Freiheit: Einfach leben im Kapitalismus – Interview mit Anna Torus

Freiheit: Einfach leben im Kapitalismus

Inter­view mit Anna Torus

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten der Philosophiestudentin und Bloggerin Anna Torus. Sie spricht über die Suche nach dem Lebenssinn, den nimmersatten Kapitalismus und den Trend zum Minimalismus, sowie: Freiheit …

 

Frau Torus, kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unter­stel­len?

Im Moment zu leben und „ein­fach nur“ zu sein scheint mir des­halb eine so gro­ße Sehn­sucht vie­ler Men­schen in der Gegen­wart, weil sie zwar de fac­to in gewis­sen Ord­nungs­struk­tu­ren leben, die­se aber als been­gend erfah­ren. Sie füh­len sich nicht nur durch einen ermü­den­den und gleich­för­mi­gen Arbeits­all­tag bedrängt und ent­mün­digt, son­dern auch durch die stän­di­gen Impe­ra­ti­ve und For­de­run­gen der Kon­sum­ge­sell­schaft. Es ist nicht so, als wür­de es an ord­nen­den Struk­tu­ren feh­len. Sie sind da und for­men unse­re Gesell­schaft, auch wenn sie sich dabei nicht gera­de in den Vor­der­grund drän­gen und so oft­mals nur ein vages Gefühl zurück­las­sen, dass „etwas falsch läuft“. Die­ses stil­le Wir­ken sowie die all­ge­mei­ne Beschleu­ni­gung und grel­le Über­zeich­nung des „Lebens“, wel­che sie erzeu­gen, schei­nen mir mög­li­che Grün­de dafür zu sein, dass sich der Wunsch nach Struk­tur und Ord­nung ver­stärkt hat. Wir wol­len aber eigent­lich nicht irgend­ei­ne Struk­tur oder Ord­nung, son­dern eine sol­che, in der wir „ein­fach leben“ kön­nen. Das schließt sich gar nicht unbe­dingt aus. Der Mensch hat die berech­ti­ge Sehn­sucht danach, in Rah­men­be­din­gun­gen zu leben, die ihm freie Ent­fal­tung ermög­li­chen. Nur inner­halb einer offe­nen Struk­tur kön­nen wir es uns erlau­ben, „nur zu sein“. In der jet­zi­gen, die uns bloß eine Schein-Frei­heit vor­spie­gelt, wür­de dies eine Gedan­ken­lo­sig­keit mit sich füh­ren, die wir uns nicht leis­ten kön­nen. Eine wirk­lich offe­ne Struk­tur wür­de es mit sich brin­gen, dass wir auch ruhi­gen Gewis­sens uns selbst und die Sinn­fra­ge ein­mal ver­ges­sen könn­ten, weil wir nicht mehr nach dem Sinn suchen, son­dern ihn im Moment erfah­ren. Das akti­ve Suchen nach Sinn (oder Frei­heit) ent­steht immer auch aus einem Man­gel her­aus. Seh­nen wir uns nach Sinn, so ist das kein Luxus­be­dürf­nis, son­dern ein berech­tig­ter Anspruch unse­rer Men­schen­na­tur, die damit anzeigt, wie sehr sie unter der all­täg­lich erfah­re­nen Sinn­lo­sig­keit lei­det.

 

Ist unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on nicht erschre­ckend ein­fach? Denn auf­grund der dra­ma­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen des Kapi­ta­lis­mus – man den­ke nur an die gigan­ti­sche Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die in den letz­ten 40 Jah­ren auf­ge­pumpt wor­den ist – haben wir eigent­lich nur die Wahl zwi­schen einer öko­no­mi­schen Kata­stro­phe oder aber, soll­te irgend­wie das nöti­ge Wachs­tum gene­riert wer­den, einer öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe.

Anna Torus ist das Pseud­onym einer blog­gen­den Phi­lo­so­phie­stu­den­tin im fort­ge­schrit­te­nen Semes­ter, Jahr­gang 1991, die der­zeit in Ber­lin lebt. Wei­te­re Tex­te von ihr fin­den Sie hier: https://annatorus.wordpress.com

Ich den­ke eher, dass wir in jedem Fall mit einem Sowohl-als-auch-Sze­na­rio rech­nen müs­sen, solan­ge wir uns inso­fern für das „ein­fa­che“ Leben ent­schei­den, als wir die gegen­wär­ti­ge Gesell­schafts­struk­tur stumm beja­hen. Das vom Men­schen selbst geschaf­fe­ne Mons­ter des Kapi­ta­lis­mus ist nim­mer­satt, es frisst öko­lo­gi­sche Res­sour­cen wie mensch­li­che Arbeits- und Geis­tes­kraft und kann sich am Ende doch bloß über­fres­sen und alles wie­der hin­aus­wür­gen. Es ist gewiss „ein­fach“, dem zuzu­se­hen, doch heißt die­se Ein­fach­heit nicht Leben. Die­se Art Ein­fach­heit wäre die glei­che, für die sich der Skla­ve ent­schei­det, damit er vom Herrn nicht geschla­gen wird. Haben wir das Bedürf­nis nach „Ein­fach­heit“, so mei­nen wir damit eigent­lich Frei­heit von Leid und struk­tur­be­ding­ten Pro­ble­men. Und bei jeder Wahl hof­fen wir wie Kin­der, dass die neu­es­ten Ver­tre­ter der Ein­heits­par­tei der Alter­na­tiv­lo­sig­keit sie uns die­ses Mal viel­leicht doch besche­ren wer­den.

 

Ist das mini­ma­lis­ti­sche Leben eine »zu ein­fa­che« Ant­wort auf die Kom­ple­xi­tät des Lebens und die Suche nach einem tie­fe­ren Sinn?

Der Mini­ma­lis­mus-Trend scheint mir dann „zu ein­fach“ gera­ten, wenn er als blo­ße indi­vi­dua­lis­ti­sche Abs­trak­ti­on inter­pre­tiert wird. Das Indi­vi­du­um wird in den Mit­tel­punkt gestellt und dar­über oft die tie­fe­ren gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ursa­chen ver­ges­sen. Die extre­me Zurück­nah­me indi­vi­du­el­ler Kon­sum­tä­tig­keit allei­ne kann kein Heils­weg sein. Sie führt im Gegen­teil aktu­el­le Ten­den­zen der Selb­st­op­ti­mie­rung und des neo­li­be­ra­len Dog­mas „Du allein bist selbst ver­ant­wort­lich“ fort. Der Mini­ma­lis­mus als Trend lenkt das Augen­merk pro­ble­ma­ti­scher­wei­se auf den­je­ni­gen Teil der Gesell­schaft, der durch sein Kon­sum­ver­hal­ten bloß mit­tel­bar ver­ant­wort­lich ist. Mög­li­che Fra­gen nach den Ursa­chen des Kon­sum­ver­lan­gens oder der Bedürf­nis­er­zeu­gung gera­ten in den Hin­ter­grund.

Begrei­fen wir Mini­ma­lis­mus dage­gen als Geis­tes­hal­tung, als eine Art Übung oder Aske­se des Bewusst­seins, so bin ich sehr dafür. Die Kom­ple­xi­tät des Lebens wird begreif­li­cher, wenn wir unse­ren Blick so schu­len, dass er immer nach dem Wesent­li­chen sieht. Wir ler­nen, unse­rem Drang nach Klar­heit zu ver­trau­en und der Ver­su­chung nicht nach­zu­ge­ben, uns im Unwe­sent­li­chen zu ver­lie­ren. Son­dern stets die Din­ge noch kla­rer, noch ein­fa­cher ver­ste­hen zu wol­len. Damit ist kei­nes­falls eine Ver­ein­fa­chung gemeint. Ein­fach­heit ist hier nicht mit Bequem­lich­keit zu ver­wech­seln, eine sol­che bedürf­te jeden­falls kei­ner Übung. Viel­mehr wird es schwie­ri­ger, weil man sich mit dem „Nächst-Bes­ten“, dem „Ein­fa­chen“ im Sin­ne des Beque­men nicht zufrie­den­ge­ben mag, wie man an der Phi­lo­so­phie sieht, die vom Kom­pli­zier­ten zum Ein­fa­chen fort­schrei­tet. Eine sol­che mini­ma­lis­ti­sche Bewusst­seins-Übung kann wie­der­um nur vom Indi­vi­du­um aus­ge­hen, mit dem Unter­schied aller­dings, dass sie ihr Augen­merk auf das Gan­ze rich­tet.


