu jeder Firma, jedem Produkt, jeder unternehmerischen Innovation oder gesellschaftlichen Entwicklung haben wir einen Zeitindex. Wenn wir durch die Stadt gehen, dann können wir uns alle Häuser, alle Unternehmen mit einem Balkendiagramm darüber vorstellen, das zeigt, in welchen Zeiträumen hier gerade kalkuliert wird: welche Mittel sind für welchen Zeitraum festgelegt? Wer erwartet wann welchen Gewinn? Wird überhaupt Gewinn erwartet?

 

Kurzfristige Engagements kennen wir (zumal im Zeitalter der Bindungsangst) alle. Aber wie ist es denn mit ewigen Investments? Ja, auch das gibt es natürlich. Damit meine ich weniger die Investition des Hedgefondsmanagers Joon Yun, der Palo Alto Investors leitet und im Silicon Valley Pharma- und Biotech-Ideen finanziert. Mit dem von ihm ausgelobten „Palo Alto Longevity Price“ sollen Forschungen zur menschlichen Unsterblichkeit belohnt werden. Ohne Zweifel eine langfristige Investition.

Ich meine hier Investments, deren Gewinne nie realisiert werden. Viele Kunstwerke oder Sammelobjekte gehören dazu – gelegentlich „rechnet man sich reich“ mit ihnen, aber meist werden sie dann doch vererbt. Wirklichen Gewinn macht man jedoch nur im Augenblick des Verkaufs! Wenn also eine Investition langfristige Wertsteigerung verspricht und der Gewinn immer nur auf dem Papier existiert, dann kann schnell ein „ewiges Investment“ entstehen. So manche Familie sammelt Goldschätze oder Immobilen für schlechte Zeiten an, die nie kommen. Und gelegentlich nimmt man sogar hin (oft für eine „gute Sache“), dass das Geld fest bis sehr fest angelegt ist – in Stiftungen (die der Natur nach unsterblich sind) zum Beispiel.

 

Das müsste doch dann der Inbegriff des moralisch guten Geldes sein – ganz langfristig angelegt. Nur müssen natürlich auch Stiftungen Monat für Monat Einkünfte erzielen um für ihre Zwecke ausschütten zu können. Das (strategische) langfristige Ziel der Beförderung des Guten, das viele Stiftungen verfolgen wird also immer ergänzt durch die (taktischen) Notwendigkeiten der Erzeugung von Cash. Also ist auch dieses Geld „auf dem Markt“, es fließt weiter – nur dass die realisierten Gewinne anders verwendet werden. Und dann: Soll Geld nicht auch eigentlich fließen und sich immer wieder neu in alle Teile der Wirtschaft und Gesellschaft ergießen? Stiftungen sind also eigentlich (anders als Goldbestände oder die Dollarberge von Dagobert Duck, der „reichsten Ente der Welt“) kein ewiges Investment.

Für die Ewigkeit sind wir einfach nicht gemacht. Wir wollen mit Geld etwas gestalten – und zwar meistens hier und jetzt. Sofortigen Konsum, das sofortige Gefühl der Sicherheit, sofortige Befriedigung der moralischen Bedürfnisse – all das kann uns in verschiedene Zeithorizonte setzen. Denn Zeit ist Geld – aber Geld ist auch Zeit… Und wer denkt, das habe nun aber gar nichts mit „Finanz und Eleganz“ zu tun, der weiß nicht, wie wichtig Timing für jede Form von Eleganz ist. Daran sollte sich jeder und jede gelegentlich erinnern lassen – zum Beispiel durch Genies wie Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Georg Philipp Telemann, Tom Jones, Donald Fagen, Paul Weller, Wolfgang Amadeus Mozart oder Gregory Porter – mit der schönsten Form von Fließgleichgewichten und geordneter Dynamik, der Musik.

 

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 14. Juni 2016.

 

 

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In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.