Alle wollen nur Dein Bestes oder: Verstehen private Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

Alle wollen nur Dein Bestes oder:

Verstehen private Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

von Bernd Villhauer

Zum Abschluss der Blog-Serie zum Thema „Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt?“ will ich einen Blick auf die nicht-staatlichen Einrichtungen werfen. Mit diesen, beispielsweise den Banken, Versicherungsgesellschaften, Finanzberatern oder Fondsgesellschaften haben wir ja als Konsumenten und Geldbenutzer am häufigsten zu tun – und sind auch am meisten auf sie angewiesen.

 

I need a hero“ – so tön­te Bon­nie Tyler vor mehr als 30 Jah­ren und trug damit zum Sound­track der neo­kon­ser­va­ti­ven Lea­dership-Debat­te der 80er-Jah­re bei. Aber die Yup­pie-Kul­tur, die sei­ner­zeit mit Föhn­fri­su­ren, Schul­ter­pols­tern und teu­ren Snea­kers einen neu­en stol­zen Kapi­ta­lis­mus prä­sen­tier­te, stand einer­seits zwar für noble Ges­ten, ande­rer­seits aber für den unzwei­deu­ti­gen Fokus aufs Geld­ver­die­nen: „The busi­ness of busi­ness is even bet­ter business“.

Der hel­den­haf­te Erwerbs­sinn ist ein biss­chen aus der Mode gekom­men. Zum einen wünscht sich die Mehr­heit heu­te immer mehr mora­lisch ver­tret­ba­re Stra­te­gi­en der Ren­di­te­stei­ge­rung, zum ande­ren sind die Befürch­tun­gen nicht ganz unbe­rech­tigt, dass ein Sys­tem, in dem jeder nur so schnell wie mög­lich sei­nen Schnitt machen möch­te, struk­tu­rel­le Ris­se bekommt.

Viel­leicht müs­sen es ja aber gar nicht unbe­dingt Hel­den sein; wir könn­ten auch kom­pe­ten­te Bera­ter und ver­läss­li­che Dienst­leis­ter gebrau­chen. Mit Con­an, dem Bar­ba­ren spre­chen wir weni­ger ger­ne über unse­re Alters­ver­sor­gung als mit Kon­rad, dem Spar­kas­sen­lei­ter. Jeden­falls benö­ti­gen wir das rich­ti­ge Wis­sen und Wol­len. Danach wol­len wir also bei den pri­vat­wirt­schaft­li­chen Finanz­ak­teu­ren jetzt ein­mal fra­gen: wel­che Kom­pe­ten­zen bau­en sie auf und wel­che Inter­es­sen ver­fol­gen sie?

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Es ver­steht sich, dass bei Ban­ken und ande­ren Finanz­markt­ak­teu­ren unge­heu­re Kennt­nis­se über alle Markt- und Preis­ent­wick­lun­gen zusam­men­lau­fen. Wes­sen Über­le­ben von der rich­ti­gen Ein­schät­zung der Situa­ti­on abhängt, der wird sich bemü­hen, mög­lichst viel über sie zu erfah­ren. Und meist haben die­se Akteu­re die tech­ni­schen und finan­zi­el­len Mit­tel um sich best­mög­lich zu infor­mie­ren. Das ist ja bei­spiels­wei­se das Geschäfts­mo­dell von Bloom­berg. 1981 gegrün­det, um den Infor­ma­ti­ons­be­darf von Invest­ment­ban­ken zu stil­len (das Bloom­berg Ter­mi­nal, ein Daten­mo­ni­tor, der über die Akti­en­markt­ent­wick­lung infor­miert, gehört heu­te noch zur Stan­dard­aus­stat­tung), hat sich das Unter­neh­men zu einem der größ­ten Medi­en­kon­glo­me­ra­te der Welt ent­wi­ckelt. Infor­ma­ti­on ist ein unver­zicht­ba­rer Grund­stoff für die Finanz­in­dus­trie. Jeder pri­vat­wirt­schaft­li­che Finanz­ak­teu­er muss also Markt­in­for­ma­tio­nen anhäu­fen. Aber ist das schon Wis­sen im Sin­ne von Ein­schät­zungs­ver­mö­gen und Bil­dung, im Sin­ne eines pro­fun­den Sich-Aus­ken­nens auch über die Rah­men­be­din­gun­gen des Mark­tes, die poli­ti­schen, juris­ti­schen, aber auch psy­cho­lo­gi­schen Gesetz­mä­ßig­kei­ten? Man kann das ange­sichts kata­stro­pha­ler Fehl­ent­schei­dun­gen von Geld­häu­sern mit rie­si­gen Rese­arch-Abtei­lun­gen bezwei­feln. Oft wun­dern wir uns, wie dumm die Schlau­en agie­ren. Das wäre also ein ers­ter wich­ti­ger Punkt: aktu­el­le Infor­ma­tio­nen sind manch­mal gar nicht so wich­tig bzw. sie benö­ti­gen Ein­ord­nung und die rich­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on. Aber wir soll­ten auch im Blick behal­ten, dass wir hier von einem unge­heu­er kom­ple­xen Gesche­hen spre­chen – Mil­li­ar­den von Tat­sa­chen, unüber­seh­bar vie­le Fak­to­ren, hohe Geschwin­dig­kei­ten … Der Finanz­markt ist kein Ponyhof.

Ein Phä­no­men trägt dazu bei, dass wir die Erkennt­nis­se der pri­va­ten Akteu­re wahr- und ernst­neh­men soll­ten: das Ler­nen wider Wil­len. Die Men­schen, deren Gehalt davon abhängt, ob sich ihre Insti­tu­tio­nen über Was­ser hal­ten kön­nen, müs­sen in alle Rich­tun­gen schau­en und sie müs­sen alle dunk­len Ecken aus­leuch­ten. Dass gro­ße insti­tu­tio­nel­le Anle­ger lang­sam aber sicher begin­nen, von der Koh­len­stoff­wirt­schaft Abschied zu neh­men, das hängt mit ihrer Ver­netzt­heit und ihrer infor­mier­ten Pro­gno­se­fä­hig­keit zusam­men, nicht unbe­dingt davon, dass ihnen die Blu­men leid tun. Das Ler­nen wider Wil­len – es ist in der Pri­vat­wirt­schaft manch­mal ver­brei­te­ter als im öffent­li­chen Raum oder in der Wis­sen­schaft. Ein Pro­fes­sor der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten wird wei­ter bezahlt, auch wenn er ver­al­te­te The­sen über Markt­gleich­ge­wich­te, die Wir­kun­gen der Geld­il­lu­si­on oder den homo oeco­no­mi­c­us wie­der­käut. Wirt­schafts­po­li­ti­ker wer­den nicht abge­setzt wenn sie die Ent­wick­lung des Gold­prei­ses nicht ken­nen, den Schul­den­stand falsch ange­ben oder behaup­ten, man kön­ne Miet­prei­se per Gesetz fest­le­gen. Aber in der Pri­vat­wirt­schaft schla­gen Fehl­ein­schät­zun­gen unbarm­her­zig auf den Ein­schät­zer zurück. Klug­heit ist hier erwünscht, Kom­pe­tenz kein Stand­ort­nach­teil. Die Fra­ge ist noch, wie uns das als Bür­ger und Kon­su­men­ten nützt. Ich will ein Bei­spiel geben …

(Ach­tung! Im fol­gen­den wird ein US-ame­ri­ka­ni­sches Unter­neh­men der Finanz­bran­che zurück­hal­tend posi­tiv beschrie­ben. Das könn­te bei eini­gen Lese­rin­nen und Lesern Gefüh­le ver­letz­ten. Bit­te sprin­gen Sie in die­sem Fall gleich zum letz­ten Absatz.)