Was macht das Leben wirk­lich ein­fa­cher?

Ein Wort: Frei­heit. Aller­dings nicht als „chao­ti­sche“ Frei­heit ver­stan­den, son­dern als sol­che, die inner­halb von Struk­tu­ren ent­steht, wel­che bei aller Bestän­dig­keit den leben­di­gen Wan­del immer wie­der her­aus­for­dern.

 

 

 

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Zwischen Himmel und Hölle – Rafael Capurro im Interview

Zwischen Himmel und Hölle

Inter­view mit Rafa­el Capur­ro

Rafa­el Capur­ro ist Infor­ma­ti­ons­ethi­ker und Phi­lo­soph. Mit agora42 sprach er über das In-der-Cyber­welt-sein, die engels­ar­ti­ge Vor­stel­lung vir­tu­el­ler Intel­li­gen­zen, den digi­ta­len Daten-Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts, das Recht Din­ge ver­ber­gen zu dür­fen und die Chan­ce der Zivil­ge­sell­schaft sich digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren.

 

Herr Capur­ro, vor 20 Jah­ren haben Sie die The­se auf­ge­stellt, dass sich im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung eine vir­tu­el­le Welt her­aus­bil­den wird, die für uns bedeu­ten­der als die rea­le Welt wer­den könn­te. Woher rühr­te die­se Begeis­te­rung fürs Vir­tu­el­le?

Damals herrsch­te eine Auf­bruch­stim­mung: Beson­ders die Erfin­dung des Inter­nets und spä­ter des World Wide Web hat alle begeis­tert. John Per­ry Bar­low rief 1996 die Decla­ra­ti­on of the Inde­pen­dence of Cyber­space aus. Der Cyber­space erschien vie­len als ein vir­tu­el­ler Raum, der nichts mit der mate­ri­el­len Welt zu tun hat. Dabei war die vir­tu­el­le Welt natür­lich gar nicht so unab­hän­gig von der mate­ri­el­len Welt, wie es den Anschein mach­te: Der Com­pu­ter, die bits wie auch die mathe­ma­ti­schen Sym­bo­le 0/1, die in das elek­tro­ma­gne­ti­sche Medi­um ein­ge­prägt wer­den, die­ses Medi­um also „in-for­mie­ren“ – das ist alles Ener­gie und Mate­rie. Aber das wur­de aus­ge­blen­det. Man war fas­zi­niert vom Imma­te­ri­el­len.

Das Gan­ze hat­te etwas Meta­phy­si­sches: Es ging um die Erret­tung des Men­schen aus der schnö­den Welt hier unten und das Empor­stei­gen in die Höhen des Cyber­space. Eine gan­ze Gene­ra­ti­on hat das zu Beginn so erlebt. Damals dach­ten wir wirk­lich, es gäbe zwei getrenn­te Wel­ten, eine vir­tu­el­le und eine mate­ri­el­le.

 

Kön­nen Sie die Fas­zi­na­ti­on des Imma­te­ri­el­len genau­er beschrei­ben?

Das Inter­net erweck­te den Ein­druck, als kön­ne man sich von Raum, Zeit und Mate­rie lösen, als kön­ne man an ver­schie­de­nen Orten gleich­zei­tig sein. Wir bewe­gen uns hier wie­der im Bereich der Meta­phy­sik, in einer Welt des Jen­seits, in der die Kate­go­ri­en des Dies­seits – Raum, Zeit und Mate­ria­li­tät – nicht gel­ten. So dach­te ich damals, die Unter­schei­dung von Mate­rie und Geist wür­de in der Tren­nung von Hard­ware und Soft­ware wie­der auf­tau­chen. Ich habe Soft­ware sogar mit der mate­rie­lo­sen Seins­wei­se von Engeln (vom Grie­chi­schen ange­los = Bote) ver­gli­chen – also mit der mit­tel­al­ter­li­chen Vor­stel­lung engels­glei­cher, von der Mate­rie getrenn­ter Intel­li­gen­zen. Intel­li­gen­tiae sepa­ra­tae war der Begriff, den die mit­tel­al­ter­li­chen Phi­lo­so­phen dafür gebrauch­ten. Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig? Ich dach­te, dass die Lücke, die der Ver­fall der Reli­gio­nen und der Meta­phy­sik hin­ter­las­sen hat­te und die nicht mehr durch engels­glei­che Boten zwi­schen Gott und dem Men­schen aus­ge­füllt wird, durch das In-der-Cyber­welt-sein geschlos­sen wer­den könn­te.

 

Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig?”

 

War das Inter­net so etwas wie ein moder­ner Gott?

Nein, denn wir haben es selbst erschaf­fen. Das macht den tech­no­lo­gi­schen Mythos doch gera­de aus: Wir schaf­fen selbst eine Intel­li­genz, die in man­cher Hin­sicht mäch­ti­ger ist als die mensch­li­che, aber nicht gött­lich. Das führ­te auch zu der Fra­ge: Wie bestim­men wir uns selbst in der digi­ta­len Moder­ne? Im Mit­tel­al­ter wur­de der Mensch als ein Grenz­we­sen defi­niert, das zwi­schen dem Geis­ti­gen und dem Ani­ma­li­schen steht und sich sowohl durch sei­ne tie­ri­sche Her­kunft als auch durch sei­nen gött­li­chen Geist defi­niert. Im 19. Jahr­hun­dert war aber im Abend­land von Gott und Engeln nicht mehr viel übrig geblie­ben. Nach unten konn­ten wir uns über die Evo­lu­ti­on, das heißt unse­re tie­ri­schen Wur­zeln defi­nie­ren. Nach oben aber war nichts mehr da, wor­an wir uns ori­en­tie­ren konn­ten. Da kam die Vor­stel­lung eines Cyber­space wie geru­fen – eine vir­tu­el­le Intel­li­genz, die über uns steht, die wir tech­no­lo­gisch erschaf­fen und die nicht theo­lo­gi­scher Her­kunft ist. Ähn­lich war im Mit­tel­al­ter die phi­lo­so­phi­sche Funk­ti­on der Engel: Der Ver­gleich zwi­schen Gott und Mensch war per defi­ni­tio­nem nicht mög­lich, weil Gott das Unver­gleich­ba­re ist; also muss­te man nach etwas suchen, was zwi­schen Gott und dem Men­schen steht, was uns nicht gleicht, aber trotz­dem nicht so weit weg von uns ist wie Gott.

 

Der Engel ist vom Kör­per befreit. Ist das nicht auch die Vor­stel­lung, die dem berühm­ten Gedan­ken­ex­pe­ri­ment „Gehirn im Tank“ zugrun­de liegt?

Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.”

Genau. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean-François Lyo­tard hat die Fra­ge gestellt, ob man ohne Kör­per den­ken kann. Wow, was für eine Fra­ge! Das riecht stark nach Engel! Aber als leib­li­che Wesen kön­nen wir uns ein Den­ken ohne Kör­per nicht vor­stel­len. Lewis Car­roll erzählt in Ali­ce in Wun­der­land die schö­ne Geschich­te von der Grin­se-Kat­ze, die lang­sam ver­schwin­det: „‚So etwas!’ dach­te Ali­ce; ‚ich habe schon oft eine Kat­ze ohne Grin­sen gese­hen, aber ein Grin­sen ohne Kat­ze! Das ist doch das Aller­selt­sams­te, was ich je erlebt habe!’“ Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.

 

Von der anfäng­li­chen Begeis­te­rung für die unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten des Inter­nets ist aller­dings nicht viel übrig geblie­ben, oder?

