Finanz & Eleganz: Vom Labyrinth der Finanzwelt

Materialistische Meditationen:

Vom Labyrinth der Finanzwelt

von Bernd Vill­hau­er

Photo by Ashley Batz on Unsplash

Ach­tung! Ach­tung! Bit­te lösen Sie nach Lek­tü­re des aktu­el­len Blogs sofort eine Bahn­fahr­kar­te nach Würz­burg bzw. stel­len Sie Ihre Auto-Navi­ga­ti­on auf „Würz­burg, Veits­höch­hei­mer Str. 5“. Gehen Sie nicht über Los und son­dern besu­chen Sie dort das Muse­um im Kul­tur­spei­cher Würz­burg mit der aktu­el­len Aus­stel­lung  „Laby­rinth kon­kret … mit Neben­we­gen“ (nur noch bis 15. Juli!) und bege­ben Sie sich ins Laby­rinth.

 

Das Laby­rinth ist ein wun­der­ba­res Sym­bol für den Finanz­markt. An ihm kön­nen wir vie­le sei­ner Eigen­schaf­ten erklä­ren und ins Bild brin­gen, die Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen und Ori­en­tie­rungs­pro­ble­me im Bör­sen­ge­sche­hen ver­deut­li­chen – sowohl, die Anfor­de­run­gen an die Ein­zel­nen, als auch die Kom­ple­xi­täts­stu­fen des Gesamt­sys­tems betref­fend.

 

Zunächst zur Kunst: Mit vie­len Bei­spie­len aus der Kunst des 20. und 21. Jahr­hun­derts arbei­tet die Aus­stel­lung in Würz­burg sich an drei Fra­gen ab: Was ist ein Laby­rinth? Wozu dient ein Laby­rinth? Und war­um ist es eigent­lich so schön?

Ent­spre­chend dem Pro­fil des Muse­ums, das sich der moder­nen Kunst, beson­ders der soge­nann­ten „Kon­kre­ten Kunst“ ver­schrie­ben hat, wer­den laby­rin­thi­sche Wege durch die letz­ten 100 Jah­re gezeigt, auch durch ganz Aktu­el­les. Solch „Kon­kre­te Kunst“ beruht meist auf mathe­ma­ti­schen Grund­la­gen und setzt mathe­ma­tisch-geo­me­tri­sche Model­le in hoch­äs­the­ti­sche Dar­stel­lun­gen um.

 

Aber was sind eigent­lich Laby­rin­the? Das Laby­rinth ist eines der gro­ßen alten Geheim­nis­se der Mensch­heit. Schon die Her­kunft des Namens ist nicht klar, auch die ers­ten For­men und Ver­wen­dungs­zwe­cke sind in das Dun­kel frü­her Geschich­te gehüllt. War­um füh­ren Gän­ge in den Pyra­mi­den in die Irre? Gab es den Palast auf Kre­ta, in dem der Mino­tau­rus Men­schen durch das Laby­rinth jag­te?

Jeden­falls ver­ste­hen wir unter einer laby­rin­thi­schen Anla­ge ein kom­pli­zier­tes Sys­tem von Wegen — manch­mal mit Abzwei­gun­gen, manch­mal ohne, es kann zwei- oder drei­di­men­sio­nal sein und in ver­schie­dens­ten Arten aus­ge­führt: als Gebäu­de, als Spiel­zeug, als Kunst­werk, als Gar­ten, in Eis, Stein und Holz.

Dar­ge­stellt sehen wir es meist in der Drauf­sicht. Wenn wir uns aller­dings dar­in befin­den, dann sieht alles ganz anders aus. Ein Grund­the­ma ist also das der Ori­en­tie­rung – das Laby­rinth als Ver­wirr­spiel in der Ori­en­tie­rungs­su­che. Wer sich dar­in befin­det, steht dau­ernd vor Wän­den, muss Ent­schei­dun­gen tref­fen, die sich erst beim Wei­ter­ge­hen als gut oder schlecht erwei­sen. Oft zeigt sich erst nach lan­ger Zeit, ob und war­um eine Ent­schei­dung falsch oder rich­tig war.

Des­we­gen galt das Laby­rinth auch oft als Sinn­bild für das mensch­li­che Sein an sich.

Wir lau­fen und lau­fen, doch schließ­lich lan­den wir in einer Sack­gas­se. Wir ver­su­chen, ein Sys­tem zu erken­nen, zu ver­ste­hen und wer­den doch wie­der ent­täuscht.
Es gibt auch eine gro­ße Tra­di­ti­on der christ­li­chen Laby­rin­the, die zei­gen, wie vie­le Irrun­gen und Wir­run­gen die See­le auf dem Weg zur Erlö­sung durch­ste­hen muss. In eini­gen gro­ßen Kathe­dra­len fin­den sich Laby­rinth-Zeich­nun­gen oder -Mosai­ken auf dem Boden, zum Bei­spiel das berühm­te Mus­ter in der Kathe­dra­le von Char­tres. Der Pil­ger kann auf ihnen zur Erlö­sung rob­ben.

 

Bernd Villhauer

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Zurück zur Beschrei­bung der Finanz­welt über das Laby­rinth: wir müs­sen in ihm auch Ent­schei­dun­gen tref­fen, die erheb­li­chen Ein­fluss auf unser spä­te­res Wohl­erge­hen haben. Jede Ent­schei­dung legt einen Pfad für spä­te­re und es ist schwer, die eige­ne Hand­lungs­lo­gik nicht immer wei­ter ein­zu­schrän­ken. Haben wir ein­mal Geld auf eine Sache gesetzt, dann las­sen wir nur ungern wie­der davon ab. Beson­ders schwer fällt es, Irr­tü­mer ein­zu­ge­ste­hen. Ein­mal im Laby­rinth unter­wegs kann leicht ein bedroh­li­ches Gefühl ent­ste­hen, denn es gibt nur zwei Bewe­gungs­op­tio­nen: vor­wärts oder rück­wärts, kau­fen oder ver­kau­fen. Und wir wis­sen nie, wohin uns der Weg führt.
Auch klaus­tro­pho­bisch kön­nen Laby­rin­the sein, been­gend trotz ihr oft immensen Grö­ße. Die Per­spek­ti­ve im Laby­rinth unter­schei­det sich erheb­lich von der des Außen­ste­hen­den. Erleich­tert neh­men wir nach dem Gang durch die Struk­tu­ren wie­der die Vogel­per­spek­ti­ve ein, aber auch die­se hat ihre beun­ru­hi­gen­den Aspek­te. Denn die Kom­ple­xi­tät des Gesche­hens ist so hoch, dass das Wahr­neh­mungs­ver­mö­gen bis an sei­ne Gren­ze geführt wird. Es ent­steht der fast hyp­no­ti­sche Schwin­del, mit dem wir auch die Kon­struk­tio­nen der Finanz­bran­che manch­mal bestau­nen, bewun­dern oder fürch­ten kön­nen.

 

In einem der gro­ßen Klas­si­ker der Bör­sen­li­te­ra­tur, dem 1688 erschie­ne­nen „Con­fu­sión de con­fu­sio­nes“ (Ver­wir­rung der Ver­wir­run­gen), ver­gleicht der Autor Joseph de la Vega das Trei­ben an der Bör­se mit einem Laby­rinth. Und es ist gera­de das Ent­schei­dungs­di­lem­ma, die all­ge­mei­ne Undurch­sich­tig­keit und Unüber­sicht­lich­keit, die ihn bei der Dar­stel­lung der Ams­ter­da­mer Bör­se an ein Irr­we­ge­sys­tem den­ken las­sen. Wir wis­sen nie ganz sicher, ob der Ver­kauf oder Kauf eines Papiers rich­tig ist.  Die Zukunft ist immer unge­wiss, klar ist nur, dass es sel­ten ratio­nal zugeht – und dass die Ken­ner zum Teil nur Schar­la­ta­ne sind, Füh­rer durch das Laby­rinth, die dann irgend­wann in einer Geheim­tür ver­schwin­den, manch­mal ein­ge­ste­hen müs­sen, dass sie sich auch nicht mehr aus­ken­nen oder sich als Mino­tau­rus offen­ba­ren und einem mit hung­ri­gem Blick den Weg ver­stel­len. Der Tod im Laby­rinth ist eben­so uner­freu­lich wie die Plei­te auf dem Finanz­markt.

 

Doch es gibt im Laby­rinth ein gehei­mes, oft gut ver­steck­tes und nur mit gro­ßem Mühen zu errei­chen­des Zen­trum, die ret­ten­de Mit­te. Im christ­li­chen Laby­rinth war hier die Gegen­wart Got­tes zu fin­den, der Blick auf die Makel­lo­sig­keit einer jen­sei­ti­gen Exis­tenz. Der baro­cke Gar­ten­traum bot eher einen Erfri­schungs­pa­vil­lon und mög­li­cher­wei­se die Gegen­wart auf­ge­schlos­se­ner Gärt­ne­rin­nen oder moti­vier­ter Schä­fer. Im moder­nen Laby­rinth fin­den wir einen Über­sichts­plan sowie gar­ten­päd­ago­gi­sche Ermah­nun­gen oder einen Dank an die Spon­so­ren in Mes­sing.