Drei­mal Lob für die Fonds­ge­sell­schaft Vanguard:

  1. John Bog­le, der Grün­der von Van­guard, erfand den Index­fonds, der nicht in ein­zel­ne Akti­en inves­tiert, son­dern einen gan­zen Index (wie den Dax) repro­du­ziert. Als ETF ist die­ses Pro­dukt zum gro­ßen Gewin­ner der letz­ten Jah­re gewor­den, auch weil die Kos­ten für den Anle­ger viel nied­ri­ger sind – und es nach­weis­lich nur in den sel­tens­ten Fäl­len mög­lichst ist, den Markt zu schla­gen und über dem Index zu „per­for­men“. Nun kann man natür­lich auch Kri­ti­sches über die­se Anla­ge­pro­duk­te sagen, aber hal­ten wir ein­fach mal fest: Markt­kennt­nis­se wur­den von einem Markt­ak­teur genutzt, um ein­fa­cher Leu­te Geld zu spa­ren, für Trans­pa­renz zu sor­gen (und selbst gut zu verdienen).
  2. Im Sep­tem­ber 2016 publi­zier­te Van­guard eine viel­be­ach­te­te Stu­die, die zu dem unan­ge­neh­men Ergeb­nis kommt, dass Pri­vat­an­le­ger durch­schnitt­lich von der lang­jäh­rig durch Akti­en­an­la­gen rea­li­sier­ba­ren Markt­ren­di­te von acht bis neun Pro­zent im Jahr vor Kos­ten durch schäd­li­che Akti­vi­tä­ten (wie Umschich­tun­gen) cir­ca drei Pro­zent­punk­te pro Jahr ver­spie­len. Sie arbei­ten also gegen sich selbst. Die Stu­die ist nicht nur hilf­reich, um sich selbst klar zu machen, dass oft weni­ger mehr ist („Hin und her macht Taschen leer“), sie zeigt auch auf dich­ter und tie­fer Infor­ma­ti­ons­grund­la­ge, war­um die ruhi­ge Hand von kom­pe­ten­ten Bera­tern hel­fen kann.
  3. Van­guard ist genos­sen­schaft­lich orga­ni­siert, selbst nicht an der Bör­se notiert und betreibt sei­ne Fonds­ent­wick­lung in Eigen­re­gie. Auch das ist ein klei­nes, aber fei­nes Detail, das Geld spart. Oft geben die Fonds­ge­sell­schaf­ten näm­lich die­se Geschäf­te nach außen und zah­len dann (bezie­hungs­wei­se las­sen die Kun­den bezah­len) für den Ser­vice. Hier kom­men also Markt­kenn­nis­se und Kun­den­ori­en­tie­rung zusammen.

War­um die­se Wer­be­ein­blen­dung für eine Fir­ma, die von sich sagt „We are not Wall Street, we ser­ve Main Street“ – und den­noch zu den ganz Gro­ßen gehört? Weil Van­guard eine gutes Bei­spiel dafür ist, dass in die­sem Markt für und gegen die Kun­den (die Umwelt, die Moral …) gelernt wer­den kann. Es zeich­net die pri­va­ten Akteu­re aus, dass sie fle­xi­bel sein kön­nen. Beob­ach­ten wir doch, ob sie auch geis­tig fle­xi­bel oder nur steu­er­lich fle­xi­bel sind. Wenn wir ver­ste­hen, war­um Lern­pro­zes­se ablau­fen und wel­che Art Kom­pe­tenz damit auf­ge­baut wer­den soll, dann kön­nen wir auch ent­schei­den, ob uns die gan­ze Schlau­heit und Infor­miert­heit etwas nützt – oder ob wir sie nicht mit einem Quent­chen alt­mo­di­scher Weis­heit und Mensch­lich­keit ver­set­zen wol­len. Und das erfor­dert noch nicht mal Heldenmut.

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 27.07.2017

 

 

 

Teil 1: Ver­steht die Wis­sen­schaft eigent­lich den Finanzmarkt?

Teil 2: Ver­ste­hen die Medi­en eigent­lich den Finanzmarkt?

Teil 3: Ver­ste­hen öffent­li­che Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanzmarkt?

Teil 4: Ver­ste­hen pri­va­te Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanzmarkt?

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Finanz & Eleganz: Verstehen öffentliche Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

Finanz&Eleganz

Gemeinwohl und Staatsfilz oder:

Verstehen öffentliche Finanzinstitutionen eigentlich den Finanzmarkt?

von Bernd Villhauer

 

Die Finanz­markt­ak­teu­re, die nicht in pri­va­ter Hand sind, stel­len einen wesent­li­chen Fak­tor im Finanz­we­sen dar. Und genau die­se sol­len heu­te im Mit­tel­punkt ste­hen, in der drit­ten Fol­ge der Blog-Serie zum The­ma „Wer ver­steht eigent­lich noch den Finanz­markt?“ Die Wis­sen­schaft und die Pres­se haben wir schon ange­se­hen – und nun wol­len wir jene Finanz­in­sti­tu­tio­nen wür­di­gen, die wir alle über Steu­er­gel­der mitfinanzieren.

 

Men­schen wol­len ver­trau­en. So sind sie nun mal, die Huma­no­i­den – ihr Zusam­men­le­ben ist nur mög­lich, wenn sie ein Min­dest­maß an gegen­sei­ti­gem Ver­trau­en auf­brin­gen. Das hat sich evo­lu­tio­när bewährt. Ein bekann­tes Bon­mot teilt uns mit, dass der Affe, der den Ast ver­fehlt hat, nicht zu unse­ren Vor­fah­ren gehört. Aber auch der Affe, der die Koope­ra­ti­on ver­wei­ger­te, dürf­te wenig Nach­kom­men gehabt haben. Wenn er (oder sie) weder Ver­trau­en stif­ten noch sol­ches ent­ge­gen­brin­gen konn­te, dann war das eine kläg­li­che Exis­tenz, in der Spra­che von Tho­mas Hob­bes: „soli­ta­ry, poor, nas­ty, bru­tish, and short.“

Aus den Ver­samm­lungs­plät­zen der Affen­hor­de unter zen­tral­afri­ka­ni­schen Bäu­men sind die Bör­sen­par­ketts gewor­den – und auch hier gilt: ohne Ver­trau­en kein Zah­lungs­mit­tel, kei­ne Trans­ak­ti­on, kein Wert­spei­cher, kei­ne Asset-Ver­wal­tung. Beson­ders wich­tig ist dies bei den öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen, die mit Fra­gen des Finanz­mark­tes befasst sind. Wenn wir den Infor­ma­tio­nen, die von sol­chen Ein­rich­tun­gen aus­ge­hen, nicht mehr trau­en kön­nen – wem dann?

 

affe

Aus den Ver­samm­lungs­plät­zen der Affen­hor­de unter zen­tral­afri­ka­ni­schen Bäu­men sind die Bör­sen­par­ketts geworden.”

 

Aber begin­nen wir mit der Fra­ge: Was sind eigent­lich Finanz­in­sti­tu­tio­nen in öffent­li­cher Hand?

Grund­sätz­lich kann unter­schie­den wer­den zwi­schen den Insti­tu­tio­nen, die im Markt agie­ren und Finanz­dienst­leis­tun­gen zu Markt­be­din­gun­gen anbie­ten (wie För­der­ban­ken) und denen, die den Markt gestal­ten, indem sie z.B. Prü­fungs- und Kon­troll­funk­tio­nen wahr­neh­men (wie Finanz­auf­sichts­be­hör­den) oder die Markt­grund­la­gen defi­nie­ren (wie Finanzministerien).

Die­se Grob­un­ter­schei­dung lässt sich dann noch mit räum­li­chen Grö­ßen­ord­nun­gen ergän­zen: glo­bal (Welt­bank; Inter­na­tio­na­ler Wäh­rungs­fonds), euro­pä­isch (Euro­päi­sche Zen­tral­bank; Euro­päi­sche Inves­ti­ti­ons­bank), natio­nal (Ban­ken in öffent­li­cher Hand; Auf­sichts­be­hör­den) oder regio­nal (Lan­des-, Stadt- oder Gemeindeeinrichtungen).

Aus ihrer Rol­le im Markt oder ihrem Ver­hält­nis zum Markt erge­ben sich einer­seits die spe­zi­fi­schen Kom­pe­ten­zen, aber auch die beson­de­ren Inter­es­sen. Was wol­len die Herr­schaf­ten hin­ter den Kulis­sen eigent­lich? Je nach­dem, wie die Rol­le im finanz­öko­no­mi­schen Pro­zess aus­sieht, wer­den sie über bestimm­te Kennt­nis­se und / oder Ein­fluss­mög­lich­kei­ten verfügen.

Die Welt­bank bei­spiels­wei­se hat einen gro­ßen und mäch­ti­gen Anteils­eig­ner, die USA, der vie­le Jah­re dafür sorg­te, dass die ord­nungs­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen aus Washing­ton umge­setzt wur­den. Bei den Ame­ri­ka­nern liegt auch der größ­te Stimm­rechts­an­teil, näm­lich augen­blick­lich 15,85 %. Im Jah­re 2016 kri­ti­sier­ten zahl­rei­che Mit­ar­bei­ter der Welt­bank, dass die Füh­rungs­pos­ten nicht nach Kom­pe­tenz besetzt wur­den, son­dern nach Pro­porz – Haupt­sa­che wei­ße Ame­ri­ka­ner geben den Ton an. Aber das ist kein exklu­si­ves Pro­blem inter­na­tio­na­ler Orga­ni­sa­tio­nen: wie vie­le ört­li­che Spar­kas­sen wur­den schon in Gefahr gebracht weil für Orts­bür­ger­meis­ter Kuno, den ver­dien­ten Par­tei­sol­da­ten, noch ein Pöst­chen gefun­den wer­den musste?

