Finanz & Eleganz: Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt?

Gemäldeausstellungen für Blinde oder:

Versteht die Wissenschaft eigentlich den Finanzmarkt?

von Bernd Villhauer

Die Zeit der Auskenner scheint vorbei zu sein. Wurden früher die Einschätzungen von Professoren und Doktoren, die als „Experte für…“ von Fernsehsendern oder Zeitungen befragt wurden, ernst genommen, so wird ihrem Urteil mittlerweile mit Skepsis oder sogar Ablehnung begegnet. Und einige politische Bewegungen schreiben sich sogar bewusst den Protest gegen die klassischen Wissenseliten und die „Insider“ auf die Fahnen.
Zu viele falsche Prognosen, zu viel offensichtlich von subjektiven Meinungen gesteuertes Hintergrund“wissen“, zu viel Eitelkeit und Wichtigtuerei haben das Image der Bildungs- und Ausbildungseliten geschädigt. Aber auch wutbürgerlicher Stolz auf authentische Reflexionsverweigerung und ehrlicher Unverstand haben viel verändert. Besonders in den Debatten, die die Gemüter bewegen, an denen Herz und Verstand gleichermaßen beteiligt sind, nimmt der Anteil der „gesicherten Erkenntnisse“ und der anerkannten Wahrheiten eher ab. An der wichtigen Schnittstelle zwischen Fachdiskurs und breiterer Öffentlichkeit macht sich der Spaltpilz breit, der Ideologieverdacht, Auftragsforschung und „Lügenpresse“ zusammenbringt und selbstbewusst bekennt: „Ich glaube nur an die Statistik, die ich selbst gefälscht habe.“ Finanz & Eleganz: Wer versteht eigentlich noch den Finanzmarkt? weiterlesen

Finanzmarkfilme für den Winter (Teil 2) – von Bernd Villhauer

Wann kommt endlich das Sequel? oder Finanzmarktfilme für den Winter (Teil 2)

Oft müssen wir lange auf eine Fortsetzung warten. Einige von uns dürften bedauert haben, dass der letzte, der fünfte Teil von „Die Hard“ mit Bruce Willis sechs Jahre nach dem vorigen Teil erschien. Cineasten bekamen ihre Fortsetzung von „Chinatown“ erst nach 16 Jahren mit „The Two Jakes“, ebenso lange ließ der dritte Teil des Mafia-Epos „Der Pate“ auf sich warten. Und für unser Thema einschlägig: es lagen 23 Jahre zwischen „Wall Street“ und „Wall Street 2“ (bzw. „Wall Street: Money never sleeps“).
Mit diesem Fitzelchen nicht wirklicher relevanter Informationen beginne ich den ebenfalls lang erwarteten und vielfach eingeforderten zweiten Teil meines kleinen Überblicks zu den Filmen über Aktienmarkt und Börse. Finanzmarkfilme für den Winter (Teil 2) – von Bernd Villhauer weiterlesen

Schön schaurig wie im Kino oder Finanzmarktfilme für den Sommer (Teil 1)

Schön schaurig wie im Kino oder
Finanzmarktfilme für den Sommer (Teil 1)

Hitze! – gibt es in diesem Sommer nur tageweise, dann aber richtig. Wolkenbrüche wechseln sich mit Hitzewellen ab. Wenn dann wieder so ein heißer Tag kommt und man das Gefühl hat, durch Wände aufgewärmter Watte gehen zu müssen, dann bietet sich der Zufluchtsort Kino bzw. ein langsames Niedersinken auf das heimische Sofa vor dem Bildschirm an. Daran ist nichts Schlechtes.
Deshalb bietet „Finanz & Eleganz“ eine Auswahl der besten Börsenfilme in zwei Portionen. Ich konzentriere mich dabei auf „fiction“, also solche Streifen, die nicht eindeutig als Dokumentarfilme auftreten. Schön schaurig wie im Kino oder Finanzmarktfilme für den Sommer (Teil 1) weiterlesen

Auf lange Sicht sind wir alle pleite (oder tot? oder beides?)

Auf lange Sicht sind wir alle pleite (oder tot? oder beides?)

