The Black Monday Murders – ein Comic über die Schwarze Magie der Börse

The Black Monday Murders –

ein Comic über die Schwarze Magie der Börse

Text: Bernd Villhauer

 

Black Monday Murders

Bild: Image Comics

Es war wohl nicht zu vermeiden, dass in meinen Seitenblicken auf die Finanzwelt auch einmal ein Comic besprochen wird. Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich der „9. Kunst“, dem Comic-Genre, schon verfallen bin, seitdem ich „Daniel Düsentrieb“ fehlerfrei aussprechen konnte. Es kommt also wie es kommen musste. Allerdings gebe ich keinen Überblick über das Thema „Börse im Comic“ – das wäre auch ein faszinierendes Projekt, das aber zur Zeit noch in der Schublade „Recherche!“ ruht. Vorab will ich nur meiner Freude über den lesenswerten neuen Comic The Black Monday Murders Ausdruck verleihen, der in einer außergewöhnlichen Weise auf die Finanzwelt blickt.

 

 

Bernd Villhauer

Bernd Vill­hau­er ist Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts und Autor der Kolum­ne “Finanz und Ele­ganz”.

The Black Mon­day Mur­ders wur­de geschrie­ben von Jona­than Hick­man und gezeich­net von Tomm Coker; der ers­te Band des Werks ist erschie­nen am 25. Janu­ar 2017 unter dem Titel „All Hail. God Mam­mon“, der zwei­te Band wird (end­lich) am 20. Dezem­ber 2017 her­aus­kom­men. Publi­ziert wird The Black Mon­day Mur­ders von Image Comics. Die­se Anga­ben bezie­hen sich auf die Sam­mel­bän­de, zu den ein­zel­nen Hef­ten fin­det man Infor­ma­tio­nen auf der Image-Home­page.

Zunächst soll­ten jene gewarnt sein, die einen „kul­ti­vier­ten“ Bil­dungs­co­mic oder ein Sach­buch als Gra­phic Novel erwar­ten. Obacht! Hier wird nicht ein his­to­ri­scher oder phi­lo­so­phi­scher Stoff über das Medi­um Comic popu­la­ri­siert und ver­kauft, weil – so die oft gemach­te Annah­me – mit Comics auch weni­ger klu­gen Men­schen behut­sam die Geheim­nis­se der Welt nahe­ge­bracht wer­den kön­nen. Die gepfleg­te Lan­ge­wei­le, die vie­le der „Adam Smith in Bil­dern“- oder „Nietz­sche als Comic“- bzw. „Öko­no­mie leicht gemacht“-Aufbereitungen umweht, kann hier nicht auf­kom­men.

Im vor­ge­stell­ten Comic geht es um das gefähr­li­che Gan­ze. In der Welt von The Black Mon­day Mur­ders wer­den die Gen­res Kri­mi­nal­ge­schich­te, Hor­ror-Sto­ry, Fami­li­en­sa­ga und Poli­tikthril­ler kom­bi­niert – es wird intri­giert, gekämpft und gestor­ben, was das Zeug hält. Die zeich­ne­ri­sche Umset­zung ist dabei so „expli­zit“, dass ängst­li­che Gemü­ter mit schwa­chem Magen bes­ser nicht zugrei­fen soll­ten. Eine Ebe­ne des Comics ist adäquat und kei­nes­falls her­ab­las­send durch „okkul­te Detek­tiv­ge­schich­te mit dras­ti­schen Hand­lungs­ver­läu­fen“ zu beschrei­ben: H.P. Love­craft und Ray­mond Chand­ler gehen auf eine Fei­er, wo sie J.P. Mor­gan und Nathan Roth­schild tref­fen.

Black Monday Murders

Zur Ver­göße­rung bit­te ankli­cken. Quel­le: Image Comics.

Aber wer sich von reich­lich strö­men­dem Blut und düs­te­ren Sze­na­ri­en nicht abschre­cken lässt, der wird mit einer klu­gen und viel­fäl­ti­gen Refle­xi­on über Finan­zi­el­les und Bör­se belohnt. Eine der Haupt­bot­schaf­ten ist:

 

Am Anfang war das Geld!

 

Es wird nicht weni­ger unter­nom­men als eine Par­al­lel­ge­schich­te des Gel­des und der Geld­ver­meh­rung zu erzäh­len. Das Finanz­ge­sche­hen ist in die­ser Dar­stel­lung die eigent­li­che Rea­li­täts­ebe­ne, von der die uns zugäng­li­che Welt nur eine Wider­spie­ge­lung, meist ein mat­ter Abglanz ist. Die mone­tä­re Kal­ku­la­ti­on war vor allen ande­ren Kul­tur­leis­tun­gen – wes­halb die eine gro­ße Spra­che der Welt auch die Spra­che des Gel­des ist – und die­se ist im Kern eine Spra­che der Magie. Are you con­fu­sed?

Der Autor Hick­man gibt sich gro­ße Mühe, mit Tabel­len und Sprach­ta­feln eine Art Pseu­do-Doku­men­ta­ti­on die­ser eigent­li­chen Welt der Pro­to-Mathe­ma­tik und der Pro­to-Öko­no­mie auf­zu­bau­en. Die rhe­to­ri­sche Figur vom „Zau­ber des Gol­des“ nimmt der Comic voll­kom­men ernst – mate­ri­el­les Ver­mö­gen ent­steht durch Beschwö­rung, Kult, Ver­wand­lung und Opfer. Und damit sind eben (Kri­mi­hand­lung!) auch Men­schen­op­fer gemeint. Denn, so eine der ein­drucks­vol­len Sze­nen im Buch, die Bro­ker und Ban­kiers, die wäh­rend des gro­ßen Bör­sen­crashs 1929 ihre Hoch­haus­bü­ros durch die Fens­ter ver­lie­ßen – die taten das nicht immer frei­wil­lig …

Da die Welt, in der die Black Mon­day Mur­ders spie­len, von eini­gen weni­gen gro­ßen Fami­li­en und Clans beherrscht wird, kommt zur Ver­schwö­rungs­pra­xis gleich die pas­sen­de Ver­schwö­rungs­theo­rie. Womit wir viel­fach ver­min­tes Gelän­de betre­ten. Und tat­säch­lich schmiegt sich das Uni­ver­sum die­ser okkul­ten Geld­be­schwö­rung und Geld­ver­schwö­rung manch­mal unan­ge­nehm nahe an den Neo-Feu­da­lis­mus der Gegen­wart. Hat es nicht wirk­lich etwas „Zau­ber­haf­tes“ wie bestimm­te Fami­li­en das Ver­mö­gen der Vor­vä­ter hor­ten und ver­meh­ren? Und reizt die Ver­schwie­gen­heit des gro­ßen alten Gel­des nicht zu Spe­ku­la­tio­nen? Indem Hick­man / Coker ein Pan­dä­mo­ni­um der Finanz­zau­be­rei erste­hen las­sen, ver­lei­hen sie Ängs­ten Aus­druck, die wir alle ken­nen. Geht das denn mit rech­ten Din­gen zu, dass mache Erbin­nen und Erben jeden Tag Mil­lio­nen­be­trä­ge ein­strei­chen? Ist das Auf­stiegs­ver­spre­chen, von dem alle markt­wirt­schaft­lich ori­en­tier­ten Gesell­schaf­ten abhän­gen, noch glaub­wür­dig, wenn sich Eli­ten in die­ser Wei­se repro­du­zie­ren und sich die Ver­mö­gen immer stär­ker kon­zen­trie­ren? Zumin­dest für die USA, in denen der Comic spielt, ist die Angst vor einer Finan­zo­lig­ar­chie nicht unbe­rech­tigt – auch wenn sie nicht regel­mä­ßig Lebe­we­sen auf dem Haus­al­tar aus­blu­ten lässt.

Und gleich­zei­tig war das für mich per­sön­lich eine der weni­gen Frag­wür­dig­kei­ten beim Lesen: Muss es sein, dass in neu­em Gewand die glei­chen alten Ver­schwö­rungs­plots um die Ecke lin­sen? Muss eine der Fami­li­en unbe­dingt die der Roth­schilds sein? Und ist es wirk­lich sinn­voll, dass die Poli­tik nur ganz und gar abhän­gig dar­ge­stellt wird, als ein Sub­sys­tem der Finanz­macht? Hier hät­te ein biss­chen mehr Luh­mann und ein biss­chen weni­ger Love­craft gut getan. Die Sys­tem­dy­na­mik isst letz­ten Endes doch jeden Ver­schwö­rer­zir­kel zum Früh­stück. Ein klein biss­chen Ziel­kon­flikt zwi­schen den poli­ti­schen, intel­lek­tu­el­len und wirt­schaft­li­chen Eli­ten hät­te also nicht gescha­det.