Öffent­lich“ ist also nicht gleich „öffent­lich“ – und bei jeder Ein­rich­tung lohnt ein Blick auf die Macht­ver­hält­nis­se, die die öko­no­mi­schen Exper­ten zum Tan­zen (oder zum Schwei­gen) brin­gen. Denn der Sach­ver­stand, die Exper­ti­se steht eben nicht im luft­lee­ren Raum, son­dern folgt poli­ti­schen Zwängen.

 

Sehen Sie sich genau an, wer die Ein­rich­tung trägt, finan­ziert und besetzt – dann wer­den die Exper­ten­pa­pie­re und Stel­lung­nah­men schon verständlicher.

 

Das wäre die ers­te Bot­schaft, die ich vor dem nächs­ten Schluck Tee ger­ne unter­brin­gen wür­de: Sehen Sie sich genau an, wer die Ein­rich­tung trägt, finan­ziert und besetzt – dann wer­den die Exper­ten­pa­pie­re und Stel­lung­nah­men schon verständlicher.

villhauer

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Gese­hen und ver­stan­den wird nur, was den eige­nen Zie­len dient und im eige­nen insti­tu­tio­nel­len Hori­zont sinn­voll ist. So wie die Welt­bank von den gro­ßen Indus­trie­län­dern domi­niert ist – und eine Poli­tik betreibt, die Ent­wick­lungs- und Schwel­len­län­dern mehr­fach schlecht bekam, so haben sich die loka­len Finanz­ein­rich­tun­gen in öffent­li­cher Hand immer schwer getan, glo­ba­le Märk­te ein­zu­schät­zen. Das „stu­pid Ger­man money“, das in den Jah­ren vor der Finanz­kri­se in aller­lei selt­sa­me US-Finanz­pro­duk­te floss, kam oft über die loka­len Ban­ken aus deut­schen Gemein­den. Und dahin­ter steht nicht böser Wil­le. Es wird ein­fach gar kei­ne Exper­ti­se auf­ge­baut, die ande­ren Zie­len die­nen könn­te als denen, die man so gut kennt.

Bei den öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen dür­fen wir uns also fra­gen: Wel­che Zie­le ver­fol­gen sie und wel­che Art von Kom­pe­tenz bau­en sie dazu auf? Die Ziel­kon­flik­te und Wis­sens­asym­me­tri­en ent­schei­den dar­über, ob glaub­wür­dig und hilf­reich infor­miert wird.

Ein wei­te­res Pro­blem muss aber noch ange­spro­chen wer­den (mei­ne zwei­te Bot­schaft): schlaue jun­ge Leu­te, die die ent­spre­chen­den Aus­bil­dungs- und Stu­di­en­gän­ge absol­viert haben, strö­men nicht unbe­dingt in Behör­den und Ein­rich­ten mit öffent­li­cher Trä­ger­schaft. Und der Staat hat so oft nicht die Mög­lich­kei­ten, High Poten­ti­als zu for­men und zu för­dern. So kommt es, dass eini­gen weni­gen mäßig bezahl­ten Beam­ten und Ange­stell­ten gan­ze Stä­be gut aus­ge­bil­de­ter Juris­ten oder Finanz­wis­sen­schaft­ler gegen­über­ste­hen, die bei Sach­ver­stand und Elo­quenz in einer ande­ren Liga spie­len. Der Brain Drain, der meist zuun­guns­ten der öffent­li­chen Hand ver­läuft, ver­schafft den Ban­ken und Fonds, den Finanz­dienst­leis­tern und Ver­mö­gens­ver­wal­tern das benö­tig­te Per­so­nal. Das kann man schön dar­an able­sen, wann und wie pro­fi­ta­ble Lücken geschlos­sen wer­den. Wie lan­ge hat es noch­mal gedau­ert bis die CumEx-Geschäf­te, bei denen durch krea­ti­ve Divi­den­den­ver­rech­nung Steu­ern gespart wur­den, been­det wur­den. Moment mal – sie wur­den ja gar nicht beendet!

Und so gibt es eini­ge Bei­spie­le für Wett­ren­nen zwi­schen Rol­ler und Rolls Roy­ce – zwi­schen klei­nen Grup­pen in den Behör­den, die mög­lichst nicht zu viel Staub auf­wir­beln sol­len und vie­len hoch­be­zahl­ten Spezialisten.

Wie kön­nen wir als ganz nor­ma­le Finanz­bür­ger uns also über öffent­li­che Stel­len infor­mie­ren las­sen und was soll­ten wir beach­ten? Sor­gen die öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen dafür, dass wir ermäch­tigt und ertüch­tigt wer­den und uns ein eige­nes Urteil bil­den kön­nen? Wei­sen sie auf die Gefah­ren hin, die ein so dyna­mi­scher Raum wie der des Finanz­markts, immer birgt?

 

Die Finanz­in­sti­tu­tio­nen in öffent­li­cher Hand lie­gen in Wirk­lich­keit in ganz ver­schie­de­nen öffent­li­chen Händen.

 

Die Finanz­in­sti­tu­tio­nen in öffent­li­cher Hand lie­gen in Wirk­lich­keit in ganz ver­schie­de­nen öffent­li­chen Hän­den. Nicht alle sind sau­ber und nicht alle kön­nen gut jon­glie­ren. Die Auge-Hand-Koor­di­na­ti­on lässt manch­mal zu wün­schen übrig, von der Gehirn-Hand-Koor­di­na­ti­on ganz zu schwei­gen. Sach­ver­stand ist gewiss vor­han­den, wenn­gleich oft sehr viel weni­ger als in den pri­va­ten Insti­tu­tio­nen. Nur wenn wir die Exper­ti­se von ver­schie­de­nen Sei­ten nut­zen, wenn die Stel­lung­nah­men der natio­na­len Regu­lie­rer mit denen der glo­ba­len Inves­tie­rer und Spe­ku­lan­ten zusam­men­ge­le­sen wer­den und dann noch kräf­tig durch die ideo­lo­gie­kri­ti­sche Prü­fung gekämmt wur­de, dann kön­nen wir anfan­gen, Ver­trau­en zu fas­sen. Die Weis­heit der Affen­hor­de gilt aber immer noch: Wer zu früh ver­traut, bleibt dumm, wer zu spät ver­traut, bleibt einsam.

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 03.05.2017.

 

 

 

Teil 1: Ver­steht die Wis­sen­schaft eigent­lich den Finanzmarkt?

Teil 2: Ver­ste­hen die Medi­en eigent­lich den Finanzmarkt?

Teil 3: Ver­ste­hen öffent­li­che Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanzmarkt?

Teil 4: Ver­ste­hen pri­va­te Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanzmarkt?

 

 

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Finanz & Eleganz: Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?

Finanz&Eleganz

FFN – Finance Fake News oder:

Verstehen die Medien eigentlich den Finanzmarkt?

 

Berich­te über die Finanz­welt wer­den in den hie­si­gen Medi­en unter drei Buch­sta­ben abge­han­delt: D, A und X. Der Deut­sche Akti­en­in­dex, übri­gens ein Pro­dukt und eine ein­ge­tra­ge­ne Mar­ke der Deut­sche Bör­se AG, reprä­sen­tiert die Akti­en­kur­se der 30 wich­tigs­ten deut­schen Unter­neh­men, die nach bestimm­ten Kri­te­ri­en (Gesamt­wert der Antei­le / Häu­fig­keit und Volu­men des Han­dels mit die­sen Antei­len) aus­ge­wählt wer­den. In der augen­blick­li­chen Zusam­men­set­zung fin­den sich in ihm bei­spiels­wei­se je neun Unter­neh­men aus Nord­rhein-West­fa­len und Bay­ern aber nur eines aus Ham­burg und kei­nes aus den öst­li­chen Bun­des­län­dern – was schlag­ar­tig ein Bild der deut­schen Wirt­schafts­land­schaft lie­fert, aber eben auch nur einen Teil beleuch­tet. So ist das star­ke Wirt­schafts­land Baden-Würt­tem­berg nur mit 3 Unter­neh­men ver­tre­ten, weil hier die mit­tel­stän­di­sche, oft gar nicht bör­sen­no­tier­te Wirt­schaft eine Rol­le spielt.