Mit dem Auf­kom­men des World Wide Web hat­te man geglaubt – und eini­ge glau­ben das auch heu­te noch –, eine Super­in­tel­li­genz schaf­fen zu kön­nen, die uns ein neu­es Mit­ein­an­der ermög­licht. Die gan­ze Welt soll­te vom Netz über­zo­gen sein und von der digi­ta­len Gesell­schaft pro­fi­tie­ren, alles soll­te geteilt wer­den kön­nen, nichts soll­te etwas kos­ten. Tat­säch­lich ist in kur­zer Zeit unglaub­lich viel pas­siert: Nach­rich­ten wur­den plötz­lich nicht mehr one-to-many ver­teilt, das heißt aus­ge­hend von zen­tra­len Insti­tu­tio­nen wie den Mas­sen­me­di­en oder dem Staat an alle ande­ren, son­dern jeder konn­te many-to-many oder few-to-many oder few-to-few messa­ges ver­tei­len.

Dann ist es aber schnell ans Ein­ge­mach­te gegan­gen: Gro­ße Kon­zer­ne wit­ter­ten Macht und Geld und besetz­ten alle digi­ta­len Kanä­le. Heu­te bestim­men Zucker­berg, Goog­le, Ama­zon & Co. was im Inter­net gesagt wer­den darf und was nicht. Es ist eine halb-öffent­li­che Moral ent­stan­den, die sich um demo­kra­ti­sche Regeln und Ver­fah­ren nicht schert. Wenn ich die Erwar­tun­gen und Hoff­nun­gen, die ich vor zwan­zig Jah­ren hat­te, mit den heu­ti­gen Gege­ben­hei­ten ver­glei­che, ist das, als ob sich der Him­mel in die Höl­le ver­wan­delt hät­te. Denn die Höl­le haben wir nun offen­bar: Über­wa­chungs­ge­sell­schaft, Geheim­diens­te, Big Data etc. Das alles kam in den letz­ten Jah­ren wie eine Lawi­ne über uns und zer­stör­te die Träu­me der 90er-Jah­re. Was machen wir jetzt? Dar­auf haben wir noch kei­ne halb­wegs ver­läss­li­che Ant­wort. Der Staat ist gegen­über den digi­ta­len Rie­sen ziem­lich macht­los und die Fir­men küm­mern sich um ihren Pro­fit. Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen? Die rules of fair play müs­sen stets im Diens­te des Pro­fits ste­hen.

 

Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen?”

 

Rafa­el Capur­ro wur­de 1945 in Uru­gu­ay gebo­ren. Er stu­dier­te Geis­tes­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie in Chi­le und Argen­ti­ni­en als Mit­glied des Jesui­ten­or­dens (1963–1970) und erlang­te 1971 den Grad eines Lizen­ti­ats der Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­dad del Sal­va­dor (Bue­nos Aires). Nach sei­nem Aus­tritt aus dem Jesui­ten­or­den stu­dier­te er Doku­men­ta­ti­on am Lehr­in­sti­tut für Doku­men­ta­ti­on in Frank­furt am Main (1972–1973). Es folg­te die Pro­mo­ti­on in Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf (1978). 1986 wur­de er zum Pro­fes­sor für Infor­ma­ti­ons­wis­sen­schaft an der Stutt­gar­ter Hoch­schu­le der Medi­en beru­fen, wo er bis 2009 auch Infor­ma­ti­ons­ethik lehr­te. Von 2000 bis 2010 war er Mit­glied der Euro­pean Group on Ethics in Sci­ence and New Tech­no­lo­gies (EGE) der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on. Seit 2007 enga­giert sich Capur­ro ins­be­son­de­re in Afri­ka, wo er das Afri­ca Net­work for Infor­ma­ti­on Ethics (ANIE) an der Uni­ver­si­tät Pre­to­ria mit­be­grün­de­te. 2010 grün­de­te er mit sei­ner Ehe­frau Annet­te die Capur­ro Fiek Stif­tung für Infor­ma­ti­ons­ethik. Die­se för­dert Pro­jek­te, wel­che sich mit den sozia­len und kul­tu­rel­len Aus­wir­kun­gen digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en in der Drit­ten Welt, vor allem in Afri­ka und Latein­ame­ri­ka, befas­sen. Mehr unter capurro.de

Das klingt, als wären alle Hoff­nun­gen begra­ben. Ande­rer­seits gibt es noch Träu­mer wie Vita­lik Bute­rin, die mit­hil­fe neu­er Tech­no­lo­gi­en – Stich­wort Block­chain – das Inter­net dezen­tra­li­sie­ren wol­len. Wird das Inter­net viel­leicht doch noch der erträum­te sha­red space, der uns zusam­men­führt?

Struk­tu­ren müs­sen von unten wach­sen – bot­tom up. Solan­ge die­se Mög­lich­keit besteht, ist auch Hoff­nung da. Und noch ist Raum für Krea­ti­vi­tät vor­han­den. Nur: Die öko­no­mi­schen Mäch­te sind erdrü­ckend in ihrem Geschäfts­ge­ba­ren und ihrer welt­wei­ten Domi­nanz. Die kau­fen gan­ze Län­der. Wie kann man die­sen ent­fes­sel­ten digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus begrei­fen? Wor­um geht es dabei? Nach wel­chen Geset­zen läuft er ab? Eine kri­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on von Marx’ Kapi­tal im digi­ta­len Zeit­al­ter wäre nötig.

 

Inwie­fern hat sich der Kapi­ta­lis­mus seit Marx ver­än­dert?

Momen­tan gibt es phi­lo­so­phisch gese­hen kei­ne Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung der Digi­ta­li­sie­rung bezie­hungs­wei­se des digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Da stel­len sich ganz neue Fra­gen: Was bedeu­tet Frei­heit in der digi­ta­len Welt? Wie hängt die Digi­ta­li­sie­rung mit dem Kapi­ta­lis­mus zusam­men? Die­ses öko­no­mi­sche Sys­tem, ver­bun­den mit der Vor­stel­lung von Fort­schritt und Wachs­tum, hat etwas sehr Reli­giö­ses – nicht nur, sofern das Kapi­tal die Stel­le Got­tes besetzt, son­dern auch, sofern der digi­ta­le Kapi­ta­lis­mus in sei­ner glo­ba­len Gleich­zei­tig­keit eine Eigen­schaft besitzt, die tra­di­tio­nell einer gött­li­chen All­ge­gen­wart vor­be­hal­ten war.

 

Und das funk­tio­niert ja aus­ge­zeich­net, wie der Geld­berg von Zucker­berg zeigt. Ist es nicht ver­rückt, dass eine Fir­ma, die nichts Mate­ri­el­les pro­du­ziert, so viel Geld anhäuft?

Dass inner­halb von zehn Jah­ren rie­si­ge Fir­men wie Face­book aus dem Nichts ent­stan­den sind, ist tat­säch­lich kaum zu fas­sen. Womit haben sie das Geld gemacht? Nicht mit Öl. Mit Daten. Die digi­ta­li­sier­ten Daten sind die Basis des Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts. Und die­se Daten sind ein Fetisch, das heißt, man behan­delt sie so, als ob sie ein Eigen­le­ben füh­ren. Sie erwe­cken den Ein­druck, als wür­den sie zir­ku­lie­ren, wie schon Marx vom Kapi­tal sag­te, und als gäbe es kei­nen Men­schen, der über sie herrscht oder von ihnen pro­fi­tiert.

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht. Im Gegen­satz zum unter­drück­ten Pro­le­ta­ri­at des 19. Jahr­hun­derts arbei­tet das Cyber­ta­ri­at weit­ge­hend fröh­lich für das Kapi­tal. Das Lum­pen­pro­le­ta­ri­at trägt heu­te Jeans und Kapu­zen­pul­li, kommt lachend daher und schenkt fröh­lich sei­ne Daten an die IT-Gigan­ten. Es ist eine ganz ver­dreh­te Situa­ti­on, weil man frei­wil­lig zum Skla­ven wird. Eigent­lich ist das ide­al: Alle sind glück­lich! Eine Win-win-Situa­ti­on. Die Kapi­ta­lis­ten sind glück­lich, weil sie so viel Geld bekom­men, und die Skla­ven sind glück­lich, weil sie arbei­ten, kon­su­mie­ren und online sein dür­fen. Das ist doch der Him­mel auf Erden.