Aber es gibt die­ses Zen­trum, was immer dort sein mag – und wir kön­nen hin­ge­lan­gen. Viel­leicht geht uns bei die­ser Bemü­hung auf, wie ein Laby­rinth eigent­lich kon­stru­iert wird, was sei­ne Erschaf­fer zunächst vor sich hat­ten: genau die­se Mit­te, um die her­um sie die Lee­re mit kom­ple­xen Mus­tern und ver­wir­ren­den Wegen füll­ten. Den­ken wir das Laby­rinth Finanz­markt doch ein­mal von die­ser unsicht­ba­ren Mit­te aus, dem Eldo­ra­do des Irr­laufs und der Ori­en­tie­rungs­su­che.

Gibt es denn die­se Mit­te im Laby­rinth der Finan­zen? Gibt es sie noch? Haben wir viel­leicht jeweils eine ande­re Mit­te, ein ande­res Ziel bei unse­rem Weg durch die Welt der Invest­ments und Kur­se? Wis­sen wir noch, was wir woll­ten, als wir die ers­te Ent­schei­dung tra­fen und wozu wir uns der gan­zen Kom­ple­xi­tät über­haupt aus­set­zen? Das ist die Kern­fra­ge.

Fah­ren Sie nach Würz­burg – fin­den Sie es her­aus. Dann beginnt der eigent­li­che Weg…

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 12.7.18

Teil II des Interviews mit Sven Zivanovic

Dies ist die Fort­set­zung des Inter­views “Wir sind die 100%”, das Bernd Vill­hau­er mit Sven Ziva­no­vic, Grün­der der „Chan­ge­ma­kers in Finance“-Initiative für die Blog­ko­lum­ne Finanz & Ele­ganz führ­te.

Im ers­ten Teil des Inter­views spra­chen Bernd Vill­hau­er und Sven Ziva­no­vic ins­be­son­de­re über die Erfah­run­gen von Herrn  Ziva­no­vic in der Finanz­bran­che und wie es dazu kam, dass er die “Chan­ge­ma­kers in Finance”-Initiative grün­de­te.

Im zwei­ten Teil des Inter­views geht es dar­um, wie über­haupt unser Finanz­sys­tem geän­dert wer­den kann, wel­che Rol­le Kata­stro­phen spie­len und war­um Herr Ziva­no­vic auf loka­le Gemein­schaf­ten und regio­na­le Netz­wer­ke setzt.

 

Kön­nen wir ein glo­ba­les Sys­tem wie das Finanz­sys­tem denn durch Akti­vi­tä­ten in einem Land beein­flus­sen?

Die Natur macht es uns vor. Nach Alfred Whitehead ist das Grund­mus­ter der Orga­ni­sa­ti­on aller leben­den Sys­te­me das Netz­werk. Wenn wir eine Finanz­wirt­schaft haben wol­len, die dem Leben dient, muss sie als Netz­werk orga­ni­siert sein, das aus loka­len Sub-Netz­wer­ken besteht und in grö­ße­re sozia­le Netz­wer­ke inte­griert ist. Daher soll­ten auch die Her­aus­for­de­run­gen eines glo­ba­len (Finanz-) Sys­tems durch den Auf­bau inte­grier­ter loka­ler und regio­na­ler Netz­wer­ke gelöst wer­den. Durch Dia­log zwi­schen den loka­len Initia­ti­ven ent­ste­hen koope­ra­ti­ve Netz­wer­ke, die für plu­ra­lis­ti­sche Wer­te offen sind und in denen loka­le und natio­na­le Inter­es­sen nicht als ent­zwei­end wahr­ge­nom­men wer­den, sodass ein­zel­ne Bür­ger ihre Indi­vi­dua­li­tät und ihre Wür­de bewah­ren kön­nen. Eine Wirt­schaft, die auf loka­len Netz­wer­ken basiert, die welt­weit mit­ein­an­der ver­bun­den sind, bie­tet somit die bes­te Grund­la­ge für die Ent­wick­lung von ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ten Men­schen und Viel­falt.

Der glo­ba­le Finanz­markt hin­ge­gen ist ein Para­de­bei­spiel für die Glo­ba­li­sie­rung und Gleich­för­mig­keit. Er steht für eine direk­te Mit­glied­schaft in einer abs­trak­ten glo­ba­len Gemein­schaft, bei der es eben nicht um Dia­log zwi­schen glo­ba­len und loka­len Netz­wer­ken geht, son­dern um die Kon­sti­tu­ti­on einer ein­zi­gen Welt­wirt­schaft. Der extre­me Fokus auf die Effi­zi­enz des glo­ba­len Finanz­sys­tems bringt erst die gerin­ge Wider­stands­fä­hig­keit und hohe Kri­sen­an­fäl­lig­keit her­vor. Viel­falt und Indi­vi­dua­li­tät sind jedoch eine Grund­ei­gen­schaft des Lebens und auch wirt­schaft­li­che Pro­zes­se sind je nach den loka­len und regio­na­len Bedin­gun­gen unter­schied­lich. Des­halb sind loka­le Initia­ti­ven her­vor­ra­gen­de Mög­lich­kei­ten, die Viel­falt und dadurch die Wider­stands­fä­hig­keit unse­res glo­ba­len Finanz­sys­tems wie­der­her­zu­stel­len.

 

Wie inte­grie­ren wir nun aber unse­re koope­ra­ti­ven loka­len Sub-Netz­wer­ke in das grö­ße­re glo­ba­le Netz­werk?

Bernd Vill­hau­er ist Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts und Autor der Kolum­ne “Finanz und Ele­ganz”.

Fran­cis­co Vare­la und Hum­ber­to Matu­rana haben den Begriff der „Auto­po­ie­sis“ geprägt, das den Pro­zess der Selbst­er­schaf­fung und -erhal­tung von leben­den Sys­te­men beschreibt. Ihre ver­blüf­fen­de Schluss­fol­ge­rung dar­aus lau­tet, dass vie­le ein­fa­che Akteu­re, die ein­fa­che Eigen­schaf­ten und Mög­lich­kei­ten haben, selbst wenn sie auf eine zufäl­li­ge Art und Wei­se zusam­men­ge­bracht wer­den, einem Beob­ach­ter den­noch als ein ziel­ge­rich­te­tes und inte­grier­tes Gan­zes erschei­nen ohne der Not­wen­dig­keit einer zen­tra­len Auf­sicht. Obwohl die ein­zel­nen Akteu­re in solch leben­di­gen Sys­te­men Indi­vi­du­en sind, ent­steht aus der Akti­vi­tät ein­fa­cher loka­ler Kom­po­nen­ten, ein kohä­ren­tes glo­ba­les Mus­ter, das zen­tra­li­siert zu sein scheint, aber nir­gends zu fin­den ist, und den­noch essen­zi­ell ist, als ein Inter­ak­ti­ons­ni­veau für das Ver­hal­ten des Gan­zen. Mit der Ent­ste­hung von Eigen­schaf­ten aus den loka­len Basis-Ele­men­ten („bot­tom-up“) und mit den Beschrän­kun­gen durch glo­ba­le Kohä­renz auf loka­le Inter­ak­tio­nen („top-down“) ent­steht ein „vir­tu­el­les oder selbst­lo­ses Selbst“ des Netz­werks, durch das sich das Gan­ze wie eine Ein­heit ver­hält. Die­ses Modell, wie kom­ple­xe Sys­te­me durch die koor­di­nier­te Akti­vi­tät ein­fa­cher Ele­men­te emer­gen­te Eigen­schaf­ten – also die Her­aus­bil­dung von neu­en Eigen­schaf­ten oder Struk­tu­ren eines Sys­tems infol­ge des Zusam­men­spiels sei­ner Ele­men­te – auf­wei­sen, ist für mein Ver­ständ­nis der glo­ba­len Finanz­wirt­schaft ziem­lich essen­zi­ell, denn es erklärt, war­um Netz­wer­ke und Sub-Netz­wer­ke ohne eine ech­te Hier­ar­chie, spon­tan inter­agie­ren.

Ich möch­te das noch­mals unter­strei­chen: Wir sehen hier die natür­li­che Ent­ste­hung von ethi­schem Ver­hal­ten: Gemein­schaf­ten, in denen ein­zel­ne Men­schen zum Woh­le der Gemein­schaft als Gan­zes agie­ren — ohne die hier­ar­chi­sche Auf­er­le­gung von Regeln. Die­se emer­gen­ten Eigen­schaf­ten in ver­teil­ten Netz­werk­pro­zes­sen sind eine Haupt­ei­gen­schaft leben­der Sys­te­me, wie es auch ein leben­di­ges, inte­grier­tes Finanz­sys­tem auf­weist. Doch unse­re Welt­wirt­schaft ist ein „totes“ Sys­tem aus einem sau­be­ren, ein­heit­li­chen, effi­zi­en­ten Design – ein Netz­werk von Finanz­strö­men, das mecha­nisch, ohne ethi­schen Rah­men ent­wor­fen wur­de: Top-down, zen­tra­li­siert, glo­bal len­kend.

 

Wel­che Rol­le spielt eine glo­ba­le Ethik bei der Ver­bin­dung glo­ba­ler Netz­wer­ke mit loka­len Gemein­schaf­ten?