Aber der Autor von The Black Mon­day Mur­ders hat sich ent­schie­den: Geld regiert die Welt – und zwar die sicht­ba­re wie die unsicht­ba­re. Das macht alles ziem­lich catchy, aber sorgt eben auch für die selbst­be­wuss­te Ober­fläch­lich­keit, den strah­len­den Kat­zen­gold­glanz, den jeder gro­ße Comic hat. Auch die­se Bil­der­zäh­lung kennt ihre Gren­zen, aber inner­halb die­ser Gren­zen bringt sie eine Welt der Geld-Refe­ren­zen zum Schwin­gen.

Die zwin­gen­de Logik man­cher Mär­chen beruht dar­auf, dass nichts vom Erzähl­ten real ist, aber die Ängs­te, auf die die Erzäh­lung zielt, sehr wohl. The Black Mon­day Mur­ders ist das düs­te­re Mär­chen von den Zah­lungs­strö­men, die unser Leben sinn­voll und sinn­los machen kön­nen. Der Comic macht ernst mit der Ver­mu­tung, dass das Geld eine Beschrei­bung der Welt lie­fert – und zwar oft eine furcht­bar genaue.

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 13. Okto­ber 2017

 

 

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In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Alle wollen nur Dein Bestes oder: Verstehen private Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

Alle wollen nur Dein Bestes oder:

Verstehen private Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

von Bernd Vill­hau­er

Zum Abschluss der Blog-Serie zum Thema „Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt?“ will ich einen Blick auf die nicht-staatlichen Einrichtungen werfen. Mit diesen, beispielsweise den Banken, Versicherungsgesellschaften, Finanzberatern oder Fondsgesellschaften haben wir ja als Konsumenten und Geldbenutzer am häufigsten zu tun – und sind auch am meisten auf sie angewiesen.

 

I need a hero“ – so tön­te Bon­nie Tyler vor mehr als 30 Jah­ren und trug damit zum Sound­track der neo­kon­ser­va­ti­ven Lea­dership-Debat­te der 80er-Jah­re bei. Aber die Yup­pie-Kul­tur, die sei­ner­zeit mit Föhn­fri­su­ren, Schul­ter­pols­tern und teu­ren Snea­kers einen neu­en stol­zen Kapi­ta­lis­mus prä­sen­tier­te, stand einer­seits zwar für noble Ges­ten, ande­rer­seits aber für den unzwei­deu­ti­gen Fokus aufs Geld­ver­die­nen: „The busi­ness of busi­ness is even bet­ter busi­ness“.

Der hel­den­haf­te Erwerbs­sinn ist ein biss­chen aus der Mode gekom­men. Zum einen wünscht sich die Mehr­heit heu­te immer mehr mora­lisch ver­tret­ba­re Stra­te­gi­en der Ren­di­te­stei­ge­rung, zum ande­ren sind die Befürch­tun­gen nicht ganz unbe­rech­tigt, dass ein Sys­tem, in dem jeder nur so schnell wie mög­lich sei­nen Schnitt machen möch­te, struk­tu­rel­le Ris­se bekommt.

Viel­leicht müs­sen es ja aber gar nicht unbe­dingt Hel­den sein; wir könn­ten auch kom­pe­ten­te Bera­ter und ver­läss­li­che Dienst­leis­ter gebrau­chen. Mit Con­an, dem Bar­ba­ren spre­chen wir weni­ger ger­ne über unse­re Alters­ver­sor­gung als mit Kon­rad, dem Spar­kas­sen­lei­ter. Jeden­falls benö­ti­gen wir das rich­ti­ge Wis­sen und Wol­len. Danach wol­len wir also bei den pri­vat­wirt­schaft­li­chen Finanz­ak­teu­ren jetzt ein­mal fra­gen: wel­che Kom­pe­ten­zen bau­en sie auf und wel­che Inter­es­sen ver­fol­gen sie?

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Es ver­steht sich, dass bei Ban­ken und ande­ren Finanz­markt­ak­teu­ren unge­heu­re Kennt­nis­se über alle Markt- und Preis­ent­wick­lun­gen zusam­men­lau­fen. Wes­sen Über­le­ben von der rich­ti­gen Ein­schät­zung der Situa­ti­on abhängt, der wird sich bemü­hen, mög­lichst viel über sie zu erfah­ren. Und meist haben die­se Akteu­re die tech­ni­schen und finan­zi­el­len Mit­tel um sich best­mög­lich zu infor­mie­ren. Das ist ja bei­spiels­wei­se das Geschäfts­mo­dell von Bloom­berg. 1981 gegrün­det, um den Infor­ma­ti­ons­be­darf von Invest­ment­ban­ken zu stil­len (das Bloom­berg Ter­mi­nal, ein Daten­mo­ni­tor, der über die Akti­en­markt­ent­wick­lung infor­miert, gehört heu­te noch zur Stan­dard­aus­stat­tung), hat sich das Unter­neh­men zu einem der größ­ten Medi­en­kon­glo­me­ra­te der Welt ent­wi­ckelt. Infor­ma­ti­on ist ein unver­zicht­ba­rer Grund­stoff für die Finanz­in­dus­trie. Jeder pri­vat­wirt­schaft­li­che Finanz­ak­teu­er muss also Markt­in­for­ma­tio­nen anhäu­fen. Aber ist das schon Wis­sen im Sin­ne von Ein­schät­zungs­ver­mö­gen und Bil­dung, im Sin­ne eines pro­fun­den Sich-Aus­ken­nens auch über die Rah­men­be­din­gun­gen des Mark­tes, die poli­ti­schen, juris­ti­schen, aber auch psy­cho­lo­gi­schen Gesetz­mä­ßig­kei­ten? Man kann das ange­sichts kata­stro­pha­ler Fehl­ent­schei­dun­gen von Geld­häu­sern mit rie­si­gen Rese­arch-Abtei­lun­gen bezwei­feln. Oft wun­dern wir uns, wie dumm die Schlau­en agie­ren. Das wäre also ein ers­ter wich­ti­ger Punkt: aktu­el­le Infor­ma­tio­nen sind manch­mal gar nicht so wich­tig bzw. sie benö­ti­gen Ein­ord­nung und die rich­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on. Aber wir soll­ten auch im Blick behal­ten, dass wir hier von einem unge­heu­er kom­ple­xen Gesche­hen spre­chen – Mil­li­ar­den von Tat­sa­chen, unüber­seh­bar vie­le Fak­to­ren, hohe Geschwin­dig­kei­ten … Der Finanz­markt ist kein Pony­hof.

Ein Phä­no­men trägt dazu bei, dass wir die Erkennt­nis­se der pri­va­ten Akteu­re wahr- und ernst­neh­men soll­ten: das Ler­nen wider Wil­len. Die Men­schen, deren Gehalt davon abhängt, ob sich ihre Insti­tu­tio­nen über Was­ser hal­ten kön­nen, müs­sen in alle Rich­tun­gen schau­en und sie müs­sen alle dunk­len Ecken aus­leuch­ten. Dass gro­ße insti­tu­tio­nel­le Anle­ger lang­sam aber sicher begin­nen, von der Koh­len­stoff­wirt­schaft Abschied zu neh­men, das hängt mit ihrer Ver­netzt­heit und ihrer infor­mier­ten Pro­gno­se­fä­hig­keit zusam­men, nicht unbe­dingt davon, dass ihnen die Blu­men leid tun. Das Ler­nen wider Wil­len – es ist in der Pri­vat­wirt­schaft manch­mal ver­brei­te­ter als im öffent­li­chen Raum oder in der Wis­sen­schaft. Ein Pro­fes­sor der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten wird wei­ter bezahlt, auch wenn er ver­al­te­te The­sen über Markt­gleich­ge­wich­te, die Wir­kun­gen der Geld­il­lu­si­on oder den homo oeco­no­mi­c­us wie­der­käut. Wirt­schafts­po­li­ti­ker wer­den nicht abge­setzt wenn sie die Ent­wick­lung des Gold­prei­ses nicht ken­nen, den Schul­den­stand falsch ange­ben oder behaup­ten, man kön­ne Miet­prei­se per Gesetz fest­le­gen. Aber in der Pri­vat­wirt­schaft schla­gen Fehl­ein­schät­zun­gen unbarm­her­zig auf den Ein­schät­zer zurück. Klug­heit ist hier erwünscht, Kom­pe­tenz kein Stand­ort­nach­teil. Die Fra­ge ist noch, wie uns das als Bür­ger und Kon­su­men­ten nützt. Ich will ein Bei­spiel geben …

(Ach­tung! Im fol­gen­den wird ein US-ame­ri­ka­ni­sches Unter­neh­men der Finanz­bran­che zurück­hal­tend posi­tiv beschrie­ben. Das könn­te bei eini­gen Lese­rin­nen und Lesern Gefüh­le ver­letz­ten. Bit­te sprin­gen Sie in die­sem Fall gleich zum letz­ten Absatz.)