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Den­noch wird der DAX viel­fach ganz selbst­ver­ständ­lich als Grad­mes­ser der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung und der Ver­hält­nis­se auf dem Finanz­markt gehan­delt. War­um? Weil das so schön ein­fach ist und weil der DAX immer Nach­rich­ten lie­fert. Er macht ja ganz uner­hör­te Din­ge: er „stürzt“ oder „rast“, er „tau­melt“ und „schreckt zurück“ oder er „peilt an“ und „schei­tert“. Das kann er natür­lich alles gar nicht – aber es macht sich gut in den Nach­rich­ten weil Inves­to­ren, Anle­ger oder Akti­en­be­sit­zer mit ihm stür­zen, rasen, tau­meln, zurück­schre­cken, anpei­len und schei­tern. Der Index lie­fert Sto­ries und Sto­ries brau­chen die Medi­en. Was ist dabei das Wesent­li­che? Eine Sto­ry hat eine Hand­lung, beschreibt Ver­än­de­run­gen. Es muss sich etwas tun, damit eine Mel­dung erschei­nen kann. Ohne Ver­än­de­rung kei­ne Tages­zei­tung. Wozu auch?

 

Selbst­ver­ständ­lich wäre es unge­recht, „die“ Medi­en über einen Kamm zu sche­ren: Zei­tungs­ar­ti­kel, Fern­seh­sen­dun­gen, Talk-Shows, Radio-Inter­views, Jour­na­le und Zeit­schrif­ten, Inter­net-Infor­ma­ti­ons­diens­te oder Blogs – tau­send ver­schie­de­ne Ansprü­che und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gi­en… Aber es gilt den­noch: der Nach­rich­ten­wert lebt von der Ver­än­de­rung und zwar am bes­ten von einer, die Men­schen auf sich bezie­hen kön­nen. „Human Inte­rest“ plus neu­es Ereig­nis – ohne die­se Zuta­ten kommt kein Medi­en­ver­tre­ter lan­ge aus. So wur­den die Vor­gän­ge am Finanz­markt oft span­nend und nach­voll­zieh­bar dar­ge­stellt (wenn Jour­na­lis­ten ihr Hand­werk ver­ste­hen). Aber was erklä­ren die Vor­gän­ge über­haupt? Was sehen wir, wenn wir nur Bewe­gun­gen sehen? Zu oft gera­ten dann Struk­tu­ren und Insti­tu­tio­nen aus dem Blick. Dass der DAX steigt oder fällt, das wird erkannt, aber was der DAX genau ist und wie er sich zu ande­ren Indi­ces ver­hält, das bleibt ger­ne im Dun­kel. So ist zum Bei­spiel wich­tig, dass wir beim DAX meist den Per­for­mance-Index, nicht aber den Kurs-Index sehen. Von Bedeu­tung ist das des­halb, weil im Per­for­mance-Index Divi­den­den mit­ge­zählt wer­den, wäh­rend sie beim Kurs-Index unbe­rück­sich­tigt blei­ben. Man kann durch­aus fra­gen, was aus­sa­ge­kräf­ti­ger und/oder mani­pu­la­ti­ons­an­fäl­li­ger ist.

 

In den Mas­sen­me­di­en spie­len sol­che Dif­fe­ren­zie­run­gen oft kei­ne Rol­le. Aber es gibt ja noch ande­re Medi­en, die sich mit Finan­zen beschäf­ti­gen. Was hät­ten wir da?

Zum einen gibt es „Anle­ger­ma­ga­zi­ne“, die über Finanz­pro­duk­te, über Akti­en, Fonds, Anlei­hen, Zer­ti­fi­ka­te berich­ten unter dem Gesichts­punkt „Wie ver­wal­te ich mein Ver­mö­gen?“ Das gibt es in der lang­fris­ti­gen und wert­ori­en­tier­ten Vari­an­te mit durch­dach­ten Stra­te­gi­en, aber auch als schril­le „Mor­gen bis Du Millionär“-Variante. Hier sind die Über­gän­ge flie­ßend zu unsäg­li­chen Mail­ver­sen­dern, die immer tod­si­che­re Tipps haben. Da geht es dann nur noch um „Kurs­ra­ke­ten“, um das „nächs­te Goog­le“ und „Jahr­hun­dert­chan­cen“. Real­sa­ti­re garantiert!

Dann gibt es noch die soli­de Rat­ge­ber­li­te­ra­tur, vor­bild­lich ver­kör­pert durch „Finanz­test“, her­aus­ge­ge­ben von der Stif­tung Waren­test und mit 1,3 Mil­lio­nen monat­li­chen Lesern das erfolg­reichs­te deut­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin. Das muss man sich immer vor Augen hal­ten: von allen Finanz- und Wirt­schafts­me­di­en wird ein Blatt am meis­ten gele­sen, das kei­ne Anzei­gen ent­hält, bie­der und genau infor­miert (wenn man sich nicht gera­de mal bei der Ries­ter-Ren­te ver­rech­net) und tat­säch­lich das Wohl der Bür­ger im Blick hat – wenn­gleich es in der Auf­ma­chung oft mehr am Amts­blatt Klein­we­ser ori­en­tiert ist. Garan­tiert unse­xy, völ­lig unspe­ku­la­tiv und kno­chen­tro­cken: ein deut­scher Traum.

 

Mehr Gla­mour bie­ten Wirt­schafts­ma­ga­zi­ne wie „Capi­tal“, „Wirt­schafts­wo­che“, „Mana­ger Maga­zin“, „Impul­se“, „Euro“ und ähn­li­che. Sie ähneln sich dar­in, dass sie Bör­se und Finanz­welt oft als Mit­tel zum Zweck und in ihrer Funk­ti­on für die „Real­wirt­schaft“ sehen. Das ist lobens­wert wenn man von der die­nen­den Funk­ti­on der Finanz­wirt­schaft fest über­zeugt ist, führt aber oft nicht bis zu dem Ein­blick in die Finanz­welt als sol­che. Die „wirk­li­che Wirt­schaft“ ist ja auch so viel inter­es­san­ter – Dreh­ma­schi­ne schlägt Dol­lar Swap. Gibt es etwas medi­al Dar­stell­ba­res jen­seits von „Mensch, soviel Geld!“ oder „Die sol­len sich um Kre­di­te für den Mit­tel­stand kümmern!“?

Für die Finanz­welt an sich gibt es natür­lich Spe­zi­al­or­ga­ne, für die aber wie­der­um das gilt, was ich schon zu den Wis­sen­schaft­lern gesagt habe: Unver­ständ­li­che Serio­si­tät zu Teil­pro­ble­men von Teil­pro­ble­men. War­um wird nicht ein­mal im Monat in einer seriö­sen Tages­zei­tung ein ver­quas­ter Fach­ar­ti­kel sach­kun­dig refor­mu­liert? So man­che Wel­le wäre frü­her gesurft wor­den, so man­che Kri­se hät­te nicht nur Sprach­lo­sig­keit hinterlassen.

 

Denn von den Medi­en soll­te doch die wich­ti­ge Ver­mitt­lungs­ar­beit geleis­tet wer­den – wenn das Fach­wis­sen vor­han­den ist und wenn der unab­hän­gi­ge Blick nicht nur auf Events gerich­tet ist. Wür­de öfter ein­mal über ein Ereig­nis ein Pro­blem erklärt, anhand einer Inno­va­ti­on eine Insti­tu­ti­on, dann wäre die demo­kra­ti­sche Auf­ga­be des Jour­na­lis­mus auch im Reich des Gel­des bes­ser erfüllt. Doch das geschieht sel­ten und die digi­ta­len Medi­en machen wenig Hoff­nung auf Bes­se­rung, da sie die Sze­ne ent­we­der in vie­le klei­ne Teil­sze­nen auf­split­tern und für jeden etwas bie­ten oder rei­ne Auf­trags­ar­beit machen.

Dass und wie sich die Medi­en­land­schaft ver­än­dert, trägt eben zur dürf­ti­gen Finanz­dar­stel­lung bei. Damit mei­ne ich gar nicht Tra­gö­di­en wie das Schei­tern der „Finan­ci­al Times Deutsch­land“, einer her­vor­ra­gen­den Zei­tung, die 2000 bis 2012 exis­tier­te und nie pro­fi­ta­bel arbei­te­te. Das klas­si­sche Geschäft der Print­me­di­en ist mitt­ler­wei­le ohne­hin schwie­ri­ger (um gegen Ende freund­lich zu for­mu­lie­ren). Immer öfter ver­dient man sein Geld über Events und Son­der­aus­ga­ben, nicht durch die anzei­gen­ab­ge­si­cher­te Tages­ar­beit. Ein Event­be­richt über fünf Pro­mi­nen­te, von denen ruhig die Hälf­te ex-pro­mi­nent sein darf, nimmt mehr Platz ein als ein soli­der Hin­ter­grund­ar­ti­kel. Es wird dis­ku­tiert statt infor­miert und gewim­mert statt gewich­tet. Die Sen­sa­ti­ons­ge­trie­ben­heit und die Kon­zen­tra­ti­on auf Neu­es erschwert den lan­gen Atem.