Der Sozio­lo­ge Niklas Luh­mann beob­ach­te­te, dass sozia­le Sys­te­me in einem Netz­werk durch Kom­mu­ni­ka­ti­on struk­tu­rell gekop­pelt sind. Inso­fern spielt bei der Ver­bin­dung der loka­len Netz­wer­ke die Kom­mu­ni­ka­ti­on, bzw. der Dia­log zwi­schen allen Men­schen auf allen Ebe­nen im Finanz­sys­tem, eine ent­schei­den­de Rol­le. Statt also nach ein­heit­li­chen Model­len für jeg­li­che Ver­hal­tens- und Koope­ra­ti­ons­wei­sen in einem glo­ba­len Netz­werk zu suchen, soll­ten koope­ra­ti­ve Netz­wer­ke klei­ner, loka­ler Gemein­schaf­ten auf­ge­baut und dann nach Mög­lich­kei­ten gesucht wer­den, die­se Netz­wer­ke zu ver­bin­den.

Statt also nach ein­heit­li­chen Model­len für jeg­li­che Ver­hal­tens- und Koope­ra­ti­ons­wei­sen in einem glo­ba­len Netz­werk zu suchen, soll­ten koope­ra­ti­ve Netz­wer­ke klei­ner, loka­ler Gemein­schaf­ten auf­ge­baut wer­den.

Hier­für benö­ti­gen wir ein gemein­sa­mes Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl, das sich aus einer glo­ba­len Ethik her­aus ent­wi­ckelt, damit sich alle auf einen guten Weg eini­gen kön­nen. Glo­ba­le Har­mo­nie ist nicht mög­lich, wenn wir kei­ne glo­ba­le Ethik haben. Dies soll­te eine Ethik der Pra­xis sein, in der ethi­sches Han­deln als eine Ver­kör­pe­rung des Seins und nicht als ein Sys­tem des Urteils ver­stan­den wird – also weni­ger eine Fra­ge von Regeln, die uni­ver­sell anwend­bar sind, als viel­mehr ein inne­res Wis­sen was gut ist und wie spon­tan in bestimm­ten Situa­tio­nen zu han­deln ist. Erkennt­nis­se müs­sen, um wirk­sam zu sein, immer mit prak­ti­schen Erfah­run­gen ein­her­ge­hen. Daher ist ethi­sches Ler­nen in der Pra­xis gefragt. Das ist das Haupt­an­lie­gen der „Chan­ge­ma­kers in Finance“-Initiative. Die Stra­ßen­kämp­fer-Men­ta­li­tät des wach­sa­men Eigen­in­ter­es­ses wird so durch Inter­es­se an ande­ren – einem Gefühl der Ver­bun­den­heit und der Ent­wick­lung eines unpar­tei­ischen, ehr­li­chen Mit­ge­fühls — ersetzt.
Wel­che Per­so­nen und Insti­tu­tio­nen sind für Sie vor­bild­haft?

Es gab vie­le Men­schen, die mich durch ihre her­aus­ra­gen­den Arbei­ten auf ihren Fach­ge­bie­ten in der Ent­wick­lung mei­ner Initia­ti­ve sehr geprägt haben. Im Bereich der Sys­tem­theo­rie und des wis­sen­schaft­li­chen Blicks auf das Leben haben mich die Arbei­ten des Phy­si­kers Frit­jof Capra über­zeugt. Der Öko­nom Micha­el Hud­son hat wun­der­ba­re Arbeit in der Dar­stel­lung unse­rer heu­ti­gen Finan­zo­lig­ar­chie geleis­tet. Der Van­guard-Grün­der John C. Bog­le beschreibt in sei­nen Büchern die Gier der Finanz­wirt­schaft und die extra­hie­ren­de Pra­xis der Finanz­un­ter­neh­men. Ber­nard Lie­ta­er beschreibt sehr aus­führ­lich die Aus­wir­kun­gen von kom­ple­men­tä­ren Wäh­run­gen auf unser Geld­sys­tem und Ross Jack­sons Glo­bal Eco­vil­la­ge Net­work ver­an­schau­licht das Funk­tio­nie­ren von glo­bal ver­netz­ten, nach­hal­ti­gen Gemein­schaf­ten. Aber auch die Arbei­ten von Eve­lin Lind­ner zur Men­schen­wür­de, von Laszlo Zsol­nai im Bereich Wirt­schafts­ethik und Pol­ly Higg­ins, mit ihrer Idee einer ethi­schen Gesetz­ge­bung, haben mich sehr berei­chert.

Ich neh­me mir auch öst­li­che Lebens­auf­fas­sun­gen wie den Bud­dhis­mus und des­sen Kon­zept des Nicht-Dua­lis­mus – gera­de in Ver­bin­dung mit unse­rer Wirt­schaft – zum Vor­bild. In die­sem Bereich hat mich beson­ders Thich Nhat Hanh und sein Ver­ständ­nis des „Inter­being“ – also der wechel­sei­ti­gen Ver­bun­den­heit allen Seins – begeis­tert. Aber auch ande­re Kon­zep­te wie John Elking­tons „Tripp­le Bot­tom Line“ oder Wil­liam Rees öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck sind für mich vor­bild­li­che Bei­trä­ge zu einem sich ver­än­dern­den Bewusst­sein bezüg­lich unse­rer (Finanz-) Wirt­schaft.

Glau­ben Sie, die neue Regie­rung, die „Gro­Ko“ wird etwas in die­ser Hin­sicht bewe­gen?

Grund­sätz­lich glau­be ich, dass wahr­haf­ti­ge Ver­än­de­rung immer „von unten“ (Bot­tom-up) durch per­sön­li­ches Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl ent­steht. Ver­än­de­rung durch Regu­lie­rung und Kon­trol­le von oben, wider­spricht der natür­li­chen Ent­wick­lung von Sys­te­men und führt eher zu Gleich­heit, Wett­be­werb und Effi­zi­enz­stre­ben – Viel­fäl­tig­keit, Koope­ra­ti­on, Indi­vi­dua­li­tät und die Wür­de des Ein­zel­nen blei­ben oft auf der Stre­cke. Gera­de mit Blick auf inter­na­tio­na­le Insti­tu­tio­nen wie WTO, IWF und Welt­bank sieht man, dass ihre Struk­tu­ren, Man­da­te, Zie­le und Arbeits­pro­zes­se grund­sätz­lich im Wider­spruch zu den Grund­wer­ten der Men­schen­wür­de und öko­lo­gi­schen Nach­hal­tig­keit ste­hen.

Gera­de mit Blick auf inter­na­tio­na­le Insti­tu­tio­nen wie WTO, IWF und Welt­bank sieht man, dass ihre Struk­tu­ren, Man­da­te, Zie­le und Arbeits­pro­zes­se grund­sätz­lich im Wider­spruch zu den Grund­wer­ten der Men­schen­wür­de und öko­lo­gi­schen Nach­hal­tig­keit ste­hen.

Die „neue“ Regie­rung könn­te etwas bewe­gen, wenn sie sich z. B. dafür ein­set­zen wür­de, die Ent­wick­lung von glo­ba­len demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen anzu­sto­ßen, wel­che die Aut­ho­ri­tät haben, die Welt-Wirt­schaft als leben­di­ges Netz­werk von loka­len, nach­hal­ti­gen Gemein­schaf­ten zu regu­lie­ren und von einer glo­ba­len Ethik gelei­tet wer­den. Allein der Glau­be dazu, fehlt mir.

Wie könn­te unser Ver­hält­nis zum Geld bzw. zu den Finan­zen in Zukunft aus­se­hen?

Ich kann mir vor­stel­len, dass wir in Zukunft grund­sätz­lich eine ande­re Wirt­schaft sehen wer­den – eine gemein­wohl­ori­en­tier­te Wirt­schaft, bestehend aus einem glo­ba­len Netz­werk loka­ler, nach­hal­ti­ger Gemein­schaf­ten. Unser Geld­sys­tem wird weni­ger effi­zi­ent, dafür wider­stands­fä­hi­ger, durch eine Viel­falt an kom­ple­men­tä­ren, regio­na­len Wäh­run­gen.

Unser Geld­sys­tem wird weni­ger effi­zi­ent, dafür wider­stands­fä­hi­ger, durch eine Viel­falt an kom­ple­men­tä­ren, regio­na­len Wäh­run­gen.

Wir wer­den uns in Rich­tung einer Kreis­lauf­wirt­schaft ent­wi­ckeln müs­sen und die Unter­neh­mens­pra­xis wird die Pro­fit­ma­xi­mie­rung durch Mis­si­on-gesteu­er­te Unter­neh­men und eines gemein­sa­men Ver­ständ­nis­ses der Koope­ra­ti­on und einer Fokus­sie­rung auf das Gemein­wohl, anstatt gna­den­lo­sen Wett­be­werbs, erset­zen. Lei­der sieht es aber im Moment so aus, dass wir – die Mensch­heit – uns erst ver­än­dern, wenn wir, wie Charles Eisen­stein es befürch­tet „kol­lek­tiv auf dem Boden auf­ge­schla­gen sind“ und wir uns ver­än­dern müs­sen, um als Spe­zi­es zu über­le­ben. Ein Zusam­men­bruch (des Finanz­sys­tems) scheint momen­tan kaum zu ver­hin­dern zu sein und es sieht so aus, dass wir eine Kata­stro­phe brau­chen wer­den, um ein neu­es Bewusst­sein zu ent­wi­ckeln. Aber ich spü­re auch gro­ßen Opti­mis­mus, dass dies nicht das Ende der Mensch­heit ist, son­dern ich habe die Hoff­nung, dass aus der Kata­stro­phe letzt­end­lich der Beginn einer neu­en Finanz­wirt­schaft als inte­grier­ter Teil der Real­wirt­schaft – nicht Herr­scher über das Kapi­tal – gebo­ren wird und das die „Chan­ge­ma­kers in Finance“-Initiative hier­für einer der „Geburts­hel­fer“ sein kann.