Drei­mal Lob für die Fonds­ge­sell­schaft Van­guard:

  1. John Bog­le, der Grün­der von Van­guard, erfand den Index­fonds, der nicht in ein­zel­ne Akti­en inves­tiert, son­dern einen gan­zen Index (wie den Dax) repro­du­ziert. Als ETF ist die­ses Pro­dukt zum gro­ßen Gewin­ner der letz­ten Jah­re gewor­den, auch weil die Kos­ten für den Anle­ger viel nied­ri­ger sind – und es nach­weis­lich nur in den sel­tens­ten Fäl­len mög­lichst ist, den Markt zu schla­gen und über dem Index zu „per­for­men“. Nun kann man natür­lich auch Kri­ti­sches über die­se Anla­ge­pro­duk­te sagen, aber hal­ten wir ein­fach mal fest: Markt­kennt­nis­se wur­den von einem Markt­ak­teur genutzt, um ein­fa­cher Leu­te Geld zu spa­ren, für Trans­pa­renz zu sor­gen (und selbst gut zu ver­die­nen).
  2. Im Sep­tem­ber 2016 publi­zier­te Van­guard eine viel­be­ach­te­te Stu­die, die zu dem unan­ge­neh­men Ergeb­nis kommt, dass Pri­vat­an­le­ger durch­schnitt­lich von der lang­jäh­rig durch Akti­en­an­la­gen rea­li­sier­ba­ren Markt­ren­di­te von acht bis neun Pro­zent im Jahr vor Kos­ten durch schäd­li­che Akti­vi­tä­ten (wie Umschich­tun­gen) cir­ca drei Pro­zent­punk­te pro Jahr ver­spie­len. Sie arbei­ten also gegen sich selbst. Die Stu­die ist nicht nur hilf­reich, um sich selbst klar zu machen, dass oft weni­ger mehr ist („Hin und her macht Taschen leer“), sie zeigt auch auf dich­ter und tie­fer Infor­ma­ti­ons­grund­la­ge, war­um die ruhi­ge Hand von kom­pe­ten­ten Bera­tern hel­fen kann.
  3. Van­guard ist genos­sen­schaft­lich orga­ni­siert, selbst nicht an der Bör­se notiert und betreibt sei­ne Fonds­ent­wick­lung in Eigen­re­gie. Auch das ist ein klei­nes, aber fei­nes Detail, das Geld spart. Oft geben die Fonds­ge­sell­schaf­ten näm­lich die­se Geschäf­te nach außen und zah­len dann (bezie­hungs­wei­se las­sen die Kun­den bezah­len) für den Ser­vice. Hier kom­men also Markt­kenn­nis­se und Kun­den­ori­en­tie­rung zusam­men.

War­um die­se Wer­be­ein­blen­dung für eine Fir­ma, die von sich sagt „We are not Wall Street, we ser­ve Main Street“ – und den­noch zu den ganz Gro­ßen gehört? Weil Van­guard eine gutes Bei­spiel dafür ist, dass in die­sem Markt für und gegen die Kun­den (die Umwelt, die Moral …) gelernt wer­den kann. Es zeich­net die pri­va­ten Akteu­re aus, dass sie fle­xi­bel sein kön­nen. Beob­ach­ten wir doch, ob sie auch geis­tig fle­xi­bel oder nur steu­er­lich fle­xi­bel sind. Wenn wir ver­ste­hen, war­um Lern­pro­zes­se ablau­fen und wel­che Art Kom­pe­tenz damit auf­ge­baut wer­den soll, dann kön­nen wir auch ent­schei­den, ob uns die gan­ze Schlau­heit und Infor­miert­heit etwas nützt – oder ob wir sie nicht mit einem Quent­chen alt­mo­di­scher Weis­heit und Mensch­lich­keit ver­set­zen wol­len. Und das erfor­dert noch nicht mal Hel­den­mut.

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 27.07.2017

 

 

 

Teil 1: Ver­steht die Wis­sen­schaft eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 2: Ver­ste­hen die Medi­en eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 3: Ver­ste­hen öffent­li­che Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 4: Ver­ste­hen pri­va­te Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanz­markt?

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Finanz & Eleganz: Verstehen öffentliche Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

Finanz&Eleganz

Gemeinwohl und Staatsfilz oder:

Verstehen öffentliche Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

von Bernd Vill­hau­er

 

Die Finanz­markt­ak­teu­re, die nicht in pri­va­ter Hand sind, stel­len einen wesent­li­chen Fak­tor im Finanz­we­sen dar. Und genau die­se sol­len heu­te im Mit­tel­punkt ste­hen, in der drit­ten Fol­ge der Blog-Serie zum The­ma „Wer ver­steht eigent­lich noch den Finanz­markt?“ Die Wis­sen­schaft und die Pres­se haben wir schon ange­se­hen – und nun wol­len wir jene Finanz­in­sti­tu­tio­nen wür­di­gen, die wir alle über Steu­er­gel­der mit­fi­nan­zie­ren.

 

Men­schen wol­len ver­trau­en. So sind sie nun mal, die Huma­no­i­den – ihr Zusam­men­le­ben ist nur mög­lich, wenn sie ein Min­dest­maß an gegen­sei­ti­gem Ver­trau­en auf­brin­gen. Das hat sich evo­lu­tio­när bewährt. Ein bekann­tes Bon­mot teilt uns mit, dass der Affe, der den Ast ver­fehlt hat, nicht zu unse­ren Vor­fah­ren gehört. Aber auch der Affe, der die Koope­ra­ti­on ver­wei­ger­te, dürf­te wenig Nach­kom­men gehabt haben. Wenn er (oder sie) weder Ver­trau­en stif­ten noch sol­ches ent­ge­gen­brin­gen konn­te, dann war das eine kläg­li­che Exis­tenz, in der Spra­che von Tho­mas Hob­bes: „soli­ta­ry, poor, nas­ty, bru­tish, and short.“

Aus den Ver­samm­lungs­plät­zen der Affen­hor­de unter zen­tral­afri­ka­ni­schen Bäu­men sind die Bör­sen­par­ketts gewor­den – und auch hier gilt: ohne Ver­trau­en kein Zah­lungs­mit­tel, kei­ne Trans­ak­ti­on, kein Wert­spei­cher, kei­ne Asset-Ver­wal­tung. Beson­ders wich­tig ist dies bei den öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen, die mit Fra­gen des Finanz­mark­tes befasst sind. Wenn wir den Infor­ma­tio­nen, die von sol­chen Ein­rich­tun­gen aus­ge­hen, nicht mehr trau­en kön­nen – wem dann?

 

affe

Aus den Ver­samm­lungs­plät­zen der Affen­hor­de unter zen­tral­afri­ka­ni­schen Bäu­men sind die Bör­sen­par­ketts gewor­den.”

 

Aber begin­nen wir mit der Fra­ge: Was sind eigent­lich Finanz­in­sti­tu­tio­nen in öffent­li­cher Hand?

Grund­sätz­lich kann unter­schie­den wer­den zwi­schen den Insti­tu­tio­nen, die im Markt agie­ren und Finanz­dienst­leis­tun­gen zu Markt­be­din­gun­gen anbie­ten (wie För­der­ban­ken) und denen, die den Markt gestal­ten, indem sie z.B. Prü­fungs- und Kon­troll­funk­tio­nen wahr­neh­men (wie Finanz­auf­sichts­be­hör­den) oder die Markt­grund­la­gen defi­nie­ren (wie Finanz­mi­nis­te­ri­en).

Die­se Grob­un­ter­schei­dung lässt sich dann noch mit räum­li­chen Grö­ßen­ord­nun­gen ergän­zen: glo­bal (Welt­bank; Inter­na­tio­na­ler Wäh­rungs­fonds), euro­pä­isch (Euro­päi­sche Zen­tral­bank; Euro­päi­sche Inves­ti­ti­ons­bank), natio­nal (Ban­ken in öffent­li­cher Hand; Auf­sichts­be­hör­den) oder regio­nal (Lan­des-, Stadt- oder Gemein­de­ein­rich­tun­gen).