 

Wenn Jour­na­lis­ten den Blick für das Wesent­li­che schär­fen, dann kom­men wir aus dem Dau­er­ge­wo­ge von Schein­in­for­ma­tio­nen her­aus. Dann sehen wir Leser, dass die vie­len Wel­len zusam­men ein Meer erge­ben. Die­ses Meer kann man nur mit ver­ge­hen­der Zeit als Gan­zes erken­nen. Dazu ist aber ein ruhi­ger Blick not­wen­dig. Ele­ganz braucht ruhi­ge Gelassenheit.

 

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 27.02.2017.

 

 

Teil 1: Ver­steht die Wis­sen­schaft eigent­lich den Finanzmarkt?

Teil 2: Ver­ste­hen die Medi­en eigent­lich den Finanzmarkt?

Teil 3: Ver­ste­hen öffent­li­che Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanzmarkt?

Teil 4: Ver­ste­hen pri­va­te Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanzmarkt?

Finanz & Eleganz: Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt?

Finanz&Eleganz

Gemäldeausstellungen für Blinde oder:

Versteht die Wissenschaft eigentlich den Finanzmarkt?

Die Zeit der Aus­ken­ner scheint vor­bei zu sein. Wur­den frü­her die Ein­schät­zun­gen von Pro­fes­so­ren und Dok­to­ren, die als „Exper­te für…“ von Fern­seh­sen­dern oder Zei­tun­gen befragt wur­den, ernst genom­men, so wird ihrem Urteil mitt­ler­wei­le mit Skep­sis oder sogar Ableh­nung begeg­net. Und eini­ge poli­ti­sche Bewe­gun­gen schrei­ben sich sogar bewusst den Pro­test gegen die klas­si­schen Wis­sen­s­eli­ten und die „Insi­der“ auf die Fahnen.
Zu vie­le fal­sche Pro­gno­sen, zu viel offen­sicht­lich von sub­jek­ti­ven Mei­nun­gen gesteu­er­tes Hintergrund“wissen“, zu viel Eitel­keit und Wich­tig­tue­rei haben das Image der Bil­dungs- und Aus­bil­dungs­eli­ten geschä­digt. Aber auch wut­bür­ger­li­cher Stolz auf authen­ti­sche Refle­xi­ons­ver­wei­ge­rung und ehr­li­cher Unver­stand haben viel ver­än­dert. Beson­ders in den Debat­ten, die die Gemü­ter bewe­gen, an denen Herz und Ver­stand glei­cher­ma­ßen betei­ligt sind, nimmt der Anteil der „gesi­cher­ten Erkennt­nis­se“ und der aner­kann­ten Wahr­hei­ten eher ab. An der wich­ti­gen Schnitt­stel­le zwi­schen Fach­dis­kurs und brei­te­rer Öffent­lich­keit macht sich der Spalt­pilz breit, der Ideo­lo­gie­ver­dacht, Auf­trags­for­schung und „Lügen­pres­se“ zusam­men­bringt und selbst­be­wusst bekennt: „Ich glau­be nur an die Sta­tis­tik, die ich selbst gefälscht habe.“

Wie sieht es denn eigent­lich bei den Finan­zen aus? Gibt es denn wenigs­tens hier, wo Serio­si­tät und kon­ser­va­ti­ve Sach­lich­keit als Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten betrach­tet wer­den, noch ech­te Exper­ten, deren Ein­schät­zun­gen man glau­ben kann und die uns einer­seits Wis­sen, aber ande­rer­seits auch Ori­en­tie­rung vermitteln?
Gleich zu Beginn ein­mal mei­ne Mei­nung dazu: ja, es gibt die­se Exper­tin­nen und Exper­ten – aber lei­der nicht da, wo wir sie ver­mu­ten. Und ich brau­che dies­mal meh­re­re Blogs, um das auszuführen.

Der Über­sicht­lich­keit hal­ber hier ein­mal die Berei­che, die ich mir in den nächs­ten Bei­trä­gen anse­hen will:
- Wis­sen­schaft
- Medi­en
- Finanz­in­sti­tu­tio­nen (öffent­lich)
- Finanz­in­sti­tu­tio­nen (pri­vat)

 

Der wissenschaftliche Blick auf den Finanzsektor

Kom­pe­tenz­auf­bau und -aus­bau soll­te an den Hoch­schu­len und For­schungs­ein­rich­tun­gen statt­fin­den. Hier müss­ten wir doch eigent­lich die­je­ni­gen tref­fen, die uns über Akti­en­märk­te, Bör­sen­ge­sche­hen und Kapi­tal­ver­kehr am bes­ten auf­klä­ren. Und tat­säch­lich fin­den wir Lehr­stüh­le für Finanz­wis­sen­schaft und Finanz­ma­the­ma­tik, für Bank- und Kre­dit­wirt­schaft, für Finan­ci­al Manage­ment and Capi­tal Mar­kets, sogar für Entre­pre­neu­ri­al Finan­ce u.ä. Und beim Gespräch mit den Inha­be­rin­nen oder Inha­bern sol­cher Lehr­stüh­le stellt man schnell fest, dass dar­un­ter vie­le ange­neh­me und intel­li­gen­te Men­schen sind.
Aller­dings tau­chen sie in der Öffent­lich­keit kaum oder zu wenig auf – und wenn sie es tun, dann spre­chen sie in unver­ständ­li­cher Spra­che über hoch­abs­trak­te Pro­ble­me. Ger­ne kon­zen­trie­ren sie sich zudem auf ihre Spe­zi­al­fra­gen. Denn eine Vor­aus­set­zung für den Erfolg in der aka­de­mi­schen Welt ist: Spe­zia­li­sie­rung. Das Erfolgs­mo­dell ist die wis­sen­schaft­li­che Ich-AG mit kla­rem Pro­fil und über­schau­ba­rem Pro­dukt­an­ge­bot. Der wis­sen­schaft­li­che Ban­ken­ken­ner also spricht nicht über Risi­ko­ka­pi­tal, der Port­fo­lio-Spe­zia­list hält sich bei der Wäh­rungs­po­li­tik zurück; wer Ven­ture Capi­tal ver­steht, der kapi­tu­liert vor Derivaten.

Im Dritt­mit­tel­wett­be­werb wird die­ser stra­te­gi­sche Autis­mus, dann ger­ne mit Buz­zwor­ds aus­ge­klei­det, die Unver­ständ­lich­keit mit Rele­vanz­be­haup­tun­gen der all­ge­meins­ten Art kom­bi­nie­ren. Die Antrags­pro­sa der Finanz­wis­sen­schaft­ler ist eben – unge­ach­tet man­cher Selbst­dar­stel­lun­gen – auch nicht sub­stanz­hal­ti­ger als die neu­es­te geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Groß­tat, die das „Frem­de im Eige­nen als Grenz­grö­ße expres­sio­nis­ti­scher Dra­men“ oder die Natur­ly­rik islän­di­scher Links­hän­der erkundet.
Aller­dings müs­sen die haupt­amt­li­chen Finanz­ken­ner noch mit einem zusätz­li­chen Han­di­cap arbei­ten: dem Mathe­ma­tik-Man­tra. Alle sind sie in der Spra­che der Mathe­ma­tik erzo­gen wor­den und die Gren­zen die­ser Spra­che sind die Gren­zen ihrer Welt. Die Finanz­welt, so ihr Cre­do, besteht aus Glei­chungs­sys­te­men, sto­chas­ti­schen Lehr­sät­zen und For­meln, nicht aus Men­schen, Märk­ten oder gar Moral. Mathe­ma­ti­sie­rung führt aber nicht immer zur Sach­lich­keit. So zu tun, als sei die Wirt­schafts­wis­sen­schaft eine Natur­wis­sen­schaft, ver­rät nur, dass man von der Natur der Wirt­schaft kei­ne Ahnung hat.

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

In der Finanz­wirt­schaft geht es not­wen­di­ger­wei­se auch um Algo­rith­men, Sta­tis­tik und Wahr­schein­lich­keits­rech­nung, um Zin­ses­zins und Kos­ten­rech­nung. Aber zu den mathe­ma­ti­schen Gesetz­mä­ßig­kei­ten kommt das wei­te Feld mensch­li­cher Schön­heit und Wirr­heit, der irra­tio­na­le Über­schwang eben. Die­ser hat ver­hin­dert, dass die mathe­ma­tisch ori­en­tier­ten Finanz­wis­sen­schaft­ler über die gro­ßen Auf- und Abschwün­ge sowie über die Finanz­kri­sen etwas Ande­res sagen konn­ten als „Oh!“
Robert Shil­ler hat auf die Selbst­über­schät­zung mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­ter Finanz­ex­per­ten immer wie­der hin­ge­wie­sen und er hat mit Keynes und Schum­pe­ter star­ke Unterstützer.