Schade eigentlich, dass wir nicht in einer Welt der Augenblicksaufnahmen leben. Eine schöne Geste im passenden Bildausschnitt, eine gelungene Detailaufnahme, ein gutes Take im richtigen Moment… Die Stilleben-Welt hätte etwas Übersichtliches und Beruhigendes. Leider jedoch vergeht unausweichlich Zeit und die Abläufe verschmieren alles. In kürzerer oder längerer Zeit drohen Konsequenzen: „aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe…“ mahnt schon Wilhelm Busch.
John Maynard Keynes hat einmal auf Einwände, die die langfristigen Folgen der von ihm vorgeschlagenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen anmahnten, geantwortet: „Auf lange Frist sind wir alle tot“. Aber wie lange ist diese Frist? Welchen Anlagehorizont und welche zeitliche Perspektive haben wir? Daran entscheidet sich, ob wir auf ein Wellental blicken oder an einem Gipfel empor. Wann ziehe ich den Schlussstrich und mache die Abrechnung? Auf lange Sicht sind wir alle pleite (oder tot? oder beides?) weiterlesen

Nick, Nora und die Dividenden oder: Finanzethisches Lob der guten Schmarotzer

Nick, Nora und die Dividenden oder
Finanzethisches Lob der guten Schmarotzer

Wer einmal ein unterhaltsames Ökonomie-Buch der Vergangenheit lesen möchte, der sollte zu Thorstein Veblens „Theory of the Leisure Class“ (deutsch: Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen) greifen. In diesem Werk werden die Privilegierten behandelt, die sich nicht mit dem täglichen Broterwerb herumschlagen müssen, sondern ihre Zeit den feineren Dingen des Lebens widmen. Veblen zeigt schön, wie demonstrativer und symbolischer Konsum Status sichert, manchmal sogar unmittelbar ökonomische Vorteile bringt. Er trägt damit zu einem tieferen institutionenökonomischen Verständnis des Wirtschaftens bei, aber auch zu einer Theorie des sozialen und kulturellen Kapitals, die dann später bei Pierre Bourdieu (“Die feinen Unterschiede“) fortgeführt wird. Seine Beschreibung ist oft sarkastisch und beleuchtet die Abgrenzungsmechanismen durchaus im Sinne einer Kritik der Gesellschaft.

Und doch: er bewundert diese Schicht der „happy few“ auch. Und das nicht nur weil er selbst meist arm war. Veblen weist darauf hin, wie viel kreatives Potenzial, künstlerische Energie und intellektuelle Brillianz es nicht gäbe, wenn nicht einige reich geboren würden und sich nach gängiger Auffassung ungewöhnlich nutzlosen Dingen hingeben könnten. Und so nutzlos ist die „leisure class“ ja doch nicht. Mancher tut viel Gutes mit dem Geld oder der Lebenszeit, die es ihm kauft. Nick, Nora und die Dividenden oder: Finanzethisches Lob der guten Schmarotzer weiterlesen

Blut in den Straßen oder: Wie beeinflusst der Terror den Aktienmarkt

Blut in den Straßen
Oder: Wie beeinflusst der Terror den Aktienmarkt

 

Im „New Yorker“ erschien vor einigen Jahren ein Cartoon, der eine Dinnerparty zeigt. Am Kamin stehen zwei Herren im Gespräch. Der eine trägt einen Bombengürtel, der andere (im Smoking und mit Sektglas in der Hand) sagt zu ihm: „Ach, Sie sind Selbstmordattentäter? Wie interessant! Aber sagen Sie – kann man denn davon leben?“

Hier beruht der Witz darauf, dass zwei fundamental verschiedene Welten aufeinandertreffen – Geschäft und Gewalt.

Wie verändert die Gewalt das Geschäft? Und – lassen sich die beiden überhaupt so deutlich voneinander trennen?

Auch Anleger und Investoren leben in der Gegenwart des Terrors. Der Schrecken sitzt immer mit am Tisch; er ist überall anwesend, wie ein Schatten, der auf allem liegt. Und es sieht danach aus, als hätten wir bisher nur die ersten Anfänge der zukünftigen Kriege gesehen.

Daher wird es notwendig, sich einmal grundsätzlich zu fragen, wie der Terror auf die Märkte, auf die Investmenthorizonte und die Anlagestrategien wirkt. Vor allem sollten wir die Auswirkungen von vorausschauenden Investments auf die Terrorismusbedrohung im Auge behalten. Blut in den Straßen oder: Wie beeinflusst der Terror den Aktienmarkt weiterlesen

Meine Grafik lügt mich an oder: Die Gefahren der Visualisierung

Meine Grafik lügt mich an oder:
Die Gefahren der Visualisierung

Grafiken sind etwas Schönes. Ja mehr noch. Wer kennt nicht das Gefühl der Erleichterung, wenn man zwischen Zahlenkolonnen und Bleiwüsten plötzlich ein Bild entdeckt, das einen verstehen hilft, worum es bei den ganzen Zahlen geht. Als Menschen sind wir eben auch visuelle Wesen und wenn ein komplexer Sachverhalt sich in ein Bild verwandelt, dann spricht uns das an. Und nicht zuletzt fordern die Grafiken unsere Imagination, unsere Fantasie und Kreativität heraus. Ein Bild treibt das nächste hervor – unsere Lust, die Probleme von allen Seiten anzusehen, wächst…
Gerade im Finanzbereich benötigen wir grafische Darstellungen. Die mathematischen Modelle und Formeln werden besonders von Normalsterblichen dringend gebraucht, die sich nicht vor dem Frühstück mit Quantengleichungen und während des Fernsehens mit mehrdimensionalen Funktionen beschäftigen.
Die Vorteile liegen auf der Hand. Schauen wir also ein bisschen die Nachteile an. Meine Grafik lügt mich an oder: Die Gefahren der Visualisierung weiterlesen

Die Nase von John Pierpont Morgan oder: Wie erfühlen wir Finanzmärkte?