Was machen Sie mor­gen?

Neben den Vor­be­rei­tun­gen zur Grün­dung der Chan­ge­ma­kers in Finan­ce gGmbH, arbei­te ich gera­de an einem Buch, indem ich ver­su­che den Kon­text mei­ner Initia­ti­ve zu ver­an­schau­li­chen – die Geschich­te dahin­ter und den Ent­wick­lungs­pro­zess. Ich habe fest­ge­stellt, dass für die meis­ten Men­schen, die sich mit mei­ner Initia­ti­ve befas­sen, das Zer­ti­fi­zie­rungs­pro­gramm im Vor­der­grund steht. Dabei ist dies nur ein Vehi­kel – es ist ein Mit­tel zur Befä­hi­gung von Men­schen eine enga­gier­te Öko­no­mie nach ihren Wün­schen zu för­dern und eine Ver­än­de­rung unse­rer glo­ba­len Finanz­wirt­schaft ein­zu­lei­ten. Die eigent­lich wich­ti­ge Bot­schaft, dass wir unse­re Welt­an­schau­ung und damit auch unser getrenn­tes Ver­hält­nis zu uns selbst, zu ande­ren Men­schen und zur Natur ändern müs­sen und dadurch auto­ma­tisch eine ande­re Finanz­wirt­schaft erzeu­gen, wird meist nicht erkannt. Die­ses Buch soll mei­ne Initia­ti­ve in den rich­ti­gen Kon­text rücken.

 

Vie­len Dank, lie­ber Herr Ziva­no­vic, für das inter­es­san­te Gespräch.

 

Nie­der­ge­schrie­ben bei einer Tas­se Tee am 11.5.18

 

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Wir sind die 100%” – Ein neuer Beitrag aus der Kolumne Finanz & Eleganz

Wir sind die 100%

Inter­view von Bernd Vill­hau­er mit Sven Ziva­no­vic, Grün­der der „Chan­ge­ma­kers in Finance“-Initiative 

 

Den­ken hilft – und damit sich das Den­ken nicht nur um sich selbst bewegt, benö­ti­gen wir manch­mal einen Anstoß von außen. Des­we­gen möch­te ich in „Finanz & Ele­ganz“ immer wie­der in Inter­views Men­schen vor­stel­len, die sol­che Anstö­ße geben. Wir hat­ten schon ein Inter­view mit Sven Grze­be­ta und nun ist mir wie­der ein Sven über den Weg gelau­fen, den ich ger­ne vor­stel­len möch­te. Sven Ziva­no­vic hat die „Chan­ge­ma­kers in Finance“-Initiative ins Leben geru­fen und er hat eini­ges zu sagen über Netz­wer­ke und Neu­an­fän­ge. Ich konn­te ihn in Frank­furt tref­fen und wir haben dann über E-Mail ein Inter­view geführt. Wei­te­re inter­es­san­te Svens bit­te ich um Nach­richt!

 

Lie­ber Herr Ziva­no­vic, kön­nen Sie uns ein biss­chen über Ihren Hin­ter­grund und Ihre Ent­wick­lung sagen?

Ich habe an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen einen Abschluss in Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten gemacht und fand mich in den fol­gen­den 10 Jah­ren auf vie­len Ebe­nen und Berei­chen der Finanz­wirt­schaft wie­der. In den Anfangs­jah­ren war ich in einer Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit dem welt­wei­ten Wert­pa­pier-, Deri­va­te- und Fonds­han­del im Auf­trag unse­rer Kun­den betraut. Nach wei­te­ren Zwi­schen­sta­tio­nen im Devi­sen­han­del einer Wert­pa­pier­han­dels­bank, als Ver­triebs­lei­ter eines Invest­ment­fonds-Ver­triebs und als Ana­lyst von Ver­si­che­run­gen und Betrieb­li­che Alters­vor­sor­ge-Sys­te­men, mach­te ich mich als Hono­rar­be­ra­ter selb­stän­dig. Hier kon­zen­trier­te ich mich auf die Ent­wick­lung von insti­tu­tio­nel­len Anla­ge­klas­sen-Port­fo­li­os und war für ver­mö­gen­de Pri­vat- und Unter­neh­mens­kun­den zustän­dig. Aber mei­ne Ent­wick­lung von öko­no­mi­scher Ver­nunft und Intel­lekt in der Pra­xis brach­te mir kei­ne Wahr­heit näher, die ich akzep­tie­ren konn­te. Am Ende die­ser Zeit, als mei­ne gan­ze pro­fes­sio­nel­le Arbeit uner­träg­lich wur­de, begann eine inten­si­ve Zeit der Kri­se. Mei­ne Welt begann sich neu zu ord­nen. Die letz­ten vier Jah­re waren wie eine Wie­der­ge­burt, die alte Welt lös­te sich auf und die Geburt ins Neue, nahm die Form eines Zusam­men­bruchs von allem an, was ich ein­mal fest­hielt. Ich ging durch Bank­rott, Depres­si­on und Erschöp­fung. Ich muss­te ein Leben der Kon­trol­le los­las­sen. In mei­ner Hilf­lo­sig­keit nahm ich Hil­fe an. Und ich erhielt die Din­ge, die ich auf­ge­ge­ben hat­te. Ich bin reich gewor­den, wenn nicht an Geld, dann sicher an Ver­bin­dun­gen zu ande­ren Men­schen. Fami­lie, Freun­de und Frem­de unter­stüt­zen mei­nen Glau­ben und mei­ne Lei­den­schaft für mei­ne Arbeit.

 

Bernd Vill­hau­er ist Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts und Autor der Kolum­ne “Finanz und Ele­ganz”.

Wie ging es dann wei­ter?

Ich ver­brach­te die letz­ten zwei Jah­re damit mein Herz und mei­ne See­le in mei­ne „Chan­ge­ma­kers in Finance“-Initiative zu ste­cken, die nach mei­ner Vor­stel­lung einen Weg zu einer Finanz­wirt­schaft mög­lich macht, die dem Leben dient. Dabei geht es um das Ermög­li­chen eines sich selbst repro­du­zie­ren­den Pro­zes­ses hin zu einem leben­di­gen Netz­werk einer inte­grier­ten Finanz­wirt­schaft, nicht um die Eta­blie­rung einer neu­en Wahr­heit, eines für „rich­tig gehal­te­nen“ Sys­tems oder „bes­se­ren“ Sta­tus Quo. Die CIF-Initia­ti­ve besteht aus einem Zer­ti­fi­zie­rungs­sys­tem, des­sen Haupt­an­lie­gen ethi­sches Ler­nen durch mensch­li­che Erfah­run­gen in der Pra­xis ist. Die Initia­ti­ve möch­te eine Platt­form für einen trans­pa­ren­ten und co-krea­ti­ven Zer­ti­fi­zie­rungs­pro­zess bie­ten, der es dem Finanz­sys­tem ermög­licht, sich selbst wahr­zu­neh­men und zu erken­nen, sodass bei­de Sei­ten im Sys­tem befä­higt wer­den, gemein­sam im Dia­log eine Finanz­wirt­schaft zu ent­wi­ckeln, die dem Leben dient.

Jedoch bin ich nicht der Typ, der alles her­aus­ge­fun­den hat, der zu einem erha­be­nen Zustand des (Bes­ser-) Wis­sens gelangt ist, alle Feh­ler in der Ver­gan­gen­heit wis­send. Ich bin ein sehr gewöhn­li­cher Mensch und obwohl belas­tet durch die Kon­di­tio­nie­rung unse­rer Gesell­schaft und die Wun­den mei­ner Ver­gan­gen­heit, lau­fe ich mit mei­ner Initia­ti­ve, ein­fach so gut ich kann in Rich­tung einer schö­ne­ren Welt, von der mein Herz mir sagt, dass sie mög­lich ist.

 

Wie haben Sie per­sön­lich die Finanz­bran­che erlebt?

Als abs­trakt und jen­seits der rea­len mate­ri­el­len Welt. Die Finanz­wirt­schaft hat ihre Ver­an­ke­rung in der Real­wirt­schaft schon vor lan­ger Zeit ver­lo­ren und eine eige­ne Dyna­mik ent­wi­ckelt. Die unvor­stell­ba­ren Pro­fi­te in der Finanz­bran­che haben kei­nen Bezug zu irgend­ei­ner mate­ri­el­len Pro­duk­ti­on mehr, sie exis­tie­ren in einer Par­al­lel­welt. Aber es sind nicht die Men­schen selbst, die sich auf natür­li­che Wei­se dem Para­dig­ma der Pro­fit­ma­xi­mie­rung ver­schrei­ben wür­den – es ist das Sys­tem an sich, wel­ches die Denk­wei­se eines „maxi­ma­len Ichs“ erzwingt. Den Begriff der “Denk­wei­se des maxi­ma­len Ichs” hat Otto Schar­mer geprägt. Die Defi­ni­ti­on geht über die blo­ße Nut­zen­ma­xi­mie­rung des homo oeco­no­mi­c­us in der Wirt­schaft hin­aus und benennt laut Schar­mer unse­re heu­ti­ge gene­rel­le Sicht­wei­se des “Grö­ßer ist bes­ser” und des maxi­ma­len Mate­ri­al­kon­sums. Wir kon­su­mie­ren immer mehr, wir arbei­ten immer mehr um zu kon­su­mie­ren und der eige­ne Besitz ist uns wich­ti­ger als das Gemein­wohl. Und dies hat auch unmit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen dar­auf, wie wir inves­tie­ren und wie wir den Finanz­markt nut­zen und dadurch mit­ge­stal­ten. Das Ergeb­nis für uns als Gesell­schaft, ist ein Zustand von kol­lek­ti­ver Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, in der wir Resul­ta­te erzie­len, die (fast) nie­mand will.