Aus ihrer Rol­le im Markt oder ihrem Ver­hält­nis zum Markt erge­ben sich einer­seits die spe­zi­fi­schen Kom­pe­ten­zen, aber auch die beson­de­ren Inter­es­sen. Was wol­len die Herr­schaf­ten hin­ter den Kulis­sen eigent­lich? Je nach­dem, wie die Rol­le im finanz­öko­no­mi­schen Pro­zess aus­sieht, wer­den sie über bestimm­te Kennt­nis­se und / oder Ein­fluss­mög­lich­kei­ten ver­fü­gen.

Die Welt­bank bei­spiels­wei­se hat einen gro­ßen und mäch­ti­gen Anteils­eig­ner, die USA, der vie­le Jah­re dafür sorg­te, dass die ord­nungs­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen aus Washing­ton umge­setzt wur­den. Bei den Ame­ri­ka­nern liegt auch der größ­te Stimm­rechts­an­teil, näm­lich augen­blick­lich 15,85 %. Im Jah­re 2016 kri­ti­sier­ten zahl­rei­che Mit­ar­bei­ter der Welt­bank, dass die Füh­rungs­pos­ten nicht nach Kom­pe­tenz besetzt wur­den, son­dern nach Pro­porz – Haupt­sa­che wei­ße Ame­ri­ka­ner geben den Ton an. Aber das ist kein exklu­si­ves Pro­blem inter­na­tio­na­ler Orga­ni­sa­tio­nen: wie vie­le ört­li­che Spar­kas­sen wur­den schon in Gefahr gebracht weil für Orts­bür­ger­meis­ter Kuno, den ver­dien­ten Par­tei­sol­da­ten, noch ein Pöst­chen gefun­den wer­den muss­te?

Öffent­lich“ ist also nicht gleich „öffent­lich“ – und bei jeder Ein­rich­tung lohnt ein Blick auf die Macht­ver­hält­nis­se, die die öko­no­mi­schen Exper­ten zum Tan­zen (oder zum Schwei­gen) brin­gen. Denn der Sach­ver­stand, die Exper­ti­se steht eben nicht im luft­lee­ren Raum, son­dern folgt poli­ti­schen Zwän­gen.

 

Sehen Sie sich genau an, wer die Ein­rich­tung trägt, finan­ziert und besetzt – dann wer­den die Exper­ten­pa­pie­re und Stel­lung­nah­men schon ver­ständ­li­cher.

 

Das wäre die ers­te Bot­schaft, die ich vor dem nächs­ten Schluck Tee ger­ne unter­brin­gen wür­de: Sehen Sie sich genau an, wer die Ein­rich­tung trägt, finan­ziert und besetzt – dann wer­den die Exper­ten­pa­pie­re und Stel­lung­nah­men schon ver­ständ­li­cher.

villhauer

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Gese­hen und ver­stan­den wird nur, was den eige­nen Zie­len dient und im eige­nen insti­tu­tio­nel­len Hori­zont sinn­voll ist. So wie die Welt­bank von den gro­ßen Indus­trie­län­dern domi­niert ist – und eine Poli­tik betreibt, die Ent­wick­lungs- und Schwel­len­län­dern mehr­fach schlecht bekam, so haben sich die loka­len Finanz­ein­rich­tun­gen in öffent­li­cher Hand immer schwer getan, glo­ba­le Märk­te ein­zu­schät­zen. Das „stu­pid Ger­man money“, das in den Jah­ren vor der Finanz­kri­se in aller­lei selt­sa­me US-Finanz­pro­duk­te floss, kam oft über die loka­len Ban­ken aus deut­schen Gemein­den. Und dahin­ter steht nicht böser Wil­le. Es wird ein­fach gar kei­ne Exper­ti­se auf­ge­baut, die ande­ren Zie­len die­nen könn­te als denen, die man so gut kennt.

Bei den öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen dür­fen wir uns also fra­gen: Wel­che Zie­le ver­fol­gen sie und wel­che Art von Kom­pe­tenz bau­en sie dazu auf? Die Ziel­kon­flik­te und Wis­sens­asym­me­tri­en ent­schei­den dar­über, ob glaub­wür­dig und hilf­reich infor­miert wird.

Ein wei­te­res Pro­blem muss aber noch ange­spro­chen wer­den (mei­ne zwei­te Bot­schaft): schlaue jun­ge Leu­te, die die ent­spre­chen­den Aus­bil­dungs- und Stu­di­en­gän­ge absol­viert haben, strö­men nicht unbe­dingt in Behör­den und Ein­rich­ten mit öffent­li­cher Trä­ger­schaft. Und der Staat hat so oft nicht die Mög­lich­kei­ten, High Poten­ti­als zu for­men und zu för­dern. So kommt es, dass eini­gen weni­gen mäßig bezahl­ten Beam­ten und Ange­stell­ten gan­ze Stä­be gut aus­ge­bil­de­ter Juris­ten oder Finanz­wis­sen­schaft­ler gegen­über­ste­hen, die bei Sach­ver­stand und Elo­quenz in einer ande­ren Liga spie­len. Der Brain Drain, der meist zuun­guns­ten der öffent­li­chen Hand ver­läuft, ver­schafft den Ban­ken und Fonds, den Finanz­dienst­leis­tern und Ver­mö­gens­ver­wal­tern das benö­tig­te Per­so­nal. Das kann man schön dar­an able­sen, wann und wie pro­fi­ta­ble Lücken geschlos­sen wer­den. Wie lan­ge hat es noch­mal gedau­ert bis die CumEx-Geschäf­te, bei denen durch krea­ti­ve Divi­den­den­ver­rech­nung Steu­ern gespart wur­den, been­det wur­den. Moment mal – sie wur­den ja gar nicht been­det!

Und so gibt es eini­ge Bei­spie­le für Wett­ren­nen zwi­schen Rol­ler und Rolls Roy­ce – zwi­schen klei­nen Grup­pen in den Behör­den, die mög­lichst nicht zu viel Staub auf­wir­beln sol­len und vie­len hoch­be­zahl­ten Spe­zia­lis­ten.

Wie kön­nen wir als ganz nor­ma­le Finanz­bür­ger uns also über öffent­li­che Stel­len infor­mie­ren las­sen und was soll­ten wir beach­ten? Sor­gen die öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen dafür, dass wir ermäch­tigt und ertüch­tigt wer­den und uns ein eige­nes Urteil bil­den kön­nen? Wei­sen sie auf die Gefah­ren hin, die ein so dyna­mi­scher Raum wie der des Finanz­markts, immer birgt?

 

Die Finanz­in­sti­tu­tio­nen in öffent­li­cher Hand lie­gen in Wirk­lich­keit in ganz ver­schie­de­nen öffent­li­chen Hän­den.

 

Die Finanz­in­sti­tu­tio­nen in öffent­li­cher Hand lie­gen in Wirk­lich­keit in ganz ver­schie­de­nen öffent­li­chen Hän­den. Nicht alle sind sau­ber und nicht alle kön­nen gut jon­glie­ren. Die Auge-Hand-Koor­di­na­ti­on lässt manch­mal zu wün­schen übrig, von der Gehirn-Hand-Koor­di­na­ti­on ganz zu schwei­gen. Sach­ver­stand ist gewiss vor­han­den, wenn­gleich oft sehr viel weni­ger als in den pri­va­ten Insti­tu­tio­nen. Nur wenn wir die Exper­ti­se von ver­schie­de­nen Sei­ten nut­zen, wenn die Stel­lung­nah­men der natio­na­len Regu­lie­rer mit denen der glo­ba­len Inves­tie­rer und Spe­ku­lan­ten zusam­men­ge­le­sen wer­den und dann noch kräf­tig durch die ideo­lo­gie­kri­ti­sche Prü­fung gekämmt wur­de, dann kön­nen wir anfan­gen, Ver­trau­en zu fas­sen. Die Weis­heit der Affen­hor­de gilt aber immer noch: Wer zu früh ver­traut, bleibt dumm, wer zu spät ver­traut, bleibt ein­sam.

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 03.05.2017.

 

 

 

Teil 1: Ver­steht die Wis­sen­schaft eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 2: Ver­ste­hen die Medi­en eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 3: Ver­ste­hen öffent­li­che Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 4: Ver­ste­hen pri­va­te Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanz­markt?

 

 

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Finanz & Eleganz: Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?

Finanz&Eleganz

FFN – Finance Fake News oder:

Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?