 

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht.”

 

Das hört sich an wie die Beschrei­bung Dro­gen­ab­hän­gi­ger …

Das Inter­net kann tat­säch­lich eine Dro­ge wer­den. Marx hat gesagt, die Reli­gi­on sei „das Opi­um des Vol­kes“. Heu­te wür­de er ver­mut­lich sagen, die digi­ta­len Medi­en sind das Opi­um.

Unser Grund­ge­setz und unser Selbst­ver­ständ­nis sind tief ver­wur­zelt im Den­ken Kants, der die Ach­tung vor dem ande­ren, des­sen Recht zu exis­tie­ren und sei­ne prin­zi­pi­el­le Gleich­wer­tig­keit unter dem Begriff Men­schen­wür­de zusam­men­fass­te. Glei­cher­ma­ßen prägt uns die Erfah­rung des Zwei­ten Welt­kriegs und ins­be­son­de­re des Holo­causts. Des­halb ist es so wich­tig, die Erin­ne­rung sowohl an die Ide­en­ge­schich­te wie auch an die his­to­ri­schen Ereig­nis­se wach zu hal­ten.

Doch die­ses Bewusst­sein von den Grund­la­gen unse­res Zusam­men­le­bens löst sich gera­de welt­weit auf. Heu­te leben wir bequem in unse­rer Face­book-Bub­b­le. Hier wer­den wir dau­ernd bestä­tigt und den­ken: „Das hab ich doch gleich gesagt!“ Es gibt nur das, was ich sage, was ich mag, wie ich bin. Das erschwert das Abstand­neh­men, die Kri­tik, das selbst­stän­di­ge Den­ken, also all das, was für die euro­päi­sche Auf­klä­rung wich­tig war. Aber wie gehen wir gegen die­se Täu­schung vor oder mit ihr um? Das ist die Kern­fra­ge einer künf­ti­gen digi­ta­len Ethik.

 

Wie könn­te eine Ant­wort dar­auf aus­se­hen?

Ganz grund­sätz­lich: Sie müss­te unse­ren gesam­ten Rea­li­täts­be­griff und unser Selbst­ver­ständ­nis, nicht also was, son­dern wer wir sind, ver­än­dern.

Der Phi­lo­soph der Auf­klä­rung Geor­ge Ber­ke­ley hat die For­mel „esse est per­ci­pi“ auf­ge­stellt, also „Sein ist Wahr­ge­nom­men­wer­den“. Ber­ke­ley zufol­ge gibt es nur das Wahr­ge­nom­me­ne. Was nicht wahr­nehm­bar ist, exis­tiert nicht. Und ich sage, dass es heu­te das Wahr­ge­nom­me­ne nur inso­fern gibt, als es digi­ta­li­sier­bar ist: Esse est com­pu­ta­ri. Sprich: Was sich nicht digi­ta­li­sie­ren lässt, ist nicht. Und zwar nicht im Sin­ne von „It from Bit“, also nicht so ver­stan­den, dass die Rea­li­tät aus bits besteht, die Din­ge also digi­tal sind und nur aus­se­hen wie Mate­rie. Mei­ne The­se lau­tet viel­mehr, dass wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.

 

Wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.”

 

Inwie­fern ist das ein Pro­blem?

Es besteht die Gefahr, dass die­se Sicht auf die Welt tota­li­tär wird. Dann begrei­fen wir unser In-der-Welt-sein nicht mehr als frei gestalt­bar, son­dern dür­fen nur das als bedeu­tungs­voll für unser Dasein anse­hen, was das Digi­ta­le uns erlaubt. Die Erkennt­nis müss­te durch­si­ckern, dass unser In-der-Welt-sein nicht durch das Digi­ta­le allein bestimmt ist. Es ist nur eine Form des In-der-Welt-seins, nicht die ein­zi­ge.

Auf die Phi­lo­so­phie über­tra­gen hie­ße das: Aus einer Onto­lo­gie, also einer mög­li­chen Deu­tung des Seins, wird eine Meta­phy­sik, das heißt eine star­re Auf­fas­sung des­sen, was das Sein der Din­ge und vor allem was uns selbst aus­macht. Wenn das Digi­ta­le die onto­lo­gi­sche und ethi­sche Deu­tungs­ho­heit über­nimmt, dann wird die Sache auch poli­tisch gefähr­lich. Das haben wir schon im 19. Jahr­hun­dert erlebt, als das Mate­ri­el­le plötz­lich für die allei­ni­ge Basis der Rea­li­tät gehal­ten wur­de. Dadurch ent­stand der Mate­ria­lis­mus – und zwar nicht nur in theo­re­ti­scher Hin­sicht, son­dern prak­tisch-poli­tisch! So nach dem Mot­to: Was sich nicht der mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik ein­schrei­ben lässt, ist ein rück­stän­di­ges Den­ken. Ähn­li­ches steht uns bevor, wenn wir aus dem Digi­ta­len eine dog­ma­ti­sche poli­ti­sche Sicht der Rea­li­tät machen.

 

Machen sich die Anfän­ge einer digi­ta­len Ideo­lo­gie schon im All­tag bemerk­bar?

Man bemerkt die Fol­gen der Ideo­lo­gi­sie­rung in vie­ler­lei Hin­sicht: Die Arbeit ist nicht mehr räum­lich und zeit­lich fest gere­gelt. Man muss Tag und Nach parat sein. Die Leu­te star­ren unter­wegs stän­dig auf ihre Smart­pho­nes und unter­wer­fen sich dem Dik­tat, online prä­sent sein zu müs­sen.

Grund­sätz­lich leben wir gleich­zei­tig in Ver­gan­gen­heit, Zukunft und Gegen­wart. Ich kann mich jetzt mit Ihnen unter­hal­ten, jeder­zeit zurück­ge­hen in die Ver­gan­gen­heit und mich auch jeder­zeit in die Zukunft pro­ji­zie­ren. In den Bekennt­nis­sen des Augus­ti­nus gibt es ein berühm­tes Kapi­tel über die Zeit, in dem das sehr tref­fend beschrie­ben wird: Wir gehen durch das Gedächt­nis zurück in die Hal­len der Ver­gan­gen­heit und pro­ji­zie­ren uns in die Zukunft. Das gibt uns eine unglaub­li­che Frei­heit über die Gegen­wart. Wenn wir die­se Mög­lich­kei­ten nicht hät­ten, wären wir gefan­gen in dem, was im Moment pas­siert. So jedoch kön­nen wir über Din­ge spre­chen, die es (noch) gar nicht gibt, die aber mög­lich sind; bei­spiels­wei­se dar­über, was Sie in einer Stun­de machen wer­den. Das Pro­blem ist aber, dass die Gegen­wart, das Jetzt, in unse­rer vom Digi­ta­len bestimm­ten Gesell­schaft zum Maß aller Din­ge wird. Es schrumpft alles auf das digi­ta­le Jetzt zusam­men.

 

Die­ses Inter­view sowie wei­te­re span­nen­de Arti­kel zum The­ma lesen Sie in der Aus­ga­be DIGITALISIERUNG von agora42.

Was tun? Wie sich befrei­en vom Druck der digi­ta­len Gegen­wart? Den stres­si­gen Job kün­di­gen? Das Smart­pho­ne weg­wer­fen?

Wir ste­cken in der Klem­me. Denn das Digi­ta­le ist immer bezo­gen auf das Jetzt. Sprich: Nur sofern ich in der Gegen­wart ange­spro­chen wer­de, gel­te ich etwas – und sofern ich im Gegen­warts­mo­dus hand­le. Durch die­ses Gefan­gen­sein in der digi­tal bestimm­ten Gegen­wart ent­ste­hen aber schwe­re sozia­le und psy­chi­sche Pro­ble­me. Das lässt sich im Fami­li­en­all­tag, aber auch am Arbeits­platz täg­lich erle­ben. Nicht online zu sein, wird als ein Risi­ko emp­fun­den: Ich könn­te etwas ver­pas­sen, wenn ich eine Wei­le mein Han­dy aus­schal­te oder gar nicht mit­neh­me; außer­dem erwar­ten alle, dass ich stän­dig ansprech­bar bin. Wenn man stän­dig und über­all digi­tal ver­netzt sein muss und sich auch gar nichts ande­res mehr vor­stel­len kann, ist das ein kla­res Anzei­chen von Frei­heits­ver­lust.