Für mich per­sön­lich beschreibt die “Denk­wei­se des maxi­ma­len Ichs” aber vor­al­lem ein feh­len­des Gefühl der Ethik. Ethi­sches Ver­hal­ten hat immer mit der Gemein­schaft zu tun; es ist das Ver­hal­ten für das Gemein­wohl: Gemein­schaf­ten, in denen ein­zel­ne Men­schen zum Woh­le der Gemein­schaft als Gan­zes agie­ren… Ich fin­de, das ist eine sehr tref­fen­de Beschrei­bung für ethi­sches Ver­hal­ten. Die Denk­wei­se des maxi­ma­len Ichs ist das genaue Gegen­teil davon.

 

Was wür­den Sie ger­ne ändern?

Ich möch­te die­se Sepa­ra­ti­on been­den, die Getrennt­heit der Finanz­wirt­schaft von einer ver­netz­ten Wirk­lich­keit, der rea­len Wirt­schaft. Das sind nicht zwei ver­schie­de­ne Din­ge, es sind zwei Sei­ten der­sel­ben Medail­le. Es gibt kein „Wir“ gegen „Die“ – kein „Wir sind die 99 %“. Das Gegen­teil ist der Fall: Wir sind die 100 % – wir sind alle mit­ein­an­der ver­bun­den und von­ein­an­der abhän­gig. Wir sind der Pla­net – und wir sind alle mit­ver­ant­wort­lich für die heu­ti­ge Finanz­wirt­schaft. Jedoch wird sich die Finanz­wirt­schaft nicht in Iso­la­ti­on ver­än­dern. Wenn wir unser Wirt­schafts­sys­tem ver­än­dern wol­len, müs­sen wir auch unse­re Unter­neh­mens­pra­xis, unser Han­deln als Wirt­schafts­ak­teu­re und unser Bewusst­sein als Mensch selbst ver­än­dern. Und um dies zu tun, müs­sen wir unse­re heu­ti­ge Welt­an­schau­ung ver­ste­hen – unse­re mecha­nis­ti­sche Sicht des Lebens über­win­den – unse­re Ver­bun­den­heit und wech­sel­sei­ti­ge Abhän­gig­keit von ande­ren Men­schen und von der Natur erken­nen. Wenn das geschieht, muss dar­aus logi­scher­wei­se auch eine völ­lig ande­re Finanz­wirt­schaft resul­tie­ren.

 

Haben wir als Ein­zel­ne über­haupt die Mög­lich­keit etwas zu ändern?

Das ist der ein­zig sinn­vol­le Ansatz­punkt – bei jedem Ein­zel­nen zu begin­nen. Als Bür­ger haben wir eine gro­ße Ver­ant­wor­tung. Unser täg­li­ches Leben hängt mit der poli­ti­schen Situa­ti­on in der Welt zusam­men. Die Ver­än­de­rung ist in unse­rem Bewusst­sein ver­an­kert. Wenn wir uns unse­rer Lebens­wei­se bewusst sind, unse­re Art zu kon­su­mie­ren, zu inves­tie­ren, Din­ge zu betrach­ten, wer­den wir wis­sen, wie wir (Wirt­schafts-) Frie­den schaf­fen kön­nen. Wir müs­sen uns als Gesell­schaft kol­lek­tiv ver­än­dern – vom „Ich“ zum „Wir“. Wir müs­sen uns bewusst sein, dass alles in Wirk­lich­keit inte­griert ist und dass wir Teil des Gan­zen sind und das wir alle die Gesamt­heit in uns haben – nach dem Mot­to: „Ich bin, weil Du bist“.

Der Bud­dhis­mus sieht die­se Art des nicht-dua­lis­ti­schen Den­kens als ein Schlüs­sel­ele­ment für die Ver­än­de­rung. Wenn wir die Finanz­wirt­schaft ver­än­dern wol­len, müs­sen wir uns selbst ver­än­dern – zu mit­ver­ant­wort­li­chen, enga­gier­ten Bür­gern. Thich Nhat Hanh bringt es auf den Punkt: „Unser eige­nes Leben muss die Bot­schaft sein.“ Wir alle kön­nen enga­gier­te Öko­no­men im täg­li­chen Leben sein und Ver­än­de­rung her­bei­füh­ren. Dafür müs­sen wir die Fähig­keit ent­wi­ckeln, in einem Kon­flikt bei­de Sei­ten ver­ste­hen zu kön­nen. Wir kön­nen nicht ein­fach die eine oder ande­re Sei­te beschul­di­gen. Wir müs­sen die Ten­denz über­win­den, Par­tei zu ergrei­fen. Hier­für brau­chen wir Ver­bin­dun­gen, per­sön­li­che Bezie­hun­gen. Wir brau­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on.

 

Nie­der­ge­schrie­ben bei einer Tas­se Tee am 11.5.18

Teil 2 des Inter­views folgt in Kür­ze

 

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Ist der Terminator ein Underperformer? Ein neuer Beitrag aus der Kolumne Finanz & Eleganz.

Ist der Terminator ein Underperformer?

von Bernd Vill­hau­er

 

Maschinen können alles besser. Sie schlagen uns im Schach, stellen Diagnosen für Blasenprobleme, revolutionieren die Kriegsführung, verwalten ganze Häfen, fahren Auto und nun übernehmen sie sogar die Finanzen. Als „Robo-Advisor“ kümmert sich Kollege Computer um die Zukunft unseres Geldes.  Was findet denn da eigentlich statt, ist es erfolgreich – und wollen wir das überhaupt? Diese und andere Fragen werden beantwortet, wenn Sie sich circa zehn Minuten auf einen Text konzentrieren, der HIER beginnt:

 

Wie so oft haben wir es mit flie­ßen­den Über­gän­gen zu tun. Schon seit den 80er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts unter­stüt­zen Soft­ware-Tools die Arbeit von Ver­mö­gens­ver­wal­tern bezie­hungs­wei­se Ver­mö­gens­be­ra­tern. Zunächst wur­den Daten gesam­melt und ana­ly­siert, geclus­tert und  ver­gleich­bar gemacht. Wenn aller­dings nicht nur gespei­chert, doku­men­tiert und ver­gli­chen wird, son­dern Ent­schei­dun­gen vor­be­rei­tet und zum Teil sogar getrof­fen wer­den, dann haben wir den ent­schei­den­den Schritt zum Robo-Invest­ment getan. Dann lie­fern die Algo­rith­men nicht nur Infor­ma­tio­nen zur Zusam­men­set­zung eines Port­fo­li­os, son­dern set­zen die­ses Port­fo­lio selbst zusam­men. Es geht also dar­um, dass durch Finanz­tech­no­lo­gie mensch­li­che Ent­schei­dun­gen über Anla­ge­for­men und Invest­ments künst­li­cher Intel­li­genz über­las­sen wer­den. Die­se KI kann schnell ent­schei­den und sie ver­fügt theo­re­tisch über alles quan­ti­fi­zier­ba­re (!) Wis­sen zu Finanz­märk­ten, das im Lau­fe der Jahr­hun­der­te gesam­melt wur­de.

Bernd Vill­hau­er ist Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts und Autor der Kolum­ne “Finanz und Ele­ganz”.

Es gibt ver­schie­de­ne Ebe­nen der Ein­fluss­nah­me künst­li­cher Finanz­in­tel­li­genz: auf der ers­ten Ebe­ne wird nur bera­ten, auf der zwei­ten Ebe­ne wer­den Pro­duk­te und Port­fo­li­os geschaf­fen und ver­mit­telt, auf wei­te­ren Ebe­nen über­lässt der Kun­de die Anpas­sung und stra­te­gi­sche Ent­wick­lung dem Robo-Advi­sor.

Aller­dings ist es hier­zu­lan­de gar nicht so ein­fach, sei­ne finan­zi­el­le Mün­dig­keit out­zu­sour­cen – Regu­lie­run­gen und Ver­brau­cher­schutz sor­gen dafür, dass in Deutsch­land nicht ohne Geneh­mi­gung der Kun­den Umschich­tun­gen bei den Anla­gen vor­ge­nom­men wer­den dür­fen. Denn bei uns ist ein Robo-Advi­sor meis­tens nur ein Finanz­an­la­gen­ver­mitt­ler, kein Ver­mö­gens­ver­wal­ter. Aller­dings neh­men auch hier die voll auto­ri­sier­ten Ver­mö­gens­ver­wal­ter zu, die im Robo-Invest­ment enga­giert sind.

Und der Markt wächst schnell: Ende 2017 war schon eine run­de Mil­li­ar­de Euro in Deutsch­land durch Anla­ge-Robo­ter ver­wal­tet (so der Bran­chen­dienst „tech­flu­ence“).