 

Berich­te über die Finanz­welt wer­den in den hie­si­gen Medi­en unter drei Buch­sta­ben abge­han­delt: D, A und X. Der Deut­sche Akti­en­in­dex, übri­gens ein Pro­dukt und eine ein­ge­tra­ge­ne Mar­ke der Deut­sche Bör­se AG, reprä­sen­tiert die Akti­en­kur­se der 30 wich­tigs­ten deut­schen Unter­neh­men, die nach bestimm­ten Kri­te­ri­en (Gesamt­wert der Antei­le / Häu­fig­keit und Volu­men des Han­dels mit die­sen Antei­len) aus­ge­wählt wer­den. In der augen­blick­li­chen Zusam­men­set­zung fin­den sich in ihm bei­spiels­wei­se je neun Unter­neh­men aus Nord­rhein-West­fa­len und Bay­ern aber nur eines aus Ham­burg und kei­nes aus den öst­li­chen Bun­des­län­dern – was schlag­ar­tig ein Bild der deut­schen Wirt­schafts­land­schaft lie­fert, aber eben auch nur einen Teil beleuch­tet. So ist das star­ke Wirt­schafts­land Baden-Würt­tem­berg nur mit 3 Unter­neh­men ver­tre­ten, weil hier die mit­tel­stän­di­sche, oft gar nicht bör­sen­no­tier­te Wirt­schaft eine Rol­le spielt.

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Den­noch wird der DAX viel­fach ganz selbst­ver­ständ­lich als Grad­mes­ser der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung und der Ver­hält­nis­se auf dem Finanz­markt gehan­delt. War­um? Weil das so schön ein­fach ist und weil der DAX immer Nach­rich­ten lie­fert. Er macht ja ganz uner­hör­te Din­ge: er „stürzt“ oder „rast“, er „tau­melt“ und „schreckt zurück“ oder er „peilt an“ und „schei­tert“. Das kann er natür­lich alles gar nicht – aber es macht sich gut in den Nach­rich­ten weil Inves­to­ren, Anle­ger oder Akti­en­be­sit­zer mit ihm stür­zen, rasen, tau­meln, zurück­schre­cken, anpei­len und schei­tern. Der Index lie­fert Sto­ries und Sto­ries brau­chen die Medi­en. Was ist dabei das Wesent­li­che? Eine Sto­ry hat eine Hand­lung, beschreibt Ver­än­de­run­gen. Es muss sich etwas tun, damit eine Mel­dung erschei­nen kann. Ohne Ver­än­de­rung kei­ne Tages­zei­tung. Wozu auch?

 

Selbst­ver­ständ­lich wäre es unge­recht, „die“ Medi­en über einen Kamm zu sche­ren: Zei­tungs­ar­ti­kel, Fern­seh­sen­dun­gen, Talk-Shows, Radio-Inter­views, Jour­na­le und Zeit­schrif­ten, Inter­net-Infor­ma­ti­ons­diens­te oder Blogs – tau­send ver­schie­de­ne Ansprü­che und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gi­en… Aber es gilt den­noch: der Nach­rich­ten­wert lebt von der Ver­än­de­rung und zwar am bes­ten von einer, die Men­schen auf sich bezie­hen kön­nen. „Human Inte­rest“ plus neu­es Ereig­nis – ohne die­se Zuta­ten kommt kein Medi­en­ver­tre­ter lan­ge aus. So wur­den die Vor­gän­ge am Finanz­markt oft span­nend und nach­voll­zieh­bar dar­ge­stellt (wenn Jour­na­lis­ten ihr Hand­werk ver­ste­hen). Aber was erklä­ren die Vor­gän­ge über­haupt? Was sehen wir, wenn wir nur Bewe­gun­gen sehen? Zu oft gera­ten dann Struk­tu­ren und Insti­tu­tio­nen aus dem Blick. Dass der DAX steigt oder fällt, das wird erkannt, aber was der DAX genau ist und wie er sich zu ande­ren Indi­ces ver­hält, das bleibt ger­ne im Dun­kel. So ist zum Bei­spiel wich­tig, dass wir beim DAX meist den Per­for­mance-Index, nicht aber den Kurs-Index sehen. Von Bedeu­tung ist das des­halb, weil im Per­for­mance-Index Divi­den­den mit­ge­zählt wer­den, wäh­rend sie beim Kurs-Index unbe­rück­sich­tigt blei­ben. Man kann durch­aus fra­gen, was aus­sa­ge­kräf­ti­ger und/oder mani­pu­la­ti­ons­an­fäl­li­ger ist.

 

In den Mas­sen­me­di­en spie­len sol­che Dif­fe­ren­zie­run­gen oft kei­ne Rol­le. Aber es gibt ja noch ande­re Medi­en, die sich mit Finan­zen beschäf­ti­gen. Was hät­ten wir da?

Zum einen gibt es „Anle­ger­ma­ga­zi­ne“, die über Finanz­pro­duk­te, über Akti­en, Fonds, Anlei­hen, Zer­ti­fi­ka­te berich­ten unter dem Gesichts­punkt „Wie ver­wal­te ich mein Ver­mö­gen?“ Das gibt es in der lang­fris­ti­gen und wert­ori­en­tier­ten Vari­an­te mit durch­dach­ten Stra­te­gi­en, aber auch als schril­le „Mor­gen bis Du Millionär“-Variante. Hier sind die Über­gän­ge flie­ßend zu unsäg­li­chen Mail­ver­sen­dern, die immer tod­si­che­re Tipps haben. Da geht es dann nur noch um „Kurs­ra­ke­ten“, um das „nächs­te Goog­le“ und „Jahr­hun­dert­chan­cen“. Real­sa­ti­re garan­tiert!

Dann gibt es noch die soli­de Rat­ge­ber­li­te­ra­tur, vor­bild­lich ver­kör­pert durch „Finanz­test“, her­aus­ge­ge­ben von der Stif­tung Waren­test und mit 1,3 Mil­lio­nen monat­li­chen Lesern das erfolg­reichs­te deut­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin. Das muss man sich immer vor Augen hal­ten: von allen Finanz- und Wirt­schafts­me­di­en wird ein Blatt am meis­ten gele­sen, das kei­ne Anzei­gen ent­hält, bie­der und genau infor­miert (wenn man sich nicht gera­de mal bei der Ries­ter-Ren­te ver­rech­net) und tat­säch­lich das Wohl der Bür­ger im Blick hat – wenn­gleich es in der Auf­ma­chung oft mehr am Amts­blatt Klein­we­ser ori­en­tiert ist. Garan­tiert unse­xy, völ­lig unspe­ku­la­tiv und kno­chen­tro­cken: ein deut­scher Traum.

 

Mehr Gla­mour bie­ten Wirt­schafts­ma­ga­zi­ne wie „Capi­tal“, „Wirt­schafts­wo­che“, „Mana­ger Maga­zin“, „Impul­se“, „Euro“ und ähn­li­che. Sie ähneln sich dar­in, dass sie Bör­se und Finanz­welt oft als Mit­tel zum Zweck und in ihrer Funk­ti­on für die „Real­wirt­schaft“ sehen. Das ist lobens­wert wenn man von der die­nen­den Funk­ti­on der Finanz­wirt­schaft fest über­zeugt ist, führt aber oft nicht bis zu dem Ein­blick in die Finanz­welt als sol­che. Die „wirk­li­che Wirt­schaft“ ist ja auch so viel inter­es­san­ter – Dreh­ma­schi­ne schlägt Dol­lar Swap. Gibt es etwas medi­al Dar­stell­ba­res jen­seits von „Mensch, soviel Geld!“ oder „Die sol­len sich um Kre­di­te für den Mit­tel­stand küm­mern!“?

Für die Finanz­welt an sich gibt es natür­lich Spe­zi­al­or­ga­ne, für die aber wie­der­um das gilt, was ich schon zu den Wis­sen­schaft­lern gesagt habe: Unver­ständ­li­che Serio­si­tät zu Teil­pro­ble­men von Teil­pro­ble­men. War­um wird nicht ein­mal im Monat in einer seriö­sen Tages­zei­tung ein ver­quas­ter Fach­ar­ti­kel sach­kun­dig refor­mu­liert? So man­che Wel­le wäre frü­her gesurft wor­den, so man­che Kri­se hät­te nicht nur Sprach­lo­sig­keit hin­ter­las­sen.