 

Muss dann der gesam­te gesell­schaft­li­che Rah­men ver­än­dert wer­den? Und wie gehen wir das an? Demons­tra­tio­nen? Peti­tio­nen?

Dafür bräuch­ten wir erst ein­mal wie­der einen öffent­li­chen Raum und eine Gesell­schaft, die sich mit ande­ren Gesell­schaf­ten ver­bun­den fühlt. Wir tei­len mit ande­ren Men­schen auf viel­fäl­ti­ge Wei­se eine gemein­sa­me Welt. Die­se gemein­sa­me Welt ist aber in Gefahr zu zer­fal­len: Aus Mög­lich­kei­ten des Zusam­men­seins dro­hen Rea­li­tä­ten des Gegen­ein­an­derseins zu wer­den. Aus der Welt wird sozu­sa­gen eine Unwelt und aus frei­en, sich für­ein­an­der ein­set­zen­den Men­schen wer­den in sich ver­schlos­se­ne, von ande­ren und der gemein­sa­men Welt getrenn­te Ego­is­ten, die nur an sich selbst den­ken. Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren. Wir wis­sen nicht, wer wir als digi­ta­le Gesell­schaft sein wol­len. Wir kön­nen nicht all unse­re Stra­ßen pri­va­ti­sie­ren, unse­re Auto­bah­nen und unse­re Plät­ze – aber genau das haben wir in der digi­ta­len Welt gemacht! Die Kraft und die Mög­lich­keit, selbst­stän­dig zu urtei­len, gehen immer mehr ver­lo­ren. Auch das Ver­schen­ken von Daten ist kei­ne Lap­pa­lie. Es wird zuneh­mend an ande­rer Stel­le ent­schie­den, wer wir sind. Das Gefühl der Ohn­macht wächst. Alles wird kleb­rig und sti­ckig.

 

Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren.”

 

Rafa­el Capur­ro im Gespräch mit Frank Augus­tin und Tan­ja Will von agora42.

Wie kann man sich wie­der los­ma­chen und sich Luft ver­schaf­fen?

Wenn jemand fragt: „Hast du etwas zu ver­ber­gen?“, kann man ganz ein­fach ant­wor­ten: „Das geht dich nichts an! Ich bestim­me, was ich von mir zei­ge. Punkt.“ Wo kämen wir hin, wenn wir nichts zu ver­ber­gen hät­ten und stän­dig alles sagen wür­den? Auch in poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Hin­sicht wäre das undenk­bar. Eine Welt, in der es kei­ne Geheim­nis­se geben darf, wäre die Höl­le. Trans­pa­renz und Geheim­hal­tung gehö­ren zusam­men. Übri­gens liegt das auch dar­an, dass ich selbst nicht alles über mich weiß. Ich bin undurch­sich­tig für mich selbst. War­um soll ich mich preis­ge­ben gegen­über ande­ren, die genau­so undurch­sich­tig sind wie ich? Die heu­ti­ge For­de­rung: „Tei­le allen alles stän­dig und über­all mit!“ ist daher unethisch und über­haupt nicht leb­bar!

 

Es scheint, als wür­de die Gesell­schaft ihren Kitt ver­lie­ren. Was geht uns ver­lo­ren? Oder anders gefragt: Was ver­bin­det uns als Men­schen?

Nicht mehr und nicht weni­ger als ein frei­es, ver­trau­ens­vol­les Ver­hält­nis. Frei­heit als Ver­trau­en ist das Bin­de­glied! Wie kön­nen wir also freie Ver­trau­ens­struk­tu­ren in der heu­ti­gen digi­ta­len Gesell­schaft schaf­fen? Die­ser Auf­ga­be müs­sen sich die Phi­lo­so­phie und die Poli­tik heu­te stel­len. Im Moment ten­die­ren wir in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung: weni­ger Ver­trau­en, mehr Kon­trol­le, weni­ger Den­ken, mehr Aktio­nis­mus. Die Lage ist brenz­lig. Den­ken braucht Zeit.

 

Herr Capur­ro, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.

 

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Freiheit in der Wirtschaftspraxis

Gelebte Wirtschaftsethik

Vom 2. bis 4. Sep­tem­ber 2016 fin­det in Stutt­gart das Halb­jah­res­tref­fen des Ver­eins Young­Pro­fes­sio­nals – ethics & eco­no­mics e.V. statt. In dem Ver­ein YP haben sich jun­ge Fach­kräf­te zusam­men gefun­den, wel­che die Fra­ge ver­bin­det, wie eine Wirt­schafts­ethik in ihrem Berufs­all­tag gelebt wer­den kann.

Bei dem Halb­jah­res­tref­fen geht es um SPan­nungs­ver­hält­nis der Frei­heit des Ein­zel­nen und den Zwän­gen, denen man sich als Mit­glied einer Gesellschaft/Wirtschaft unter­wer­fen muss. So spricht Dr. Alex­an­der Lorch, Geschäfts­füh­rer des Kiel Cen­ter for Phi­lo­so­phy, Poli­tics and Eco­no­mics am Sams­tag Vor­mit­tag, den 3. Sep­tem­ber, zu dem The­ma: „Frei­heit für alle – Grund­la­gen einer neu­en Sozia­len Markt­wirt­schaft“

Am Sams­tag Abend (ab 17 Uhr) wird es eine klei­ne Dis­kus­si­ons­run­de mit Frank Augus­tin und Wolf­ram Bern­hardt von der agora42 zu dem The­ma “Der Preis der Frei­heit” geben. So viel wol­len wir vor­ab ver­ra­ten: Tyler Durden wird eine pro­mi­nen­te Rol­le an die­sem Abend spie­len. Tyler wer? Tyler – wer? Tyler Durden, der Prot­ago­nist des Films Fight Club, der bereits zu sagen wuss­te “Unser gro­ßer Krieg ist ein spi­ri­tu­el­ler, unse­re gro­ße Depres­si­on ist unser Leben” und ein­drück­lich vor­lebt, dass der Pro­zess der Befrei­ung aus mate­ri­el­ler Ver­skla­vung alles ande­re als ein Sonn­tags­spa­zier­gang ist.

Wer Inter­es­se hat – weil womög­lich selbst von der Fra­ge nach der Mög­lich­keit einer geleb­ten Wirt­schafts­ethik als Young Pro­fes­sio­nal betrof­fen –, kann sich ger­ne bei uns mel­den (info@agora42.de). Die Ver­an­stal­ter haben fünf Plät­ze für Leser der agora42 reser­viert.

Freiheit als Leitbild – Claus Dierksmeier

Freiheit

Freiheit als Leitbild – und die Leitbilder der Freiheit

von Claus Dierks­mei­er

 

Dierksmeier

Claus Dierks­mei­er ist Pro­fes­sor für Glo­ba­li­sie­rungs­ethik sowie Direk­tor des Welt­ethos-Insti­tuts an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen. Vom ihm ist soeben erschie­nen: Qua­li­ta­ti­ve Frei­heit. Selbst­be­stim­mung in welt­bür­ger­li­cher Ver­ant­wor­tung (Tran­script Ver­lag).