Wis­sen­schaft­li­che Aus­sa­gen über Finanz­märk­te sind mög­lich – über ihre his­to­ri­sche Ent­wick­lung (Finanz­ge­schich­te), über die Bere­chen­bar­keit ein­zel­ner Men­gen und Fak­to­ren (Finanz­ma­the­ma­tik), über die Dyna­mik zwi­schen den Akteu­ren (Finanz­so­zio­lo­gie), über Model­le zum bes­se­ren Ver­ständ­nis (Finanz­theo­rie) und so wei­ter und sofort – aber nur bei einer Ver­ei­ni­gung die­ser ver­schie­de­nen Wis­sens­be­rei­che, bei einem Zusam­men­den­ken über Kon­ti­nen­te und Mee­re der Finanz­welt hin­weg, kön­nen wir etwas ver­ste­hen und kön­nen auf der Grund­la­ge die­ses Ver­ständ­nis­ses ver­ständ­li­che Aus­sa­gen ent­wi­ckeln, die auch für den inter­es­sier­ten Lai­en Bedeu­tung haben. Die aktu­el­le Form der Wis­sen­schaft macht es jeden­falls unwahr­schein­lich, dass wir in den Uni­ver­si­tä­ten auf die rich­ti­gen Gesprächs­part­ner tref­fen. Und das hat Fol­gen für die Gesamtgesellschaft.
Eine aktu­el­le Umfra­ge unter je 1000 Teil­neh­mern aus Öster­reich, Bel­gi­en, Frank­reich, Deutsch­land, Ita­li­en, den Nie­der­lan­den, Por­tu­gal, Spa­ni­en, der Schweiz und dem Ver­ei­nig­ten König­reich über die Finanz­kom­pe­tenz der Durch­schnitts­bür­ger hat­te zum Ergeb­nis, dass im Gesamt­ran­king die Deut­schen zwar auf Platz 2 lan­de­ten (die Fran­zo­sen – mon Dieu – auf dem letz­ten Platz), aber den­noch waren die Ergeb­nis­se ernüch­ternd. Die Pro­ble­ma­tik der Risi­ko­streu­ung („Nie­mals alle Eier in einen Korb legen!“) war nicht prä­sent, die wesent­li­chen Finanz­pro­duk­te bes­ten­falls sche­men­haft erkannt. Die Lei­te­rin die­ser Stu­die (“When will the Pen­ny Drop: Money, finan­ci­al liter­acy and risk in the digi­tal age”), Prof. Anna­ma­ria Lusar­di, Pro­fes­so­rin an der Geor­ge Washing­ton Uni­ver­si­tät, plä­diert dafür, Finanz­wis­sen in der Schu­le zu leh­ren und jun­gen Men­schen die Aus­wir­kun­gen ihrer Ent­schei­dun­gen auf das all­täg­li­che Leben zu ver­deut­li­chen. Denn gera­de die­je­ni­gen, die jün­ger als 35 Jah­re sind, haben beson­ders gerin­ge Finanzkenntnisse.

Nur wenn der Wis­sens­trans­fer von den Hoch­schu­len zu den zukünf­ti­gen Leh­rern funk­tio­niert, gibt es hier aber Chan­cen. Und nur wenn Finanz­wis­sen in ver­ständ­li­cher (und womög­lich ele­gan­ter) Form für alle ver­füg­bar ist, dann kann auch kri­tisch dar­über dis­ku­tiert wer­den. Hier kom­men nun die Medi­en ins Spiel und wir wol­len beim nächs­ten Mal anse­hen, ob Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, Fern­seh- und Radio­sen­der sowie Inter­net­ka­nä­le und Soci­al Media ihrer Ver­ant­wor­tung gerecht wer­den. Gibt es Finanz­ex­per­ten in den Medi­en – die ihren Stoff ken­nen und ver­ständ­lich darstellen?
Wir wer­den sehen…

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 10.02.2017.

 

Teil 1: Ver­steht die Wis­sen­schaft eigent­lich den Finanzmarkt?

Teil 2: Ver­ste­hen die Medi­en eigent­lich den Finanzmarkt?

Teil 3: Ver­ste­hen öffent­li­che Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanzmarkt?

Teil 4: Ver­ste­hen pri­va­te Finanz­in­sti­tu­tio­nen eigent­lich den Finanzmarkt?

 

Finanzmarkfilme für den Winter (Teil 2) – von Bernd Villhauer

Finanz & Ele­ganz: Die Kolum­ne von Bernd Vill­hau­er im agora42-Blog.

Finanz&Eleganz

 

Wann kommt endlich das Sequel? oder Finanzmarkfilme für den Winter (Teil 2)

 

Oft müs­sen wir lan­ge auf eine Fort­set­zung war­ten. Eini­ge von uns dürf­ten bedau­ert haben, dass der letz­te, der fünf­te Teil von „Die Hard“ mit Bruce Wil­lis sechs Jah­re nach dem vori­gen Teil erschien. Cine­as­ten beka­men ihre Fort­set­zung von „Chi­na­town“ erst nach 16 Jah­ren mit „The Two Jakes“, eben­so lan­ge ließ der drit­te Teil des Mafia-Epos „Der Pate“ auf sich war­ten. Und für unser The­ma ein­schlä­gig: es lagen 23 Jah­re zwi­schen „Wall Street“ und „Wall Street 2“ (bzw. „Wall Street: Money never sleeps“).

Mit die­sem Fit­zel­chen nicht wirk­li­cher rele­van­ter Infor­ma­tio­nen begin­ne ich den eben­falls lang erwar­te­ten und viel­fach ein­ge­for­der­ten zwei­ten Teil mei­nes klei­nen Über­blicks zu den Fil­men über Akti­en­markt und Bör­se.

 

Wie beim letz­ten Mal ange­kün­digt, star­te ich mit einem mei­ner aus­ge­spro­che­nen Lieb­lings­strei­fen: „Mar­gin Call“ von 2011. In Deutsch­land wur­de der Film von Regis­seur und Dreh­buch­au­tor J.C. Chan­dor als „Der gro­ße Crash“ prä­sen­tiert. Bekann­te Namen erleich­ter­ten die Ver­mark­tung: Demi Moo­re, Kevin Spacey, Jere­my Irons … Hier wur­den auch Neben­rol­len sehr gut besetzt; man erwar­tet eigent­lich, Har­vey Kei­tel als Büro­bo­ten um die Ecke kom­men zu sehen. War­um ist der Film so beein­dru­ckend? „Mar­gin Call“ gelingt mit sei­nen Cha­rak­te­ren das Kunst­stück, in einer ganz über­schau­ba­ren räum­li­chen Situa­ti­on (die Film­kri­tik schreibt dann von einem „Kam­mer­spiel“) die unge­heu­re Dyna­mik der Finanz­kri­se in Bil­der zu brin­gen. Es sind ruhi­ge Auf­nah­men von Leu­ten vor Bild­schir­men, in Kon­fe­renz­räu­men und auf Dach­ter­ras­sen – gemein­sam ist ihnen die Rat­lo­sig­keit und der Ver­such, Sinn in etwas zu brin­gen, das ihnen eigent­lich sinn­los erscheint. Einer der Prot­ago­nis­ten war Archi­tekt gewe­sen und kann genau sagen, wie vie­len Men­schen eine von ihm gebau­te Brü­cke Zeit gespart hat. Ein­mal hat er etwas Dau­er­haf­tes in die Welt gestellt, nun ver­kauft er Finanz­pro­duk­te. Die groß­ar­ti­gen Dia­lo­ge, die atmo­sphä­risch dich­te Beschrei­bung der Welt der Wert­pa­pier­händ­ler, die klei­nen Manie­riert­hei­ten und die gro­ßen Ängs­te – wir sehen ein Bil­der­t­a­bleau vom Men­schen, der in den Stür­men der Finanz­tu­mul­te nicht über Bord gehen will. Am Ende wird ein toter Hund beerdigt.