In den USA sind die Zah­len noch beein­dru­cken­der: Anfang 2017 lagen dort 164.419 Mil­lio­nen US-Dol­lar in den Hän­den, Ver­zei­hung, Greif­zan­gen, der Robo-Advi­sors (sie­he www.robovergleich.com). Van­guard ist hier der Platz­hirsch, wei­te­re wich­ti­ge Akteu­re sind Schwab Intel­li­gent Port­fo­li­os, Bet­ter­ment, Wealt­h­front und Per­so­nal Capi­tal. In Deutsch­land liegt Scalab­le an der Spit­ze, gefolgt von Liqid.

Aber wie gut machen die Maschi­nen eigent­lich ihren Job? Schau­en wir auf die Per­for­mance. Denn, wie so oft wenn es inter­es­sant wird, fan­gen hier die Pro­ble­me erst an. Eini­ge Fra­gen, die beant­wor­tet müs­sen, sei­en hier schon mal vor­an­ge­stellt: Über wel­chen Zeit­raum reden wir? Wie ver­gleich­bar sind die Robo-Advi­sors bezüg­lich ihrer Ana­ly­se- und Ent­schei­dungs­mög­lich­kei­ten? Um wel­chen Kun­den­typ, um wel­che Art des Inves­tors geht es? Wie hoch sind die Gebüh­ren, also wie viel der Pro­fi­te wird von den lau­fen­den Kos­ten auf­ge­fres­sen? Sol­len nur Akti­en betrach­tet wer­den oder auch Fonds? Wer­den Anlei­hen oder außer­börs­li­che Enga­ge­ments erlaubt? Arbei­ten die Anbie­ter mit Anla­ge­for­men, die ich auch selbst erwer­ben und ver­wal­ten kann? Geht es um glo­ba­le, euro­päi­sche oder deut­sche Anla­gen? Die Lis­te lie­ße sich noch lan­ge fort­set­zen.

Ich grei­fe eini­ge inter­es­san­te Punk­te her­aus, die viel­leicht Licht auf die Dimen­sio­nen der Robo-Ren­di­te wer­fen:

  • Die Robo-Ange­bo­te gibt es erst seit cir­ca zwei Jah­ren. Wir kön­nen also über die Lang­frist-Per­for­mance wenig sagen und müs­sen abwar­ten, wie sich das Kon­zept in ver­schie­de­nen Markt­la­gen bewährt.
  • Ver­gli­chen mit dem Bench­mark MSCI (einem welt­wei­ten Index ähn­lich dem Dax), gelang es 2017 nur unge­fähr der Hälf­te der Anbie­ter, über­durch­schnitt­lich abzu­schnei­den.
  • Bei posi­ti­ver Ent­wick­lung der Gesamt­bör­sen­si­tua­ti­on kom­men bis­her (in dem kur­zen Zeit­raum, der sich über­bli­cken lässt) vie­le der Maschi­nen gut mit. Out­per­for­mer, die den „Markt schla­gen“, sind sel­ten zu sehen, häu­fi­ger jedoch auto­ma­ti­sier­te Abstei­ger.
  • In tur­bu­len­ten Zei­ten (Kurs­sturz Anfang des Jah­res) agie­ren die meis­ten KIs ein­falls­los, was dazu führt, dass vie­le sich nicht so gut behaup­ten konn­ten wie die bes­ten aktiv gema­nag­ten Fonds.
  • Die Robo-Advi­sors grei­fen zumeist auf ETFs zu, also auf Pro­duk­te, die einen Index abbil­den. Das sorgt für soli­de, aber über­schau­ba­re Ent­wick­lung. Zudem kann dies auch jeder Ein­zel­ne, jede Ein­zel­ne für sich selbst orga­ni­sie­ren – für noch weni­ger Geld.
  • Die Gebüh­ren und Struk­tu­ren sind höchst unter­schied­lich, einen guten Über­blick gibt bei­spiels­wei­se www.brokervergleich.de, wo man auch einen Ver­gleich der Ren­di­te-Erfol­ge fin­det

Robo-Advi­sors müs­sen bil­lig sein – und bei intel­li­gen­tem Ein­satz der Tech­no­lo­gie kön­nen sie das auch. Das ist ihre gro­ße Stär­ke, neben der stän­di­gen Wei­ter­ent­wick­lung und der guten Markt­über­sicht. Die Crux ist aber, dass nicht alles auto­ma­ti­siert wer­den kann, denn je stär­ker auf stan­dar­di­sier­te Pro­duk­te zurück­ge­grif­fen wird, um so schwie­ri­ger wird die Anpas­sung bei über­ra­schen­den kri­sen­haf­ten Ent­wick­lun­gen. Und an der Bör­se ist das Unnor­ma­le der Nor­mal­fall. Aber die Ent­wick­lung der Künst­li­chen Intel­li­genz hat ja gera­de erst begon­nen und wir sehen im Augen­blick, wie Robo-Advi­sors immer wei­te­re Fel­der des finan­zi­el­len Enga­ge­ments erobern.

Nicht zu ver­nach­läs­si­gen ist aber die Fra­ge: Was kön­nen Robo-Advi­sors nicht – und was kön­nen sie nie­mals kön­nen? Wird es zum Bei­spiel gelin­gen, mora­li­sche Ent­schei­dun­gen in Algo­rith­men abzu­bil­den – und zwar mit der Fle­xi­bi­li­tät und Lern­fä­hig­keit, die uns dazu befä­higt, den mora­li­schen Kom­pass in ganz unter­schied­li­chen Land­schaf­ten des Lebens zu benut­zen? Wol­len wir die Ent­schei­dun­gen über gro­ße Invest­ments einem auto­ma­ti­sier­ten Anle­ger über­las­sen, der nicht ver­steht, dass nicht jeder Park zum Park­platz wer­den soll­te? Wol­len wir, dass bei sin­ken­den Ren­di­ten auto­ma­ti­siert Geld aus Län­dern abge­zo­gen und so die nächs­te Wäh­rungs­kri­se getrig­gert wird?

Die KI schlägt uns beim Schach und sie kann sicher­lich in 95% der Fäl­le klu­ge Vor­schlä­ge für Invest­ment­ent­schei­dun­gen machen, wenn wir ihr unse­re Wün­sche in Form von ori­en­tie­ren­den Leit­plan­ken für finan­zi­el­les Enga­ge­ment klar mit­ge­ben. Was unser Invest­ment an der Schnitt­stel­le zwi­schen Geld­welt und Men­schen­welt aber genau bewir­ken soll und wel­che ethi­schen  Fra­gen wir uns nicht neh­men las­sen, das müs­sen wir selbst ent­schei­den. Der Robo-Advi­sor ist so gut wie wir ihn sein las­sen.

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 11.04.18

 

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

The Black Monday Murders – ein Comic über die Schwarze Magie der Börse

The Black Monday Murders –

ein Comic über die Schwarze Magie der Börse

Text: Bernd Villhauer

 

Black Monday Murders

Bild: Image Comics

Es war wohl nicht zu vermeiden, dass in meinen Seitenblicken auf die Finanzwelt auch einmal ein Comic besprochen wird. Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich der „9. Kunst“, dem Comic-Genre, schon verfallen bin, seitdem ich „Daniel Düsentrieb“ fehlerfrei aussprechen konnte. Es kommt also wie es kommen musste. Allerdings gebe ich keinen Überblick über das Thema „Börse im Comic“ – das wäre auch ein faszinierendes Projekt, das aber zur Zeit noch in der Schublade „Recherche!“ ruht. Vorab will ich nur meiner Freude über den lesenswerten neuen Comic The Black Monday Murders Ausdruck verleihen, der in einer außergewöhnlichen Weise auf die Finanzwelt blickt.

 

 

Bernd Villhauer

Bernd Vill­hau­er ist Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts und Autor der Kolum­ne “Finanz und Ele­ganz”.

The Black Mon­day Mur­ders wur­de geschrie­ben von Jona­than Hick­man und gezeich­net von Tomm Coker; der ers­te Band des Werks ist erschie­nen am 25. Janu­ar 2017 unter dem Titel „All Hail. God Mam­mon“, der zwei­te Band wird (end­lich) am 20. Dezem­ber 2017 her­aus­kom­men. Publi­ziert wird The Black Mon­day Mur­ders von Image Comics. Die­se Anga­ben bezie­hen sich auf die Sam­mel­bän­de, zu den ein­zel­nen Hef­ten fin­det man Infor­ma­tio­nen auf der Image-Home­page.

Zunächst soll­ten jene gewarnt sein, die einen „kul­ti­vier­ten“ Bil­dungs­co­mic oder ein Sach­buch als Gra­phic Novel erwar­ten. Obacht! Hier wird nicht ein his­to­ri­scher oder phi­lo­so­phi­scher Stoff über das Medi­um Comic popu­la­ri­siert und ver­kauft, weil – so die oft gemach­te Annah­me – mit Comics auch weni­ger klu­gen Men­schen behut­sam die Geheim­nis­se der Welt nahe­ge­bracht wer­den kön­nen. Die gepfleg­te Lan­ge­wei­le, die vie­le der „Adam Smith in Bil­dern“- oder „Nietz­sche als Comic“- bzw. „Öko­no­mie leicht gemacht“-Aufbereitungen umweht, kann hier nicht auf­kom­men.