Frei­heit über alles lie­ben!“, war ein Wahl­spruch Beet­ho­vens im Anschluss an Schil­lers Don Kar­los. Heu­te aber haben vie­le libe­ral gesinn­te Bür­ger ein ungu­tes Gefühl, wenn sie sich öffent­lich zur Idee der Frei­heit beken­nen sol­len. Eini­ge ten­die­ren zum kon­ser­va­ti­ven Lager, weil sie Frei­heit eher durch Ver­ant­wor­tung als durch Frei­zü­gig­keit aus­ge­drückt sehen möch­ten. Ande­re lan­den links, weil sie sehen, dass Frei­heit Vor­aus­set­zun­gen braucht, wel­che der Markt nicht schafft. Wei­te­re zwei­feln aus öko­lo­gi­schen Grün­den an der Idee der Frei­heit, da sie all­zu sorg­los über die Bedürf­nis­se der Natur hin­weg zu tan­zen scheint. Dar­aus erwächst der Libe­ra­li­tät in offe­nen Gesell­schaf­ten eine ernst­zu­neh­men­de Bedro­hung. Zeit also, anhand der Kri­se des Leit­bilds „Frei­heit“ über die Leit­bil­der der Frei­heit selbst nach­zu­den­ken.

War­um erscheint es uns heu­te schwe­rer als ehe­dem, Frei­heit „über alles“ zu lie­ben? Liegt das dar­an, dass zu Schil­lers und Beet­ho­vens Zei­ten die Ver­hält­nis­se weni­ger libe­ral waren? Unter­drück­ten muss nie­mand den Wert der Frei­heit erklä­ren. Wo Frei­heit in der Pra­xis fehlt, man­gelt es sel­ten an ihrer theo­re­ti­schen Wert­schät­zung. Unfrei­heit zu benen­nen und zu bekämp­fen, ist jedoch leich­ter, als erlang­te Frei­räu­me zu gestal­ten. Wo der kon­tur­schar­fe Schat­ten der Unfrei­heit besei­tigt ist, bricht sich das wei­ße Licht der Frei­heit in den Pris­men unter­schied­lichs­ter Frei­heits­ver­ständ­nis­se. Das Schwarz-Weiß der Befrei­ungs­kämp­fer weicht den nuan­cier­ten Farb­pa­let­ten offe­ner Gesell­schaf­ten. Und in die­ser Bunt­heit frei­heit­li­cher Lebens- und Poli­ti­kent­wür­fe gerät der zuvor noch frag­lo­se Drang zur Frei­heit zur drän­gen­den Fra­ge: Wel­chem Leit­bild ist zu fol­gen, wenn die Frei­heit der einen mit der Frei­heit der ande­ren kon­kur­riert?
Kurz: Sobald Frei­heit nicht mehr mit Unfrei­heit kämpft, ringt der Libe­ra­lis­mus mit sich selbst. Er hat vom Baum der Erkennt­nis geges­sen und die bit­te­re Ein­sicht gewon­nen, dass die Frei­heit eini­ger die Vor­aus­set­zun­gen der Frei­heit ande­rer – ja, aller – rui­nie­ren kann. Dies raubt dem libe­ra­len Den­ken sei­ne vor­ma­li­ge Unschuld. So erkennt der heu­ti­ge Libe­ra­lis­mus im gegen­wär­ti­gen Man­gel an sozia­ler, mora­li­scher und öko­lo­gi­scher Nach­hal­tig­keit nicht zuletzt sei­nen gest­ri­gen Sün­den­fall. Pein­lich ist vie­len Libe­ra­len bewusst, nun­mehr aus dem Para­dies mora­li­scher Ein­deu­tig­keit ver­trie­ben zu sein. Fort­an haben die Freun­de der Frei­heit ihre Heim­statt in einer gera­de auch durch Frei­heit gefähr­de­ten Welt zu bau­en. Und dafür muss der Libe­ra­lis­mus jetzt im Schwei­ße sei­nes Ange­sichts arbei­ten: an einer Reform sei­nes eige­nen Leit­bilds.

Der­zeit kon­kur­rie­ren zwei gegen­sätz­li­che Leit­bil­der von Frei­heit um die Vor­herr­schaft über den libe­ra­len Dis­kurs: die Kon­zep­tio­nen quan­ti­ta­ti­ver und qua­li­ta­ti­ver Frei­heit. Wäh­rend es quan­ti­ta­tiv gedach­ter Frei­heit auf ein „je mehr, des­to bes­ser“ an Frei­heits­op­tio­nen ankommt, setzt qua­li­ta­tiv aus­ge­rich­te­te Frei­heit ihren Akzent auf ein „je bes­ser, des­to mehr“. Quan­ti­ta­ti­ve Frei­heit umschreibt ein maxi­mie­ren­des Grund­an­lie­gen, dem es auf die höchst­mög­li­che Anzahl oder die größt­mög­li­che Aus­deh­nung indi­vi­du­el­ler Wahl­mög­lich­kei­ten ankommt. Frei­heit wird dabei vor allem in Unab­hän­gig­keit (Inde­pen­denz) gese­hen. Der Mit­mensch gilt als poten­zi­el­ler Stö­rer jener Frei­heit und muss daher in kla­re Schran­ken ver­wie­sen wer­den.
Die Idee der qua­li­ta­ti­ven Frei­heit will uns dem­ge­gen­über für das not­wen­di­ge Bewer­ten, Schaf­fen und Ver­än­dern jener Mög­lich­kei­ten sen­si­bi­li­sie­ren: eini­ge soll­ten wir beson­ders för­dern, ande­re weni­ger. Wäh­rend quan­ti­ta­ti­ve Frei­heit dar­auf sinnt, wie­viel Frei­heit dem Ein­zel­nen gewährt wird, ach­tet qua­li­ta­ti­ve Frei­heit dar­auf, wel­che Frei­hei­ten wir ein­an­der ein­räu­men und wes­sen Frei­heit wir ermög­li­chen. Die­se Kon­zep­ti­on von Frei­heit unter­streicht, dass Men­schen auf­ein­an­der ange­wie­sen sind (Inter­de­pen­denz). Mit­men­schen wer­den so als Per­so­nen sicht­bar, die uns neue, ande­re Optio­nen eröff­nen, zu denen wir allei­ne gar kei­nen Zugang hät­ten. Die Idee qua­li­ta­ti­ver Frei­heit erkennt daher in der Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung für unse­re Mit-, Um- und Nach­welt kein quan­ti­ta­ti­ves Minus an Frei­heit, son­dern ein qua­li­ta­ti­ves Bonum.

Die­se bei­den Leit­bil­der der Frei­heit füh­ren zu spür­ba­ren Dif­fe­ren­zen in der Lebens­welt, zum Bei­spiel hin­sicht­lich der Fra­ge, ob und wie Poli­tik Ein­fluss auf die Wirt­schaft neh­men soll­te. Denn wer Frei­heit quan­ti­ta­tiv denkt, ver­steht Libe­ra­li­sie­rung ger­ne als Dere­gu­lie­rung im Inter­es­se der Maxi­mie­rung pri­va­ter Optio­nen und indi­vi­du­el­ler Frei­zü­gig­keit. Wer Frei­heit qua­li­ta­tiv denkt, erkennt Libe­ra­li­sie­rung hin­ge­gen in einer wech­sel­sei­ti­gen Opti­mie­rung indi­vi­du­el­ler wie kol­lek­ti­ver Lebens­chan­cen zum Zwe­cke all­sei­ti­ger Auto­no­mie. Statt einer Welt der quan­ti­ta­tiv unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten, in der eini­ge Weni­ge alles erwer­ben kön­nen, wird eine Welt der qua­li­ta­tiv sinn­vol­len Wirk­lich­kei­ten ange­strebt, in der alle Etli­ches zu errei­chen ver­mö­gen. Wirt­schafts­po­li­ti­schen Gestal­tungsver­bo­ten quan­ti­ta­ti­ver Frei­heits­theo­ri­en set­zen qua­li­ta­tiv ori­en­tier­te Ansät­ze daher oft ein aus­drück­li­ches Gestal­tungs­ge­bot ent­ge­gen.
Urteil­sent­hal­tung über das Wesen der Frei­heit stützt die jeweils domi­nan­ten Leit­bil­der; und das ist eben­so kri­tik­wür­dig und recht­fer­ti­gungs­be­dürf­tig wie die Stand­punk­te, die dadurch bestärkt wer­den. Wer nicht wählt, wählt auch – näm­lich das Bestehen­de. – Wel­ches Leit­bild für die Frei­heit also soll­ten wir wol­len? Schil­ler und Beet­ho­ven geben hier einen wich­ti­gen Hin­weis: Lie­ben kann man nur Bestimm­tes, Kon­kre­tes. Eine ganz und gar abs­trak­te Vor­stel­lung von Frei­heit, der alle Optio­nen gleich gel­ten, lässt die Men­schen gleich­gül­tig. In der Tat: Frei­heit hängt mehr an der Klas­se als an der Mas­se unse­rer Optio­nen. Jedem leuch­tet ein, dass eine klei­ne Men­ge guter Wahl­mög­lich­kei­ten einer gro­ßen Men­ge scheuß­li­cher Optio­nen vor­zu­zie­hen ist. Ent­spre­chend müs­sen wir uns von der stu­pi­den Armut des Optio­nen­zäh­lens lösen, um für den stu­pen­den Arten­reich­tum der Frei­heit emp­fäng­lich zu wer­den. Qua­li­ta­ti­ves Abwä­gen kommt vor quan­ti­ta­ti­vem Abwie­gen!