 

Wie ein toter Hund schaut auch Gor­don Gek­ko als er in „Money never sleeps“ (2010) aus dem Gefäng­nis ent­las­sen wird. Er bekommt sei­ne Klei­dung und sei­ne sons­ti­ge Habe zum Abschied aus­ge­hän­digt, dar­un­ter ein Mobil­te­le­fon aus den 80ern, groß wie eine Han­tel. Aber der Unzeit­ge­mä­ße arbei­tet sich nach vor­ne, zunächst mit Vor­trä­gen über Gier und Geld. Ein Täter reflek­tiert die Tat und ver­dient ganz gut damit. Es ent­wi­ckelt sich eine Hand­lung, bei der es immer mehr um das Erbe geht. Was hin­ter­las­sen wir? Wie nach­hal­tig und ver­läss­lich ist unser Werk? Der Film fragt nicht nur nach der Kri­se, son­dern nach Gefüh­len in und nach der Kri­se. Wir leben im Bewusst­sein, dass schon alles zusam­men­ge­bro­chen ist – mehr­mals. Gibt es Ver­trau­en in der Welt der Finan­zen – Ver­trau­en in die Zukunft womög­lich. Am Ende hat Micha­el Dou­glas alle platt gespielt, Gor­don Gek­ko ist wie­der reich, aber die Zukunft gehört doch den Erneu­er­ba­ren und den New Yor­ker Frau­en, die noch selbst backen.

 

Sol­che Frau­en kom­men in einem ein­schlä­gi­gen Film von Jodie Fos­ter nicht vor. Die schnel­le, grel­le Welt von „Money Mons­ter“ (2016) zeigt einen Geor­ge Cloo­ney als Bör­sen-TV-Star Lee Gates. Die­ser insze­niert den Markt als Show und Show­down, dabei feu­ert er regel­mä­ßig Kauf- und Ver­kaufs­emp­feh­lun­gen auf die Zuschau­er ab. Eines Tages kommt ein jun­ger Mann mit Bom­be ins Fern­seh­stu­dio, der alles auf eine die­ser Emp­feh­lun­gen gesetzt hat­te. Obwohl mit viel media­lem und met­me­dia­lem Auf­wand alle Sym­bo­li­ken der Bör­se bemüht wer­den, geht es dann im Grund nur um ein ganz kon­ven­tio­nel­les Betrugs­ma­nö­ver. Herr­lich anzu­se­hen die Sze­ne, wie der Mode­ra­tor sein Publi­kum auf­for­dert, eine bestimm­te Aktie zu kau­fen damit der Kurs steigt und der jun­ge Mann nicht die Ner­ven ver­liert. „Was ist ein Leben wert?“ ruft er in die Kame­ra, „Was ist Ihnen mein Leben wert?“. Die Ant­wort kommt schnell: der Kurs zieht ein wenig an, um dann ganz abzu­sa­cken. Letz­ten Endes haben die Bör­sen­kom­men­ta­to­ren und Mark­be­ob­ach­ter genau­so wenig Macht wie die Leu­te, die mit Omas Erbe auf die fal­sche Aktie set­zen. Die Hohl­heit und Hilf­lo­sig­keit der „Exper­ten“ wird wun­der­bar gezeigt. Sie deu­ten die Zei­chen und dabei kön­nen sie genau­so falsch lie­gen wie anti­ke Seher bei der Eingeweideschau.

 

Aber wer weiß denn eigent­lich wirk­lich etwas über die Bör­se? Wo ist ech­tes Exper­ten­wis­sen zu fin­den? Dass die Her­ren, die im Fern­se­hen wis­sen, was der Markt in den nächs­ten Tagen tun wird, Unsinn reden — das ist jedem gleich klar. Und dass Poli­ti­ker über die Finanz­märk­te so kom­pe­tent reden wie über den Aste­ro­iden­gür­tel zwi­schen Mars und Jupi­ter, das geht einem auch schnell auf. Aber irgend­wo muss es doch Kom­pe­tenz geben. Viel­leicht bei den Finanz­wis­sen­schaft­lern und Finanz­ma­the­ma­ti­kern? Bei den uni­ver­si­tä­ren Markt­be­ob­ach­tern, die die Finanz­kri­se auch nicht kom­men sahen? Wer vom Glau­ben an Exper­ten geheilt wer­den möch­te, der beschäf­ti­ge sich ein­mal mit der Geschich­te von Long-Term Capi­tal Manage­ment (LTCM), einem Fonds, der in den 90ern unter Mit­wir­kung von meh­re­ren Nobel­preis­trä­gern so pro­fes­sio­nell wirt­schaf­te­te, dass er am Ende mit mehr als einer Bil­li­on (!) Dol­lar in den Mie­sen stand.

 

Wer weiß etwas bzw. wie kann man sich ver­läss­li­ches Wis­sen aneig­nen? Die­se bör­sen­er­kennt­nis­theo­re­ti­sche Fra­ge steht im Grund im Mit­tel­punkt von “The Big Short“ aus dem Jah­re 2015 Wie kann man zunächst ein­mal das wich­ti­ge Wis­sen vom unwich­ti­gen unter­schei­den, einen sinn­vol­len Rah­men des Finanz­ver­ständ­nis­ses schaf­fen und sich dann von der Her­de los­ma­chen und sei­ne eige­nen Inter­pre­ta­tio­nen fin­den? Als Film nicht so rich­tig gelun­gen, aber als Such­be­we­gung nach dem Mee­res­bo­den unter den Wel­len ein Genuss. Jede Men­ge Stars und Cele­bri­ties wür­zen den finanz­theo­re­ti­schen Exkurs, der immer wie­der die Fra­gen stellt: Was kann ich glau­ben? Wer will wis­sen, wer will nur Geld ver­die­nen? Die Ver­fil­mung eines sper­ri­gen Best­sel­lers übrigens.

 

Damit wären wir beim letz­ten und schwächs­ten Film des heu­ti­gen Blogs. „The Wolf of Wall Street“ for­dert viel Geduld und einen star­ken Magen. Mar­tin Scor­se­ses Fil­me wech­seln immer schön ab zwi­schen „anstren­gend, aber wich­tig“ und „Behalt das doch für Dich!“ Der Bör­sen­film von 2013 über den Finanz­be­trü­ger Jor­dan Bel­fort gehört eher zur zwei­ten Kate­go­rie. Wenn Scor­se­se einen Gangs­ter-Film macht, dann zeigt er ziem­lich genüss­lich und kom­pe­tent Gewalt und Nie­der­gang. Von der Bör­se ver­steht er aber wohl nicht so rich­tig viel, wes­we­gen zwar die Pro­sti­tu­ier­ten und die Dro­gen lie­be­voll aus­ge­brei­tet wer­den, die Stra­te­gi­en der Mit­tel­be­schaf­fung für sol­che Frei­zeit­ver­gnü­gun­gen aber weni­ger. Es knallt, spritzt, schreit und leuch­tet die gan­ze Zeit und irgend­wann will man nichts mehr sehen.

Und das ist eben mei­len­weit ent­fernt sowohl von Finanz als auch von Eleganz.

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 25. Novem­ber 2016.

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In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Schön schaurig wie im Kino oder Finanzmarktfilme für den Sommer (Teil 1)

Schön schaurig wie im Kino oder
Finanzmarktfilme für den Sommer (Teil 1)

 

Finanz&Eleganz

Finanz & Ele­ganz die Kolum­ne von Bernd Vill­hau­er im agora42-Blog

Hit­ze! – gibt es in die­sem Som­mer nur tage­wei­se, dann aber rich­tig. Wol­ken­brü­che wech­seln sich mit Hit­ze­wel­len ab. Wenn dann wie­der so ein hei­ßer Tag kommt und man das Gefühl hat, durch Wän­de auf­ge­wärm­ter Wat­te gehen zu müs­sen, dann bie­tet sich der Zufluchts­ort Kino bzw. ein lang­sa­mes Nie­der­sin­ken auf das hei­mi­sche Sofa vor dem Bild­schirm an. Dar­an ist nichts Schlechtes.

Des­halb bie­tet „Finanz & Ele­ganz“ eine Aus­wahl der bes­ten Bör­sen­fil­me in zwei Por­tio­nen. Ich kon­zen­trie­re mich dabei auf „fic­tion“, also sol­che Strei­fen, die nicht ein­deu­tig als Doku­men­tar­fil­me auftreten.

 

Natür­lich gibt es eini­ge Wer­ke, die doku­men­ta­ri­sche Fak­ten in eine Spiel­hand­lung über­füh­ren, z.B. der heu­te weit­ge­hend unbe­kann­te, aber infor­ma­tiv und pro­fes­sio­nell gemach­te Fern­seh­film „Der schwar­ze Frei­tag“ von 1966 (mit Curd Jür­gens!), in dem die Mecha­nis­men des Bör­sen­han­dels gut erläu­tert wer­den und aus heu­ti­ger Sicht etwas bie­der das Lied der Bör­sen­mo­ral gesun­gen wird.