 

Denn von den Medi­en soll­te doch die wich­ti­ge Ver­mitt­lungs­ar­beit geleis­tet wer­den – wenn das Fach­wis­sen vor­han­den ist und wenn der unab­hän­gi­ge Blick nicht nur auf Events gerich­tet ist. Wür­de öfter ein­mal über ein Ereig­nis ein Pro­blem erklärt, anhand einer Inno­va­ti­on eine Insti­tu­ti­on, dann wäre die demo­kra­ti­sche Auf­ga­be des Jour­na­lis­mus auch im Reich des Gel­des bes­ser erfüllt. Doch das geschieht sel­ten und die digi­ta­len Medi­en machen wenig Hoff­nung auf Bes­se­rung, da sie die Sze­ne ent­we­der in vie­le klei­ne Teil­sze­nen auf­split­tern und für jeden etwas bie­ten oder rei­ne Auf­trags­ar­beit machen.

Dass und wie sich die Medi­en­land­schaft ver­än­dert, trägt eben zur dürf­ti­gen Finanz­dar­stel­lung bei. Damit mei­ne ich gar nicht Tra­gö­di­en wie das Schei­tern der „Finan­ci­al Times Deutsch­land“, einer her­vor­ra­gen­den Zei­tung, die 2000 bis 2012 exis­tier­te und nie pro­fi­ta­bel arbei­te­te. Das klas­si­sche Geschäft der Print­me­di­en ist mitt­ler­wei­le ohne­hin schwie­ri­ger (um gegen Ende freund­lich zu for­mu­lie­ren). Immer öfter ver­dient man sein Geld über Events und Son­der­aus­ga­ben, nicht durch die anzei­gen­ab­ge­si­cher­te Tages­ar­beit. Ein Event­be­richt über fünf Pro­mi­nen­te, von denen ruhig die Hälf­te ex-pro­mi­nent sein darf, nimmt mehr Platz ein als ein soli­der Hin­ter­grund­ar­ti­kel. Es wird dis­ku­tiert statt infor­miert und gewim­mert statt gewich­tet. Die Sen­sa­ti­ons­ge­trie­ben­heit und die Kon­zen­tra­ti­on auf Neu­es erschwert den lan­gen Atem.

 

Wenn Jour­na­lis­ten den Blick für das Wesent­li­che schär­fen, dann kom­men wir aus dem Dau­er­ge­wo­ge von Schein­in­for­ma­tio­nen her­aus. Dann sehen wir Leser, dass die vie­len Wel­len zusam­men ein Meer erge­ben. Die­ses Meer kann man nur mit ver­ge­hen­der Zeit als Gan­zes erken­nen. Dazu ist aber ein ruhi­ger Blick not­wen­dig. Ele­ganz braucht ruhi­ge Gelas­sen­heit.

 

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 27.02.2017.

 

 

Teil 1: Ver­steht die Wis­sen­schaft eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 2: Ver­ste­hen die Medi­en eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 3: Ver­ste­hen öffent­li­che Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 4: Ver­ste­hen pri­va­te Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanz­markt?

Finanz & Eleganz: Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt?

Finanz&Eleganz

Gemäldeausstellungen für Blinde oder:

Versteht die Wissenschaft eigentlich den Finanzmarkt?

Die Zeit der Aus­ken­ner scheint vor­bei zu sein. Wur­den frü­her die Ein­schät­zun­gen von Pro­fes­so­ren und Dok­to­ren, die als „Exper­te für…“ von Fern­seh­sen­dern oder Zei­tun­gen befragt wur­den, ernst genom­men, so wird ihrem Urteil mitt­ler­wei­le mit Skep­sis oder sogar Ableh­nung begeg­net. Und eini­ge poli­ti­sche Bewe­gun­gen schrei­ben sich sogar bewusst den Pro­test gegen die klas­si­schen Wis­sen­s­eli­ten und die „Insi­der“ auf die Fah­nen.
Zu vie­le fal­sche Pro­gno­sen, zu viel offen­sicht­lich von sub­jek­ti­ven Mei­nun­gen gesteu­er­tes Hintergrund“wissen“, zu viel Eitel­keit und Wich­tig­tue­rei haben das Image der Bil­dungs- und Aus­bil­dungs­eli­ten geschä­digt. Aber auch wut­bür­ger­li­cher Stolz auf authen­ti­sche Refle­xi­ons­ver­wei­ge­rung und ehr­li­cher Unver­stand haben viel ver­än­dert. Beson­ders in den Debat­ten, die die Gemü­ter bewe­gen, an denen Herz und Ver­stand glei­cher­ma­ßen betei­ligt sind, nimmt der Anteil der „gesi­cher­ten Erkennt­nis­se“ und der aner­kann­ten Wahr­hei­ten eher ab. An der wich­ti­gen Schnitt­stel­le zwi­schen Fach­dis­kurs und brei­te­rer Öffent­lich­keit macht sich der Spalt­pilz breit, der Ideo­lo­gie­ver­dacht, Auf­trags­for­schung und „Lügen­pres­se“ zusam­men­bringt und selbst­be­wusst bekennt: „Ich glau­be nur an die Sta­tis­tik, die ich selbst gefälscht habe.“

Wie sieht es denn eigent­lich bei den Finan­zen aus? Gibt es denn wenigs­tens hier, wo Serio­si­tät und kon­ser­va­ti­ve Sach­lich­keit als Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten betrach­tet wer­den, noch ech­te Exper­ten, deren Ein­schät­zun­gen man glau­ben kann und die uns einer­seits Wis­sen, aber ande­rer­seits auch Ori­en­tie­rung ver­mit­teln?
Gleich zu Beginn ein­mal mei­ne Mei­nung dazu: ja, es gibt die­se Exper­tin­nen und Exper­ten – aber lei­der nicht da, wo wir sie ver­mu­ten. Und ich brau­che dies­mal meh­re­re Blogs, um das aus­zu­füh­ren.

Der Über­sicht­lich­keit hal­ber hier ein­mal die Berei­che, die ich mir in den nächs­ten Bei­trä­gen anse­hen will:
- Wis­sen­schaft
- Medi­en
- Finanz­in­sti­tu­tio­nen (öffent­lich)
- Finanz­in­sti­tu­tio­nen (pri­vat)

 

Der wissenschaftliche Blick auf den Finanzsektor

Kom­pe­tenz­auf­bau und -aus­bau soll­te an den Hoch­schu­len und For­schungs­ein­rich­tun­gen statt­fin­den. Hier müss­ten wir doch eigent­lich die­je­ni­gen tref­fen, die uns über Akti­en­märk­te, Bör­sen­ge­sche­hen und Kapi­tal­ver­kehr am bes­ten auf­klä­ren. Und tat­säch­lich fin­den wir Lehr­stüh­le für Finanz­wis­sen­schaft und Finanz­ma­the­ma­tik, für Bank- und Kre­dit­wirt­schaft, für Finan­ci­al Manage­ment and Capi­tal Mar­kets, sogar für Entre­pre­neu­ri­al Finan­ce u.ä. Und beim Gespräch mit den Inha­be­rin­nen oder Inha­bern sol­cher Lehr­stüh­le stellt man schnell fest, dass dar­un­ter vie­le ange­neh­me und intel­li­gen­te Men­schen sind.
Aller­dings tau­chen sie in der Öffent­lich­keit kaum oder zu wenig auf – und wenn sie es tun, dann spre­chen sie in unver­ständ­li­cher Spra­che über hoch­abs­trak­te Pro­ble­me. Ger­ne kon­zen­trie­ren sie sich zudem auf ihre Spe­zi­al­fra­gen. Denn eine Vor­aus­set­zung für den Erfolg in der aka­de­mi­schen Welt ist: Spe­zia­li­sie­rung. Das Erfolgs­mo­dell ist die wis­sen­schaft­li­che Ich-AG mit kla­rem Pro­fil und über­schau­ba­rem Pro­dukt­an­ge­bot. Der wis­sen­schaft­li­che Ban­ken­ken­ner also spricht nicht über Risi­ko­ka­pi­tal, der Port­fo­lio-Spe­zia­list hält sich bei der Wäh­rungs­po­li­tik zurück; wer Ven­ture Capi­tal ver­steht, der kapi­tu­liert vor Deri­va­ten.