Im vor­ge­stell­ten Comic geht es um das gefähr­li­che Gan­ze. In der Welt von The Black Mon­day Mur­ders wer­den die Gen­res Kri­mi­nal­ge­schich­te, Hor­ror-Sto­ry, Fami­li­en­sa­ga und Poli­tikthril­ler kom­bi­niert – es wird intri­giert, gekämpft und gestor­ben, was das Zeug hält. Die zeich­ne­ri­sche Umset­zung ist dabei so „expli­zit“, dass ängst­li­che Gemü­ter mit schwa­chem Magen bes­ser nicht zugrei­fen soll­ten. Eine Ebe­ne des Comics ist adäquat und kei­nes­falls her­ab­las­send durch „okkul­te Detek­tiv­ge­schich­te mit dras­ti­schen Hand­lungs­ver­läu­fen“ zu beschrei­ben: H.P. Love­craft und Ray­mond Chand­ler gehen auf eine Fei­er, wo sie J.P. Mor­gan und Nathan Roth­schild tref­fen.

Black Monday Murders

Zur Ver­göße­rung bit­te ankli­cken. Quel­le: Image Comics.

Aber wer sich von reich­lich strö­men­dem Blut und düs­te­ren Sze­na­ri­en nicht abschre­cken lässt, der wird mit einer klu­gen und viel­fäl­ti­gen Refle­xi­on über Finan­zi­el­les und Bör­se belohnt. Eine der Haupt­bot­schaf­ten ist:

 

Am Anfang war das Geld!

 

Es wird nicht weni­ger unter­nom­men als eine Par­al­lel­ge­schich­te des Gel­des und der Geld­ver­meh­rung zu erzäh­len. Das Finanz­ge­sche­hen ist in die­ser Dar­stel­lung die eigent­li­che Rea­li­täts­ebe­ne, von der die uns zugäng­li­che Welt nur eine Wider­spie­ge­lung, meist ein mat­ter Abglanz ist. Die mone­tä­re Kal­ku­la­ti­on war vor allen ande­ren Kul­tur­leis­tun­gen – wes­halb die eine gro­ße Spra­che der Welt auch die Spra­che des Gel­des ist – und die­se ist im Kern eine Spra­che der Magie. Are you con­fu­sed?

Der Autor Hick­man gibt sich gro­ße Mühe, mit Tabel­len und Sprach­ta­feln eine Art Pseu­do-Doku­men­ta­ti­on die­ser eigent­li­chen Welt der Pro­to-Mathe­ma­tik und der Pro­to-Öko­no­mie auf­zu­bau­en. Die rhe­to­ri­sche Figur vom „Zau­ber des Gol­des“ nimmt der Comic voll­kom­men ernst – mate­ri­el­les Ver­mö­gen ent­steht durch Beschwö­rung, Kult, Ver­wand­lung und Opfer. Und damit sind eben (Kri­mi­hand­lung!) auch Men­schen­op­fer gemeint. Denn, so eine der ein­drucks­vol­len Sze­nen im Buch, die Bro­ker und Ban­kiers, die wäh­rend des gro­ßen Bör­sen­crashs 1929 ihre Hoch­haus­bü­ros durch die Fens­ter ver­lie­ßen – die taten das nicht immer frei­wil­lig …

Da die Welt, in der die Black Mon­day Mur­ders spie­len, von eini­gen weni­gen gro­ßen Fami­li­en und Clans beherrscht wird, kommt zur Ver­schwö­rungs­pra­xis gleich die pas­sen­de Ver­schwö­rungs­theo­rie. Womit wir viel­fach ver­min­tes Gelän­de betre­ten. Und tat­säch­lich schmiegt sich das Uni­ver­sum die­ser okkul­ten Geld­be­schwö­rung und Geld­ver­schwö­rung manch­mal unan­ge­nehm nahe an den Neo-Feu­da­lis­mus der Gegen­wart. Hat es nicht wirk­lich etwas „Zau­ber­haf­tes“ wie bestimm­te Fami­li­en das Ver­mö­gen der Vor­vä­ter hor­ten und ver­meh­ren? Und reizt die Ver­schwie­gen­heit des gro­ßen alten Gel­des nicht zu Spe­ku­la­tio­nen? Indem Hick­man / Coker ein Pan­dä­mo­ni­um der Finanz­zau­be­rei erste­hen las­sen, ver­lei­hen sie Ängs­ten Aus­druck, die wir alle ken­nen. Geht das denn mit rech­ten Din­gen zu, dass mache Erbin­nen und Erben jeden Tag Mil­lio­nen­be­trä­ge ein­strei­chen? Ist das Auf­stiegs­ver­spre­chen, von dem alle markt­wirt­schaft­lich ori­en­tier­ten Gesell­schaf­ten abhän­gen, noch glaub­wür­dig, wenn sich Eli­ten in die­ser Wei­se repro­du­zie­ren und sich die Ver­mö­gen immer stär­ker kon­zen­trie­ren? Zumin­dest für die USA, in denen der Comic spielt, ist die Angst vor einer Finan­zo­lig­ar­chie nicht unbe­rech­tigt – auch wenn sie nicht regel­mä­ßig Lebe­we­sen auf dem Haus­al­tar aus­blu­ten lässt.

Und gleich­zei­tig war das für mich per­sön­lich eine der weni­gen Frag­wür­dig­kei­ten beim Lesen: Muss es sein, dass in neu­em Gewand die glei­chen alten Ver­schwö­rungs­plots um die Ecke lin­sen? Muss eine der Fami­li­en unbe­dingt die der Roth­schilds sein? Und ist es wirk­lich sinn­voll, dass die Poli­tik nur ganz und gar abhän­gig dar­ge­stellt wird, als ein Sub­sys­tem der Finanz­macht? Hier hät­te ein biss­chen mehr Luh­mann und ein biss­chen weni­ger Love­craft gut getan. Die Sys­tem­dy­na­mik isst letz­ten Endes doch jeden Ver­schwö­rer­zir­kel zum Früh­stück. Ein klein biss­chen Ziel­kon­flikt zwi­schen den poli­ti­schen, intel­lek­tu­el­len und wirt­schaft­li­chen Eli­ten hät­te also nicht gescha­det.

Aber der Autor von The Black Mon­day Mur­ders hat sich ent­schie­den: Geld regiert die Welt – und zwar die sicht­ba­re wie die unsicht­ba­re. Das macht alles ziem­lich catchy, aber sorgt eben auch für die selbst­be­wuss­te Ober­fläch­lich­keit, den strah­len­den Kat­zen­gold­glanz, den jeder gro­ße Comic hat. Auch die­se Bil­der­zäh­lung kennt ihre Gren­zen, aber inner­halb die­ser Gren­zen bringt sie eine Welt der Geld-Refe­ren­zen zum Schwin­gen.

Die zwin­gen­de Logik man­cher Mär­chen beruht dar­auf, dass nichts vom Erzähl­ten real ist, aber die Ängs­te, auf die die Erzäh­lung zielt, sehr wohl. The Black Mon­day Mur­ders ist das düs­te­re Mär­chen von den Zah­lungs­strö­men, die unser Leben sinn­voll und sinn­los machen kön­nen. Der Comic macht ernst mit der Ver­mu­tung, dass das Geld eine Beschrei­bung der Welt lie­fert – und zwar oft eine furcht­bar genaue.

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 13. Okto­ber 2017

 

 

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In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Alle wollen nur Dein Bestes oder: Verstehen private Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

Alle wollen nur Dein Bestes oder:

Verstehen private Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

von Bernd Vill­hau­er

Zum Abschluss der Blog-Serie zum Thema „Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt?“ will ich einen Blick auf die nicht-staatlichen Einrichtungen werfen. Mit diesen, beispielsweise den Banken, Versicherungsgesellschaften, Finanzberatern oder Fondsgesellschaften haben wir ja als Konsumenten und Geldbenutzer am häufigsten zu tun – und sind auch am meisten auf sie angewiesen.

 

I need a hero“ – so tön­te Bon­nie Tyler vor mehr als 30 Jah­ren und trug damit zum Sound­track der neo­kon­ser­va­ti­ven Lea­dership-Debat­te der 80er-Jah­re bei. Aber die Yup­pie-Kul­tur, die sei­ner­zeit mit Föhn­fri­su­ren, Schul­ter­pols­tern und teu­ren Snea­kers einen neu­en stol­zen Kapi­ta­lis­mus prä­sen­tier­te, stand einer­seits zwar für noble Ges­ten, ande­rer­seits aber für den unzwei­deu­ti­gen Fokus aufs Geld­ver­die­nen: „The busi­ness of busi­ness is even bet­ter busi­ness“.

Der hel­den­haf­te Erwerbs­sinn ist ein biss­chen aus der Mode gekom­men. Zum einen wünscht sich die Mehr­heit heu­te immer mehr mora­lisch ver­tret­ba­re Stra­te­gi­en der Ren­di­te­stei­ge­rung, zum ande­ren sind die Befürch­tun­gen nicht ganz unbe­rech­tigt, dass ein Sys­tem, in dem jeder nur so schnell wie mög­lich sei­nen Schnitt machen möch­te, struk­tu­rel­le Ris­se bekommt.

Viel­leicht müs­sen es ja aber gar nicht unbe­dingt Hel­den sein; wir könn­ten auch kom­pe­ten­te Bera­ter und ver­läss­li­che Dienst­leis­ter gebrau­chen. Mit Con­an, dem Bar­ba­ren spre­chen wir weni­ger ger­ne über unse­re Alters­ver­sor­gung als mit Kon­rad, dem Spar­kas­sen­lei­ter. Jeden­falls benö­ti­gen wir das rich­ti­ge Wis­sen und Wol­len. Danach wol­len wir also bei den pri­vat­wirt­schaft­li­chen Finanz­ak­teu­ren jetzt ein­mal fra­gen: wel­che Kom­pe­ten­zen bau­en sie auf und wel­che Inter­es­sen ver­fol­gen sie?