Die Nase von John Pierpont Morgan
oder: Wie erfühlen wir Finanzmärkte?

J.P. Morgan (1837-1913) war einer der bedeutendsten Bankiers des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Nicht nur als Gründer des gleichnamigen Bankhauses, das bis heute zu den wichtigsten Finanzinstitutionen der Welt gehört, sondern auch als Mitgestalter und Ideengeber für die industrielle Gründerzeit der USA.

Seine Reorganisation der Eisenbahnbranche, die Schaffung des Trusts US Steel (zu der Zeit die größte Aktiengesellschaft weltweit) sowie die Anschubfinanzierungen für die entstehende Autoindustrie zeigen, dass er die Grundlagen für das schuf, was später die industrielle Basis Amerikas wurde.

Morgan war ein hässlicher Mann. Er war zwar von eindrucksvoller Statur, hatte dunkle Augen, deren Blitzen berühmt war und strahlte eine aggressive Intelligenz aus, der sich viele Zeitgenossen nicht gewachsen sahen. Aber er hatte auch ein Problem: seine Nase. Die Nase von John Pierpont Morgan oder: Wie erfühlen wir Finanzmärkte? weiterlesen

Macht die Börse böse? oder Ein gutes Buch zum Finanzmarkt in Fragen und Antworten (2. Teil)

Macht die Börse böse? oder
Ein gutes Buch zum Finanzmarkt in Fragen und Antworten (2. Teil)

Schon der erste Teil meines Gesprächs mit dem philosophischen Autor und Börsenexperten Sven Grzebeta hat mir viele Reaktionen eingetragen: Ist das nicht ein zu naiver Blick auf die Börse? Geht das Gespräch nicht von Voraussetzungen aus, die gar nicht mehr existieren – zum Beispiel der, dass hier vor allem Privatanleger ihren Sparpfennig an Firmen ausleihen? Müssten nicht die automatisierten Handelssysteme und institutionellen Anleger stärker berücksichtigt werden?
Gemach, gemach… Das ist alles richtig, aber dennoch sollten wir bestimmte Grundregeln der Börse zunächst einmal verstehen und phänomenologisch gut beschreiben, bevor wir zur Kritik ansetzen. Gerade die scheinbar schlichte Sicht auf die Börse zeigt die Fragwürdigkeiten auf, die wir heute schon als Normalfall akzeptieren. Wie können wir diese beschreiben? Darum soll es nun auch gehen: Wie nähern wir uns der Börse, was ist an ihr verständlich und kommunizierbar? Macht die Börse böse? oder Ein gutes Buch zum Finanzmarkt in Fragen und Antworten (2. Teil) weiterlesen

Die Schönheit der Allokation oder ein gutes Buch zur Börse in Fragen und Antworten (1. Teil)

Die Schönheit der Allokation oder
Ein gutes Buch zur Börse in Fragen und Antworten (1. Teil)

Dieser Blog soll kein Literaturbericht werden, aber wenn mir ein lesenswertes Buch oder ein kluger Aufsatz unterkommt, dann teile ich das natürlich mit. Insbesondere wenn das Werk über elegante Finanzen berichtet. Dies tut, in vielfältiger und kompetenter Form „Ethik und Ästhetik der Börse“ von Dr. Sven Grzebeta (erschienen 2014 bei Wilhelm Fink in München). Der Autor verfügt über theoretisches und praktisches Wissen zu Börsenfragen und er bietet mit seinem Buch mindestens dreierlei:

  • – eine Übersicht zu den philosophischen und ethischen Annäherungen an das Phänomen Börse,
  • – eine nachvollziehbare Beschreibung der Börse als Ergebnis von „Gemeinschaftshandeln“,
  • – eine Verbindung von ästhetischen und ethischen Argumenten zur Börsenproblematik.

Wie immer beim ersten Lesen eines komplexen Buches bleibt das Gefühl zurück, nur ca. 30 % des Geschriebenen auch wirklich ganz verstanden zu haben. Um diesen Prozentsatz auf wenigstens 50% zu erhöhen, habe ich Dr. Grzebeta einige Fragen gestellt: Die Schönheit der Allokation oder ein gutes Buch zur Börse in Fragen und Antworten (1. Teil) weiterlesen