Unter­halt­sa­mer ist „Tra­ding pla­ces“ („Die Glücks­rit­ter“) von 1983: Dan Akroyd und Eddie Mur­phy mischen die Welt der Waren­ter­min­ge­schäf­te auf. Nicht nur Jamie Lee Cur­tis hin­ter­ließ blei­ben­den Ein­druck bei Puber­tie­ren­den, auch vie­le der Gags und Wen­dun­gen wir­ken mehr als drei­ßig Jah­re spä­ter kaum angestaubt.

Vier Jah­re danach kam der Film in die Kinos, an dem sich jede spä­te­re Dar­stel­lung der Finanz­welt mes­sen las­sen muss­te: Wall Street. Der Film führt den Akti­en­han­del als Wir­bel­sturm vor, der um ein dunk­les Zen­trum kreist: Gor­don Gek­ko. Obwohl des­sen Machen­schaf­ten als die hin­ter­häl­ti­gen Schwei­ne­rei­en gezeigt wer­den, für die Leu­te wie Ivan Boes­ky und Carls Icahn in der Rea­li­tät stan­den, wur­de Micha­el Dou­glas als Finanz­jon­gleur zum Rol­len­mo­dell für Gene­ra­tio­nen von Wall Street-Pil­gern. Der Regis­seur Oli­ver Stone berich­te­te noch lan­ge irri­tiert in Inter­views, wie vie­le Bör­sen­händ­ler ihm gestan­den hät­ten, dass sie nur wegen sei­nes Films zu die­sem Beruf gekom­men seien.

Ein ande­rer „Cor­po­ra­te Rai­der“, der Fir­men kauft und aus­schlach­tet, wird in „Other People’s Money“ (Das Geld ande­rer Leu­te“) von 1991 gezeigt: gespielt von Dan­ny DeVi­to, also klei­ner, dicker und wit­zi­ger. Er will die Draht­fa­brik des (wun­der­bar ver­wit­ter­ten) Gre­go­ry Peck an sich brin­gen und gewinn­brin­gend file­tie­ren. Neben Ein­sich­ten in die­se Art von Geschäf­ten gibt es schnel­le schlaue Dia­lo­ge. An die finan­ci­al screw­ball come­dy ist ein Hap­py­end mon­tiert, in dem eine schö­ne Frau, der unser Film­held  gera­de bis zum Gür­tel reicht, alles wie­der gera­de rückt.

Schlim­mer hin­ge­gen ging es aus mit dem Bör­sen­händ­ler Nick Lee­son aus, der die gute alte Barings Bank mit Spe­ku­la­tio­nen in Sin­ga­pur rui­nier­te. „Rogue Tra­der“ („Das schnel­le Geld – Die Nick Lee­son Sto­ry“) von 1999 erzählt sei­ne Geschich­te – und die ist eigent­lich erstaun­lich lang­wei­lig und im Grund nicht sehr kino­ge­eig­net – obwohl es um Rie­sen­sum­men geht, die das glo­ba­le Finanz­sys­tem spür­bar beein­flusst haben. Aber was ist zu sehen? Jun­ger Typ  ver­zockt sich vor Bild­schir­men und ver­liert irgend­wann alles. Ewan McG­re­gor gibt sich red­lich Mühe, aber er kommt nicht gegen das Haupt­pro­blem an: Spe­ku­la­ti­on lässt sich im Zeit­al­ter der Com­pu­ter­bild­schir­me nur noch schwer sinn­lich und emo­tio­nal mit­rei­ßend dar­stel­len. Bei den „Glücks­rit­tern“ wur­de noch in den Han­dels­sä­len geschrien und geschwitzt – aber 16 Jah­re spä­ter fin­det die Action für die Bör­sen­händ­ler mehr am Kaf­fee­au­to­ma­ten oder im Nacht­club nach der Arbeit statt. Abs­trak­ter und indi­rek­ter läuft alles ab, der Schau­wert schrumpft.

 

Damit wären wir bei einer wich­ti­gen Fra­ge: was kann der Film von der Bör­se und ihren Akti­vi­tä­ten über­haupt zei­gen? Wie auch Sven Grze­be­ta in sei­nem hier schon bespro­che­nen schö­nen Buch „Ethik und Ästhe­tik der Bör­se“ aus­führt, gibt es in der Archi­tek­tur, dem Klei­dungs­stil, der Klang­ku­lis­se, den Visua­li­sie­rungs­for­men bör­sen­spe­zi­fi­sche Dar­stel­lungs­mög­lich­kei­ten: Män­ner in dunk­len Anzü­gen, die in monu­men­ta­len Gebäu­den auf elek­tro­ni­sche Lauf­bän­der mit Buch­sta­ben und Zah­len star­ren, ein Pri­se Lini­en­dia­gram­me – voi­là, die Finanzwelt.

Neben die­sem Sym­bol­sys­tem „Bör­se“ hat der Film natür­lich noch eine wei­te­re Dar­stel­lungs­ebe­ne: das Agie­ren bestimm­ter Men­schen in bestimm­ten Situa­ti­on, also die Bör­se im Spie­gel der Gesich­ter und Ges­ten von Indi­vi­du­en. Der Film kann zei­gen, was das Finanz­sys­tem tut, indem er zeigt, was es mit den Men­schen tut.

Die­sen Weg wählt „Boi­l­er­room“ (Risi­ko – Der schnells­te Weg zum Reich­tum) aus dem Jahr 2000. Es geht um die Gier, die einen jun­gen Mann, der Aner­ken­nung bei sei­nem Vater sucht, in eine dubio­se Mak­ler­fir­ma treibt. Das Finanz­sys­tem ist eigent­lich mehr die Kulis­se, in der gezeigt wird, wel­che Zie­le man sich in einem Leben ste­cken kann und wie unse­re Zie­le und Hoff­nun­gen uns prägen.

 

Über­haupt lässt sich natür­lich der Finanz­sek­tor wun­der­bar als Hin­ter­grund für Macht-, Psy­cho- und ande­re Spie­le oder Kri­mi-Plots benut­zen ohne auf Ein­zel­hei­ten des Bör­sen­ge­sche­hens ein­zu­ge­hen. The Bank (2001), im deut­schen Ver­leih unter dem sub­ti­len Titel „The Bank – Skru­pel­los und macht­be­ses­sen“ tut das effek­tiv und span­nend, aber ein biss­chen holz­ham­mer­hef­tig. Aller­dings wer­den schön die Über­le­bens­stra­te­gi­en von Ban­ken vor­ge­führt. Den­ken Sie dar­an, wenn auch die Filia­le bei Ihnen an der Ecke schließt! Arbi­tra­ge von 2012 tritt höchst ele­gant auf. Hier lebt Richard Gere den Traum des Hedge­fonds­ma­na­gers vor, mit eige­nem Jet, Anwe­sen in den Hamp­tons, Kunst­samm­lung, über­ir­disch gut geschnit­te­nen Anzü­gen und geschmei­di­ger Gelieb­ter mit fran­zö­si­schem Namen. Sel­ten wur­den Kli­schees so wun­der­bar insze­niert, sel­ten hat kapi­ta­lis­ti­sche Deka­denz so ein Ver­gnü­gen berei­tet. Ein biss­chen Voy­eur soll­te man aller­dings schon sein…

Den lan­gen Weg zum Glück beschreibt The Pur­su­it of Hap­pi­ness (Das Stre­ben nach Glück) von 2006, die rea­le Geschich­te des Bör­sen­mak­lers Chris Gard­ner nach­er­zäh­lend, der vor sei­ner Bör­sen­kar­rie­re als Obdach­lo­ser leb­te. Hier ist die Invest­ment­bank der gro­ße Wunsch­traum am Hori­zont, die Oase in der staub­tro­cke­nen Rea­li­tät des US-ame­ri­ka­ni­schen „Hire and fire“.

 

Ach­tung, nun kommt der bru­ta­le Ein­schnitt: Es gibt noch zahl­rei­che Fil­me zum The­ma Bör­se und Finanz­markt, aber ein Blog ist kein Film­le­xi­kon. Des­halb hier noch ein Aus­blick auf die Fil­me, die ich in TEIL 2 bespre­che und an deren Bei­spiel ich beschrei­be, war­um Kino Schwie­ri­ges leicht und Leich­tes schwie­rig macht.

Die kom­men­den Fil­me in Kür­ze und der Ein­fach­heit hal­ber gleich der Qua­li­tät nach gerankt. Wir begin­nen mit einem Juwel und enden mit teu­rem Trash:

  1. Mar­gin Call, 2011
  2. Money never sleeps (Wall Street 2), 2010
  3. Money Mons­ter, 2016
  4. The Big Short, 2015
  5. The Wolf of Wall Street, 2013

Und wer setzt nun die Home­page FINANZFILMFREAKS auf?

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 16. August 2016.

 

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In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.