Im Dritt­mit­tel­wett­be­werb wird die­ser stra­te­gi­sche Autis­mus, dann ger­ne mit Buz­zwor­ds aus­ge­klei­det, die Unver­ständ­lich­keit mit Rele­vanz­be­haup­tun­gen der all­ge­meins­ten Art kom­bi­nie­ren. Die Antrags­pro­sa der Finanz­wis­sen­schaft­ler ist eben – unge­ach­tet man­cher Selbst­dar­stel­lun­gen – auch nicht sub­stanz­hal­ti­ger als die neu­es­te geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Groß­tat, die das „Frem­de im Eige­nen als Grenz­grö­ße expres­sio­nis­ti­scher Dra­men“ oder die Natur­ly­rik islän­di­scher Links­hän­der erkun­det.
Aller­dings müs­sen die haupt­amt­li­chen Finanz­ken­ner noch mit einem zusätz­li­chen Han­di­cap arbei­ten: dem Mathe­ma­tik-Man­tra. Alle sind sie in der Spra­che der Mathe­ma­tik erzo­gen wor­den und die Gren­zen die­ser Spra­che sind die Gren­zen ihrer Welt. Die Finanz­welt, so ihr Cre­do, besteht aus Glei­chungs­sys­te­men, sto­chas­ti­schen Lehr­sät­zen und For­meln, nicht aus Men­schen, Märk­ten oder gar Moral. Mathe­ma­ti­sie­rung führt aber nicht immer zur Sach­lich­keit. So zu tun, als sei die Wirt­schafts­wis­sen­schaft eine Natur­wis­sen­schaft, ver­rät nur, dass man von der Natur der Wirt­schaft kei­ne Ahnung hat.

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

In der Finanz­wirt­schaft geht es not­wen­di­ger­wei­se auch um Algo­rith­men, Sta­tis­tik und Wahr­schein­lich­keits­rech­nung, um Zin­ses­zins und Kos­ten­rech­nung. Aber zu den mathe­ma­ti­schen Gesetz­mä­ßig­kei­ten kommt das wei­te Feld mensch­li­cher Schön­heit und Wirr­heit, der irra­tio­na­le Über­schwang eben. Die­ser hat ver­hin­dert, dass die mathe­ma­tisch ori­en­tier­ten Finanz­wis­sen­schaft­ler über die gro­ßen Auf- und Abschwün­ge sowie über die Finanz­kri­sen etwas Ande­res sagen konn­ten als „Oh!“
Robert Shil­ler hat auf die Selbst­über­schät­zung mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­ter Finanz­ex­per­ten immer wie­der hin­ge­wie­sen und er hat mit Keynes und Schum­pe­ter star­ke Unter­stüt­zer.

Wis­sen­schaft­li­che Aus­sa­gen über Finanz­märk­te sind mög­lich – über ihre his­to­ri­sche Ent­wick­lung (Finanz­ge­schich­te), über die Bere­chen­bar­keit ein­zel­ner Men­gen und Fak­to­ren (Finanz­ma­the­ma­tik), über die Dyna­mik zwi­schen den Akteu­ren (Finanz­so­zio­lo­gie), über Model­le zum bes­se­ren Ver­ständ­nis (Finanz­theo­rie) und so wei­ter und sofort – aber nur bei einer Ver­ei­ni­gung die­ser ver­schie­de­nen Wis­sens­be­rei­che, bei einem Zusam­men­den­ken über Kon­ti­nen­te und Mee­re der Finanz­welt hin­weg, kön­nen wir etwas ver­ste­hen und kön­nen auf der Grund­la­ge die­ses Ver­ständ­nis­ses ver­ständ­li­che Aus­sa­gen ent­wi­ckeln, die auch für den inter­es­sier­ten Lai­en Bedeu­tung haben. Die aktu­el­le Form der Wis­sen­schaft macht es jeden­falls unwahr­schein­lich, dass wir in den Uni­ver­si­tä­ten auf die rich­ti­gen Gesprächs­part­ner tref­fen. Und das hat Fol­gen für die Gesamt­ge­sell­schaft.
Eine aktu­el­le Umfra­ge unter je 1000 Teil­neh­mern aus Öster­reich, Bel­gi­en, Frank­reich, Deutsch­land, Ita­li­en, den Nie­der­lan­den, Por­tu­gal, Spa­ni­en, der Schweiz und dem Ver­ei­nig­ten König­reich über die Finanz­kom­pe­tenz der Durch­schnitts­bür­ger hat­te zum Ergeb­nis, dass im Gesamt­ran­king die Deut­schen zwar auf Platz 2 lan­de­ten (die Fran­zo­sen – mon Dieu – auf dem letz­ten Platz), aber den­noch waren die Ergeb­nis­se ernüch­ternd. Die Pro­ble­ma­tik der Risi­ko­streu­ung („Nie­mals alle Eier in einen Korb legen!“) war nicht prä­sent, die wesent­li­chen Finanz­pro­duk­te bes­ten­falls sche­men­haft erkannt. Die Lei­te­rin die­ser Stu­die (“When will the Pen­ny Drop: Money, finan­ci­al liter­acy and risk in the digi­tal age”), Prof. Anna­ma­ria Lusar­di, Pro­fes­so­rin an der Geor­ge Washing­ton Uni­ver­si­tät, plä­diert dafür, Finanz­wis­sen in der Schu­le zu leh­ren und jun­gen Men­schen die Aus­wir­kun­gen ihrer Ent­schei­dun­gen auf das all­täg­li­che Leben zu ver­deut­li­chen. Denn gera­de die­je­ni­gen, die jün­ger als 35 Jah­re sind, haben beson­ders gerin­ge Finanz­kennt­nis­se.

Nur wenn der Wis­sens­trans­fer von den Hoch­schu­len zu den zukünf­ti­gen Leh­rern funk­tio­niert, gibt es hier aber Chan­cen. Und nur wenn Finanz­wis­sen in ver­ständ­li­cher (und womög­lich ele­gan­ter) Form für alle ver­füg­bar ist, dann kann auch kri­tisch dar­über dis­ku­tiert wer­den. Hier kom­men nun die Medi­en ins Spiel und wir wol­len beim nächs­ten Mal anse­hen, ob Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, Fern­seh- und Radio­sen­der sowie Inter­net­ka­nä­le und Soci­al Media ihrer Ver­ant­wor­tung gerecht wer­den. Gibt es Finanz­ex­per­ten in den Medi­en – die ihren Stoff ken­nen und ver­ständ­lich dar­stel­len?
Wir wer­den sehen…

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 10.02.2017.

 

Teil 1: Ver­steht die Wis­sen­schaft eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 2: Ver­ste­hen die Medi­en eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 3: Ver­ste­hen öffent­li­che Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanz­markt?

Teil 4: Ver­ste­hen pri­va­te Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanz­markt?

 

Finanzmarkfilme für den Winter (Teil 2) – von Bernd Villhauer

Finanz & Ele­ganz: Die Kolum­ne von Bernd Vill­hau­er im agora42-Blog.

Finanz&Eleganz

 

Wann kommt endlich das Sequel? oder Finanzmarkfilme für den Winter (Teil 2)

 

Oft müs­sen wir lan­ge auf eine Fort­set­zung war­ten. Eini­ge von uns dürf­ten bedau­ert haben, dass der letz­te, der fünf­te Teil von „Die Hard“ mit Bruce Wil­lis sechs Jah­re nach dem vori­gen Teil erschien. Cine­as­ten beka­men ihre Fort­set­zung von „Chi­na­town“ erst nach 16 Jah­ren mit „The Two Jakes“, eben­so lan­ge ließ der drit­te Teil des Mafia-Epos „Der Pate“ auf sich war­ten. Und für unser The­ma ein­schlä­gig: es lagen 23 Jah­re zwi­schen „Wall Street“ und „Wall Street 2“ (bzw. „Wall Street: Money never sleeps“).

Mit die­sem Fit­zel­chen nicht wirk­li­cher rele­van­ter Infor­ma­tio­nen begin­ne ich den eben­falls lang erwar­te­ten und viel­fach ein­ge­for­der­ten zwei­ten Teil mei­nes klei­nen Über­blicks zu den Fil­men über Akti­en­markt und Bör­se.