Wie aber grenzt man sinn­vol­le von sinn­lo­sen Optio­nen ab? Der rich­ti­ge Maß­stab dafür scheint mir eben jene Glo­ba­li­tät zu sein, die der Frei­heit gegen­wär­tig zur Her­aus­for­de­rung wird. Indi­vi­du­el­le Frei­heit, die sich am Ver­lan­gen nach uni­ver­sel­ler Frei­heit aus­rich­tet – und sich ent­spre­chend im Diens­te an der Eman­zi­pa­ti­on und Befä­hi­gung von Mit­men­schen selbst beschränkt –, ist mit sich selbst im Ein­klang. Umge­kehrt wirft man einem Frei­heits­ver­lan­gen, das nur an der Wah­rung des eige­nen Besitz­stands inter­es­siert ist, aber den Armen und Mar­gi­na­li­sier­ten die­ser Welt die kal­te Schul­ter zeigt, zu Recht eine Dop­pel­mo­ral vor. Knap­per for­mu­liert: Die Über­nah­me von kos­mo­po­li­ti­scher Ver­ant­wor­tung redu­ziert Frei­heit nicht, son­dern rea­li­siert sie. Von die­ser qua­li­ta­ti­ven War­te aus bese­hen, erschei­nen sodann vie­le For­de­run­gen nach Gerech­tig­keit und Nach­hal­tig­keit weni­ger als Angrif­fe auf gegen­wär­ti­ge, son­dern viel­mehr als ein Enga­ge­ment für zukünf­ti­ge Frei­heit. Also: Je mora­lisch, sozi­al und öko­lo­gisch ver­ant­wort­li­cher eine Frei­heit ist, umso stär­ker soll­ten wir sie för­dern. Frei­heit ver­pflich­tet – und das zeigt sich auch schon mal im Redu­zie­ren von Optio­nen: Weni­ger kann bis­wei­len bes­ser sein.
Im bild­haf­ten Ver­gleich: Quan­ti­ta­ti­ve Frei­heits­theo­ri­en betrach­ten Frei­heit wie einen Bogen Papier, der umso klei­ner wird, je mehr Per­so­nen ein Stück­chen davon erhal­ten. Es läge dem­nach also im Inter­es­se der Ein­zel­nen, ande­re – sofern sie uns nichts Attrak­ti­ves zum Tausch anzu­bie­ten haben – von jenem knap­pen Gut aus­zu­schlie­ßen, um den eige­nen Anteil an der Frei­heit zu ver­grö­ßern. Qua­li­ta­ti­ve Frei­heit ten­diert dage­gen dazu, Frei­heit wie ein Licht anzu­se­hen, des­sen Leucht­kraft umso stär­ker wird, je mehr Per­so­nen es erhal­ten.

Ich mei­ne: Wir soll­ten dem Leit­bild qua­li­ta­ti­ver Frei­heit fol­gen und in sei­nem Lich­te, die diver­gie­ren­den Ziel­set­zun­gen der Indi­vi­du­en und Gemein­we­sen mit­ein­an­der ver­mit­teln (um Frei­heit zu erhal­ten), koor­di­nie­ren (um Frei­heit zu gestal­ten) und unse­re per­sön­li­che Frei­heit zum Woh­le der Auto­no­mie ande­rer ein­brin­gen (um Frei­heit zu ent­fal­ten). Die Fas­zi­na­ti­on der Frei­heit kann alle Men­schen ergrei­fen, sofern wir Frei­heit als unteil­bar begrei­fen und uns der aus ihr erwach­sen­den kos­mo­po­li­ti­schen Ver­ant­wor­tung stel­len. Am qua­li­ta­ti­ven Leit­bild einer allen Men­schen ver­pflich­te­ten Frei­heit ori­en­tiert, kann die Idee der Frei­heit erneut zum zen­tra­len Leit­bild unse­rer Zeit auf­rü­cken.

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Die­ser Arti­kel ist erst­mals in der Aus­ga­be 3/2016 LEITBILDER erschie­nen. In die­ser Aus­ga­be stel­len 25 Per­sön­lich­kei­ten aus Wirt­schaft, Poli­tik, Phi­lo­so­phie, Medi­zin, Jus­tiz, Kul­tur, Archi­tek­tur, Gas­tro­no­no­mie u.v.m. die Bil­der vor, die uns in ori­en­tie­rungs­lo­sen Zei­ten lei­ten könn­ten.

Freiheit mit System – Interview mit Armin Nassehi

Freiheit mit System – Interview mit Prof. Dr. Armin Nassehi

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma “SYSTEME” ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Armin Nas­sehi, Pro­fes­sor für Sozio­lo­gie an der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen.

 

 

Armin Nassehi agora42

Prof. Dr. Armin Nas­sehi, Foto: Hans-Gün­ther Kauf­mann

Abs­trak­te kom­ple­xe Gebil­de wer­den heu­te schnell als Sys­te­me bezeich­net, ohne zu wis­sen, was dar­un­ter genau zu ver­ste­hen ist. Gan­ze Wis­sen­schaf­ten erfor­schen Ent­ste­hung, Ent­wick­lung, Ein­fluss und Beein­flus­sung von Sys­te­men. Was bringt uns das Nach­den­ken über Sys­te­me?



Die Sys­tem­theo­rie ist eine inter­dis­zi­pli­nä­re Den­kungs­art, die sich dafür inter­es­siert, wie sich Ord­nung durch die Wech­sel­sei­tig­keit der Ele­men­te eines Sys­tems ergibt und wie die­se Ord­nung sich ope­ra­tiv ver­än­dert oder sta­bi­li­siert. Es ist eine Den­kungs­art, die so etwas wie Kau­sa­li­tät gar nicht leug­net, die aber dar­auf hin­weist, dass ein­zel­ne Kau­sal- und Bewir­kungs­be­zie­hun­gen zumeist nur beob­ach­ter­ab­hän­gi­ge Aus­schnit­te eines kom­ple­xe­ren Gesche­hens sind.

Die Sys­tem­theo­rie inter­es­siert sich für die Kom­ple­xi­tät von Struk­tu­ren und Pro­zes­sen, denn Sys­te­me kön­nen auf­grund der viel­fäl­ti­gen Wir­kungs­ket­ten stets mehr als einen Zustand anneh­men und ver­än­dern dabei die Bedin­gun­gen ihres Ope­rie­rens wäh­rend des Ope­rie­rens selbst. Je kom­ple­xer die Welt wird bzw. je mehr Kom­ple­xi­tät wir uns im Hin­blick auf ihre Beschrei­bung erlau­ben, des­to eher müs­sen wir sys­tem­theo­re­tisch den­ken.

Wor­an bemerkt man Sys­te­me im All­tag? Sind Sie in Ihrem Leben ein­mal einem Sys­tem begeg­net, haben sich dar­an gesto­ßen oder wur­den dadurch gar unter­stützt? Wie sind Sie damit umge­gan­gen?