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Es ver­steht sich, dass bei Ban­ken und ande­ren Finanz­markt­ak­teu­ren unge­heu­re Kennt­nis­se über alle Markt- und Preis­ent­wick­lun­gen zusam­men­lau­fen. Wes­sen Über­le­ben von der rich­ti­gen Ein­schät­zung der Situa­ti­on abhängt, der wird sich bemü­hen, mög­lichst viel über sie zu erfah­ren. Und meist haben die­se Akteu­re die tech­ni­schen und finan­zi­el­len Mit­tel um sich best­mög­lich zu infor­mie­ren. Das ist ja bei­spiels­wei­se das Geschäfts­mo­dell von Bloom­berg. 1981 gegrün­det, um den Infor­ma­ti­ons­be­darf von Invest­ment­ban­ken zu stil­len (das Bloom­berg Ter­mi­nal, ein Daten­mo­ni­tor, der über die Akti­en­markt­ent­wick­lung infor­miert, gehört heu­te noch zur Stan­dard­aus­stat­tung), hat sich das Unter­neh­men zu einem der größ­ten Medi­en­kon­glo­me­ra­te der Welt ent­wi­ckelt. Infor­ma­ti­on ist ein unver­zicht­ba­rer Grund­stoff für die Finanz­in­dus­trie. Jeder pri­vat­wirt­schaft­li­che Finanz­ak­teu­er muss also Markt­in­for­ma­tio­nen anhäu­fen. Aber ist das schon Wis­sen im Sin­ne von Ein­schät­zungs­ver­mö­gen und Bil­dung, im Sin­ne eines pro­fun­den Sich-Aus­ken­nens auch über die Rah­men­be­din­gun­gen des Mark­tes, die poli­ti­schen, juris­ti­schen, aber auch psy­cho­lo­gi­schen Gesetz­mä­ßig­kei­ten? Man kann das ange­sichts kata­stro­pha­ler Fehl­ent­schei­dun­gen von Geld­häu­sern mit rie­si­gen Rese­arch-Abtei­lun­gen bezwei­feln. Oft wun­dern wir uns, wie dumm die Schlau­en agie­ren. Das wäre also ein ers­ter wich­ti­ger Punkt: aktu­el­le Infor­ma­tio­nen sind manch­mal gar nicht so wich­tig bzw. sie benö­ti­gen Ein­ord­nung und die rich­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on. Aber wir soll­ten auch im Blick behal­ten, dass wir hier von einem unge­heu­er kom­ple­xen Gesche­hen spre­chen – Mil­li­ar­den von Tat­sa­chen, unüber­seh­bar vie­le Fak­to­ren, hohe Geschwin­dig­kei­ten … Der Finanz­markt ist kein Pony­hof.

Ein Phä­no­men trägt dazu bei, dass wir die Erkennt­nis­se der pri­va­ten Akteu­re wahr- und ernst­neh­men soll­ten: das Ler­nen wider Wil­len. Die Men­schen, deren Gehalt davon abhängt, ob sich ihre Insti­tu­tio­nen über Was­ser hal­ten kön­nen, müs­sen in alle Rich­tun­gen schau­en und sie müs­sen alle dunk­len Ecken aus­leuch­ten. Dass gro­ße insti­tu­tio­nel­le Anle­ger lang­sam aber sicher begin­nen, von der Koh­len­stoff­wirt­schaft Abschied zu neh­men, das hängt mit ihrer Ver­netzt­heit und ihrer infor­mier­ten Pro­gno­se­fä­hig­keit zusam­men, nicht unbe­dingt davon, dass ihnen die Blu­men leid tun. Das Ler­nen wider Wil­len – es ist in der Pri­vat­wirt­schaft manch­mal ver­brei­te­ter als im öffent­li­chen Raum oder in der Wis­sen­schaft. Ein Pro­fes­sor der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten wird wei­ter bezahlt, auch wenn er ver­al­te­te The­sen über Markt­gleich­ge­wich­te, die Wir­kun­gen der Geld­il­lu­si­on oder den homo oeco­no­mi­c­us wie­der­käut. Wirt­schafts­po­li­ti­ker wer­den nicht abge­setzt wenn sie die Ent­wick­lung des Gold­prei­ses nicht ken­nen, den Schul­den­stand falsch ange­ben oder behaup­ten, man kön­ne Miet­prei­se per Gesetz fest­le­gen. Aber in der Pri­vat­wirt­schaft schla­gen Fehl­ein­schät­zun­gen unbarm­her­zig auf den Ein­schät­zer zurück. Klug­heit ist hier erwünscht, Kom­pe­tenz kein Stand­ort­nach­teil. Die Fra­ge ist noch, wie uns das als Bür­ger und Kon­su­men­ten nützt. Ich will ein Bei­spiel geben …

(Ach­tung! Im fol­gen­den wird ein US-ame­ri­ka­ni­sches Unter­neh­men der Finanz­bran­che zurück­hal­tend posi­tiv beschrie­ben. Das könn­te bei eini­gen Lese­rin­nen und Lesern Gefüh­le ver­letz­ten. Bit­te sprin­gen Sie in die­sem Fall gleich zum letz­ten Absatz.)

Drei­mal Lob für die Fonds­ge­sell­schaft Van­guard:

  1. John Bog­le, der Grün­der von Van­guard, erfand den Index­fonds, der nicht in ein­zel­ne Akti­en inves­tiert, son­dern einen gan­zen Index (wie den Dax) repro­du­ziert. Als ETF ist die­ses Pro­dukt zum gro­ßen Gewin­ner der letz­ten Jah­re gewor­den, auch weil die Kos­ten für den Anle­ger viel nied­ri­ger sind – und es nach­weis­lich nur in den sel­tens­ten Fäl­len mög­lichst ist, den Markt zu schla­gen und über dem Index zu „per­for­men“. Nun kann man natür­lich auch Kri­ti­sches über die­se Anla­ge­pro­duk­te sagen, aber hal­ten wir ein­fach mal fest: Markt­kennt­nis­se wur­den von einem Markt­ak­teur genutzt, um ein­fa­cher Leu­te Geld zu spa­ren, für Trans­pa­renz zu sor­gen (und selbst gut zu ver­die­nen).
  2. Im Sep­tem­ber 2016 publi­zier­te Van­guard eine viel­be­ach­te­te Stu­die, die zu dem unan­ge­neh­men Ergeb­nis kommt, dass Pri­vat­an­le­ger durch­schnitt­lich von der lang­jäh­rig durch Akti­en­an­la­gen rea­li­sier­ba­ren Markt­ren­di­te von acht bis neun Pro­zent im Jahr vor Kos­ten durch schäd­li­che Akti­vi­tä­ten (wie Umschich­tun­gen) cir­ca drei Pro­zent­punk­te pro Jahr ver­spie­len. Sie arbei­ten also gegen sich selbst. Die Stu­die ist nicht nur hilf­reich, um sich selbst klar zu machen, dass oft weni­ger mehr ist („Hin und her macht Taschen leer“), sie zeigt auch auf dich­ter und tie­fer Infor­ma­ti­ons­grund­la­ge, war­um die ruhi­ge Hand von kom­pe­ten­ten Bera­tern hel­fen kann.
  3. Van­guard ist genos­sen­schaft­lich orga­ni­siert, selbst nicht an der Bör­se notiert und betreibt sei­ne Fonds­ent­wick­lung in Eigen­re­gie. Auch das ist ein klei­nes, aber fei­nes Detail, das Geld spart. Oft geben die Fonds­ge­sell­schaf­ten näm­lich die­se Geschäf­te nach außen und zah­len dann (bezie­hungs­wei­se las­sen die Kun­den bezah­len) für den Ser­vice. Hier kom­men also Markt­kenn­nis­se und Kun­den­ori­en­tie­rung zusam­men.

War­um die­se Wer­be­ein­blen­dung für eine Fir­ma, die von sich sagt „We are not Wall Street, we ser­ve Main Street“ – und den­noch zu den ganz Gro­ßen gehört? Weil Van­guard eine gutes Bei­spiel dafür ist, dass in die­sem Markt für und gegen die Kun­den (die Umwelt, die Moral …) gelernt wer­den kann. Es zeich­net die pri­va­ten Akteu­re aus, dass sie fle­xi­bel sein kön­nen. Beob­ach­ten wir doch, ob sie auch geis­tig fle­xi­bel oder nur steu­er­lich fle­xi­bel sind. Wenn wir ver­ste­hen, war­um Lern­pro­zes­se ablau­fen und wel­che Art Kom­pe­tenz damit auf­ge­baut wer­den soll, dann kön­nen wir auch ent­schei­den, ob uns die gan­ze Schlau­heit und Infor­miert­heit etwas nützt – oder ob wir sie nicht mit einem Quent­chen alt­mo­di­scher Weis­heit und Mensch­lich­keit ver­set­zen wol­len. Und das erfor­dert noch nicht mal Hel­den­mut.

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 27.07.2017

 

 

 

Teil 1: Ver­steht die Wis­sen­schaft eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 2: Ver­ste­hen die Medi­en eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 3: Ver­ste­hen öffent­li­che Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 4: Ver­ste­hen pri­va­te Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanz­markt?

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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