 

Wie beim letz­ten Mal ange­kün­digt, star­te ich mit einem mei­ner aus­ge­spro­che­nen Lieb­lings­strei­fen: „Mar­gin Call“ von 2011. In Deutsch­land wur­de der Film von Regis­seur und Dreh­buch­au­tor J.C. Chan­dor als „Der gro­ße Crash“ prä­sen­tiert. Bekann­te Namen erleich­ter­ten die Ver­mark­tung: Demi Moo­re, Kevin Spacey, Jere­my Irons … Hier wur­den auch Neben­rol­len sehr gut besetzt; man erwar­tet eigent­lich, Har­vey Kei­tel als Büro­bo­ten um die Ecke kom­men zu sehen. War­um ist der Film so beein­dru­ckend? „Mar­gin Call“ gelingt mit sei­nen Cha­rak­te­ren das Kunst­stück, in einer ganz über­schau­ba­ren räum­li­chen Situa­ti­on (die Film­kri­tik schreibt dann von einem „Kam­mer­spiel“) die unge­heu­re Dyna­mik der Finanz­kri­se in Bil­der zu brin­gen. Es sind ruhi­ge Auf­nah­men von Leu­ten vor Bild­schir­men, in Kon­fe­renz­räu­men und auf Dach­ter­ras­sen – gemein­sam ist ihnen die Rat­lo­sig­keit und der Ver­such, Sinn in etwas zu brin­gen, das ihnen eigent­lich sinn­los erscheint. Einer der Prot­ago­nis­ten war Archi­tekt gewe­sen und kann genau sagen, wie vie­len Men­schen eine von ihm gebau­te Brü­cke Zeit gespart hat. Ein­mal hat er etwas Dau­er­haf­tes in die Welt gestellt, nun ver­kauft er Finanz­pro­duk­te. Die groß­ar­ti­gen Dia­lo­ge, die atmo­sphä­risch dich­te Beschrei­bung der Welt der Wert­pa­pier­händ­ler, die klei­nen Manie­riert­hei­ten und die gro­ßen Ängs­te – wir sehen ein Bil­der­t­a­bleau vom Men­schen, der in den Stür­men der Finanz­tu­mul­te nicht über Bord gehen will. Am Ende wird ein toter Hund beer­digt.

 

Wie ein toter Hund schaut auch Gor­don Gek­ko als er in „Money never sleeps“ (2010) aus dem Gefäng­nis ent­las­sen wird. Er bekommt sei­ne Klei­dung und sei­ne sons­ti­ge Habe zum Abschied aus­ge­hän­digt, dar­un­ter ein Mobil­te­le­fon aus den 80ern, groß wie eine Han­tel. Aber der Unzeit­ge­mä­ße arbei­tet sich nach vor­ne, zunächst mit Vor­trä­gen über Gier und Geld. Ein Täter reflek­tiert die Tat und ver­dient ganz gut damit. Es ent­wi­ckelt sich eine Hand­lung, bei der es immer mehr um das Erbe geht. Was hin­ter­las­sen wir? Wie nach­hal­tig und ver­läss­lich ist unser Werk? Der Film fragt nicht nur nach der Kri­se, son­dern nach Gefüh­len in und nach der Kri­se. Wir leben im Bewusst­sein, dass schon alles zusam­men­ge­bro­chen ist – mehr­mals. Gibt es Ver­trau­en in der Welt der Finan­zen – Ver­trau­en in die Zukunft womög­lich. Am Ende hat Micha­el Dou­glas alle platt gespielt, Gor­don Gek­ko ist wie­der reich, aber die Zukunft gehört doch den Erneu­er­ba­ren und den New Yor­ker Frau­en, die noch selbst backen.

 

Sol­che Frau­en kom­men in einem ein­schlä­gi­gen Film von Jodie Fos­ter nicht vor. Die schnel­le, grel­le Welt von „Money Mons­ter“ (2016) zeigt einen Geor­ge Cloo­ney als Bör­sen-TV-Star Lee Gates. Die­ser insze­niert den Markt als Show und Show­down, dabei feu­ert er regel­mä­ßig Kauf- und Ver­kaufs­emp­feh­lun­gen auf die Zuschau­er ab. Eines Tages kommt ein jun­ger Mann mit Bom­be ins Fern­seh­stu­dio, der alles auf eine die­ser Emp­feh­lun­gen gesetzt hat­te. Obwohl mit viel media­lem und met­me­dia­lem Auf­wand alle Sym­bo­li­ken der Bör­se bemüht wer­den, geht es dann im Grund nur um ein ganz kon­ven­tio­nel­les Betrugs­ma­nö­ver. Herr­lich anzu­se­hen die Sze­ne, wie der Mode­ra­tor sein Publi­kum auf­for­dert, eine bestimm­te Aktie zu kau­fen damit der Kurs steigt und der jun­ge Mann nicht die Ner­ven ver­liert. „Was ist ein Leben wert?“ ruft er in die Kame­ra, „Was ist Ihnen mein Leben wert?“. Die Ant­wort kommt schnell: der Kurs zieht ein wenig an, um dann ganz abzu­sa­cken. Letz­ten Endes haben die Bör­sen­kom­men­ta­to­ren und Mark­be­ob­ach­ter genau­so wenig Macht wie die Leu­te, die mit Omas Erbe auf die fal­sche Aktie set­zen. Die Hohl­heit und Hilf­lo­sig­keit der „Exper­ten“ wird wun­der­bar gezeigt. Sie deu­ten die Zei­chen und dabei kön­nen sie genau­so falsch lie­gen wie anti­ke Seher bei der Ein­ge­wei­de­schau.

 

Aber wer weiß denn eigent­lich wirk­lich etwas über die Bör­se? Wo ist ech­tes Exper­ten­wis­sen zu fin­den? Dass die Her­ren, die im Fern­se­hen wis­sen, was der Markt in den nächs­ten Tagen tun wird, Unsinn reden — das ist jedem gleich klar. Und dass Poli­ti­ker über die Finanz­märk­te so kom­pe­tent reden wie über den Aste­ro­iden­gür­tel zwi­schen Mars und Jupi­ter, das geht einem auch schnell auf. Aber irgend­wo muss es doch Kom­pe­tenz geben. Viel­leicht bei den Finanz­wis­sen­schaft­lern und Finanz­ma­the­ma­ti­kern? Bei den uni­ver­si­tä­ren Markt­be­ob­ach­tern, die die Finanz­kri­se auch nicht kom­men sahen? Wer vom Glau­ben an Exper­ten geheilt wer­den möch­te, der beschäf­ti­ge sich ein­mal mit der Geschich­te von Long-Term Capi­tal Manage­ment (LTCM), einem Fonds, der in den 90ern unter Mit­wir­kung von meh­re­ren Nobel­preis­trä­gern so pro­fes­sio­nell wirt­schaf­te­te, dass er am Ende mit mehr als einer Bil­li­on (!) Dol­lar in den Mie­sen stand.

 

Wer weiß etwas bzw. wie kann man sich ver­läss­li­ches Wis­sen aneig­nen? Die­se bör­sen­er­kennt­nis­theo­re­ti­sche Fra­ge steht im Grund im Mit­tel­punkt von “The Big Short“ aus dem Jah­re 2015 Wie kann man zunächst ein­mal das wich­ti­ge Wis­sen vom unwich­ti­gen unter­schei­den, einen sinn­vol­len Rah­men des Finanz­ver­ständ­nis­ses schaf­fen und sich dann von der Her­de los­ma­chen und sei­ne eige­nen Inter­pre­ta­tio­nen fin­den? Als Film nicht so rich­tig gelun­gen, aber als Such­be­we­gung nach dem Mee­res­bo­den unter den Wel­len ein Genuss. Jede Men­ge Stars und Cele­bri­ties wür­zen den finanz­theo­re­ti­schen Exkurs, der immer wie­der die Fra­gen stellt: Was kann ich glau­ben? Wer will wis­sen, wer will nur Geld ver­die­nen? Die Ver­fil­mung eines sper­ri­gen Best­sel­lers übri­gens.

 

Damit wären wir beim letz­ten und schwächs­ten Film des heu­ti­gen Blogs. „The Wolf of Wall Street“ for­dert viel Geduld und einen star­ken Magen. Mar­tin Scor­se­ses Fil­me wech­seln immer schön ab zwi­schen „anstren­gend, aber wich­tig“ und „Behalt das doch für Dich!“ Der Bör­sen­film von 2013 über den Finanz­be­trü­ger Jor­dan Bel­fort gehört eher zur zwei­ten Kate­go­rie. Wenn Scor­se­se einen Gangs­ter-Film macht, dann zeigt er ziem­lich genüss­lich und kom­pe­tent Gewalt und Nie­der­gang. Von der Bör­se ver­steht er aber wohl nicht so rich­tig viel, wes­we­gen zwar die Pro­sti­tu­ier­ten und die Dro­gen lie­be­voll aus­ge­brei­tet wer­den, die Stra­te­gi­en der Mit­tel­be­schaf­fung für sol­che Frei­zeit­ver­gnü­gun­gen aber weni­ger. Es knallt, spritzt, schreit und leuch­tet die gan­ze Zeit und irgend­wann will man nichts mehr sehen.

Und das ist eben mei­len­weit ent­fernt sowohl von Finanz als auch von Ele­ganz.

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 25. Novem­ber 2016.

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In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.