Die Fra­ge impli­ziert, als bewe­ge man sich manch­mal in Sys­te­men, manch­mal nicht. Die sozio­lo­gi­sche Sys­tem­theo­rie dage­gen wür­de jeden sozia­len Kon­takt als Sys­tem beschrei­ben. Schon eine ein­fa­che Inter­ak­ti­on unter Anwe­sen­den hat schon dadurch Sys­tem­cha­rak­ter, dass sie aus Ele­men­ten besteht, die sich wech­sel­sei­tig ermög­li­chen und durch kein ein­zel­nes Ele­ment voll­stän­dig bestimmt wer­den. Das erle­ben wir doch in jedem Gespräch, näm­lich dass sei­ne Eigen­dy­na­mik anders aus­geht, als wir uns das vor­ge­stellt haben. Und was schon für so ein­fa­che Pro­zes­se gilt, gilt erst recht für kom­ple­xe­re sozia­le Gebil­de, etwa für Orga­ni­sa­tio­nen, die etwa durch Zustän­dig­kei­ten, Orga­ni­gram­me, Arbeits­tei­lung etc. alles Mög­li­che fest­zu­le­gen ver­su­chen, dann aber doch anders aus­ge­hen. Sys­te­me sind nicht voll­stän­dig deter­mi­niert – was im übri­gen auch Frei­heits­gra­de eröff­net. Wer etwas ver­än­dern will, muss dann mit den Struk­tu­ren und Eigen­dy­na­mi­ken von Sys­te­men rech­nen.

Manch­mal ist der Sys­tem­be­griff gera­de­zu wider­sprüch­lich, denn er impli­ziert, dass eigent­lich alles in einem star­ren „Sys­tem“ fest­ge­legt ist – das ist aber nicht der Fall. Viel­mehr inter­es­siert sich die Sys­tem­theo­rie ganz expli­zit dafür, dass letzt­lich alles im Fluss ist und je gegen­wär­tig ope­ra­tiv fest­ge­legt wer­den muss. Kei­ne Theo­rie inter­es­siert sich so sehr für Dyna­mi­ken und Ver­än­de­run­gen, für das Ver­hält­nis von gewoll­ten und para­do­xen Wir­kun­gen, für die Wech­sel­sei­tig­keit von Frei­heits­gra­den und Unbe­ein­fluss­bar­kei­ten wie die Sys­tem­theo­rie.

Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen jun­ger Men­schen wer­den in sys­tem­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen – sei es in der Poli­tik, der Wirt­schaft, der Wis­sen­schaft etc. – kaum berück­sich­tigt. Von sys­tem­ver­ur­sach­ten Kri­sen hin­ge­gen sind sie beson­ders betrof­fen (Arbeits­lo­sig­keit, Staats­ver­schul­dung, Ren­ten­aus­fall, Umwelt­zer­stö­rung). Wel­chen Rat geben Sie die­ser Gene­ra­ti­on?



Ich wie­der­ho­le noch­mal: All das fin­det inner­halb von Sys­te­men statt. Das Gefühl, das Sie beschrei­ben, gibt es natür­lich – übri­gens nicht nur bei jun­gen Men­schen. Mein Rat wäre stets, nicht auf ein­ein­deu­ti­ge Kau­sa­li­tä­ten zu set­zen, nicht auf ein­fa­che Lösun­gen. Das erle­ben wir der­zeit ja fast über­all – lin­ke Kapi­ta­lis­mus­kri­tik mit angeb­lich sehr simp­len Aus­we­gen, rech­te Kri­tik an Viel­falt mit eben­so simp­len Ide­en bes­se­rer Steu­er­bar­keit. Ich wür­de (nicht nur) jun­gen Leu­ten den Rat geben, die Kom­ple­xi­tät von Wir­kungs­ket­ten sehen zu ler­nen und den Eigen­sinn, die Eigen­kom­ple­xi­tät von Pro­zes­sen aus­zu­nut­zen. Das gilt für alle Lebens­be­rei­che. Schon das Fami­li­en­le­ben erscheint ganz anders, wenn man es nicht nur als eine Sum­me von Ein­zel­per­so­nen ansieht, son­dern als eine sys­te­mi­sche Form der Wech­sel­sei­tig­keit. Und die Lösung von Arbeits­lo­sig­keit oder Staats­ver­schul­dung muss heu­te auch mit den poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Ver­stri­ckun­gen rech­nen, in denen all die­se Pro­ble­me behan­delt wer­den. Hütet Euch vor zu ein­fa­chen Kau­sa­li­tä­ten – sowohl bei der Beschrei­bung als auch bei der Lösung von Pro­ble­men. Das wäre der Rat. Und die­ser: Erhal­tet Euch Frei­heits­gra­de und Alter­na­ti­ven inner­halb der Sys­te­me, in denen Ihr etwas tut – pri­vat und beruf­lich. Man muss in funk­tio­na­len Äqui­va­len­ten den­ken ler­nen: Durch wel­che ande­re Lösung wäre das aktu­el­le Pro­blem auch lös­bar? Das hört sich abs­trakt an, ist es aber prak­tisch gar nicht.

Seit Luh­manns Sys­tem­theo­rie glaubt nie­mand mehr dar­an, dass sich sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dern las­sen. Trotz­dem wächst das Unbe­ha­gen gegen­über Sys­te­men, wie dem Wirt­schafts­sys­tem oder dem Staats­sys­tem. Mal uto­pisch gefragt: Kann es eine sys­tem­freie Zukunft geben?

Nein, es kann kei­ne sys­tem­freie Zukunft geben. Wie soll die aus­se­hen? Als gro­ßes Netz­werk ohne Sta­bi­li­tä­ten? Stel­len wir uns eine moder­ne Gesell­schaft ohne Wirt­schafts­sys­tem vor – sie könn­te eigent­lich nur Selbst­ver­sor­ger und Pro­duk­ti­on ohne Arbeits­tei­lung her­vor­brin­gen. Und sehen Sie sich Situa­tio­nen nach Staats­zer­fall an – dann fal­len die Leu­te über­ein­an­der her, es gibt kei­ne Struk­tu­ren, auf die man sich ver­las­sen kann, und all die Din­ge die uns selbst­ver­ständ­lich sind wie Rechts­si­cher­heit, Kran­ken­ver­sor­gung, Schutz vor Will­kür etc. wäre unmög­lich. Nein – die Sys­te­me, die Sie nen­nen sind funk­tio­nal not­wen­dig für eine moder­ne, kom­ple­xe Gesell­schaft, eben­so das Wis­sen­schafts­sys­tem, das Rechts­sys­tem, das Medi­en­sys­tem und nicht zuletzt das Sys­tem der Kran­ken­ver­sor­gung.

Es kommt eher dar­auf an, ob man die inter­nen Struk­tu­ren sol­cher Funk­ti­ons­sys­te­me und das Wech­sel­ver­hält­nis die­ser Sys­te­me intel­li­gen­ter orga­ni­sie­ren kann. Das ist mög­lich und geschieht per­ma­nent. In die­sem Sin­ne kön­nen auch Ein­zel­per­so­nen Sys­te­me ver­än­dern, oder bes­ser: Sys­te­me dazu brin­gen, nach den je eige­nen Regeln auf Impul­se zu reagie­ren und neue Struk­tu­ren zu schaf­fen. Genau das ist es, was wir Enga­ge­ment nen­nen. Wer sich davon frus­trie­ren lässt, dass die Din­ge kau­sal nicht so lau­fen, wie er sich das vor­her vor­ge­stellt hat, dem fehlt eine Idee für jene „List der Ver­nunft“, die man braucht, um Sys­te­me in eine Rich­tung zu bewe­gen. Das kyber­ne­ti­sche Stich­wort heißt: indi­rek­te Steue­rung. Das kennt doch jeder, der schon ein­mal sein gegen­über, eine Grup­pe, eine Orga­ni­sa­ti­on oder wen auch immer zu etwas brin­gen möch­te, wor­auf die­ses Gegen­über nicht selbst gekom­men wäre. Die kau­sa­le Bewir­kung durch direk­te For­de­rung oder durch Durch­set­zungs­macht ist sicher die am wenigs­ten intel­li­gen­te Lösung.